Josef Švejk

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JAROSLAV HAŠEK IN DER UKRAINE 1917-18 UND IM FRÜHJAHR 1919

Von Kontextuntersuchungen zum Roman Abenteuer des braven Anarchisten Jaroslav Hašek im Reich der Zaren und Kommissare

Ein Erfahrungsbericht

Pavel Gan (Göttingen)

About the web version

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The end result of Dr.Gan's studies

Dr. Pavel Gan (Universität Götttingen) has published a number of contextual studies on Jaroslav Hašek, concentrating on the famous author's life from 1915 to 1920 when he was drawn into both WW1 and the Russian civil war. Gan's principal assertion is that research on the latter theme until 1990 to a degree was made difficult by politically dictated taboos.

This document covers Hašek's stay in the Ukraine in 1917 and 1918, as well as an alleged return to the Ukraine in 1919. The study sheds light on Hašek's perilous existence from the October Revolution onwards. He was literally falling between all chairs when first his Czechoslovak Army was withdrawn from the fight against the Central Powers, and instead ordered to France via Siberia. Then the Brest-Litovsk treaty between Germany and the new Bolshevik government further undermined any ambitions to continue the war against the Central Powers from Russian soil. It is therefore logical that Hašek from February to October 1918 would have aligned himself with groups in Russia who opposed the peace treaty: mainly anarchists and social-revolutionaries. The pre-1990 literature takes another view: that he already in early 1918 became a Bolshevik.

Gan's studies form the background material for his novel Osudy humoristy Jaroslava Haška v říši carů a komisařů, Atlantis, Brno, 2003. Extracts from his book (from the German-language draft) are included in this document.

Points of discussion are marked thus and detailed in footnotes provided by the publisher of this web page (labelled a-z).

I would also like to extend my gratitude to Pavel Gan for approving the web version of this document.

Jomar Hønsi, 2012.

Einleitung

Wegen des Todes des enttäuschten Anarchisten und sozialen Weltrevolutionärs Jaroslav Hašek enden die Anfang März 1921 in Prag angekündigten Osudy dobrého vojáka Švejka za světové i občanské války zde i v Rusku [1] nur mit dem Aufmarsch seines k.u.k. 91. Prager Infanterieregiments an die österreichisch-rußländische Grenze am Fluß Bug vor Sokal. Der Schwerpunkt aller Abenteuer um Hašek alias Švejk im Weltkrieg und in der Weltrevolution sollte jedoch jetzt -in den Zeiten sich öffnender Archive in Mitteleuropa, in der Ukraine, in Rußland sowie in der Mongolei - zu Ehren Hašeks und zur Wahrheitsfindung jenseits des Flusses Bug, also auf seinem Weg nach Asien gesucht werden[2].

Angesichts der Tabus und Lücken in Hašeks Biographie und Biobliographie empfahl Sergio Corduas[3] in seinem Vortrag in Brno/Brünn 1976 den Hašek-Švejk-Forschern, sich vor allem auf die Persönlichkeit Hašeks zu konzentrieren:

        Jaroslav Hašek je velký mýtus. Vstoupit do mýtu, hledat fakta a vystřihnout 
        (Gan: postihnout?) profil je těžké... [...]

        Jsem přesvědčen, že Haškova velikost může vyplynout pouze z pozorného 
        zkoumání jeho života a z vážné literární analýzy jeho díla, aby se teprve 
        potom došlo zpět k mýtu.
		
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Kiev-Vul. Kreščatyk

Der tschechische Schriftsteller František Langer als Freund und einer der besten Kenner von Hašek in Böhmen und in Rußland meinte zum Mythos Hašek: „Haškův život [...] lze považovat za větší humoristické dílo než jeho tvorbu.“[4] Der russische Bohemist Sergej Nikol’skij äußerte aufgrund seiner Erkenntnisse zur Hašek-Forschung die Meinung: „Takže v zásadě není vyloučeno napsat i humoristické literárněvědné dílo.[5]

Um solch ein humoristisches literaturwissenschaftliches Werk habe ich mich - nach dem Internationalen Hašek-Symposium in Bamberg zu Hašeks 100. Geburtstag im Jahre 1983 - in der Kontextuntersuchung Jaroslav Hašek als Rotarmist an der Wolga 1918 (Überlegungen zu Hoffnungen, Enttäuschungen und Švejkiaden inmitten der Russischen Revolution)[6] bemüht. Ich kam Mitte der 80er Jahre zu der Erkenntnis - trotz der streng gehüteten Tabus in der östlichen Geschichtsforschung daß sich der schelmische Rotarmist Hašek vom Frühjahr bis zum Herbst 1918 vor allem mit den Zielen der linken Sozial-Revolutionäre (Maximalisten) und der Anarchisten identifiziert hatte. Diese linke Opposition hat unter dem Banner der „Dritten Revolution“ - sogar mit Waffen in der Hand, wie im März 1918 in der Ukraine, beim Ratifizieren des Brest-Litovsker Vertrages Mitte März 1918 in Moskau und darauf im Mai 1918 im Samara-Aufstand der Anarchisten und Maximalisten - gegen die Einparteidiktatur der Bolschewiken und für eine Demokratie in den Sowjets sowie für eine soziale Weltrevolution gekämpft.

All die Konfliktsituationen mitten in der Revolution im europäischen Rußland 1918, in die der schelmische k.u.k. Anarchist Jaroslav Hašek im Kampf gegen das „Komisaroderžavie“ der Bolschewiken um Lenin und Trockij geraten war, brachten mich auf die Idee, nicht Hašeks Osudy dobrého vojáka Švejka za světové i občanské války zde i v Rusku als Schelmen-Roman fortzusetzen, mit Josef Švejk in der Hauptrolle[7], sondern mit Hašek als der Inkarnation des Švejk.[8]

Vor dem Verfassen der gesamten Abenteuer Hašeks in Rußland von 1915-1920 war es vor allem erforderlich, die wichtigsten Ereignisse und Personen um ihn herum bis hinter den Bajkal 1920 zu erfassen, wie ich es in der Kontextuntersuchung und Bibliographie zu Jaroslav Hašek als Rotarmist an der Wolga 1918 und zu „Who was Who“ in der Studie über Hašeks chinesischen Freund Chén Chang-Häi alias Vanja Čang[9] getan habe.

Beim Verfassen des deutschen Textes Abenteuer des braven Soldaten Hašek im Weltkrieg und in der Weltrevolution. Buch I: Das große Erwachen[10] habe ich dort angefangen, wo Hašeks Osudy dobrého Švejka za světové války... geographisch endeten: vor der österreichisch-rußländischen Grenze am Fluß Bug vor Sokal'[11].

Das faktographische Material, das die realen Handlungsorte, Zeitabschnitte und Personen um Hašek erfaßte, und die daraus sich ergebende Notwendigkeit, die für einen Roman eiforderlichen Konfliktsituationen bis zu Dialogen zu fabulieren, ergaben folgende Chronologie der Kapitel um Hašek im europäischen Rußland (im Anschluß an seinen in Žovtanci[12] zwischen Lemberg und dem Bug abgebrochenen Švejk):

I. Auf der Flucht aus dem Kaiserreich
    1. An der russische Grenze vor Sokal ... 6
    2. In russische genfangenschaft und wieder zurück ... 14
    3. Bei Anna Amerykanka (im Wolhynischen Sumpf) ... 22
    4. Die Erlösung ... 33

II. Das Erwachen im Zarenreich
    5. Am ersten Tag im Zarenreich ... 50
    6. Die Schlamastik in Zdolbuniv ... 59
    7. Die Überraschung in Kiev ... 68
    8. Unterwegs in den Ural ... 75
    9. Das Frühlingserwachen am Samara-Fluss ... 89
    10. Die Kriegserklärung ... 97
    11. Die Verschwörung der "Schwarzen hand" ... 107

III. Mitten in der ukrainische Demokratisierung
    12. Das Eingreifen des Anarchisten Hašek in die Großse Revolution ... 116
    13. An der russischen Front ohne die russische Front ... 128
    14. Zum Terroranschlag auf Schönbrunn! ... 150

IV. Das große Erwachen
    15. Der rote Sturm auf Kiev ... 171
    16. Der schlaue ukrainische Rückzug ... 185
    17. Zur Revolte nach Moskau ... 195
    18. Das frühlingserwachen an der Volga ... 210
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Hotel Praha

Von den 18 Kapiteln des Textes (1989) erfassen nur vier Hašeks Odysseen außerhalb der Ukraine (Kap. 8 und 9 seine Reise an die Volga, das Überleben im Kriegsgefangenenlager Tockoe am Fluß Samara im Winter 1915/16 und den Antritt in die russisch-orthodoxe Kirche und das 1. Tschecho-slovakische orthodoxe Hl. Wenzeslaus-Bataillon; Kap. 17 den Aufmarsch der Matrosen- u. Anachisteneinheiten aus der Ukraine und vom Baltikum nach Moskau Mitte März 1918 zum Vereiteln des Brest-Litovsker Friedensvertrages; Kap. 18 den Aufstand der Anarchisten und der linken Sozial-Revolutionäre/Maximalisten gegen die Bolscheviken in Samara im Mai 1918).

Die Quellen zu Hašeks Švejkiaden beim k.u.k. 91. Prager Infanterieregiment in Galizien und zu seinem Einsatz als Werbemissär, Frontsoldat und „Anarcho-Stratege“ der tschecho-slovakischen Legion, Redakteur des Kiever Čechoslovan und Autor des in Kiev 1917 herausgegebenen Dobrý voják Švejk v zajetí ermöglichten mir schon Ende der 80er Jahre das Verfassen eines realitätstreueren Roman-Mythos über den alten k.u.k. Anarchisten Hašek in der Ukraine und seinen Aufmarsch in die Revolution der sozial-revolutionären Maximalisten und Anarchisten in Sowjetrußland 1918.[13]

1. Hašek als Anarcho-Stratege der tschecho-slovakischen Legion in der Ukraine 1917

Anhand des 14. Kapitels und des in den Erzählertext integrierten Statut der tschecho-slovakischen terroristischen Gruppen sei gezeigt, wie sich Hašek Mitte November 1917 - nachdem in Petersburg der „Agent des deutschen Generalstabes“ Lenin an die Macht gekommen war und mit den Deutschen und Österreichern Friedensverhandlungen eingeleitet hatte - als der „Anarcho-Stratege“ der tschechoslovakischen Legion in der Ukraine präsentierte[14].

Zum Terroranschlag auf Schönbrunn

Mitte November 1917, unmittelbar nach dem Oktoberumsturz im Norden und der Ausrufung der autonomen Ukrainischen Volksrepublik im Süden, verließen das wolhynischce Hauptquartier in Richtung Kiev drei Mitglieder der tschechoslovakischen Geheimorganisation „Schwarze Hand': Es waren Josef Švec, Bataillonskommandant und Held von Zborov, Jaroslav Hašek, Redakteur und zum Sekretär des Brigadekomitees.

Auf dem von gelb-blauen ukrainischen Panzerautomobilen umstellten Kiever Bahnhof Passažyrskyj erwarteten die Frontkameraden, bei strahlender Herbstsonne, ein Zivilist und ein Offizier. Der Zivilist, ein nobler Mann im dunklen Mantel, mit einem weißen Seidenschal um den Hals und einem breiten schwarzen Hut auf dem Kopf, war der erste Kommissar der tschecho-slovakischen Legion Louis Tuček, vor dem Weltkrieg Vertreter der Prager Automobilfabrik Laurin & Kliment im Zarenreich. Der etwas kleinere Mann in einem überlangen russischen Offiziersmantel und mit der rotweißen Schleife des Hussiten-Heeres auf der Brust war der ehemalige Volksschullehrer, symbolistische Dichter und Frontaufklärer Rudolf Medek, jetzt Nachrichtenoffizier beim Oberkommandierenden der Legion, Professor Masaryk.

Nazdar! - fielen sich die fünf Gründungsmitglieder der tschecho-slowakischcn „Schwarzen Hand“ in die Arme, umringt von überglücklichen Ukrainern, die glaubten, das Erbe der Russischen Demokratischen Revolution gerettet zu haben. Sie ließen am hellblauen Himmel einen ihrer gelb-blauen Doppeldecker in Sturzflügen und Loopings herumheulen: Er sollte den heiligen Hügeln von Kiev und dem mächtigen Dnepr verkünden, wer sich hier in ein paar Tagen gegen Kerenskijs Großrussen und Lenins Bolschewiken durchgesetzt hatte. Und sich in der Presse folgende Schlagzeilen erlauben konnte:

WINTERPALAST NOCH IMMER VON SÄUFERN BESETZT: ORGIEN IN DEN WEINKELLERN DES ZAREN!
LENIN ERSTER PRÄSIDENT: ABSTIMMUNGSPROTOKOLL FEHLT!?
KERENSKIJ MIT TRUPPEN VOR PETERSBURG: VOM SOZIALREVOLUTIONÄR OBERST MURAVEV BESIEGT!
TROCKIJ BLAMIERT, MURAVEV GEFEUERT![15] PARISER KOMMUNE ADIEU: PROLETARIER KNUTSCHT MIT KAISER WILHELM UND KARL!
			

Vom Bahnhof Passažyrskij fuhr Louis Tuček die Brüder in seiner Limousine, einem der letzten Vorführwagen von Laurin ∧ Kliment, quer durch die von Ukrainern patrouillierten Boulevards der Altstadt. [...] - Und nun glückauf, Brüder, zu unserer direkten Aktion! - beendete das Abschiedsmahl der alte brave k.u.k. Anarchist Hašek, mit einem frisch entworfenen Statut der tschechoslovakischen terroristischen Gruppen in der Tasche. Wofür er in den letzten Tagen die Geschichte des Anarchismus und Terrorismus bis zu den Geheimorganisationen von Bakunin und der „Schwarzen Hand“ der Serben studiert hatte.

