Josef Švejk

Documents

REALIEN UND PSEUDOREALIEN IN HAŠEKS ŠVEJK

Antonín Měšťan. © Walter Schamschula.

Vorbemerkung

mestan.jpg
Antonín Měšťan

Dieser Aufsatz von A.M. erschien ursprünglich in West slavic contributions/Westslawische Beitrage, Jaroslav Hašek 1883-1983, Proceedings of the international Hašek-Symposium, Bamberg, June 24-27, 1983. Er stellt eine der umfassendsten und fundiertesten Untersuchungen der Fakten und scheinbaren Fakten in Jaroslav Hašeks berühmtem Roman dar, die jemals publiziert wurde. Seine Bandbreite beeindruckt, und die Zahl der in dieser umfangreichen Dokumentation enthaltenen Irrtümer ist sehr gering. Wollte man irgendetwas darin verbessern, so wäre es der Abschnitt zur Geographie, der zu knapp gefasst ist, um der ungeheueren Zahl von Ortsnamen gerecht zu werden, die im „Švejk“ erwähnt werden. M. stellt auch die Annahme vieler Hašek-Forscher in Frage, der Autor hätte kaum auf geschriebenes Referenzmaterial zurückgegriffen, und kommt zu dem Ergebnis, daß er sehr viel systematischer arbeitete, als man bislang angenommen hatte.

Fragliche Stellen sind so gekennzeichnet und in den Anmerkungen des Herausgebers dieses Textes (mit a-z bezeichnet) erläutert. Die meisten der Irrtümer hat Měšt’an aus seiner bei weitem nicht so überzeugenden Untersuchung "Jestě jednou o Švejkovi" übernommen. Tippfehler im hier vorliegenden Text sind fast ausschließlich bei seiner Digitalisierung entstanden und werden fortlaufend bereinigt. Dank an Hans-Peter Laqueur für seine kritische Lektüre meiner Kommentare sowie vor allem dafür, das er mich auf Měšťans Publikationen über Švejk aufmerksam machte.

Antonín Měšťan (1930-2004) war ein bedeutender tschechische Literaturhistoriker, Übersetzer und Slawist, der über lange Jahre an der Universität Freiburg/Br. lehrte.

Jomar Hønsi

Einleitung

Bei der Aufdeckung der Realien in Hašeks wichtigstem Werk ist bereits manches geleistet worden. So wissen wir, daß eine ganze Galerie von Handlungspersonen reale Vorbilder besaß - der Oberleutnant Lukáš war in Wirklichkeit ein Oberleutnant Rudolf Lukas, Major Wenzel existierte unter seinem eigenen Namen ebenso wie der Rechnungsfeldwebel Jan Vaněk oder der Kadett Johann Biegler (dieser meldete sich sogar 1955 aus der DDR). Der Prototyp des Leutnants der Reserve Dub war angeblich der Reserveleutnant Mechálek, und das Vorbild für den Josef Švejk war angeblich der Offiziersbursche Strašlipka.

nfp_przemsyl.png
Neue Freie Presse über die Wiedereroberung
von Przemyśl, 3.6.1915

In meinem Artikel Jestě jednou o Švejkovi (in: Proměny /Washington, Jg. 19/1982, Nr. l, 25-28), habe ich zu klären versucht, wann die verschiedenen Begebenheiten in Hašeks Roman stattfinden sollten. Dabei konnte ich die mehrzahl der Ereignisse bis auf den Tag genau datieren. So verhaftete etwa Bretschneider Švejk im "Kelch" am 29.6.1914, wurde Švejk am 29.7.1914 aus der Abteilung für Geisteskranke im Prager Katharinen-Krankenhaus hinausgeworfen, gewann Oberleutnant Lukas am 15.12.1914 Švejk im Kartenspiel mit dem Feldkurat Katz. Bedeutsamer ist die Feststellung, daß Švejk im Frühjahr 1915 mit dem 91. Regiment in Budweis kaserniert war und sich danach etwa von April bis zum 23.5.19 15 mit seinem Regiment in Királyhida (Most nad Litavou, bzw. Bruck a.d. Leitha) befand. Am 26.5.19 15 mußte Švejk in Humenné in der Slowakei die Flasche Kognak auf einen Zug leeren. Am 28.5.1915[a] gelangte Švejk in Galizien versehentlich in österreichische Gefangenschaft und wurde am 3.6.1915[a] aus dem Garnisonsgefängnis in Przemyśl entlassen. Švejk erreichte dann etwa Mitte Juni 1915 wieder seine Einheit im Dorf Klimontów, Der letzte Satz, den Hašek in seinem Roman zu Papier bringen konnte, lautet: "Připomínám si to zejména dnes, kdy naše vojska v dohledné době překročí hranice[1]". Diesen Satz sprach Leutnant Dub aus - und er sprach die Wahrheit. Am 1.7. 1915[b] begann die deutsch-österreichische Offensive in Galizien, und so überschritt auch Švejks Zug bald dig damalige russisch-österreichische Grenze, die nicht mehr allzufern war.

Die Ereignisse von April bis Juni 1915 spiegeln so, wie sie im Roman Josef Švejk erlebt, in beträchtlichem Maße das wider, was damals auch Jaroslav Hašek erlebte. Hašek kam, wie Švejk, im Mai 1915 mit dem 11. Zug[c] des 91. Regiments von Budweis nach Bruck a.d. Leitha. Švejk rückte am 23.5.1915 aus Bruck nach Galizien ab, Hašek fünf Wochen später - am 30.6. 1915. Beide legten denselben Weg zurück[d]. Die Abenteuer seines Helden schilderte Hašek bis zum juni 1915, also bis zur Zeit unmittelbar vor Beginn der österreichischen Offensive. Hašek erreichte die Station Żółtańce erst Mitte 1915, einen Monat später als Švejk, als die Offensive bereits in vollem Gange war. Von irgendeinem "Debakel" für die österreichische Armee kann überhaupt keine Rede sein, denn die russische Armee trat rasch den Rückzug an, und die Österreicher nahmen zahlreiche Russen gefangen (auch Hašek machte einige Gefangene). Übrigens: auch im Roman ist keineswegs von Mißerfolgen der österreichischen Armee die Rede, ganz im Gegensatz zu den Überschriften des dritten ("Slavný výprask") und vierten Teils ("Pokračování slavného výprasku").

Mann könnte weiterhin eine Charakteristik Josef Švejks erstellen, wie sie sich aus den Angaben des Romans ergibt - auch dies habe ich übrigens in meinem angeführten Artikel versucht.

In der vorliegenden Studie geht es mir jedoch um etwas anderes, ich möchte mich mit der Frage befassen, bis zum welchem Grade die Angaben der Wirklichkeit entsprechen, die Hašek in seinem Roman macht und die den Anschein der Authentizität erwecken sollen. Mit anderen Worten: wo liegt die Grenze zwischen Realien und Pseudorealien? Ich möchte gleich hinzufügen, daß ich mich nicht der Illusion hingebe, ich könnte mit hundertprozentiger Sicherheit feststellen, welche Namen handelnder oder erwähnter Personen (es sind ihrer Dutzende) sich auf tatsächlich existierende Menschen beziehen, oder es ließe sich die Authentizität aller Zitate und angeführten Werke nachkontrollieren. Dennoch glaube ich, daß es von nicht geringem Interesse sein dürfte, wenigstens das auszubreiten, was mir festzustellen gelang. Es wäre zu wünschen - und offensichtlich haben viele den Wunsch daß dereinst eine kommentierte Ausgabe des Švejk erscheint, in deren Anmerkungen sich nachlesen läßt, was in Hašeks Text auf Realität beruht, und was der auktorialen Fiktion angehört.

soldatenfreund.jpg
Soldatenfreund Kalender

Betrachtet man in Hašeks Švejk alle Erwähnungen von Heiligen, Herrschern, Heerführern, Künstlern und Wissenschartlern von der Antike bis in die 20er Jahre unsere Jahrhunderts, weiter die Titel wissenschaftlicher und literarischer Werke, die Zitate aus der Bibel, aus behördlichen Dokumenten, literarischen Werken und aus der Presse, aber auch die historischen und geographischen Angaben über verschiedene Länder, so ist man von der - zeitlichen, geographischen und fachlichen - Menge und Vielfalt dieser Realien überrascht. Der Mystifikator Hašek erweckt in uns jedoch Mißtrauen, und so neigen wir zu dem Schluß, ein großer - wenn nicht sogar der überwiegende - Teil dieser Angaben sei ungenau, verstümmelt oder gänzlich falsch.

Wir wissen, daß Hašek einen beträchtlichen Teil seines Romans in der Abgeschiedenheit in Lipnice schrieb. Dies könnte die These erhärten, daß Hašek bei der Abfassung seines Romans über Švejk ohne die verschiedensten Hilfsmittel auskam - besser gesagt: auskommen mußte. Die Augenzeugen von Hašeks Aufenthalt in Lipnice in den Jahre 1921 -1922 hinterließen uns jedoch Berichte, nach denen der Schriftsteller nicht gänzlich aus dem Gedächtnis schuf. Vladimír Stejskal erwähnt in seinem Buch Hašek na Lipnici (2. Aufl. Havlíčkův Brod 1954), der Autor habe die schwachsinnigen Histörchen über die unglaublich heldenhaften Taten der österreichischen Armee oft aus alten Kalendern des Vincentinum sowie aus alten, deutsch verfaßten österreichischen Kalendern geschöpft[2]. Weiter erwähnt Stejskal (89), Hašek habe zeitweilig beim Diktieren des Textes des Švejk eine Landkarte studiert. Ich bin davon überzeugt, daß Hašek wahrend der Abfassung des Romans noch weitere Hilfsmittel zur Verfügung hatte, wie ich im folgenden auch beweisen kann.

Hašek schrieb seinen - unvollendeten - Roman im Verlauf von 23 Monaten, von Februar 1921 bis Dezember 1922. Von Februar 1921 bis August 1921 arbeitete er an ihm in der Wohnung František Sauers am damaligen Kollárplatz 22 [e] in Prag-Žižkov, von August 1921 bis November 1922 lebte und arbeitete er in der Gastwirtschaft "U koruny"[f] in Lipnice sowie im November und Dezember 1922 in einem eigenen kleinen Haus in Lipnice. Es läßt sich bezweifeln, daß er an diesen drei Orten Lexika, Enzyklopädien und Fachliteratur zur Verfügung hatte. Er mußte sie offensichtlich anderswo einsehen, was in Lipnice, - wo der grundlegende Teil des Textes entstand, - sicher nicht einfach war[3].

Die Antike

Betrachten wir zunächst die Erwähnungen der Antike. Diese beginnen bereits im "Vorwort" des Romans, mit dem Alexander von Makedonien genannt wird (eine weitere Nennung seines Namens (1.151/156 - ist ohne Belang). Auch sein Vater, Philipp von Makedonien, wird angeführt (I.163/569) - offensichtlich, um die Aufgeblasenheit des Leutnants Dub zu charakterisieren, der im Zivilleben Gymnasialprofessor ist. So fragt Leutnant Dub Švejk: "Ve kterém - roce Filip Makedonský - porazil - Římany..." Švejk kann dies natürlich nicht wissen. Im "Vorwort" erwähnt Hašek auch, Herostratos habe den Tempel der Göttin in Ephesos in Brand gesteckt. Und an einer Stelle heißt es über Švejk (I.367/377): "Vypadal jako řecký bůh zlodějství ve střízlivé uniformě rakouského infanteráka.”

Die Kenntnisse der Antike dienen noch an anderer Stelle zur Verspottung des Leutnants Dub, - als dieser Švejk drohend sagt (II.98/504): "U Filipi se sejdeme", im Text heißt es dann weiter: "'Cože ti říkal?' obrátil se k Švejkovi Jurajda. Ale dali jsme si schůzku někde u Filipy, voní tihle vzdeáení páni bejvají obyčejné buzeranti.'" Natürlich geht es, - was Švejk mißversteht,- um die bekannte Redensart "bei Philippi sehen wir uns wieder", die aus Plutarchs Lebensbeschreibung des Brutus stammt.

Die Erwähnung Xenophons und seiner Anabasis gleich im ersten Satz das Kapitels "Švejks Budweiser Anabasis" (I.222/227) soll dagegen die tschechischen Schriftsteller und Journalisten lächerlich machen, die den Zug der tschechoslowakischen Legionen in Rußland quer durch Sibirien bis nach Vladivostok (in den Jahren 1918- 1920) als "Anabasis der Legionäre" bezeichneten [g].

