ÖSTERREICH-UNGARNS LETZTER KRIEG 1914-1918

HERAUSGEGEBEN VOM ÖSTERREICHISCHEN BUNDESMINISTERIUM FÜR HEERESWESEN UND VOM KRIEGSARCHIV

ZWEITER BAND

ERSTER TEIL

DAS KRIEGSJAHR 1915

ERSTER TEIL

VOM AUSKLANG DER SCHLACHT BEI LIMANOWA-ŁAPANÓW BIS ZUR EINNAHME VON BREST-LITOWSK

UNTER DER LEITUNG VON EDMUND GLAISE-HORSTENAU

BEARBEITET VON

JOSEF BRAUNER, EDUARD CZEGKA, JAROMIR DIAKÓW, FRIEDRICH FRANEK, RUDOLF KISZLING, EDUARD STEINITZ UND ERNST WISSHAUPT

MIT 40 BEILAGEN UND 36 SKIZZEN

Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, Vorbehalten

Copyright 1930 by Verlag der Militärwissenschaftlichen Mitteilungen in Wien

Einbandzeichnung von Rudolf Junk in Wien

Druck von Paul Kaltschmid in Wien

VORWORT ZUM ZWEITEN BANDE

Der vorliegende zweite Band des Werkes „Österreich-Ungarns letzter Krieg 1914—1918“ behandelt die schweren Karpathenkämpfe des öst.-ung. Heeres, den darauf folgenden Siegeszug von Gorlice bis zur Einnahme von Brest-Litowsk und die Kämpfe gegen Italien, die in diesen Zeitraum fallen. Die Schriftleitung hatten wieder der Unterzeichnete und der Oberstaatsarchivar Obst. a.D. K i s z 1 i n g inne, die hiebei abermals durch den Hofrat d. R. Obst. a. D. Ehnl unterstützt wurden. Für die Abfassung des Bandes galten die gleichen Grundsätze wie für den ersten Band. Die einzelnen Abschnitte wurden von den folgenden Mitarbeitern verfaßt:

„Die Lage um die Jahreswende 1914/15“: vom Unterzeichneten und vom Mjr. des Bundesheeres Dr. Franek;

„Der Karpathenwinter 1914/15": vom GM.d.R. Steinitz (einzelne Abschnitte über die Dezemberkämpfe 1914 vom Oberstaatsarchivar Obstlt. a.D. Meduna-Riedburg und vom Hptm. des Bundesheeres Wisshaupt, statistisches Material im Schlußabschnitt vom Mjr. des Bundesheeres Dr. Czegka);

„Vom Zwei- zum Dreifrontenkrieg“: vom Unterzeichneten (unter Benützung von Beiträgen K i s z 1 i n g s über die italienische Front und des Obstlts. des Bundesheeres Mühlhofer über den Balkankriegsschauplatz) ;

„Von Gorlice bis Lemberg“: vom Unterzeichneten, der sich hiebei auf Studien der Generalmajore d. R. Steinitz und Paić sowie des Oberstaatsarchivars Obstlt. a. D. Uriel stützen konnte;

„Der Feldzug von Brest-Litowsk“: vom Obst. Kisz ling gemeinsam mit Obstlt. d. R. D i a k o w sowie mit Mjr. Dr. Czegka, Mjr. Dr. Franek und Hptm. Wisshaupt;

„Die Einleitungskämpfe an der Südwestfront“ und „Die Sommerschlachten gegen Italien“: vom Obst. K i s z 1 i n g, der für die Schilderung der Kämpfe in Tirol eine Studie des GM. d. R. Julius Lustig-Prean benützen konnte, und dem die Darstellung der Kämpfe in Kärnten teilweise Obstlt. des Bundesheeres Brauner abnahm.

Das Personen- und Truppenkörperverzeichnis wurde wie im ersten Bande vom Hofrate d. R. S a c k e n angelegt. An der Bearbeitung einzelner Textteile haben noch Staatsarchivar Mjr. a. D. Dr. Schmidt und Mjr. des Bundesheeres Adolph-Auffenberg mitgewirkt, indes die Herstellung der Kartenbeilagen und Skizzen inhaltlich wieder vom Obst. des Bundesheeres Zöbl geleitet wurde. Von den beiden mit Übersetzungen befaßten Mitarbeitern GM. d. R. Spannocchi und Mjr. a. D. P i b 1 hat der erstgenannte seine Tätigkeit auch auf die italienische Kriegsliteratur ausgedehnt. Die das Eisenbahnwesen betreffenden Fragen bearbeitete wieder Gen. d. R. Ing. Ratzenhofer. Besonderer Dank gebührt abermals den zahlreichen Persönlichkeiten des alten Heeres, die die Güte hatten, einzelne Abschnitte vor der Drucklegung zu überprüfen und zu ergänzen, ferner dem GO. d. R. Sarkotic-Lovcen, dem Gen. Ratzenhofer und dem Direktor des Haus-, Hof- und Staatsarchivs, Generalstaatsarchivar Univ.-Prof. Dr. B i 11 n e r, die sich neuerlich in liebenswürdigster Weise um die Durchsicht und Überprüfung des ganzen Textes bemüht haben.

Wie der erste Band dieses Werkes, so durfte sich auch der vorliegende wieder vor allem der werktätigen Förderung durch den Bundesminister für Heereswesen, Bundeskanzler a. D. Vaugoin, erfreuen. Ebenso nahmen sich der Fortführung des Werkes mit gewohntem Nachdruck an: der Leiter der Sektion I des Heeresministeriums, GdI. Sc hie bei, der Leiter des Verlages, Obst. des Bundesheeres Schubert, und — als bewährter druck- und verlagstechnischer Beirat — der frühere Direktor der Staatsdruckerei, Hofrat G r ü n d i g.

Wien, im Sommer 1931

Der Direktor des Österreichischen Kriegsarchivs GLAISE - HORSTENAU

INHALTSVERZEICHNIS

Seite

Vorwort zum Zweiten Bande................V

Verzeichnis der Abkürzungen ...............XVI

Die Lage um die Jahreswende 1914/15

Überblick über die Weltlage zu Anfang 1915...........3

Österreich-Ungarns Wehrmacht um die Jahreswende.........8

Kämpfer und Kriegsgerät...............8

Heer- und Kampfführung...............19

Das moralische Gefüge................27

Der Karpathenwinter 1914/15

Die Verfolgung der Russen nach der Schlacht bei Limanowa-Łapanów ....    33

Das unbefriedigende Ergebnis der Verfolgung und die Führerentschlüsse auf

beiden Seiten (13. Dezember).............33

Das Zusammenwirken der 3. und der 4. Armee bis zum 17. Dezember .    .    36

Der russische Rückzug nördlich der Weichsel (15. bis 18. Dezember) ...    43

Die letzten Kämpfe des Kriegsjahres 1914............47

Die Ereignisse südlich der Weichsel............47

Bildung der neuen russischen Front. Die österreichisch-ungarischen

Maßnahmen am 17. Dezember...........47

Kämpfe bei Tarnów und am Dunajec (18. bis 20. Dezember) ...    49

Das Stocken der Offensive der 3. Armee (18. bis 20. Dezember) .    .    52

Die Besprechung in Oppeln (19. Dezember).........54

Beginn der russischen Gegenoffensive in Galizien (21. bis 24. Dezember)    58

Das Eingreifen des X. Korps auf dem rechten Flügel der 3. Armee und

die Angriffe Pflanzer-Baltins bis zum 25. Dezember ....    64

Rückzug der 3. Armee gegen den Hauptkamm der Karpathen und

Abwehrkämpfe des Südflügels der 4. Armee (25. bis 27. Dezember)    67

Die Ereignisse in Przemyśl und bei der Armeegruppe Pflanzer-Baltin

bis zum Jahresschlüsse.............72

Erwägungen und Anordnungen der Führer auf beiden Seiten (27. bis

28. Dezember)...............74

Seire

Das Zurückweichen der 3. Armee (28. bis 31. Dezember; ....    75

Die Schlacht der 4. Armee (28. bis 31. Dezember).......78

Die Ereignisse nördlich der Weichsel............80

Die Kämpfe der 1. Armee um die Nidaübergänge (20. bis 31. Dezember) 80 Die Kämpfe der 2. Armee bei Tomaszów (19. bis 31. Dezember) .    .    84

Die Neujahrsbesprechung der verbündeten Führer in Berlin.....91

Erster Versuch zur Offensive über die Karpathen..........94

Neue Offensivpläne der Verbündeten............94

Der Ausklang der Dezemberkämpfe............99

Die Anlage der Jänneroffensive über die Karpathen.......107

Gliederung der Streitkräfte auf dem nördlichen Kriegsschauplätze nach dem

Stand vom 23. Jänner 1915...............114

Die russischen Pläne.................122

Beginn der Offensive und Rückschlag............124

Der Angriff der 3. und der Südarmee (23. bis 26. Jänner) .... 124 Kampfschwankungen bei der Südarmee und am Uzsokpaß vom 27. Jänner

bis 5. Februar................129

Brussilows Gegenschlag gegen die k. u. k. 3. Armee (27. Jänner bis

5. Februar)................133

Verfügungen zur Wiedergewinnung des Raumes bei Mezölaborcz .... 143 Neuregelung der Befehlsverhältnisse in den mittleren Karpathen und hineinspielende Ereignisse (6. bis 15. Februar) .    . _.......147

Die Offensive der Armeegruppe Pflanzer-Baltin gegen Kolomea—Nadworna

(31. Jänner bis 16. Februar)..............    155

Die Winterschlacht in Masuren und ihre Auswirkung.......160

Die Grundlagen für die Entschlüsse der k. u. k. Heeresleitung.....165

Die Kämpfe in den Karpathen bis zum 26. Februar........167

Der rechte Heeresflügel und sein nächstes Operationsziel Dolina

(16. bis 26. Februar)..............167

Die Begebenheiten bei der 3. und der 4. Armee (15. bis 26. Februar)    175

Zweiter Versuch zur Offensive über die Karpathen.........180

Vorbereitungen der 2. und der 3. Armee für den neuerlichen Vorstoß über

das Gebirge.......................180

Die Vorgänge an den Flügeln der verbündeten Heere bis zum 22. März . 186 Die Kämpfe Pflanzer-Baltins gegen die anwachsende Übermacht der

Russen (27. Februar bis 22. März)...............186

Das wechselvolle Ringen der Südarmee (27. Februar bis 23. März)    .    192

Die Vorgänge an der Front nördlich der Weichsel bis zum 22. März    .    195

Die letzten Anstrengungen zum Entsätze von Przemyśl.......196

Lagebeurteilung in Teschen nach dem Ergebnis der ersten Angriffe der

2. und der 3. Armee..............196

Der Angriff der 4. Armee (27. Februar bis 17. März)......198

Das Ringen der 2. und der 3. Armee auf seinem Höhepunkt (2. bis

10. März).................201

Das endgültige Scheitern des Entsatzversuches (11. bis 20. März) .    .    205

Der Fall der Festung Przemyśl.............211

Rückblick....................    ,    217

Seite

Die Gegenoffensive Iwanows............... 224

Die Führerentschlüsse bei den Russen und bei den Verbündeten .... 224

Wachsende Bedrängnis bei der 2. und der 3. Armee.......228

Die Krise (26. bis 31. März)..............235

Die letzten Märzkämpfe bei der Armeegruppe Pflanzer-Baltin und bei der

Südarmee.................. 242

Die Osterschlacht in den Karpathen (1. bis 6. April).......246

Zurücknahme der 2. Armee hinter den    Karpathenhauptkamm .    .    .    246

Der Russenansturm gegen die 3. Armee    und    seine Abwehr (1. bis

5. April).................251

Der Ausklang des großen Karpathenringens...........258

Die Angriffe Brussilows nach der Osterwoche und die Eroberung des Zwinin

durch die Deutschen (6. bis 14. April)..........258

Das Abflauen der Karpathenkämpfe in der zweiten Aprilhälfte 1915 .    . 261

Das Ergebnis des Karpathenwinters............267

Vom Zwei- zum Dreifrontenkrieg

Die politisch-militärische Lage Österreich-Ungarns im April 1915.....275

Die Kampfpause an der Balkanfront............275

Italiens Abfall vom Dreibunde.............281

Italiens Rüstungen und Kriegspläne...........284

Österreich-Ungarns Abwehrmaßnahmen gegen Italien.......288

Entschluß der Mittelmächte zum Angriff gegen die Russen.......297

Die    Entstehung des    Gorliceplanes der    Mittelmächte........297

Die    Absichten der    Russen...............309

Von Gorlice bis Lemberg

Die Durchbruchsschlacht bei Gorlice (2. bis 8. Mai 1915).......315

Der    Aufmarsch zur Schlacht..............315

Der    Vorstoß an die Wisłoka (2. bis 5. Mai)..........318

Die Kämpfe am 5. Mai und das Eingreifen der k.    u. k.    3. Armee    .    .    328

Die Einnahme von Tarnów und das Kesseltreiben bei Dukla    (6.    Mai)    .    .    331

Die Fortführung des Angriffes über den Wisiok (7. und 8. Mai) .... 336 Der Entschluß    der Russen zum    Rückzug hinter    den    Wisłok    .    .    .    340

Der Einbruch    der Verbündeten    in die Russenfront    bei    Krosno    und

Rymanów....................342

Die Auflockerung der Russenfront in den Waldkarpathen und die Armeegruppe Pflanzer-Baltin in der ersten Maiwoche.......345

Die öst.-ung. Heeresleitung zwischen dem 4. und dem 9.    Mai.....347

Der Rückzug der Russen an den San (9. bis 13. Mai).........350

Die Schlacht bei Sanok und Rzeszów (9. und 10. Mai).......350

Der russische Gegenstoß am Dniester (9. bis 12. Mai).......357

Entschluß der Russen zum Rückzug an den San (10. Mai)......361

Die    Verfolgungskämpfe am 11. und 12. Mai..........364

Beginn des Rückzuges der Russen im Weichsellande......370

Seite

Die Wiedereroberung Mittelgaliziens (12. Mai bis 5. Juni).......371

Die beiderseitigen Weisungen für die Fortführung des Feldzuges (12. und

13. Mai)...................371

Die Schlacht bei Jaroslau (14. bis 20. Mai)..........374

Der Vorstoß der Verbündeten über den San........374

Der Gegenangriff der Russen.............383

Die Schlacht bei Opatów (15. bis 22. Mai)..........387

Beginn der Schlacht bei Przemyśl.............392

Die Kämpfe auf dem rechten Heeresflügel..........397

Die Entschlüsse bei Freund und Feind vor der Kriegserklärung Italiens .    .    . 403

Angriffspläne der Mittelmächte gegen Italien und Serbien......403

Entschluß zur Isonzoverteidigung und Befehle für den weiteren Angriff

gegen die Russen................410

Die russisch-italienische Militärkonvention und die weiteren Entschlüsse der

russischen Führer................414

Die Schlacht bei Przemyśl (24. Mai bis 4. Juni)...........419

Vergebliches Ringen östlich von Husaków..........419

Der Vorstoß Mackensens über Radymno...........422

Der Rückschlag bei Sieniawa.............426

Fortführung des Angriffes der 11. Armee.........429

Die Bezwingung von Przemyśl..............432

Der Handstreich gegen das Werk Pralkowce........432

Iwanows Gegenangriff gegen die 11. und die 4. Armee.....434

Der Fall der Sanfestung (3. und 4. Juni)............439

Die Einnahme von Stryj...............442

Der Vorstoß nach Ostgalizien (5. bis 22. Juni)...........447

Entschluß der Verbündeten zur Offensive gegen Lemberg......447

Gegenmaßnahmen der Russen.............451

Die Vorbereitungen der Verbündeten für die Offensive    gegen Lemberg .    . 453

Die Verdrängung der Russen vom südlichen Dniesterufer    (5. bis 15. Juni) . 456

Angriff Letschitzkis und Gegenangriff Pflanzer-Baltins.....456

Die Einnahme von Kalusz und Stanislau.........459

Der Gegenangriff der Russen bei Mikołajów und    Żurawno .... 462

Vorstoß Pflanzers an den Dniester und neuerliche Krise bei der Südarmee ...............................    465

Die Durchbruchschlacht bei Mościska und Lubaczów (12.    bis 15. Juni) .    . 469

Vorstoß östlich und nordöstlich von Sieniawa........478

Erwägungen und Entschlüsse auf beiden Seiten.......480

Die Schlacht bei Gródek und Magierów...........481

Die Gewinnung von    Niemirów und    Lubaczów (16. bis    19.    Juni)    .    .    481

Der Vorstoß an die    Wereszyca und an den Tanew......483

Der Durchbruch bei    Magierów und    die Bezwingung    der Wereszycalinie    488

Die Kämpfe südlich    vom Dniester...........492

Die Einnahme von Lemberg (20. bis 22. Juni).........495

Die Maßnahmen der Hauptquartiere...........495

Die entscheidenden Kämpfe um Lemberg.........498

Seite

Die Feldzugspläne................... 507

Österreich-Ungarn.................507

Italien.....................509

Die Grenzkämpfe in Tirol im Mai und Juni 1915..........512

Die operativen Erwägungen und Maßnahmen bei Freund und Feind .    .    512

Die Begebenheiten an der Tiroler Westfront und im Rayon „Südtirol“ .    .    517

Die Verteidigung der Dolomitenfront............520

Die Ereignisse an der Kärntner Front vom 23. Mai    bis    Anfang    Juli 1915 .    .    . 523

Die ersten Grenzkämpfe und der Aufmarsch des k. u. k. VII. Korps bis Ende

Mai ...................523

Die Kämpfe auf dem Karnischen Kamm von Anfang Juni bis Anfang Juli . 528 Die Kämpfe zwischen Krn und Flitsch von Ende Mai bis Ende Juni 1915 . 532

Die ersten Kämpfe im Küstenland..............534

Einbruch der Italiener und Aufmarsch der k. u. k.    5. Armee.....534

Der Begegnungskampf    im Raume zwischen Krn und Tolmein (2. bis 4. Juni)    539

Die ersten Gefechte zwischen Plava und dem Meere (5. bis 22. Juni)    .    .    541

Der Feldzug von Brest-Litowsk

Die Offensive an die Gniła Lipa...............549

Die militärpolitische Lage nach der Einnahme von Lemberg.....549

Die Schlacht bei Bukaczowce und Bobrka...........555

Vorrückung der    2. und der Südarmee vom 23. bis 25. Juni .    .    .    555

Die Ereignisse bei der    Heeresgruppe Mackensen (23. bis 28. Juni) .    .    .    560

Bereitstellung zum Nordstoß.............560

Der Vorstoß auf Tomaszów (26. bis 28. Juni).........564

Vorgehen der 1. Armee gegen Zawichost und    Gliniany    (23. bis 28. Juni) . 565

Die Entscheidung in der Schlacht bei Bukaczowce—Bobrka    (26. bis 28. Juni) 567

Die Dniesterkämpfe vom 23. bis zum 28. Juni.........570

Der Vorstoß an die Złota Lipa und über Kraśnik und Zamość (28. Juni bis

13. Juli)........................573

Die Absichten der Heerführer zu Ende Juni..........573

Die Preisgabe der San-Tanewlinie durch die Russen (29.    und 30. Juni) .    . 576

Die Schlacht an der Gniła Lipa..............579

Die Verfolgung an die Złota Lipa (2. bis 5. Juli).......583

Die letzten Kämpfe der 1. Armee auf dem linken Weichselufer (29. Juni bis

2. Juli) ..................587

Die „Zweite Schlacht bei Kraśnik“ (1. bis 10. Juli)........588

Die Einleitungskämpfe am 1. und 2. Juli.........588

Der Angriff der k. u. k. 4. Armee bis zu seinem Höhepunkt (3. bis

6. Juli)...................    592

Der neuen Offensive entgegen............600

'    Der russische Gegenangriff in der Richtung auf Kraśnik und seine

Abwehr .................    .    601

Seite

Die großen Führerentschlüsse in der ersten Julihälfte.......609

Die Verdrängung der Russen aus dem Weichselbogen.........613

Die Dniesterkämpfe vom 14. bis zum 19. Juli..........613

Die zwei ersten Kampftage.............613

Die Ereignisse auf dem Ostflügel der 7. Armee und    an    der    Zlota    Lipa    616

Das Vordringen der Verbündeten bis Cholm, Lublin und    bis    vor    Iwangorod

(15. Juli bis 1. August)...............618

Angriffsplan und Bereitstellung der Armeen........618

Die Schlacht bei Krasnostaw (16. bis 18. Juli)........622

Die Eroberung von Sokal durch dir k. u. k. 1. Armee (15. bis 18. Juli) 625 Fortführung des Angriffes der k. u. k. 4. Armee beiderseits der Bystrzyca

(16. bis 18. Juli,...............628

Der Durchbruch der Armeeabteilung Woyrsch bei Sienno (16. bis

18. Juli).................629

Die Schlacht am Chodelbach und die Neugliederung der Heeresgruppe

Mackensen (19. bis 28. Juli)...........631

Vordringen der Armee Woyrsch bis vor Iwangorod und der Weichsel-

iib;rgang bei Ryczywół (19. bis 31. Juli)........637

Die Einnahme von Lublin und Cholm (29. Juli bis 1. August) .    .    . 645

Hindenburgs Stoß über den Narew (13. Juli bis 4. August)......650

Die Eroberung von Iwangorod (1. bis 4. August)........653

Die Ereignisse zwischen Weichsel und Bug vom 2. bis zum    4. August    .    .    655

Die Bugkämpfe vom 19. Juli bis zum 4. August.........659

Wechselvolles Ringen um den Brückenkopf bei Sokal (20. bis 31. Juli) 661 Die Säuberung des westlichen Bugufers durch die Armee Böhm-Ermolli

(20. bis 26. Juli;...............663

Rückzug der russischen 13. Armee hinter die Ługa (1. bis 4. August) . 665

Von der mittleren Weichsel bis Brest-Litowsk...........667

Die Führerentschlüsse bei Freund und Feind zu Anfang August    ....    667

Die Schlacht bei Lubartów (5. bis 8. August)..........672

Der Kampf um die Ostrówstellung (8. bis 11. August).......677

Die deutsche Ostfront vom 5. bis zum 11. August........683

Vormarsch der Heeresgruppe Prinz Leopold bis vor Luków und Siedlec 683 Der Vorstoß Hindenburgs bis über Ostrów und Łomża (5. bis 11. August) 685 Erwägungen und Maßnahmen der verbündeten Heeresleitungen und des

Oberkmdos. Mackensen..............686

Maßnahmen der russischen Führung...........688

Der Vormarsch gegen Brest-Litowsk (12. bis 17. August)......689

Die deutsche Ostfront vom 12. bis zum 17. August........697

Die Vereinbarungen der Verbündeten vom 14. bis zum 19. August    .    .    .    699

Der Vorstoß über Kowel (19. bis 26. August)..........704

Die beiderseitige Überflügelung von Brest-Litowsk durch die Vorstöße der

Flügelgruppen Mackensens über den Bug (18. bis 23. August) .    .    . 707

Die Fortführung der Offensive bei den Heeresgruppen Prinz Leopold und

Hindenburg (18. bis 23. August)...........714

Die Einnahme von Brest-Litowsk (24. bis 26. August).......716

Betrachtungen über die Sommeroffensive 1915...........724

Die Sommerschlachten gegen Italien

Seite

Die erste Isonzoschlacht (23. Juni bis 7. Juli)...........733

Artillerievorbereitung und Erkundungsgefechte (23. bis 29. Juni) .... 733

Die entscheidenden    Tage der Schlacht (30. Juni    bis    7. Juli).....738

Die zweite Isonzoschlacht (18. Juli bis 10. August)..........745

Bereitstellung der Kräfte und Einleitungskämpfe auf der Karsthochfläche

und vor Görz (18. und 19. Juli)............745

Verlust und Rückeroberung des Mt. S. Michele (20. bis 24. Juli)    .    .    .    750

Der Kampf um den Görzer Brückenkopf (20. bis 24. Juli)......753

Italienische Angriffe im Krngebiet (19. bis 25. Juli)......754

Der Höhepunkt der Schlacht auf der Karsthochfläche (25. und    26. Juli)    .    .    755

Das Abflauen der    Schlacht...............758

Die Kärntner Front von    Anfang Juli bis Mitte August    1915.......763

Neugliederung der beiderseitigen Streitkräfte und Stellungsbau ....    763

Die Kämpfe im Grenzraume Kärntens............767

Die Kämpfe am oberen Isonzo in der zweiten Augusthälfte    1915    ....    769

Der italienische Angriffsplan und die Stärke beider Parteien    .    .    .    769

Die Kämpfe bei Tolmein vom 12. bis zum 20. August.....771

Das Ringen um das Becken von Flitsch..........774

Die Ereignisse der letzten Augusttage..........778

Begebenheiten in den westlichen Abschnitten der Armeegruppe Rohr    .    779

Die Sommerkämpfe in Tirol................780

Die Dolomitenoffensive der Italiener............780

Der italienische Angriff imValSugana und auf der Hochfläche von Lavarone

und Folgaria.................784

Die Ereignisse im Etschtal und an der Tiroler Westfront......786

Die ersten Kämpfe gegen Italien im Lichte der heutigen Geschichtskenntnis    .    .    787

Nachträge zum Zweiten Bande...............793

Personenverzeichnis ..................797

Verzeichnis der öst.-ung. Truppenverbände............805

Verzeichnis der deutschen Truppenverbände...........811

Druckfehlerverzeichnis..................814

BEILAGEN- UND SKIZZENVERZEICHNIS

Standestabellen..................Beilage    1

Lage in Polen am 14. und 31. Dezember 1914.........„    2

Lage der 3. und der 4. Armee am 22. und 31. Dezember 1914    ....    „    3

Lage auf dem östlichen Kriegsschauplatz am 1. Jänner 1915.....„    4

Lage südlich der Weichsel am 5. Jänner 1915.........„    5

Operationsplan zur Offensive über die Karpathen und Lage am 22. Jänner

1915    .....................6

Kämpfe der 3. Armee..................7

Offensive über die mittleren Karpathen im März 1915......„    8

Die Festung Przemyśl und der Ausfallsversuch ihrer Besatzung am 19. März

1915......................9

2. und 3. Armee am 31. März 1915..............10

Öst.-ung. Ostfront am 14. April 1915................11

Lage auf dem Balkankriegsschauplatz am 1. Mai 1915.......„    12

Übersichtskarte des südwestlichen Kriegsschauplatzes 1:200.000 ....    „    13

Kriegsgliederung der im Frühjahr 1915 dem k. u. k. Armeeoberkommando .

unterstehenden Streitkräfte...............14

Lage und Verteilung der Kräfte am. 1. Mai 1915 (Nordosten) ....    „    15

Durchbruchsschlacht bei Gorlice; Entwicklung der Lage 1. bis 6. Mai 1915    „    16

Durchbruchsschlacht bei Gorlice; Fortführung des Angriffes bis über den

Wislok 6. bis 9. Mai 1915...............17

Durchbruchsschlacht bei Gorlice; Entwicklung der Lage 9. bis 12. Mai 1915    „    18

Beginn der Schlacht bei Jaroslau und Austritt der 2. und der 3. Armee

aus dem Gebirge..................19

Fortsetzung der Schlacht bei Jaroslau...........„    20

Laufbild der Eisenbahn-Truppentransporte. Transportstraßen der Truppentransporte Mai bis August 1915............,,    21

Die Schlacht bei Przemyśl.................22

Die Kämpfe am östlichen Heeresflügel (7. Armee)........,,    23

Die Schlachten westlich von Lemberg 12. bis 21. Juni 1915.....„    24

Lage am 22. Juni abends (Nordosten)..............25

Situation der beiderseitigen Streitkräftc bei Kriegsbeginn 1915 (Südwesten)    „    26

Die Kämpfe in Tirol im Mai und im Juni 1915. Die Dolomitenkämpfe im

Juli und im August 1915...............27

Lage am l.Juni 1915 (Isonzofront)................28

Die Kämpfe zwischen Lemberg und der Złota Lipa 23. Juni bis 5. Juli .    .,    29

Vorrückung der Verbündeten zu beiden Seiten der Weichsel vom 22. bis

30. Juli...................    .    „    30

Die zweite Schlacht bei Kraśnik (1. bis 10. Juli)........„    31

Lage auf dem russischen Kriegsschauplatz am 5. Juli 1915.....„    32

Die Ereignisse beiderseits der Weichsel vom 15. bis 31. Juli.....Beilage

Nebenskizze: Die Eroberung von Iwangorod (1. bis 4. August)

Die Ereignisse vom 6. bis 17. August (zwischen Weichsel und Bug) .    .    „

Die Ereignisse vom 18. bis 26. August (am Bug)........„

Nebenskizze: Die Einnahme von Brest-Litowsk Die Offensive der Verbündeten im Osten von Mitte Juli bis Ende August

1915 (Überblick).................

Lage am    23. Juni 1915. Beginn der ersten Isonzoschlacht......„

Lage am    18. Juli 1915. Beginn der zweiten    Isonzoschlacht......„

Lage der    Armeegruppe GdK. Rohr am 1. August 1915......„

Lage am    oberen Isonzo Ende August 1915..........„

Lage der Armeegruppe Pflanzer-Baltin am 15. Dezember 1914 ....    Skizze

Lage der Armeegruppe Pflanzer-Baltin am 31. Dezember 1914 ....    „

Kämpfe bei Tomaszów. Lage am 25. Dezember 1914.......

Südarmee am 26. Jänner 1915...............

Armeegruppe Pflanzer-Baltin und Südarmee am 5. Februar 1915 .    .    .    

Armeegruppe Pflanzer-Baltin und Südarmee am 15. Februar 1915 ...    „

Nordflügel der Verbündeten im Februar 1915.........„

2. und 3. Armee am 26. Februar 1915............

4. Armee am 15. Februar 1915...............

Armeegruppe Pflanzer-Baltin und Südarmee am 19. Februar 1915 ...    „

Armeegruppe Pflanzer-Baltin am 26. Februar 1915.........

4. Armee am 20. Februar 1915 vorm.............

4. Armee am 25. Februar 1915...............

Armeegruppe Pflanzer-Baltin und Südarmee am 2. März 1915 ...    .    „

Armeegruppe Pflanzer-Baltin am 4. März 1915..........

Pflanzer-Baltin am 22. März 1915.............

Lage in Polen und Ostpreußen am 22. März 1915.........

4. Armee am 8. März 1915................

Armeegruppe Pflanzer-Baltin am 29. März 1915.........

Ostgruppe Pflanzer-Baltin am 31. März 1915..........

2.    und Südarmee am 4. April 1915............„

Die Osterschlacht 1915.................

3.    Armee am 6. April 1915................

Lage am 24. April 1915. Antransport der deutschen Korps.....„

Übersichtskizze des südwestlichen Kriegsschauplatzes.......„

Der rechte Heeresflügel anfangs Mai 1915 (7. Armee).......„

Die Schlacht am Dniester................

Der rechte Heeresflügel (7. Armee) am 13. Mai 1915 abends.....„

Die Lage der k. u. k. 7. Armee am 22. Juni abends........„

Die Lage am 22. Juni morgens. Die Einnahme von Lemberg.....„

Das k. u. k. VII. Korps auf dem Karnischen Kamm am l.JuLi 1915    .    .    „

Lage der Gruppe FML. Langer (92. ID.) am 22. Juni 1915.....„

Die Schlacht am Dniester................

Lage am Südflügel der Isonzofront am 5. Juli 1915........

Lage am 25. Juli früh (an der Isonzofront)...........

Lage der Armeegruppe GdK. Rohr Ende August—Anfang September 1915    „

VERZEICHNIS DER ABKÜRZUNGEN

AOK. = Armeeoberkommando Baon. -— Bataillon bh. = bosn. herz.

BHD. = Bosnien, Herzegowina, Dalmatien BOK. = Oberkmdo. der Balkanstreitkräfte DOHL. = Deutsche Oberste Heeresleitung DonD.I (II), DrinD., MorD., SumD., TimD. = Donau- (Drina-, Morava-. Sumadia-, Timok-) Division I. (II.) Aufgebotes DR., HR., UR. = Dragoner-, Husaren-, Ulanenregiment FABrig. = Feldartilleriebrigade FHR. (FHD.) = Feldhaubitzregiment (-division)

FJB. = Feldjägerbataillon FKR. = Feldkanonenregiment finn. = finnisch

GID. = Gardeinfanteriedivision (deutsch, russ.)

GKD. = Gardekavalleriedivision (deutsch, russ.)

GRIBrig. = Gardereserveinfanteriebrigade (deutsch)

GbBrig. = Gebirgsbrigade Gen. = General (allgemein)

GFM. = Generalfeldmarschall (deutsch) GLt. = Generalleutnant (deutsch, russ.) GdA. = General der Artillerie (deutsch, russ.)

GrenD. = Grenadierdivision (russ.) GrenKorps = Grenadierkorps (russ.)

HHR. = Honvédhusarenregiment HIBrig. = Honvédinfanteriebrigade HID. = Honvédinfanteriedivision IBrig. = Infanteriebrigade

ID. = Infanteriedivision IR. (HIR., LstIR., GIR.) = Infanterie-(Honvéd-, Landsturm-, Gardeinfanterie-) regiment kauk. = kaukasisch KBrig. = Kavalleriebrigade KD. = Kavalleriedivision KJR. = Regiment der Tiroler Kaiserjäger Komb. KD. = Kombinierte Kavalleriedivision

Kmdo. (z. B. Festungskmdo.) = Kommando KosD. = Kosakendivision KSchBrig. (KSchR.) = Kaiserschützenbrigade (-regiment)

LstlBrig. = Landsturminfanteriebrigade LstlD. = Landsturminfanteriedivision LstHusBrig. = Landsturmhusarenbrigade LstTerrBrig. == Landsturmterritorialbrigade

LD. = Landwehrdivision (deutsch)

LKBrig. = Landwehrkavalleriebrigade (deutsch)

LKorps = Landwehrkorps (deutsch) MaBrig. = Marschbrigade öst.-ung. = österreichisch-ungarisch rt. SchR. = reitendes Schützenregiment RIBrig. = Reserveinfanteriebrigade (deutsch)

RD. — Reservedivision (deutsch, russ.) SchBrig. = Schützenbrigade (öst., russ.) SchD. = Schützendivision (öst., russ.) Schwd. = Schwadron sFHD. = schwere Feldhaubitzdivision sib. = sibirisch

SOK. = Serbisches Oberkommando Stawka = Russische Oberste Heeresleitung


Weitere Abkürzungen siehe Bd. I, Seiten XX und 62, und Bd. II, Beilage 14, Seite 3.