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Tomáš G. Masaryk

An jenem Abend kam Professor Masaryk in die Redaktion der Cecho-Slaven, ins Hotel Praha in der Altstadt, zu Fuß. Den Pelzkragen seines dunklen Diplomatcnmantels hatte er hochgeschlagen und den verschneiten breiten Hut über den Kneifer heruntergezogen, so daß man darunter von seinem Gesicht nur den graumelierten Stutzbart sehen konnte. Ihm folgte sein Koch und Leibwächter Hrůza, mit zwei Colts und zwei englischen Bomben unter dem Soldatenmantel, wie es die Brüder vom Oberkommando der Legion seit dem Putsch im Oktober in Petersburg angeordnet hatten.

- Nazdar, Brüder! -

Professor Masaryk reichte jedem die Hand. Man nahm ihm den verschneiten Hut ab, einen breiten dunklen Hut, wie ihn die sozialistischen Redakteure und Volkstribuncn in Europa trugen. Masaryk blieb im Mantel am Redationstisch sitzen, als ob er nicht lange bleiben wolle. Vielleicht hatte er, der Realist, sich seine eigene Meinung zu dem „Unternehmen Schönbrunn“ gebildet, denn Rudolf Medek hatte ihm schon bei der Truppe in Wolhynien die unerschrockenen Helden von Zborov und Strategen Josef Švec und Jaroslav Hašek vorgestellt.

Rudolf Medek mußte also die sich zugunsten der Deutschen und Österreicher veränderte Lage nicht lange schildern. Allen Anwesenden war klar, daß Lenin sich an die geheimen Abmachungen mit dem deutschen Generalstab getreu halten und an der ganzen russischen Front Frieden schließen werde. Die ersten frei gewordenen reichsdeutschen Divisionen rollten schon von Galizien, Wolhynien und vom Baltikum zum Endsturm auf Paris. Und zum strategischen Sieg im Weltkrieg!? Was Medek so beunruhigte, daß er vor Aufregung schielte und unbeeindruckt von der Nähe des Diplomaten Masaryk an den Nägeln nagte.

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Josef Švec

Josef Švec präsentierte daraufhin, mit mährischem Temperament, seinen Plan zur Zerschlagung der Habsburger Monarchie: Die etwa 50 000 Mann zählende tschecho-slovakische Legion, die beste Militäreinheit in Rußland, würde umgehend an die rumänische Front hinter die Karpaten verlegt. Die wegen Lenins Friedenscoups aufgebrachten Divisionen der Jugo-Slaven in Poltava, Kiev und Odessa würden sich den Tschecho-Slovaken anschließen und mit ihnen eine ‘Revolutionäre Armee’ in einer Starke von etwa 100 000 Mann bilden. Unter dem Kommando von Professor Masaryk, von Aufständischen, alles Slaven der k.u.k. Monarchie, begleitet, sollte diese Armee mit einer überraschenden Offensive von der Donau her bis in den Wienerwald und die umliegenden Weinberge Vordringen. Die etwa 1 Million in Wien lebenden Tschechen, Mähren, Schlonzaken, Slovaken, Serben, Montenegriner, Slovenen, Bosniaken und Kroaten würden sofort in der Kriegsmisere und Kälte -wie die hungrigen Frauen und Arbeiter Ende Februar 1917 in Petersburg - aus allen Bezirken zum Gürtel und zum noblen Ring ziehen, die Wiener Hofburg, das Parlament und Schönbrunn umzingeln und somit alle Zufahrtsstraßen für kaisertreue Truppen und Gendarmerie blockieren. Und dem jungen Kaiser Karl würde mit seiner Dynastie nichts übrig bleiben, ähnlich wie dem Zaren Nikolaj in Rußland, als abzudanken.

Masaryk hörte sich den Plan von Josef Švec mit gütigem Lächeln an, rieb sich dabei mit Vergnügen seinen graumelierten Stutzbart und putzte mit einem großen, frischgebügelten Taschentuch mehrmals seinen Kneifer... Vielleicht sehnte er sich auch, der sich als Soziologe immer an Fakten halten mußte, nach etwas Unerwartetem wie einem Durchbruch bis in seine südmährischc Heimat: sein Vater war Kutscher auf dem Gut des jungen Thronfolgers Karl in Hodonin. Manchmal mußte er den jungen Prinzen, als bürgerlicher Herr verkleidet und mit einer Perücke auf dem Kopf, von Heurigen zu Heurigen kutschieren und ihn im Morgengrauen stockbesoffen aus der Tiefe der südmährischen Weinkeller in die Kutsche und zurück nach Hodonín befördern.

Masaryk setzte sich den Kneifer wieder auf die Nase und sagte zu den Brüdern: - Sehr schön, sehr schön... Aber wer soll unsere hunderttausend Mann in Rumänien ernähren? Wenn die Ukrainer demnächst mit allen Nachbarn einen separaten Frieden schließen und jeder Nachschub für Rumänien ausbleibt? Ich war dort, ich hab es mit eigenen Augen gesehen, den Hunger in Rumänien, und noch dazu im Winter. Und ihr seid ja als revolutionäre Armee, wie ich sehe, bei bestem Appetit? Laßt uns also, vor dem Endsturm, lieber die französische Küche genießen. An der Front in der Champagne... -

Damit schien der Karpatenfeldzug von Švec zum Erliegen gekommen zu sein.

- Aber was machen wir, Brüder, wenn gegen unseren Willen ein separater Frieden mit Kaiser Karl zustande käme? - lautete die nächste Schicksalsfrage.

Und da schob der alte brave k.u.k. Anarchist Hašek seine Švejksche Pfeife zur Seite und legte dem Demokraten und Realisten Masaryk folgendes Papier der „Schwarzen Hand“ auf den Tisch:

Statut der tschecho-slovakischen terroristischen Gruppen

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Rudolf Medek

1.

Falls die Österreichisch-Ungarische Monarchie - gegen unseren Willen und trotz unseres Kampfes - erhalten bleiben sollte, müssen wir unsere Strategie und Taktik ändern.

2.

Für den Fall, daß die Österreichisch-Ungarische Monarchie bestehen bleibt, werden alle tschecho-slovakischen Einheiten in Rußland, Frankreich, Italien, Serbien, Amerika, Kanada und Großbritannien aufgelöst. Ihre Angehörigen werden jedoch in jedem Land unserer Geheimorganisation beilrelen, deren oberstes Gremium der Nationalrat mit Prof. Masaryk an der Spitze darstellt. Jedes Mitglied leistet dieser Führung einen Eid (siehe 7).

Jedes Mitglied soll dabei einer regulären Arbeit nachgehen, im iMnde die Staatsbürgerschaft erwerben und der Organisation Steuern ab führen (eine Tabelle zur Abgabe der progressiven Steuer wird als Anlage nachgeliefert).

3.

Die Organisation wird im jedem Land von einem dreiköpfigen Direktorium geleitet. Gegen die Befehle und Anweisungen dieses Direktoriums gibt es keinen Widerspruch. Die Nichtausführung der Befehle wird mit dem Tod bestraft.

Das Landesdirektorium bestimmt, je nach den spezifischen Bedingungen im Lande, die Art und Weise, wie die Mitglieder der einzelnen Gruppen in Kontakt bleiben sollen. Die Befehle des Landesdirektoriums sind chiffriert. Die Direktoren sind den Mitgliedern bekannt.

4.

Zur Aufrechterhaltung der Kontakte untereinander erhält jedes in die Organisation aufgenomme Mitglied ein Verzeichnis der anderen Mitglieder mit ihren Adressen. Die Anrede mit „Bruder“ bleibt, wie auch der Gruß „Nazdar!“ Dazu fügt man: „Vergiß nicht!“ Der Angesprochene antwortet: „Nazdar! Ich hab geschworen!“

Das einzige und höchste Ziel jedes Mitglieds ist die Vernichtung der Österreichisch-Ungarischen Monarchie. Das Landesdirektorium erteilt nur die wichtigsten Befehle. Jedes Mitglied muß sonst auf eigene Faust und mit vollem Einsatz agieren. Die betreffen hauptsächlich Kontakte mit der Heimat, wo man den revolutionären Geist im Volke aufrechterhalten muß, um Aufruhr und antidynastische und staatsfeindliche Aktionen in Gang zu setzen.

Um dabei vollen Einsatz zu erreichen, müssen alle ledigen Mitglieder der Organisation auf Heirat und die Verheirateten auf Familienleben verzichten. Wer sich dieser Regel widersetzt, wird als Verräter bestraft.

5.

Merkmale der terroristischen Tätigkeit

Diejenigen Mitglieder der Organisation, die mit einer speziellen Aufgabe beauftragt wurden, verpflichten sich, ab und zu nach Österreich-Ungarn zu reisen und dort entweder „Direkte Aktionen“ zu organisieren oder selbst durchzuführen, um dem feindlichen Reich allerlei Schäden zuzujugen:

6.

Um diese heilige Sache nicht zu gefährden, verpflichtet sich jedes Mitglied der Organisation außerdem zu totaler Abstinenz. Womit die Erziehung zu innerer Disziplin und starkem Willen für jedes Mitglied und somit für die ganze Organisation gewährleistet wäre.

7.

Der Eid lautet;

Im Andenken an die gefallenen Brüder und das hundertjährige Leiden des tschecho-slovakischen Volkes, im Bewußtsein dessen, dají ich derjenige bin, von dem alles abhängt, schwöre ich und verpflichte ich mich, ehrlich und immer jeden Befehl durchzuführen und alles auf mich zu nehmen, was mir auferlegt wird.

Ich bin mir dessen bewußt und damit einverstanden, daß man mich nicht schont. Und sollte ich unsere Sache verraten, möge man mich erschießen.

Jaroslav Hašek in Kiev, im November 1917

Nachdem Professor Masaryk wieder zu Fuß in sein Hotel France am Kreščatyk zurückgekehrt war und dort den sich in Kiev befindlichen westlichen Diplomaten den Vorschlag machte, die tschecho-slovakische Legion zu einer Art französischen Fremdenlegion zu erklären und sie an die Front in der Champagne zu verlegen, überfiel Hašek in der Stammkneipe „Zur Böhmischcn Krone“ eine grenzenlose Melancholie. Und die Sehnsucht, nicht ständig von einem Oberkommando zum anderen, fern von der Heimat, hin und her geschubst zu werden. Dann lieber schon in Kiev von Kneipe zu Kneipe bummeln! Und beim Kiever Pilsener gemeinsam von einem Donau-Feldzug an die Adria und nach Böhmen zu träumen... Von der Altstadt ging man dann gewöhnlich ins Restaurant Praha am Vladimirskyj-Boulevard, wo sich der Kiever Grammophonkönig und Bankier Jindřišek[16], früher Handwerker, mit frivolen Damen amüsierte, allzeit bereit, sein halbes Vermögen in einen Feldzug an die Donau und in Hašeks Sturm auf Schönbrunn zu investieren, um mit dem Rest des Kapitals, auf den Trümmern der k.u.k. Monarchie, den amerikanischen Tschechen zuvorzukommen, in Prag Hašeks Bank Slavia zu erobern. Und von da aus - mit Krediten, Grammophonen und Schall platten seiner Kiever Firma EXTRAPHON - ganz Eurasien zu überfluten.[...]

Gegen Morgen machte man noch kurz halt am Jüdischen Basar, wo es zu jeder Tageszeit gebratenen Kukuruz und Maisfladen gab. Dort traf man die in der Ukraine gefangenen Serben, Kroaten, Montenegriner, Slovenen, Griechen, Bulgaren, Rumänen, Polen und Tschecho-Slovaken. Und mit ihnen immer mehr chinesische Arbeiter, die man an ihren blauen Jacken und glattrasierten Schädeln mit Zöpfen im Nacken erkennen konnte. Sie waren wegen Lenins und Trockijs Waffenstillstand an der russischen Front erwerbslos geworden und hofften, in der Kiever Metropole Arbeit zu finden. Gegen gebratenen Kukuruz oder Maisfladen waren sie bereit, die neuesten Geschichten von der russisch-deutschen Verbrüderung an der Front in Galizien und Wolhynien zu erzählen. Aber auch von der Panmongolischen Revolution jenseits des Bajkal, wo man die vor kurzem entdeckten Banner des Dschingis-Khan mit bebenden, bei lebendigem Leibe herausgeschnittenen Herzen der Chinesen schmückte.

Aufregende Zeiten standen allen bevor...

Ohne dieses Kapitel aus dem Leben des braven k.u.k. Anarchisten Hašek würde man seine Umkehr zum bewaffneten Anarchismus-Terrorismus in Rußland im Winter 1917-1918 und auch seine Bejahung des Attentats in Sarajevo im 1. Kap. seiner Švejk-Abenteuer (1921) Zasáhnutí vojáka Švejka äo světové války kaum verstehen. Und auch nicht Hašek als den großen Strategen, wie er sich dazu in dem Vorwort zu seinem Švejk, geschrieben am 3. März 1921[17], bekennt:

    Veliká doba žádá velké lidi. Jsou nepoznaní hrdinové, skromní, bez slávy a historie Napoleona. 
    Rozbor jejich povahy zastínil by i slávu Alexandra Makedonského.