Marek sagt an einer Stelle (I.262/259): "Ikarus si spálil křídla... Došlo i na Kartágo, z Ninive udělali zříceniny..." Caesar wird zweimal im Roman angeführt (I.222/227, II.274/682), Kaiser Nero (I.37/40), Sokrates (I.67/71) und Mucius Scaevola (I.57/62) jeweils einmal. In einem fingierten Zitat aus dem Prager Amtsblatt (Pražské úřední noviny) heißt es: "...Mucius Scaevola dal se odvéstl do boje, nedbaje své upálené ruky", was natürlich nicht dem tatsächlichen Sachverhalt entspricht. Augenscheinlich wird hiermit die stupide Speichelleckerei der offiziellen Zeitungen im Sommer 1914 ironisiert.

Dennoch besaß Hašek wohl kaum hervorragende Lateinkenntnisse. So zitiert er die geflügelte Redensart (I.263/270) "Morituri te salutant, caesar!, um sie dann wie folgt zu übersetzen: “Mrtví tě pozdravují..." - selbstverständlich müßte es heißen “Jdoucí na smrt té pozdravují..." (Grete Reiner behielt die fehlerhafte Übersetzung bei /270/: "Die Toten grüßen dich, Kaiser!”).

Den betrunkenen Feldkuraten Katz laßt Hašek Ovids Metamorphosen wie folgt zitieren (I.106/110): "Aurea prima satas aetas, quae vindice nullo."

Alle diese, die Antike betreffenden Erwähnungen beruhen wohl auf Kenntnissen, die Hašek während seines relativ kurzen Besuchs des Gymnasiums (das er im Alter von vierzehn Jahren verließ) erlangte. Nach einem vierteljahrhundert tauchten diese Kenntnisse bei der Niederschrift des Romans wieder aus seinem Gedächtnis auf.

Die Bibel

Eine weitere Gruppe von Hinweisen, Paraphrasen und Zitaten hängt mit der Bibel zusammen. Die kurzen Erwähnungen der Rose von Jericho (I.348/355), des rothaarigen Esau (I.311/317) oder Golgathas (I.22/25) sind von geringem Belang, ebenso der Hinweis auf die liturgische Bedeutung der violetten Farbe an Ostern (I.26/29) oder die Zitate "Ita, missa est!" (I.85/90) und "Dominus vobiscum - et cum spiritu tuo” (I.103/107). Von Interesse ist dagegen die exakte Wiedergabe des ganzen langen Textes des sogenannten Lourder Liedes (II. 175-177/561-582). Bedeutsam sind auch dte Bibelzitate, so verkündet Švejk (I.130/143): "V Malešicích byl jeden šenkýř, písmák, který na všechno měl citáty z Písma svatýho, a když někoho pral bejkovcem, vždycky říkal: Kdo šetří metly, nenávidí syna svého; ale kdo ho miluje, včas jej tresce, já ti dám, prát se ml v hospodě.'" Es handelt sich um ein wörtliches - allerdings sichtlich ergänztes - Zitat aus dem Alten Testament, und zwar aus dem Buch der Sprüche (13,24). Der Einjährigfreiwillige Marek benutzt ebenfalls Bibelzitate, insbesondere beim Kartenspiel (II.155/561): "Rabuje spodka zvolal: Pane, ponechejž mně tohoto spodka i tohoto léta, ať jejž okopám a ohnojím, ať mně přinese ovoce.’“ Dies ist ein wörtliches - jedoch wiederum sichtlich ergänztes - Zitat aus dem Lukasevangelium (13,0) des Neuen Testaments. Und weiter (II.155/561): "Ale žena nékterá, mající grošů deset, ztrat1la-li by jeden groš zdaliž nezazže svíce a nehledá pilné, dokud nenalezne? A když nalezne, svolá sousedy a přítelkyně řkouc: 'Spolu radujte se se mnou, neboť rabovala jsem osmičku a v kartách přikoupila trumfového krále s esem!". Ein Teil dieser Rede ist ein fast wörtliches Zitat aus Lukas 15,8. Und noch weiter (II.155/561): "A zemětřesení veliká budou po místech a hladové a morové hrůzy a zázrakové z nebe velicí." Wiederum ein wörtliches Zitat aus dem Neuen Testament, diesmal aus Lukas 21,11. Wie man sieht, findet der Einjährig-freiwillige Marek besonderen Gefallen am Lukasevangelium, und zwar in der version der Kralitzer Bibel.

Ungenau ist eine Bibelparaphrase in einer Passage, in der geschildert wird, wie Švejk nach längerer Trennung dem Oberleutnant Lukáš begegnet. Hašek schreibt (I.367/377): "Asi s takovým zalíbením se díval marnotratný, ztracený a opět nalezený syn na svého otce, když ten k jeho poctě otáčel na rožni berana." in Lukas 15,23 ist nicht von einem Schaf die Rede, sondern von einem gemästeten Kalb, das der Vater des verlorenen Sohnes zur Foler von dessen Rückkehr schlachten ließ.

Der entschiedene Atheist Hašek ließ seinen Gefühlen im Roman vor allem dadurch freien Lauf, daß er Informationen über katholische Heilige in absurder Weise entstellte. So erzählt Švejk (I.23/27): "...pálili (mu - A.M.) boky hasičskou pochodní, jako když ho na nože bere, a nepřestal, dokud ho neshodili z Eliščina mostu v nepromokavém pytli". Bekanntlich wurde Johannes Nepomuk im 14. Jahrhundert auf der Karlsbrücke hingerichtet. Die Franz-Joseph-Brücke - bis 1918 oft als Elisabethbrücke bezeichnet (sie mündete in die Elisabethstraße, heute Revoluční), - an deren stelle sich heute die Jan Sverma-Brücke befindet, war zum Zeitpunkt der Niederschrift des Romans erst ein halbes Jahrhundert alt, so daß Švejks Hinweis auf den Hinrichtungsort offensichtlich eine humoristische Wirkung erzielen sollte.

Bezüglich des Hl. Augustinus wird behauptet (I.129/135), er habe diejenigen verdammt die an die Antipoden glauben [4] und dem Hl. Pellegrirtus wird die Fähigkeit zugeschrieben, das Vieh heilen zu können (I.370/380), während der Hl. Peregrinus (Pellegrin) in Wirklichkeit für die katholische Kirche der Patron der Gebärenden, der Wöchnerinnen und der Lohnkutscher ist.

Über den Hl. Adalbert (Vojtěch), einen der Schutzpatrone Böhmens, äußert sich Hašek sehr abfällig (I.117/120): "Nie se nezměnilo od té doby, kdy loupežník Vojtěch, kterému přezdéli 'svátý', účinkoval s mečem v jedné a křížem v druhé ruce při vraždění a vyhubení Pobaltických Slovanů,” Dem Hl. Johannes Chrysostomus werden folgende Worte zugeschrieben (I.130/143): "Kdo ctí knéze, ctí Krista, kdo příkoří Činí knézi, činí příkoří Kristu Pánu, jehož zástupcem právě kněz jest.” In der Tat ist der Hl. Johannes Chrysostomus als Verfasser einer Schrift über die priestertiche Würde bekannt.

Den Profoß im Gefängnis der Budweiser Kasernen redet der Einjährigfreiwilliger Marek mit dem Satz an (I.255/271): "Jak je to vznešené a krásné vězně navštěvovat!, svátá Anežko 91. regimentu!" Die Hl. Agnes gilt zwar als Schutzpatronin der Jungfrauen und der Gärtner, sie wird jedoch auch als Beschützerin in der Not verehrt.

Das gute Herz des Obersten Fiedler charakterisiert Švejk folgendermaßen (II.1 115/521): "Von byl vám tak hodnej jako svatej Martin, kterej rozdával martinský husy chudéjm a hladovejm." in mittelalterlichen Legenden (vor allem im Rheinland) verteilte der Hl.Martin tatsächlich Geschenke, insbesondere Gänse, an die Armen.

Die Tatsache, daß der Hl.Joseph Zimmermann war, interpretiert der Einjährigfreiwillige Marek auf seltsame Art (I. 136/542). "Vždyť on je, Baloune, vlastně patronem všech těch, kteří se chtějí dostat z vojny. On byl tesařem, a znáte přece heslo: 'koukej, kde tesař nechal díru. " Es handelt sich natürlich um die bekannte Redensart.

Das 19. Jahrhundert

Beträchtliche Aufmerksamkeit widmet Hašek historischen Ereignissen des 19. Jahrhunderts. Auf eigenwillige Art läßt er Švejk alle Ursache für die Niederlage Napoleons bei Waterloo erklären (I.210/216): "Napoleon se u Waterloo vopozdil vo pět minut a byl v hajzlu s celou svou slávou..." Der Lebenslauf des Kaisers Franz Joseph I, war den tschechischen Lesern der 20er Jahre unseres Jahrhunderts gut bekannt, und so darf man annehmen, daß auch die verkürzte urwüchsige Wiedergabe bekannter Ereignisse aus dessen Leben mit den Worten Švejks einen entsprechenden Effekt erzielen mußte (I.15/16): "Syna Rudolfa ztratil v útlém věku, v plné mužské síle". Die Leser wußten selbstverständlich, daß Rudolf 1889 Selbstmord begangen hatte - zu dieser Zeit war Franz Joseph 59 Jahre alt und Rudolf 31 Jahre. Švejk fährt dann Fort (I.15/18): "..potom se mu ztratil Jan Orth." Den Lesern war bekannt, daß Jan orth - eigentlich Johann Nepomuk Salvator Habsburg - angeblich 1891[h] ertrunken war. Es zirkulierten (und zirkulieren) jedoch Gerüchte, daß er "verschwand” und in Südamerika lebte. Humoristisch sollte auch die eigenwillige Erklärung Tür den Mord an der Kaiserin Elisabeth 1898 in Genf wirken, den der italienische[i] Anarchist Luigi Luccheni verübt hatte. Hašek schildert den Vorfall mit den Worten Švejks wie folgt (I.10/12): "Jako, jestli se pamatujou na toho pana Luccheniho, co probod naši nebožku Alžbětu tím pilníkem procházel se s ní. Pak věřte někomu; vod tý doby žádná císařovna nechodí na procházky."

Die rührende Geschichte des Marschalls Radetzky und des Fähnrichs bei Custozza gründet sich auf eine gedruckte Erzählung. Hašek äußert sich dabei über den Oberfeldkurat Ibl folgendermaßen (II.7/413): "Měl přitom velice nadšenou řeč a bylo znát, že bral materiál z vojenských kalendářů." Doch nicht nur Kurát Ibl schöpfte sein Material aus Kalendern, sondern auch Hašek. Die "rührende Geschichte", die Švejk erwähnt und die ihm so sehr geriet, daß er sie eine "blbost na kvadrát" (II.8/413) nannte, könnte in Hašeks Roman erfunden oder zumindest stark umgearbeitet erscheinen. Dies ist jedoch nicht der Fall. Wie Zdena Ančík feststellte, hielt sich Hašek recht genau an den Text eines Artikels Zachovej nám Hospodine, der im Großen Unterhalungskalender für das Jahr 1915 erschienen war[5]. Der Oberfeldkurat lebte übrigens tatsächlich und war mit Hašek persönlich bekannt - nur hieß er in Wirklichkeit Jan Ev. Eybl. Er predigte zwar im 91. Regiment in Bruck a.d. Leitha, allerdings anders, als dies im Roman beschrieben wird[6].

Anfang des 20. Jahrhunderts

Švejk ist natürlich kein historischer Roman, und dies zeigt sich unter anderem auch darin, daß Erwähnungen von Personen, die in den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts lebten überwiegen, dzw. gegebenenfalls von fiktiven Personen, die in dieser Zeit angesiedelt sind. Über die Ermordung des portugiesischen Königs Carlos I. (und seines ältesten Sohnes) im Jahre 1908 äußert sich Švejk so (I.11/14): "Jestli se pamatujou, tak tenkrát v Portugalsku si postříleli toho svýho krále. Byl taky takovej tlustej, To víte, že král nebude přece hubenej." Fotografien zeigen Carlos I. tatsächlich als einen alles andere denn schlanken Mann[j].

Den Worten des Einjährigerfrewilligen Marek (II. 124f./530) können wir entnehmen, daß Hašek einen guten Überblick über die Angehörigen das Herrscherhauses und die Würdenträger des Hofes in Wien in der Zeit um den Beginn des Ersten Weltkrieges besaß (oder eine verläßliche Informationsquelle zur Hand hatte). Erwähnt werden die Tochter Franz Josephs I. Marie Valerie (die von Hašek angeführte Abneigung ihres Vaters gegen elektrische Beleuchtung entspricht der Wahrheit), sein Leibarzt Dr. Kerzl, weiter der Oberhofmeister Baron Lederer, der Kammerherr Graf Bellegarde und der General adjutant des Kaisers, Graf Paar. Von der Oberhofdame Gräfin Bombelles heißt es (II. 125/530: "...ona hraje mezi dvorními dámami stejnou úlohu jako madam v bordelu u Šuhů.”