Bei Truppen sind im Texte die 1918 gültigen Bezeichnungen angewendet, z. B. Schützen, Kaiserschützen, reitende Schützen, Honvéd und nicht „k. k. Landwehrinfanterie“, „Landesschützen“, „Landwehrulanen“ oder „k. u. Landwehrinfanterie“. Vgl. Fußnote *) S. 30, Bd. I.

DIE LAGE UM DIE JAHRESWENDE 1914/15

Die Mittelmächte hatten ihren ersten Kriegsplan auf der Idee aufgebaut, sich durch einen entscheidenden Schlag im Westen vom würgenden Drucke des Zweifrontenkrieges zu befreien; die Hoffnung, daß dies gelingen werde, war an der Marne zusammengebrochen. Die Entente hatte auf die gewaltige Kraft des russischen Millionenheeres, auf die „Dampfwalze“ des Großfürsten Nikolai Nikolajewitsch gebaut; diese war in den Kämpfen von Łódż-Łowicz und Limanowa-Łapanów zum Stehen gekommen. Im Westen war der Krieg nach dem „Wettlauf zum Meere“, der mit der Ypernschlacht geendet hatte, im Schützengrabenkampf erstarrt. Vom Ärmelkanal bis zur Schweizer Grenze bei Basel zog sich alsbald eine doppelte Linie von Stacheldraht und Erdverschanzungen hin. Ein gleiches Antlitz nahm um Weihnachten das Ringen im Osten zwischen der unteren Weichsel und dem Karpathenkamm an. Die Ereignisse hatten dem Generalfeldmarschall Grafen v. Moltke rechtgegeben: der neuzeitliche Krieg mit seinem Massenaufgebot, mit seinen Völkern in Waffen, war in einem oder zwei Feldzügen nicht zu entscheiden gewesen. Millionenheere hatten einander in einem Dutzend schwerer Schlachten und in ungezählten Gefechten gegenübergestanden, mehr als einmal schien das Schicksal der einen oder der anderen Partei an einem Faden zu hängen. Aber als das ereignisvolle Jahr 1914 zur Neige ging, da machte keine der kriegführenden Mächte Miene, einzulenken oder das Spiel verloren zu geben. Die Entschlossenheit, der verbissene Ingrimm, den Krieg bis zur Entscheidung fortzuführen, schienen um so mehr zu wachsen, je mehr die Kräfte einander die Waage hielten. Wer von den Streitern an der Front geträumt hatte, er werde Weihnachten 1914 wieder am häuslichen Herde verleben dürfen, wurde bitter enttäuscht. Das Ende des blutigen Ringens stand in unabsehbarer Ferne.

Mit dieser schmerzlichen Erkenntnis erhob sich für die Kriegführenden beider Lager und für die ganze neutrale Welt die ausschlaggebende Frage, für wen die Zeit arbeiten werde, ob für die Mittelmächte oder die Entente. Diese Frage wurde durch das Verhalten Englands schon in den ersten Monaten halb und halb zuungunsten der Mittelmächte beantwortet. Großbritannien hatte am Tage des Kriegsausbruches mit einem

l*

planmäßigen Wirtschaftskrieg eingesetzt, mit dem es hoffen durfte, den Gegner über kurz oder lang in die Knie zu zwingen. Gestützt auf die willfährige Hilfe seiner Bundesgenossen, mit denen es sich im Londoner Vertrag vom 4. September auf Gedeih und Verderb zusammengeschlossen hatte, zerstörte es schon in den ersten Kriegswochen den ausländischen Besitz und die internationalen Wirtschaftsbeziehungen Deutschlands und seiner Verbündeten von Grund auf durch Maßnahmen verschiedenster Art (Handels- und Zahlungsverbot, Auflösung der in den Ententeländern tätigen deutschen und öst.-ung. Unternehmen, Beschlagnahme der Post usw.). Am 2. November 1914 erklärte die britische Regierung die Nordsee zum Kriegsgebiet, indem sie gleichzeitig die Zufahrt zwischen Schottland und Norwegen durch eine Minenkette sperrte und die Handelsschiffe der neutralen Anrainer Deutschlands den Weg durch den Ärmelkanal zu nehmen zwang. Über den alten völkerrechtlichen Begriffsunterschied zwischen unbedingter und bedingter Bannware setzte sich England von Anbeginn planmäßig hinweg, um ihn schließlich 1916 in aller Form fallen zu lassen. Der Gegner wurde von jeder Zufuhr abgeschnitten, ob sie nun unmittelbaren Kriegszwecken diente oder nicht, die neutrale Schiffahrt wurde ganz unter englische Aufsicht gestellt. Scharfsinnig ausgedachte Handelsorganisationen sollten allmählich die Blockierung der Mittelmächte vom Lande her ergänzen. Selbst die Vereinigten Staaten von Amerika mußten Zusehen, wie sich England die unumschränkte Kontrolle über die Ausfuhr von Baumwolle, Gummi und Metallen anzueignen wußte.

Gleichzeitig mit dem Wirtschaftskrieg setzte gegen die Mittelmächte ein groß angelegter Ideenkrieg ein, zu dem die technischen Vorbedingungen dadurch geschaffen worden waren, daß England in der Nacht vom 4. auf den 5. August die deutschen Unterseekabel durchschnitten hatte. Unterstützt durch die mächtigste Presse diesseits und jenseits des Ozeans, konnte sofort der große Propagandafeldzug eröffnet werden, der damit begann, Deutschland und seine Verbündeten der Alleinschuld am Kriege und schwerer Greueltaten in den von ihnen durchschrittenen belgischen und serbischen Gebieten zu bezichtigen und gegen sie den Haß und die Verachtung der ganzen Welt heraufzubeschwören. Überdies wurde sehr bald die Wühlarbeit bei den slawischen und romanischen Völkern Österreich-Ungarns aufgenommen.

Der Wirtschafts- und Ideenkampf der Entente gegen die Mittelmächte verfolgte neben anderem auch den Zweck, dem Vielverband Bundesgenossen aus der Reihe zögernder und unentschlossener Neutraler zuzuführen. Der erste Erfolg in dieser Richtung war freilich dem mitteleuropäischen Zweibund durch den Anschluß der Türkei beschieden gewesen. Die Pforte hatte am 31. Oktober 1914 die diplomatischen Beziehungen zu den Ententemächten abgebrochen und vierzehn Tage später die Kriegserklärung folgen lassen. Der Beitritt der Türkei zum Bunde der Mittelmächte war für diese, abgesehen von den wirtschaftlichen Interessen, die Deutschland am Bosporus und in Kleinasien verfolgte, politisch und strategisch von hoher Bedeutung. Das Zarenreich wurde in der Südflanke bedroht. Wer an den Dardanellen saß, beherrschte den wichtigsten Seeweg zwischen den Kornkammern Rußlands und den Industriereichen des Westens. Von Mesopotamien und vom Sinai aus mochte sich England in den zwei wichtigsten Grundpfeilern seines Kolonialreiches, in Indien und Ägypten, bedroht fühlen.

Diesen Vorteilen standen freilich beträchtliche Nachteile gegenüber. Die militärische Führung der Mittelmächte sah sich vor schwierige Aufgaben gestellt. Die Türkei verfügte über ausgezeichnete Soldaten, aber über wenig Ausrüstung und Kriegsgerät. Die Verbündeten, die selbst nicht aus dem Vollen schöpfen konnten, mußten auf manche Opfer gefaßt sein. Sehr unangenehm wirkte der Mangel einer frei benützbaren Landverbindung zwischen Mitteleuropa und Konstantinopel. Im Gegensatz zu Bulgarien, das eine den Türken wohlwollendere Neutralität bewahrte, verhielt sich Rumänien gegenüber der Durchfuhr von Kriegsmitteln zumeist entschieden ablehnend, was die deutsche Heeresleitung im Herbst 1914 und auch später veranlaßte, einer möglichst raschen Besetzung des Negotiner Kreises (vgl. Bd. I, S. 710) das Wort zu reden, und den GdI. Falkenhayn auch im Jahre 1915 immer wieder auf Offensivpläne gegen Serbien zurückkommen ließ, bis im Oktober dieses Jahres zur Tat geschritten werden konnte.

Auch die Verteidigung der entlegenen Grenzgebiete der Türkei mußte angesichts der Armut Kleinasiens an Bahnen (die Bagdadbahn war nur streckenweise fertiggestellt), an Straßen und an Hilfsmitteln aller Art der Truppe und ihrer Führung ganz außergewöhnlich schwierige Aufgaben stellen.

Die großen Probleme, die der Krieg aufgeworfen hatte, wurden durch den Eintritt der Türkei in den Krieg noch mannigfaltiger und verwirrter. Die Begehrlichkeit der Entente nach türkischem und persischem Besitz sah sich durch die immerhin gegebene Möglichkeit mächtig angeregt, das ottomanische Reich zu zertrümmern. Rußland meldete seine Ansprüche auf Konstantinopel, auf Armenien und auf Vergrößerung der durch die Verträge von 1907 festgelegten Einflußzone in Nordpersien an. England war bereit, Rußlands Forderungen zu unterstützen, verlangte dafür aber Mesopotamien, die Mittelmeerhäfen Jaffa und Akka, den beherrschenden Einfluß im südlichen Arabien und eine Erweiterung der britischen Einflußzone im erdölreichen Südpersien. Vergeblich hatte der Kalif die britischen Pläne dadurch zu durchkreuzen gehofft, daß er am 14. November 1914 die grüne Fahne des Propheten zum „Dschihad“, zum heiligen Krieg, entrollt hatte. Das Echo in der Welt des Islams war verhältnismäßig schwach gewesen. Ägypten stand von Anbeginn unter dem Einfluß Großbritanniens, das am 18. Dezember die Unabhängigkeit des Landes erklärte und einen gefügigen „Sultan“ an Stelle des türkenfreundlichen Khediven setzen ließ. In Arabien fand der Ruf des Kalifen wohl teilweise Gehör, aber schon im Sommer 1915 schlug sich der Großscherif von Mekka — vor allem aus wirtschaftlichen Gründen — auf die Seite Englands, das ihm zum Danke das von Stambuł unabhängige Königreich Hedschas verlieh. In Afghanistan, wohin deutsche Emissäre abenteuerliche Fahrten unternahmen, machte sich anfangs starke Türkenfreundlichkeit geltend; aber die doppelte Bedrohung durch England — aus Indien und Südpersien — ließ sie nicht wirksam werden. Indien blieb still.

Gegenüber den russischen und englischen Ansprüchen ließ sich Frankreich von seinen Bundesgenossen das Anrecht auf Syrien und ein dort bis an den obersten Tigris reichendes Einflußgebiet bestätigen. Die ersten eine Aufteilung der Türkei betreffenden Abmachungen wurden zwischen den Alliierten im März 1915 getroffen.

Inzwischen hatten die Kämpfe in den türkischen Randgebieten längst begonnen. In Mesopotamien war ein englisch-indisches Expeditionskorps bis an den Zusammenfluß der beiden biblischen Ströme vorgedrungen. In Armenien erlitt die Armee Enver Paschas nach anfänglichen Erfolgen in den Gebirgen nordöstlich von Erzerum Mitte Jänner einen Rückschlag, der einer Vernichtung gleichkam; dann erstarrte der Kampf für Monate zum Stellungskriege. Kurz darauf, im Februar, versuchte Dsche-mal Pascha mit '20.000 Türken und höchst unverläßlichen Arabern vergeblich, den von indischen und neuseeländischen Divisionen verteidigten Suezkanal zu überschreiten. Er mußte sogar nach Palästina weichen.

Noch ehe an der Kaukasusgrenze die Wendung zugunsten der Russen eingetreten war, war im Schöße der Entente der Gedanke an einen Entlastungsangriff gegen die Dardanellen auf genommen worden. Er führte zunächst am 18. März zu dem ergebnislosen Versuch, durch eine englischfranzösische Flotte die Einfahrt in die Meerengen zu erzwingen, und vier Wochen später zur Landung eines englisch-französischen Expeditionskorps an der Südspitze der Halbinsel Gallipoli.

Die Hoffnungen, daß Italien dem Beispiele der Türkei folgen werde, waren unterdessen schon völlig geschwunden. Trotz der seinen Verbündeten bei Kriegsbeginn gegebenen Zusicherung wohlwollender Neutralität hatte selbst der als Dreibundfreund geltende Außenminister Marchese San Giuliano schon zu Anfang August Fühler über den Preis ausstrecken lassen, der dem Königreich im Falle eines Anschlusses an die Entente winken konnte1). San Giuliano starb wenige Wochen später. Sein Nachfolger Sonnino war in den Tagen des Kriegsausbruches noch eindringlich für die Erfüllung der Dreibundpflicht eingetreten. Doch am 11. Dezember, unmittelbar nach der für das Habsburgerreich so unglücklichen Schlacht bei Arangjelovac, durfte sich mit seiner Zustimmung der Ministerpräsident Salandra öffentlich zum „sacro egoismo“ bekennen. Gleichzeitig griff Italien die Kompensationsansprüche wieder auf, die es schon bei Kriegsbeginn unter Berufung auf den Artikel VII des Dreibundvertrages gegenüber der Monarchie geltend gemacht hatte. Damals waren diese Ansprüche von Wien noch nicht anerkannt worden. Trotzdem hatte man dort schon gute Miene zum bösen Spiel gemacht, als die Italiener am 30. Oktober auf der Insel Saseno gelandet waren, und man änderte diese Haltung auch nicht, als zu Weihnachten Valona von italienischen Abteilungen besetzt wurde. Kurz darauf sollte Italien seine Maske vollends lüften, indem es, gewiß entgegen dem Sinne des Dreibundvertrages, Ansprüche auf altösterreichisches Gebiet erhob. Das Verhalten Italiens erweckte bei den Verbündeten um so mehr Sorge, als es nach allen Erfahrungen auf Rumänien zurückwirken mochte2).

Auch in Bulgarien ließ die Entente im Winter 1914/15 alle Minen springen, obgleich die maßgebenden Kreise des Landes aus Gegnerschaft gegen Rumänien und Serbien von Kriegsbeginn an den Mittelmächten zuneigten. Aber die Diplomatie der Mittelmächte behielt die Oberhand, wenn auch die öst.-ung. Niederlage in Serbien der bulgarischen Regierung Zurückhaltung auf erlegte. Dagegen arbeitete in Griechenland der Ministerpräsident Venizelos vom ersten Tage an für den Anschluß an die Entente, die mit glänzenden Versprechungen nicht sparte. Aber der deutschfreundliche König Konstantin, ein Schwager des Deutschen Kaisers, entließ Venizelos im März 1915 zum ersten Male, weil er mit dessen Politik nicht einverstanden war.

1)    Das Zaristische Rußland im Weltkriege (Berlin 1927), 263 ff.

2)    Vgl. Bd. I, 313.

Von entscheidender Bedeutung für die Kriegslage der Mittelmächte wäre es gewesen, die Beherrschung des Meeres durch England zu überwinden. Die Deutschen hatten zu Kriegsbeginn entgegen dem Rate des Großadmirals Tirpitz und anschauungsverwandter Persönlichkeiten den Versuch unterlassen, ihre Flotte auf hoher See gegen die britische einzusetzen. Auf solche Weise rechtfertigte sich die Auffassung der englischen Admiralität, daß die bloße Anwesenheit ihrer Geschwader in dem ihrem Schutze anvertrauten Gebiete („Fleet in being“) ausreichen werde, dem Inselreiche seine unangreifbare Seegeltung zu sichern.

Dabei gebrach es der deutschen Flotte an Unternehmungsgeist wahrlich nicht, wie die Seeschlachten von Coronel (1. November 1914) und bei den Falklandsinseln (8. Dezember), die Kämpfe an der Doggerbank (24. Jänner 1915) und die Irrfahrten zahlreicher auf das Weltmeer verstreuter Kreuzer bewiesen. Die Seegeltung Englands und damit dessen schärfste Waffe, die Hungerblockade, blieben aber durch die Taten der deutschen Kriegsmarine unberührt. Die Abschnürung Deutschlands von der hohen See besiegelte auch das Schicksal der deutschen Kolonien, von denen bis in den Sommer 1915 alle, mit Ausnahme von Deutsch-Ostafrika, verloren gingen. An der Verteidigung von Tsingtau, das bereits am 7. November 1914 gefallen war, hatte auf Befehl Franz Josephs auch die Besatzung des öst.-ung. Kreuzers „Elisabeth“ mitgewirkt; sie geriet in japanische Gefangenschaft. Die weitgehende Verdrängung der Mittelmächte vom offenen Meere verfehlte selbstverständlich bei den Neutralen diesseits und jenseits der Atlantis ihren Eindruck nicht. Zumal Staaten mit ausgedehnten Küsten, wie Italien und Griechenland, konnten nicht umhin, die nun erwiesene Tatsache der britischen Vorherrschaft zur See entscheidend in die Rechnung ihrer Politik einzustellen.

Österreich-Ungarns Wehrmacht um die Jahreswende

Kämpfer und Kriegsgerät

Der Wehrmacht Österreich-Ungarns waren beim gemeinsamen Abwehrkampf der Mittelmächte im Jahre 1914 außerordentlich schwierige Aufgaben zugefallen. Im Nordosten hatte sie zu Kriegsbeginn die Hauptmasse des russischen Heeres gegen sich, der sie sich viermal entgegenwarf, zuerst allein, dann im engeren Anschlüsse an die Verbündeten. Mít zu Schlacken ausgebrannten Abteilungen konnte sie schließlich südlich von Krakau dem Feinde den Weg nach Prag und Wien verriegeln. An den Toren des Orients erwuchs einem Teil des Heeres die Pflicht, einen länderlüsternen, kriegsgewohnten, todesmutigen Feind abzuwehren. Vielleicht in Überschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit, aber nicht minder genötigt durch die unerhörten Schwierigkeiten, die der Führung eines reinen Abwehrkampfes auf diesem Kriegstheater entgegenstanden, haben auch auf dem Balkan die österreichisch-ungarischen Streitkräfte zweimal ihr Glück im Angriffe versucht. Als Ergebnis festzustellen, daß diese Angriffe den strategischen Zweck erreichten, heißt nicht, eine an sich furchtbare Katastrophe beschönigen. Die Truppe war durch den schrecklichen Rückschlag von Arangjelovac ins Mark getroffen.

Welche Einbußen an Kraft Österreich-Ungarns Armeen in diesem atembeklemmenden Zweifrontenkrieg des Jahres 1914 erlitten, zeigen am deutlichsten die Verlustzahlen. Nord- und Südheer waren mit insgesamt anderthalb Millionen Streitbaren ins Feld gezogen. Die Heimat hatte ihnen im Laufe der vier Kriegsmonate 800.000Streiter nachgesandt1). Dennoch betrug der Gesamtstand an Kämpfern zu Ende 1914 nicht einmal ganz eine Million Mann, 680.000 im Norden, 260.000 im Süden. Noch greller wird die Lage erhellt, wenn man statt der Kampfstände die für die Beurteilung der Kampfkraft ausschlaggebenden Fe uergewehr-stände der Infanterie in Betracht zieht2). Nur 254.000 Gewehre standen in den weit ausgedehnten Armeen der Nordfront. Die Verluste hatten eben im Norden und Süden zusammen bereits die Höhe von eineinviertel Millionen erreicht, nicht viel weniger als die Gesamtkämpferzahl zu Kriegsbeginn betragen hatte3).

Die in der Beilage 1, Tabelle 2 wiedergegebene Standesübersicht vom 31. Dezember 1914 zeigt, daß von den Divisionen, deren Feuergewehrstand 12.000 bis 15.000 Mann zu betragen gehabt hätte, gut die Hälfte nicht erheblich mehr Kämpfer zählte als ein aufgefülltes Kriegsregiment, ja daß einige überhaupt nur zwei oder drei Kriegsbataillone stark waren.

Wenn die Führung vom Dezember 1914 auf den ihr vom Generalstabe vorgelegten Lagekarten das Zeichen für eine Division wiedergegeben sah, so mußte sie sich stets vor Augen halten, daß die infanteristische Kraft dieses Heereskörpers jetzt nur mehr einen Bruchteil der zu Kriegs-

L) Vgl. Beilage 1, Tabellen 1 und 4.

2)    Vgl. Beilage 1, Tabellen 1 und 2. In den in Tabelle 1 an der Balkanfront angeführten 176.000 Feuergewehren sind die Sicherheitsbesatzungen der festen Plätze inbegriffen. Der Stand der an der Front verfügbaren Feuergewehre war wesentlich niedriger.

3)    Vgl. Beilage 1, Tabelle 3.

beginn wirksamen Stärke darstellte. Sicherlich erhoben sich dieselben Klagen wegen zu geringer Kampfstärken stets auch im feindlichen, zumal im russischen Lager. Aber so ungünstig, wie zeitweilig im k. u. k. Heer, scheint es in diesem Belange beim Feinde doch nicht bestellt gewesen zu sein.

Die durch die Verluste bedingte Spannung und Verdünnung der Fronten ließ den gleichzeitig eingetretenen Offiziersmangel umso bitterer empfinden. Die Zahl der Offiziere, die im Jahre 1914 ins Feld rückten, ist verläßlich leider nicht festzustellen. Nimmt man sie mit 50.000 an (Aktive und Nichtaktive, samt allen bei Stäben und in Etappendiensten Eingeteilten sowie der nicht geringen Zahl von Militärbeamten), so schätzt man sie eher zu hoch als zu niedrig. Von diesen 50.000 sind nahezu 3200 gefallen, 7800 verwundet worden, etwa gleichviel krank abgegangen und etwa 2800 als gefangen oder vermißt (daher auch zum Teil tot) ausgewiesen. Das ergibt insgesamt 22.000 Offiziere. Die Gesamtverluste belaufen sich darnach auf 44 v. H., die an Toten auf 6.4 v. H. Mindestens jeder 15. Berufs- oder Reserveoffizier war auf dem Schlachtfeld geblieben.

Bei der Mannschaft beträgt der Gesamtabgang 43 v. H. aller in den vier Kriegsmonaten zur Feldarmee Eingezogenen — 3.9 v. H. der an Toten. Jeder 25. der bis Ende 1914 ins Feld Ausmarschierten ist nicht mehr in die Heimat zurückgekehrt. Somit hatte die Mannschaft eine nur halb so starke Einbuße an Toten erlitten wie das Offizierskorps. Desgleichen war bei diesem der Abgang durch Krankheiten ungefähr um 50 v. H. größer, was wohl mit dem wesentlich höheren Durchschnittsalter der Offiziere zusammenhängt. Beide — Offizier und Mann — haben dem männermordenden Krieg reichlichen Tribut gezollt.

Die Geschichte der Kampfverluste des Heeres ist in erster Linie ein Hauptkapitel aus der Leidensgeschichte der Infanterie. Reiterei, Artillerie und die anderen Waffen- und Truppengattungen hatten — dies lag in ihrer Verwendung begründet — auch dem Verhältnisse nach nur einen Bruchteil der Verluste erlitten, die vom Fußvolk zu tragen waren.

Nach dem Abmarsch des Feldheeres war im Hinterlande bei den Ersatzkörpern die ganz beträchtliche Zahl von 1,350.000 Mann zurückgeblieben. In dieser Zahl war außer dem Instruktions- und Verwaltungspersonal der Ersatzbataillone, dem Kanzlei- und Hilfspersonal der Militärbehörden, Spitäler, Depotsund sonstigen Anstalten und jener Mannschaft, vorwiegend Ersatzreservisten, die in den Feldformationen und in den ersten Marschbataillonen nicht mehr Aufnahme gefunden hatte, der ganze, gleich bei Mobilisierungsbeginn einberufene Rekrutenjahrgang 1914 inbegriffen. Dazu traten im Oktober und November noch die vorzeitig gemusterten und gleich eingezogenen Rekruten des Jahrganges 1915 und Nachgemusterte früherer Jahrgänge, zusammen rund 360.000 Mann und

200.000    wiedergenesene Verwundete und Kranke1).

Von diesen nahezu zwei Millionen Mann gingen im Rahmen der Marschbataillone und von Landsturmneuformationen über 860.0002) zur Feldarmee ab. Weitere 90.000 standen in Bereitschaft gegenüber Italien und in den Brückenköpfen an der Donau.

Sonach befanden sich um die Jahreswende 1914/15 fast eine Million Männer im Waffendienst in der Heimat. Von diesen wurden schon in den ersten Jännertagen von 1915 126.000 an die Front entsandt3) und 170.000 zu „VI. Marschbataillonen“ formiert. Dafür rückten, neben etwa 50.000 Wiedergenesenen der letzten Wochen, im Laufe des Jänners und Februars

619.000    Neuausgehobene älterer, nicht voll ausgenützter Rekrutenjahrgänge als weitere Ergänzung in die Heimatreserve ein.

Diese gewaltige Masse von Kampffähigen, deren Unterbringung vielfach um so mehr auf Schwierigkeiten stieß, als auch zahlreiche Ersatzkörper aus den vom Feinde besetzten Gebieten Platz finden mußten, zeugt für die geringe Ausnützung der Wehrfähigen, die vor dem Kriege gesetzlich vorgesehen war. Unwillkürlich wirft sich die Frage auf, welchen Verlauf die ersten Kämpfe genommen hätten, wenn die Armee zu Kriegsbeginn dementsprechend stärker aufgetreten wäre. Andererseits freilich kamen die Massen Zurückgelassener jetzt der Auffüllung der Kampfstände sehr zustatten. Trotzdem tauchte auch während der Kämpfe immer wieder die Frage auf, ob nicht wenigstens ein Teil der Menschenmassen, die in der Heimat zur Verfügung standen, zur Aufstellung neuer Truppenkörper verwendet werden sollte.

Die beim selbständigen Einsatz der ersten Marschbataillone gemachten Erfahrungen4) sprachen gegen solche Versuche. Die Heeresleitung verschloß sich diesen Erfahrungen keineswegs. Sie war nachdrücklich bestrebt, in Zukunft solchen Verlockungen zu widerstehen und zögerte

!) Vgl. hiezu und zu den folgenden Ausführungen Beilage 1, Tabelle 4.

2)    Die weiter oben genannte Zahl von 800.000 bezog sich auf den „Kampfstand“, während hier die Gesamtzahl der ins Feld Nachgerückten in Betracht gezogen ist. Vgl. Beilage 1, Tabelle 1.

3)    Der größere Teil der um die Jahreswende eben im Abtransport zur Front begriffenen V. Marschbataillone.

4)    Vgl. Bd. I, 304.

auch nicht, im Spätherbst 1914 eine Reihe von Landsturm verbänden aufzulösen. Andererseits konnte man freilich weder im Norden noch im Süden um die Notwendigkeit ganz herumkommen, in Augenblicken äußerster Bedrängnis doch wieder ein oder das andere Marschbataillon in den Kampf zu werfen. Ebenso mußten mannigfaltige Verbände in die Front eingestellt werden, die als Neuformationen zu betrachten waren. Zumal die Aufstellung der Armeegruppe Pflanzer-Baltin gehört in dieses Kapitel. Aber auch die Balkanstreitkräfte und der Grenzschutz gegen Italien bedurften Aushilfen solcher Art. Kriegsministerium, Ministerium fürLandesverteidigung und Honvédministerium warenleifrig bestrebt, den Wünschen der Heeresleitung möglichst gerecht zu werden.

Erhebliche Schwierigkeiten bot der Offiziersersatz. Namentlich der bald eintretende Mangel an aktiven Offizieren wurde bitter empfunden; es rächte sich, daß man mit den Feldregimentern und den ersten Marschbataillonen alle aktiven Offiziere auf die Walstatt gesandt hatte. Nun hieß es aus den Stäben, von der durch Offiziersverluste weniger getroffenen Reiterei und aus den durch die Kriegsaufgaben stark in Anspruch genommenen Hinterlandsbehörden sowie aus den Militärschulen Ersatz für die Front und Personal für die Ausbildung bei den Ersatzkörpern herbeischaffen. Wiedergenesene kamen hinzu. Trotzdem blieb der Offiziersmangel den ganzen Winter über bestehen. Der Hauptmann als Bataillons-, der Leutnant oder der Fähnrich als Kompagnieführer waren die Regel, Bataillone mit einem einzigen aktiven Offizier gar nicht selten. Besonders fühlbar machte sich die im Frieden eingetretene Überalterung der Stabsoffiziere, von denen ein großer Teil den Kriegsentbehrungen nicht mehr gewachsen war.

Blieb der Mangel an Offizieren, zumal an aktiven, den ganzen Krieg über ein chronisches Übel, so vermochte trotz der verhältnismäßig großen Menschenmasse, die in der Heimat aufgeboten war, auch der Mannschaftsersatz mit den Bedürfnissen der Armee während des großen Bewegungskrieges nur selten Schritt zu halten. Kaum war ein Marschbataillon eingesetzt, so war es von der versengenden Flamme des Kampfes schon aufgezehrt worden. Vorsorgen gegen Drückebergerei, Selbstverstümmelung, gegen Versuche, mit leichten Wunden oder vorgetäuschten Krankheiten aus dem Armeebereich wegzukommen oder länger als unbedingt nötig in Spitalspflege zu bleiben — Vorsorgen, wie sie in allen Armeen getroffen werden mußten — zeitigten nur geringe Ergebnisse im Verhältnis zu den Krafteinbußen, die die Waffen des Feindes, ein kräfteverzehrendes Kampfverfahren, Kriegsstrapazen und in deren Gefolge rasch um sich greifende Krankheiten, wie Cholera und Ruhr, hervorriefen. Zum Glück gelang es verhältnismäßig bald, besonders den so gefährlichen Schrecken des Choleragespenstes durch durchgreifende Maßnahmen (Isolierung, Impfung) zu bannen.

Ein Problem für sich ergab sich aus der ohneweiters erklärlichen Erscheinung, daß in den einzelnen Kriegsphasen die Verluste der Truppenkörper mitunter recht verschieden waren. Der Gedanke, den mehr gelichteten Regimentern ab und zu Ersätze weniger gelichteter zuzuweisen, wäre wohl auch dann fallen gelassen worden, wenn seiner Ausführung nicht die nationale Buntheit des Ersatzes widerraten hätte. Dennoch mußte beispielsweise im Frühjahr 1915 den Tiroler Kaiserjägern vorübergehend tschechischer Ersatz zugewiesen werden, was zum Teil auch aus nationalpolitischen Gründen geschah. Später griff diese Vermengung des Ersatzes — fast ausschließlich aus nationalpolitischen Gründen — mehr um sich. Wenn irgendwie möglich, ließ man aber jedem Truppenteil seine Ersatzmannschaft zukommen. Geschah es dann, daß beispielsweise im Frühjahr 1915 Regimenter in den Stellungen des W'eichsellandes zu fünf, sechs und selbst sieben kriegsstarken Bataillonen anwuchsen, indes in den Karpathen gleiche organisatorische Einheiten nur mehr drei oder zwei schwache Bataillone, manche selbst nur eines zählten, so mußte man sich damit abfinden. Im Notfälle konnte die Heeresleitung aus den ruhigen Fronten Brigadegruppen herauslösen, um sie ausgebluteten Heereskörpern anderer Abschnitte zu Hilfe zu senden.

Ein besonderes Hemmnis für die rechtzeitige Gestellung des Ersatzes lag in den sehr bald auftretenden Schwierigkeiten der Beschaffung von Bekleidung, Bewaffnung und Ausrüstung.

Mit den von der Feldarmee bei ihrem Ausmarsche zurückgelassenen Uniformen sah es so schlecht aus, daß die Ersatzkörper sofort auf die dünnen Zwilch- und auch auf die alten dunkelblauen Friedensmonturen greifen mußten. Mancher Sicherungsdienst in der Heimat wurde wohl auch im Zivilkleid mit schwarzgelber Armbinde abgeleistet. So gekennzeichnete Soldaten sah gegen Ende 1914 sogar Pflanzers Karpathenschutz in seinen Reihen.

Die Ausstattung der Neueinberufenen war nicht die einzige Aufgabe der militärischen Bekleidungswirtschaft. Auch das Feldheer bedurfte neuer Uniformen. Die bei Kriegsausbruch getragenen Uniformen hatten sich im Sommer wohl als ziemlich heiß erwiesen, sie ließen jedoch an Güte nichts zu wünschen übrig. Nur die Farbe, das altehrwürdige „Hechtgrau“ der Jäger, das man einige Jahre vor dem Krieg für alle

Waffen- und Truppengattungen mit Ausnahme der Reiterei als Feldfarbe gewählt hatte, entsprach wegen des blauen Einschlages nicht den Forderungen möglichst geringer Sichtbarkeit. Man begann im Frühjahr 1915 mit der Nachlieferung von Uniformen in feldgrauer Farbe, die sich im Gelände wesentlich weniger abhob und in der sich das Stoffzeug auch leichter herstellen ließ als jenes in blaugrauer oder brauner Farbe, ein Vorteil, der mit zunehmender Stoffknappheit besonders ins Gewicht fiel.

Neben der normalen Bekleidung heischte der Winterkrieg auch die Lieferung von Schneemänteln, Wollwäsche, Pelzen, Winterschutzmitteln aller Art. An ihnen war im ersten Kriegswinter kaum ein Mangel, da sich auch die private Hilfsbereitschaft der Heimat in reichem Maße auswirken konnte.

Die Ausrüstung des öst.-ung. Infanteristen war wahrlich nicht leicht zu nennen. Der Mann trug mit Gewehr, Patronen, Spaten, Kochgeschirr, Tornister, gerolltem Mantel und Zeltblatt nicht selten nahezu 30 kg. Vornübergebeugt wie ein Lastträger, das Antlitz der Erde zugewandt, schleppte er sich viele hunderte Kilometer weit. Kein Wunder, daß schon bei den ersten Rückzügen, wenn sich dieBande der Ordnungetwaslockerten, vor allem der schöne, wertvolle Kalbfelltornister daran glauben mußte und weggeworfen wurde. An seine Stelle trat der bei den Tiroler Kaiserschützen längst eingeführte Rucksack, der schon nach einem halben Jahr den Tornister fast völlig verdrängen und der Silhouette des öst.-ung. Soldaten gemeinsam mit der sehr praktischen weichen Kappe fernerhin ihr Gepräge geben sollte. Dem Tornister folgte auch das Ledertraggerüst, das aus Mangel an Material durch Hanfgurten ersetzt wurde. Das kostbare Leder sollte später immer mehr aus der Ausrüstung des Mannes verschwinden.