Hašek mitten in der ihn überwältigenden Revolution in Eurasien - als Stratege mit Phantasie und dem Mut eines Napoleon oder Alexander des Große? Diese Überlegung führte dazu, anhand des faktographischen Materials[18] im 14. Kap. auf einen von Hašek im Januar 1918 geplanten Asienfeldzug einzugehen:

Eine Wende im Weltkrieg? Während der linke Sozialrevolutionär Oberst Muravëv in seinem Pulman-Salon-Waggon irgendwo bei Poltawa den Sozialisten Masaryk hofierte, führte der Stratege Hašek in der Kiever Altstadt seinen epochalen Rückzug aus der Ukraine vor:

Weltrevolution ante portas? Kiev adieu?
EINE GROSSE ASIENREISE auf den Spuren von Alexander dem Großen nach Mazedonien
und der Aufmarsch
eines großen slavisch-asiatischen Heeres 
vor Schönbrunn und Prag 
präsentiert allabendlich am Stammtisch
JAROSLAV HAŠEK, der Schöpfer von JOSEF ŠVEJK!
Kommt zur „Böhmischen Krone“! Eintritt frei!

In diesem vierten Winter des Weltkrieges war die Zeit reif für einen Massenaufbruch nach Hause. Aus allen Himmelsrichtungen marschierten, von einem Panzerzug der Matrosen aus Sevastopol und Fliegern von Poltava unterstützt, die Roten Garden aus Petersburg, Moskau und Charkov nach Kiev. Wer die Stadt nicht rechtzeitig verlassen konnte, der flüchtete in seine unterkühlte Stube oder Baracke. Oder zu einer heißen Buržujka, dem aufgeheizten Kaminofen in der Kneipe, um dort auf die Weltrevolution oder den Weltuntergang auf vergnügliche Weise zu warten... Hašeks Stammkneipe war also an jenem trüben Januarabend brechend voll, es kamen auch einige Serben und Rumänen und Chinesen, die Hašek beim gebratenen Kukurzu auf dem jüdischen Basar eingeladen hatte.

Der Aufbruch zu dem großen Asienfeldzug an Hašeks Stammtisch - wo als Ehrengäste der ‘Heilige Wenzl’ Doktor Langer mit Irenka und dem Schwager Slávek[19] saßen - stellte sogar die Gründung der Partei des maßvollen Fortschritts im Rahmen der Gesetze vor dem Krieg in Prag in den Schatten.

- Wollt ihr also, Brüder und Schwestern, aus diesem Krieg heil nach Hause kommen? -sprach Hašek zu der Kneipe, wie Lenin im Sommer auf seinem Petersburger Balkon, als er das Volk für sich und alle Macht gewinnen wollte.

- Jaaaaa!! - schrie, wie erwartet, die volle Kneipe.

- Und wollt ihr dabei, im Polarmeer, von deutschen U-Booten torpediert werden? - setzte er seine Ansprache taktisch fort. Denn in Petersburg plante man, die Tschccho-Slovaken mit den Serben nach Archangelsk zu fahren und sie von dort nach Frankreich verschiffen zu lassen. Wo doch vor der norwegischen Küste deutsche U-Boote auf die Alliierten lauerten.

- Nein... !!! - schrien, wie erwartet, die Betroffenen auf.

- Und den Mongolen in die Hände wollt ihr auch nicht fallen? Die eure Herzen bei lebendigem Leibe herausreißen und mit ihnen die Banner der Panmongolisehen Revolution am Bajkal schmücken? - fuhr Hašek fort.

- Nein... !!! - hörte er die Kneipe schreien, besonders die Chinesen, die so etwas schon erlebt hatten.

- Und euch von den Kruzitürken hinter dem Kaukausus köpfen lassen? Die eure Schädel, wie die der Armenier, in Pyramiden aufstapeln!? -

- Nein... !!!-

- Ihr sehnt euch also nach einem sicheren Weg über Asien nach Hause? -

- Jaaaaaa!! -

Und da hatte er, der große Stratege, das Volk dort dort, wo er es haben wollte: geschlossen um sich herum über der bunten Karte mit dem 'Indo-europäischen Telephonkabel, so daß er der Böhmischen Krone - wie Alexander von Mazedonien oder Napoleon - mit ein paar entschlossenen Handbewegungen den Weg zu der aufgehenden Sonne in Asien zeigen konnte... zum Kaukasus, wo es noch keine Bolschewiken an der Macht gab... nach Baku... über das Kaspische Meer nach Turkestan... von da aus zu den Engländern nach Babylon... und zu den Franzosen nach Palästina.

Da drängte sich aber jemand an die Karte heran und steckte seinen Finger in die Persische Salzwüste: - Und wenn uns die Briten, diese konservativen Monarchisten, in der Wüste einfach sitzen lassen? Und wir nicht zu den Franzosen kommen... Denen ist ja Österreich-Ungarn als Monarchie lieber als irgendeine Grande Revolution oder République?! -

- Britanija... Imperija! Jebem ti glaza, jebem ti srce!! - stimmte dem ein Serbe zu, der über die Erschießung der Anführer der serbischen „Schwarzen Hand“ im Sommer 1917 in dem von Engländern befreiten Thessaloniki[c] Bescheid wußte.

- Wäre es da nicht besser, Kameraden, mit der Weltrevolution auf Schönbrunn zu ziehen? Die Tschechische Krone hielt den Atem an.

- Die überrumpeln uns, die Bolševiken, wie sie ihre eigene Revolution überrumpelt haben! -sagte jemand bitter ernst.

Die Tschechen und die Serben witzelten aber weiter.

- Dann auf nach Asien, jebem ti majku! -

- Brüder! Zur Sonne empor...! -

- Denn im Hafen von Feodosija werden jetzt Armenierinnen und Kurdinnen 25 Rubel pro Stück verkauft...! -

- Auf zur Syrdarja, wo Alexander der Große das schönste Mädchen der Welt geheiratet hat...! -

- Aber ohne die Bolševiken, melde gehorsamst! - [.. . ]

Kurz danach hielt vor der Böhmischen Krone ein Wagen des Roten Kreuzes, um den Chefarzt der Legion, František Langer, ins Lazarett der Kiever Universität zu bringen.

Als Hašek dann am Morgen - nach dem großen Asienfeldzug - in der Redaktion des Tschecho-Slaven erwachte, meldete die Kiever Presse:

AUFSTAND DER BOLŠEVIKEN IM ARSENAL:
VON MURAVEV ANGEORDNET!?
KIEV ABER FEST IN UKRAINISCHER HAND!

Ein roter Flieger, der mittags von Poltava nach Kiev angeflogen kam und eine Weile über dem umkämpften Arsenal kreiste und Flugblätter abwarf, bis ihn die gelb-blauen Flieger verjagten, kündigte den Ukrainern aber schon den Sieg der Weltrevolution an! Was einer der slavischen Brüder auf dem Jüdischen Basar, bei gebratenem Kukuruz, mit folgender Lebensweisheit kommentierte: - Silnější pes jebe! -

2. Hašek als Anarchist und sozialer Weltrevolutionär

Über Hašeks Übertritt von der tschecho-slavischen Legion zu den „Roten“ in Kiev Anfang Februar 1918 gibt es nur sehr lückenhafte und dabei wenig genaue Angaben. Der ehemalige Legionär und wichtige Augenzeuge Josef Pospíšil veröffentlichte seine Erinnerungen Znal jsem Haška[20] erst als alter Mann, und noch dazu unter dem Zensurdruck in den Zeiten der „Normalisierung“:

Nemohu nevzpomenout na poslední setkání. Byla to nadmíru st'astná náhoda, když jsem za pochodu Kyjevem uvidä Haška stojícího na chodníku, jak zasmušile sleduje odchod svéhu 1. pluku. [...] Po ovládnutí Kyjeva sovětskou mocí se Hašek seznámil i splútclil s vůdčími sovětskými představiteli a poznal, že jsou to velmi schopni lidé[21].

Die bislang umfangreichste Kontextuntersuchung des tschechischen Historikers Jaroslav Křížek Jaroslav Hašek v revolučním Rusku, herausgegeben in der Tauwetterperiode“ in der ČSR[22], dürfte ebenfalls noch nicht die Namen der von Bolschewiken hingerichteten Augenzeugen und Hauptakteure des ersten Eroberungskrieges von Sowiet-Rußland gegen die Volksrepublik Ukraine erwähnen: L. Trockij, V.A. Antonov-Ovsienko, Oberst M. Muravëv und J. Kucjulyns’kyj. Křížek faßt sie also nur als „sovětští vojenští činitelé“ zusammen[23].

Křížek stellt aber anhand von Hašeks Reportagen, Kommentaren, Feuilletons, satirischen Gedichten und Erzählungen in der Kiever Zeitschrift „Čechoslovan“[24] seine antibolschewistische und anarcho-terroristische Haltung fest. Und darauf - nach Muravëv Eroberung von Kiev - die Hoffnung des Anarchisten Hašek[25], daß der weltrevolutionäre Feldzug von Muravëvs „Revolutionären Roten Armeen“ aus der Ukraine gegen Österreich-Ungarn und das Deutsche Reich gelingen würde:

Je po míru a doma revoluce 
Vídeň se chvěje ve svých základech a 
se vsěch stran v ni hromy bijí prudce, i Berlín otmsá se ve svých 
základech.

Svět celý hoň a bouře zní světem, a cis ais tví již 
všude skonává, a nový život našim hlásá dětem 
světové záře rudá záplava.

A všichni pij dem ruku v ruce jak píseň zní k nám z 
Omladiny[26] let, jak přední stráže velké revoluce všem 
vybojovat nový lepší svět.
ovseenko.jpg
Vladimir Antonov-Ovseenko

Die Ereignisse in der Ukraine im Winter 1918 (samt Portraits und Photos, für ein Roman-Kapitel wichtig) erfassen die Erinnerungen von Muravëvs Panzerzugkommandanten Andrij V. Polupanov Bronepoezd „Svoboda ili smert'“[27]. Eine expressive Verteidigung der Heldentaten von Muravëvs in der Russischen Revolution einschließlich seines Einsatzes im Kugelhagel bei der Erstürmung von Kiev, verfaßt aus der Sicht des linken Sozial-Revolutionärs I. Pečorin[28]. Eine sehr wichtige, bis in Details gehende Dokumentation, Zapiski o graždanskoj vojne[29], verfaßte in den 20er Jahren in Prag V.A. Antonov-Ovsienko, der als Diplomat die erste Vertretung der Sowiet-Union in der ČSR leitete (und in Prag ebenfalls sein Vorwort zur russischen Übersetzung des Švejk von Petr Bogatyrěv schrieb)[30], ohne jedoch über Hašeks Übertritt von der tschecho-slovakisehen Legion zu Muravëvs „Revolutionären roten Armeen“ in Kiev - überwiegend Anarchisten, linke Sozial-Revolutionäre und chinesisch-serbisch-tschecho-slovakische Internationalisten - differenziert zu berichten.

Der Legionär und Redakteur Hašek beobachtet also, mit Passierscheinen aller kämpfenden Seiten in der Tasche seines langen Soldatenmantels, wie Oberst Muravëv mit Kanonenfeuer und Kriegslist, als Garibaldi bzw. Napoleon der Weltrevolution bejubelt und kinematographiert, die heiligen Hügel von Kiev erstürmt. Hašek hält ihn also für „sehr fähig“, auch Wien und Berlin zu erstürmen und somit die beiden Kaiserreiche vom Osten her zu Fall zu bringen. Und am Rhein, mit den Aliierten - wie in der Ukraine erträumt: „VE SVOBODNÉ EVROPĚ SVOBODNÁ ČECHIE!“[31] - den Sieg im Weltkrieg zu feiern.

Diesen Quellen nach - mit Berücksichtigung von sehr wenigen westlichen ukrainischen Publikationen[32], welche die Erstürmung Kievs 1918 durch die Sowiet-Truppen als den ersten imperialistischen Überfall des Sowiet-Staates auf eine demokratisch gewählte Regierung des Nachbarstaates bewerten - entschloß ich mich, das Sujet des Kap. 14 und 15 der Hašek-Abenteuer (1989) anhand von Konfliktsituationen zwischen den gelb-blauen Ukrainern (repräsentiert von ihrem Panzerzug SLAVA UKRAJINY) und den „Roten“ sowie zwischen den „Roten“ aus dem Norden und den „roten“ Ukrainern (repräsentiert von Jurij Kocjubyns’kyjs roten Reitern) zu verfolgen:

Es war vor Weihnachten, ein Hexensabbat stand den Ukrainern bevor, ganz anders, als sich cs Gogol in seinen Hexen- und Teufelsgeschichten in der längsten Nacht des Jahres je hätte ausmalen können...

In den Parks über dem Dnjepr, vor dem verschneiten Heiligen Vladimir und der Klosterstadt Lavra Pečerskaja, wurde schwere Artillerie in Stellung gebracht. Und überall, auf dem Kiever Eisenbahnring, vom Bahnhof Passazyrs’kyj bis zur Station Botanična am Dnjepr und auf der Brücke nach Darnycja, führte man den staunenden Bürgern ein Wunder des Weltkrieges vor: einen Panzerzug mit allen Errungenschaften der Militärtechnik, der mit Telephonen, Wasserklos, Wasserkühlung und Lüftung ausgestattet und mit Maschinengewehren und Kanonen vollgestopft war. Und auf beiden Seiten dieses Monstrums prangte eine gelb-blaue Aufschrift: SLAVA UKRAJINY.[33].