Es könnte scheinen, als gehörten die angeführten ungarischen Namen ausnahmslos in den Bereich der Fiktion. Dem ist jedoch nicht so. Béla Barabás, von dem behauptet wird (I.340/340), er habe im Pester Lloyd das Ringen Lukášs um die Gunst der Frau Kakonyi in Királyhida in den düstersten Farben geschildert, lebte tatsächlich: er war Mitarbeiter zahlreicher ungarischer Zeitungen, und Hašek kannte wohl seine Artikel.

Die ersten Jahre des Weltkrieges

kusmanek2.png
General Kusmanek in Kiev. Národní Politika 4.4.1915

Einige Stellen des Romans klingen heute ohne Kommentar unverständlich, - und es stellt sich die Frage, ob sie der Mehrzahl der Leser zu jener Zeit verständlich waren, als das Buch erstmals erschien. Als Beispiel möchte ich folgende Stelle anführen (I.165/171): "Švejk posadil se na lavici ve vratech a vykládal, že v bitevní frontě karpatské se útoky vojska ztroskotaly, na druhé straně však velitel Přemyslu, generál Kusmanek, přijel do Kyjeva..." Die Angelegenheit wird klar, wenn man weiß, wer dieser General Kusmanek war und welche Rolle er spielte. Hermann Kusmanek von Burgneustädten, der österreichische Kommandant von Przemyšl, ergab sich zusammen mit der gesamten Besatzung der Festung am 23.3.1915 den Russen und ging nach Kiev in die Gefangenschaft. Švejks Mitteilung ist allerdings anachronistisch: er macht sie nämlich kurz vor Weihnachten 1914 (in Prag), also drei Monate, bevor Kusmanek in Gerangenschaft geriet und nach Kiev kam[k].

Eine Reihe von Ereignissen der ersten beiden Jahre des Ersten Weltkrieges erwähnt Hašek im großen und ganzen entsprechend der Realität, so schreibt er (I.394/405): "...když 2. prosince 1914 se utíkalo z Bělehradu...” Die Österreicher besetzten Belgrad am 2. Dezember 1914, mußten es aber bereits am 3. Dezember wieder räumen. Wörtlich werden die Armeebefehle Franz Josephs und des Erzherzogs Joseph Ferdinand vom 17. April 1915 zitiert (I.10f/415), in denen das Prager 28. Regiment aus der österreichischen Armee ausgestoßen wurde, well es fast vollständig zu den Russen übergelaufen war. Auch der Hinweis, Italien habe am 23. Mai 1915 Österreich-Ungarn den Krieg erklärt (II.65/470), stimmt.

In einigen Fällen sind die Angaben zwar ungenau, beruhen aber dennoch auf Tatsachen. So sagt der Kadett Biegler (I.45f./451): "Přál bych si, když padnu v boji, aby po mně zůstala památka, pane hejtmane. Mým vzorem je německý profesor Udo Kraft. Narodil se roku 1870, nyní ve světové válce přihlásil se dobrovolně a padl 22. srpna 1914 v Anloy. Před svou smrtí vydal knihu 'Sebevýchova pro smrt za císaře'." Als Anmerkung wird hinzugefügt: "Udo Kraft, 'Selbsterziehung zum Tod für Kaiser' (sic), C.F. Amelung's Verlag, Leipzig." Die Information ist im wesentlichen korrekt - nur trug das Buch den Titel Selbsterziehung zum Tod fürs Vaterland und erschien erst nach dem Tod des Autors. Der Verlag hiess tatsächlich Amelung[l].

An anderer Stelle lesen wir über einen gewissen General (II.220/634): " Měl celou knihovnu takových svazečků s pitomýmny názvy jako: 'Humor v tornistre pro oči a uší', 'Hindenburgovy anekdoty', 'Hindenburg v zrcadle humoru', 'Druhá tornistra plná humoru, naládovaná Felixem Schlemprem', 'Z našeho gulášového kanónu', 'Šťavnaté granátové třísky ze zákopů' nebo tyto hovadiny: 'Pod dvojitým orlem', 'Vídeňský řízek z c.k. polní kuchyně ." Diese in der Tat schwachsinnigen Titel könnte man für Erfindungen Hašeks halten, doch es sind Zitate - Hašek hat sich in diesem Fall nichts ausgedacht. Tatsächlich erschien ein Tornister-Humor für Aug und Ohr (19l5), Alfred Brig veröffentlichte 1915 Aus unserer Gulaschkanone, Arthur Lokesch verfaßte ein Wiener Schnitzel aus der k.u.k. Feldküche, aufgewärmt (1916), und Felix Schloemp (und nicht "Schlemper") publizierte Hindenburg-Anekdoten. Unser Hindenburg im Spiegel des Humors... Ein 2. Tornister voll Humor, eingepackt (1915). Hašek erlaubte sich nur einige Ungenauigkeiten beim Zitieren. Möglicherweise besaß er in Lipnice ein Verzeichnis solcher Publikationen in einem alten Militärkalender.

Auch in anderen Fällen müssen wir konstatieren, daß sich Hašek in beträchtlichem Maße an die Tatsachen hielt. In der Darstellung des Rausches des Feldkuraten Katz schreibt er (I.110/114): "V tom okamžiku, kdo by ho slyšel, musel být přesvědčen, že chodí na přednášky dr. Alexandra Batěka vypovězme válku na život a na smrt démonu alkoholu, jenž nám vraždí muže nejlepší, a že čte jeho 'Sto jisker etických'." Dr. Batěk (1878-1944) war ein bekannter Streiter im Kampf gegen den Alkoholismus, und seine Broschüre Sto jisker etických erschien tatsächlich - allerdings erst 1919, so daß man sie im Dezember 1914 eigentlich schlecht erwähnen konnte. Ich bin davon überzeugt, daß auch die angeführten Vorträge Batěks stattfanden, wenn auch vielleicht erst nach 1918.

Nach der prügelei mit den ungarischen Soldaten in Királyhida wurden Švejk und Vodička dem Militärrichter vorgeführt, der sie lange Zeit nicht beachtete. Hašek schreibt (I.355/362): "...listoval dál v knize, vypůjčené z důstojnického kasina. Byla to kniha Fr. S. Krause s mnohoslibným názvem: 'Forschungen zur Entwicklungsgeschichte der geschlechtlichen Moral’," in Wirklichkeit hieß der Autor Friedrich Salomon Krauss, und es ging nicht um ein einzelnes Buch, sondern um zehn Bände der Reihe L(Jahrbücher für folkloristische Erhebungen und Forschungen zur Entwicklungsgeschichte der geschlechtlichen Moral) (Leipzig 1910-1913), (Krauss verfaßte im übrigen auch Bücher über die südslavische Folklore).

Es gibt allerdings auch Angaben im Roman, die nicht der Wahrheit entsprechen. So spricht Švejk, als er seinen Aufenthalt in der Irrenanstalt schildert (I.32f/36): "Nejzuřlvéjší byl jeden pán, keřej se vydával za 16. díl Ottova slovníku naučného a každého prosil, aby ho otevřel a našel heslo 'Kartonážní šička’, jinak že je ztracenej." Durch einen Blick in den Ottův slovník naučný läßt sich leicht feststellen, daß das Stichwort "Kartonagenähgrin" nicht nur im 16. Band fehlt - es fehlt in diesem Lexikon überhaupt. Andererseits kann man aber eine stelle anfuhren, an der ein Rekrut im Stil einer Enzyklopdie antwortet. Ein Offizier fragt Ihn (I.390/400): "'Odkud jste, Pechu?' Pech byl inteligentní člověk a vodpovéděl: ‘Dolní Bousov, Unter Bautzen, 267 domů, 1936 obyvatelů českých, hejtmanství Jičín, okres Sobotka, bývalý panství Kosť, farní chrám svaté Kateřiny ze 14. století, obnovený hrabětem Václavem Vratislavem Netolickým, škola, pošta, telegraf, stanice české obchodní dráhy, cukrovar, mlýn s pilou, samota Valcha, šest výročných trhů'." Diese Information, für die der Offizier dem Rekruten Pech sechs Ohrfeigen verabreichte - eine für jeden Jahrmarkt - ist ein nur unwesentlich geändertes Zitat aus dem 4. Band des Ottův slovník naučný.

Aus dem Munde des Kadetten Biegler erfährt der Leser eine große Zahl meist sehr präziser Zeit- und anderer Angaben über berühmte historische Schlachten z.b (II.46/452) über die Schlachten bei Nördlingen (6.9.1634), Zenta (11.9.1697), Calderra[m] (31.10.1805 - ungenau: Caldiero, 30.10.1805), Aspern (22 5.1809), die Völkerschlacht bei Leipzig im Jahre 1813, die Schlacht bei Sta. Lucia im Mai 1848, die Schlacht bei Trutnov (Trautenau) am 27.6.1866 und die Einnahme Sarajevos am 19.8.1878. Über die Völkerschlacht bei Leipzig plaudert Biegler noch an anderer stelle (II.51/472), wobei er richtig erwähnt, daß Fürst Schwarzenberg am 14. Oktober 1613 Liebertwolkwitz angriff und am 16. Oktober in Wachau südlich von Leipzig gekämpft wurde. Nur hieß der zitierte General Merveldt und nicht, wie bei Hašek, Merweldt (es könnte sich allerdings auch um einen Druckfehler handeln).

Švejk belehrt uns (II.67/472): "Ale náš tatíček Radecký... utek vod Santa Lucie... a teprve... druhej den vobjevil, že to vlastně vyhrál, když tam Taliány nenašel a neviděl dalekohledem, tak se vrátil a vobsadil vopušténou Santu Lucii." Die Ereignisse vom Mai 1848 sind in diesem Fall von geringerem Interesse - bedeutsamer ist die Bezeichnung "tatíček Radecký" /Papa Radetzky/, was natürlich eine Persiflage der Bezeichnung "tatíček Masaryk" /Papa Masaryk/ darstellt, die von "regierungstreuen" Journalisten in der Zeit der Niederschrift des Romans verwendet wurde.

Hašek machte seine Leser auch mit den militärischen Chiffriermethoden vertraut. Diesem Thema widmete er sogar mehrere Seiten (II.21-27/427-433). Man erfährt, daß zum Chiffrieren der Roman Die Sünden der Väter von Ludwig Ganghofer benutzt wurde (II.22/428): "'Pánové', řekl (Hauptmann Ságner - A.M.) se strašně tajuplným výrazem, 'nezapomeňte nikdy na stránku 161!' zahloubáni do té stránky, nemohli si z toho ničeho vybrat. Že nějaká Marta, na té stránce, přistoupila k psacímu stolu a vytáhla odtud nějakou roli a uvažovala hlasité, že obecenstvo musí cítit soustrast s hrdinou role. Potom se ještě objevil na této stránce nějaký Albert, který neustále se snažil mluvit žertovně, což, vytrženo z neznámého děje, který předtím předcházel, zdálo se takovou hovadlnou, že nadporučík Lukáš překousl vzteky špičku na cigarety.

In Ludwig Ganghofers Gesammelten Schriften. Dritte Serie, Band 3, (Stuttgart o.J./1911/), Teil I, 161, heißt es: "Sie (Martha - A.M.) eilte zum Schreibtisch und brachte das Heft... Ich konnte mir die Befürchtung nicht verhehlen, daß die unerwartete tragische Lösung verstimmend wirken mußte, wenn das Mitleid für den Helden im Herzen des Zuschauers zum Groll gegen die Heldin würde...' ’Und wenn es so wäre? Dürfte man es mir verargen? fiel Albrecht ein, mit einem Ton, der scherzhaft klingen sollte."

Hauptmann Ságner fährt dann fort (II.24/429): "Máme-li např. dostat rozkaz: 'Auf der Kote 225, Maschinengewehrfeuer linksrichten', obdržíme, pánové, tuto depeši: Sache - mit - was (usw.). Und schließlich betont Sagner, es sei notwendig, den Text auf Seite 160 zur Hand zu nehmen, dem die einzelnen Wörter entnommen seien.

Kadett Biegler stellt bald fest, daß es sich um einen Irrtum handeln muß, denn die Offiziere haben nur den 1. Teil des Romans zur Verfügung, die Chiffrierung soll aber anhand des 2. Teils erfolgen. Ságner und die übrigen Offiziere wundern sich (II.25/430), wie dies geschehen konnte. Doch - wir wundern uns ebenfalls denn im zweiten Teil von Ganghofers Roman gibt es auf S. 160 die angeführten Passagen überhaupt nicht. Sie finden sich vielmehr (fast vollständig) auf S. 160 des ersten Teils. Hašek hatte offensichtlich den 2. Teil des Romans nicht zur Hand und erleichterte sich so die Sache (ähnlich wie Švejk im Roman). Das Zitat aus dem 1. Teil des Romans hat er sich jedoch eindeutig nicht ausgedacht.