Über all diesen Schwierigkeiten standen aber in der ersten Kriegszeit die, die sich aus dem Mangel an Gewehren gleich nach Kriegsausbruch ergaben. Von den 2.5 Millionen Gewehren, über die man bei der Mobilisierung verfügte, waren ein Drittel moderne M. 95-Gewehre. Die zwei anderen Drittel bestanden wohl auch zum größten Teil aus solchen mit 8 mm Kaliber, die mitunter allerdings schon 26 Jahre alt waren. Auch 100.000 Werndl-Einzellader befanden sich unter ihnen. Außerdem wurden in der großen Waffenfabrik Steyr 75.000 rumänische 6,5 mm-Gewehre und 70.000 mexikanische 7 mm-Repetiergewehre M. 13 und 14 mit Beschlag belegt und im verbündeten Deutschen Reiche noch 60.000 Stück 7,9 mm-Mausergewehre, in der Schweiz etwa 10.000 Mehrlader erstanden. Dieser Menge konnten sich in den nächsten Monaten die Er-

Zeugnisse der beiden Waffenfabriken Steyr und Budapest beigesellen. Die Steyrer Fabrik steigerte ihre Leistung von 2000 Gewehren im September 1914 auf 26.000 im Dezember und auf 32.000 im Jänner 1915. Die wesentlich kleinere Budapester Fabrik erzielte eine Durchschnittsleistung von 6000 Gewehren in Monat. Einige Erleichterung brachte auch die anwachsende Menge russischer Beutegewehre, die zur Aufnahme unserer Patrone umgearbeitet werden konnten.

Ein Vergleich dieser Zahlen mit der Masse der zum Kriegsdienst Einberufenen ergibt ein gewaltiges Soll selbst dann, wenn kein Gewehr unbrauchbar geworden oder verloren gegangen wäre. Nun nahm aber der Verlust an Gewehren gleich zu Beginn beängstigende Formen an und alle Gegenmittel, die von der Heeresleitung aufgewendet wurden (strenge Ahndung im Falle persönlicher Schuld, Prämien für Verwundete, die ihr Gewehr zurückbrachten usw.), konnten nicht verhindern, daß der Gesamtabgang an Gewehren Ende 1914 schon eine Million betrug, welche gewaltige Masse durch die bei den Armeen „ersparten“, d. i. heimlich zurückbehaltenen Gewehre kaum nennenswert verringert wurde. Die Leidtragenden dieser Entwicklung waren zunächst die Ersatzkörper, die sich bei der Ausbildung mit gewehrähnlich zugeschnittenen und ausgestatteten Holzstangen begnügen mußten. Die Marschbereitschaft der Ersatztransporte hing oft vom Eintreffen der Gewehre ab. Nicht selten kamen sie unbewaffnet in den Armeebereich und es konnte bei der Not an Mann geschehen, daß ein oder der andere Befehlshaber den Vorschlag machte, die Unbewaffneten so nahe hinter die Kampflinie zu stellen, daß jeder von ihnen sofort an Stelle eines Toten oder Verwundeten einspringen konnte. Wenn die Heeresleitung auch auf derlei Anträge nicht einging, so vermochte sie es doch nicht zu verhindern, daß mancher Ersatzmann bei seinem Einrücken ins Gefecht höchstens ein paar scharfe Schüsse, vielleicht auch gar keinen abgegeben hatte. Auch die sonstige, unter erschwerten Bedingungen meist nur einige Wochen währende Ausbildung hatte oft ein so unzulängliches Ergebnis, daß die nunmehr zum größten Teil aus solch neueingestellten Kämpfern bestehenden Abteilungen durch geringe Festigkeit und mangelndes Geschick bei Märschen und Gefechten übergroße Verluste erlitten.

Nicht geringe Schwierigkeiten ergab die Versorgung mit Munition, wo Gewehre verschiedenen Kalibers verwendet wurden. Wohl hatte man es im allgemeinen durch Tausch erreicht, daß die Werndl-Einzellader bei den Landsturmsicherungen in der Heimat blieben. Aber es kam, zumal bei der improvisierten Armeegruppe Pflanzer-Baltin, doch vor, daß in einer Brigade, ja selbst in einem Bataillon zwei und drei verschiedene Gewehrarten eingestellt waren. Diese Abteilungen mit entsprechendem Schießbedarf zu versorgen, verursachte viele Schwierigkeiten. Noch ärger war das Waff enchaosbei den Sicherungstruppen ander italienischen Grenze.

Bei der stärkeren Nachlieferung von Gewehren um die Jahreswende drängte sich auch die Frage nach Beschaffung einer moderneren Waffe auf. Von der Einführung eines Selbstladers wurde in den Beschlüssen, die man im März 1915 faßte, abgesehen. Aber auch die Einführung eines verbesserten nichtautomatischen Gewehres wurde im weiteren Kriegsverlaufe zurückgestellt, da sich andere Heeresbedürfnisse ungleich dringender geltend machten.

Besondere Wichtigkeit gewann für die Infanterie vom ersten Tage an das Maschinengewehr. Da es sich als vortreffliche Waffe erwies, deren Bedeutung zumal bei schwindenden Ständen und geringerer Artillerieunterstützung nur noch stieg, ertönte sehr bald von allen Teilen der Walstatt der Ruf nach Vermehrung. Schon das Streben, die Zahl der beim Infanteriebataillon eingeteilten Maschinengewehre von zwei auf vier zu erhöhen, bedeutete einen Gesamtmehrbedarf von 1400 gegenüber den2500, die bei Kriegsbeginn überhaupt vorhanden waren. Dazu kam der Ersatz der immerhin erheblichen Verluste. Wenn man bedenkt, daß allein die Erzeugung des Gehäuses 400 Einzelvorgänge erforderte, so kann man ermessen, welch umfangreiche Aufgabe daraus der Steyrer Waffenfabrik für die nächsten Monate erwuchs.

Gegenüber dem Problem der Waffenerzeugung trat das der Erzeugung von Infanterieschießbedarf weit zurück. Der Verlauf der modernen Schlacht hatte zu einem wesentlich geringeren Verbrauch geführt, als er im Frieden errechnet worden war. Man konnte um die Jahreswende so weit gehen, die Erzeugung von Infanteriepatronen zugunsten der von Artilleriemunition erheblich einzuschränken.

Schon im November und Dezember 1914 waren Flammenwerfer an die Front gekommen, ohne aber zu nennenswerter Wirksamkeit zu gelangen. Auch der zur selben Zeit bereits auftauchende Gedanke, Artilleriegeschosse mit Stickgase entwickelnden Präparaten zu füllen, wurde noch nicht praktisch verwertet. Wohl aber fanden jene Kampfmittel lebhafte Verwendung und Entwicklung, die aus den veränderten Bedürfnissen des Nahkampfes im Stellungskrieg erwuchsen: Minenwerfer, Granatwerfer und Handgranate. Auch das Infanteriegrabengeschütz, dessen Verwendung zu Beginn des Jahres 1915 zum ersten Male Gegenstand von Versuchen bildete, erhielt dauernde Bedeutung.

Zur Lebensfrage für die Infanterie war die Vermehrung und Verbesserung der Artillerie geworden. Die Schwierigkeiten, mit denen diese ruhmreiche Waffe in den ersten Kriegsmonaten im Norden und Südenzukämpfen hatte, sind im ersten Bande dieses Werkes bei der Schilderung der Ereignisse soweit wie möglich angeführt worden. Die Feldartillerie war der Zahl nach zu schwach, es gebrach ihr an mittleren und schweren Kalibern, und drei Geschützarten, die Gebirgskanonen, die Feldhaubitzen und die 15 cm-Haubitzen, erwiesen sich als völlig veraltet undminderkriegsbrauchbar. Vor allem aber herrschte Munitionsnot. Der Schrei nach Beseitigung dieser Übelstände erklang gleich nach den Lemberger Schlachten und verstummte seither nicht mehr. Die Heeresleitung griff zunächst auf ihre Reserve an Feldkanonen, 800 Stück an der Zahl. Dabei sollte allerdings darauf Bedacht genommen werden, daß man auch Verluste ersetzen mußte, die z. B. im ersten Feldzug bei der 4. Armee allein 84 Feldkanonen betrugen 1). Auch die gesamten, noch zur Verfügung stehenden Gebirgs-batterien wurden in den Ebenen und im Hügellande Galiziens eingesetzt. Außerdem holte man 24 cm- und 30.5 cm-Mörser in die Front, wobei die Munition des zweitgenannten Geschützes erst für die Wirkung gegen Truppenziele umgeändert werden mußte. Alle anderen organisatorischen Änderungen, die Aufstellung neuer Batterien sowie die Umbewaffnung bestehender, konnten nicht von heute auf morgen vorgenommen, sondern nur nach einem strengen Plane auf weite Sicht durchgeführt werden. Im Oktober 1914 stellte das AOK. in Noten an das Kriegsministerium und die Militärkanzlei seine Forderungen auf, die in folgendem bestanden: Neuerzeugung leichter Feldkanonen in dem Ausmaße, daß darunter die Schaffung anderer Typen nicht litt, Neuerzeugung einer modernen Feldhaubitze an Stelle der bisher eingeführten sowie von 15 cm-Haubitzen, 10cm-Kanonen und Gebirgsgeschützen neuen Systems. Von allen diesen Typen hatte man bereits Modelle zur Hand, die zwar noch nicht im Kriege, immerhin aber auf Schießplätzen ausreichend erprobt waren. Auf die Schaffung einer neuen Feldkanone wurde verzichtet, weil die vorhandene noch ganz gut entsprach und ihre Bedeutung gegenüber dem Steilbahngeschütz immer mehr zurücktrat. Im Februar 1915 sah sich die Heeresleitung veranlaßt, ein Artillerieprogramm aufzustellen, nach welchem die Infanteriedivision 24 Feldkanonen behalten und mit 36 leichten Feldhaubitzen ausgestattet werden sollte. Außerdem sollte jede Infanteriedivision eine schwere Feldartilleriedivision zu je 4 10 cm-Kanonen und 15 cm-Haubitzen erhalten (Geschützzahl bei der Divisionsartillerie 68).

*) Verläßliche Verlustzahlen für die ganze Wehrmacht liegen nicht ror.

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Die Korpsartillerie sollte auś 3 schweren Feldartilleriedivisionen der eben angeführten Zusammensetzung bestehen. Die Gebirgsartillerie war auf 14 volle Regimenter zu bringen, auch die Festungsartillerie, zumal die Zahl der 30.5 cm-Mörser, entsprechend zu vermehren L).

Es erübrigt sich, des näheren auszuführen, daß Monate vergehen mußten, ehe sich die Kriegsindustrie auf die nun erforderliche Mehrerzeugung eingerichtet haben konnte. Die Zeit bis dahin mußte überbrückt werden. Aus den schon angeführten 800 Reservegeschützen wurden 55 neue Feldkanonenbatterie formiert und zur Armee entsendet. So wie bei den Gewehren griff man auch bei den Geschützen zunächst auf solche, die von fremden Staaten bei Skoda bestellt waren: 52 Gebirgs-kanonen, 24 Feldkanonen, 18 Feldhaubitzen, für China erzeugt, 50 Stück mittlere türkische Feldhaubitzen wurden beschlagnahmt. Diese Geschütze konnten noch im Laufe des Jahres 1914 der Armee zugeführt werden, ebenso 30 Stück neue 15 cm-Haubitzen, 6 Stück 30.5 cm-Mörser und 2 Stück 42 cm-Küstenhaubitzen. Selbst diese geringen Verstärkungen wurden dort, wo sie hinkamen, mit Freuden begrüßt. Sie standen aber in keinem Verhältnisse zur Verlängerung der Front, die allmählich von Piotrków bis in den südlichen Winkel der Bukowina reichte.

Ist es solcherart schon begreiflich, daß die artilleristische Ausrüstung des Heeres um die Jahreswende 1914/15 ihren Tiefstand erreichte, so gilt dies in noch höherem Maße, wenn man die Munitionslage mit in Rechnung zieht. Oft und oft mußte bei der Darstellung der Kämpfe auch auf diesen schmerzlichen Punkt verwiesen werden. Man konnte erfahren, daß ein Armeeführer einen Angriff nur für den Fall zugestand, als er ohne nennenswerten Verbrauch an Artilleriegeschossen möglich war; daß Geschütze in der Stellung nur ein paar wohlvorgezählte Schüsse im Tage abgeben durften; daß Batterien aus dem Kampf gezogen werden mußten, weil die Protzen und die Munitionswagen leer waren. Diese Lage, die mitunter fast die Fortführung der Kämpfe in Frage stellte, dauerte den ganzen Winter über an, da es nicht gelang, die Geschoßerzeugung so weit zu steigern, daß wenigstens die ohnehin bei weitem nicht ausreichende Normalausrüstung an Munition wieder erreicht werden konnte. Es war ein Zustand quälender Wehrlosigkeit, von der Infanterie wie von der Artillerie gleich bitter empfunden.

Tiefgreifend wirkten die Erlebnisse und Erfahrungen der ersten Kriegsmonate auch auf die Reiterei zurück. Die im Frieden genährten Vorstel-

x) Aus einem Manuskript des GM. Pflug, der vom Beginn bis zum Ende de« Krieges als Artilleriereferent des AOK. wirkte.

lungen über die Verwendung der Waffe" hatten sich als großer Irrtum erwiesen. Weder die Ausrüstung, noch die Gefechtsführung hatten dem Ernst der Stunde standzuhalten vermocht. Die glitzernde Uniform verschwand im Grau des galizischen Herbstes allmählich aus dem Bilde der Armee und machte der schlichteren Feldfarbe Platz. Der Feuerkampf mit dem abgeschnallten Karabiner trat an die Stelle der Attacke mit dem blanken Pallasch. Von den Husaren bei Limanowa-Łapanów wurde erzählt, daß sie sich im Nahkampf aus Mangel an Bajonetten der spornbewehrten Absätze ihrer ausgezogenen Stiefel bedient hätten. Auch der Ruf nach dem von der Infanterie so außerordentlich geschätzten Spaten verstummte nicht mehr, bis er erfüllt wurde. Pferde gab es wohl noch genug im Reiche, um die vielen zugrundegegangenen Tiere zu ersetzen, aber die Dressur fehlte und konnte nicht in ein paar Wochen nachgeholt werden. So entstand, aus nicht mehr berittenen „Füßlern“ zusammengezogen, um die Jahreswende bei einzelnen Kavalleriedivisionen die erste „Schützenabteilung“, deren Auftreten für den weiteren Werdegang der Waffe symbolisch werden sollte. Gewiß gab es auch für größere Reiterverbände noch Verwendungen, die dem Traume der Friedenszeit entsprachen. Im allgemeinen überwog aber doch schon die Rolle einer berittenen Infanterie, eine Rolle, in die sich die Kavallerie mit ihrem ausgewählten Offizierskorps und ihrer vortrefflichen Mannschaft meist überraschend schnell hineinfand.

Sollte im vorliegenden das Wichtigste über die Organisation der drei Hauptwaffen gesagt sein, wie sie sich um die Jahreswende 1914/15 darstellte, so wird der folgende Abschnitt über „Heer- und Kampfführung“ Gelegenheit bieten, auch der Entwicklung der anderen Waffen und Dienstzweige innerhalb der möglichen Grenzen zu gedenken.

Heer - und Kampfführung

Die Kriegführung Österreich-Ungarns war im Jahre 1914 in Nord und Süd durch zwei markante Führerpersönlichkeiten verkörpert: Conrad und Potiorek. Dem ideenreichen, nie um Aushilfen verlegenen Geiste Conrads war der Bewegungskrieg im weiten galizisch-russischen Raum besonders gelegen. Immer wieder fand der Offensivgeist dieses Führers Mittel und Wege, dem übermächtigen, in gewaltigen Massen heranziehenden Feinde das Gesetz des Handelns zu diktieren. Immer wieder wußte er sich gleich den deutschen Generalen des Ostheeres der Gefahr zu entziehen, dem russischen Willen zu unterliegen. Begreiflicherweise verfolgte er mit wachsender Beklemmung, wie der Krieg allmählich in die Fesseln

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des Stellungskampfes geschlagen wurde: zuerst im polnischen Weichsellande, dann am Dunajec. Unwillkürlich wandte sich Conrads Blick immer mehr gegen Osten, den Karpathen und dem Dniester zu, wo — trotz der Ungunst des Geländes und der Witterung — noch die Möglichkeit zu freierer Entfaltung der Kräfte zu winken schien.

Nicht weniger als Conrad war Potiorek dem Bewegungskriege zugeneigt, wie die stets aufs neue aufgenommenen Angriffe bewiesen. Und nicht weniger als Conrad lebte auch Potiorek dem Angriffsgedanken, wie es seine zweimalige, wenn man will, dreimalige Offensive gegen den zähen, kriegsgewohnten Feind dartat — wobei allerdings auch die schwierigen Abwehrverhältnisse im Südosten des Reiches einen gewissen Zwang auferlegten. Diese Schwierigkeiten hatten, wie die Schilderung der Ereignisse zeigte, keinen geringen Anteil daran, daß die vom Feldzeugmeister gewählte Angriffsrichtung abseits der großen, welthistorischen Heerstraße über Belgrad lag.

Von den strategischen Elementen des Durchbruches und der Umfassung gaben beide Feldherrn in den Einleitungsfeldzügen fast ausnahmslos der Umfassung den Vorzug, was bei Conrad noch insofern zu vermerken ist, als er bei Friedensübungen und Kriegsspielen auch der anderen Lösungsmöglichkeit strategischer Aufgaben weitgehende Aufmerksamkeit zu schenken gewohnt war. Dabei spielte allerdings weder bei Conrad, noch bei Potiorek der von Schlieffen so nachdrücklich vertretene Gedanke doppelseitiger weitausholender Umgehung („Cannae“) eine nennenswerte Rolle. Sie begnügten sich in der Regel mit Angriffen gegen einen Flügel des Feindes, gegebenenfalls mit Flankenstößen. In beiden Fällen hatten die Frontgruppen die feindlichen Kräfte durch entschiedenes Zugreifen festzuhalten. Wenn ein so eingeleitetes Manöver zu einem reinen Stirnkampf ausartete, was infolge der Gegenmaßnahmen des Feindes verhältnismäßig leicht geschah, so kam bei der Führung noch immer der Gedanke schrittweisen Zurückdrängens der feindlichen Linien weit mehr zur Geltung, als der, sie zu durchbrechen. Ergaben sich aber einmal Lücken in der feindlichen Front — wie etwa im Einleitungsfeldzug gegen Rußland — dann war das Streben abermals mehr auf die Umfassung offener Frontteile, als auf ein Durchgreifen in den Rücken des Feindes gerichtet. Eine gewisse Hast, lieber lokale Erfolgsmöglichkeiten rasch abzuschließen als Aktionen auf weite Sicht zu wagen, mag hiefür Erklärung bieten.

Diese Beschränkung in den Kampfzielen war vor allem durch das fast immer wenig günstige Kräfteverhältnis bestimmt. Weitausholende Umfassungen hätten eine so tiefgreifende Schwächung der Frontgruppen gefordert, daß deren Ausharren bei den geringen artilleristischen Mitteln sehr fraglich geworden wäre. Auch ist es nicht zu leugnen, daß manche Heereskörper eine größere Empfindlichkeit gegen Flankenangriffe aufwiesen und daher zu Umgehungsmanövern weniger geeignet waren. Gewiß brachte dieses Maßhalten in den Kampfzielen die Führung das eine- oder anderemal um eine glänzende Erfolgsmöglichkeit. Doch ist ein wirkliches „Cannae“ im Geiste Schlieffens auch von der deutschen Armee im Weltkriege nur ein einziges Mal, bei Tannenberg, mit Erfolg geschlagen worden.

Das ungünstige Kräfteverhältnis, das Fehlen eines ausreichenden artilleristischen Rückgrates und die Unterschätzung kräftesparender Abwehr hatten wohl auch eine zweite Erscheinung im Gefolge: daß es trotz der zweifellos bestehenden theoretischen Erkenntnis nur selten gelang, im entscheidenden Raume ein Höchstmaß an Kräften zu entscheidendem Handeln zusammenzuziehen. Die Schlachten gewannen vielfach das Bild, das Jahre vor Kriegsbeginn der damalige k. u. k. Gstbsobst. v. Csicserics1) auf Grund seiner persönlichen Erfahrungen im russisch-japanischen Krieg entworfen hatte.

Was die Kenntnis der Lage beim Feinde anbelangt, so litt der erste Feldzug im Norden stark unter der geringen Einschätzung, die man den gegen Ostgalizien vorgehenden russischen Kräften zuteil werden ließ. Bald aber eröffnete das Abhorchen und Entziffern russischer Funksprüche der Führung aller Grade ein Nachrichtenmittel von unübertrefflichem Werte. Der Radiohorchdienst2), der die Karten der Russen fast immer in einem den weitesten Ansprüchen genügenden Ausmaße und nicht selten früher als für ihre eigenen Führer aufdeckte, wog für die Verbündeten

— das darf ohne Übertreibung gesagt werden — Armeen auf. Der in früheren Kriegen so wichtige Kundschaftsdienst trat diesem Nachrichtenmittel gegenüber um so mehr beinahe ganz in den Hintergrund, als gerade Ausforschungen operativer Natur meist "viel zu spät eingelangt wären. Ebenso erzielten strategische Luft- und Kavallerieaufklärung, jene vor allem wegen des Mangels an geeigneten Flugzeugen, nicht im entferntesten das, was der Radiohorchdienst einbrachte. In der Gefechtsberührung wurden die Ergebnisse der strategischen Erkundung durch die Einvernahme von Überläufern und Gefangenen wertvoll ergänzt, so daß sich ein bis ins einzelne ziemlich getreues Bild über die Lage beim Feind ergab. Der

x) Csicserics, Die Schlacht (Wien 1908).

2) Über Entstehung und Geschichte des Radiohorchdienstes vgl. R o n g e, Kriegsund Handelsspionage (Wien 1930), 52 f.

Radiohorchdienst hatte noch den besonders großen Vorteil, daß er der Führung erlaubte, wichtige Maßnahmen des Feindes zu durchkreuzen, ehe diese überhaupt in die Tat umgesetzt waren. Das machte sich bei wachsender Übermacht besonders bezahlt.

Als Mittel zur gegenseitigen Verständigung und zur Weitergabe von Befehlen bedienten sich die höheren Stäbe fast ausschließlich des Drahtes und da wieder weniger des Fernsprechers als des Fernschreibers1), der bald auch zum Besitzstand mancher Korpskmdos. gehören sollte. Daneben kam natürlich der Kraftwagen zur Gelrang, indes der überall noch eingeteilte „reitende Ordonnanzoffizier“ nur mehr im Bereiche der Division verwendet wurde. Auch auf dem Kampffelde gewann das Telephon dank der aufopfernden Tätigkeit der Feldtelephonisten größte Bedeutung.

Heeresbewegung und Heeresversorgung spielten sich im Norden wie im Süden unter äußerst schwierigen Wegverhältnissen ab. In Galizien triumphierte der kleine Wagen, in Bosnien und Serbien auch das Tragtier bedingungslos über die schweren Fuhrwerke und Pferde. Dabei waren infolge der hohen Anforderungen und der unsäglichen Strapazen die Verluste an Pferden in diesem Dienste außergewöhnlich groß. Auch das Lastenauto, ja vorübergehend selbst der Personenkraftwagen fanden auf den durchweichten Straßen wenig Verwendungsmöglichkeit.

Als es notwendig wurde, die 2. Armee aus den Karpathen nach Preußisch-Schlesien zu verlegen, wurden zum ersten Male Heereskörper von Armeestärke mit Bahn von einem Schlachtfeld auf das andere geworfen. Trotz des Mangels an jeglicher Erfahrung wurde der Transport mit neu-eingeführten rascheren Militärzügen aus den Karpathen im weiten Bogen fast durch die Reichsmitte gut bewältigt. Truppentransporte, zur Umfassung des Feindes auf wiederhergestellten Bahnen bis in den Kampfraum vorgebracht, gingen der Schlacht von Limanowa-Łapanów voraus; sie sollten in ungleich größerem Maßstab wiederholt werden, als sich zu Beginn 1915 die Kämpfe in die Karpathen zogen. Mit Staunen und Befriedigung zugleich sah die Bevölkerung der beiden Reichshauptstädte Wien und Budapest dabei auch deutsche Helme in Massen vorüberfahren.

Die besondere Bedeutung der Bahnen für den Nachschub kam im Südosten tragisch zum Ausdruck, als Potiorek mit seinen erschöpften, ausgehungerten, gelichteten Divisionen in die Falle von Arangjelovac hineinstieß, um sich des Besitzes der für die Heeresversorgung unentbehrlichen Kleinbahn im Kolubaratal zu versichern. Begreiflicherweise stellte auch der Abschub der Kranken und Verwundeten die Eisenbahnen und

i) Vgl. Bd. I, 443, Fußnote.

die militärischen Bahnbehörden vor Aufgaben, die kaum weniger schwer zu bewältigen waren als der Zuschub von personellem und materiellem Ersatz.

Bei der Aufrechterhaltung der Verkehrswege erwuchsen denTruppen-pionieren, den Sappeur- und den Pionierkompagnien sowie den Eisenbahnbauabteilungen und den vielfältigen Arbeiterformationen schwierige Aufgaben, denen sie sich mit dem Aufgebote aller Kräfte unterzogen. Bei den technischen Truppen kamen auch noch viele Flußübergänge, dann die zahlreichen Weg-, Bahn- und Brückenzerstörungen dazu, die auf Rückzügen notwendig waren, um die Verfolgung durch den Feind zu verzögern. Die zerstörten Objekte mußten, wenn vormarschiert wurde, wiederhergestellt werden1).

An Verpflegung für Mann und Pferd gebrach es noch nicht, wenn sie der Truppe zugeführt werden konnte. Dies war freilich oftmals nicht ohne große Schwierigkeiten möglich. So mußten im Oktober 1914 die beiderseits von Przemyśl kämpfenden Armeen durch geraume Zeit aus den Vorräten der Festung ernährt werden, weil ein Zuschub größerer Mengen aus den eigenen Vorräten wegen der Bahnzerstörung und der schlechten Straßen unmöglich war.

Hatten sich auf dem Gebiete der Krieg-und Heerführung trotz Massenaufgebots und Kriegstechnik die ewig geltenden Grundsätze der Führungskunst doch wieder aufs neue bewährt und hatte sich — bei Freund und Feind — jegliches Handeln gegen sie meist sofort gerächt, so waren in der Kampfführung auf dem Schlachtfelde in den ersten Kriegsmonaten bei allen Armeen, selbst die kriegserprobten nicht ganz ausgenommen, Erfahrungen gesammelt worden, die in der Folge einen mitunter geradezu revolutionären Umschwung in den Meinungen und Methoden nach sich ziehen sollten. Was hier im besonderen für die öst.-ung. Wehrmacht zu sagen ist, gilt in mehr oder weniger abgestufter Weise auch für die anderen kriegführenden Heere.

Wie kaum eine zweite Armee der Welt war die österreichisch-ungarische für den Angriff und für die Begegnungsschlacht geschult2). Die Friedensschulung hatte dabei — trotz theoretischer Abmahnungen, an denen es nicht fehlte — die aus dem Kriege 1870/71 stammenden Vorstellungen über die Kürze und Raschheit des Verlaufes einer Kampfhandlung unablässig genährt. Nachdem die Infanterie ziemlich unabhängig von der Artillerie ihren „Kampf um die Feuerüberlegenheit“ geführt, und, meist zu übergroßer Hast angetrieben, viel zu schnell Raum gewonnen hatte, war sie aus nächster Entfernung zum Sturm gegen den Feind geschritten. Von diesem hatte man nach den Lehren des Reglements geglaubt, annehmen zu dürfen, daß er den Nahkampf vielfach nicht erst abwarten, sondern die Stellung schon vorher, erschüttert durch das wohlgezielte Feuer, geräumt haben würde. Daß es neben der infanteristischen Feuerüberlegenheit auch eine, sich im Ernstfall als ausschlaggebend erweisende artilleristische gab, ist in der Friedensschulung der Infanterie verhältnismäßig wenig betont worden — von Begriffen wie Trommelfeuer, Feuerwalze, Feuerschirm u. dgl. schon gar nicht zu reden.

Auch dort, wo bei den ersten Zusammenstößen mit dem Feinde eine solche Kampfweise Erfolg hatte, wurde dieser fast immer durch außerordentlich schwere Opfer an Offizieren und an Mannschaft erkauft. Bald aber blieb auch der Erfolg aus. Die Truppe erlebte einen Kampfverlauf, der sich ganz wesentlich von dem auf dem Exerzierplatz oder Manöverfeld geübten unterschied. Vor allem griff sie, wenn auch hoch in den Lüften platzende Schrapnells die Nähe des Feindes verrieten, gegenüber den das Gelände trefflich benützenden, in allen Kriegslisten wohlbewanderten Feinden infanteristisch ins Leere ł). Hatte man die Infanterie im Frieden gelehrt, daß sie ihr zielsicheres Gewehr etwa schon auf 1500, ja selbst auf 2000 Schritte Entfernung gebrauchen werden müsse, so kam sie nun — nicht selten sogar von der feindlichen Artillerie angetrieben, ihr Feuer zu „unterlaufen“ — auffallend weit vorwärts, ohne auch nur einen Schuß abgegeben zu haben. Da wuchs plötzlich in nächster Nähe aus der Leere des Schlachtfeldes auch ein infanteristischer Gegner mit Maschinengewehren empor. Häufig waren es — gegenüber der Friedensschulung gleichfalls eine Überraschung — Vortruppen des Feindes, die lediglich den Zweck hatten, dem Angreifer schon ein gut Stück seiner Kraft zu rauben, ehe er an die Hauptlinien herankam. War er nun diesen verhältnismäßig nahe gerückt, auf eine Entfernung meist, in der man im Frieden die Hauptarbeit schon als geleistet wähnte, dann erst begann der opferreiche, nervenerschütternde Kampf.

Der in seinen gut angelegten Schützengräben bis an die Achseln eingegrabene Feind war in den meisten Fällen durchaus nicht erschüttert.

!) Vgl.die fesselnden Schilderungen bei Pitreich, Lembergl914 (Wienl929), 131 f.

Das Flachbahnfeuer der Feldkanonen hatte den Deckungen nichts anzuhaben vermocht, das spärliche Steilfeuer der veralteten Haubitzen sie nur zu oft gar nicht erreicht. Das Feuer der angreifenden Infanterie aber und ihrer Maschinengewehre war, wenn es endlich überhaupt Ziele gefunden hatte, an den Erdwällen fast wirkungslos verpufft. So gesellte sich nun zu dem Hagel der Granaten und Schrapnells das Prasseln und Pfeifen der Kleingewehr- und Maschinengewehrgeschosse, oft aus flankierenden Anlagen, die bis zum letzten Augenblick nicht bemerkt worden waren. Ohne Deckung lagen jetzt die Schwarmlinien in diesem vernichtenden Feuer. Suchten sie der qualvollen Lage zu entrinnen, indem sie nach vorne durchgingen, um sich auf den Feind zu stürzen, so brachen sie nur zu oft in einem unverletzten Drahthindernis oder Astverhau zusammen. Gar bald und immer häufiger begann die Truppe zu graben. Zuerst „Schützenmulden“, die man im Frieden empfohlen hatte, dann ein Loch, das bis zu den Hüften reichte, bis man endlich auf Schulterhöhe in die Erde tauchen konnte. Es war Aufgabe nacheilender Reserven, den Angriff zu „nähren“, ihm neue Impulse zu geben und schließlich zu erfolgreichem Ausgang zu bringen. Oft aber kam auch der Rückschlag, sei es dadurch, daß die eigenen Linien abzubröckeln begannen, sei es, daß der Feind aus irgendeiner Richtung her nach heftigster Artilleriebeschießung mit zusammengefaßter Kraft selbst zum Gegenangriff schritt, dem man nicht mehr standzuhalten vermochte. Wie immer aber die Dinge verlaufen waren, sie wiesen ein wesentlich anderes Antlitz auf, als man es nach den Lehren der Friedenszeit erwarten durfte.

Die Folgen dieser Erfahrungen sind im ersten Bande dieses Werkes an geeigneter Stelle angedeutet worden1). Sie haben sich vielleicht nie mit so erschütternder Deutlichkeit gezeigt als damals, da im Oktober 1914 am San die besten Regimenter des k.u.k. Heeres trotz infanteristischer Überlegenheit den am Westufer eingenisteten Feind nicht zu werfen vermochten! Hier wie bei Krakau und bei Limanowa-Łapanów erwies es sich, daß die öst.- ung. Infanterie den Angriff noch keineswegs verlernt hatte. Aber der innere Glaube an die Erfolgsmöglichkeit hatte doch schon schwer gelitten und vergeblich blickte das hart ringende Fußvolk zurück nach der Artillerie, die allein in der Lage gewesen wäre, ihr jenen Glauben wieder zurückzugeben.

Der Artillerie ging es in allen diesen Belangen nicht besser als der großen Schwesterwaffe. Auch sie hatte in taktischer Beziehung mancherlei nachzuholen, was sie in der Friedensschule nicht gelehrt

worden war. Aber noch schwerer lastete auf ihr der materielle Mangel, der in einem früheren Abschnitt geschildert worden ist; wobei allerdings zu vermerken ist, daß sich dieser Mangel auch bei den Russen zusehends mehr fühlbar machte, je mehr man in den ersten Kriegswinter hineinging.