Denn vom Charkover Bahnhof aus war schon - gegen den Willen des ukrainischen Sowiets in der Stadt - ein nicht chiffriertes russisches Telegramm in Richtung Donecker Kohle-revier und Kiev unterwegs:

    JEDES UKRAINISCH SPRECHENDE INDIVIDUUM SOFORT ERSCHIESSEN, 
    FALLS ES SICH WEIGERT, KOHLE, GETREIDE UND ZUCKER AN DIE 
    HUNGERNDEN METROPOLEN DER REVOLUTION IM NORDEN ZU LIEFERN 
    AUSRUFÜNGSZEICHEN = = STOP == OBERKOMMANDIERENDE DER 
    REVOLUTIONÄREN ARMEEN MURAVEV = = STOP = =

Die Ukrainer - die roten in Charkov wie die gelb-blauen in Kiev - wehrten sich aber gegen eine solche Weltrevolution.

Die Charkover ernannten den 22jährigen Jury Kocjubyns’kyj, Einjährigfreiwilliger und Sohn eines berühmten ukrainischen Schriftstellers, zum Oberkommandierendcn aller Revolutionären Armeen, die auf dem Territorium der (künftigen) Sovjet-Ukraine operieren sollten. Lenin und Trockij stimmten den Charkover Bolschewiken telegraphisch zu und luden sie zu Friedensverhandlungen nach Brest-Litovsk ein. Womit sie die Souveränität der Sowjet-Ukraine bekräftigten. Der junge Kocjubyns’kyj wurde darauf unangekündigt als Oberkommandierender auf dem Charkover Bahnhof im Palace-Waggon von Muravëv vorstellig: Mit der Behauptung, der ‘Retter der Oktoberrevolution’ und ‘Garibaldi der Weltrevolution’, wie sich Muravëv inzwischen in der Presse und auf der Kino-Leinwand feiern ließ, könne zwar mit seinen Petersburger Anarchisten und Rotgardisten über die Ukraine zur Weltrevolution ziehen, aber nur unter dem ukrainischen Oberkommando! Wobei alle Befehle mit dem Charkover Sovjet abzustimmen und auf Russisch wie auch Ukrainisch zu verfassen seien! Sonst würde in der Ukraine ein Aufruhr gegen den großrussischen Chauvinismus anfangen! Womit der Sinn der Russischen Revolution verloren ginge, flammte der junge Kocjubyns’kyj auf. Worauf ihn Muravëv rausschmeißcn ließ.

Das 15.Kapitel Der rote Sturm auf Kiev fange ich mit der Ankunft des „roten“ Panzerzuges der Schwarzmeerflotte unter dem Kommando von Andrij Polupanov an:

Der rote Panzerzug aus Sevastopol kam auf dem verschneiten Vorortsbahnhof Kiev-Darnycja - dort, wo früher die Karawanen aus dem Osten ihre Geschenke für die Kiever Fürsten ausbreiteten - in den frühen Nachmittagsstunden des 4. Februar 1918 an. Er hatte vorne auf einem amerikanischen Kohletender eine gewaltige Schiffskanone, die vom Panzerkreuz Grofürst Potjomkin hätte stammen können. Oder von einem anderen Monstrum der russischen Flotte, die - ohne sich eine größere Schlacht mit den Bulgaren oder Türken geliefert zu haben - den ganzen Weltkrieg lang im Schwarzen Meer eingeschlossen war.

Parolen auf den Panzerplatten des amerikanischen Kohletenders verrieten Sehnsucht nach der großen weiten Welt:

    AUF ZUR WELTREVOLUTION BIS AN DEN RHEIN!
    UND VON DA ZU DEN MIEZEN NACH MARSEILLE!
    HOCH LEBE DIE WELT-KOMMUNE!

Der rote Panzerzug kam aber nur bis zur Mitte der nahen Dnepr-Brücke, weil die Ukrainer dort vor der Nase der Matrosen die Schienen in die Luft jagten.

- Job tvoju mať! Der Satan soll die Teufel holen...!!! - hörte man die Matrosen von der Brücke fluchen: Vor den heiligen Hügeln und Felsen am rechten Ufer des Dneprs, wo in der untergehenden Sonne - wie Flammen über mächtigen weißen Kerzen - die Kirchtürme der uralten Klosterstadt Lavra Pečer’ska schwiegen.

Doch dann wurde der heilige Frieden jäh vom Knallen und Rattern der ukrainischen Geschütze und Maschinengewehre unterbrochen, die oben auf den Hängen, rund um den Heiligen Vladimir und die Lavra Pečer’ska postiert waren. Zu ihnen stieß aus der Schlucht beim Botanischen Garten der Panzerzug STOLZ DER UKRAINE zur Dnepr-Brücke vor. Mit all seinen schnell feuernden Kanonen und Maschienengewehren trieb er die Matrosen mit dem roten Panzerzug nach Darnycja zurück.

Schwarzmeeflotte! Das Geschütz kampfbereit machen! - feuerten sich die Matrosen auf dem Rangierbahnhof an. - Jetzt heizen wir den Teufeln ein! -

Man konnte die Schiffskanone aber auf dem Tender nicht bewegen, denn ihr Verschluß war mit dicken Seilen zwischen den Panzerplatten befestigt, der überlange Lauf steckte vorne in einem dafür herausgeschweißten Bullauge und ragte leblos in die Luft. Um die Kanone gegen die Lavra Pečer’ska richten zu können, mußte man den Tender mit der Lokomotive über verschiedene Weichen bugsieren.

Einer der Matrosen, groß und dünn, Kostja-Periskop genannt, steckte seinen Kopf in den geöffneten Verschluß.

- Davaaaaaj...! Mit Halbdampf vorwärts! - schrie er in den Lauf wie in ein Riesensprachrohr hinein.

Als die Schiffskanone gegen die goldenen Kirchtürme der Lavra gerichtet zu sein schien, klatschte man Kostja-Periskop auf den Hintern, er könne herauskommen. Statt seiner schob man eine Granate hinein.

Ein Haufen von schaulustigen Chinesen, Serben und Tschecho-Slovaken, hinter den alten Fichten des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers versteckt - unter ihnen der 'Kriegskorrespondent' des Kiever Tschecho-Slaven Jaroslav Hašek, mit Ausweisen aller um Kiev kämpfenden Parteien in der Tasche - beobachtete die roten Matrosen vorerst aus sicherer Entfernung.

Der Kommandant des Panzerzuges, ein stämmiger schwarzhaariger Matrose, mit einer baumelnden Handgranate zwischen den Beinen und einer riesengroßen Pistole am Patronengurt, traute der Schiffskanone auf dem Tender offensichtlich auch nicht. Er steckte die Finger in den Mund und rief - mit ohrenbetäubendem Pfiff, wie der sagenhafte Räuber Solovij in den ukrainischen Märchen - eine bis dahin frei im Schnee herumlaufende Hündin zu sich. Ein Schiffsjunge mußte sie an die Leine nehmen und zu den Fichten, wo Hašek stand, ausfuhren. Die Hündin[34], eine Promenadenmischung aus Cocker und Pudel, schloß sofort mit Hašek Freundschaft.

Die Lokomotive, vom Tender abgekoppelt, zog sich inzwischen mit dem Rest des Panzerzuges in sichere Entfernung zurück.

- Proletariaaaaat! Aufs Buržiasiaaaaat!!! - hörte man darauf die Matrosen aus dem amerikanischen Kohletender schreien.

Da ertönte ein gewaltiger Knall, und der Tender wurde kräftig nach hinten geschubst, als ob ihn der Satan mit seinen Hufen getreten hätte und über den Dnepr hinweggezischt wäre... Die Granate schlug aber nur in den Hang unterhalb der Lavra ein.

Die Hündin des Panzerzugkommandanten versuchte sich von der Leine los zu reißen. Hašek nahm sie also auf den Arm und steckte sie in seinen Soldatenmantel. Was dem Kommandanten nicht entgangen war.

Mehrere Chinesen und Serben, von der Schiffskanone sichtlich beeindruckt, eilten den Matrosen zu Hilfe. Sie stoppten den zurückrollenden Tender und schoben - als ‘Internacionalisty’ begrüßt - die Schiffskanone wieder zu der Weiche zurück. Einer der Serben, ein Anarchist, durfte dafür den nächsten Schuß abgeben.

- Pali! Po kurvi Evropi!!! - hallte es auf Serbokroatisch aus dem amerikanischen Kohletender.

Auch dieses Geschoß traf sein Ziel nicht, es löste nur eine Steinlavine über dem Dnepr aus.

Die nächste Granate durfte einer der Chinesen schießen: es war Vanja-Chang, den Hašek schon von der Burse der Arbeit auf dem Jüdischen Basar kannte. Er studierte vor dem Krieg in Peking und hatte Verbindungen zu den chinesischen Anarchisten in Paris und Tokio und zu deren Zeitschrift Der Hahn kräht am frühen Morgen [35].

- Laßt den Hahn am frühen Morgen krähen! - verkündete nun Vanja-Chang poetischasiatisch, mit der Hand auf der Zündschnur. - Hoch lebe Tung-fang kung-shu, die Kommune des Ostens! -

Und der nächste Schuß krachte.

Das Geschoß ließ jedoch die goldenen Türme der Lavra unversehrt stehen, als hätte der Heilige Wundertäter Nikolaus von seiner Ikone in der Vladimir-Kathedrale die Hände im Spiel. [...]

Zum Glück kamen plötzlich etwa einhundert rote ukrainische Kosaken nach Darnycja angeritten. Alles, was der zweiundzwanzigjährige Kocjubyns’kyj - der Oberkommandierende der Streitkräfte der Sovet-Ukraine, wie es in seinen Vollmachten hieß - unterwegs von Charkov nach Kiev auftreiben konnte.

Die roten Reiter umstellten den roten Panzerzug.

- Wer hat diesen Artilleriebeschuß angeordnet? - ging der junge Kocjubyns’kyj auf Ukrainisch auf die Landsleute aus Sevastopol los.

- Der Hahn am frühen Morgen... cha, cha, cha! - lachten die Matrosen von dem amerikanischen Kohletender herab.

- Ich habe es angeordnet, Andrij Polupanov! - stellte sich der von Patronengurten umwickelte Panzerzugkommandant vor, der seinen Köter wieder zurück hatte. Haben Sie noch nie was von dem Matrosen Polupanov auf dem Panzerkreuzer Großfürst Potjomkin gehört, Genosse? Das war mein Bruder!

- Und Sie, Genosse, haben Sie was vom Sturm des Winterpalastes in Petersburg gehört?! -konterte der junge Koncjubyns’kyj, der dort dabei war. - Und. von Antonov-Ovsienko, unter dessen Kommando wir die Provisorische Regierung verhaftet haben? Haben Sie davon was mitgekriegt,daß wir dabei keinen Menschen umgebracht und alle Verteidiger nach Hause geschickt haben? Wobei die Schiffskanone der Aurora nur in die Luft feuerte! Um die Seelen der Matrosen zu erwärmen und nicht die halbe Stadt in Schutt und Asche zu verwandeln! -

Der Matrose Polupanov bot dem jungen Kocjubyns’kyj seinen Tabakbeutel an. Die beiden drehten sich eine Zigarette.

Eine Atempause für alle. [...]

Aber da kamen auf dem Bahnhof Darnycja die Roten Garden aus Moskau und Petersburg an, mit etwa dreitausend Bajonetten, begleitet vom Stabszug des Oberkommandierenden der Revolutionären Armeen der Rußländischen Födereration, Oberst Muravëv, der in einem hell erleuchteten Pulman Palace-Waggon residierte und von Funkern, Telephonisten und Berufssoldaten umringt war. Und von seiner Leibgarde, vorwiegend Serben, Chinesen und Austrijaken-Internationalisten. In einem speziellen Kino-Waggon folgte die ABTEILUNG FÜRS KINEMATOGRAPHIEREN DER REVOLUTIONÄREN EREIGNISSE. Sie hatte die Petersburger Rotgardisten mit Muravëv und dem Volkskommissar der Marine, Dybenko, schon Anfang November 1917 - an sonnigen Tagen, in einer nachgestellten Schlacht um die Großfunkanläge Carskoe Selo und beim Sturm auf den Winterpalast (wo die Sauforgien in den Weinkellern tobten) - als die Helden und Retter der Oktoberrevolution kinematographiert. Was einer der Gründe war, warum Trockij und Lenin Muravëv mit seinen Kinematografsčiki sofort feuerten. [...]

Die Petersburger Rotgardisten entdeckten inzwischen am Dnepr eine Menge verlassener ukrainischen Geschütze mit Munition. Sie richteten sie, ohne damit umgehen zu können, gegen das westliche Ufer. Muravëv lief also zu den Rotgardisten und führte der Truppe vor - wie Napoleon in der Schlacht vor Toulon - wie man mit solchen Kanonen umgeht:

- Artillerie! Auf die Zitadelle der Konterrevolution... Feuer!!! -

Der junge Kocjubyns’kyj ließ die Geschütze von seinen roten Reitern umstellen.

- Seid ihr, Genossen, bei Sinnen? Das ist doch die Lavra... - wies er mit dem Säbel über den Dnepr herüber. - Dort sind ja unsere ältesten Kirchen!!! -

Der hochgewachsene Oberst Muravëv, in breiten Galifettreiterhosen und mit ratternden Sporen auf den Stiefeln, schaute den Kocjubyns’kyj spöttisch an.

- Wie Sie sehen, Genosse, - sagte er vor der Kanone, - wir haben es hier nicht mit einer Pilgerfahrt zu Ihren Heiligen zu tun, sondern mit der Weltrevolution! -

- Genossen! - konterte Kocjubyns’kyj, vor den Petersburger Matrosen und Rotgardisten, mit denen er den Winterpalast gestürmt und den Sieg gefeiert hatte. Wir haben den Sitz der Provisorischen Regierung friedlich besetzt. So werden wir auch Kiev erobern. -[...]