Kadett Biegler benutzt die Gelegenheit, um mit seinen Kenntnissen der militärischen Chiffriertheorie zu glänzen (II.26/431): '"Dovoluji si', řekl, 'pane hejtmane, upozorniti na knihu Kerickhoffovu o vojenském šifrování. Knihu tu mříže si každý objednat v vydavatelstvu 'Vojenského naučného slovníku'. Jest tam důkladné popsána... metoda, o které jste nám vypravoval. Vynálezcem jejím je plukovník Kircher... Metoda ta zdokonalena nadporučíkem Fleissnerem v knize: 'Handbuch der militrischen Kryptographie', kterou si každý může koupit v nakladatelství vojenské akademie ve Vídeňském Novém Městé." Auch diese Angaben sind keineswegs erfunden, wobei sich Hašek allerdings mit ihrer Zusammenstellung nicht allzuviel Arbeit machte - sie stehen allesamt im 12. Band des Ottův slovník naučný auf S. 175 (Stichwort Chiffre). Daß Fleissners Buch im einem Verlag in Wiener Neustadt erschienen sei, ist jedoch eine Hinzufügung Hašeks - der Autor brachte es im Eigenverlag heraus. Außerdem finden sich in diesem Buch keine Hinweise auf Ganghofer oder Beispiele aus diesen Büchern. Dies wäre auch kaum möglich gewesen: Fleissners Buch erschien 1881, zu einer Zeit, als Ganghofer seine Sünden der Väter noch gar nicht geschrieben hatte.

Literaturhinweise

Bekanntlich war Hašek recht belesen, und so verwundert es nicht, daß in seinem Roman zahlreiche Werke tschechischer und ausländischer Autoren erwähnt werden. Betrachten wir diese literarischen Anspielungen einmal etwas näher und beginnen vielleicht mit Victor Hugo. Eine Passage des Svejk verrät uns, daß auch der Wirt der Gastwirtschaft "Zum Kelch" das Werk des französischen Schriftsteller kannte (I.11f/14): "Palivec byl známý sprosťák, každé jeho druhé slovo bylo zadnice nebo hovno. Přitom byl ale sečtělý a upozorňoval každého, aby si přečetli, co napsal o posledním předmětě Viktor Hugo, když líčil poslední odpověd staré gardy Napoleona Angličanům v bitvé u Waterloo." Victor Hugo wiederholt zwar in seinem L(Roman Les Misérables) (Teil 2 "Cosette", Buch 1 "Waterloo", Kapitel XV "Cambronne") das bekannte mot de Cambronne nicht, aber er spielt mehrfach darauf an, ja er scheint von ihm sogar begeistert zu sein: "Cambronne trouve le mot de Waterloo comme Rouget de L'lsle trouve la Marseillaise, par visitation du souffle d'en haut." Und ebenso: “faire du dernier des mots le premier en y melant réclair de la France.. [7]" - Palivec war also wirklich belesen.

Außerdem werden im Roman kurz Boccaccios Decamerone (I.131/136) und Dante (I.303/309) erwähnt. Eine weitere literarische Paraphrase dient der Schilderung des Erwachens des Feldkuraten Lacina (I.331f,/317): "Páter se probouzel v celé své kráse a důstojnosti. Jeho probuzení bylo provázeno těmi též zjevy, jako ranní probuzení mladého obra Gargantuy, jak to popisoval starý veselý Rabelais, vrchní polní kurát prděl a krkal na lavici a hřmotně zíval na celé kolo." In Rabelais' Roman Gargantua heißt es (Genf 1970 /Droz/, 55): "...au matin, (ses gouvernantes - A.n.) raisoyent davant luy sonner des verres avecques un cousteau, ou des flacons avecques leur toupon, ou des pinthes avecques leur couvercle; auquel son il s'esquayoit, il tressailott, et luy mesmes se bressoit en dodelinant de la teste, moníchordisant des dolgtz et baritonant du cul.”

Cervantes’ berühmter Roman wird gelegentlich als Vorbild für Hašeks Roman genannt. Hašek hat auch Cervantes gelesen, wie folgendes Zitat bezeugt (I. 151/156): "instituce důstojnických sluhů je prastarého původu. Zdá se, že již Alexandr makedonský měl svého pucfleka. Jisto však je, že v době feudalismu vystupován v této úloze žoldnéři rytířů. Čím byl Sancho Panza Dona Quijota?"

Zwei Gedichtzellen erlangten bei Hašek eine überraschende aktualisierende Bedeutung. Der Einjährigfreiwlltige Marek erklärt im Frühjahr 1915 Švejk im Militärgefngnis von Budweis (I.266/273):"(milý příteli, ... pozorujeme-li to všechno v měřítku naší milé monarchie, dospíváme neodvolatelně k tomu závěru, že je to s ní právě tak jako se strýcem Puškina, o kterém ten napsal, že nezbývá jen, poněvadž strýc je chcíplotina:

Vzdýchat t myslet pro sebe,
kdypak čert vezme tebe!"

Natürlich handelt es sich um die bekannte Stelle aus Puškins Evgenij Onegin (Kapitel I, Strophe I):

"Вздыхать и думать ттро себя,
Когда же черт возьмет тебя!"

Man wird dem Einjährigfreiwilligen Marek - oder besser Hašek - gerne verzeihen, daß im Original der Teufel nicht den Onkel Puškins, sondern den Onkel Evgenij Onegins holen soll.

Aus der deutschen Literatur wird unter anderem Friedrich Schiller erwähnt, und zwar unter recht seltsamen Umständen. Als der Kadett Biegler erkrankte und der verdacht auf Typhus bestand, antwortete der Arzt Welfer auf die Frage des Hauptmanns Ságner (II.55/462): "'Kadet Biegler, který od té doby, když jsme vyjeli z Brucku, snědl třicet kremrolí, jak se mi přiznal, pil všude na nádražích jen převařenou vodu, pane hejtmane, připomíná mi verá schillerův: ...Wer sagt von.,,' 'Poslyšte, doktore', přerušil ho hejtman Ságner, ‘nejde o Schillera. Co je vlastně s kadetem Bieglerem? ... Welfer se usmál. 'Aspirant na důstojnickou hodnost, váš kadet Biegler, se posral...'"

Auch Heinrich Heine tritt unter recht sonderbaren umständen auf. Als Švejk irrtümlich in österreichische Gefangenschart gerät, rällt er einem sangesfreudigen Feldwebel in die Hände. Dieser trällerte Zeitungsinserate zu bekannten Melodien. Hašek bemerkt über diesen Feldwebel (II.211f./618): "Přebubnovával si na židli na nápěv ‘ich weiß nicht, was soll es bedeuten...' nový inzerát: ‘Karolina Dreger, porodní babička, doporučuje se ct. dámám v Každém případě'."

Von dem bekannten Lied Prinz Eugen, der edle Ritter zitiert Hašek im tschechischen Text seines Romans drei Strophen auf Deutsch (II.39/445). Sie werden von einem Angehörigen des Deutschmeister-Regiments gesungen, wobei der Text etwas geändert, d.h. aktualisiert wird: wo es richtigerweise heißen müßte, “Alle Türken zu verjagen", singt er "Alle Serben zu verjagen“.

Auf derselben Seite findet sich auch die erste Strophe eines Radetzky-Liedes auf Deutsch (Graf Radetzky, edler Degen...). Der die Untersuchung führende Major, der sich betrunken zu Švejk in die Zelle sperren läßt, singt (II,242/650):

Oh Tannenbaum! Oh Tannenbaum,
wie schön sind deine Blätter!

Vielleicht sollte man hinzufügen, daß sich die Szene Anfang Juni abspielt.

Der Kontrast zwischen dem Inhalt eines Liedes und der Situation, in der es gesungen wird, kommt in der nachstehenden Passage recht gut zum Ausdruck (I.20/426): "Nějaký voják z Kašperských Hor v nábožné náladě večera opěvoval hrozným řevem tichou noc, Která se blížila k uherským rovinám. Gute Nacht! Gute Nacht! Allen Müden sal's gebracht,,.'" Es folgt der fast exakt wiedergegebene Text der ersten Strophe des bekannten Gedichts von Theodor Körner, das seit seiner Entstehung (vor 1813) mehrfach vertont wurde.

An einer Stelle lesen wir (I. 187/193): "...německý básník Vierordt, který uveřejni) za války verše, aby Německo nenávidělo a zabíjelo s železnou duší milióny francouzských ďáblů:

Ať až k oblakům nad hory
hromadí se Mdské kosti a kouřící se maso...

Heinrich Vierordt gab tatsähllch 1914 in Karlsruhe Flugblätter mit den Titeln Deutschland hasse! und Die Rhein- und Weischsellwacht heraus. Die Zellen stammen aus Deutschland hasse!:

Und türmen sich berghoch in Wolken hinein 
Das rauchende Fleisch und das Menschengebein![8]"

Nicht ganz exakt ist die Erwähnung einer ungarischen literarischen Gestalt. So sagt Švejk (II,31/437): "Jednou jsem koupil krvák vo Róžovi Šavanů z Bakonskýho lesa..." In der deutschen Übersetzung von Grete Reiner ist der Name berichtigt: 'Rózsa Sandor aus Bakonyer Wald". Es geht dabei um den berüchtigten ungarischen Rauberhauptmann Sándor Rózsa (1813-1878), über den zahlreiche Volksbücher existierten[9].

Daß sich die tschechische Literatur im "Švejk" besonderer Aufmerksamkeit erfreut, wird sicher nicht überraschen. So taucht ein Thema aus den tschechischen Handschriftenfälschungen (RKZ) in einem recht sonderbaren Zusammenhang auf. Švejk stellt eine Liste von Namen russischer Kriegsgefangener auf, unter denen sich auch Tataren befinden, und da er belesen ist, kennt er auch die Geschichte, wie Jaroslav von Šternberk Mähren vor den Tataren rettete - in der Königinhofer Handschrift wird diese Begebenheit in dem epischen Gedicht Jaroslav geschildert (auch unter dem Titel (O velikých bojech křesťan s Tatary /über die großen Kämpre der Christen mit den Tataren/ bekannt). Im Roman heißt es nun (II.206/614): "'Tak ty jseš tedy Tatar', soustrastně řekl Švejk, 'ty jsi se vydařil... Hm - znáš Jaroslava ze Šternberka? To jméno neznáš, ty kluku tatarská? Ten vám natřel prdět pod Hostýnem. To jste vod nás jeli, vy kluci tatarský, z Moravy svinským krokem. Patrná vás ve vašich čítankách neuče jí, jako nás to učívali.'”

Eine kurze Passage bezeugt, daß Hašek das Werk Božena Němcovás gut in Erinnerung hatte (I.133f./139): "Švejk vypravil se tedy na cestu za olejem posvěceným od biskupa. Taková věc je horší než hlednání živé vody v pohádkách Boženy Němcové."

In den Bereich der Phantasie gehört wohl die vermeintliche Paraphrase von Worten Vrchlickýs, die Švejk gegenüber Herrn Kákonyi in Királyhida entfährt, nachdem er den fatalen Brief des Oberleutnant Lukáš überbracht hatte (I.336/345): "Já jsem do vaší paní zamilovanej až po uši, jak říkal Vrchlický."

Den Schriftsteller Josef Svatopluk Machar, der zur zeit der Niederschrift des Švejk auf dem Höhepunkt seiner politischen Karriere war (1919-1924 war er Generalinspekteur der tschechoslowakischen Armee), konnte Hašek nicht ausstehen. Boshaft schrieb er über ihn (I.76/83): "Polní kurát Otto Katz, nejdokonalejší vojenský kněz, byl žid. To ostatně není nic divného. Arcibiskup Kohn byl také žid a ještě dokonce Macharův kamarád." Erzbischof Theodor Kohn von Olmütz (1845- 1915) war in der Tat jüdischer Abstammung. Die Anspielung auf Machars positive Haltung ihm gegenüber war umso pikanter, als Machar ein Gegner des Christentums war und diese Religion für ein arglistiges "Geschenk" hielt, das die Juden der Welt vermacht hätten (hiervon zeugt unter anderem seine Gedichtsammlung Jed z Judey /Das Gift aus Judäa/ 1906). Allerdings: Erzbischof Kohn mußte 1904 sein Amt niederlegen, nachdem er sowohl mit Wien als auch mit dem Vatikan in Konflikt geraten war. Machar gab später (1927) eine wohlwollende Broschüre über ihn heraus.