Wirkliches Atemholen erlaubte den Divisionen, die dieses Glückes teilhaftig wurden, erst die „Dauerstellung“ in Russisch-Polen und am Dunajec. Hier entstanden befestigte Schlachtfelder — allerdings von einer ganz anderen Art, als sie von den Vorschriften gedacht gewesen waren. An Stelle geschlossener Stützpunkte entstand in der Linie, an der eben die Bewegung im Kampf zum Stillstand gekommen war, seltener auch an vorher ermittelten oder flüchtig hergerichteten Geländeabschnitten der durchlaufende Schützengraben. Parallel zu ihm zog sich ein immer breiter werdendes Drahthindernis. Verbindungsgräben führten nach rückwärts, wo überdies an manchen Frontteilen bald eine zweite und selbst eine dritte Linie entstanden. Der vorderste, eigentliche Kampfgraben aber wurde immer mehr ausgestattet. Nach oben schützten Dächer aus Brettern, mit einer dünnen Erdschicht belegt, die sogenannten Schrapnellschirme, mehr gegen Witterungsunbill als gegen feindliche Geschosse. Mannigfaltige Formen von Schießscharten wurden erfunden und in die Brustwehr eingebaut. Beide, Schrapnellschirme und Schießscharten, haben die Truppen viel mühsame Arbeit gekostet, bevor sie — spät genug — als unzweckmäßig erkannt und verworfen wurden. Unterstände, vorläufig noch durchaus nicht mit Bedacht auf Schutz gegen Artilleriefeuer errichtet, boten Zuflucht in den kargen Stunden der Ruhe und bald gesellte sich den vom Krieg diktierten Bedürfnissen auch etwas wie Wohnlichkeit bei. Tische und Bänke, Fenster und Türen und ein oder das andere Möbelstück täuschten in Gemeinschaft mit dem fröhlich flackernden Feuerchen des „Schwarmofens“ einen Schimmer jener Häuslichkeit vor, die man solange entbehrt hatte und noch viel, viel länger entbehren sollte. Und als endlich der Frühling kam, gab es wohl auch da und dort ein schüchternes Blumenbeet, angelegt über dem bleichenden Gebein des unbekannten Soldaten.

Aber nur den Auserwählten des Schicksals unter den Regimentern war es vergönnt, diese bescheidene Herrlichkeit länger zu genießen. Der Karpathenwinter rief immer wieder unersättlich nach Soldaten. Division um Division zog von den Fleischtöpfen Polens und Westgaliziens weg und verließ die Erholungsquartiere in Syrmien, um vom eisstarrenden, verderbendrohenden Waldgebirge an den nördlichen Gemarkungen Ungarns verschlungen zu werden.

Das moralische Gefüge

Daß den schweren Erlebnissen der ersten Kriegsmonate die ursprüngliche Begeisterung zum Opfer fiel, ist nicht verwunderlich. Auch die wachsende Erkenntnis, daß der Krieg noch Monate, ja vielleicht Jahre dauern werde, drückte auf die Gemüter von Offizier und Mann. Ein erhebliches Maß von Kriegsmüdigkeit war namentlich um die Jahreswende festzustellen. Sie machte erst einer hoffnungsvolleren Stimmung Platz, als der Frühling von Gorlice die Herzen emporriß. Die Wirkung solcher seelischer Vorgänge mußte natürlich bei einem Heere von so großer völkischer und kultureller Buntheit besonders mannigfaltig sein. Bei einem beträchtlichen Teil der Kämpfer, und zwar keineswegs bloß bei solchen deutscher Zunge, trat an die Stelle der ersten überschwenglichen Kriegsbegeisterung das Pflichtbewußtsein gegenüber Herrscher und Vaterland und das Ehrgefühl des Mannes, der in der Stunde der Not nicht verzagen will. Bei den Söhnen kulturell weniger hochstehender Völker mußte das eherne Gesetz strengsten Gehorsams und unverrückbarer Manneszucht ethische Bindungen ersetzen.

Nicht überraschend konnte es für die Führung sein, daß in solchen Wochen und Monaten die Stimmung der slawischen und romanischen Soldaten noch besonderen, herabdrückenden Einflüssen aus doppelter Richtung ausgesetzt war, aus der Heimat und von der Feindesseite her. Die Geschichte der nationalen Revolution der habsburgischen Völker füllt eine gewaltige, in allen europäischen Sprachen niedergelegte Literatur. Die Anfänge dieser Revolution fallen in die Zeit, von der hier die Rede ist. Die Erscheinungen, die damit Zusammenhängen, machten auch den Befehlsstellen der Feldarmee und des Hinterlandes schwere Sorgen, die aus zahlreichen Aktenstücken zur Nachwelt sprechen.

Den Gradmesser für den nationalen Widerstand der einzelnen Völker bot von Anbeginn das Verhalten der tief ins Innere des Reiches eingebetteten Tschechen. Die Stimmung in Böhmen und Mähren ließ schon nach den ersten Rückschlägen in Galizien und Serbien gar manches zu wünschen übrig. Ungünstige Nachrichten vom Kriegsschauplätze verbreiteten sich rasch, die Zeitungen und die Gesichter der Intelligenz verrieten trotz der durch den Ausnahmszustand drohenden Gefahren nur schlecht verhehlte Befriedigung. Beim Ausmarsch der zweiten Marschbataillone, Mitte September, kam es schon zu allerlei Zwischenfällen. Zum mindesten schmückte man sich mit Fähnchen und Bändern in allslawischen Farben, die auch auf den Feldzeichen der Feinde zu sehen waren. Zum

Waffendienst Einberufene trugen wohl auch Trauerabzeichen. Die ursprünglich nur von einer dünnen Schichte der städtischen Intelligenz ausgehende Feindschaft gegen Österreich griff tiefer in die Massen, als sich die Russen der Festung Krakau und damit den Ländern der Wenzelskrone näherten. Proklamationen des Großfürsten Nikolai und seltsamerweise auch des Generals Rennenkampf wurden in aller Heimlichkeit weitergegeben, allenthalben rüstete man sich zum Empfang des „Befreiers“. Damals wurden die ersten Todesurteile wegen Hochverrates gefällt. Solches waren die Eindrücke und Erlebnisse, mit denen der tschechische Reservemann in die Front kam, um dort die durch den Krieg gerissenen weitklaffenden Lücken zu füllen J).

Aber auch von der Feindseite her winkte die Verlockung. Tschechische Kolonisten hatten gleich zu Kriegsbeginn mit der Aufstellung von Fürsorgevereinen zugunsten der slawischen Gefangenen begonnen. Die zahlreichen Gefangenen, die alsbald eingebracht wurden, „diese Armee von Brüdern, die mit dem Schwerte bezwungen war“, sollten nunmehr, wie es in den Zeitungen hieß, „auch geistig erobert werden“. Gleichzeitig wurde an die Errichtung tschechischer Legionen geschritten, deren Verwendung als Kampftruppe der Zar zwar noch nicht zuließ, deren erste Abteilungen aber schon im Winter als Kundschafter und Propagandisten an der Front auftauchten. Der Heeresleitung kamen auch allerlei Meldungen zu, daß jeder Gefangene, der sich als Mitglied des nationalen Turnvereines der Sokoln (Falken) legitimieren konnte, eine bevorzugte Behandlung erhoffen durfte. Wie dem auch war, so ist im allgemeinen doch festzustellen, daß die Fälle unmittelbaren Einvernehmens mit dem Feinde seltener gewesen sind, als man annahm. Die Folgen der politischen Einflüsse traten freilich dennoch zutage, wie es sich besonders kraß beim IR. 36 und beim SchR. 30, die aus den nationalsozialistischen und antimilitaristischen Bezirken Jungbunzlau und Hohenmauth stammten, am 26. Oktober bei Jaroslau zeigte. Wirkte die politische Zersetzung nicht unmittelbar, so drückte sie doch auf die Widerstandskraft der betreffenden Regimenter.

Nicht so oft, aber gleichfalls nicht ganz unbedenklich äußerten sich ähnliche Erscheinungen bei den Truppen mit vornehmlich serbischer Mannschaft. Serben bosnischer Truppenteile wurden zu Kriegsbeginn zu Arbeiterabteilungen zusammengezogen und außerhalb der Kampfzone verwendet. Sie baten, wieder zum Regiment eingeteilt zu werden. Man willfahrte ihnen, doch benützten viele die erstbeste Gelegenheit, um zum

!) Moli sch, Vom Kampf der Tschechen um ihren Staat (Wien 1929), 33 f.

Feinde zu entweichen. Wenig befriedigten in den Karpathen die Truppen aus Istrien. Besondere moralische Belastung legte die Besetzung Ost-und Mittelgaliziens durch die Russen den von dort stammenden ruthe-nisch-polnischen Regimentern auf. Ihre Soldaten wußten Familie, Haus und Herd hinter den feindlichen Schützenlinien einem unbestimmten Schicksal preisgegeben. Es war zu verwundern, daß nicht viel, viel mehr Leute dem Lockruf der Russen, frei in die Heimat zurückzukehren, erlagen, als es wirklich geschah1).

Die Heeresleitung, welche die ungünstigen politischen Einwirkungen auf die Armee mit wachsender Sorge verfolgte, erblickte nicht zu Unrecht die Wurzel alles Übels in den nationalpolitischen Verhältnissen des Reichsinnern. Wohl waren schon seit Kriegsbeginn Hochverrat und die diesem verwandten Vergehen und Verbrechen auch im Hinterlande der militärischen Gerichtsbarkeit unterworfen2), das hatte sich aber nicht als hinreichend wirksam erwiesen. Das AOK. bemühte sich, die beiden Regierungen zu einem schärferen Kurs zu gewinnen, stieß aber auf die bestimmte Ablehnung sowohl der Kabinette als auch des Kaisers selbst. Die Ministerpräsidenten stellten die Tatsachen wohl nicht in Abrede, hielten aber die Schilderungen des AOK. für übertrieben und waren auch der Anschauung, daß durch allzu scharfe Mittel die Lage höchstens noch verschlechtert werden könnte. Auch die Vorschläge, für Böhmen einen militärischen Statthalter und auch für Kroatien einen General als Banus zu bestellen, blieben unberücksichtigt. In Bosnien und in der Herzegowina schritt der um Weihnachten 1914 zum Landeschef ernannte GdI. v. Sarkotić mit sicherer Hand an die Befriedung des noch zum Kriegsr gebiet gehörenden Landes3).

Der deutsche Bundesgenosse war im Monate Oktober zum erstenmal in nähere Berührung mit dem öst.-ung. Heere getreten. Das Urteil, das er um die Jahreswende über dieses hatte, war recht düster; wie leicht man bei solchen Äußerungen allerdings den Eindrücken des Augenblickes erliegt, zeigt sich daraus, daß Falkenhayn zu derselben Zeit auch das deutsche Heer ein „zertrümmertes Werkzeug“ nannte4).

!) Den besetzten Gebieten entstammte fast ein Achtel der gesamten Wehrmacht.

2)    Vgl. Redlich, Österreichische Regierung und Verwaltung im Weltkriege (Wien 1925), 119f.

3)    Erzherzog Eugen hatte bei der Ernennung zum Kommandierenden der Balkanstreitkräfte die Absicht, Sarkotić als Generalstabschef an seine Seite zu nehmen. Der Kaiser entschied jedoch, daß sich der General nach Sarajevo zu begeben habe, wo er bis zum November 1918 die Verwaltung des Landes führte.

4)    Reichsarchiv, Der Weltkrieg 1914-1918 (Berlin 1929), VI, 363 und 415.

Die Zusammenarbeit zwischen den Verbündeten sollte in den Karpathenkämpfen des ersten Vierteljahres 1915 noch enger werden. Die deutschen Offiziere hatten es in der eigenen Armee bald nach Kriegsausbruch erlebt, daß man mit Elsässern und Lothringern aufgefüllte Regimenter vom französischen Kriegstheater nach dem Osten verlegen mußte. Nun lernten sie ein Heer näher kennen, bei dem solche Schwierigkeiten vervielfacht waren. Sie trafen mit allen Nationen des Reiches zusammen, am wenigsten leider mit Regimentern deutscher Stammeszugehörigkeit, und sahen mit Staunen auf die Buntheit einer Wehrmacht, an deren Aufgaben und Leistungen sie bisher keinen anderen Maßstab angelegt hatten als an das eigene Heer1).

Dieser Armee des Habsburgerreiches, damals wirklich fast zur Schlacke ausgebrannt und zu einem Milizheer geworden, wurde bald nach der Jahreswende 1914/15 von der Führung ohne Zögern eine neue, unerhört schwere Feuerprobe auferlegt, die sie trotz eines unleugbaren Übermaßes an Anforderungen unter abermaligen schweren Kräfteeinbußen, aber wieder durchaus ehrenvoll, bestehen sollte.

*) Die Tabellen 5 und 6 der Beilage 1 zeigen die nationale Zusammensetzung der verschiedenen Truppenkörper sowie des Offizierskorps und dessen Nachwuchses.

DER KARPATHENWINTER 1914/15

Die Verfolgung der Russen nach der Schlacht bei Limanowa-Łapanów

Das unbefriedigende Ergebnis der Verfolgung und die Führerentschlüsse auf beiden Seiten

(13. Dezember)

Hiezu Beilage 27 von Bd. I. und Beilage 2

Schon seit dem Eingreifen der 3. Armee in die Schlacht bei Limanowa-Łapanów erwog die Heeresleitung, wie dem südlich der Weichsel kämpfenden russischen Heeresteile möglichst viel Abbruch zugefügt werden könnte. Conrad beabsichtigte, wie aus seiner Aufzeichnung vom

11. Dezember abends1) hervorgeht, Boroević die Offensive gegen Norden mit dem linken Flügel auf Zakliczyn—Gromnik, mit der Mitte auf Tuchów—Pilzno und mit dem am rechten Flügel kämpfenden VII. Korps auf Frysztak—Strzyżów fortsetzen zu lassen. Der Chef des Generalstabes hoffte vorerst auf einen vernichtenden Erfolg gegen die eingekeilten Truppen Dimitriews. Mit der 3. Armee mehr nach rechts, das heißt gegen Nordosten „vorzuhalten“, erschien im Augenblicke noch nicht nötig, da die Russen noch zu tief in Westgalizien steckten.

Noch ohne Kenntnis dieses Planes strebte GdI. Boroević mit seinem Armeebefehle vom 13. den gleichen Zielen zu. Aus Teschen erfuhr er, daß Szurmay und Berndt auf dem westlichen Dunajecufer nicht mehr gebraucht würden und daher scharf gegen Norden abschwenken konnten. Weiters wußte man aus Fliegermeldungen, daß der Raum nördlich von Jasło—Biecz mit russischem Fuhrwerk vollgestopft war, woraus hervorging, daß der Feind noch in Reichweite sein mußte.

„Eine letzte Anstrengung noch und der Rückzug des Gegners wird zur Flucht“, so feuerte der Armeeführer seine Truppen an, von denen er „rücksichtslose Verfolgung“ forderte. Die durch Infanterieabteilungen zu verstärkende 4. KD. hatte sich an die Spitze zu stellen und das rechte Dunajecufer entlang vorzugehen, Szurmay zwischen diesem Flusse und der Biała mit der Mitte auf Zakliczyn, das IX. Korps auf Gromnik—

x) Conrad, Aus meiner Dienstzeit (Wien 1921—1925), V, 728 f.

3


II

Tuchów, das III. mit dem rechten Flügel über Pilzno gegen Tarnów und das VII. auf Frysztak—Strzyżów vorzustoßen; weiters sollten Krautwald gegen Sanok—Lisko und die 6. ID; als Armeereserve gegen Stróże vorrücken. Das Festungskmdo. Przemyśl wurde ersucht, die Gegend Jaroslau— Dębica—Krosno—Sanok durch seine Flieger aufzuklären.

Die hochgespannten Wünsche des Feldherrn für die nach errungener Entscheidung einsetzende Verfolgung gingen jedoch nicht in Erfüllung.

Vor der 4. Armee (Bd. I, S. 812) baute der Feind am 13. Dezember nun auch im Łososinatale ab. FML. Arz folgte unter Nachhutgefechten mit seinem linken Flügel (Teilen der 13. und der 45. SchD. sowie mit der 6. KD.) bis auf den von der Kobyla im Bogen über A 493 nächst Michal-czowa streichenden Bergrücken; anschließend erreichte sein rechter Flügel den Mündungswinkel der Łososina bei Witowice. In diesen Kämpfen wurden den Russen etwa 2000 Gefangene, zahlreicher Troß und verschiedenes Kriegsgerät abgenommen. Vor der übrigen Front der Armee des Erzherzogs, so namentlich nördlich von Bytomsko, behauptete sich jedoch der Feind in unverminderter Stärke und wies jede Annäherung durch lebhaftes Artilleriefeuer ab.

Die Luftaufklärung stellte indes überall große Truppen- und Troßkolonnen im Marsche nach Osten fest und bestätigte damit, daß jeder örtliche Widerstand der Russen nur mehr dem Zeitgewinne diente. Ein frontales Zurückdrücken des nächst Bochnia inkaumbezwingbarer Stellung standhaltenden Feindes lag nicht in der Absicht der Heeresleitung; diese rechnete im Gegenteil darauf, daß die Auswirkung der durch die 3. Armee aus der Tiefe angesetzten Umfassung umso größer sein werde, je länger der Russe im zurückhängenden Frontsacke westlich vom Dunajec verweilte. Neuerlich lockte der Gedanke, den Erfolg auf dem rechten Flügel der 4. Armee durch Zuführen des ganzen XVIII. Korps zu steigern. Doch hätte dieses dort erst drei bis vier Tage später eingreifen können und es wäre unter Umständen vielleicht gerade in dem Augenblicke weit hinter der Front gewesen, da der Feind locker ließ und ein energisches Nachdrängen am Platze war. Überdies war es nicht ausgeschlossen, daß die Russen wieder zu einem Offensivstoße ausholten, um sich den ungestörten Rückzug zu sichern; nach Gefangenenaussagen und Kundschaftermeldungen planten sie, gegen Gdów vorzubrechen. Das 4. Armeekmdo. zog daher das Gros des XVIII. Korps *) von Wieliczka (Bd. I, S. 811) in den Raum Gdów—Dobczyce.

x) Die 86. SchBrig. (5 Bataillone und 2 Batterien) befand sich am 14. zur Verfügung Roths in Tymbark.

Die gegen die feindliche Rückzugsstraße Zakliczyn—Gromnik vorgetriebene Verfolgung vermochte in dem unwegsamen, stark vereisten Wald- und Berggelände, wo die Wege häufig durch leicht sperrbare Engen zogen, nicht rasch vorwärts zu dringen; überdies deckte die starke Reiterei des Russengenerals Dragomirow den Abzug der inneren Flügelkorps der 3. und der 8. Armee. Die Erschöpfung der öst.-ung. Truppen und die vorzügliche Rückzugstaktik der feindlichen Führer ersparten Iwanow schwere und mit Katastrophen verbundene Verluste.

Auch bei der k. u. k. 3. Armee (Bd. I, S. 809 ff) enttäuschten am 13. die Ergebnisse der Verfolgung.

Die 4. KD. konnte infolge der Zerstörung der Popradbrücke nur bis Neusandez gelangen; die 38. und die komb. HID. rückten in Fühlung mit feindlicher Reiterei bis auf etwa 10 km an die Straße Zakliczyn—Gromnik heran, hinter den Honvéds folgte die 11. LstTerrBrig., GM. Nottes. Die 6.ID. verschob sich als Armeereserve nach Stróże. Beim IX.Korps gerieten die beiden Divisionen im Laufe der Verfolgungskämpfe in auseinander-strebcnde Richtungen; dabei gewann die 26. SchD. verhältnismäßig rasch Raum, konnte sich aber der feindlichen Stellungen bei Staszkówka ebensowenig bemächtigen, wie die beiderseits der Ropa fechtende 10. ID. den Widerstand der Russen südwestlich von Biecz zu brechen vermochte. Das

III. Korps drückte mit seiner Hauptkraft die russische 4. SchBrig. aus dem Raume nördlich von Żmigród in der Richtung auf Jasło zurück, wogegen auf dem linken Flügel die 44. SchBrig. nicht imstande war, den auf der Ostra Ga. eingenisteten Feind zu vertreiben. Das IR. 27 schwenkte von Żmigród aus nach Osten zur Unterstützung des VII. Korps ab. Dieses zwang Teile des XII. Russenkorps nach einem vierstündigen Morgengefechte nördlich von Dukla zur Preisgabe ihrer Stellungen; ein gemischtes Detachement besetzte in der Nacht zum 14. kampflos den Straßenknoten bei Miejsce Piastowe. Auch vor der durch ein Regiment der 20. HID. verstärkten 5. HKD. wich der Feind zurück. Ebenso wie am Vortage kam die Gruppe Krautwald flott vorwärts; die l.KD. näherte sich dem Orte Zagórz bis auf eine Wegstunde, traf aber hier auf eine starke russische Stellung; die 56. ID. und die 8. KD. erreichten mit ihren Anfängen die Gegend südwestlich und südlich von Baligród. Das Hauptquartier des 3. Armeekmdos. wurde von Kaschau nach Bartfeld verlegt.

Unterdessen stand die Stawka unter dem schweren Drucke der Lage. In Polen hämmerten die Deutschen seit der Einnahme von Łódź gegen die russische Front westlich der unteren Bzura los; sie schienen sich außerdem, wie in Baranowiczi vermutet wurde, zu einem Vorstoße über

Mława anzuschicken. Die Weisungen, die Iwanow am 9. Dezember (Bd. I,

S. 800) für Dimitriews Angriff in Westgalizien ausgegeben hatte, erwiesen sich nach dem Anfangserfolge an der Stradomka ebenso unausführbar wie der beabsichtigte Schlag Brussilows gegen die über die Karpathen vorbrechenden Kolonnen der Armee Boroević.

Nikolai Nikolajewitsch lud die beiden Heeresfrontkommandanten zur Beratung der zu ergreifenden Maßnahmen fürdenlS.nachBrest-Litowsk1). Hier wurde beschlossen, mit der 1., der 2., und der 5. Armee in die vorbereiteten Stellungen hinter der Bzura und Rawka auszuweichen, um möglichst weit westlich von Warschau sowie rechts der Weichsel in der Richtung auf Mława einen ausgedehnten Operationsraum zu behaupten. Ebenso hatten sich die Armeen der Südwestfront vom Gegner abzusetzen. Durch diese ausgiebige Frontverkürzung konnten Kräfte erspart werden, die sowohl zur Verstärkung der 10. Armee in Ostpreußen dienen, als auch Brussilow zu einem Schlage gegen Boroević befähigen sollten.

Gen. Iwanow verfügte hierauf, daß sich die 4. und die 9. Armee zwischen Tomaszów—Chęciny und hinter der Nida festzusetzen hatten. Die 9. Armee hatte wenigstens zwei Divisionen, womöglich aber zwei Korps als Reserven bei Chęciny—Stopnica—Staszów zu versammeln. Die

3. Armee erhielt den Befehl, an den Dunajec und die Biała zurückzugehen. Dort sollte sie sich binnen zwei Tagen für eine neue Operation bereithalten; ihr wurden von der 9. Armee zwei Reservedivisionen über die Weichsel zugeschoben. Die 8. Armee hatte zur Sicherung dieses Rückzuges ein Vordringen der Armee Boroević gegen die Bahn Tarnów—Jaroslau nachdrücklich zu verzögern. Die 11. Armee sollte die Einschließung von Przemyśl aufrechthalten, dabei aber eine Vorrückung des Gegners über Dynów—Dubiecko gegen Przeworsk—Jaroslau verhindern und mit ihrem linken Flügel bereit sein, Brussilow zu unterstützen, sobald etwa öst.-ung. Kräfte gegen seine Ostflanke von Sanok und Lisko her vorgingen.

Das Zusammenwirken der 3. und der 4.Armee bis zum

17. Dezember

Diesen Entschlüssen gemäß zogen sich die Russen seit dem grauen Winterabend des 14. Dezember im Weichselbogen nach Osten zurück. In Galizien dagegen hielt Gen. Iwanow mit traditioneller Zähigkeit denFront-

*) Dani low (Daniloff), Rußland im Weltkriege 1914—1915 (deutsche Ausgabe, Jena 1925), 383; A. Nesnamow, Strategische Skizzen (in russischer Sprache, Moskau 1922), III, 16ff und M.Boncz-Brujewitsch, Unser Verlust Galiziens im Jahre 1915 (in russischer Sprache, Moskau 1921), I, 13 ff.

teil im Weichsel-Dunajecwinkel an diesem Tage noch fest, so daß weder die 39. HID. und der rechte Flügel der deutschen 47. RD. gegen die russische Nachhutstellung Rajbrot—Tropie (am Dunajec zwischen Witowice und Czchów) noch auch die übrigen Teile der 4. Armee nennenswerten Bodengewinn erringen konnten.

Nach dem am 14. Dezember nachmittags ausgegebenen Heeresbefehle hatte sich die 4. Armee gegenüber den Stellungen Dimitriews festzusetzen, sich jedoch abwartend zu verhalten, bis sich die Offensive der rechten Nachbararmee gegen den Rücken des Feindes fühlbar gemacht habe. Boroević sollte bis an die Straße Tarnów—Rzeszów vorstoßen und die Karl Ludwig-Bahn bei Rzeszów unterbrechen. Als Trennungslinie der beiden Armeen galt der Dunajec bis zur Bialamündung. Weiters wurde Erzherzog Joseph Ferdinand angewiesen, die leistungsfähigste seiner Reiterdivisionen für den Ostflügel der 3. Armee abzugeben. Die Wahl fiel auf die 10. KD.

Am herandämmernden Morgen des 15. Dezember war endlich die ganze russische Front von der Weichsel bis Zakliczyn in vollem Rückzuge, verfolgt von der k. u. k. 4. Armee, die nur an einzelnen Stellen leichte Nachhutgefechte zu bestehen gehabt hatte. Trotzdem alle Brücken vom Feinde zerstört waren und trotz unvermeidlicher Friktionen ging die Verfolgung am 15. und 16. flott vonstatten, so daß bis zum 16. abends die Linie Zakliczyn—Biadoliny-Szlacheckie—Szczurowa erreicht wurde. Die

6. KD. und der Rest der ll.HKD. gelangten zur Erholung in die Gegend nordwestlich von Neusandez, während die vom Festungskmdo. Krakau vorübergehend unterstellte Landsturmgruppe Oberst Brauner (1. und 35. LstlBrig.) bei Niepołomice auf das nördliche Weichselufer überging und sich dort im Verbände der 1. Armee an der Verfolgung beteiligte. Das 4. Armeekmdo. übersiedelte am 16. von Wadowice nach Myślenice.

Der Westflügel der Armee Boroević begegnete am 14. im Abschnitte südlich von Zakliczyn—Gromnik zwischen Dunajec und Biała der zähen Abwehr russischer Nachhuten, die diesen Raum für die Rückwärtsschwenkung der sich stauenden Truppenmassen solange als möglich festhalten wollten.

Die 4. KD. und die Spitzen Szurmays trafen daher gleich nach dem Überschreiten der Sicherungslinie auf den Feind. Dieser wurde wohl zweimal zum Aufgeben von Zwischenstellungen gezwungen, doch gelang es nicht, bis in den heillos verstrickten Russenknäuel bei Zakliczyn hineinzustoßen. Immerhin geriet der feindliche Troß in das Artilleriefeuer des Verfolgers.

Beim IX. Korps nahm der rechte Flügel am Vormittag Biecz. FML.

Králiček schloß nunmehr seine Divisionen für die Vorrückung nach Norden zusammen, ohne jedoch bis zur Bialabrücke bei Gromnik durchzudringen. Vor dem III. Korps zogen die Russen langsam ab, Jasło wurde von ihnen geräumt. Das VII. Korps erreichte ohne nennenswerten Kampf Krosno und schob ein Detachement gegen Iskrzynia. Die nur mehr 500 Reiter starke 5.HKD. verbrachte die Nacht auf den 15. bei Rymanów. Krautwald gegenüber schienen sich die Russen erst beiLisko stellen zu wollen; der Gruppenführer benützte den 14., um seine Kräfte für den Angriff zusammenzuziehen.

Auf Grund des Heeresbefehles dirigierte nunmehr Boroević die Gruppe Szurmay, einschließlich der 11. LstTerrBrig., gegen Tarnów, wohin die

4. KD. vorausreiten sollte, das IX. Korps rechts der Biała gegen den Raum östlich der ebengenannten Stadt, das III. beiderseits der Wisłoka gegen Pilzno und Debica, endlich das VII. von Krosno auf Ropczyce— Sędziszów und dessen Kavallerie zur Sicherung gegen Osten auf Rzeszów. Krautwald hatte dem VII. Korps in der Staffel östlich der Linie Brzozów— Lutcza—Rzeszów zu folgen und zur Deckung der rechten Armeeflanke starke Sicherungen bei Sanok zu belassen. Die 6. ID. wurde für den 15. zum Marsche von Stróże nach Zagórszany (südwestlich von Biecz) befohlen.

Wenn es den Russen nicht glückte, die Vorrückung der Armee Boroević gegen die Straße Tarnów—Rzeszów aufzuhalten, so konnten sie sich auch an unteren Dunajec, von Aufrollung bedroht, nicht festsetzen. Diese Gunst der Lage wurde auch in Bartfeld erkannt. „Pflicht der 3. Armee wird es sein, jeden Versuch des Gegners, sich noch südlich der Karl Ludwig-Bahn zu halten, durch unaufhaltsamen Vorstoß gegen Norden zu vereiteln.“ So drahtete Boroević am 15. mittags an seine Unterführer.

Indes erzielte an diesem Tage nur sein Westflügel einige Fortschritte, ohne jedoch das gesteckte Ziel zu erreichen. In engem Anschlüsse an die Gruppe Arz preßte Szurmay den Feind im Raume bei Zakliczyn noch enger zusammen. Die komb. HID. erhielt Befehl, links einzuschwenken und dem Feinde gegenüber der 38. HID. den Rückzug über den Dunajec zu verlegen, ein gemischtes Detachement wurde gegen Tarnów entsendet. Aber wieder bestand die Zähigkeit der Russen die schwere Probe; indem sie sich fest an Zakliczyn klammerten, wehrten sie die Truppen Szurmays ab, an deren linkem Flügel die 4. KD. focht.

Noch hartnäckiger kämpfte der Feind gegen das IX. Korps. Erhebliche Teile der russischen 13. ID. warfen sich der 26. SchD., die wieder auf Gromnik losging, aus dem Białatale entgegen, so daß dem Korps nur verschwindend geringer Geländegewinn beschieden war. Auch das Vordringen des III. Korps über Jasło stockte; seine über die Ropa angreifende linke Flügelbrigade wurde sogar auf das Südufer des Flusses zurückgeworfen. Die Divisionen des IX. und des III. Korps fochten jetzt mit kaum mehr als je 3000 Feuergewehren.

Beim VII. Korps verbiß sich die 17. ID. in hartem Kampfe gegen eine Höhe nordwestlich von Krosno, die 20. HID. stürmte die Hügel nördlich dieser Stadt, fiel aber dann in die Abwehr zurück; Iskrzynia konnte vorerst nicht genommen werden. Die 5.HKD. wurde schon in ihrem Nächtigungsraume von Norden und Osten her vom Feinde angefallen und mußte durch Teile der 17. ID. unterstützt werden. Krautwalds Angriff gegen Lisko verzögerte sich, weil die 56.ID. und die 8.KD. noch nicht aufgeschlossen hatten.

Um die Operation wieder in Fluß zu bringen, befahl Boroević der als Armeereserve zurückgehaltenen 6. ID., am 16. über den linken Flügel des III. Korps hinaus gegen Siepietnica vorzustoßen und weiters dem FML. Szurmay, der zurückgebliebenen 26. SchD. des IX. Korps zu helfen. Die von der 4. Armee abgezweigte 10.KD. (S.37) wurdenachBieczbeordert.

Am 16. gingen die Gruppen Arz und Szurmay auf beiden Dunajec-ufern in engem Einklänge vor, wodurch es der 38. HID. glückte, in Zakliczyn einzudringen. Während die Vortruppen dieser Division dem Feinde folgten, rang Kornhaber tagsüber hart mit den Russen, ohne daß sich sein rechter Flügel der Bialabrücke bei Gromnik hätte bemächtigen können.

Wegen der heftigen russischen Artilleriewirkung erzielten die Angriffe des IX. und des III. Korps kein nennenswertes Ergebnis. Die Truppen Králičeks fochten hauptsächlich in den Linien vom Vortage; der versuchte Handstreich eines Detachements gegen die Tuchówer Brücke scheiterte unter ansehnlichen Verlusten.

Boroević hatte von dem flankierenden Einsatz der 6. ID. nicht nur die Öffnung der Straße durch das Wisłokatal für das III. Korps, sondern auch einen frischen Impuls für das IX. erhofft. Nichts davon traf zu. Die 6. ID. konnte sich nur so weit Vorarbeiten, daß sie die Lücke zwischen den beiden Korps ausfüllte; das III. Korps blieb in ein stehendes Gefecht nördlich von Jasło verstrickt.

Front gegen Nordosten drängte das VII. Korps die Russen eine Strecke zurück, wodurch Krosno fest in die eigene Hand gelangte. Krautwald erwehrte sich in der Nacht und am Morgen wiederholter Vorstöße des hier wieder angriffslustig gewordenen Feindes, sein eigenes Vorgehen geriet aber trotz des Einsatzes der 56. ID. auf dem rechten Flügel alsbald ins Stocken.

In Teschen war man unterdessen beharrlich bestrebt, den Sieg bei Limanowa-Łapanów zu einer möglichst schweren Niederlage für die Russen auszubauen; die 3. Armee sollte deshalb kräftigst gegen die Rückzugslinien des Feindes wirken1). Noch waren aber die nächsten Absichten der russischen Führer nicht zu erkennen. Leistete der Feind westlich vom San neuerlichen Widerstand, dann erschien ein Stoß gegen seinen Südflügel erfolgversprechend; ging er jedoch ohne Aufenthalt hinter diesen Fluß zurück, ohne seine Stellungen in Polen aufzugeben, dann gedachte Conrad, mit der 4. Armee die Weichöel zu überschreiten und im Zusammenwirken mit den nördlich des Flusses kämpfenden Kräften den Feind aus dem Strombogen zu vertreiben, während der 3. Armee die Sicherung gegen Osten zufallen sollte.