Auf Muravëvs Stirn schwoll vor Arger eine blaue Ader an.[36]

- Schön, Genosse, fuhren Sie also Ihre Pilgerfahrt an...! - schrie er. - Ich aber befehle der Weltrevolution! Und die wird von der ganzen Rußländischen Föderation geführt!!! -

Die beiden Oberkommandierenden hätten sich am liebsten duelliert.

Da kam von Kiev ein Flugzeug der Ukrainer angeflogen. Alle gingen in Deckung. Die Ukrainer warfen aber keine Bomben über Darnycja ab, sie ließen in der Abenddämmerung nur, wie riesige Schneeflocken, Flugblätter herunterrieseln...

-Da habt ihr die Antwort vom Himmel, Genossen, - winkte er dem Flugzeug nach, - wen man da als Oberkommandierenden am höchsten schätzt! -

        Gesucht wird:
    MURAVJOV, Michail Artemjevič
        Foto [37]
geb. 13. September 1880, Dorf Burdjukovo, Kostromskaja Gubermja. 
Anführer von Jugendbanden an der Volga und in Petersburg. Kadett 
und Offizier in Kazan wegen Duellieren degradiert, zur Strafkompanie 
und in den japanisch-russischen Krieg versetzt. In Frankreich Kontakte 
zu Sozial-Revolutionären. Ausbilder auf der Kadettenschule in Odessa. 
Unter Kerenskij Oberst und Verräter geworden: Anführer des Oktoberputsches 
in Kazan anschließend ‘Retter’ des Oktoberputsches in Petersburg, von 
Trockij und Lenin wegen 'Bonapartismus’ gefeuert. Derzeit Kommandierender 
der roten Banden, die in das Hoheitsgebiet der Ukrainischen Volksrepublik 
eingedrungen sind, um sie der Souveränität zu berauben und als Kolonie 
von Sovjet-Rußland zu plündern.

Für das Ergreifen des Obengenannten tot oder lebendig
wird ausgesetzt eine Summe von
2.000.000 Rubel in US-Dollars, Pfund-Sterling,
Schweizer Franken holländischen Gulden, 
reichsdeutschen Mark oder Gold

Für die Ukrainische Volksrepublik:
Oberst Petljura
Oberkommandierender der Streitkräfte
muravjov.png
Mikhail Muravëv 1916

Der Sturm von Darnycja auf Kiev - nachdem Kocjubyns’kyjs rote Reiter in der Nacht über den zugefrorenen Dnepr woanders herübergekommen waren - führte Muravëv in der Morgenröte auf der Kettenbrücke persönlich an. Von seinen Rotgardisten, Matrosen und Kine-matografščiki umringt, zu denen er - wie einst Napoleon im Kugelhagel auf einer Brücke in Italien - so sprach:

Genossen! Vor euch erhebt sich Kiev - die Zitadelle der ukrainischen Konterrevolution. Generäle, Offiziere, Kosaken, Großgrundbesitzer, Zuckerfabrikanten und Kapitalisten verschanzen sich dort. Diese Bastille muß fallen!

Genossen! Mit der Eroberung von Kiev ist der Bürgerkrieg zu Ende! Die Ukraine wird von konterrevolutionären Elementen gesäubert und sich der Sovjetmacht unterordnen.

Genossen! Wißt ihr, daß auf uns die Werktätigen der ganzen Welt blicken und von uns ungeduldig den Sieg erwarten? Ganz Deutschland wurde schon von den Flammen der Großen Revolution angesteckt. Das Deutsche Reich und Wien befinden sich im Aufstand. Die Sovjetmacht wurde dort schon her gestellt. Wir befinden uns am Vorabend des Feldzuges auf Berlin, um mit den Demokratien der Welt das Kapital zu besiegen!

Vorwärts, Genosse, folgt mir! Wir sind nur eine kleine Schar, aber wir sind Revolutionäre! Vorne wartet auf uns kein Tod, nur Ruhm und Unsterblichkeit![38]

- Urrrraaaaa... urrrraaaaa... !!! - stürzten sich daraufhin die Rotgardisten auf das breite Eis des Dnepr. Gefolgt von den Sevastopoler Matrosen und den chinesisch-serbisch-tschechischen Internationalisten, die - bis auf die Schiffskanone aus dem amerikanischen Tender - alle Maschinengewehre und Geschütze des roten Panzerzuges vor sich her schoben. In der aufgehenden Sonne von den Kinematografščiki begleitet. Und von roten Fliegern, die Muravëv per Funk von Poltava angeordnet hatte.

Dann rasten von überall die Geschütze und Maschinengewehre der Ukrainer... Auch von der Schlucht des Botanischen Gartens, wo ihr Panzerzug Slava Ukrainy lauerte, auf dem zentralen Bahnhof Pasazyrsk’kyj mit Munition und Wasser aufgefüllt. Französische Flieger, als Schutzengel, unterstützten den blau-gelben Panzer zug vom Himmel. Das Hauptquartier der Ukrainer, das sich im Regierungsgebäude der Rada in der Nähe des Bahnhofs Pasaiyrs’kyj befand, schickte den heranrückendcn Roten immer wieder bepanzerte belgische Automobile entgegen...

Muravëv entschloß sich daraufhin, Kiev - wie einst Napoleon Toulon - mit Artilleriefcuer kleinzukriegen: Aus allen Geschützen aller Kaliber, egal auf welche Heiligkeit!

Eine der roten Granaten setzte - zum Entsetzen der ukrainischen Patrioten - das Jugendstilhaus des Parlamentspräsidenten und Geschichtsprofessors Hrusevs'kyj in Brand, samt seiner Geschichte der Ukraine...

Eine andere Granate explodierte neben dem Appartement von Professor Masaryk im Hotel France. In dem Augenblick, als er mit westlichen Diplomaten soupierte und dafür plädierte, Muravëv bei seinem Vormarsch auf Wien und Berlin zu unterstützen.

Ein Volltreffer setzte darauf - am dritten oder vierten Tag der Straßenkämpfe - auch das Theater Grotesk in Brand, in unmittelbarer Nähe des ukrainischen Hauptquartiers am Bibikovskyj Boulevard. Womit den Ukrainern das Lachen vergehen sollte.

Der Panzerzug der Ukrainer auf dem Eisenbahnring - drahtlos vom Hauptquartier hin- und hergeschoben - schien unverwundbar zu sein. Er dampfte wie ein Drache um Kiev herum und spieh Feuer aus allen Rachen...

Muravëv, hinter einem Feldgeschütz bis in die Ecke Kreščatyk-Bibikovskyj Boulevard vorgedrungen, wies die Rotgardisten zuerst an, das Hauptquartier der Ukrainer und den Bahnhof Pasažyrs’kyj zu stürmen. Ohne Erfolg. Vom Bibikovskyj Boulevard kamen bepanzerte belgische Automobile angewatschelt, mit Kanonen- und Maschinengewehrfeuer alles vor sich niedermetzelnd. Die Rotarmisten ergriffen die Flucht... Polupanovs Matrosen versuchten sie mit einem einzigen übriggebiiebenen Geschütz zu stoppen: die Rotgardisten mit einigen Schrapnellen. Und die lahmen belgischen Enten mit Handgranaten. Zum Glück fing es gegen Abend an dicht zu schneien...

Da kam ein Kurier in einem Sanitätsautomobil zu Muravëv, mit dem Radiogramm Nr. 1 der Ukrainischen Sovjet-Republik, im Stabswaggon abgefangen. Und mit der Hiobsbotschaft, der junge Kocjubyns’kyj habe - mit seinen hundert roten ukrainischen Reitern - die Großfunkstation Kiev und die Transkontinentale Indoeuropäische Telegraphen Verbindung in Podol erobert. Und der Welt - in Ukrainisch, Russisch, Deutsch und Ugro-Finnisch mitgeteilt:

An alle! An alle! An alle!

Petersburg, Rat der Volkskommissare.
Helsingfors, Rat der Volksdeputierten.
Berlin, Wien, Budapest, Rat der Arheiterdeputierten. 
Brest-Litovsk, Trockij und Vertreter der Sovjet-Ukraine.

Kiev wurde bereits befreit. Der heroische Kampf der ukrainischen 
Soyjettruppen endete mit vollem Sieg. Die Mitglieder der sogenannten
ukrainischen Rada haben sich versteckt. Die Truppen der Ukrainischen 
Sovjet-Republik hissen über dem uralten Kiev das rote Banner der 
sozialistischen Revolution. Alle Ämter nehmen ihre Tätigkeit auf

Die befreite Ukraine kehrt entschlossen in den Kreis der föderativen 
Sovjet-Republiken zurück, in die brüderliche internationale Familie 
der Völker, die für den Sozialismus kämpfen.

Hoch lebe die Sovjetmacht!
Hoch lebe die revolutionäre Internationale! 
Hoch lebe die sozialistische Revolution!

Jurij Kocjubyns’kyj

(Für das Volkssekretariat der Ukrainischen Arbeiter- und Bauernrepublik)[39]

Auf der hohen Stirn des "Garibaldi der Weltrevolution" schwoll die blaue Ader an, als er dies - in unmittelbarer Nähe des ukrainischen Hauptquartiers, von dem ukrainischen Panzerzug und den belgischen Panzerwagen angehalten - zur Kenntnis nehmen mußte.

Der Matrose Polupanov bot Muravev seinen Tabakbeutel an. Eine Gelegenheit, im dichten Schneetreiben, in der Dunkelheit, mit dem ehemaligen Bandenführer von der Volga und Petersburg einen geräuschlosen Überfall auf den ‘Stolz der Ukraine’ zu überlegen.

- Matrosen der Schwarzmeerflotte... - flüsterte darauf Muravëv. - Wollt ihr einen neuen Panzerzug haben? Mit Wasserklos und Telephonen und zentraler Wasserkühlung und Lüftung für jede Kanone... Dann holt euch, was euch gehört! Für die anschließende Fahrt nach Wien und Berlin,.. -

Die Matrosen schlichen im dichten Schneetreiben von hinten an den Bahnhof Passazyrs’kyj heran und räumten die Wachposten des Panzerzuges lautlos aus dem Weg. Dann wurden ein paar Handgranaten aus unmittelbarer Nähe unter den Panzerzug geworfen...

Das war das Ende für den sagenhaften Drachen auf dem Kiever Eisenbahnring. Und somit für das nahe Hauptquartier der Ukrainer. Der Oberkommandierende der Streitkräfte der Ukrainischen Volksrepublik, Oberst Petljura, hat noch in der Nacht die brennende Hauptstadt in Richtung Westen verlassen müssen. Der Außenminister der Ukrainer, ein einundzwanzigjähriger Student, hat in derselben Nacht in Brest-Litovsk - dem Trockij zum Trotz - einen separaten Friedensvertrag mit den Deutschen, Österreichern, Bulgaren und Türken abgeschlossen.

In den Straßen von Kiev wurde daher von den Petersburger Rotgardisten jeder auf der Straße erschossen, der mit den Ukrainern etwas zu tun hatte - beinahe auch Hašek, mit einer gelb-blauen Akkreditierungsurkunde in der Tasche.

- Tavarišči... ja anarchist iz Čechiji, kievskij žurnalist, Jaroslav Gašek znakomyj kak Švejk! - wehrte er sich, von siegesberauschtcn und angetrunkenen Rotgardisten an die Wand gestellt. - Ja za socijalnuju revolueiju i mirovuju anarchiju, kak vaš Míša Bakunin! Menja komandit bronepoezda Polupanov znaet i jego sobaka! My vmeste Avstriju šturmovat i Berlin! -

Chinesen von Muravëvs Leibgarde, die auf einem eroberten belgischen Panzerwagen vorbeiführen, erkannten den Freund von Vanja-Chang als den „klasny ceski Analchist-Tellolist“ und nahmen Hašek zum Bahnhof Passazyrs’kyj mit.

- Laßt den Hahn am flühen Molgen klähen! - freuten sich die chinesischen Internationalisten, als die am Bahnhof Passažyrs’kyj, in der Morgenröte, Muravëv in seinem heil erleuchteten Salon-Waggon erblickten, von Serben bewacht. Und den eroberten gelb-blauen Panzerzug, von Polupanovs Matrosen umstellt. - Hoch lebe unsele Tung-fang kung-schu... in Austlija, Bellin und Palis! -

Die Besatzung des Panzerzuges „Stolz der Ukraine“ blieb auf Verlangen der Kinematografščiki jedoch am Leben, um am Tag danach - im aufgewirbelten Pulverschnee, bei Sonnenschein - den roten Sturm auf Kiev samt der Eroberung des gelb-blauen Panzerzuges zu kinematographieren. Und auch den Empfang der westlichen Diplomaten in Chicago-Melonen und Zylindern auf dem Bahnsteig und in Muravëvs Salon-Waggon, von Professor Masaryk angeführt. Was Hašek, Vanja-Chang und die Serben mit gemischten Gefühlen beobachteten. Ohne zu ahnen, daß die Diplomaten hinter den beschlagenen Fenstern des Palace-Waggons, dem Kredo ‘Silnější pes jebe! nach, Oberst Muravev - und auch Trockij -100 Rubel Monatssold in US-Dollars, Pfund-Sterling, Schweizer Franken, holländischen Gulden oder Gold pro Rotarmist an der russischen Front angeboten hatten. Mit dem verschwiegenen Wunsch, ihn in Berlin bald zu sehen und dann nicht zu sehen...