Der Prager Schriftsteller und Kabarettist Eduard Bass war mit Hašek gut bekannt. Heute wissen jedoch nur noch Eingeweihte, daß gerade er gemeint ist, wenn Švejk eine Szene in einer Wirtschaft unweit des "Obecní dům" [n] in Prag beschreibt. Švejk machte dort zusammen mit den beiden ihn eskortierenden Soldaten auf dem weg vom Hradschin nach Karlín (Karolinenthal) Halt (I.98/102): “Švejk vzpomínal též na jednoho básníka, který tu sedával pod zrcadlem a v tom všeobecném ruchu 'Kuklíku', zpěvu a pod zvuky harmoniky psával básničky a pročítal je prostitutkám." Hašek log dabei nicht einmal.

Ein anderer Bekannter Hašeks - und eine zeitlang sein Freund der heute vergessene Schriftsteller Ladislav Hájek, tritt im Roman sogar dreimal auf. Zweimal erwähnt ihn Švejk (II 29/435); "Já jsem znal jednoho českého spisovatele, nějakýho Hájka Ladislava z Domažlic. Von byl redaktorem 'Světa zvířat',.." Hájek war tatsächlich Redakteur dieser Zeitschrift gewesen, bevor Hašek 1909 seine Steile übernahm. Auch die zweite Erwähnung entspricht der Wahrheit (II. 144/550): "Tenkrát totiž začali vydávat v Poděbradech časopejsek Nezávislost' a poděbradskej lékárník byl toho hlavní hlavou a redaktorem tam udělali ňákýho Ladíslava Hájka Domažlickýho." Der dritte Hinweis auf Hájek ist in einem langen monolog des Einjährigfreiwilligen Marek enthalten (I.294-300/301-306), der Švejk auseinandersetzt, wie er Redakteur des Svět zvířat (Die Welt der Tiere) wurde. Dies ereignete sich angeblich (I.294/301) "...ve stavu naprosto nepříčetném, ve kterém jsem byl sveden přátelskou láskou ku starému kamarádovi Hájkovi, který redigoval do té doby poctivé časopis..." Er fährt in der Erzählung fort (I.295/301): “...ale zamiloval se přitom do dcerušky majitele časopisu, pana Fuchse, který ho vyhnal na hodinu pod tou podmínkou, že mu zaopatří redaktora pořádného." Der Name des Eigentümers der Zeitschrift, Fuchs, entspricht ebenso der Wahrheit wie die Tatsache, daß Hájek um die Gunst seiner Tochter warb. Nicht ganz logisch klingt allerdings die Behauptung, er sei binnen einer Stunde unter einer bestimmten Bedingung entlassen worden, wir müßten sonst annehmen, daß der Hinauswurf nicht galt, falls die Bedingung nicht erfüllt wurde.

Es stimmt auch nicht, daß Hašek - alias Marek - "...sveden přátelskou láskou ku starému kamarádovi Hájkovi..." Redakteur der Welt der Tiere wurde, wahrheitsgemäß schildert Radko Pytlík die Begebenheit in seinem Artikel Zpráva o životě Jaroslava Haška: "Hájek trennte sich nach einem großen Streit von seinem zukünftigen Schwiegervater und fand eine Anstellung bei einem Provinzblatt in Poděbrad. Insgeheim vertraute er darauf, auch sein Freund würde kündigen und Fuchs im Stich lassen. Doch Hašek 'verriet' ihn [10]".

Hašek kannte die Bücher von Jan Havlasa (eigtl. Jan Klecanda, 1833-1964), der Europa, die USA, Asien und den Pazifik bereist hatte. Über ihn sagt Švejk (II.140/554); "...jako ten Kudela z Bytouchova, kterej za aktivní služby tak dlouho chodil k raportu, až byl přeložena] k marine, kde se stal kornetem, a byl na ňákým vostrovö potom, v Tichým oceánu, vyhlášenej jako dezertýr. Von se tam potom voženíl a mluvil taky s cestovatelem Havlasou, kterej vůbec nepoznal, že to není domorodec." Havlasas Bücher über seinen Aufenthalt auf Tahiti (1910-1911) erschienen in den Jahren 1915-1922.

Hašek hatte es auch auf vier tschechische Schriftstellerinnen abgesehen, die Ende des 19. und in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts tätig waren. Die unmögliche Sentimentalität und die preziöse Ausdrucksweise der heute gänzlich vergessenen Verfasserin sogenannter Frauen-Literatur Věnceslava Lužická (eigtl. Anna Srbová, 1835-1920) verspottete er mit den Worten Švejks (II.167/574): "...že jí šahal docela veřejně pod živůtek, jako kdyby chtěl, poslušné hlásím, pane obrlajtnant, vytáhnout odtamtud pel její nevinnosti, jak říká Věnceslava Lužická..."

Pavla Moudrá (eigtl. Mrhová, l861-1940) betätigte sich in den Bewegungen der Abstinenzler und Spiritisten und verfaßte moralisierende Bücher. Allerdings schrieb sie keine Werke für Kinder, obgleich man dies aus Mareks Worten folgern könnte (als der Oberst den Einjährigfreiwilligen Marek zwingen will, die Latrine zu putzen (I.351/358): "A tak to šlo pořád: ‘Budete pucovat?' 'Nebudu pucovat.' Hajzly lítaly sem a tam, jako by to bylo nějaké dětské říkadlo od Pavly Moudré."

Růžena Jesenská (1863-1940, die Tante von Kafkas Freundin Milena Jesenská), eine sehr produktive Autorin von werken unterschiedlichster Art, war sicher nicht erfreut, als sie ihren Namen in folgendem Zusammenhang lesen konnte (ll.67f./492): "Táhlá dlouhá latrína o dvou řadách pojmula dva švarmy jedné kumpanie... Na levém křídle seděl Švejk, který se sem připletl a se zájmem si přečítal útržek papíru, vytrženého bůhví z jakého románu Růženy Jesenské..."

Gegen die nicht allzu ehrerbietige Bemerkung Švejks über die Schriftstellerin Růžena Svobodová, als er tatarische Namen mit tschechischen verglich (II.211/617):"Jestlipak to není lepší, když se u nás jmenuje někdo Bohuslav Štěpánek, Jaroslav Matoušek nebo Růžena Svobodová", konnte die Autorin nicht mehr Einschreiten, da sie bei der Veröffentlichung des "Švejk" bereits verstorben war (am 1.1.1920). Allerdings konnte ihr eifriger Propagator und langjähriger Freund F. X. Šalda unangenehm berührt sein, was Hašek wohl auch wußte (Šalda hatte übrigens 1920 einen Essay mit dem Titel In memoriam R. Svobodové veröffentlicht). Jaroslav Matoušek der hier in einem Atemzug mit Růžena Svobodová genannt wird, war hauptsächlich als Übersetzer mystischer Schriften tätig. (Über Bohuslav Štěpánek konnte ich nichts in Erfahrung bringen). Auch eines der Werke der tschechischen heroikomischen Dichtung wird gelegentlich als eines der Vorbilder des Švejk angeführt. Es handelt sich um das Lied über den heldenhaften tschechischen Kanonier Jabůrek, der in der Schlacht bei Königgrätz (3.7.1866) für seinen Kaiser Franz Joseph I. in den Tod ging und dabei kämpfte, solange er konnte - obgleich ihm die preußischen Kugeln nacheinander die Arme, die Beine und schließlich den Kopf abrissen. Hašek zitiert in seinem Text zehn Zellen des bekannten Liedes (I.275/281).

Ein fast wörtliches Zitat aus einem bekannten tschechischen Kriegslied (über die Eroberung Bosniens und der Herzegowina durch die Infanterie im Jahre 1878) flocht Hašek in einen der Monologe Švejks ein (II.220/624): "My padneme za císaře pána jeho rodinu, za kterou jsme vybojovali Hercegovinu." Es finden sich auch präzise Angaben über tschechische Fachliteratur. So erwähnt der Einjährigfreiwillige Marek ein Buch (I.267/273) 'Zdroje hospodářského blahobytu' erschienen bei Kočí. Das Buch Zdroje hospodářského blahobytu. Sestaveno společnou prací vynikajících odborníků kam in der Tat 1907 im Prager Verlag "Kočí" heraus.

Musik

Die Musik spielt in Švejk keine große Rolle - außer der unbedeutenden Erwähnung von Verdis La Traviata (II.268/676) kann man allenfalls den folgenden Ausspruch des Feldkuraten Katz anrühren (I.129/134): "V ráji účinkují rozprašovače kolínské vody a niharmonle hraje tak dlouho Brahmse, že raději dáte přednost peklu a očistci." Dies könnte ein Hinweis sein, daß Hašek die werke eines Brahms nicht allzu sehr schätzte - im übrigen galt die Musik des deutschen Komponisten auch ein Vierteljahrhundert nach seinem Tod immer noch als zu "modern".

Tschechoslowakei um 1920

Der Hinweis auf den tschechischen Bildhauer Jan Štursa (1860-1925) hat seinen zeitgenössischen Hintergrund (I.303f/310): ’Desátník se stal úplně apatickém, zatímco jednoroční dobrovolník tvrdil, že rozhodně viděl hlavu desatníka vymodelovanou na jedné výstavě sochařů: ’Dovolte, pane desátníku, nestál jste snad modelem sochaři Štursovi?'" Nach 1918 war Štursa gleichsam zum offiziellen Repräsentanten der tschechoslowakischen Bildhauerkunst geworden, so daß sich dieser Seitenhieb gegen die "offizielle Kunst" richtete.

Personen, die in der Tschechoslowakei um 1920 (in der Entstehungszeit des Romans) eine mehr oder weniger bedeutende Rolle in der Öffentlichkeit spielten, fanden ebenfalls gelegentlich Eingang in das Werk, zu ihnen gehört Jiří Guth-Jarkovský (1661-1943), nach 1918 Zeremoniar (Cher des Protokolls) des Präsidenten der Republik. Hašek führt seinen Namen gleich zweimal an, und zwar im Doslov k prvnímu dílu ‘V zázemí' (Epilog zum ersten Teil "Im Hinterland"). Dort heißt es (I.197/204): "Ceremoniář dr. Guth mluví jinak než hostinský Palivec u 'Kalicha' a tento román není pomůckou k salonnímu ušlechtění a naučnou knihou, jakých výrazů je možno ve společnosti užívat." Und weiter (I.199/204): “Od hostinského Palivce nemůžeme žádati, aby mluvil tak jemně jako pí Laudová, dr. Guth, pí Olga Fastrová a celá řada jiných, kteří by nejradéji udělali z celé Československé republiky velký salón..."

Olga Fastrová (1876-1955) verfaßte konventionelle Frauenromane und leitete die sogenannte Frauenrubrik in der tschechisch-bürgerlichen Zeitung Národní politika (Nationale Politik). Marie Laudová-Hořicová (1869-1931) war Schauspielerin und leitete später die Rubrik Gesellschaftlicher Ratgeber in der Agrarier-Zeitung Venkov (Das Land).

Boshaft erinnerte Hašek daran, daß es neben dem geflügelten Ausspruch des Historikers František Palacký "Byli jsme před Rakouskem, budeme i po něm" (uns gab es vor Österreich, uns wird es auch danach geben), der nach 1916 fast täglich zitiert wurde, auch einen gegensätzlichen Ausspruch Palackýs gibt - den man nach 1918 begreiflicherweise verschwieg. So legt Hašek dem betrunkenen Leutnant Dub die Worte in den Mund (II.77/452): "Jste Češi?,.. Víte, že řekl Palacký, že kdyhy nebylo Rakouska, že bychom ho musili vytvořit."

Für den heutigen Leser sind die folgenden Worte Švejks kaum noch verständlich (I.358/355): "Já jsem se u vejslechu, to je pravda, vymlouvat všelijak, to se musí dělat, to je povinností lhát, jak říká advokát Bass svým klientům." Der Name Bass könnte vermuten lassen, es gehe hierum den tschechischen Schriftsteller Eduard Bass, einen Bekannten Hašeks. Dieser war jedoch kein Rechtsanwalt. In Wirklichkeit handelt es sich um einen Dr. Otakar Bas (1875-1940), der ab 1908 in Prag als Rechtsanwalt tätig war. Er trat als Verteidiger tschechischer oppositioneller Politiker und Antimilitaristen auf und verteidigte während des Ersten Weltkriegs Tschechen vor österreichischen militärgerichten.

Ein im tschechischen Original deutsch geschriebener Satz ist allenfalls historisch interessierten Lesern verständlich (I.362/ 392): "Jawohl, meine Herren, der Kramarsch, Scheiner und K1ofatsch." Karel Kramář (1860-1937), der zur Entstehungszeit von Hašeks Roman ein Buch Ruská krize (Die russische Krise, 1921) veröffentlicht hatte, war ein bekannter Vertreter des sogenannten Neu-Slaventums und während des Ersten Weltkriegs wegen Hochverrats von den Österreichern zum Tode verurteilt worden (er wurde später begnadigt). Josef Scheiner (1851-1932), Obmann des Sokol, war gleichfalls während des Krieges Verfolgungen ausgesetzt gewesen, wie auch der Sozialist Václav Klofáč (1868— 1942), zur Entstehungszeit des Romans stel1vertretender Vorsitzender des tschechoslowakischen Senats.