Am 15. Dezember, dem Zeitpunkte, zu welchem bei der Heeresleitung diese Erwägungen angestellt wurden, kämpfte jedoch Boroević erst in der Beckenreihe Sanok—Krosno—Jasło; nichts hinderte die Russen, hinter der schützenden Wand der Nachhuten Brussilows an den San abwärts von Przemyśl, oder gar, was allerdings doch für weniger wahrscheinlich gehalten wurde, mit erheblichen Teilen auf das Nordufer der Weichsel abzuziehen. In beiden Fällen war eine Verstärkung des Ostflügels der 3. Armee notwendig, der außerdem stets einem Flankenstoß frischer Kräfte über Jaroslau—Przemyśl—Chyrów ausgesetzt war.

Conrad wünschte, die Russen möglichst noch diesseits vom San zum Kampfe zu zwingen, sie gegen Osten abzudrängen und Przemyśl ehestens zu entsetzen. Vorübergehend erwog er eine Aktion der Gruppe FML. Krautwald im Einklänge mit der Festung. Doch GdI. Boroević gab mit Recht zu bedenken, daß auch sein rechter Flügel im Sinne der im Gange befindlichen Operation die Nordrichtung beibehalten müsse; die 3. Armee sei nicht stark genug, um sich weiter gegen Osten auszudehnen. Das AOK. hatte immerhin am 15. verfügt, daß außer der bereits zugewiesenen 10. KD. auch die Masse der Gruppe Arz (39. HID. und 45. SchD.) aus dem Befehlsbereiche der 4. in jenen der 3. Armee überzutreten habe. Am nächsten Tage steigerten sich jedoch die Befürchtungen Conrads, daß es den Russen gelingen werde, ungestört hinter den San zu schlüpfen. Er plante daher, die Hauptkraft der Armee Dankl an den Ostflügel des GdI. Boroević zu verschieben, begnügte sich aber zuletzt damit, das X. Korps hiefür zu bestimmen, obgleich sich dieses gegenwärtig nördlich von der Weichsel im Rahmen der 1. Armee an der Verfolgung der an die Nida abziehenden Russen beteiligte. Es hatte am 17. zur Einwaggonierung nach Krakau zu marschieren und war mit dem Korpskmdo. und der 24. ID. gegen Mezö-laborcz, mit der 2. ID. auf der gegen Uzsok führenden Bahnlinie zu transportieren. Boroević wurde angewiesen, das Korps zur Umfassung der ösüichen Flanke der Russen auf das .rechte Sanufer ausgreifen zu lassen. Es kam nun darauf an, ob diese Maßnahme rechtzeitig wirksam wurde.

Was die Zahl betraf, blieb man den Russen gegenüber stets im Nachteil. Das gesamte öst.-ung. Nordheer zählte Mitte Dezember nur noch etwa

274.000 Feuergewehre. Es konnte auch durch die bis zur zweiten Februarwoche 1915 eintreffenden Marschformationen bloß auf eine halbe Million verstärkt werden, vorausgesetzt, daß bis dahin keine erheblichen Verluste eintraten.

In Anbetracht der durch die Schlacht in Westgalizien wesentlich gebesserten Lage befand sich die Heeresleitung in zuversichtlicher Stimmung, hielt es aber doch für ratsam, den Unterführern Vorsicht einzuschärfen, damit die Bahn des Erfolges nicht durch Rückschläge unterbrochen werde. Dunkle Schatten am Horizont gab es noch immer genug, mußte doch am 14. die Räumung Belgrads verfügt werden (Bd. I, S. 748), wodurch die Serben volle Muße gewannen, sich hinter der Save—Donau auf neue Operationen vorzubereiten. Auch kam dem GdI. Conrad das Gerücht zu Ohren, daß deutscherseits die Absicht zu Sonderverhandlungen mit dem Zarenreiche bestehe; sorgenerfüllt bat er den Grafen Berchtold am 14., seinen Einfluß dagegen aufzubieten1).

Tatsächlich hatte GLt. Falkenhayn nach dem Rückschläge auf dem westlichen Kriegsschauplätze bei Ypern beim deutschen Reichskanzler angeregt, auf diplomatischem Wege einen Sonderfrieden mit Rußland herbeizuführen, weil er glaubte, „auf völlige Niederwerfung des Feindes mit militärischen Machtmitteln überhaupt verzichten zu müssen“. Die Besprechungen und Verhandlungen über diesen Gegenstand dauerten, vom

18. November angefangen, etwa einen Monat, wurden dann aber wieder fallen gelassen, weil Sondierungen ergaben, daß in Rußland keinerlei Friedensstimmung vorhanden war2).

Schon bei Beginn der Offensive der k. u. k. 3. Armee hatte die Festung Przemyśl durch ihren Ausfall am 9. und 10. Dezember (Bd. I, S. 803) zu verhindern gesucht, daß sich die russische Einschließungsarmee zugunsten einzelner im freien Felde verwendeter Teile schwäche. Eine kleinere Unternehmung im südwestlichen Vorfelde diente am 13. bloß zur Feststellung der im Einschließungsringe stehenden feindlichen Verbände. Mit

1)    Conrad,V, 722 und 754 ff.

2)    R e i c h s a r c h i v, VI, 406 ff.

dem Fortschreiten der Operation der 3. Armee gegen Norden mußte jedoch demnächst der Zeitpunkt eintreten, in dem die Festung die Ostflanke der Streitkräfte des GdI. Boroević immittelbar zu sichern hatte. Das 3. Armeekmdo. stand in dauerndem Funkverkehr mit Przemyśl, unterrichtete den Festungskommandanten stets über die Lage und ersuchte wiederholt um Mitwirkung der Festungsflieger bei der Luftaufklärung.

Am 14. funkte das AOK., die Besatzung habe alles aufzubieten, einen Abmarsch der vor dem Platze stehenden Russen nach Westen zu vereiteln. Kurz darauf teilte das 3. Armeekmdo. mit, daß der Feind vor der Armeefront den Rückzug in stark gelockerter Verfassung angetreten habe. GdI. Kusmanek vermutete, FML. Krautwald sei zum Entsätze der Festung bestimmt und plante, mit ihm unmittelbar zusammenzuwirken. Am 15. stießen daher \1XU Bataillone und 13 Batterien der Besatzung unter Führung des FML. Árpád v. Tamásy in der Richtung auf Bircza vor, bemächtigten sich an diesem Tage und am 16. nach weiterer Verstärkung durch drei Bataillone wichtiger russischer Stützpunkte, so daß in der Einschließungslinie eine Lücke klaffte, die die Straße nach Bircza freilegte. Schon hielten sich die Schwadronen Tamásys bereit, hier durchzustoßen. Damals würde ein Durchbruch noch Aussicht auf Gelingen gehabt haben, wenn er bei voller Kenntnis der Lage befohlen worden wäre; das Auftreten der starken Armeegruppe der Besatzung im Rücken der feindlichen Front bei Sanok—Lisko hätte entscheidende Bedeutung erlangen können.

Da trat am 17. eine Krise ein. Die Russen warfen sich von Lisko auf Krautwald und drängten ihn weit gegen Südwesten zurück; gegenüber der Ausfallstruppe zog der Feind Verstärkungen an sich und brachte ihren Angriff zu verlustreichem Scheitern. Niemand ahnte, daß damit die letzte Aussicht auf den Entsatz der Festung geschwunden war. Die Besatzung erlitt durch diese Enttäuschung eine schwere Einbuße an seelischer Kraft. Da schon am 17. abends durch einen Funkspruch der Rückschlag beim FML. Krautwald in Przemyśl bekannt geworden war und der Feind tags darauf die Vorfeldstellung im Norden des Platzes angriff, ließ Kusmanek die Ausfallstruppen wieder hinter den Gürtel abrücken.

Die 3. Armee hatte durch die vom AOK. verfügte Überstellung der Gruppe Arz allerdings eine Verstärkung, freilich aber nur für den weniger wichtigen Westflügel erhalten. GdI. Boroević befahl am 16. mittags, daß Arz am 17. gegen Tarnów zu verfolgen und Szurmay (38. HID. und ll.Lst-TerrBrig. Nottes) rechts von ihm über Tuchów gegen den Raum östlich von Tarnów vorzurücken habe; die komb. HID., von der Gruppe Szurmay abgetrennt, sollte im Verbände des IX. Korps über Gromnik in den Rücken des Feindes gegenüber der 26. SchD. eindringen. Dem IX. Korps wurde die Richtung über Ryglice gegen Czarna gewiesen; für das III. blieb die bisherige Direktion auf Pilzno—Dębica aufrecht, wobei eine Division als Armeereserve auszuscheiden war, sobald es die Verhältnisse gestatteten. Das VII. Korps hatte die rechte Armeeflanke zu decken und entbehrliche Kräfte gegen Ropczyce zu entsenden. FML. Krautwald wurde beauftragt, den Feind verläßlich festzuhalten und die durch Infanterie zu verstärkende 1. KD. zur Unterstützung des VII. Korps gegen Brzozów und Lutcza zu dirigieren. Sobald sich diese Entsendung fühlbar machte, sollte Erzherzog Joseph mit seinem Korps die Offensive auf Ropczyce—Sędziszów aufnehmen. Wie schon die 10. KD. wurde auch die 4. KD., auf dem Westflügel der Armee nicht mehr gebraucht, gegen Osten verschoben.

Nach dem bereits erwähnten Mißerfolge seiner Gruppe befahl Krautwald dem bis Sanok vorgedrungenen Detachement (Major Oskar Zeiss), dem Feinde die Richtung auf Rymanów zu verlegen und eine Gefährdung der Flanke des hart kämpfenden VII. Korps zu verhindern.

Dem Fehlschlag auf dem Ostflügel stand entgegen, daß um die Mittagsstunde des 17. der russische Widerstand vor dem III. und dem IX. Korps erlahmte und namentlich dem III. Korps ein erheblicher Geländegewinn beschieden war. Arz überschritt am Morgen den Dunajec auf einer bei Zakliczyn geschlagenen Kriegsbrücke, wobei er auf dem linken Ufer durch die aus dem Verbände seiner Gruppe tretende 13.SchD., auf dem rechten durch die Gruppe Szurmay gesichert wurde.

Der russische Rückzug nördlich derWeichsel (15. bis 18. Dezember)

Bei der Armee Dankl und der Armeeabteilung Woyrsch war die Verfolgung seit dem 15. in vollem Gange. Jene überschritt das Schlachtfeld, auf dem sie vom 16. bis zum 28. November gestritten hatte und erreichte am 17. beim Einbruch der Dunkelheit die Nidzica und die Linie Działoszyce—Deszno. Der nächste Tag wurde zum Aufschließen ausgenützt. Regen und Schnee, gänzlich zerfahrene Wege und die starke Übermüdung der Truppen hatten einen kurzen Halt bedingt. Das X. Korps war im Sinne des von der Heeresleitung am 16. erteilten Befehles nach Krakau zurückmarschiert, um mit der Bahn an den Ostflügel der Armee Boroević gefahren zu werden.

Bis zum 19. abends rückte die Armee an die hochangeschwollene Nida, mit der Landsturmgruppe FML. Kletter (106.LstID., 1., 35. und

110. LstlBrig.) abwärts von Wiślica, mit dem V. Korps (33. und 14. ID., 37. HID.) biszurMierzawamündung, mit dem I. (S.und 12.ID., 46-SchD.)1) und links davon mit dem II. Korps (4. und 25. ID., 2. KD.) bis nördlich von Brzegi. Nennenswerte Zusammenstöße hatten nicht stattgefunden, ausgenommen bei der Landsturmgruppe Kletter, die sich ihren Weg unter kleineren Gefechten hatte bahnen müssen. Die dem linken Armeeflügel auf Kielce vorauseilende 2. KD. fand die Brücke bei Brzegi zerstört und die jenseitigen Uferhöhen in der Hand der Russen. Nach den Tagebuchaufzeichnungen der Korps wurden während des Vormarsches an die Nida etwa 7000 Gefangene eingebracht.

Links von der 1. Armee gelang es dem Südflügel der Armeeabteilung Woyrsch, nach Kämpfen mit russischen Nachhuten am 17. die obere Pilica zwischen Koniecpol und Krzętów zu überschreiten.

Von der auf dem Nordflügel vorgehenden Armee Böhm-Ermolli drang die Vorhut der 27. ID. des Korps Gallwitz, dem außer der 1. GRD. auch die Reiterei Hauers unterstellt worden war, in der Nacht zum 16. in die vom XIV. Russenkorps verlassene Stadt Piotrków ein. Im Laufe des 16. strebte das XII. Korps von Noworadomsk nach Przedbórz und gelangte nach leichten Scharmützeln mit der Spitzendivision bis Kodrąb; das

IV. Korps, kurze Zeit vom Feinde aufgehalten, erreichte Mierzyn—Lubień. Gallwitz stieß mit der 27. ID. über Piotrków und mit der 1. GRD. auf Sulejów vor. Gen. Gillenschmidts Reiterdivisionen, die bisher mit der Deckung der empfindlichen Nordflanke der zurückgehenden Armee Ewert betraut waren, wichen nach Nordosten auf Tomaszów—Wolborz aus. Zwischen dem an der Wolborka stehenden linken Flügel der russischen 5. und dem rechten der 4. Armee befand sich nur ein brigadestarker Teil des XIV. Korps. Als nun Hauer, der mit seiner Reiterei vorauseilte, bei Sulejów an der Pilica eintraf, stieß er auf zähesten Widerstand. Der Fluß konnte auch von der vorgezogenen Infanterie des Korps Gallwitz am 16. nicht überschritten werden.

An diesem Tage behaupteten sich die Streitkräfte Plehwes (2. und

5. Armee) noch hinter der Wolborka und Mroga gegenüber dem Südflügel Mackensens. Vor dessen Nordflügel war aber die russische 1. Armee, nachdem sie am 13. noch einmal angegriffen hatte, in eiligem Rückzuge auf das rechte Bzuraufer. Die Deutschen versuchten dort, dem Feinde südlich von Sochaczew die Flanke abzugewinnen. Es schien möglich zu sein, die noch westlich von der Rawka haltenden Truppen Plehwes in die

!) Die 12. ID., nach Żarki entsendet (Bd. I, 769), war wieder zum I. Korps zurückgetreten.

Zange zu nehmen, wenn das Korps Gailwitz gleichzeitig gegen Nord vorstieß1). Böhm-Ermolli wurde daher am 16. spät abends von Woyrsch beauftragt, die Verfolgung zwar nach Osten fortzusetzen, jedoch eine Division über Tomaszów auf Lubochnia vorzutreiben.

Hiefür wurde die 1.GRD. bestimmt und dem GO. Mackensen unterstellt. Sie nahm am 17. mit dem auf dem Südflügel der 9. Armee befindlichen Kavalleriekorps Frommei die Richtung über Wolborz gegen den Rücken der noch westlich von der Rawka befindlichen feindlichen Korps. Indes hatte der Russe schon in der Nacht auf den 17. den Rückzug hinter die Rawka angetreten. GO. Mackensen setzte sofort die 1. GRD. und die Kavallerie Frommeis zur Verfolgung links von der Pilica auf Nowe Miasto und Grójec an; mit vier Korps seines rechten Flügels wollte er dem Feinde gegen Osten folgen, während vier Korps des linken Flügels über die Bzura bis zu der von Skierniewice nach Warschau führenden Bahnlinie vorstoßen sollten, um die Masse der bereits im vollen Rückzüge gegen die mittlere Weichsel vermuteten drei russischen Armeen

— 1., 2., 5. — von Norden her zu umklammern2).

Die Armee Böhm-Ermolli vermochte die versumpfte Pilicaniederung am 17. nur an zwei Punkten zu überschreiten, da alle Übergänge zerstört waren und die russischen Nachhuten noch das Ostufer verteidigten. Auf dem linken Flügel beim Korps Gailwitz mißlangen die bei Sulejów unternommenen Übergangsversuche der 27. ID. und der 9. KD. Dagegen konnte die 3. KD. oberhalb der Czarnamündung das rechte Flußufer gewinnen. Vom XII. Korps traf die 16. ID. am Nachmittag vor Przedbórz ein. Das Vorhutbataillon der Hermannstädter Division stürmte über die halbverbrannte Brücke, vertrieb den Feind und legte des Nachts einen flüchtigen Brückenkopf auf dem Ostufer an.

In der Nacht auf den 18. zog der Russe aber auch vor Gailwitz ab und gab den Pilicaabschnitt bei Sulejów frei.

Als Böhm-Ermolli den Rückzug der Russen vor dem linken Flügel Mackensens erfuhr, erwartete er, weder an der Czarna noch bei Opoczno auf Widerstand zu stoßen. Er beschloß, den Abzug der Armee Ewert gegen die Weichsel durch eine scharfe Verfolgung zu stören.

Am 18. Dezember zu früher Stunde setzten die Truppen der 2. Armee auf Kähnen und rasch gebauten Stegen dem Feinde über die Pilica nach. Gallwitz gelangte mit der 27. ID. und den beiden Kavalleriedivisionen Hauers auf der Straße nach Opoczno bis Mniszków und in den Raum

1)    R e i c h s a r c h i v, VI, 307.

2)    Ebenda, VI, 309 ff.

südlich von Tomaszów. Stark besetzte russische Stellungen geboten einem weiteren Vordringen Halt. Das IV. Korps rückte inzwischen über den Czarnaabschnitt oberhalb von Przyłęk vor, geriet aber dann in das Feuer eingegrabener russischer Schützen und wurde am Abende vom Feinde auf das Westufer zurückgedrängt. Auch beim XII. Korps, das an der Straße von Przedbórz gegen die Czarna und südlich davon vorging, kam es zu Gefechten. Czermno wurde von der 16. ID. in der Nacht erstürmt, die 35. ID. blieb aber vor dem stark besetzten Dorfe Pilczyca liegen.

Südlich von der 2. Armee waren die deutschen Divisionen des GO. Woyrsch an diesem Tage nach Kämpfen mit feindlichen Nachhuten bis Małogoszcz-Kajetanów gelangt und sahen sich sodann einer starken russischen Stellung an der Łososina gegenüber.

Damit war die Verfolgung der Armeeabteilung am 18. abends zum Stehen gekommen. Woyrsch erkannte sogleich, daß sich der Feind wieder gestellt hatte und schrieb seinem Südflügel vor, sich vor den russischen Stellungen hinter der Łososina zur Abwehr einzurichten1).

Bei der Armee Mackensen war die 1. GRD. am 17. und 18. nördlich von der Pilica bis über Tomaszów nach Osten, ihr Südflügel bis an die Rawka vorgedrungen. Die Russen hatten die Bzura bei Łowicz aufgegeben, hielten sich aber weiter unterhalb. Nachrichten über die Hartnäckigkeit des feindlichen Widerstandes ließen vermuten, daß die Russen entschlossen waren, um diesen Abschnitt zu kämpfen. Damit schien die Hoffnung zu schwinden, den Feind durch Umfassung von Norden her entscheidend zu schlagen.

Auch in Teschen tauchten Zweifel auf, ob der Russe seinen Rückzug bis hinter die mittlere Weichsel fortsetzen werde. Nach Conrads Anschauung lag die Entscheidung mehr als je an den Flügeln. Seiner Bemühungen um die Verstärkung des südlichen Heeresflügels wurde bereits gedacht; er glaubte fest an die Möglichkeit, den Bewegungskrieg im Osten bis zum durchschlagenden Erfolge aufrechtzuerhalten, wenn die Deutschen in Frankreich in der Abwehr verharrten und namhafte Verstärkungen gegen Rußland warfen. Ihm schwebte das Ziel einer im größten Stile auszuführenden doppelten Umfassung der russischen Massen vor, die in riesiger Breitenausdehnung noch im Weichselbogen und in Westgalizien hielten2).

Zunächst schrieb die k. u. k. Heeresleitung am 18. der Armeeabteilung Woyrsch vor, im Anschlüsse an den längs der Pilica vorstoßenden Südflügel Mackensens die Front Odrzywół—Koósk—Cmińsk zu gewinnen,

x) Reichsarchiv, VI, 311 f.

2) Conrad, V, 808f.

aus der sie dann im Vereine mit dem linken Nachbar, dessen Vorgehen sich Conrad über die Bahnlinie Skierniewice—Warschau nach Südosten dachte, die Umfassung des Feindes von Norden anzustreben hatte. Die Armee Dankl sollte mit dem rechten Flügel die Weichsel entlang Vordringen und bereit sein, auch südlich des Flusses einzugreifen1). Dort stockte am 17. bei der Erzherzogsarmee plötzlich der Gang der Verfolgung, An ihrer ganzen Front kam es zu erbitterten Kämpfen, die einen neuen Abschnitt des Feldzuges einleiteten.

Die letzten Kämpfe des Kriegsjahres 1914

Die Ereignisse südlich der Weichsel

Bildung der neuen russischen Front.

Die österreichisch-ungarischen Maßnahmen am 17. Dezember

HiezuBeilage27 von Bd.I

Auch in der zweiten Dezemberhälfte spielten sich die für den Krieg im Osten bedeutungsvolleren Vorgänge südlich der Weichsel ab; sie standen unter der Nachwirkung der Schlacht bei Limanowa-Łapanów.

Auf feindlicher Seite war die Ausführung der Befehle Iwanows vom 13. für den Rückzug und die Umgruppierung der 3. und der 8. Armee (S. 36) in vollem Gange. Von den gegen den Erzherzog Joseph Ferdinand und den Westflügel der Armee Boroević angesetzten Kräften eilte der Nordflügel Dimitriews (halbes XI. und IX. Korps) an den unteren Dunajec zurück, das XXI. und das halbe XI. Korps in den Raum bei Tuchów und das X. gegen Dębica. Brussilow zog seine unmittelbar an der westgalizischen Schlacht beteiligten Armeekörper mit Gewaltmärschen in die neue, gegen Süden gekehrte Front. So berief er die 10. KD. von ihrer aussichtsreichen Unternehmung im Kamienicatal (Bd. I, S. 791 f) ab, um die Verbindung zwischen dem XXIV. und dem XII. Korps herzustellen ; dieses hatte zur Deckung von Przemyśl eine Flankenstellung östlich von Krosno-Rymanów einzunehmen, jenes in den Abschnitt Jodłowa— Brzostek und das VIII. als Armeereserve an die Linie Rzeszów—Krosno zu gelangen. Endlich wies Brussilow die 11. Armee an, eine Division zur

1) Es war der gleiche Vormarschplan, wie ihn Conrad zu Beginn des Monats Oktober der 1. Armee vorgeschrieben hatte (Bd. I, 358).

Vertreibung des Gegners aus Sanok über diese Stadt gegen Rymanów zu entsenden. Zweifellos lag das Schwergewicht der gegen die Armee Boroević gewendeten Russenfront im Abschnitte zwischen der Biała und Wisłoka; denn der Feind hatte auch ein Aufrollen der am Dunajec westwärts gekehrten Stellungen zu verhüten. Die von der russischen 9. Armee abgezweigten beiden Divisionen rückten über die Weichsel; die 61. RD. erhielt die Bestimmung als Reserve für die 3. Armee, während die 70. RD. mit dem halben XI. Korps im Raume östlich von Tuchów links vom XXI, das komb. Korps des Generals Sacharow zu bilden hatteJ).

Unablässig war GdI. Boroević bestrebt, seinen Ostflügel zu verstärken. Er plante, das IX. Korps aus der Front zu ziehen und über Krosno gegen Sanok abrücken zu lassen. Dadurch wäre es möglich gewesen, das ganze X.Korps (S. 40) im Ungtale auszuladen und mit ihm sowie mit der wieder zu unterstellenden Gruppe Csermák zu weitausholender Rechtsumfassung der Russen über Turka vorzugehen. Der Armeebefehl vom 17. abends trug dieser Absicht bereits Rechnung. Die Direktionen für den Westflügel (VI. Korps und Gruppe Szurmay) gegen Tarnów und östlich davon blieben im allgemeinen aufrecht, nur sollte der FML. Kornhaber wieder zu Szurmay, dagegen die 11. LstTerrBrig. über Gromnik und Biecz in den Verband des IX. Korps treten. Dieses wurde angewiesen, die Verfolgung einzustellen und vorerst als Armeereserve nach Jasło zu marschieren. Auch die Vorrückungsziele für das

III. Korps — Pilzno und Dębica — blieben ungeändert; eine gemischte Abteilung war über Frysztak in den Rücken des dem VII. gegenüberstehenden Feindes zu werfen. Dieses Korps hatte mit der 17. ID. gegen Frysztak, mit der 20. HID. und der 5. HKD. auf Lutcza-Domaradz anzugreifen. Von den Reiterdivisionen sollten die 4. KD. zum IX. und die

10. KD. zum VII. Korps gelangen. Endlich wurde Krautwald, dessen Mißgeschick noch nicht bekannt war (S. 42), aufgefordert, sich in der Gegend Sanok—Lisko zu behaupten.

Unterdessen hatte sich das AOK. entschlossen, dem GdI. Boroević auch das XVIII. Korps der 4. Armee zur Verfügung zu stellen; im Paralleltransport sollten das ganze X. gegen Mezölaborcz, das XVIII. ins obere Ungtal herangebracht werden.

Bald nachdem von Bartfeld die vorerwähnten Befehle abgegangen waren, langte dort wie auch bei allen anderen Armeekmdos. ein zu!) Nesnamow, III, 22 £ und Memoires du General Broussilov, Guerre 1914—1918 (in französischer Sprache, Paris 1929), 102.

sammenfassender Heeresbefehl aus Teschen ein. Das AOK.1) billigte die von Boroević in Aussicht genommene Verschiebung nach Osten, doch sollte das VI. Korps nach Erreichung des Raumes bei Tarnów wieder der 4. Armee unterstellt werden. Erzherzog Joseph Ferdinand hatte mit starkem rechten Flügel auf der großen Straße Tarnów—Pilzno—Dębica und nördlich von ihr vorzugehen, die 3. Armee mit ihren linken Flügelgruppen gegen Ropczyce-Rzeszów zu verfolgen. Dem Feinde müsse ein Festsetzen an der unteren Wisłoka durch wirksame Bedrohung seiner Rückzugslinie verwehrt werden. Hielt er die Sanlinie, so sollte Boroević mit dem X. und dem XVIII. Korps zu tiefer Umfassung ausholen.

Kaum hatte der Draht diese Befehle von Teschen weiterbefördert, als dort die Nachricht einlief, daß die vorerwähnten zwei russischen Divisionen — die 61. und die 70. — bei Nowy Korczyn über die Weichsel gegangen wären und den Marsch nach Süden fortsetzten. Darauf wurde das 3. Armeekmdo. angewiesen, mit der beabsichtigten Kräfteverschiebung zu warten, bis der Erzherzog Joseph Ferdinand die Biała-Dunajec-linie auch unterhalb von Tarnów überschritten hatte und das sofortige Eingreifen eines starken Westflügels der 3. Armee nicht mehr geboten war.

Während der nunmehr beginnenden neuen Phase der Operationen wurde die Auswertung des Schlachtsieges bei Limanowa-Łapanów durch die Ungunst der Witterung beeinträchtigt. Die Regengüsse der letzten Tage hatten den Boden durchweicht, die Naturwege waren grundlos geworden, so daß die Artillerie nur unter unsäglichen Schwierigkeiten in Stellung gehen konnte.

Kämpfe bei 'Carnów und, am Dunajec (18. bis 20. Dezember)

Hiezu Beilage 27 von Bd. I und Beilage 2

Die am 17. von der Erzherzogsarmee im westlichen Anland des mittleren und unteren Dunajec geführten Gefechte hatten dargetan, daß sich der Russe durchaus nicht beeilte, hinter den Fluß zu kommen; bei der Gruppe Roth erlitt die deutsche 47. RD. einen empfindlichen Rückschlag

L) Der Heeresbefehl wurde mit Maßnahmen zur Ordnung der Verbände eingeleitet. Insbesonders sollte die 86. SchBrig. vom 4. Armeekmdo. nicht über Tarnów hinaus mitgenommen werden, weil sie ihrem XVIII. Korps nachzufahren hatte, auch war die komb. IBrig. GM. Reymann des II.Korps (IR. 81, bh. IR. 1 und vier Batterien) von der 4. an die 1. Armee zurückzugeben.

II    4

und verlor etwa 600 Mann an Gefangenen1). Beim 4. Armeekmdo. sowie auch in Teschen bestand die Auffassung, daß man sich zunächst des Raumes bei Tarnów bemächtigen müsse, worauf der feindlichen Dunajec-verteidigung durch einen Stoß gegen Norden beizukommen sei. Im übrigen befahl das 4. Armeekmdo. für den 18., den Russen scharf nachzudrängen, ohne sich in vereinzelte und verlustreiche Angriffe einzulassen. Den südlich von Zakliczyn versammelten beiden Reiterdivisionen wurden weite Vorrückungsziele gesteckt: der 6. KD. Przecław und der ll.HKD. Dąbrowa. Das XVIII. Korps (ohne die 86. SchBrig., die der Gruppe Roth folgte) war bereits im Abmarsche nach Krakau.

Überraschenderweise sah sich die 4. Armee auch am 18. auf dem wesüichen Dunajecufer zu ernsten Kämpfen genötigt, in denen es ihr nicht gelang, den Feind zu werfen. Hartnäckig stemmte sich dieser, den Fluß unmittelbar im Rücken, in einzelnen stark besetzten Dörfern gegen den Verfolger, offenbar um sich durch Brückenköpfe auf dem linken Ufer eine neuerliche Offensive zu erleichtern.

Das 4. Armeekmdo. verlegte sein Hauptquartier von Myślenice in das Schloß Okocim bei Brzesko. Für den Stoß gegen Tarnów kam besonders das VI. Korps in Betracht, das bereits am 17. zwischen Dunajec und Biała gegen Norden angesetzt worden war, jedoch tatsächlich dem GdI. Boroević unterstand. In Anbetracht der Lage mußte diesem Korps trotzdem aufgetragen werden, im Mündungswinkel der Biała und wenn möglich auch östlich von diesem Flusse mit ausreichenden Kräften gegen Tarnów vorzudringen. Die 6. KD., die ohnedies die geschlossene Russenfront nicht zu durchbrechen vermocht hätte, wurde für Unternehmungen gegen die Flanke und den Rücken des Feindes dem FML. Arz unterstellt. FML. Roth erhielt aufs neue die Weisung, verlustvolle Stirnangriffe zu vermeiden; auch schenkte das 4. Armeekmdo. einem Vorschläge Křiteks kein Gehör, der auf die Nachricht von dem Vormarsche der zwei russischen Divisionen über die Weichsel gegen Süden den unteren Dunajec überschreiten wollte.

All dies lag vollkommen im Sinne des AOK. Im Laufe des 18. neigte man in Teschen nun doch der Auffassung zu, daß der Feind es von neuem auf entscheidende Kämpfe ankommen lassen werde, umsomehr, als gleichzeitig die Offensive der 3. Armee zu stocken begann. Der 4. Armee wurde daher am Abende des 18. befohlen, von einer Bezwingung des Dunajec Abstand zu nehmen, sich an diesem Flusse und an der Biała zur Abwehr einzurichten und ihren rechten Flügel für den bevorstehenden Stoß gegen

Tarnów stark zu halten. Hiedurch sollte es auch der 3. Armee ermöglicht werden, ihre gelichteten Verbände gegen Osten zusammenzuschieben. Die Festung Krakau wurde angewiesen, an den Erzherzog zwei 30.5 cm-Mörser-, vier 15 cm-Haubitz- und zwei 12cm-Kanonenbatterien abzugeben.

Während die Verfolgungsoperationen der 1. Armee und der Armeeabteilung Woyrsch an der Nida, an der Czarna und im Pilicabogen südlich von Tomaszów zum Stillstände kamen, versteifte sich am 19. der russische Widerstand auch südlich von der Weichsel.

Allerdings räumte der Feind in der Nacht vor dem Nordflügel der

4. Armee das Westufer des unteren Dunajec, wo sich die Truppen Křiteks sofort festsetzten, aber alle Bemühungen der Gruppe Ljubicić und des Nordflügels der Gruppe Roth, sich der noch immer von den Russen gehaltenen Ortschaften diesseits des Flusses zu bemächtigen, schlugen fehl.

FML. Roth wollte dem VI. Korps, das sich im Bialamündungswinkel festgerannt hatte, durch einen Stirnangriff der 13.SchD. über den Dunajec gegen Tarnów Luft schaffen; doch der Erzherzog untersagte das immerhin gewagte Unternehmen. Inzwischen hatte man sowohl in Teschen als auch in Okocim erkannt, daß der Einsatz des Korps Arz in dem sich zwischen den beiden Wasserläufen verengenden Raume unmöglich zur raschen Gewinnung von Tarnów führen konnte. Das AOK. befahl daher, das VI. Korps durch Teile der Gruppe Roth abzulösen, woraufhin Arz auf dem östlichen Bialaufer gegen die Stadt vorgehen sollte.

Am späten Nachmittag überschritt FML. Schmidt-Georgenegg, der Führer der 43. SchD., mit der 86. SchBrig. und dem Gros der komb. IBrig. Reymann den Dunajec auf einer Kriegsbrücke unweit von Wojnicz, um den Gefechtsabschnitt des VI. Korps zu übernehmen. Zu spät traf der Befehl des AOK. ein, der den sofortigen Abtransport der 86. SchBrig. zum XVIII. Korps verfügte, während die komb. IBrig. ohnedies der 1. Armee zurückgegeben werden sollte.

In Teschen vermutete man, daß die Russen dem Erzherzog gegenüber nur ein Mindestmaß an Kräften belassen, sich aber mit der Masse der Armeen Dimitriew und Brussilow auf Boroević werfen würden. Da sonach die 3. Armee bis zum Eintreffen des X. und des XVIII. Korps einen schweren Stand haben mußte, wurde noch angeordnet, daß ihr von der 4. das XI. Korps (11. und 30. ID.) zuzuführen sei, weiters hatte die 11. HKD. unverzüglich nach Osten abzureiten und schließlich wurde noch das SchR. 5 (zwei Bataillone) der Sicherheitsbesatzung von Pola mit der Bahn zu Boroević herangezogen.