Im Kapitel Der rote Sturm auf Kiev war Hašek nur als Beobachter und Berichterstatter des Kiever Čechoslovan dabei. Sein Aufruf in Versen in der letzten Ausgäbe des Čechoslovan am 24. Februar 1918 ermöglichte es mir, ihn darauf als den Anarcho-Strategen eines revolutionären Hussiten-Heeres zu betrachten:

My čekáme zde, srdce rychle bije, 
a vojsko naše čeká na povel.
Pak obnoví se naše historie.
Tisíce vzdorných zdvihnem k nebi čel.

V prach rozdrtíme vojska císařova a 
pyšných rodů zašlapeme lesk.
Hr! Tábor! zazní po stech letech znova, 
v požáru dýmu zbraní třesk.[40]

Hašek tut also seit Ende Februar 1918 alles, um sein Hussiten-Heer „Hr! Tábor!“ in der Ukraine und darauf in Moskau und an der Wolga auf die Beine zu stellen. Dies verfolgte ich (1989) in den Kapiteln 16 bis 18 Der schlaue ukrainische Rückzug, Zur Revolte nach Moskau und Das Frühlingserwachen an der Volga, die ich - am Ende der zweihundertjährigen aufklärerische Epoche der schöngeistigen Literatur, die, tja, die Tabus und totalitären Systeme sprengen sollte - mit zu vielen von östlichen Historikern verschwiegenen Fakten und dementsprechend fiktiven Situationen um Hašek und sein eurasisches Heer überlastet habe. Die Kapitel 16 und 17 werde ich also im Prosa-Text (1998) von überflüssigen historischen Fakten entrümpeln und in einem einzigen Kapitel Mit der Schwarzmeerfloite zur Revolte nach Moskau zusammenfassen.

Die Schwarzmeerflotte wird dabei von den Sevastopoler Matrosen unter dem Kommando von Andrij Polupanov vertreten sein, die den eroberten Panzerzug SLAVA UKRAJINY als Anarchisten, in SVOBODA ILI SMERT’ umbenannt haben[41].

Zu den Verbündeten von Muravëvs „Revolutionären roten Armeen“ in der Ukraine - nachdem die Österreicher und Deutschen am 17. Februar 1918 angefangen haben, sie zu besetzen - kann ich also ab Ende Februar 1918 auch Hašek zuordnen. Er setzt sich als Emissär für die Gründung einer tschechischen revolutionären Truppe ein[42]:

Vsem vojákům!

Vojska německého a rakouského císaře vpadla na Ukrajinu a do Ruska. Jsou předvojem kapitalistů a imperialistů. [...] Bylo třeba jednat rázně. Sloučily se všechny strany a směry. Vznikla Československá revoluční Rada dělníků a vojáků v čele s profesorem Masarykem, která povolává všechny Čechy a Slováky do zbraně.

Dieser Aufruf erschien als Flugblatt einen Tag danach, als der Oberkommandierende der Tschecho-slowakischen Legion, Professor Masaryk aus Kiev, nach Moskau abgereist war, um über Vladivostok in die USA zu gelangen.[43] Prof. Masaryk legte den Brüdern im Kiever Hotel France noch ans Herz, man solle weder mit dem alten österreichischen Jesuitismus noch mit dem neuen Bolschewismus etwas zu tun haben, sondern die Gründung einer Tschecho-slowakischen Republik im Auge behalten. Die Tschecho-slowakische Legion, 42.000 Mann, sei ein Teil der Französischen Armee, und die werde mit den Hohenzollem keinen separaten Frieden schließen. Ob sie für die tschecho-slowakische Sache hier in der Ukraine oder in Frankreich weiter kämpfen solle, darüber möge ein Kongreß der Legion entscheiden.[44]

dybenko.jpg
Pavel Dybenko

Das Ziel des Emissärs Hašek und der Unterzeichner des Kiever Aufrufs vom 24. Februar 1918 war es, aus ehemaligen Kriegsgefangenen, Tschecho-Slowaken, jetzt Arbeitern in der Ukraine, ein 2. Revolutionäres tschecho-slovakisches Korps zu gründen[45] und sich mit Muravëv auf dem kürzesten Weg nach Böhmen durchzuschlagen. Während die tschecho-slowakische Legion - nach einer Odyssee auf der 10.000 km langen Transsibirischen Eisenbahn und nach einer Schiffahrt von Vladivostok rund um ganz Asien nach Marseille - die Heimat von Frankreich her befreien sollte. Mit Muravëvs Zustimmung: „Vrchní sovětský velitel Muravëv i vojenský komisař sovětské Ukrajiny Kocubinský před zástupci vlád Dohody v Kyjevě 10. února r. 1918 slavnostně uznali ozbrojenou neutralitu československého vojska [...]. Již tehdy prof. Masaryk jednal s Muravěvem o odchodu československého vojska do Francie a Muravëv [...] vydal 16. února r, 1918 písemné povolení k odchodu československého vojska z Ukrajiny na cestu do Francie[46].

Es gibt fast keine Belege dafür, wo überall der Emissär Hašek in den letzten Februartagen 1918 in der Ukraine tätig gewesen ist. Man kann aber annehmen, daß seine Aktivitäten um Kiev herum die Gegenoffensive der ‘Revolutionären Roten Armee’ Muravevs gegen die Österreicher und Deutschen im Südwesten der Ukraine unterstützen sollten. Muravev ist es nämlich mit Polupanovs Panzerzug SVOBODA ILI SMERT Ende Februar und Anfang März 1918 gelungen - während die Deutschen am 1. März in Kiev einmarschiert waren - die Rumänen am Fluß Dnestr und die Österreicher unter den Karpaten zu besiegen[47]. Womit Lenin im Norden dazu gebracht werden sollte, seine Unterschrift unter dem Brest-Litovsker Ultimatum zu verweigern - wie Trockij, als er einseitig in Brest-Litovsk den Krieg für beendet erklärt und die Friedensverhandlungen verlassen hatte: um den Hohenzollem die geforderten 6 Milliarden Goldrubel, die Ukraine als Getreidesilo und 200.000 deutsche Kriegsgefangene aus Sibirien für den Endsturm auf Paris nicht ausliefern zu müssen.

Darauf gab die Großfunkstation Carskoe Selo am Samstag, dem 2. März 1918, bekannt - in dem Augenblick, als Hašeks revolutionäre Truppe mit den tschechoslowakischen Legionären eine Kiever Brücke mit Pyroxilin voll stopfte, um sie den heranrückenden Würtemberger Panzerwagen und bayerischen Kavalleristen vor der Nase in die Luft zu jagen[48], - daß die Friedensverträge mit dem Deutschen Reich, Österreich-Ungarn, Bulgarien und der Türkei in Brest-Litovsk vom Volkskommissar für Auswärtiges Čicerin unterschrieben wurden und vom Volkskongreß der Deputierten in Moskau binnen 14 Tagen ratifiziert werden sollten.

1600 Matrosen der Baltischen Flotte unter dem Kommando des Kommissars Pavel Dybenko machten sich auf den Weg von Petersburg über Moskau in den kämpferischen Süden, wo sich der Stab von Antonov-Ovsienko befand und der ukrainische Charkover Sovet den „Južnorusskij Sojuz Sovětov“ ausrief. Mit einer Erklärung, daß der Brest-Litovsker Frieden nicht mit der Südrussischen Sowiet-Union, sondern nur mit Sowiet-Rußland im Norden unterschrieben worden war[49].

Es mag kein Zufall gewesen sein, daß Hašek zu diesem Zeitpunkt - mit seiner Redaktion und Maschinengewehren in zwei Eisenbahnwaggons[50] - in Charkov erscheint und zum Aufruhr nach Moskau davondampft. Wo inzwischen die 1600 Matrosen Dybenkos mit Anarchisten in besetzten Häusern um den Kreml herum rebellierten, toleriert von linken Kommunisten im Moskauer Sowiet und unterstützt von linken Sozial-Revolutionären, deren Vertreter in Lenins Koalitionsregierung ihren Rücktritt erklärten. Mit der linken Kommunistin Alexandra Kollontai, Kommissarin für Soziale Angelegenheiten und Mutterschutz, Gallionsfigur der Freien Liebe und Dybenkos Ehefrau.

3. Häseks gescheiterter 'weltrevolutionärer' Aufbruch in Kiev 1919

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Máté Zalka

Und was ist über Hašeks 'weltrevolutionären' Aufbruch Anfang Mai 1919 in Kiev bekannt, als der Oberkommandierende der „ukrainischen Roten Armee“ Antonov-Ovsienko mit den Einheiten der Internationalisten und linken Sozialrevolutionären des Ataman Grigorev[d] - noch unter dem Banner der sozialen Weltrevolution - über die Karpaten nach Ungarn, in die Tschecho-Slowakei und nach Bayern aufbrechen wollte? Und ihm Kommissar Trockij Ende Mai mit seiner Moskauer ‘proletarischen Diktatur’ in den Rücken fiel?

Diese Fragen stellte ich mir, nachdem ich in der Prager Zeitschrift Středisko Mate Zalkas[e] Erinnerungen zu Hašek in der Ukraine 1919 entdeckt hatte, nach dem 2. Weltkrieg tabuisiert[51]:

Zapracovávaje materiál z r 1919 z Kijeva, kde tehdy stály větši internacionální oddíiy s úmyslem spojití se přes Karpaty se sovětským Maďarskem, Slovenskem a Bavorskem -narazil jsem znovu na stopu našeho Jaroslava. Jak se dzá, byl Hašek v Kijevě organizátorem a též autorem rudoarmějského internacionálního divadla. Hašek napsal hru, jejímž hrdinou byl vojenský kurát a tématem bezmyšlenkovitost a trestuhodnost imperialistické války. V listinách se mluví, že ve hře byla scéna mezi popem a bohem, ktcři jeden druhého před obecenstvem odhalují. Pátera hrál sám Hašek a jak z listin vysvitá, měl velký úspěch. Hrálo se německy a maďarský a Hašek musel ke konci vyprávět kupu anekdot, což též s velkým uměním učinil.

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Ataman Grigoriev und Antonov-Ovsienko, 1919

Antonov-Ovsienko dokumentiert im IV. Band der Zapiski o graždanskoj vojne[52], wie der weltrevolutionäre Aufbruch seiner Einheiten in die Slowakei, nach Ungarn und nach Bayern im Mai 1919 in der Ukraine scheiterte: vor allem wegen der Truppen des ukrainischen Sozial-Revolutionärs Ataman Grigoriev, die nach der Eroberung von Odessa im April einen Teil der Beute nicht nach Rußland abliefern wollten und die Ukrainer zum Aufstand gegen die Moskalen und Kommissaren aufgebracht haben. Trockij ist es darauf gelungen, ein kommunistisch-anarchistisches Kommando Machnos vom linken Ufer des Dnepr gegen die Aufständischen aufs rechte Ufer des Dnepr in Marsch zu setzen und Ataman Grigoriev ermorden zu lassen. Nicht jedoch anschließend auch Machno, der dem Anschlag der Bolschewiken entfliehen konnte. Mit den ukrainischen Sozial-Revolutionären wie mit den ukrainischen Anarchisten erklärten sich einige Einheiten der ungarischen, tschecho-slovakisehen und chinesischen Internationalisten solidarisch, womit das „Ukrsovkommandovanie vojskami Sovetskoj Ukrajiny“ von Antonov-Ovsienko für einen weltrevolutionären Vorstoß nach Europa gelähmt war. Nachdem Trockij mit seinem schweren Panzerzug am 2. Juni 1919 in Kiev eingetroffen war, folgte per Befehl vom 16. Juni 1919 die Auflösung der Sowiet-Armeen der Ukraine.

Wie sich Hašek inmitten von all den antibolschewistischen Aufständen im Mai 1919 in der Ukraine verhielt? Falls dazu keine weiteren Belege in den inzwischen geöffneten Archiven der KP von Ungarn und der KPdSU gefunden werden sollten, wird es - als die Chance - dem Prosaiker überlassen bleiben, das Verhalten des Anarchisten Hašek in den bisherigen linken Meuterein und Aufständen gegen das Komisaroderžavie (in der Ukraine, in Moskau und an der Wolga 1918) zu vergleichen. Und daraufhin zu schildern, wie der Švejk Hašek in der Ukraine 1919 erneut einen weltrevolutionären Schiffbruch erleidet - und mit seinem Freund Vanja-Chang Europa den Rücken kehrt[53]. Um sich vom Ural, mit der 5. Roten Armee, in Richtung „Kung-fang tung-shu“ (Kommune des Ostens) nach Shang-hai durchzuschlagen, unterwegs im Land des Dschingis-Khan, um jedoch erneut einen Schiffbruch zu erleiden[54].

Als es Ende 1989 zum „Großen Erwachen“ im Reich der Kommissare kam - und die Einparteidiktatur wollte dort ja schon Hašek mit den Anarchisten und sozial-revolutionären Maximalisten zu Fall bringen - verfiel ich nach einer Studienreise auf Hašeks Spuren von Prag bis an die mongolische Grenze der großen Euphorie der beginnenden 90er Jahre.

Ich fing an, den deutschen Text der Hašek-Abenteuer (Buch I: Das große Erwachen, 1989) ins Tschechische zu übersetzen. Das Prinzip jedoch, bei Hašeks Abenteuern zwischen Böhmen und dem Land der Burjaten und Mongolen sich an realte Orte, Zeiten, Personen und Schlüsselereignisse zu halten, führte dazu, daß ich den tschechischen Text (Kniha první: K červánkům v carské řiši, 1995) - und danach die deutsche Fassung (in einem Buch, 1998) - dort anfangen mußte, wo Hašeks Osudy dobrého vojáka Švejka (1921) beginnen: im k.u.k. Hinterland, in Prag. Um es mit Verständnis für Hašeks Švejkiaden und Trauer in Europa und Asien - nach all dem, was da im 20. Jahrhundert gewesen war - wiederum im böhmischen Hinterland, mit dem Kapitel Unterwegs (mit Švejk) in die Unsterblichkeit, zu vollenden.