Naturwissenschaft

Im Bereich der Naturwissenschaften besaß Hašek beträchtliche Kenntnisse. Die lateinischen Namen von Heilpflanzen - z.B, herba majoranae, marjánka (majoránka) (II.274/682) - beherrschte er wohl noch aus der Zeit, als er in Prag eine Drogistenlehre absolvierte (1896-1899)[o]. Die lateinischen Namen von Tieren konnte er sich in den Jahren 1909-1911 angeeignet haben, als er die Zeitschrift Svět zvířat redigierte (wie diese Tätigkeit endete, ist hinlänglich bekannt). Man weiß auch, daß Hašek ein leidenschaftlicher Leser von Brehms Tierleben war. Teilweise kannte Hašek auch die deutsche naturwissenschaftliche Terminologie; so übersetzt er z.B. (I.297/304) richtig "sojka" mit "Eichelhäher". Kurz darauf wird allerdings die lateinische Bezeichnung für den Eichelhäher mit "ganulus glandarius" (I.299/305) nicht ganz richtig wiedergegeben - es müßte "garrulus glandarius" heißen (es könnte sich hier möglicherweise auch um einen Druckfehler handeln). Ebenso gibt er als lateinische Bezeichnung für die Dohle "colaeus" (statt "coloeus" (I.299/305) an, während "turdus" für den Krammetsvogel korrekt ist (ebenda).

Hašek war von der Richtigkeit der Darwinschen Lehre überzeugt. Entsprechend hat die nachfolgende Stelle eine eher humoristische Funktion (II.267/675): '"Ostatně', řekl Jurajda, ...všichni lidé povstal i z kaprů. Vezměte si, přátelé, vývojovou teorii Darwina...’"

Psychologie und Psychiatrie

Psychologie und die Psychiatrie interessierten Hašek. Dies zeigt sich im Roman unter anderem darin, daß er den bedeutenden Prager Psychiater Professor Antonín Heveroch (1869-1927) erwähnt, und zwar in den Worten eines Simulanten in der Untersuchungshaft (I28/31): "Když jsem jednou padělal směnky, pro všechen případ chodil jsem na přednášky k doktoru Heverochovi, a když mne chytili, simuloval jsem paralytika, prává tak, jak ho vyučoval pan doktor Heveroch." František Langer, Schriftsteller und zudem selbst Arzt, merkt hierzu in seinen Erinnerungen Byli a bylo, (Vergangene und Vergangenes, Prag 1963), an: "Hašek hat also bei mir oder anderswo wahrscheinlich Heverochs Buch 0 podivínech a lidech nápadných (Über Sonderlinge und auffällige Menschen) eingehend studiert (allerdings vor 1914 - A.M.) oder Kuffners Vorlesungen über Psychiatrie, wobei er diese Kenntnisse mehrfach in seinen Humoresken und im Švejk benutzte." Zudem kannte Hašek die Prager Anstalt für Geisteskranke (die sogenannte "Kateřinky" /Katharinenhaus/) aus eigener Anschauung, nachdem er dort 1911 wegen eines (vermeintlichen?) Selbstmordversuchs zur Beobachtung eingeliefert worden war. Auch die Bemerkung Švejks, er wolle sich nicht ohne Mittagessen aus der Irrenanstalt hinauswerfen lassen (I.35/39), besitzt angeblich einen realen Hintergrund: auch Hašek soll bei seiner Entlassung aus der Kateřinky auf die Verpflegung gepocht haben.

Die Erwähnung von Lombrosos Buch O typech zločinných (Über verbrechertypen (I.22/26) beweist, daß Hašek auch die Arbeit des berühmten italienischen Psychiaters Cesare Lombroso (1836-1909) kannte.

Detailliert wird die - falsche - Diagnose eines ungarischen Arztes geschildert (er glaubt, Kadett Biegler sei an Cholera erkrankt (II.57f./463), wobei Hašek die Anzeichen der Cholera um großen und ganzen richtig beschreibt. Möglicherweise bezog er dabei sein Wissen aus dem Stichwort Cholera des Ottův slovník naučný.

Eigennamen

Ein eigenes Kapitel könnte man den Betrachtungen über die Authentizität von Eigennamen widmen, die im Švejk auftreten. Über den Namen Josef Švejk gibt es derzeit zwei Theorien; der älteren zufolge übernahm ihn Hašek von dem gleichnamigen, 1865 geborenen Abgeordneten, der 1907-1916 den Wahlkreis Starý Kolín für die Agrarier-Partei im Wiener Parlament vertrat. Eine andere Theorie rührt Radko Pytlík in seinem Buch über Hašek aus dem Jahre 1982 an: Hašek habe in Prag einen Hausmeister gekannt, der ebenfalls Josef Švejk hieß.

Einige Handlüngspersonen besitzen dieselben Namen wie in der Realität, bei anderen wurden sie z.T. leicht geändert. Der Drogist Kokoška (in Wirklichkeit Kološka[p]) war Hašeks erster Arbeitgeber. Auch der Drogist Průša, der gleich zu Beginn des Romans erwähnt wird (I.9/11), lebte tatschlich - Hašek ging bei ihm in die Lehre. Aus der Drogerie kannte Hašek auch einen Herrn Tauchen, der zweimal im Roman auftritt (I.134/139; I.370/380). Švejks Zugehfrau, Frau Müller, erhielt ihren Namen angeblich nach einer Bedienerin, die 1907 bei Hašeks Mutter arbeitete[11]. Ebenso existierte der Prager Polizeikommissar Drašner (I.98/102; I.301/307) tatsächlich.

Selbst flüchtig erwähnte Personen besitzen oft reale Vorbilder. So bezieht sich der Satz (I.59/73) "Komorník, připomínající svými ježatými licousy Babinského...” auf den berüchtigten Räuberhauptmann Václav Babinský (1795-1879), der auch in Volkslieder Eingang fand. Der Hinweis (II.93/499) "Sám Wohlschläger věší za čtyři zlatky“ gilt einem Prager Scharfrichter, der tatsächlich so hieß (über ihn schrieb unter anderem Egon Erwin Kisch). Die Worte (I.309/315) "nedávno vodstřelili záložníka Kudrnu" verweisen auf den tschechischen Soldaten des 102. österreichischen Regiments, Josef Kudrna, der am 7.mai 1915 auf dem Exerzierplatz in Prag-Motol wegen"Verletzung der militärischen Disziplin" hingerichtet wurde.

Auch folgende Passage entspricht der Realität (II.98/504): "To je na Žižkové pan profesor Axamit a ten... kopal, hledal hroby skrčenců a několik jich vybral,.." MUDr Jan Axamit (1870-?) war tatsächlich ein Amateur-Archologe und veröffentlichte 1912 ein Buch Příspěvky k prehistorické topografii Prahy a okolí (Beiträge zur prähistorischen Topographie von Prag und Umgebung - Sicherlich würde man folgender Mitteilung kaum Glauben schenken (II.144/550): "...vo takovým jednom sběrateli, jak našel v písku na břehu Labe starej nočník plechovej a myslel, že je to přilbice svátého Václava,..a...přijel se na to podívat biskup Brynych z Hradce s procesím a korouhvema." Dennoch. Eduard Brynych (1846-1902) war wirklich Bischof von Königgrätz, und sein Interesse für die Gestalt des Hl. Wenzel war allgemein bekannt.

An einer stelle berichtet Švejk (I.388/399): “Dal se do Mariánský kongregace, chodil s nebeskýma kozama na kázání pátera Jemelky k svatýmu Ignáci na Karlovo náměstí..." Der Jesuit Alois Jemelka (1862-1917) predigte tatsächlich häufig in der Prager Kirche der Jesuiten.

Weitere Identifizierungen von Namen finden sich in Radko Pytlíks Buch über Hašek aus dem Jahre 1982, insbesondere im Nachwort zur zweiten Ausgabe (307f.), sowie in seiner Kniha o Švejkovi (Buch über Švejk) von 1983.

Geografie

Ein besonderes Kapitel bilden die über den gesamten Roman verstreuten geographischen Angaben. Die Topographie Prags und Böhmens ist - wie kaum anders zu erwarten - exakt, ebenso historische Hinweise (z.B. über die Überschwemmung in Dvůr Králové /Königinhof am 29. Juni 1897 - (I.300/314), oder den Brand der Prager Mühlen von Odkolek im Jahre 1895 - (II.129/534). Aber auch die Angaben über Österreich sind meist verläßlich. So gab es in Steinhof[q] in der Tat während des Ersten Weltkriegs ein österreichisches Konzentrationslager (I.113/118), sowie in Hainburg eine Kadettenschule (I.268/274). Nur die Adresse des "Komitees für Kriegsgräber" ist ungenau angegeben (II.64/470): statt “Wien XIX Canisiusgasse 4" müßte es "Wien IX..." heißen (so auch in der deutschen Übersetzung von Grete Reiner).

Švejks Bemerkung (I.144/149) "Když tenkrát ta sopka Mont-Pelle zničila celý ostrov Martinique..." bezieht sich auf eine Katastrophe, die sich tatsächlich ereignete: 1902 zerstörte ein Ausbruch des Vulkanmassivs La montagne Pelé (und nicht: Mont-Pellé) die Stadt Saint-Pierre auf Martinique.

Die zahlreichen Angaben über Királyhida, d.h. den damaligen ungarischen Teil von Bruck ad. Leitha (Most nad Litavou), können kaum überraschen - schließlich verbrachte Hašek dort im Frühjahr 1915 einige Wochen[r] in der Militärgarnison. Leicht läßt sich der Weg des Militärtransports, dem Švejk (und Hašek) angehörten, von Királyhida über Mošon (so bei Hašek - II.7/413, eigtl. Mosonmagyaróvár[s]) und Ráb (II.27/433, =Györ bzw. Raab) nach Budapest (II.61/466) verfolgen. Es folgt der Hinweis (II.85/490): "Pokud se týká chleba, obdrží mužstvo ve Watianě na stanic) po půl vece." Einen ort Watian gibt es in Ungarn nicht, und so darf man vermuten, daß es sich um die stadt Hatvan handelt (die auch kurz darauf im Text erwähnt wird); "Watian" dürfte durch eine falsche Lesart des Manuskripts oder einen Druckfehler entstanden sein.

Der Weg führte von Budapest weiter über Rákospalota[t] (II.91/496), Gödöllö und Aszód (II.92/497). Hierbei kam es im Ort Isatarcsa (II.92f/498 - bei Hašek in tschechischer Orthographie "Išatarča", möglicherweise handelt es sich jedoch um die Bahnstation Kistarcsa zu dem "Mißverständnis" zwischen Švejk und dem Ehepaar István (es ging um den Kauf oder besser Raub eines Huhns). Weiter ging es über Füzesabony (II.110/516), Miškovec (d.h. Miskolc - II.111/516), Tiszalak und Zombor (II.111/516 - offensichtlich sind Tiszalúc und Mezözombor gemeint)[12].

Der Militärtransport, mit dem Švejks Regiment fuhr, gelangte in Nové Mesto pod Šiatorom (II.111/516) - heute Slovenské Nové Mesto) auf das Gebiet der heutigen Slowakei[u]. Wahrscheinlich hatte Hašek bei der Niederschrift des Romans im Jahre 1922 keine Landkarte der Tschechoslowakei zur Hand, denn die slowakischen Ortsnamen sind nicht immer richtig wiedergegeben. So schreibt er etwa "Podolin" statt "Podolinec" (II.80/485). Im übrigen wird als Reiseroute Slovenské Nové Mesto - Trebišov (II.116/522) - Humenné (II.117/522) - Brestov - Veliký Radvaň (richtig: Vyšná Radvaň) - Nová Čabyna (richtig: Nižné Čabiny) - Medzilaborce (II. l34/540f.) angegeben. Möglicherweise übersetzte Hašek die slowakischen Ortsnamen selbst nach einer Karte Ungarns aus der Zeit vor 1916. Ungarische Ortsnamen finden sich im übrigen auch in einer Direktive des Oberkommandos, laut der der Transport auf der Trasse Csap - Ungvár - Kis Berezna[v] - Uzsok (d.h. Čop - Užhorod - Malý Berezný[v] - Užok (II.141/547) zu erfolgen hatte.

Auch die Namen galisicher Orte entnahm Hašek wohl einer Landkarte, wenngleich in gelegentlich verstümmelter, u.U. tschechischer Orthographie. Manchmal scheint Hašek allerdings auch phantasiert zu haben[13].