Die Erzherzogsarmee konnte ihren Wunsch, die Herrschaft über das

ganze linke Dunajecufer zu erlangen, auch am 20. nicht verwirklichen; zäh behaupteten sich die Russennester vor ihrer Mitte.

Zu einem Zusammenwirken mit der 1. Armee war es bisher nicht gekommen. GdK. Dankl hatte zwar schon am 19. abends die Verschiebung der 14. ID. des V. Korps an seinen rechten Flügel eingeleitet, um mit ihr und der Landsturmgruppe GM. Kletter durch einen Vorstoß zwischen der Dunajec- und der Nidamündung der Gruppe Křitek vorwärts zu helfen. Als man aber am nächsten Tage im Hauptquartier zu Miechów den Eindruck gewann, daß sich an der Nida von ihrer Mündung bis Chęciny nur fünf bis sechs russische Divisionen festgesetzt hatten, die übrigen Kräfte aber nach Kielce zum Abtransport gegen Norden zurückgingen, beschloß Dankl, am 21. vorerst an der Nida anzugreifen und durch die Eroberung von Nowy Korczyn die von den Russen hergestellten Weichselbrücken (S.49) zu bedrohen.

Bei der 4. Armee begann das XI. Korps sich in der Nacht auf den

21. aus der Front zu lösen. Die Armee bestand nur noch aus den beiden großen Gruppen Roth und Křitek1).

Das Stocken der Offensive der 3. Armee (18. bis 20. Dezember)

GdI. Boroević war unterdessen bestrebt gewesen, rasch gegen Norden Raum zu gewinnen. Die Ungunst der Verhältnisse, namentlich die große Frontausdehnung, verwehrte ihm aber, schon jetzt mit starkem rechten Flügel entscheidend zu wirken. Dort wies Krautwald am 18. einen russischen Vorstoß ab und sandte am nächsten Tage auf Befehl des

3. Armeekmdos. zur Unterstützung seines in krisenhafter Lage befindlichen linken Nachbarn außer dem Detachement Mjr. Zeiss (S. 43), das aber noch westlich von Sanok mit feindlicher Infanterie und Kavallerie zu kämpfen hatte, die 1. KD. nach Bukowsko ab.

Das VII. Korps stand in schwerem Kampfe mit dem feindlichen XII., dem offenbar Verstärkungen zugekommen waren. Als Erzherzog Joseph um Unterstützung bat, konnte ihm Boroević nur empfehlen, die

5. HKD. sowie die auf ihrem Marsche nach Osten südlich von Jasło eintreffende 10. KD. gegen den linken Flügel des Feindes einzusetzen; das Korps müsse aber Krosno zum Schutze der östlichen Armeeflanke unbedingt festhalten. Am 19. vormittags nahm der linke Flügel der 20. HID.

*) Die Polenlegion Piłsudski, die nach der Schlacht bei Limanowa-Łapanów in das Erholungsquartier Neusandez gelegt worden war, wurde nach Zakliczyn herangezogen.

die Waldhöhen nördlich von Odrzykoá; doch drängte der Russe am Nachmittag die Angreifer an einzelnen Stellen zurück. Außerdem wurde das Vorgehen der 10. KD. und der 5. HKD. gegen die feindliche Ostflanke durch die Nachricht vom Eintreffen russischer Verstärkungen im Raume östlich von Brzozów alsbald gehemmt.

Vergeblich bemühte sich das III. Korps, den Widerstand des Feindes bei Brzostek und bei Jodłowa, wo die 6. ID. eingriff, zu brechen. Um einer Vergrößerung der Lücke zwischen dem III. und dem zurückhängenden VII. Korps vorzubeugen, befahl Boroević dem GdI. Colerus, den erreichten Raum vorläufig festzuhalten und eine starke Reserve rechts zu staffeln. Die trotzdem am 19. unternommenen Versuche, gegen Brzostek Boden zu gewinnen und gleichzeitig die Höhen nördlich von Jodłowa zu behaupten, waren nicht von Erfolg begleitet.

Das IX. Korps erreichte am 18. in flottem Vorgehen die Gegend bei Ryglice und schob seine Vorhuten bis an die vom Feinde besetzten Höhen nördlich vom Orte heran. Die komb. HID. Kornhaber, die Anschluß an den linken Korpsflügel gewonnen hatte, und die 26. SchD. erstritten am 19. die Hügel nördlich von Ryglice, stießen aber dann auf eine unbezwingbare Stellung. Die 10. ID. wurde mit voller Wucht vom Feinde gepackt und zurückgeworfen. Szurmay eroberte im Anschlüsse an das

VI. Korps am 19. vormittags mit der 38. HID. und der 11. LstTerrBrig. die Höhen nordöstlich von Tuchów, hatte aber dann mit den entgegenstürmenden Russen hart zu ringen.

In Teschen und Bartfeld hoffte man, die an einem toten Punkte angelangte Offensive der 3. Armee nach der Durchführung der angeordneten Verschiebungen und nach dem Eintreffen des X. und des XVIII. Korps wieder in Schwung zu bringen. Unter dem Schutze der Gruppen FML. Krautwald und Obst. Csermák hatten sich vom X. Korps die 24. ID. an der Straße Mezölaborcz—Sanok und im Osławicatale, Spitze in Komańcza, die 2. ID. dahinter bei Vidrány und im Laborczatale, das XVIII. Korps im Ungtale mit dem Anfang bei Csontos zu versammeln. Indes konnte die erste Staffel dieser Verstärkungen nicht vor dem 22. Dezember auf dem Ostflügel der 3. Armee wirksam werden und Boroević war bis dahin auf seine schon arg zusammengeschmolzenen Verbände angewiesen. Da der Armeeführer an einem Erfolge bei Tarnów zweifelte und überhaupt der Vertreibung der Russen von der Dunajeclinie nur untergeordnete Bedeutung beimaß, trat er am 20. vormittags mit einem neuen Vorschläge an das AOK. heran. Um die Aktion seines Ostflügels entscheidend zu gestalten, wollte er hier acht bis neun Infanterie- und fünf Kavalleriedivisionen versammeln1). Vier von den Reiterdivisionen (4. und 10. KD., 5. und ll.HKD.) sollten anfangs dem VII. Korps als Verstärkung zugewiesen werden; dabei schwebte Boroević ihre spätere Verwendung als großer Kavalleriekörper in der Richtung auf Przemyśl vor. Die Heeresleitung genehmigte den Abmarsch des VI. und des XI. Korps nach Osten, die ll.HKD. war ohnedies bereits zum Seitenmarsch ange-gewiesen. Die 4. Armee und der Westflügel der 3. hatten, wenn nicht die Russen abzogen, in der Abwehr zu verharren, bis der Stoßflügel des GdI. Boroević angriffsbereit war.

Die Vorgänge südlich von der Weichsel trugen aber auch am 20. weder bei der 4. noch bei der 3. Armee dazu bei, die Absichten des Feindes ganz aufzuhellen. Auf dem rechten Flügel der 3. Armee konnte das VII. Korps den zermürbenden Kämpfen bei Krosno keine entscheidende Wendung verleihen. Die 17. ID. mußte ein Stück Gelände preisgeben, worauf die 4. KD., als willkommene Unterstützung begrüßt, auf dem linken Flügel ins Gefecht trat. Die Schützenlinien der mit der Front gegen Nordosten fechtenden 20. HID. wurden durch die 5.HKD. verlängert, während sich die 10. KD. im Vordringen über Besko gegen Brzozów bald überlegenen Kräften gegenüber sah.

Auch beim III. und beim IX. Korps sowie bei der Gruppe des FML. Arz, dem Szurmay und Kornhaber vorübergehend unterstellt wurden, dauerte der Abwehrkampf an. Anfänglich hatte die 6. ID. Erfolge gegen Jodłowa aufzuweisen; doch warf sie ein russischer Gegenstoß wieder zurück, so daß der rechte Flügel des IX. Korps zur Hakenbildung genötigt wurde. Bei diesem Korps zählten die 10. ID. 1400, die 26. SchD. nur noch 1000 Feuergewehre.

Die Besprechung in Oppeln (19. Dezember)

Hiezu Beilage 27 von Bd. I sowie Beilagen 2 und 3

Am 17. Dezember, als der russische Rückzug vor der ganzen deutschen 9. Armee gemeldet wurde, war bei einer Besprechung in Berlin zwischen Falkenhayn, dem deutschen Reichskanzler und Ludendorff festgelegt worden, daß der Angriff bis zur Gewinnung der mittleren Weichsel

L) Der damalige Chef der Operationsabteilung des 3. Armeekmdos., GM. Anton Ritt. v. Pitreich, teilt mit, daß ursprünglich ein Stoß mit sieben Divisionen in der Richtung auf Stary Sambor geplant war (Schreiben vom 17. Mai 1929).

fortgesetzt werden müsse 3). Tags darauf teilte in Teschen der deutsche bevollmächtigte General v. Freytag-Loringhoven dem k.u.k. Chef des Generalstabes mit, Falkenhayn schlage eine Zusammenkunft vor, um die weiteren Ziele zu vereinbaren, „der Winter käme immer näher, wir werden nicht ewig kämpfen“ 4). Am 19. trafen sich die beiden Generalstabschefs auf dem Bahnhofe in Oppeln5).

Gleich zu Beginn des Gespräches zeigte sich der Gegensatz der Anschauungen über die Führung des Krieges im Osten. Daher konnte auch die Frage, was zu unternehmen sei, wenn die Russen den Weichselbogen und Galizien bis zum San räumen sollten, keiner befriedigenden Lösung zugeführt werden. Nach Falkenhayns Ansicht hätte man sich in diesem Falle damit zu begnügen gehabt, auf dem linken Weichselufer in Polen eine „chinesische Mauer“ aufzurichten, an der jeder feindliche Vorstoß zerschellen würde. War man einmal so weit, dann wollte der General ehestmöglich starke Kräfte vom deutschen Ostheere abziehen und mit diesen Verstärkungen Anfang Februar zu einer entscheidenden Offensive in Frankreich schreiten.

Das widersprach den Gedankengängen Conrads; er beharrte darauf, daß der Russe durch umfassenden Angriff beider Flügel geschlagen werden müsse, sei es westlich oder östlich von der Weichsel. Im zweiten Falle wäre die Hauptkraft des deutschen Ostheeres über den Narew auf Siedlec vorzuführen, wie dies schon für den Kriegsbeginn, leider vergeblich, geplant gewesen sei. Die Möglichkeit sei vorhanden, die Russen niederzuwerfen. Gelänge dies, dann würde auch Frankreich zusammenbrechen und der Balkan ohne seinen zaristischen Beschützer zur Ohnmacht verurteilt sein.

Falkenhayn teilte diese Auffassung nicht. Die Russen könnten sich, meinte er, durch Zurückweichen einem Schlage stets entziehen; dann käme es weder im Osten noch im Westen zu einer günstigen Entscheidung. Übrigens werde der Widerstand der Franzosen durch die Briten gesteift. Die vorgeschlagene Operation über Siedlec erfordere ansehnliche Kräfte, weil auch die russische 10. Armee in Ostpreußen abgehalten werden müsse. Wie stünde es unterdessen im Westen? Würde dort die deutsche Front durchbrochen, so nützten alle Siege gegen Rußland nichts. Überhaupt hänge die ganze weitere Beschlußfassung auch von dem Zu-

Stande des über die Weichsel zurückgedrängten Zarenheeres ab. Immerhin sagte der deutsche Generalstabschef seinem Kollegen zu, dem Ostheere nicht früher Kräfte zu entziehen, bis die in Breslau beschlossene erste Etappe der Operation erreicht war.

Conrad meinte, wenn man die Russen über die Weichsel geworfen habe, ohne daß die Offensive weitergeführt werde, so wären im Strombogen je fünf deutsche und öst.-ung. Korps zu belassen, die aber nicht in einer „ununterbrochenen Schützenlinie“ aufgestellt werden sollten, sondern nur mit Vortruppen in gut befestigten Linien, die Massen hingegen im Staffelverhältnis an beiden Flügeln. Dieser Vorschlag beleuchtete die berechtigte Abneigung Conrads gegen den Stellungskordon mit seiner gleichmäßigen Kräfteverteilung. In der Folge gelang es freilich weder ihm noch einem anderen Heerführer, sich von den Fesseln des Stellungskrieges frei zu machen.

Zu einem Beschlüsse über diese Frage kam es in Oppeln nicht1). Auch über die Verwaltung der okkupierten Teile Polens wurde gesprochen. Falkenhayn glaubte, daß die Truppenbereiche die Grenze zu bilden hätten, überdies aber die Kreise von Bendzin und Czenstochau in deutscher Verwaltung zu belassen wären. Eine Einigung konnte nicht erzielt werden2).

Die k.u.k. Heeresleitung gab nunmehr am 20. Dezember spät abends zur Fortführung der Operationen Richtlinien aus. Das Hauptgewicht wurde nach wie vor auf die beiderseitige Umfassung des russischen Heeres gelegt, von Norden her durch die deutsche 9. Armee, die sich hiezu den Ausgangsraum wohl erst erkämpfen mußte, und von Süden her durch die 3. Armee. Erzherzog Joseph Ferdinand, Dankl und Woyrsch hatten sich vorläufig zu behaupten und nur anzugreifen, wenn der Feind vor ihnen Kräfte abzog. Wieder dachte Conrad daran, den rechten Flügel der

3. Armee, wenn sich die Lage günstig entwickelte, auf einer weiter östlich gelegenen Linie vorrücken zu lassen, um Przemyśl zu entsetzen und damit eine verläßliche Karpathensicherung zu erreichen. Noch immer blieb aber das AOK. im ungewissen, ob die Russen auf ihrem vermeintlichen Rückzuge hinter den San nicht doch nur vorübergehend Front machten3). In einem tags darauf an den Minister des Äußern gerichteten Schreiben4)

x) In Oppeln wurde auch über die Besetzung des Negotiner Kreises in Serbien verhandelt, wodurch die Munitionsversorgung der Türkei sichergestellt werden sollte.

2)    Es handelte sich vornehmlich um das Kohlen- und Industriebecken von Bend-zin-Dąbrowa. Am 10. Januar 1915 wurde in Posen von den Verbündeten beschlossen, dieses Gebiet zu teilen, um eine beiderseitige Auswertung zu ermöglichen.

3)    Conrad, V, 832.

4)    Ebenda, V, 852 ff.

schilderte der Chef des Generalstabes die Gesamtlage in nicht erfreulichem Lichte. „Alle Kriegführenden sind einander gegenüber festgefahren, so daß die Lage eine stationäre ist, woran die täglichen lokalen Kämpfe wenig ändern ..Er halte einen Erfolg nur im Raume östlich von Tomaszów möglich, wozu aber der Einsatz von mindestens sechs deutschen Divisionen erforderlich sei.

Während GdI. Conrad auf diese Weise den Feldzug bis zur Niederwerfung des feindlichen Heeres fortführen wollte, sann man im russischen Lager über neue Pläne, um den Entscheidungskampf westlich von der Weichsel und dem San wieder aufnehmen zu können.

Gen. Rußki hielt seine Armeen nicht mehr für stark genug, den Angriffen der Deutschen hinter der Rawka und der Bzura standzuhalten und wollte daher bis in die „Warschauer Vorstellung“ zwischen Nowo Georgiewsk und Góra Kalwar ja zurückgehen1), wobei er überdies von der Sorge um den schon immer erwarteten Vorstoß des Gegners von Mława her erfüllt war. Das deutsche Korps Graudenz hatte die auf dem rechten Weichselufer operierenden Flügelgruppen der russischen 1. Armee anfangs Dezember wieder auf Sierpc, Ciechanów und Przasnysz zurückgedrückt, mußte jedoch in der Monatsmitte infolge des Eingreifens von russischen Verstärkungen abermals gegen die westpreußische Südgrenze ausweichen. Aber Rußki hatte in diesen Tagen alle Zuversicht verloren, denn die Offensive seiner 10. Armee war in Ostpreußen an der Angerapp und an den Masurischen Seen festgelaufen, auch traute er seinen Streitkräften in Polen keine Kampfkraft zu, ehe ihre Gefechtsstände wieder aufgefüllt waren.

Dagegen wollte der Großfürst-Generalissimus seinen großen Einbruchsplan nach Deutschland noch immer nicht aufgeben. Er bemühte sich, die Lage der Nordwestfront durch einen Gegenschlag mit den an der Pilica und Bzura versammelten Armeen — 4., 5., 1. — wiederherzustellen. Ohne Iwanows Einspruch zu beachten, ordnete er am 16. Dezember die Verlegung der Garde von der 9. Armee in die Gegend von Siedlec an, wo sie zur Verfügung der Stawka zu stehen hatte. Ende Dezember sollte zu dieser Reserve noch das IV. sib. Korps hinzutreten. Außerdem schob er die 3. turk. SchBrig. von Brest-Litowsk mit der Bahn nach Warschau zur Verstärkung der Nordwestfront heran. Trotzdem bestand Rußki am 17. auf dem weiteren Rückzug. Gab ihm nun das Höchstkmdo. nach und gingen die Nordwestarmeen auf Warschau zurück, dann riß der Zusammenhang der beiden Heeresfronten und Iwanow wäre genötigt

gewesen, die Nidalinie preiszugeben sowie mit der 4. und der 9. Armee gegen Iwangorod zu weichen. Er erhob daher beim Großfürsten eindringliche Gegenvorstellungen, denn die Behauptung der Nida zur Deckung der Flanke der galizischen Armeen war die Voraussetzung für die Aufnahme des Entscheidungskampfes gegen das öst.-ung. Heer. Und abermals siegte Iwanow im Meinungsstreite der beiden Frontbefehlshaber. Nikolai Nikolajewitsch wies Rußki an, mit der 2. und der 5. Armee an der unteren Bzura stehen zu bleiben, während der 4. und der 9. befohlen wurde, die Linie Lubocz (an der Pilica westlich von Nowe Miasto)—Opoczno—Radoszyce, die Łososina und die Nida zu behaupten, wobei die rechte Flanke der

4. Armee zugleich durch einen kräftigen Gegenstoß gesichert werden sollte.

Beginn der russischen Gegenoffensive in Galizien (21. bis 24. Dezember)

Hiezu Beilage 27 von Bd. I und Beilage 3

Der 21. Dezember wurde zum Wendepunkt für die Operationen südlich der Weichsel. Bisher konnten die Angriffssäulen des GdI. Boroević nach Überschreitung des Hauptkammes der Karpathen nur auf dem Westflügel zusammenhängende, wenn auch dünne Gefechtsfronten bilden, dagegen bewegten sich die einzelnen Gruppen der Armeemitte und namentlich des Ostflügels nur in ziemlich loser gegenseitiger Fühlung. In dem Maße, als Iwanow allmählich seinen Abwehrwall gegen Süden neu errichtete, erwies sich die Kampfkraft der k.u.k. 3. Armee nicht mehr ausreichend, um den entscheidenden Nordstoß fortzuführen. Am 21. begannen die Russen ihre Gegenoffensive, und zwar das XXI. Korps im Mündungswinkel der Biała, das komb. Korps Sacharow auf Gromnik— Biecz, anschließend daran das X. bis Jodłowa und das XXIV. sowie das XII. bei Jasło und im Abschnitt östlich davon. Gegenüber der Erzherzogsarmee hatte Gen. Schtscherbatschew die Dunajeclinie zu behaupten1).

Aber auch hier kam es am 21. zu heftigen Kämpfen, denn dieser russische Führer wollte seine Aufgabe in offensivem Sinne lösen. Er warf etwa drei Bataillone nördlich von Radiów über den Fluß, stieß aber hier auf den erfolgreichen Gegenangriff von Křiteks 82.HIBrig. Da ihm die Auslösung des k.u.k. XI.Korps nicht entging, ließ er seine 5.ID. gegen

1) Über das VIII. Korps fehlen bei Nesnamow, III, 23 f Angaben. Auch die von Brussilow beabsichtigte Verwendung (S. 47) scheint abgeändert worden zu sein. Vermutlich rückte es aus seinem Versammlungsraum bei Pilzno zwischen Wisłoka und Wisłok vor, denn später tauchte es im Raume bei Jasło zwischen dem X. und dem XXIV., mit einer Division auch bei Dukla auf.

Radiów und südlich davon losstürmen und brachte die 8. und die 3.ID. der Gruppe Fabini vorübergehend ins Wanken. Auch die 47. RD. hatte sich seiner Angriffe zu erwehren. FZM. Ljubicić trat wohl mit der

11. ID. unbehelligt den Abmarsch nach Süden an; doch verzögerte sich unter dem heftigen russischen Feuer die Ablösung der 30. ID., so daß die 88. KSchBrig. für alle Fälle bei Radiów angehalten werden mußte. Trotz des am 22. weitertobenden Kampfes festigte sich aber doch die öst.-ung. Front und die Kaiserschützen konnten am Nachmittag ihrem Korps nachrücken.

Heißer wogte der Kampf im Bialamündungswinkel. Nach Ablösung des VI. Korps (45. SchD. und 39.HID.) durch die Gruppe FML. Schmidt-Georgenegg (86. SchBrig. und Teile der komb. IBrig. Reymann) stürzten sich die Russen mit voller Wucht auf ihren neuen Gegner und drängten ihn ein Stück zurück. In aller Eile wurde eine Brigade der 6. KD., die Polenlegion und der Rest der komb. IBrig. Reymann zu Hilfe gesandt. Beim 4. Armeekmdo. plante man, Schmidt äußerstenfalls auf die westlichen Uferhöhen des Dunajec zwischen Zakliczyn und Wojnicz zurückzunehmen und das zunächst zur Hand befindliche XI. Korps, rechts von Schmidt, umfassend in den Kampf eingreifen zu lassen.

Auch in Teschen wurden die Ereignisse an der Nahtstelle der 3. und der 4. Armee aufmerksam verfolgt. Erzherzog Joseph Ferdinand wurde am 22. mittags beauftragt, im Einvernehmen mit Boroević einen russischen Durchbruch zu verhüten und zu diesem Zwecke selbst anzugreifen. Das 4. Armeekmdo. übertrug dem FZM. Ljubicić den Befehl im Abschnitte zwischen dem Dunajec und der Biała, wobei zu seinem XI. Korps außer der Gruppe Schmidt noch die 6. KD. zu treten hatte; Roth sollte mit seiner schweren Artillerie1) den Angriff des Feldzeugmeisters unterstützen. Hiedurch war aber jetzt das XI. Korps (6500 Feuergewehre) von seiner Bestimmung zur 3. Armee abgelenkt. Ljubicić verstärkte mit einer Brigade die in verlustreiches Ringen verstrickten Truppen Schmidts und stellte im Sinne einer vom AOK. gegebenen Anregung seine Hauptkraft in die Staffel rechts hinten für den umfassenden Angriff bereit.

Das VI. Korps (10.300 Feuergewehre) begann am 21. sofort nach seiner Ablösung unter dem Schutze der beiderseits von Tuchów kämpfenden Gruppe Szurmay den Abmarsch an den Ostflügel der 3. Armee, mußte aber eine gemischte Abteilung bei Szurmay zurücklassen. Am Morgen

x) Die schwere und mittlere Artillerie der Gruppe Roth, einschließlich der aus der Festung Krakau zugeschobenen, stand geteilt westlich von Wojnicz und bei Radłów.

dieses Tages drängten die Russen das IX. Korps auf die bewaldete Höhenkette südlich von Ryglice zurück, wodurch auch die komb. HID. Kornhaber genötigt war, ihren rechten Flügel abzubiegen. Um das geschwächte Korps zu unterstützen, hielt Boroević die im Marsch nach Osten bis Biecz gelangte ll.HKD. (S. 51) an und wies sie an die Befehle Králičeks.

Am 22. hatte sich Szurmay unter ansehnlichen Verlusten russischer Anstürme zu erwehren und auch das IX. Korps wurde wieder hart vom Feinde bedrängt. Im Hinblick auf seine zusammengeschmolzenen Stände und den ungünstigen Gefechtsverlauf beim benachbarten III. Korps nahm FML. Králiček den rechten Flügel, die 10. ID., auf die Höhen südlich von dem Straßenstück Olpiny—Olszyny zurück. Unterdessen marschierte das VI. Korps mit der 45. SchD. von Gromnik gegen Biecz und mit der 39.HID. von Ciężkowice gegen Zagórszany. Starker Gefechtslärm scholl von Norden herüber. Eben hatte sich FML. Arz entschlossen, die 45. SchD. zur Entlastung der 10. ID., in deren Reihen bereits die 11. HKD. focht, einzusetzen, als der Befehl des 3. Armeekmdos. einlangte, mit dem ganzen VI. Korps über Olszyny in die Flanke des Feindes zu stoßen. Die hiezu notwendige Gruppierung beanspruchte den Rest des Tages.

Auch das III.Korps, dessen drei Divisionen (6., 28.ID. und 22.SchD.) insgesamt 10.200 Feuergewehre zählten, mußte am 21. dem übermächtigen Drucke des Feindes nachgeben und zog während der Nacht in eine Stellung beiderseits von Jasło ab. Die 4. KD. trat aus dem Befehlsbereiche des

VII. Korps und schloß an den rechten Flügel des III. an.

Boroević sah nun alle seine Pläne durchkreuzt, weil die für die Rechtsverschiebung bestimmten Armeekörper in den Strudel der schweren Abwehrkämpfe seines Westflügels hineingezogen worden waren. Die 86.Sch-Brig. und das XI. Korps steckten zwischen der Biała und dem Dunajec; das VI. mußte dem IX. beispringen, dem schon die ll.HKD. zu Hilfe geeilt war. An eine Verwendung dieser Kräfte auf dem Ostflügel war vorläufig nicht zu denken. In Anpassung an die neue Lage und in Ausnützung der in der Not der Stunde entstandenen Gruppierung beschloß der Armeeführer nunmehr am 22. nachmittags, zwischen der Biała und der Wisłoka vorzustoßen und den Feind bei Tarnów kräftig anzupacken. In Teschen wurde dieser Plan gutgeheißen, die von Boroević geforderte Heranziehung des XI. Korps jedoch nicht bewilligt; dafür ordnete das AOK. an, daß sich die 4. Armee der neugeplanten Offensive nach Maßgabe ihres Fortschreitens anzuschließen habe; das Unternehmen des Ostflügels der 3. Armee war bis zum Herankommen des X. und des XVIII. Korps aufzuschieben.

Mittlerweile bildeten sich am 21. beim VII. Korps drei Kampfgruppen: links am weitesten voraus die 17. ID., die zwar auf Frysztak nicht durchzudringen, sich aber immerhin zu behaupten vermochte. In der Mitte mußten die 20. HID. und die 680 Reiter starke 5.HKD. in eine kürzere Front zurückgenommen werden. Zur Rechten vereinigte sich die 10. KD. in der Gegend bei Besko mit der von Krautwald zugeschobenen 1. KD. und dem Detachement Mjr. Zeiss. Der Erzherzog Joseph beabsichtigte, die 17. ID. angesichts der drohenden Umfassung des rechten Korpsflügels zur Sicherung des Duklapasses nach Süden zu verschieben; doch verlangte das 3. Armeekmdo. ein weiteres Ausharren und wies auf die binnen vierundzwanzig Stunden zu gewärtigende Einwirkung der 24. ID. des

X. Korps hin. Der Widerstandskraft des VII. Korps war aber am 22. wegen der unaufhörlichen Gefechte nicht mehr viel zuzumuten. Immer offenkundiger trat die Absicht des Feindes hervor, das Korps von seinen über den Duklapaß laufenden Verbindungen gegen Westen abzudrängen. Der Raum bei Krosno konnte nicht länger gehalten werden. Die 17. ID. ging westlich von der Stadt hinter die Jasiolka zurück, die 20. HID., in deren Linien die Russen eingebrochen waren, zog mit der 5. HKD. in der Nacht zum 23. gegen den Ort Dukla ab. Die rechte Flügelgruppe kämpfte tagsüber mit feindlichen Kräften, die aus östlicher und nordöstlicher Richtung anrückten x); sie wich schließlich aus der Gegend bei Rymanów nach Deszno zurück. Diese Geländepreisgabe war dem 3.Armeekmdo. höchst unerwünscht, denn das VII. bildete den Eckpfeiler für den Einsatz des X. Korps. Boroević mahnte zum Standhalten, worauf der Erzherzog Joseph die von GM. Peteani befehligte Gruppe bei Deszno (1. und 10. KD. sowie Detachement Mjr. Zeiss) anwies, am 23. wieder vorzugehen. Weiter östlich rückte FML. Krautwald am 22. auftragsgemäß aufs neue in der Richtung auf Lisko vor. Da der Feind Kräfte gegen das VII. Korps abgezweigt hatte und diese Verschiebungen noch andauerten, gewann Krautwalds Angriff rasch Boden. Nunmehr hing das Gelingen der Operation auf dem Ostflügel von der zweckmäßigen Verwendung der Truppen des X. und des XVIII. Korps ab, deren Antransport in vollem Gange war.

Während sich die Lage bei der 3. Armee zuspitzte, konnte bei der

4. und der 1. der neuerlich aufgenommene Plan eines gemeinschaftlichen Unternehmens der inneren Flügel wieder nicht verwirklicht werden. Die Gruppe Martiny (14. ID. und Landsturmgruppe FML. Kletter) wurde

x) Vermutlich waren es Teile der 60. RD., die von Sanok westwärts vordrangen, und die 2. komb. KD., die das Gefechtsfeld von Nordosten her betrat.

selbst knapp nördlich von der Weichsel von den Russen angegriffen und Křitek mußte alle verfügbaren Kräfte zur Beteiligung an den bei Radłów andauernden Kämpfen des linken Flügels der Gruppe Roth verwenden.

Die Bereitstellung des XI. Korps für den Gegenangriff (S. 59) verzögerte sich. Das 4. Armeekmdo. befahl auf Grund einer vom AOK. gegebenen Anregung, FZM. Ljubičič habe den Feind zuerst gegen Nord zurückzuwerfen, sodann den Stoß unter gleichzeitiger Rechtsschwenkung

— rechter Flügel gegen Pleśna — fortzuführen und die Russen über die Biała zu drängen. Roth sollte hierauf weiter unterhalb ebenfalls das Westufer gewinnen und seine schwere Artillerie östlich vom Dunajec gegen die entscheidende Gorskiehöhe ins Feuer bringen.

Demgemäß arbeiteten sich die Truppen des FZM. Ljubičič mühsam bis zum 24. nachmittags eine kleine Strecke vorwärts. Doch zu einer weiteren Ausführung des nicht ganz einfachen Gefechtsplanes kam es nicht. Gerade jetzt wich die Nachbargruppe Szurmay der 3. Armee aus ihrem westlich von Tuchów gelegenen Stellungsteile zurück und Ljubičič mußte unterstützend eingreifen. Schon tags vorher war diese Krise vorausgesehen worden, denn die 38. HID. hatte schwere Verluste erlitten und die Artilleriemunition ging zur Neige. Das 3. Armeekmdo. ermächtigte Szurmay auf seine Bitte hin, seine Truppen beiderseits der Biała etwa bis halben Weges zwischen Tuchów und Gromnik im engen Anschluß an die südlich von Ryglice stehende 26. SchD. zurückzunehmen. Diese Division wurde Szurmay am Abende des 23. unterstellt.

Das VI. Korps war (S. 60) vom FML. Arz zu einem Flankenstoß bereitgestellt worden, um die 10. ID. zu entlasten, worauf sich diese und die

6. ID. des III. Korps dem Angriffe anschließen sollten. Mit nordostwärts gewendeter Front drang das Korps Arz am 23. anfangs fließend mit dem rechten Flügel nördlich von Ołpiny, mit dem linken über den Dobrolyn vor. Als aber die Höhengruppe über den schützenden Bereich der 26. SchD. hinausgelangte, stürzten sich die Russen auf deren offene Flanke und drängten sie bis zu der erwähnten, die Umgegend beherrschenden Waldkuppe zurück. Die Gruppe FML. Králiček (jetzt 6. und 10. ID.) unterstützte Arz im harten, Wechsel vollen Gefechte; schließlich wurde aber die ihrem rechten Flügel angegliederte 43. SchBrig. des III. Korps von den weiter östlich spielenden Ereignissen in Mitleidenschaft gezogen und zur Bildung eines Abwehrhakens genötigt. Ein starker russischer Angriff gegen Jasło hatte nämlich den GdI. Colerus veranlaßt, in einem Zuge bis auf die Höhen beiderseits von Żmigród auszuweichen. Er begründete diesen Entschluß später damit, daß die 17. ID. des VII. Korps den Rück-

zug angetreten habe; der Feind konnte nunmehr seinen rechten Flügel (4. KD. und Teile der 28. ID.) von Nordosten her bedrohen, wodurch auch die Verbindung mit Żmigród aufs äußerste gefährdet gewesen sei.

Noch ohne Kenntnis der Gründe, die den Korpsführer zu einem Rückzuge auf beinahe einen Tagmarsch bestimmt hatten, befahl das 3. Armeekmdo., darüber ungehalten, für den nächsten Tag die Wiederherstellung der Front, die sowohl links zur Gruppe Králiček, als auch rechts zum VII. Korps bedenkliche Lücken aufwies.

Der Morgen des 24. brach an. Colerus schickte sich eben an, seine drei Infanteriebrigaden und die 4. KD. neuerlich in nordöstlicher Richtung vorzuführen, als frische, auf ein bis zwei Divisionen geschätzte feindliche Kräfte zwischen der Wisłoka und der Jasiołka vorbrachen und das

III. Korps zwangen, bis auf die Höhen südlich von Żmigród zurückzugehen. Es war ein Unglückstag. Statt den geplanten Flankenstoß zu führen, blieb das VI. Korps mit seinen ermüdeten und ungenügend ernährten Truppen an die allgemeine Frontlinie gebannt. Da die Russen ihre Stöße gegen die Gruppe Králiček fortsetzten und zur Zurücknahme der 6. ID. und der 43. SchBrig. nötigten, erhielt FML. Arz den Befehl, sich in der Abwehr zu behaupten und verfügbare Kräfte über Biecz zu Králiček abzuschicken, der mit diesen die zum III. Korps klaffende Lücke ausfüllen sollte.