Anmerkungen

[1]Hašeks Werbeplakat von Anfang März 1921. In: R. PYTLÍK u. M.LAISKE, Bibliografie Jaroslava Haška, Soupis jeho díla a literatury o něm, Praha 1960.

[2]Es waren in den 20er Jahren der tschechische Schriftsteller Ivan Olbracht (Vgl. Z. ANČÍK, O životě Jaroslava Haška, Praha 1953, S. 37) und der Vorsitzende der Deutschen Kommunistischen Partei der Tschechoslovakei Karl Kreibich (in: Jaroslav Gašek, Literatura mirovoj ecvoljucii, Nr. 6, Moskva 1932, S. 103), beide Teilnehmer des II. Kongreses der Kommunistischen internationale in Rußland im Sommer 1920, die darüber berichtet haben, daß Hašek seinen Švejk im Weltkrieg und in der Revolution bis nach China verfassen wollte.

[3]S. CORDUAS, Některé poznámky k možné reinterpretaci Švejka, in: Sborník prací Filosofické fakulty Brněnské diversity, D 28, Brno 1981, S. 19-28.

[4]Nach V. Kudělka Haškův Švejk a Chaplinův Charlie, in: Česká literatura 1983, S. 6.

[5]S. NIKOL’SKIJ,Dve épochi češskoj literatury, Moskva 1981.

[6]In: Jaroslav Hašek 1883-1983. Proceedings of the International Hašek-Symposium Bamberg, June 24-27, 1983, West Slavic Contributions, cd. by W. Schamschula, vol. 1, Frankfurt am Main, Bern, New York, Paris (Peter Lang) 1989, S. 43-131.

[7]Nach Hašeks Tod 1923 setzte in den 20er Jahren die Osudy dobrého vojáka Švejka za světové války der ehemalige Legionär Karel Vaněk fort, mit Díl V: Švejk v ruském zajetí, 184 S., und Díl VI: Švejk v revoluci, 188 S., Reprint mit Illustrationen von Josef Lada, Montreal (International Book Service) 1933; Vaněk hatte jedoch keine Kenntnisse über Hašeks Leiden und Švejkiaden in Sowjetrußland und schon überhaupt nicht von seiner „Zwangsversetzung“ als Komintern-Agent zum weltrevolutionären Dezember-Putsch 1920 nach Prag. Und so fabulierte Vaněk Švejks Abenteuer mehr vulgär als witzig und fern von Hašeks wirklichen Abenteuern und seinem Humor, bis zu Švejks Eingreifen in die demokratische Revolution in der Ukraine 1917. Die wichtigsten Ereignisse der Jahre 1918-1920 fehlen jedoch - und so kehrt Vaněks Švejk (auf den letzten vier Seiten) im Februar 1920 nur als braver Legionär nach Prag und in seine Kneipe Beim Kelch zurück. Auf eigene Weise, mit über 600 schwarz-weiß-Illustrationen und ihnen entsprechend kurz nacherzähltcn Texten, setzte Hašeks Freund und Illustrator Josef Lada die Švejk Abenteuer in der Prager Zeitung České slovo 1925-26 fort, vgl. die Buchausgabe Můj přítel Švejk, Praha (Svoboda) 1983, 319 S.; Václav Menger konzentrierte sich dagegen in dem Roman Jaroslav Hašek. Zajatec číslo 294217, Praga (Sfinx) 1934, 309 S., auf Hašeks Abenteuer in der Gefangenschaft und Revolution. Wie bereits Vaněk, so kannte auch Menger aber nicht die Wirklichkeit um Hašek im Zarenreich und in Sowjetrußland, dementsprechend fabuliert er Hašeks Abenteuer in der Ukraine ziemlich realitätsfern.

[8]Beim Verfassen seines Švejk v zajetí, Kiev (Čechoslovan) 1917, besonders aber beim Verfassen der Osudy dobrého vojáka Švejka za světové i občanské války zde i v Rusku in Praha und Lipnice 1921-1922 hatte Hašek auch den Putzfleck von Oberleutnant Lukas, František Strašlipka, vor Augen und seine unzähligen Geschichten im Ohr.

[9]P. GAN, Mit Hašeks chinesischem Freund Chen Chang-Häi alias Vanja Čang unterwegs zum Bajkal (Überlegungen zu Hašeks weltrevolutionärcm Umfeld in Asien 192.0 - mit einem Abschiedsfoto von Hašek und Vanja Čang am Irkutsker Bahnhof vom 24. 10. 1920 und einem Beitrag von Gabriel Hong „Zur Bestimmung der Lautwerte im Namen des ‘Vanja Cang’“ als Anlage). In: Sprach- und Kulturkontakte im Polnischen. Gesammelte Aufsätze für A. de Vincenz zum 65. Geburtstag, hg. von G. Hentschel et alii (=Specimina Philologiac Slavicae, hg. von Oleksa Horbatsch, Gerd Freidhof und Peter Kosta, Supplementbd. 23), München (Verlag Otto Sagner) 1987, S. 437-450. Dieser Beitrag wurde einem 60-Seiten-Manuskript entnommen, das ich Mitte der 80er Jahre, im Anschluß an die Arbeit Jaroslav Hašek als Rotarmist an der Wolga 1918, unter dem Arbeitstitel Jaroslav Hašek als Rotarmist unterwegs zum Bajkal 1920 (Kontextuntersuchung zu Hašeks Hoffnungen, Enttäuschungen und Švejkiaden inmitten der asiatischen Weltrevolution) verfaßt habe.

[10]Hg. im Selbstverlag in Göttingen im September 1989, 241 S., mit Karte von Hašeks Marschroute im europäischen Rußland bis Anfang Juni 1918. Ende des Švejk - Anfang von Hašek. Besprochen von H. PROSS, Späte Gerechtigkeit, in: St. Galler Tagblatt, 29.12.1í89, S. 3 und: Auf den Spuren des Soldaten Hašek. Bislang unerforschtes Kapitel aus dem Leben des „Švejk'-Autors. In: Augsburger Allgemeine Nr. 10/1990, S. 10.

[11]Hier im Dorf Boratyn ist mein Vater Petro Gan 1893 geboren. Er maturierte in Sokal’ am k.u.k, ukrainischen Gymnasium, kämpfte im Ersten Weltkrieg als Leutnant für den Kaiser Franz Joseph und Karl. Nach der Gründung der Zachidnio-Ukrains’ka Narodna Respublika (ZUNR) am 1.11. 1918 war er Stabsoffizier und ‘Geschichtsschreiber’ der Sokaler Brigade, welche gegen die Bolschewiken kämpfte. Nachdem er 1920 den Goldschatz der ZUNR westwärts evakuiert hatte, studierte er Ökonomie an der Vysoká škola obchodní in Prag. Als wir 1939 aus der ( SR nach Lemberg/Lwöw/Lvov/L’viv geflüchtet waren, hatte ich oft Gelegenheit, bei meinem Onkel Mykola in Borjatyn, mit Blick auf den Berg Sokal’ in der Ferne, meine Schulferien zu verbringen.

[12]Bei „Feldrecherchen“ im Sommer 1995 in der Pfarre des Mytrofornyj Protoijerej Stepan Žyhalo in Žovtanci, wo Hašeks Švejk mit einem Schweinsfest endet ([a] und wo die Rede von einem gehängten griechisch-katholischen Pfarrer ist, stellte ich fest, daß Hašek hier von der Realität abgewichen war([b]: Der totgesagte griechisch-katholische Pfarrer namens Kvpryjan Jasenyc’kyj starb erst 1949.

[13]Ich bestellte per Fernleihe der Universitätsbibliothek Göttingen fast alles, was nur in den Bibliographien, Sachtexten und Romanen wichtig erschien: M. LAISKE, R. PYTLÍK, Bibliografie díla Jaroslava Haška, Praha 1962; M. LAISKE, Hlavní literatura o životě a díle Jaroslava Haška z let 1959-1973, in: Česká literatura 1973; Sebrané spisy Jaroslava Haška, Praha (Synek) 1924-1929, 16. Bd. u. Praha (SNKLU u. Csl. spisovatel) 1955-1974, 16 Bände: B. MĚDÍLEK, Bibliografie Jaroslava Haška (do r. 1980), Praha 1983. Einige wichtige Texte wie 1.1. SOROKOVIKOV, Na zare sovctsko-mongol’skoj družby (po ličnym vospominanijam i matenalam), in: Materialy po istorii i filologii Centralnoj Azii, vyp. 2, Ulan-Ude 1965, 24-41, waren weder in LAISKE 1973 noch MĚDÍLEK 1983 enthalten: man muß daher damit rechnen, daß sich noch wichtige Materialien in bibliographisch nicht erfaßten Publikationen und in Archiven befinden.

[14]Als die wichtigste Quelle erwies sich für meinen Prosatext (1989) der vor dem 2. Weltkrieg sehr populäre tschechische Legionärsroman von J. Kopta Třetí rota, Praha i4-1930, S. 129-150, welcher von kommunistischer Zensur mit der fast gesamten „Legionärliteratur“ auf die Liste der Libri prohibiti gesetzt wurde. Diesen Zensurdruck verspürten nach dem 2. Weltkrieg noch lebende Zeitgenossen Hašeks wie sein Freund František Langer, Chefarzt der tschechoslovakischen Legion in der Ukraine und auf dem Rückzug von der Wolga nach Sibirien. Im Vergleich zu seinen Erinnerungen von 1926 in Za cizí máto, in: Za svobodu. Obrazová kronika československého revolučního hnutí na Rusi 1914-1920, red R. MEDEK, O. VANĚK, V. HOLEČEK, Praha 1926, Bd. III (wo Langer über den Ausbruch der tschccho-slovakischcn Volga-Flotille von Samara gegen die Bolschewiken in Kazan’ Mitte Juli 1918 und von der Eroberung des Zarenschatzes Anfang August berichtet) darf er in seinen Nachkriegsennnerungen Byli a bylo, Praha 1963, S. 76-80, über den „Anarcho-Strategen“ Hašek in Kiev zwar liebevoll lächeln, über seine Einstellung Lenin und seinen Bolschewiken gegenüber aber muß er schweigen.

[15]Hier war es (1989, S. 151) nötig, folgende Fußnote hinzuzufugen: In Ten Days, That Shook The World (erschienen in New York im März 1919, deutsch in Wien 1927 mit Vorwort von Egon Erwin Kisch) berichtet JOHN REED u.a. über den Einsatz des linken Sozialrevolutionärs Oberst Muravëv bei der militärischen Sicherung des Oktoberumsturzes von Petersburg gegen die heranrückenden Truppen des Ministerpräsidenten Kerensij. Nachdem das Militär-Revolutionäre Komitet im Smolnyj-Palast durch chaotische Befehle die Revolution beinahe verloren hätte, organisierte Muravëv über Nacht aus den Roten Garden und Matroseneinheiten der Volkskommissare Antonov-Ovsienko und Dybenko eine „revolutionäre Armee“ - und siegte! Dem 1. Band der Zapiski o graždanskoj vojne (Notizen zum Bürgerkrieg) von V. A. ANTONOV-OVSIENKO (Bd. 1-4, Moskau 1924-1933) kann man entnehmen, daß der Retter der Revolution Muravëv - für die Bolschewiken zu populär und gefährlich geworden - unmittelbar nach dem Sieg bei Carskoe Selo von dem Militär-Revolutionäre-Komitet im Smolnyj-Palast entlassen wurde. Anfang 1918 hat ihn dann Antonov-Ovsienko bei seinem Feldzug gegen die Ukrainische Volksrepublik als Stabschef eingesetzt.

[16]Zu den wichtigsten Persönlichkeiten um Hašek in der Ukraine, die in Who was who? zu erfassen wären, gehört Jindřich Jindřišek. Dazu P. GAN, Pod ikonou čudotvorce Mikuláše. K osudům Haškova kyjevského „sponzora" Jindřicha Jindňška, in: Havlíčkobrodsko. Vlastivědný sbomik c. II, 1995, S. 49-52. Jindřišeks Foto in: K vítězné svobodě 1914-1918-1928, hrsg. von Památník odboje v Praze 1928.

[17]An diesem Tag fing in Kronstadt vor Petersburg der Aufstand der Anarchisten und Sozialrevolutionäre gegen die Einparteidiktatur der Bolschewiken an. Es wäre zu untersuchen, ob Hašeks schöpferische Tat an jenem Tag als Solidaritätsakt mit dem Aufstand in Kronštadt nicht in Zusammenhang gebracht werden könnte.

[18]In: Byli und bylo von F. LANGER 1963.

[19]Die Ukrainerin Irenka, Telephonistin in Kiev-Podol, brauchte ich in der Fassung von 1989 als fiktive Gestalt, in der sich in Arbeit befindenden deutschen Fassung 1997-1998 der Abenteuer des braven Anarchisten Jaroslav Hašek im Reich der Zaren und Kommissare werde ich ohne sie auskommen, u.a. weil ich keinen Beleg dafür habe, daß Hašek in Kiev irgendeine Beziehung zu einer Frau gehabt hätte. Hašeks Schwager Jaroslav (Slávek) Majer, ein Architekt, wanderte vor dem 1. Weltkrieg von Prag nach Charkov aus und war dort tätig. Er besuchte Hašek in Kiev.

[20] Hradec Králové, 1977.