Fremdsprachen

An fremdsprachigen Elementen finden sich einige lateinische Ausdrücke oder sogar ganze Sätze, (sie wurden in den Abschnitten über die Antike und die Religion bzw. die Naturwissenschaften behandelt), sowie einige nicht gerade stubenreine italienische Ausdrücke (II.57/472); porco maladetto, madonna mia é porco, papa é porco. Zahlreiche Stellen sind in einem nicht immer fehlerfreien Deutsch abgefaßt[14].

Russisch sprach Hašek angeblich gut - dennoch schreibt er (I.357/365); "Zdrávstvujtě, ruskije brat ja, my bratja Čechy, my nět Avstrijci." Abgesehen von der inkonsequenten Transkription und dem fehlenden "s" in "russkie" erstaunt vor allem die Verneinung "nět" statt des korrekten "ně", in wissenschaftlicher Transkription natürlich "ne"). Aus dem Serbischen tauchen nur zwei drastische Sätze auf, und zwar mit einem sich wiederholenden Fehler: "Jebentidušu" (I.21/25), "Jeben ti boga, jeben ti dušu, jeben ti majku" (II.74/480). Vielleicht handelt es sich hierbei um einen Druckfehler. Im Polnischen wimmelt es nur so von Fehlern[15]. Außer den unverständlichen Ausdrücken "krajová sedmina", "sviňa porýpaná" und dem Satz "dum vám baně na mjesjnuckovy vaše gzichty" (allesamt I.359/367), die dem Dialekt der "Wasser-polacken" (d.h. dar schlesischen Polen) entnommen sein sollen, taucht in der Rede eines österreichischen Generals polnischer Abstammung eine Mischung aus Tschechisch und Polnisch auf (mit einem sehr problematischen Polnisch): "Dobrže, ty rzveš na sena jako krawa. Stul pysk, drž gubu, nebuč! Sěl jsi už na latríně?,.. Proč jsi nešel šrať s ostatními menži?" (II.84/489). Und weiter (II.89/493): “Vytržel jsi si arž?.., Wiencej srač nie bendzeš?... Dej si tedy hózny nahoru..." Ein polnischer Soldat bemüht sich, deutsch zu sprechen (II.116/522): "Benže šajsn, benže šajsn," und der Bürgermeister eines gallisischen Dorfes sagt(II.184/590): "Moskali zabrali i naši zabirajom[16]".

Bekanntlich besaß Hašek gewisse Kenntnisse des Ungarischen. In den ungarischen Sätzen des Romans finden sich jedoch zahlreiche, z.T. schwerwiegende Fehler. Einige dieser Sätze enthalten recht drastische Aussagen; "Baszom az anyát, baszom az istenet, baszom a Kristus Marját, baszom az atyádot, baszom a világot!", ruft Herr Kákonyi aus, nachdem er Lukášs Brief an seine Frau gelesen hat (I.335/341). Die orthographischen und morphologischen Fehler im Ungarischen sind allerdings jemandem, der diese Sprache spricht, beim Verständnis des Inhalts nicht allzu hinderlich (meist sind es ohnehin wenig gesellschaftsfähige Ausdrücke wie das Serbische “Jebem ti boga" u..). Entsprechend klingt es für einen des Ungarischen mächtigen Leser seltsam, wenn er etwa liest (II.73/479): "Psány byly tyto modlitby tak vášnivě, že tam jenom na konci scházelo řízné maďarské; Baszom a Krísztusmarját!'“ in einer Fußnote der deutschen Übersetzung von Grete Reiner heißt es denn auch: "Unübersetzbarer ungarischer Fluch." Zu derartigen ungarischen Passagen gehürt auch der Satz (II.207/613); "Baszom az élet, lezeá do řady, ruská svině!" Nur in einem einzigen Fall hielt es Hasek für angezeigt, einen ungarischen Ausdruck zu übersetzen (II. 117/522): "Éljén, Éljén a tizenegyedik regiment! čtrnáctý regiment/,“ Hierbei unterlief Hašek allerdings ein Fehler: "tizenegyedik” bedeutet "elfter", "vierzehnter" (čtrnáctý) wäre demgegenüber "tizennegyedlk".

Ein des Ungarischen unkundiger Leser hat ansonsten gewisse Schwierigkeiten, die Bedeutung einzelner Wörter oder Sätze zu erraten. So wird er kaum wissen, daß "isten ald meg a királyt“, (richtig: isten, áldd meg... - II. 116/522, wörtlich, Gott segne den König). Die erste Zeile der ungarischen Fassung der ehemaligen österreichisch-ungarischen Nationalhymne ist, und daß die Liedtitel (I.329/335) "Uram, uram, bíró uram" und ‘Lányok, lányok, lányok a raluba" übersetzt etwa "Mein Herr Richter" respektive "Es gingen die Mädchen ins Dorf" heißen.

Wir hätten es nicht mit Hašek zu tun, gäbe es im Roman nicht auch tschechische Neologismen und Wortspiele, wie wir sie z.B. aus seinen berühmten mystifizierenden Beiträgen in der Zeitschrirt Die Welt der Tiere kennen. So findet man etwa (II.254/572): "'Jsi hodule žravá', řikal (Koch Jurajda - A.M.) Balounovi..." im Slovník spisovného Jazyka českého (Wörterbuch dar tschechischen Schriftsprache) gibt es das wort hodule nicht. Der Ottův slovník naučný führt dagegen folgendes an: "'Hodule’ nennt man in Mähren ein Stück Schlachtvieh (Kalb, Schaf), das gewöhnlich einige Nachbarn gemeinsam zu einem Festessen (tschech. hody) (zur Kirchweih) kaufen und schlachten." (Grete Reiner übersetzt "hodule" als "Berstel").

Konklusion

Trotz all dieser Feststellungen, aus denen hervorgeht, daß Hašek eine große Zahl von Realien in seinem Roman verarbeitete und teilweise sogar recht präzise wiedergab, bleibt noch viel zu tun. Dennoch kann man bereits heute die Behauptung wagen: Hašeks Roman enthält weit weniger Mystifikationen, als gemeinhin angenommen wird. Der Autor schöpfte bei der Niederschrift zudem nicht nur aus seinen eigenen Kenntnissen, die zwar in der Tat recht umfangreich waren, zugleich aber auch ziemlich eklektisch und oft oberflächlich.

Das, was bis heute bekannt ist, beweist, daß sich Hašeks Roman zwar - und nicht ohne Erfolg - als ein Gespinst von Pseudorealien zu präsentieren versucht, daß es sich in Wirklichkeit aber um ein werk handelt, das mit Fakten und Zitaten, die in vielen Fällen keineswegs ausgedacht sind, geradezu vollgepfropft ist. Diesen Tatbestand sollte man bei Interpretationsversuchen des Werks keinesfalls außer acht lassen.

Teilweise dürfte wohl die gängige Meinung richtig sein, Hašek habe in Lipnice, - wo der überwiegende Teil des Romans entstand - den Text seines Hauptwerkes auswendig diktiert. Andererseits ist jedoch eindeutig, daß er bei der Niederschrift des Romans alte Kalender benutzte, Landkarten, die Bibel, den Ottův slovník naučný [17], daß er Ganghofers Roman Die Sünden der Väter zur Hand hatte und aus der Tagespresse der Jahre 1921-1922 schöpfte sowie wohl auch aus anderen Quellen, etwa alten Zeitungen[k].

Wahrscheinlich standen Ihm auch ein Werk über die Geschichte Österreichs (vielleicht ein altes Schulbuch), ein katholisches Gesangbuch und offensichtlich auch ein österreichisches Militär-liederbuch zur Verfügung, dazu eventuell ein Naturkundebuch (u.u. Brehms Tierleben).

Die Schicht der exakt angeführten oder allenfalls teilweise arrangierten Realien ist recht kompakt - kompakter, als der normale Leser, oft aber auch der Literaturwissenschaftler wahrhaben will. Man könnte sogar behaupten, Hašeks Ziel sei es gewesen, den Leser im unklaren zu lassen, wo die Faktographie endet und die Fiktion beginnt. Die Grenze zwischen beiden Bereichen ist fließend, was auf ein planmäßiges künstlerisches Verfahren hinweist. Verständlicherweise kann es im zeitlichen Abstand (und natürlich noch mehr in Übersetzungen und besonders unter Lesern außerhalb Mitteleuropas) scheinen, als gebe es nur spärliche Realien und dafür umso mehr Fiktion. Hierzu trägt auch die gängige Version von der spontanen Entstehung des Romans in einer Gastwirtschaft in Lipnice bei. Doch dies könnte beinahe - bis zu einem gewissen Grade - eine letzte, fast geniale Mystifikation Hašeks sein. Offensichtlich war sich selbst Kliment Štěpánek, der in Lipnice den letzten Teil des Textes nach dem Diktat Hašeks schrieb, nicht der Tatsache bewußt, daß bei weitem nicht alles der "Erfindung" Hašeks entsprang. Štěpánek schenkte dieser Mystifikation Hašeks Glauben - ja es schenkten Hašek (und Štěpánek) alle diejenigen Glauben, die sich bis heute mit dem Text des Romans befaßten. Wenn ich einen Teil dieser mystifikationen entlarve, dann allerdings sicher nicht, um die Größe der künstlerischen Tat Hašeks herabzusetzen, sondern vielmehr im Gegenteil: ich möchte zeigen, daß die Konzeption des Romans, der unter Ausnutzung der verschiedensten Quellen entstand, im Grunde durchdachter war, als sie aussehen sollte.

Diskussion

Ich möchte folgende Thesen zur Diskussion stellen:

1) Hašek verwandte im Švejk" die Methode der Collage, d.h. er stellte ganze Passagen aus tatsächlich existierenden Texten nichtliterarischer Natur zusammen, die im Kontext des Romans natürlich literarisch, also ästhetisch wirken.

2) Im Unterschied zur Collage in der bildenden Kunst (in der Malerei) benutzte er nicht nur tatsächlich existierende Objekte nichtliterarischer Natur, sondern bearbeitete einen gewissen Teil dieser Texte, bzw. dachte sich manche aus.

3) Dieses Verfahren ist seit langem aus historischen Romanen bekannt, in denen im Grunde eine derartige Mischung von Zitaten aus wirklichen und fingierten Dokumenten, Briefen, Zeitungsartikeln usw. gleichsam vorausgesetzt wird. Hašek wandte dieses Verfahren allerdings auf einen Gegenwartsromanan, - wodurch er die zeitgenössischen Leser bezüglich der Authentizität der Zitate verunsicherte, Gleichzeitig erschwerte er damit natürlich auch erheblich die Arbeit späterer Literaturwissenschaftler.

4) Hašek war sich seines Ruhmes als Mystifikator wohl bewußt. So versuchte er auch nicht, das Aufkommen der Legende zu verhindern, er habe den Roman im Grunde "auswendig" geschrieben, und die Zitate sowie die angeführten Realien im Švejk seien seinem "genialen Gedächtnis" entsprungen oder ausgedacht.

RESUMÉ - Reálie a pseudoreálie v Haškové "Švejkovi"

Pro poznání reálií v Haškové nejdůležltéjším díle bylo už ledacos vykonáno. Už dnes je možné riskovat tvrzení, že Haškův román obsahuje v daleko menší míře mystifikace, než se obecně soudí. Zčásti zřejmě souhlasí tradované tvrzení, že Hašek na Lipnici - kde vznikla převážná část románu - diktoval z hlavy text svého díla. Na druhé straně je však jisté, že při tvoření románu používal starých kalendářů, map, bible, Ottova slovníku naučného, měl po ruce Ganghoferův román "Die Sünden der Väter", čerpal z denního tisku let 1921-22 a zřejmě z dalších pramenů, např. ze starých novin[k]. Pravděpodobné měl po ruce i nějaké dílo o dějinách Rakouska (snad starou školní učebnici), katolický kostelní zpěvník, patrné i rakouský vojenský zpěvník. Také asi nějaký přírodopis, snad Brehmův "Život zvířat".

Vrstva přesné uvedených nebo jen zčásti upravených reálií je značné silná - silnější, než si uvědomuje nejen běžný čtenář, nýbrž často i literární badatel. Dá se tvrdit, že Haškovým záměrem bylo, aby čtenář nepoznal, kde končí faktografie a kde začíná fikce. Hranice mezi oběma vrstvami je plynulá, což je záměrný umělecký postup. Je samozřejmé, že s časovým odstupem se zdá, že reálií je poskrovnu, zato fikce je málem všude. Skoro se zdá, že do určité míry jde o poslední, téměř geniální Haškovu mystifikaci. Zřejmé ani Kliment Štěpánek, který na Lipnici psal podle Haškova diktátu poslední část textu, si neuvědomoval, že zdaleka ne všechno má Hašek "z hlavy”. Štěpánek uvěřil této mystifikaci - a Haškovi (a Štépánkovi) uvěřili ti, kteří se textem románu dodnes zabývají. Rozbíjím-li část této mystifikace, nesnižuji tím velikost uměleckého činu Jaroslava Haška. Domnívám se, že právě naopak: ukazuji, že román vznikal s využitým nejrůznorodějších pramenu a jeho koncepce byla promyšlenější, než se měla zdát.