Dieser Frontriß erweckte in Bartfeld lebhafte Besorgnisse, denn der Feind konnte jetzt über Jasło ungehindert durchstoßen. Der Armeeführer bat daher in Teschen und Okocim um Truppenzuschub, um die vom VI.Korps bei der 4. Armee zurückgelassene gemischte Abteilung (S. 59) und wenigstens um die 88.KSchBrig. des ursprünglich für ihn bestimmten

XI. Korps. Die Antworten lauteten nicht tröstlich. Das XI. Korps könne erst nach dem Kampfergebnis im Mündungswinkel der Biała und nur mit Teilen nach Biecz dirigiert werden, sobald es Roth gelungen sei, das östliche Dunajecufer zu gewinnen. Um doch einigermaßen auszuhelfen, hatte die 5. KBrig. der 6. KD. ohne Verzug den Marsch nach Biecz anzutreten.

Boroević konnte sich nicht verhehlen, daß nunmehr auch der Plan eines Vorstoßes zwischen Wisłoka und Biała gescheitert war.

In Teschen waren am 23. Dezember die letzten Zweifel darüber geschwunden, daß sich die Russen westlich der Weichsel und des San zum Entscheidungskampfe stellten. Um sie über diese Flußläufe zurückzuwerfen, fehlte es an Kräften. Da vom Kriegsschauplätze in Frankreich keine weiteren Divisionen abgegeben wurden, konnte sich der Feind von seinen Niederlagen bei Łódź und Limanowa-Łapanów erholen1).

Am 24. wurde fast an der ganzen Ostfront gekämpft. Wohl hatte der Papst schon Anfang Dezember angeregt, die für die Christenheit bedeutungsvolle Heilandsfeier bei vollständiger Waffenruhe zu begehen; doch lehnte Rußland ein solches Zugeständnis aus militärischen Gründen ab.

Das Eingreifen des X. Korps auf dem rechten Flügel der 3. Armee und die Angriffe Pflanzer-Baltins bis zum 25. Dezember

Hiezu Beilage 3 sowie Skizzen 1 und 2

Mit höchster Spannung wurden in Teschen und Bartfeld die Vorgänge an der Linie Krosno—Mezölaborcz und ösüich von ihr verfolgt; gab man sich doch der Hoffnung hin, daß durch den Einsatz des X. und des XVIII. Korps zur Rechtsumfassung der Russen der unterbrochenen Offensive der 3. Armee ein frischer Impuls verliehen werde und daß die Früchte des Sieges bei Limanowa-Łapanów vielleicht doch noch voll geerntet werden könnten.

Zuerst trat das X. Korps1) auf den Plan. Die 24. ID. wurde als erste Staffel bis zum 20. Dezember bei Mezölaborcz ausgeladen und marschierte noch an diesem Tage über den Lupkowpaß vor, aber gleich die ersten Schritte des mittelgalizischen Korps vollzogen sich unter kräfteverbrauchenden Reibungen. FML. Krautwald, vom 3. Armeekmdo. beauftragt, die Versammlungsmärsche bis zum Eintreffen des Korpsführers, GdI. Hugo Meixner, zu regeln, wußte nach den erhaltenen Weisungen, daß die beiden mit der Bahn einlangenden Korps auf das rechte Sanufer auszugreifen hatten und dirigierte daher die zuerst ausgeladene 47. IBrig. gegen Wola Michowa. Unter dem Zwange der Umstände wollte Boroević aber jetzt das X. Korps in die breite Lücke zwischen den Gruppen Erzherzog Joseph und Krautwald vorgeführt wissen und befahl am 21. mittags, daß die 24. ID. am selben Tage so weit wie möglich gegen Bukowsko vorzurücken habe, um bei Sanok einzugreifen. Die nachfolgende 2. ID. sollte sich vorerst bei Komańcza-Palota versammeln. Schon war aber die 47. IBrig. nach Wola Michowa abgeirrt. So erreichte die 24. ID. mit sehr ermüdeten Truppen erst am 22. Bukowsko. Für den kommenden Tag wurde dem X. Korps befohlen, mit der 24. ID. in den Rücken des dem VII. Korps gegenüberstehenden Feindes zu stoßen; von

x) Für die Darstellung der Ereignisse beim X. Korps wurde, wie in früheren Teilen dieses Werkes, eine unveröffentlichte Studie des FML. Kralowetz, damals Generalstabschef dieses Korps, verwertet.

der 2. ID. sollten alle nördlich vom Beskidpaß befindlichen Teile (IR. 40) der 24. nachgesendet werden, während das Gros der 2. ID. bei möglichst zeitlichem Aufbruche über Jaśliska gegen Rymanów unmittelbar zur Unterstützung des VII. Korps einzugreifen hatte. Die beiden Korps wurden nicht unter einheitlichen Befehl gestellt.

Der Kampf des VII. Korps am 22. hatte mit dem Abzüge erheblicher Teile gegen den Ort Dukla geendet (S. 61). Am folgenden Morgen erging aus Bartfeld der Befehl, das Korps habe den gegenüber befindlichen Feind imbedingt zu binden, damit sich der Stoß der 24. ID. in den Rücken der Russen möglichst wirkungsvoll gestalte. Der Verlauf des 23. entsprach jedoch den Wünschen des Armeekmdos. keineswegs. Der Feind warf sich auf die isolierte 17. ID. und nötigte sie zum Rückzuge in den Raum nordöstlich von Dukla; bei dem Orte selbst waren die 20. HID. und

5. HKD. nach ihrem nächtlichen Marsche zu früher Stunde eingetroffen. Die Gruppe GM. Peteani (1. und 10.KD., Detachement Mjr. Zeiss) ging von Deszno nach Królik-Polski zurück.

Dadurch wurde es den Russen leicht gemacht, Teile ihrer 69. RD. gegen Osten abzudrehen und eine schirmende Wand gegen die 24. ID. aufzurichten. Diese Division trat von Bukowsko her bei Odrzechowa ins Gefecht. In Anbetracht der offenen Nordflanke und der steten Gefahr einer Rückenbedrohung aus der Richtung von Sanok zögerte der Divisionär, den Stoß gegen Rymanów weiterzuführen, da er auch über die Vorgänge beim VII. Korps noch völlig im ungewissen war. Die Vorrückung der Division stockte schon östlich von Odrzechowa. Das Gros der 2. ID. marschierte gegen Jaśliska. Krautwald hatte neuerlich Raum gewonnen und warf am 24. den Feind in dessen letzte Stellung südlich vom San zurück.

Für diesen Tag wurde dem X. Korps vom 3. Armeekmdo. aufgetragen, seine getrennten Teile in der Richtung auf Rymanów im Angriff zusammenzuschließen, die 24. ID. über Odrzechowa von Osten und die

2. ID. von Süden her. Die geplante Zangenwirkung kam jedoch nicht zustande, weil sich das schwache Gros der 2. ID. damit begnügen mußte, bei Królik-Polski hinter der Gruppe Peteani aufzuschließen. Als das von ihr gewärtigte Eingreifen ausblieb, ging die 24. ID., die sich dauernd im Rücken bedroht fühlte, nach Bukowsko zurück. Damit war die Klammer geöffnet, die unter einem Unstern begonnene Operation des X. Korps eigentlich schon jetzt gescheitert.

Am 25. wurde noch ein Versuch gemacht, die Dinge einzurenken. Erzherzog Joseph, dessen Korps am Vortage von den Russen nicht belästigt worden war, beschloß, den von GdI. Meixner angeordneten AnH    5

griff der 2. ID. auf Rymanów zu unterstützen und sammelte hiezu eine starke Reserve hinter seinem rechten Flügel. Meixner hoffte, auch die 24. ID. von Bukowsko aus wieder vorwärts zu bringen; Boroević verlangte deren sofortigen Angriff. Um die Mittagsstunde traten aber gleichzeitig bei Dukla und Bukowsko Krisen ein, die den Fehlschlag der ganzen Aktion besiegelten. Ehe noch das VII. Korps und die 2. ID. ihre Vorrückung begonnen hatten, stieß der Russe gegen Dukla vor. Der Ort ging verloren; die hartgeprüften Truppen wichen auf die Höhen südlich und südöstlich vom Dorfe. Die 2. ID. hielt aus diesem Grunde und wegen der Annäherung feindlicher Abteilungen gegen den eigenen rechten Flügel ein Vorgehen umso weniger für angezeigt, als sich überdies die beiden gänzlich erschöpften Reiterdivisionen Peteanis anschickten, auf Weisung des 3. Armeekmdos. über den Duklapaß in Erholungsquartiere abzumarschieren. Die 24. ID. wurde bei Bukowsko überfallen. Im dichten Nebel versagte die Gefechtsführung, die Truppen fluteten zurück und wurden erst bei Kulaszne gesammelt, wo der linke Flügel Krautwalds der erheblich geschwächten Division eine Stütze gewährte.

Der Verlauf des 25. zerstörte somit alle Hoffnungen darauf, daß das X. Korps einen Umschwung herbeiführen werde. Nunmehr bildete das drei Brigaden starke XVIII. Korps, FML. Tschurtschenthaler, für die Armeeführung den letzten Trumpf im blutigen Spiele.

Inzwischen war die rechts benachbarte Armeegruppe nicht untätig geblieben. GdK. Pflanzer-Baltin hatte sich am 15. (Skizze 1) entschlossen, dem FML. Hofmann zum Wiedergewinn der verlorenen Stellungen an der galizischen Grenze zu verhelfen. Hiezu sollte die Armeegruppe unter doppelter Umfassung des Feindes angreifen. Von der 52. ID. wurden drei Bataillone und zwei Batterien mit der Bahn zum Obst. Csermák geschoben, der sich dann des Uzsokpasses zu bemächtigen hatte. Durski wurde angewiesen, als rechter Zangenhebel gegen Nordwesten vorzudrücken, worauf Hofmann die Vorrückung gegen Nordosten anzutreten, Haller auf Zielona und Schultheisz wieder gegen Uście Putilla vorzustoßen hatten. Da sich aber die Russen bei Vezérszállás in letzter Zeit völlig untätig verhielten, wollte der Armeegruppenführer das Schwergewicht des Unternehmens gegen den Uzsokpaß legen und verfügte, daß Hofmann Kräfte dafür abgebe. Am 19. übernahm FML. Rónai-Horváth den Befehl über die verstärkte Gruppe Csermák mit dem Aufträge, am nächsten Tage mit zwanzig Bataillonen und neun Batterien den Kampf um diese wichtige Einfallspforte zu beginnen. Auch das Detachement Guilleaume arbeitete sich von neuem über Tiha gegen den Paß vor.

Bei Hofmann und Durski entbrannte der Kampf am 18. Dezember. Tags darauf drangen die 55. ID. in Vezérszállás und die 131. IBrig. in Almamezö ein; die rechte Flanke der Stoßgruppe schützte Durski. Bald aber erlahmte der gegen den Vereckepaß gerichtete Angriff aus Mangel an Reserven und wegen großer Verpflegsschwierigkeiten.

Da erweckte das Zuströmen der frischen Kräfte des XVIII. Korps im Ungtale beim GdK. Pflanzer-Baltin den Wunsch, wenigstens Teile für die Zwecke seiner Armeegruppe zu nützen. Angesichts der Besorgnis vor einem Rückschlag bei Hofmann erschien ihm die baldige Gewinnung des Uzsokpasses umso dringender. Dreimal drahtete er in der Nacht zum

22. nach Bartfeld, daß es angezeigt sei, der Gruppe Rónai-Horváth die zuerst ausgeladenen Staffeln des XVIII. Korps für den Angriff auf die Paßhöhen anzugliedern. Sobald die Russen vertrieben seien, werde er die Masse dieser Truppen dem 3. Armeekmdo. wieder zur Verfügung stellen und nur Teile von ihnen zu einem Vorstoße gegen Südosten über Libu-chora in Flanke und Rücken des gegenüber Hofmann stehenden Feindes verwenden. Boroević meinte jedoch, daß das XVIII. Korps, dem er nunmehr die Richtung über Baligród gegen Lisko zu weisen gedachte, hiedurch leicht von seiner Hauptaufgabe, der Offensive gegen Norden, abgezogen werden könnte. Da überdies Rónai-Horváth für dasi Unternehmen gegen den Uzsokpaß stark genug war, wurde der Vorschlag Pflanzer-Baltins abgewiesen. So marschierte das XVIII. Korps vom 23. an aus dem Ungtale über Takcsány und Cisna gegen Baligród.

Rónai-Horváth nahm trotzdem am 25. nach viertägigen Kämpfen das hartnäckig verteidigte Gebirgstor bei Uzsok und die braven Truppen Hofmanns wie Durskis behaupteten sich während dieser Zeit trotz der Befürchtungen des Armeegruppenführers und der harten ihnen auferlegten Entbehrungen gegen alle Angriffe der Russen.

Rückzug der 3. Armee gegen den Hauptkamm der Karpathen und Abwehrkämpfe des Südflügels der 4. Armee

(25. bis 27. Dezember)

Hiezu Beilage 3

Das Ungewitter des übermächtigen Ansturmes der Russen tobte gegen die ganze Front der 3. Armee weiter.

Wie vorausgesehen war, stieß der Feind am 25. Dezember über Jasło in die Lücke zwischen den Gruppen Colerus und Králiček hinein und griff dann von innen heraus die erschöpften und in ihren Reihen ge-

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lichteten Truppen mit solcher Heftigkeit an, daß ihre Widerstandskraft zerbrach und sich die ganze Front auflockerte. Králiček führte seine Gruppe gegen Biecz und in der folgenden Nacht mit Bewilligung des

3. Armeekmdos. in die Gegend nordöstlich von Gorlice zurück; ein Detachement deckte die rechte Flanke gegen die über Jasło vorgedrungenen Russen. Die vom FML. Arz auftragsgemäß (S. 63) zum Abmarsch gegen Biecz bereitgestellten Abteilungen waren aufgebraucht worden, als der Feind die kaum 1000 Feuergewehre starke 10. ID. Králičeks zu zertrümmern drohte. Arz hatte in der Nacht zum 25. den andrängenden Feind durch einen Gegenangriff abgeschüttelt, mußte aber, als am folgenden Nachmittag die Linien seiner 45. SchD. durchbrochen wurden, aller Reserven bar, bis knapp östlich von Olszyny zurückgehen. Wohl konnte sein linker Flügel an die Gruppe Szurmay gekittet werden, doch zwischen ihm und seinem Nachbar Králiček hatte sich eine neue Lücke auf getan.

Das 3. Armeekmdo. erhielt von allen Unterführern, mit Ausnahme von Krautwald, ungünstige Meldungen über die durch den übermächtigen Druck des Feindes geschaffene Lage. Bei der Artillerie herrschte empfindlicher Mangel an Munition. GdI. Boroević berichtete daher nach Teschen, daß es ihm nunmehr zweifelhaft zu sein scheine, mit dem X. und dem XVIII. Korps einen für die Gesamtoperation noch ins Gewicht fallenden Erfolg zu erzielen. Die verfügbaren Feuergewehre reichten für die ausgedehnte Front nicht aus. Die Armee müsse deshalb in eine kürzere Linie zurück und dort bis zur Auffüllung der Mannschaftsstände und der Artilleriemunition Widerstand leisten. Erst wenn möglichst starke Kräfte mit der Bahn an seinen rechten Flügel gefahren würden, ließe sich die beabsichtigte Operation wieder aufnehmen. Zunächst beantragte er die folgende Truppen Verteilung:

Die Gruppe FML. Krautwald, vermehrt um die 24. ID., hätte den Raum nordöstlich vom Lupkowpaß zu halten. Ein offensives Einsetzen des XVIII. Korps wäre ins Auge zu fassen. Weiters hätten die Deckung der nachstehend bezeichneten Einbruchswege über die Karpathen zu übernehmen: GdI. Meixner (2. ID., später durch die 1. und die 10. KD. verstärkt) Rymanów—Jaśliska—Mezölaborcz; das VII. Korps den Duklapaß; das III. Korps mit der 4. KD. Żmigród—Alsópagony; die Gruppe Králiček Gorlice—Zboró; endlich das VI. Korps Grybów—Bartfeld.

Das AOK. stimmte diesem Antrage nur zum geringsten Teile zu. Noch wollte der Feldherr auf seine Offensivpläne nicht verzichten. Dementsprechend sollten Tschurtschenthaler und Krautwald zuerst gegen Lisko—Sanok angreifen und hierauf das Gros der Armee Boroević durch einen Stoß in der Richtung gegen Rymanów entlasten. Die Vorschläge hinsichtlich des VII. und des III. Korps wurden genehmigt, dagegen konnte die 3. Armee nicht der Gefahr ausgesetzt werden, nach Süden abgedrängt zu werden. Die durch Schlesien und Mähren gegen Wien laufende Hauptverbindungslinie bedurfte ausreichender Deckung. Daher mußten die inneren Flügel der 3. und der 4. Armee fest aneinandergeschlossen werden. Aus diesem Grunde gliederte das AOK. die Gruppen Králiček, Arz und Szurmay in den Verband der Erzherzogsarmee ein und befahl, daß sie die Höhen beiderseits von Gorlice und die Gegend nördlich von Łużna-Gromnik festhalten sollten; die 13. SchD. war vom

4. Armeekmdo. an den rechten Flügel Králičeks zu verschieben, wohin auch entbehrliche Teile der Gruppe Szurmay zu gelangen hatten, um einem Einbrüche des Feindes in den Raum zwischen beiden Armeen zu begegnen. Nach der Festigung der Front waren die 6. und die 24. ID. wieder ihren Stammkorps zurückzugeben.

Das 3. Armeekmdo. gab um 10h nachm. seinen Unterführern bekannt, daß die Offensive vorläufig eingestellt sei und ermächtigte die Generale Krautwald und Meixner sowie das VII. und das III. Korps, falls der Feind drängte, bis auf den Hauptkamm der Karpathen zurückzugehen. Diese Erlaubnis sollte alsbald ungünstige Folgen nach sich ziehen.

Bei der 4. Armee kam die Gruppe Ljubičič im Mündungswinkel der Biała nicht vorwärts. Am 25. ging sie wohl neuerlich ein Stück gegen die Russenstellung vor, doch wurde am Abende ihre nächst des Dunajec fechtende Gruppe Schmidt vom Feinde zurückgedrückt. Das 4. Armeekmdo. wollte die bereits vom Südflügel Roths ausgelöste 13. SchD. i), die sich im Anmarsche gegen die Kriegsbrücke über den Dunajec unterhalb von Zakliczyn befand, dem FZM. Ljubičič zur Verfügung stellen. Auf Grund des spät abends einlangenden Befehles aus Teschen mußte jedoch die Division — die Infanterie im Wagentransport voran — über den Dunajec und über die Bialabrücke bei Gromnik zum FML. Králiček abrücken. Um sich für den wichtigen Südflügel neue Reserven zu schaffen, zog das 4. Armeekmdo. die 38. IBrig. und die 15. ID. Křiteks heran, so daß bei diesem nur die 37. IBrig. und die 82.HIBrig., insgesamt 9000 Feuergewehre, zurückblieben. Die 82. HIBrig. wehrte am 26. Vorstöße des Feindes ab, der unausgesetzt darnach trachtete, seinen Aktionsraum auf dem westlichen Dunajecufer zu erweitern.

*) Die 13. SchD. wurde durch Flügelstreckung der deutschen 47. RD. freigcmacht, wofür die Gruppe FML. Fabini (3. und 8. ID.) ein Frontstück auf dem Nordflügel der Deutschen übernahm.

Unaufhörlich wechselte die Lage. Am 26. begannen wuchtige Angriffe gegen Ljubičič, dessen 86. SchBrig. hiebei so große Verluste erlitt, daß aufs neue erwogen wurde, die ganze Gruppe bei Zakliczyn auf das wesdiche Dunajecufer zurückzunehmen. Damit wäre es aber ausgeschlossen gewesen, daß sich die von der 3. an die 4. Armee überstellten Kräfte an der Biała hätten halten können. Diese Gefahr wurde jedoch abgewendet. Die Regimenter klammerten sich zäh an die Höhe Wal; an der Standfestigkeit der Verteidiger prallten alle bis zum 27. abends fortgesetzten Anstürme des Feindes ab. Außerdem hatte das Armeekmdo. durch das Einsetzen der 38. IBrig. an den inneren Flügeln der Gruppen Ljubičič und Roth Hilfe gebracht.

Die Hauptsorge des 4. Armeekmdos. galt jetzt dem neuen Südflügel der Armee. Obgleich die Russen mit Teilen ihres X. Korps der Gruppe Králiček an der Straße Jasło—Biecz—Gorlice und südlich davon folgten, dabei den rechten Flügel (43.SchBrig.) zu umfassen und hiedurch offenbar einen Keil zwischen die beiden Armeen zu treiben suchten, gelang die Loslösung vom Feinde verhältnismäßig leicht. Die ll.HKD. und die halbe 6. KD. konnten sogar den ganzen Vormittag des 26. südlich von Biecz stehen bleiben. FML. Králiček zog seine Truppen geschickt aus der Umklammerung und vereinigte die Gruppe bis zum 27. beiderseits der Straße Gorlice—Grybów, mit der Mitte nächst dem Westrande von Gorlice und mit dem etwas vorgeschobenem rechten Flügel bei Sękowa. Dahinter sammelten sich die Reste der nur etwa 600 Gewehre zählenden, in ihrer Gefechtskraft verbrauchten 10. ID. Zum Glück traf an diesem Tage die allerdings nur 3000 Gewehre starke 13. SchD. ein; auch wurde die Vorrückung der Russen durch die infolge des Regens elende Beschaffenheit des Bodens verzögert.

Inzwischen schloß sich die Front auch nördlich von der Gruppe Králiček wieder zusammen, indem FML. Arz das VI. Korps in die Gegend Mszanka—Staszkówka führte und mit dem rechten Flügel der ihm jetzt untergeordneten Gruppe Szurmay feste Verbindung herstellte. Der Feind schob sich erst am 27. näher an die öst.-ung. Linien heran; sein mit starken Kräften unternommener Versuch, bei der 39. HID. durchzustoßen, endete mit einem Mißerfolge.

GdI. Boroević war über die Abtrennung erheblicher Teile seiner Armee wenig erfreut und legte dem AOK. dar, daß eine dauernde Schwächung von Übel sein würde. Ebenso wie die Erfolge der letzten Operation nur der Offensive seiner Armee zuzuschreiben seien, werde dies auch in Zukunft sein, weil die Verbindungen des Feindes von Ost nach West liefen und bei dem gegenwärtigen Zustande der Straßen und Wege doppelt empfindlich seien. Je weiter die 3. Armee gegen Süden ausweichen müsse, desto schwieriger werde die Lage der 4.; auch die Kaschau-Oderberger Bahn sei nicht ausreichend zu schützen, wenn sich die inneren Flügel der beiden Armeen voneinander entfernten. Seine Armee bleibe immer die entscheidende Staffel; erst wenn sie geschlagen worden sei, könne der Feind gegen Westen vorgehen.

Um auch seinerseits für die Sicherung der Lücke zur 4. Armee zu sorgen, verfügte GdI. Boroević, daß das III. Korps hinter seinen linken Flügel Reserven stelle und im Einvernehmen mit Králiček die Übergänge über die Magora decke. Weiter sollte das VII. Korps die 10. KD. über Bartfeld nach Tylicz und die 5. HKD. nach Zboró entsenden; beide Reiterdivisionen hatten nebst der Aufklärung die Verbindung mit dem Südflügel der Erzherzogsarmee aufrechtzuhalten, die 10. KD. überdies den Tyliczer Sattel zu sperren. Endlich wollte Boroević das von Pola anrollende SchR. 5 gegen die Nahtstelle vorführen.

In irrtümlicher Auslegung des vortägigen Armeebefehles (S. 69) gingen am 26. Dezember bei Tagesanbruch das III. und das VII. Korps noch weiter zurück; jenes zog nach Krempna ab, dieses beiderseits der zum Duklapasse führenden Straßen bis nach Tylawa. Für die Truppen war hiedurch nichts gewonnen; sie mußten im Freien lagern, da die Russen bei ihrem Rückzuge in der ersten Dezemberhälfte alle Ortschaften in Brand gesteckt hatten. Der Feind folgte dem Korps des Erzherzogs Joseph und bemächtigte sich am 27. abends, begünstigt durch Nebel und Schneegestöber, der Höhe südöstlich von Tylawa. Vergeblich bemühten sich Teile der 17. ID. und die 20. HID., den verlorenen Boden im Gegenangriffe wieder zu erstreiten.    .

Weiter östlich rückte am 26. die 2. ID., die auch mit der Sperrung des Jasieltales betraut war, unter Nachhutgefechten auf die Höhen südlich von Jaśliska ab; tags darauf brachte sie einen von den Russen bei Einbruch der Dunkelheit über diesen Ort geführten Angriff zum Stehen. Rechtzeitig hielt Boroevič den Abmarsch der 1. KD. in die Erholungsquartiere bei Felsö-vizköz an, so daß ihre 660 Reiter und 16 Geschütze zur. Verfügung der Gruppe Meixner blieben.

Durch den Rückzug der 24. ID. wurde ein Raum von etwa 16 km Breite beiderseits des Wisłok von eigenen Truppen entblößt. Das 3. Armeekmdo. wies daher schon am 25. abends das XVIII. Korps an, eine gemischte Abteilung zur Sperrung dieser Talfurche über Komańcza zu entsenden. Während das Korps am 26. und 27. gegen Baligród aufschloß, wurde die 24. ID. am erstgenannten Tage neuerdings von den Russen angefallen und zurückgeworfen. Krautwald war hiedurch gezwungen, den gegen Lisko schwer erkämpften Raum wieder preiszugeben und seine Gruppe in die Linie Baligród—Höhe Pasika (westlich von Komańcza) zurückzunehmen; er plante, am 28. von der Pasika aus mit starkem linken Flügel zum Gegenangriffe zu schreiten. Die nördlich von Baligród haltende 8. KD., gegen die feindliche Kräfte vorrückten, mußte durch einige Bataillone des XVIII. Korps verstärkt werden. Alle diese Vorgänge verzögerten die für den 27. vorgesehene Vorrückung Tschurtschenthalers und Krautwalds gegen Lisko—Sanok.

Die Ereignisse in Przemyśl und bei der Armeegruppe Pflanzer-Baltin bis zum Jahresschlüsse

Hiezu Beilage 3 sowie Skizzen 1 und 2

Ein wesentlicher Grund, warum GdI. Kusmanek den Ausfallskampf am 18.Dezember abbrach (S. 42), bestand darin, daß die russische 82.RD. auf der entgegengesetzten Seite des festen Platzes die Vorfeldstellung Na Górach—Batycze angriff und einige Vorteile errang. Der Feind wollte hiedurch offenbar seine Südfront entlasten, vielleicht auch den Vorübermarsch von Kräften verschleiern, die den San nördlich von Przemyśl überschritten und später gegen die Ostflanke des VII. Korps gewirkt haben mochten*). Teile der Festungsbesatzung mühten sich in verlustreichem Ringen vom 20. bis 22. ohne Erfolg ab, das verlorene Geländestück der Vorfeldstellung wieder zu erobern. Am 26. befahl das AOK. durch Funkspruch2) dem GdI. Kusmanek, die Vorrückung des Ostflügels der 3. Armee am kommenden Tage durch einen Ausfall gegen Südwesten zu unterstützen. Nun verzögerte sich aber das Unternehmen Tschurtschenthalers und Krautwalds um vierundzwanzig Stunden, wovon das Festungskmdo. jedoch nicht verständigt wurde, weil man es in Bartfeld für zweckmäßig hielt, daß der Ablenkungsstoß aus dem festen Platz heraus dem Angriffe des Ostflügels zeitlich voranging. Kusmanek setzte somit am

!) Vom 17. an beobachtete man aus der Festung die Märsche starker feindlicher Truppenkörper von Mościska gegen Radymno. Ob dies die von Iwanow erwarteten Verstärkungen (62. und 64. RD. der 7. Armee), die vereinigten Ersatzmannschaften der 3. und 8. Armee oder sibirische Truppenteile waren, läßt sich nicht feststellen.

2) Mit Sicherheit ist anzunehmen, daß den Russen dieser Funkerverkehr kein Geheimnis geblieben ist und sie alle Depeschen zu entziffern gewußt hatten. Mjr. Stuckheil berichtet, daß Gen. Iwanow dem im März 1915 über Cholm in Kriegsgefangenschaft abgehenden Festungskommandanten versichert habe, er sei über alle Vorgänge im festen Platze stets genau unterrichtet gewesen.

27. aus dem südwestlichen Gürtelabschnitt fünfzehn Bataillone und dreizehn Batterien in Bewegung. Diese immerhin beträchtliche Kraftgruppe begegnete jedoch verschärften Abwehrmaßnahmen der Russen und vermochte gegen deren feste Linien nichts auszurichten. Zweifellos hatte bei den wackeren Besatzungstruppen die schwere Enttäuschung ob des beim Ausfall vor zehn Tagen erlittenen Mißgeschickes einen Niedergang der Stimmung herbeigeführt, der ihre Kampflust herabdrückte. Mit diesen leider ergebnislosen Gefechten endete die Offensivtätigkeit der Festung. Am Schluß des Jahres verfügte Kusmanek über einen Kampfstand von 83.700 Mann; er war somit numerisch stärker als jede einzelne der im freien Felde gegen Rußland kämpfenden k.u.k. Armeen; doch befanden sich darunter 69.000 Landstürmer.

Ebensowenig wie der letzte Ausfall der Besatzung von Przemyśl vermochte Pflanzer-Baltin dem Ostflügel des GdI. Boroević zu helfen. Zunächst wollte der Armeegruppenführer die Eroberung des Uzsokpasses durch ungesäumtes Vorrücken Rónai-Horváths über Turka ausnützen, dann hätte dessen Gruppe gegen Nordwesten aufzuschwenken und bei Lisko in den Kampf der 3. Armee einzugreifen gehabt. Indes war infolge der Erschöpfung der Truppen Rónai-Horváths der Höhepunkt des Erfolges bereits überschritten; nur schwächere Kräfte konnten über Libuchora in den Rücken des vor Hofmann stehenden Feindes abgezweigt werden (S. 67). Trotzdem rief Pflanzer-Baltin seine ganze Front für den 29. zum Angriffe auf. Hofmann sollte aufs neue vorgehen, Durski seinen Gegner kräftig anpacken und die 54. ID. ihren am 17. aufgegebenen Vorstoß gegen Uście Putilla wiederholen, wobei das Detachement GM. Schüler vom Kopilas über Szybeny einzugreifen hatte; endlich wurde Obst. Fischer beauftragt, an den Kl. Sereth vorzurücken.

FML. Rónai-Horváth ging am 28. und 29. langsam gegen die Höhen bei Borynia vor, wurde aber an den beiden folgenden Tagen von überlegenen Kräften angegriffen und bis knapp an den Paßausgang zurückgedrängt. Er beabsichtigte, seine hart mitgenommenen Bataillone am Neujahrstag unmittelbar hinter die Gebirgspforte zurückzuführen, um ihnen eine Erholungsfrist zu gewähren. Schon am 29. hatte die Heeresleitung mit Rücksicht auf die Ereignisse bei der 3. Armee befohlen, den Uzsok-paß wohl festzuhalten, aber von einer weiter reichenden Unternehmung abzusehen. Auch Hofmanns 55. ID. konnte nicht durchdringen; das von Rónai-Horváth verstärkte Detachement Guilleaume erschien zwar am 31. in der Flanke und im Rücken des Feindes, wurde jedoch durch frische, im Fuhrwerkstransport herangebrachte russische Abteilungen an weiterer

Tätigkeit gehindert. Seit Obstlt. Haller am 17. bei Zielona den Feind zurückgeworfen und die Stellung bei Rafailowa wieder bezogen hatte, ereignete sich dort und am Tatarenpaß nichts Bemerkenswertes. Befehls-; gemäß schob Obst. Fischer am 28. Vortruppen bis an den Kl. Sereth; an den beiden letzten Tagen des Jahres mußte er aber wieder dem feindlichen Drucke nachgeben1).

Immerhin wagte der Russe gegenüber der Armeegruppe keinen weiteren Angriff.

Erwägungen und Anordnungen der Führer auf beiden Seiten (27. bis 28. Dezember)

Hiezu Beilage 3

Am 27. Dezember waren die Russen an der Grenze ihrer Angriffskraft angelangt. Sie durften sich rühmen, die schwere Gefahr abgewendet zu haben, die ihnen aus dem Vordringen der Armee Boroević gegen die Straße Tarnów—Rzeszów erwachsen war. Nunmehr hatten sie es nicht mehr nötig, ihren Rückzug bis hinter den San und die Weichsel fortzusetzen. Um die Erneuerung der Schlagkraft seines Heeresteiles abzuwarten, beschloß Iwanow, den Angriff einzustellen. Er befahl am 27. Dezember2), daß die 3. und die 8. Armee die Verfolgung nur mit Vorhuten fortzusetzen hätten, damit — wie sich Iwanow hochtönend ausdrückte — die Auflösung des Gegners vervollständigt werde. Über den Dunajec und die Biała von ihrer Mündung bis Grybów, dann über die Linie Gorlice—Żmigród— Dukla (Ort)—Sanok—Lisko war vorerst nicht hinauszugehen. Wenn der Ostflügel der Armee Boroević neuerlich die Offensive ergriff, so sollte ihn Brussilow unbedingt wieder in die Berge zurückwerfen. Auf dem linken Heeresflügel waren von der 11. Armee die Übergänge über die Waldkarpathen zu sichern. Diese Armee hatte überdies „zu entscheidenden Operationen“ gegen die Festung Przemyśl zu schreiten.

Demnach standen der k. u. k. 4. Armee, deren Südflügel sich noch vor der bezeichneten Linie befand, weitere Kämpfe bevor, während die Armee Boroević unangefochten in ihren gegenwärtigen Stellungen hätte bleiben können. Vorerst zielten alle Bemühungen der Befehlsstellen in

1)    Wie hoch die Persönlichkeit des Obst. Fischer vom Feinde eingeschätzt wurde, beleuchtet ein Aufruf des russischen Gouverneurs an die Bevölkerung von Czernowitz: wer Fischer tötet oder dienstuntauglich macht, erhält 50.000 Rubel, wer ihn als Gefangenen einliefert 100.000 und eine Anstellung im russischen Staatsdienste (Conrad, V, 961).