[21]Ebenda, S. 35. Die Information von Hašeks Bekanntschaft und Freundschaft in Kiev im Februar 1918 "S vůdčími sovětskými představiteli... že jsou to velmi schopní lidé“ , hatte Pospišil direkt von dem „roten“ Emissär Hašek, mit dem er als engster Mitarbeiter ab Ende April 1918 in Samara die Kriegsgefangenen-Transporte aus Sibirien durchforstete und Austrijaken am Samara-Bahnhof für Hašeks „2. Tschecho-slovakischen revolutionären Corps“, für den Feldzug on der Wolga nach Böhmen, angeworben, hatte (etwa nur 120 Mann). Pospíšil berichtet auch als Augenzeuge, aber sehr verschleiert, wie Hašek mit seinen „Internationalisten“ im Aufstand der linken Sozial-Revolutionäre (Maximalisten) und Anarchisten Mitte Mai 1918 die Aufständischen Unterstützte: J. POSPÍŠIL, Ze vzpomínek bojovníků, Hašek v Samaře. In: Hlas revoluce, 1956. Haškovo dobrodružství s anarchisty. In: Rovnost 1970, c. 122, S. 6. Außerdem war Pospíšil dabei, als der Oberkommandíerende der Wolga-Front, der linke Sozialrevolutionär Oberst Muravëv, schon in Kiev als „velmi schopný“ bewundert, die gesamte Wolga-Front samt der tschecho-slovakischen Legion (und mit Hašeks Internationalisten) am 10. Juli 1918 zum Feldzug gegen das Komisaroderžavie der Bolschewiken in Moskau und darauf zum weltrevolutionären Endsieg am Rhein aufgerufen hatte. Worauf Muravëv im Morgengrauen des 11. Juli 1918 von dem Bolschewiken ermordet wurde.

[22]Vgl. P. GAN, Hašek an der Wolga, 1989, S. 43-131.

[23]Praha (Naše vojsko) 1957, Dokumenty, edice Svazu protifašistických bojovníků, sv. 57, 320 S. Křížek 1957, S. 146.

[24]Vgl. „Čechoslovan“ vom November 1917 bis zur letzten Ausgabe in der Ukrainischen Volksrepublik am 14.1.1918 mit den letzten Nummern im „roten“ Kiev am 17. und 24. Februar 1918.

[25]Vgl. Malý feuilleton, "Čechoslovan", 17. Februar 1918; erschienen an dem Tag, als Trockij die Friedensverhandlungen in Brest-Litovsk aus Protest verlassen hatte.

[26]Prager anarchistische Zeitschrift, die Hašek vor dem 1. Weltkrieg redigierte.

[27]Doneck 1966.

[28]I. PEČORIN, Polkovnik Muravëv, Moskva 1918; veröffentlicht noch im März, als Muravëv von Bolschewiken in Moskau unter Hausarrest gestellt wurde bzw. als Nachruf nach seiner Ermordung von Bolschewiken in Simbirsk im Juli 1918.

[29]Bd. I-IV, Moskva 1924-1933.

[30]Pochoždenija bravogo soldata Svejka vo vremja mirovoj vojny. Cast’ 1. V tvlu. Vstup. stat ja V. Antonov-Ovsienko. Moskva-Leningrad (Gosizdat) 1929, 256 S.

[31]J. HAŠEK, 1914-1917. Jubilejní slavnost čsl. pluku Jana Husi 28. záři naděn sv. Václava. In: Čechoslovan, 8.10.1917.

[32]Vgl. A. KAČAN. Perša ukrajins’ka Škola Staršyn v oborony Kyjeva pid čas nastupu Muravjova (Spomyny), in: Ukrajins’kyj Kombatant. Orhan Sojuzu Ukrajins’kvch Veteraniv, č. 8, Mjunchen 1962, S. 34-37.

[33]In der Fußnote übersetzte ich es als Ruhm bzw Stolz der Ukraine. In der Diskussion nach meinem Vortrag an der Universität L’viv im Herbst 1995 über die Quellen von Osudy c.k. anarchisty Jaroslava Haška v ríši carů a komisařů (1995) war ich erstaunt, daß die anwesenden jüngeren ukrainischen Geschichtsforscher von dem Panzerzug Slava Ukrajiny in der Schlacht um Kiev Anfang Februar 1918 nichts wußten.

[34]Zu Füßen des sitzenden schwerbewaffneten A. POLUPANOV, Photographie in: Bronepoezd Svoboda ili smerť. Doneck 1966.

[35]Zur Persönlichkeit von Vanja-Chang in der Roman-Fassung und in der Kontextuntersuchung (Photo mit Hašek am Bajkla 1920) vgl. P. GAN 1987.

[36]Das Portrait und die Gemütserregungen von Muravëv erfaßten vor allem V. A. ANTONOV-OVSIENKO, Bd. 1, Moskva 1924, und I. PEČORIN, Moskva 1918.

[37]Ich verwendete Muravëvs Photographie mit zaristischer Offiziersmütze aus Antonov-Ovsienko, Bd. II, 1928, S. 11. Es muß aber Muravëv auf Photos und in Filmdokumenten aus den Jahren 1917-1918 geben, bevor sein Name in die Archive verbannt wurde.

[38]Vgl die Rede von Muravëv aud der Kettenbrücke in Kiev. I. PEČORIN, 1918

[39]Vgl. die kurze russische Inhaltsangabe des Radiogramms v. 5.2.1918 in V.A. Antonov-Ovsienko, Bd. 1, Moskva 1924, S. 151, mit dem ungekürzten ukrainischen Text in Visnyk Ukrajins’koji Narodnoji Respubliky Nr. 24, 29.1.1918, wo als ukrainische Vertreter in Brest-Litovsk Šachraj und Medvedev genannt werden und wo der Name Trockij fehlt.

[40]Zitiert nach F. POSPÍŠIL, 1977, S. 39.

[41]Nach dem gescheiterten Aufruhr in Moskau Mitte März 1918 gegen Lenins Brest-Litovsker Vertrag und der Inhaftierung Muravëvs und des Kommissars der Baltischen Flotte Dybenko wurde der verbeulte Panzerzug, mit dem angekoppelten Pulman Salon-Waggon Muravëvs, zur Reparatur in die Eisenhüttenwerke nach Kolomna an der Oka geschickt. Polupanov veröffentlicht in seinen Erinnerungen 1966 u.a. ein Gruppenfoto der Besatzung des Panzerzuges im Frühjahr 1918 in Kolomna, zu der - als seine Lebensgefährtin in dem luxuriösen Salon-Waggon mit Kristal-Leuchtern, einem Gasherd und warmer Dusche - eine noble Dame mit weißen Handschuhen gehört, die Ehegattin eines Ingenieurs aus Kolomna. Sie rettete Polupanov Ende 1918 an der Wolga das Leben, nachdem Muravëv von Bolschewiken am 11.Juli 1918 in Simbirsk ermordet und somit die Gründung seiner Sovetskaja Povolžskaja Respublika vereitelt wurde (für die sich Hašek an Muravëvs Seite eingesetzt hatte, vgl. Gan 1989, Hašek an der Volga, S. 80-82). In dem entstandenen Chaos in Simbirsk haben Polupanovs Panzerzug, der in Kolumna reumütig in LENIN umbenannt wurde, die tschecho-slovakischen Legionäre erobert und ihn in ORLÍK umbenannt. Worüber Polupanov schweigt.

[42]Hašeks Aufruf während der öffentlichen Sitzung am Sonntag, dem 24.2.1918 in Kiev, als die Československá revoluční Rada dělníků a vojáků gegründet wurde, zitiert nach J. KŘÍŽEK 1957, S. 166.

[43]Präsident Wilson hatte den Österreichern in geheimen Verhandlungen am 15. Februar 1918 einen separaten Frieden und die Erhaltung des Vielvölkerstaates an der Donau als eine Art konstitutionelle Konföderation angeboten.

[44]Nach T.G. MASARYK, Světová revoluce, Praha 1926.

[45]Dieses Ziel verfolgte Hašek noch in Samara im Mai 1918. F. LANGER in Byli a bylo, 1963, schildert, wie sich Hašek in seinem Werbe-Büro am Samara-Bahnhof, in friedlicher Konkurenz zu dem Büro der tschecho-slowakischen Legion nebenan und im Namen von Professor Masaryk, um das Anwerben der aus Sibirien heimkehrenden Kriegsgefangenen, Tschecho-Slowaken, für seinen 2. Revolutionären Korps bemühte. Und dabei aus den Gulaschkanonen der Legion verköstigt wurde.

[46]In: Za svobodu. Pod vedením T.G. Masaryka, Bd. III, Praha 1926, S. 5.

[47]Nach V.A. ANTONOV-OVSEENKO, Bd. I, 1924, S. 168.

[48]Von der nach Kiev heranrückendcn deutschen Vorhut berichtet anhand von Archivdokumenten ausführlich M. KLANTE. Von der Wolga zum Amur (die tschcchische Leuten und der Bürgerkrieg), Berlin-Königsberg 1931, S. 124-128.

[49]Vgl. V.A. ANTONOV-OVSEENKO. Bd. II, 1928, S. 25, mit sehr lückenhaften Erinnerungen von A. POLUPANOV, 1966..

[50] Den Erinnerungen von Hašeks Charkover Schwager Josef Mayer nach, in: J. PYTLÍK, Náš přitel Hašek, Praha 1979, S. 161, ging Pytlík nie der Frage nach, was für eine Redaktion sich in den zwei Waggons von Hašek befunden hatte. Und was Hašek Anfang März 1918, unterwegs von Kiev über Charkov zum Vereiteln der Ratifizierung des Brest-Litovsker Friedensvertrages in Moskau, alles gegen die Bolschewiken um Lenin geschrieben bzw. gedruckt hatte.

[51] MÁTÉ ZALKA, Jaroslav Hašek v rudé ruské armadě. Středisko, c. 2, Praha 1931-32. S. 164- 166; Übersetzung ins Tsehechischc aus Sovetskoe iskusstvo, Nr. 10, 1932. Als ich Anfang der 80er Jahre den Quellen nachgehen wollte, habe ich aus Budapest die Antwort erhalten, daß die russischen Tagebücher des ungarischen Internationalisten und Schriftstellers Máté Zalka, im Archiv des ZK der KP, für die Geschichtsforschung gesperrt seien. Als ich Anfang der 90er Jahre, nach über zwanzig Jahren wieder in Prag, Mate Zalkas Erinnerungen an Hašek in Kiev 1919 dem auf Hašek in den 70er und 80er Jahren monopolisierten Biographen Radko Pytlik gezeigt habe, stellte ich ihn) die Frage: Wußten Sie es - oder durften Sie darüber nicht schreiben? Ist Ihnen bei der Mitarbeit an der Bibliographie Jaroslav Hašeks von B. MEDÍLEK, Praha 1983, S. 136, nicht aufgefallen, daß es bei Hašeks Veroffentlichungen in den Zeitschriften der Roten Armee in Baškirien vom 2 2. bis 11 6.1919 eine Lücke gibt? Radko Pytlik wußte es nicht: vgl. S. 261 in seiner Zpráva o Jaroslovu Haškovi (Toulavé house), Praha (Panorama) 1982, 308 S. und S. 267 in Toulavé house (Život Jaroslava Haška), Praha (Emporius) 1998, 318 S.

[52]Moskva 1933. Kap. 13. Konflikt s Machno, S. 299-326.

[53]In P. Gan, 1987.

[54]P. GAN, Abenteuer des asiatischen Weltrevolutionärs Jaroslav Hašek unterwegs vom Bajkal in die Mongolei 1920, (15 S. mit J. Hašek und Vanja Chang auf dem Irkutsker Abschiedsfoto v. 24.10.1920, in: Slavica poetica et comparativa, hg. R. Grübel, U. Jekutsch u. W. Kroll, Wiesbaden (Harrassowitz) 2000.

Remarks [Jomar Hønsi, 2012]

[a]The "Schweinfest" (Vepřova hoda) did, according to the novel, take place in "Klimontów" (assumed to be Kolodno). This village is located 3 km east of Žovtanci across the railway line. So if anything the executed priest should be looked for there, not in Žovtanci. But this is probably irrelevant, considering Hašek's habit of moving events about quite liberally, both in time and space. See below.

[b]The final chapter of Švejk can not be regarded as authentic, at least not in a geographical sense. Records from VÚA (Central War Archive, Prague) reveal that Hašek's IR91 only spent a few hours here on 16 July 1915, effectively little more than a lunch break. It must therefore be assumed that Hašek's source of inspiration for the events in this chapter is from somewhere else.

[c]Thessaloniki was never "liberated". It was Greek territory from 1913, occupied by Entente forces in 1915 and remained under allied control for the rest of the war. A number of Black Hand leaders were tried by the Serbian Gvt. in exile, but not by the British.

[d]To describe Grigoriev a "social revolutionary" is debatable. He seems to have been an opportunist, and as brutal as any war-lord in the Russian Civil War.

[e]The whole story of Hašek's stay in the Ukraine rests solely on Maté Zálka's account, and it must be regarded with suspicion. Zálka himself was never in the Ukraine in 1919, he only met Hašek in Krasnojarsk in 1920. This is second/third-hand information and to judge by Zálka's account on Hašek's death in the same article, it is unreliable (Hašek was according to Zálka found strangled in a canal in Prague). The information seems to be a mix-up with Hašek's activities in Krasnojarsk in early 1920. Gan's assertion that this is "tabuised" hardly holds, the "Středisko" article is duly mentioned in Bibliografie Jaroslava Haška (1983). Still Gan has a valid point when he states that no-one can fully account for Hašek's whereabouts during the period when Kolchak's army occupied Ufa in the spring of 1919.