Anmerkungen

[1]J. Hašek, Osudy dobrého vojáka Švejka, Bd.I-II, Prag 1962. Alle Zitate aus dem Švejk werden im folgenden abgekürzt wiedergegeben, wobei "I." den 1. Band der Prager Ausgabe (= Teil I und II des Svejk), "II." den 2. Band (Teil III u. IV) bezeichnet. Auf eine Übersetzung der Zitate ins Deutsche wurde verzichtet, zum Vergleich wird jedoch jeweils auch die entsprechende Stelle in der deutschen Übersetzung von Grete Reiner, (J. Hašek, Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk, Frankfurt /M. Wien-Zürich 1972/Büchergilde Gutenberg/), vermerkt.

[2]Falls man Stejskals Angaben in seinem erwähnten Such glauben darf (126-162), dann fand Hašek zahlreiche Details (Realien und Anekdoten) für seinen Roman wahrend des Aufenthalts in Lipnice, so stammt der Ausspruch "Mám blít krev?" (I.342/350) angeblich von Panuškas Bedienstetem Matěj. Im selben Kapitel geht die Äußerung über die Rose von Jericho (I. 349/355) angeblich ebenfalls auf einen tatsächlichen Ausspruch des Bediensteten Matěj in Lipnice zurück. Der etwas später folgende Ausdruck "Dejmám u Kříže" (I.349/356) wird einem gewissen Procházka zugeschrieben, der in Lipnice bei einem Schmied Kříž arbeitete. Die ständige Redensart des Leutnants Dub "Vy mě ješté neznáte, ale až mé poznáte!" entnahm Hašek angeblich einer Geschichte von J. Jakl, der die Lieblingsredensart eines Oberleutnant Krejbich erwähnte. Den Fall des Trainsoldaten Bong (I.216/211) kannte Hašek möglicherweise von einem Plakat, das er tatsächlich (wohl im Jahre 1915) auf dem Bahnhof von Tábor gelesen haben könnte. Der arme Kretin Pepek Vyskoč aus Putim (1.238/244) lebte angeblich in Wirklichkeit in der Umgebung von Lipnice. Švejks Äußerung, der alte Vaniček aus Pelhřímov habe gesagt, es sei allein Gottes Wille, als er seinen 36. Arrest absaß (I.320), wird ebenfalls einer tatsächlich lebenden Person zugeschrieben - dieser Vaniček wurde oft mit Arrest bestraft und pflegte sich derart auszudrucken. Die Begebenheit mit dem Kater, der eine Landkarte beschmutzte, worauf der Oberst mit dem Finger in die Hinterlassenschaft fuhr, soll Hašek der bulgarische maler Christo Georglev bei einem Besuch in Lipnice erzählt haben (l.395f /406). Das Lied Župajdá, župajdá (II.150/556) hörte Hašek vielleicht auch in Lipnice. In Lipnice behauptete Hašek angeblich auch, die Begebenheit mit dem verkleideten Wachtmeister, der einen friedfertigen Bürger verhaftet (II.196f./607), beruhe auf Wahrheit - an ihr hätten neben Hašek auch L. Hájek und der Maler F. Kysela mitgewirkt. Die Geschichte des gelehrten Oberleutnants Holub (II.200f./607) hörte Hašek möglicherweise ebenfalls in Lipnice. Und die Verwendung von Myrte statt Majoran durch den Koch Jurajda (II.274f./682) sowie den Irrtum des Fleischers Linek beim Würzen von Leberwürsten (II.275f,/663) könnte Hašek gleichfalls aus Lipnice haben, und zwar vom Drehorgelspieler Burkoň.

[3] Etwas vereinfacht stellt Pavel Petr die Lage dar, wenn er in seinem Buch Hašeks "Schwejk" in Deutschland, Berlin /Ost 1963, 30) schreibt: “Gedruckte Quellen benutzte er (in Lipníce -A.M.) selten, eine Ausnahme bildeten alte österreichische Militär-kalender, denen er Geschichten über Heldentaten österreichischer Soldaten entnahm.” - Ähnlich behauptet Radko Pytlík in seinem Buch O Jaroslavu Haškovi / Toulavé house, (Prag 1982, 301): "...wie dürftig waren die vorbereitenden Skizzen und Materialien, die der Autor bei der Arbeit benutzte. Einige Papierblätter mit Irgendwelchen Anmerkungen blieben erhalten; zu den erhaltenen Materialien gehören auch alte österreichische Kalender, um die Hašek den Verleger Synek in Prag brieflich gebeten hatte. Die übrigen Zitate und Dokumente, die Armeedepeschen, Befehle, Richtlinien, die einen wichtigen Bereich zeitgenössischer Faktizität und Authentizität bilden, führte er aus dem Gedächtnis an. Er hatte in der Tat ein geniales Gedächtnis..," - in demselben sinne schreibt Pytlík in Kniha o Švejkovi, (Prag 1983, 67): “Bei der Niederschrift (des Švejk - A.M.) benutzte er fast überhaupt keine vorbereitenden Notizen und Skizzen... Am häufigsten breitete Hašek angeblich eine Karte des galizischen Kriegsschauplatzes aus, und zwar dann, wenn er die Richtung von Švejks Wanderungen präzise bestimmen mußte. Andere Materialien und Hilfsmittel benutzte er nicht."

[4] Augustinus schreibt in seinem Werk De civitate Dei (Buch 16, Kapitel 5): "Quod vero et Antipodes esse fabulantur, id est, homines a contraria parte terrae, ubi sol oritur, quando occidit nobis adversa perdibus nostris cal care vestigia, nulla ratione credendum est.

[5]Einzelheiten sowie den ursprünglichen Text bringt Milan Jankovič in seinem Buch Umělecká pravdivost Haškova Švejka, = Rozpravy ČSAV, Řada společenských véd, Jg, 70/1960, Heft 10, 26.

[6]Vgl. Karel Pichlík, Dvě setkání s hodným vojínem od Custozzy, in: Dějiny a současnost, Prag 1951, Nr.8, 40 f.

[7]Les Misérables, Paris 1951 /Gallimard/, 357.

[8]Vgl, Pavel Petr, Hašeks 'Schwejk' in Deutschland, Berlin /Ost 1963, 202.

[9]In den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts erschienen auf Tschechisch mindestens sechs Volksbücher über Rózsa. Sie werden auch in L.Dobossy's Artikel Ungarische motive im Lebenswerk von Jaroslav Hašek erwähnt (in: Studia Slavica /Budapest, 15/1958, 121).

[10]Vgl: Orientace IV/1969, Heft 1, 81; Nachdruck in Radko Pytlík, O Jaroslavu Haškovi..., Prag 1982, 137.

[11]Dies behauptet Václav Menger in seinem Buch Lidský profil Jaroslava Haška, Prag 1945, s.234. Eine andere Theorie bringt Radko Pytlík in Kniha o Švejkovi, Prag 1983, S. 146.

[12]Wie zu sehen, ist die Behauptung L. Dobossys (in: Ungarische Motive..., 137) nicht ganz zutreffend: "Es kommt natürlich vor, daß wirkliche Ortsnamen in den Werken von Hašek auftreten, zu diesen gehören vor allem die Stationen der Reise Švejks von Királyhida bis Sátorjaújhely (= Nové Město pod Šiatorom - A,M.) und weiter.”

[13]Es hat nicht den Anschein, als habe Zygmunt Saloni in seinem Artikel Realia polskie w 'Przygodach dobrego wojaka Szwejka' J. Haška (In: Slavia, xxv/1966) recht (636); "Otóż wydaje sle bardzo mało prawdopodobne, by Haśek korzystał z map... Są to typowe tiłędy spowodowane przez niedokładność przy zapamiętaniu szczegółów w powieści pokazanych." Hašeks Landkarten enthielten möglicherweise verstümmelte polnische Namen - offensichtlich waren es österreichiscen Militärkarten -, und außerdem war Hašeks Manuskript gerade bezüglich der polnischen geographisehen Bezeichnungen wohl für einen tschechischen Setzer nicht immer leicht zu entziffern.

[14]Vgl. den erwähnten Artikel von Zygmunt Saloni. Salonis Studie ist vorbildlich - es wäre zu wünschen, daß man alle Realien des Švejk derart gründlich analysierte.

[15]Zygmunt Saloni (op.cit.) ist der Meinung, Hašek sei mit den komplizierten Problemen der gemischten polnisch-ukrainischen Sprachgebiete im Osten des ehemaligen Galizien vertraut gewesen. Dies ist unwahrscheinlich, allerdings auch nicht ganz auszuschließen.

[16]E. A. Longen behauptet in seinem Buch Můj přítel Jaroslav Hašek (Prag 1963, ISO), Hašek habe ihm in Lipnice gesagt: "'...Wir brauchen material, Kamerad, und ich glaube, der Ottův slovník naučný reicht uns.' Hašek brachte zwei Bände des Lexikons vom schulrektor Pavel mit: A und Š - als kostbare Beute..."

Anmerkungen [Jomar Hønsi]

[a]Historisch unmöglich. Przemyśl war vom 22.3 bis zum 3.6 1915 von den Russen besetzt.

[b]Welche Offensive ist nicht klar. Weitere Untersuchung erforderlich.

[c]Hašek war dem 12. Marschbataillion in Bruck zugeordnet, laut Jaroslav Kejla in 2. Marschkompanie. Am 11.Juli 1915, nachdem die Reserven der Front erreicht hatten, war Hašek dem 3.Feldbataillion, 11.Feldkompanie zugeordnet. Švejk war dem "11.Marschkompanie" zugeordnet, unbekannt welcher Marschbataillion.

[d]Entspricht genau der Reise des Verfassers von Bruck nach Sátoraljaújhely, wahrscheinlich auch bis Sanok. Von Sanok ab ist die Route eher unlogisch. Es gibt eine Reihe von Hinweisen in diesem Kapitel, die den topographischen Gegebenheiten nicht entsprechen. Man muss deshalb davon ausgehen, daß beträchtliche Teile des Kapitels "Marschieren Marsch!" was die Geographie angeht auf Phantasie beruhen. Die dort beschriebenen Ereignisse können jedoch anderenorts sehr wohl geschehen sein.

[e]Sauer wohnte in der Jeronýmova 324/3 (jetzt. 324/8).

[f]Eher "U české koruny".

[g]Scheint ein Hypothese zu sein. Hašek hatte schon am 26.9.1916 über Xenophon und dessen Anabasis geschrieben (Dopisy z fronty), also lang vor der Anabasis der Legionen.

[h]Johann Orth wurde seit dem 12.Juli 1890 vermisst, und 1911 für tot erklärt.

[i]Lucheni war Franzose, italienischer Abstammung.

[j]Als junger Mann war Carlos ganz schlank, später nicht mehr.

[k]Mehrere Ereignisse vom Frühjahr 1915 tauchen in diesem Kapitel auf, hauptsächlich im Gespräch zwischen Lukáš und Wendler. Es gibt fast wörtliche Zitate aus offiziellen Kriegsberichten (z.B aus "Národní politika" vom 4.4.1915).

[l]C.F. Amelang (Hašek gibt den Namen korrekt wieder).

[m]Caldiero (Hašek gibt den Namen korrekt wieder).

[n]"Na Kuklíku", Petrské nám 1130/6.

[o]Hašek war in der Drogistenlehre vom März 1898 bis zum September 1899.

[p]Der Drogist hieß tatsächlich Kokoška

[q]Ein KZ-Lager "Steinhof" ist nicht nachweisbar. Es handelt sich wohl um Thalerhof, das einzige Internierungslager für Zivilisten in Österreich (es gab zwei in Ungarn). Thalerhof wird auch in "Dobrý voják Švejk v zajetí" (1917) erwähnt.

[r]Von etwa dem 1.Juni bis zum 30.Juni (ÖSTA, Jan Vaněk)

[s]Hašek hat recht, es hieß bis 1937 Moson.

[t]Der Weg führte nicht über Rákospalota, das nur kurz erwähnt wird.

[u]Sátoraljaújhely befinded sich größtenteils auf ungarischem Staatsgebiet.

[v]Alte Schreibweise Kis-Berezna, in Nachkriegsausgaben Kisberezna. Slowakish: Malá Berezna.