2)    Nesnamow, III, 23 ff.

Teschen, Okocim und Bartfeld darauf hin, einem Durchstoßen der Front südöstlich von Gorlice vorzubeugen. Gegen diesen Ort drängten die Russen heran. Das AOK. hatte schon am 26. an GdK. Dankl gedrahtet, die 23. IBrig. nach Krakau und das Gros der 12. ID. ehestens nach Bochnia marschieren zu lassen, von wo die Division nach Neusandez an den rechten Flügel der 4. Armee gefahren werden sollte. Weiters wurde am

28. die Bildung eines Kavalleriekorps aus der 4. und der 10. KD. sowie der 5. und der 11. HKD.1) und den zwei Bataillonen des SchR. 5 aus Pola unter Befehl des GM. Berndt zur Sicherung des offenen Raumes südwestlich von der Magóra sowie der in die Zips führenden Kommunikationen und der Kaschau-Oderberger Bahn verfügt. In Teschen hielt man an dem Plane eines Entlastungstoßes durch den rechten Flügel der 3. Armee gegen Rymanów fest und wollte nach deren Verstärkung die Offensive gegen Norden wieder aufnehmen.

Die abgelaufene Operation war mißlungen, weil die nacheinander eingesetzten Divisionen des X. Korps, abgesehen von Führungsfehlern, an den abgekämpften Truppen des VII. Korps keine Stütze fanden, weiters weil man unter dem Zwange der Lage geglaubt hatte, nicht auf das Herankommen des XVIII. Korps warten zu dürfen und damit auf den einheitlichen Stoß von dreieinhalb verhältnimäßig frischen Divisionen verzichtete.

■    Das    Zurückiveichen der 3. Armee

(28. bis 31. Dezember)

Die Aussichten für den Entlastungsstoß des Ostflügels der 3. Armee gestalteten sich keineswegs günstig. Im Raume bei Baligród behauptete sich allerdings die Gruppe FML. Lehmann (56. ID. und die durch einige Bataillone des XVIII. Korps verstärkte 8. KD.), aber von einem Angriffe zwischen Baligród und dem San versprach sich FML. Tschurtschenthaler keinen besonderen Erfolg, da russische Kräfte bei Chrewt seine Flanke bedrohten. Die Russen drängten den FML. Krautwald am 28. beiderseits der nach Łupków führenden Bahn zurück, wobei die 24. ID. nur durch persönliches Eingreifen des Gruppenführers nordöstlich vom Łupków-paß festgehalten werden konnte. Der Gegenangriff von der Höhe Pasika (S. 72) erzielte zwar anfangs Erfolge, mußte aber wegen der Ereignisse beim linken Nachbar wieder eingestellt werden. Die 2. ID. wurde nämlich’ vom Feinde südlich von Jaśliska in der Ostflanke heftig angegriffen

2) Am 28. befanden sich: die 4. KD. auf dem linken Flügel des III. Korps, die 10. KD. in der Gegend von Tylicz, die 5. HKD. in Zboró und Komlóspatak, endlich die 11. HKD. bei Uście Ruskie.

und. ging auf Befehl des X. Korpskmdos., unter Belassung einer Nachhut auf dem Sattel bei Czeremcha, auf die Höhen beiderseits von La-borczfö zurück. Veranlaßt wurde dies durch das VII. Korps, das, am 27. bei Tylawa hart bedrängt, tags darauf über den Duklapaß abgezogen war; seine am Nordausgange haltende Nachhut wies vorfühlende russische Abteilungen ab. Boroević nahm dem GdI. Meixner die als Korpsreserve verwendete 1. KD. weg und verfügte ihren Abmarsch zur Sperrung des Hoszankatales bei Mikó. Weiters befahl er auch der Gruppe Colerus (28. ID., 44. SchBrig. und 4. KD.), in die Linie Pilipinski vrch— Czarne abzurücken. Noch vor Antritt dieser Bewegung warf die 44. SchBrig. den Feind durch einen kräftigen Gegenstoß zurück und wehrte auch in der neuen Stellung alle Annäherungen der Russen ab1).

Boroević drahtete am 28. nach Teschen, daß er bei dem krassen Mißverhältnisse der beiderseitigen Kräfte — 40.000 Feuergewehre der 3. Armee gegen 120.000 Russen2) — beabsichtige, schrittweise zurückzugehen, und zwar mit dem III. Korps über Bartfeld, mit dem VII. über Felsö-vizköz—Girált, mit dem X. über Sztropkó, mit der Gruppe Krautwald über Mezölaborcz und Wola Michowa, endlich mit dem XVIII. Korps über Cisna—Takcsány. Es war ein Verhängnis, daß, gleich wie zu Monatsbeginn, das 3. Armeekmdo. gerade in jenem Augenblicke einen weitgehenden Rückzug in Aussicht nahm, als die russische Führung die Einstellung der Offensive befahl. Schweren Herzens erklärte sich das AOK. mit diesen Absichten einverstanden und legte dem Armeeführer nahe, das

III., das VII. und das X.Korps enger zusammenzuschließen, dagegen das XVIII. und die Divisionen Krautwalds als selbständige Gruppen zu betrachten, die nach Umständen aktiv einzugreifen hätten. Weiters empfahl die Heeresleitung:

„Den einzelnen Gruppen der Armee ist einzuschärfen, daß nur durch zähestes Ausharren und geschicktes wechselseitiges Eingreifen bei den Detailgefechten zu erwarten ist, daß das Vordringen des Feindes vereitelt oder mindestens verzögert wird. In dieser Weise fechten die in den Ostkarpathen befindlichen Gruppen, obgleich sie zum großen Teil aus minderwertigen Formationen bestehen, bereits seit vielen Monaten erfolgreich gegen bedeutende Überzahl.“

!) GdI. Colerus berichtete dem 3. Armeekmdo. über zunehmende Erkrankungen bei Offizieren und Mannschaften sowie über das Verenden zahlreicher Zugpferde der Artillerie. „ ... Ich fürchte, daß infolge der progressiven Verschlechterung der sanitären Verhältnisse die numerische Zahl zur Behauptung der zugewiesenen Abschnitte nicht mehr ausreicht...“ Überdies seien die Wege grundlos und der Zuschub in die Stellungen aufs äußerste erschwert.

-) Die Angabe über die Stärke der Russen konnte nicht überprüft werden.

Dieser letzte Hinweis berührte einen empfindlichen Punkt des Armeeführers. Sofort antwortete er, daß seine Gruppen nie nacheinander, sondern immer gleichzeitig von den Russen angegriffen worden seien, die Marschlinien seien 8 bis 20 km voneinander entfernt und das Armeekmdo. zögere mit der Weitergabe einer solchen Instruktion, da die Anordnung des „wechselseitigen Eingreifens“ bei den „Detailgefechten“ im Hinblick auf die niederen Stände leicht zu Mißverständnissen führen könne. Überdies spielten sich die Zusammenstöße in den Ostkarpathen unter grundverschiedenen Bedingungen ab, jene Kampfart sei hieher nicht übertragbar. Durch seinen Armeebefehl vom 28. Dezember vormittags entsprach Boroević der Anregung des AOK. hinsichtlich der neuen Gruppierung. Tschurtschenthaler (XVIII.Korps, 56. ID. und 8.KD.) sollte die Gebirgs-übergänge bei Wola Michowa und Cisna, Krautwald (24. und 34. ID.) die ins Laborczatal führenden Einbruchswege decken. GdI. Meixner (2. ID. und 1. KD.) hatte sich gegen Südosten näher an das VII. Korps heranzuschieben; für dieses ebenso wie für das III. blieb der alte Befehl zur Sicherung ihrer Verbindungslinien maßgebend. Wie schon mehrmals vorher betrieb Boroević die Zusendung der 6. ID. und der 43. SchBrig., die beim IX. Korps eingeschoben waren; denn das jetzt nur drei Brigaden starke III. entbehrte bei seiner übermäßig ausgedehnten kordonartigen Aufstellung der Reserven auf dem wichtigen linken Flügel. Das 4. Armeekmdo. vertröstete jedoch den Nachbar; die Rückgabe werde nach dem Eintreffen der 12. ID. stattfinden (S. 75). Als aber die Erzherzogsarmee am 30. in schwere Kämpfe verstrickt wurde, erklärte man in Okocim, diese Verbände vorläufig nicht entbehren zu können.

Da der Feind gegen Banica und die Jasionkahöhe vorrückte, nahm Colerus seine Truppen am 29. noch weiter zurück und beließ nur Nachhuten auf dem Hauptkamm der Karpathen; am nächsten Tage bezogen seine Brigaden bei Festhaltung der Gebirgsstellungen Unterkünfte in den nächstliegenden Dörfern. Das VII. Korps verschob seine Masse am 29. etwas westwärts, ihm folgten die Russen über den Duklapaß nicht hinaus. Meixners Nachhut behauptete sich auf dem Czeremchasattel sowie mit einem Detachement bei Jasiel gegen scharfe Erkundungsvorstöße des Feindes, und Krautwalds 34. ID. vertrieb die Russen aus Radoszyce. Bei Tschurtschenthaler wurden die Linien der 56.ID. durchbrochen, worauf die ganze Gruppe im Laufe der Nacht zum 30. gegen Süden auswich. Während die 56.ID. und die 8.KD. zur Erholung in den Raum südlich von Wola Michowa abrückten, ging das XVIII. Korps am 31. ohne ersichtlichen Grund bis in die Gegend von Cisna zurück.

Zu nicht geringer Überraschung des AOK. war das Hauptquartier des 3. Armeekmdos. am 29. von Bartfeld nach Kaschau verlegt worden.

Von Teschen erging nunmehr die Weisung, daß die Truppen der

3. Armee nicht einen Schritt des vor kurzem schwer erkämpften Bodens freiwillig preiszugeben hätten, weil sich sonst der Feind mit verstärkter Kraft gegen den Südflügel der 4. Armee wenden könne. Besonderen Wert lege das AOK. darauf, daß sich der Ostflügel zähe halte, denn es sei beabsichtigt, diesem Anfang Jänner noch zwei Infanteriedivisionen zuzuführen, falls nicht die Verhältnisse ihren Einsatz auf dem Westflügel erheischen sollten. Eine solche Verstärkung müsse dann „nachhaltig zur Geltung kommen, nicht aber wie das letzte Einsetzen zweier frischer Korps wirkungslos bleiben.....CC1).

Zunächst gebot Boroević dem XVIII. Korps, keinesfalls hinter den Abschnitt Wola Michowa—Cisna—Smerek zu weichen. Als sich der Russe, wie noch zu schildern sein wird, zur Umfassung des Südflügels der Erzherzogsarmee anschickte, befahl er auf Ersuchen des Nachbarn das III. und das Kavalleriekorps GM. Berndt zum Angriff gegen Norden. Ehe hiefür die nötigen Einleitungen getroffen waren, senkte sich der Vorhang über das erste Kriegs jahr.

Die Schlacht der 4. Armee (28. bis 31. Dezember)

Die letzten vier Tage des Jahres verstrichen für die auf dem Nordflügel der 4. Armee am Dunajec Wacht haltenden Gruppen Křitek und Roth, von belanglosen Artillerieduellen abgesehen, nahezu ereignislos. Bei Roth wechselte nur die 3. ID. ihren Platz innerhalb der Gruppenfront.

Umso bewegter verlief diese Zeitspanne bei den übrigen Teilen der Armee. Am 28. glückte es den Russen gegenüber dem FZM. Ljubičič, die

11. und den linken Flügel der 30. ID. in die Linie Gromnik—Höhe Wal zurückzudrücken. Der Feind setzte seine Anstrengungen fort und rannte

x) Conrad bemerkte hiezu in seinem Kriegswerk (V, 954): „Die Gegenvorstellungen des 3. Armeekmdos. vom 29. Dezember und ein gewisser Zug zum Nachgeben bei der 3. Armee, der sich auch in der Rückverlegung des Armeekmdos. bis nach Kaschau aussprach, konnten nicht widerspruchslos hingenommen werden, um so mehr als es sich gegen die russischen Angriffe in Galizien, bei den Gruppen Pflanzer und Krautwald erwies, was tatkräftiger Imperativ vermag.“ GM. Pitreich erklärt in seinem Schreiben vom 17. Mai 1929 die Übersiedlung des 3. Armeekmdos. nach Kaschau u. a. damit, daß man in Bartfeld exzentrisch hinter dem linken Flügel lag, während dem rechten in der nächsten Zeit erhöhte Bedeutung zukam und daß man in Kaschau über die besten Bahn- und Drahtverbindungen verfügte.

am 29.und 30. wiederholt, jedoch ohneErfolg, gegen den Wal an; immerhin mußte die k. u. k. 15. ID. eingesetzt werden. Angreifer und Verteidiger brachten in diesen Kämpfen schwere Blutopfer. Nach allen Wahrnehmungen schien für den Abwehrkampf an dieser Stelle der 31. nur eine kurze Atempause zu bedeuten.

Auf dem rechten Armeeflügel führte FML. Arz seit dem 28. den Befehl über die Gruppen Králiček (43. SchBrig. und 6.ID. in erster Linie, dahinter die 10. ID. und die 13. SchD.), Hadfy (45. SchD., 39. HID. und

26. SchD.) und Szurmay (38. und komb. HID.). Dimitriew ballte starke Stoßkräfte vom Dunajec südwestlich von Tarnów bis in die Gegend von Gorlice. Diese warteten sprungbereit auf den Befehl zum Sturm, hatte doch Iwanow angeordnet, bis an die Flußlinien vorzudringen (S. 74). FML. Arz wollte den Russen, die offenbar seinen Südflügel zu umklammern suchten, durch einen Angriff zuvorkommen. Er nahm Hadfy zu diesem Zwecke die 26. SchD. weg, um sie Králiček zuzuführen. Doch das 4. Armeekmdo. war mit diesem kühnen Plane nicht einverstanden und gab zu wissen, daß das Festhalten der Straße Gorlice—Neusandez durch die Zufälligkeiten eines Kampfes nicht in Frage gestellt werden dürfe. Sollten aber die Russen in die Lücke zur 3. Armee einbrechen, dann habe ihnen Králiček in die Flanke zu fallen. Unterdessen betrieb ein Heer von Arbeitskräften zwischen Florynka und Gromnik den Ausbau einer hinteren Stellung.

Am 29. wurden feindliche Bewegungen bei Zagórszany und Gorlice wahrgenommen, die auch bei der Tageswende stellenweise zu Gefechtsberührungen führten. Im Laufe des 30. ließ der Russe seine Schützenlinien gegen die ganze Front der Gruppe vorgehen und in der Nacht brach dann der Ansturm los. Durch Schnee und Morast wälzten sich die erdbraunen Massen heran und wurden von den Geschossen des in wassergefüllten Gräben lauernden Verteidigers empfangen, in dessen Linien alsbald sämtliche nächststehenden Reserven aufgingen. Der russische Stoß richtete sich vornehmlich gegen Hadfy. Vermutlich wollte der Feind den nahe an der Biała befindlichen Frontteil zuerst bezwingen; doch wurde auch Králiček bei Gorlice und auf seinem Südflügel angefallen. In den Vormittagsstunden des 31. gab die Gruppe Hadfy etwas nach, kam aber doch noch vor der Biała zum Stehen, weil Teile der 26. SchD. wieder heraneilten und der Feind seine Truppen bei Staszkówka und auf der Pustki-höhe anhielt. Viel günstiger verlief an diesem Tage der Kampf der Gruppe Králiček. Bei Gorlice prallten alle russischen Vorstöße an unseren Linien (6. ID., 13. SchD., 43. SchBrig., Teile der 26. SchD. und 6. KD.) ab und die von Süden ausholende Umfassung des Feindes wurde von der auf dem rechten Flügel eingesetzten 10. ID. vereitelt. Schon senkte sich der Abend über die blutgetränkte Kampfstätte, als bei Sękowa die Schützen der 43. SchBrig. und östlich von Rychwald Teile der 10. ID. aus der Ab-wehriront hervorbrachen und den Feind in die Flucht trieben. Inzwischen waren auch die ersten Staffeln der bei Neusandez in Ausladung begriffenen 12.ID. (S. 75) über Grybów auf dem Schlachtfelde eingetroffen. Als die Silvesterglocken in der Heimat den Beginn eines neuen Jahres verkündeten, waren alle Führer der 4. Armee im Vertrauen auf ihre heldenmütigen Truppen fest davon überzeugt, am kommenden Tage den heißen Kampf siegreich zum Abschlüsse zu bringen.

In Teschen folgte man gespannt den einzelnen Phasen der Schlacht, hing doch von ihrem Ausgange ab, ob die nächsten, der 1. Armee entnommenen Verstärkungen dem westlichen oder, wie es wünschenswert schien, dem östlichen Flügel der Armee Boroević zuzuführen seien (S. 78).

Die Ereignisse nördlich der Weichsel

Die Kämpje der 1. Armee um die Nidaübergänge (20. bis 31. Dezember,

Hiezu Beilage 2

Die Richtlinien des AOK. vom 20. Dezember (S. 56) schrieben der

1. Armee im besonderen vor, alle entbehrlichen Kräfte auf den Südflügel zu ziehen und „im hinklange mit der 4. Armee tunlichst Raum nach vorwärts zu gewinnen und diese von Norden her über die Weichsel möglichst zu unterstützen“.

Noch vor dem Hinlangcn dieses Hecresbefehles, aber durchaus in dessen Sinne hatte GdK. Dank! für den 21. den Angriff zur Besitznahme der Nidaübergänge vom rechtcn Flügel aus befohlen J). Am frühen Morgen dieses Tages versuchte demgemäß FML. Martiny, dem außer seiner 14.ID. noch die Landsturmgruppe FML. Kletter unterstellt worden v/ar, mit drei Regimentern der letzterendie Nida zwischen Nowy Korczyn und Wiślica zu überschreiten. Mit großer Zähigkeit verteidigte das XVÍÍ. Russenkorps seine Stellungen auf dem linken Ufer, vor denen die versumpfte Flußniederung die Annäherung erschwerte. Russische Artillerie schoß auch vom Südufer der Weichsel auf die vorrückendcn

*) Nach einer Zuschrift des GO. Dankl an da» Kricgsarchiv vom 7. März 1930 beabsichtigte da* 1. Arrncckrmlo. ursprünglich, den Schwerpunkt des Angriffs auf Kiclcc y.u verlegen.

'*) Die 110. L&tiBrig. deckte diesen Vorstoß an der Weichsel.


Jędrzejów bereitstellen. Auf dem Südflügel der Armee plante FML. Martiny, seinen Angriff am 24. fortzusetzen, doch wurde die Verwirklichung dieser Absicht in Frage gestellt, da der Russe nach verläßlichen Nachrichten hier selbst mit drei Divisionen losgehen wollte.

In den ersten Nachmittagsstunden des 24. belegte der Feind auch tatsächlich die Brückenkopfstellungen der 106. LstlD. bei Nowy Korczyn von drei Seiten mit schwerem Kreuzfeuer und schritt zum Angriffe. Der Ort wurde genommen, doch behaupteten sich die 14. und 33. ID. Martinys auf dem linken Nidaufer.

Die schwierige Lage dieser Gruppe veranlaßte das 1. Armeekmdo., die dem I. Korps zur Verfügung gestellte 24. IBrig. an den südlichen Armeeflügel heranzuziehen. Außerdem ersuchte GdK. Dankl die 4. Armee, den Feind am untersten Dunajec kräftig anzufassen und hiedurch die Südflanke der 1. zu entlasten. Dazu war aber die schwache Gruppe Křitek nicht imstande (S. 62).

In den Morgenstunden des 25. versuchten die Russen von dem eroberten Orte Nowy Korczyn aus die noch auf dem Ostufer der Nida; befindlichen Kräfte Martinys aufzurollen. Der Angriff wurde jedoch von der 14. ID. abgeschlagen. Da aber die eigenen Stellungen mit der breiten Sumpfniederung im Rücken, die das eingetretene Tauwetter weglos machte, durch diese Vorstöße in der Flanke gefährdet schienen, nahm Martiny die 14. ID. in der Nacht ebenfalls über die Nida zurück. Seine drei Divisionen hatten nun den Abschnitt von der Weichsel bis westlich von Wiślica zu halten. Am nächsten Tage sollte die abgekämpfte 106.LstID. durch die vom Armeekmdo. heranbefohlene 24. IBrig. abgelöst und auch die 23. IBrig. der 12. ID. an den südlichen Armeeflügel herangeschoben werden. Die nördlich von der Nida von der deutschen Division Bredow abzulösenden Truppen des II. Korps (Teile der 25. ID.) hatten an Stelle der 12. ID. in den Raum bei Jędrzejów als Armeereserve zu gelangen.

Am 26. Dezember gewann man immer mehr den Eindruck, daß die Russen einen Durchbruch an der Verbindungsstelle der 1. und 4. Armee planten und zugleich Dankls Südflanke aufreißen wollten. Am Nachmittag stieß der Feind im Mündungswinkel zwischen Nida und Weichsel auf Ksany vor. Die mittlerweile an Stelle der völlig erschöpften 106. LstlD.1) eingesetzte 24. IBrig. brachte jedoch den gefährlichen Angriff zum Stehen.

Trotzdem die Kämpfe hier nicht zu einem Abschluß gelangt waren,

x) Die 106. LstlD. befand sich seit dem 2. Oktober, mit Ausnahme von wenigen Ruhetagen, unausgesetzt entweder auf dem Marsche und im Gefechte oder im Sicherungsdienst.

wies das AOK. das 1. Armeekmdo. an, die 12. ID. an den südlich von der Weichsel fechtenden Heeresteil abzugeben (S. 75) und teilte gleichzeitig mit, daß auch der Abtransport der 33. ID. in Aussicht genommen sei. Da die Russen ihre Vorstöße zunächst nicht wiederholten, konnte die Neugruppierung der 1. Armee am 27. ungestört beginnen1). GdK. Dankl hatte sich anfangs gegen die Entziehung der 12. ID. gesträubt, ließ aber auf erneuten Befehl die 23. IBrig. an diesem Tage nach Krakau abmarschieren. Ehe die 24. IBrig., wie beabsichtigt, am Morgen des 29. folgen konnte, entbrannte der Kampf an der untersten Nida aufs neue.

Die 24. IBrig., am 28. nachmittags von Str. Korczyn aus heftig angegriffen und von der russischen Artillerie in Flanke und Rücken beschossen, wurde unter schweren Verlusten zum Ausweichen veranlaßt. Die Feldjägerbataillone 11 und 19 der 14. ID. warfen jedoch den Verfolger wieder auf Str. Korczyn zurück. Angesichts des fortgesetzten starken Druckes an der untersten Nida schien jetzt die Abgabe der 33. ID. sowie auch der an ihrer Stelle in Aussicht genommenen 37. HID. in Frage gestellt. Um dieselbe Zeit verstärkte sich auch der Druck des Feindes südlich der Weichsel, so daß mit der Möglichkeit eines Rückzuges der

4. Armee vom Dunajec gerechnet werden mußte. Das AOK. trug dieser gespannten Lage Rechnung, indem es schon am 28. die 1. Armee anwies, den Ausbau einer Stellung nördlich von Krakau über Skała—Wolbrom— Pilicaknie westlich von Żarnawiec—Szczekociny in Angriff zu nehmen.

Der rechte Flügel und die Mitte der 1. Armee, Gruppe Martiny (14. ID.) 2), V. und I. Korps, beschränkten sich unter diesen Umständen ausschließlich auf die Abwehr, dagegen stellte das II. Korps auf dem linken Flügel aus Truppen der 25. ID. eine Stoßgruppe bereit, die sich dem eben in Ausführung begriffenen Angriffe der links benachbarten Division Bredow nach vorheriger Niederkämpfung der russischen schweren Batterien anschließen sollte. Dieser zur Unterstützung der Deutschen für den 31. geplante Angriff unterblieb jedoch, abgesehen von dem nächtlichen Vorstoße eines Jägerbataillons über die Nida, da auch die Südhälfte der Armeeabteilung Woyrsch nach einigen Erfolgen wieder in die Verteidigung zurückfiel. Nachdem nun das Gros der 12. ID. und

!) Die 14. ID. und Teile der 46. SchD. hatten die Stellungen der 110. LstlBrig. und der 24. IBrig. im Mündungswinkel von Ksany zu übernehmen, durch Frontstreckung des V. und des I. Korps gegen Südosten sollte die 33. ID. freigemacht werden.

a) Die nunmehr aus der 110. LstlBrig. und der LstlBrig. Obst. Köckh bestehende 106. LstlD. sowie die durch die Reste der 35. LstlBrig. verstärkte 1. LstlBrig., die sich westlich der unteren Nida retablierten, standen der Gruppe Martiny bezw. dem V. Korps als Reserven zur Verfügung.

die 37. HID. am 31. früh zur Verstärkung der 3. Armee nach Bochnia abmarschiert waren, befahl das AOK. der 1. Armee, auch noch die 33. ID. nach Ablösung durch die 106. LstlD. samt dem V. Korpskmdo. der 37.HID. nach Bochnia nachzuschicken.

So wurden der Armee Dankl seit Anfang Dezember acht Divisionen (27., 15., 39., 24., 2., 12., 33. und 37.) entnommen, um sie, mit Ausnahme der 27.ID., zur Nahrung des Kampfes in Galizien zu verwenden. Diese Schwächung zwang die 1. Armee, sich fortan mit der Abwehr zu begnügen.

Die Kämpfe der 2. Armee bei 'Comaszörv (19. bis 31. Dezember)

Hiezu Beilage 2 sowie Skizze 3

Wie bereits erwähnt, hatte das AOK. am 18. Dezember nachmittags der 2. Armee die Linie Odrzywół—Końsk als Ziel gewiesen (S. 46). In vorsichtiger Beurteilung der Lage schrieb hierauf GO. Woyrsch vor, Böhm-Ermolli habe seine Streitkräfte zunächst zum Angriffe gegen die westlich von Opoczno und hinter der Czarna vermuteten Stellungen der Armee Ewert bereitzustellen. Nur der linke Flügel der 2. Armee, das Korps Gallwitz, das im Vergleich zu dem auf Lubocz und auf Rawa vorgedrungenen Südflügel Mackensens noch weit zurück war, sollte am 19. auf dem rechten Ufer der Pilica weiter gegen Nordosten vorgehen. Demgemäß beschränkten sich das XII. und das IV.Korps an diesem Tage auf die Erkundung der russischen Stellungen. Beim XII. grub sich die 16. ID. im Anschlüsse an die rechts benachbarte deutsche 35.RD. an der Czarna nördlich von der von Przedbórz nach Końsk führenden Straße ein; die 35. ID. wurde als Reserve bereitgestellt. Das IV. besetzte das westliche Flußufer mit der 32. und der 31.ID. beiderseits von Kiew1). GdA. Gallwitz aber versuchte, mit der 27. ID. und dem unterstellten Kavalleriekorps Hauer auf Opoczno und rechts von der Pilica gegen Nordosten Raum zu gewinnen. Die 27. ID. geriet jedoch bald in schweres russisches Artilleriefeuer und kam nicht vorwärts, Hauer gelangte bis in die Gegend südlich von Smardzewice.

Böhm-Ermolli hatte inzwischen den Armeeabteilungsführer gebeten,

J) Bei Starzechowice (nordöstlich von Czermno an der Czarna) gelang es dem Feinde am 19. Dezember, eine vorgeschobene Gefechtsgruppe der 32. ID. von drei Seiten einzuschließen. Oblt. Franz Matheis, Kompagniekommandant im IR. 23, rettete diese Abteilung durch einen kühnen, aus eigener Initiative in die feindliche Flanke geführten Bajonettangriff vor der Vernichtung. Er erhielt für diese Waffentat das Ritterkreuz des Militär-Maria Theresien-Ordens.

durch Vermittlung der k. u. k. Heeresleitung zu erwirken, daß die über Tomaszów nach Osten vorgegangene 1. GRD. über Inowlodz nach Süden abgedreht werde, wodurch sich die Möglichkeit zu eröffnen schien, den bei Opoczno vermuteten Nordflügel Ewerts anzugreifen. Als Gallwitz am Abend nach Piotrków, dem neuen Standorte des 2. Armeekmdos., meldete, daß im Pilicabogen kein ernstlicher Widerstand des Feindes mehr zu gewärtigen sei, entschloß sich Böhm - Ermolli, schon am nächsten Morgen mit der ganzen 2. Armee loszugehen. GO. Woyrsch hielt dagegen an seiner Anschauung fest, daß der Russe zu hartnäckiger Verteidigung bereitstehe; er erwartete sogar einen feindlichen Gegenangriff von Opoczno her gegen die 2. Armee und legte ihrem Führer daher nahe, einen Stirnangriff gegen die starken russischen Stellungen nicht früher zu unternehmen, ehe sich ein entsprechender Druck auf beide feindliche Flügel fühlbar gemacht habe. Die Armee sollte hiezu möglichst starke Kräfte auf ihrem Nordflügel versammeln und sodann — gleichzeitig mit dem umfassenden Vorgehen der 1. GRD. über die Pilica nach Süden — zum Angriffe schreiten1). GdK. Böhm-Ermolli bestand aber auf der Durchführung des bereits erlassenen Angriffsbefehles, um zwischen den beiden russischen Heeresgruppen durchzubrechen, ehe der Feind seine Mitte wieder verstärkt hätte.

Dementsprechend führte GdA. Gallwitz die 27. ID. am 20. morgens aus dem Raume bei Mniszków in nordöstlichster Richtung vor, um den nächst Opoczno vermuteten rechten Flügel Ewerts, das III. kauk. Korps, zu umklammern. Die Division drang jedoch nicht durch und wurde alsbald von den Russen selbst angegriffen, wobei ihr linker Flügel eingedrückt wurde. Damit war auch die Tätigkeit Hauers lahmgelegt. Die 3. KD., beauftragt, nördlich von Opoczno vorzustoßen und die im Marsche nach Inowlodz beobachtete russische 45. ID. des XIV. Korps festzuhalten, zwang stärkere feindliche Kräfte, die aus Opoczno vorbrachen, zur Entwicklung und wich dann kämpfend nach Brzostów aus. Die 9. KD. zog sich gegen die Pilica zurück. Nicht besser erging es den beiden anderen Korps. Beim IV. nahm die 31. ID. zwar eine russische Vorstellung; doch die 32. ID. wurde nach Überschreitung der Czarna bei Przyłęk in der Nacht wieder zum Uferwechsel genötigt. Das XII. Korps schob sich nördlich von der Straße nach Końsk nur bis an die festen russischen Linien heran.

GFM. Hindenburg hatte unterdessen den von Süden her bedrohten rechten Flügel der deutschen 9. Armee angehalten. Von diesem wandten sich das Kavalleriekorps Frommei, die Division Menges und das Korps

l) Reichs archiv, VI, 314.

Posen nunmehr gegen die über den Raum bei Opoczno in nördlicher Richtung voreilenden Russen. Als Böhm-Ermolli erfuhr, daß Frommei bei und unterhalb von Tomaszów auf das rechte Pilicaufer rücken sollte, bat er angesichts der geschilderten Verhältnisse bei seiner Armee, das Vorgehen der deutschen Reiterei zu beschleunigen, während das Kavalleriekorps Hauer von ihm zu neuerlichem Vorstoß gegen Nordosten befohlen wurde.

Am Abend des 20. langte der Heeresbefehl des AOK. ein, der nebst den schon wiedergegebenen allgemeinen Weisungen (S. 56) der Armeeabteilung Woyrsch den Schutz der Südflanke der deutschen 9. Armee durch einen stark zu haltenden Nordflügel übertrug. Böhm-Ermolli befahl hierauf seinen Korps, sich einzugraben und standzuhalten. Gleichzeitig trug er Sorge, Gallwitz durch die 32. ID. zu verstärken, indem er im Einvernehmen mit Woyrsch durch eine Linksschiebung des LKorps und der 35.RD. die k.u.k. 35.ID. des XII.Korps zur Auslösung der 32.ID. freimachen ließ. Ehe diese aber dem Nordflügel der 2. Armee zugeführt war, nahmen die Dinge eine ungünstige Wendung.

Gen. Ewert hatte Pilica abwärts von Inowłodz bis zur Czarna starke Kräfte (halbes XVI., XIV., III. kauk. und Kavalleriekorps Gillenschmidt) versammelt und suchte auf Geheiß Iwanows aus dem Pilicabogen hervorzubrechen, um die gegen Osten vorspringende Front der Verbündeten an ihrer Nahtstelle zu durchbrechen1).

Schon in der Nacht zum 21. mußte die 27. ID. vor dem russischen Angriff auf Mniszków—Bukowiec Raum geben. Zwischen ihr und der 3. KD., die bei Brzostów dem Korps Frommei den Pilicaübergang offenhielt, schoben sich russische Kräfte ein. Gegen Mittag griff der Feind die

27. ID. neuerlich an. Während die zum Schutze ihrer Nordflanke bestimmte 9. KD. an die Pilica zurückglitt, ^sprang auch eine Lücke zwischen der 27. und der 31. ID. auf. In fliegender Hast wurden die Reserven des

IV. Korps (drei Bataillone, eine halbe Schwadron und eine Batterie) nach Mniszków geschickt; ihnen gelang es, den offenen Raum rechtzeitig auszufüllen. Unterdessen wich aber im Norden die 3. KD. vor dem heranrückenden XIV. Russenkorps über die Pilica zurück. Die Gefahr, daß der Feind den bis Lubocz vorspringenden Eckpfeiler an der Grenze zwischen den Armeen Böhm-Ermolli und Mackensen von Süden her eindrückte* war groß. Mackensen sicherte seine Flanke durch die erwähnten, nach Süden abgedrehten Verbände; außerdem wurde das hinter der Mitte der

9. Armee stehende Kavalleriekorps Richthofen (deutsche 6. und 9. KD.) in Eilmärschen herangezogen, so daß schließlich bis zum 22. zwischen

Tomaszów und Lubocz drei deutsche Landwehrbrigaden und fünf Kavalleriedivisionen versammelt waren.

GdK. Böhm-Ermolli hoffte mm, daß die Kavallerie Frommeis und Richthofens durch einen kräftigen Vorstoß über die Pilica das Korps Gallwitz entlasten und zu einem neuerlichen Vorgehen befähigen würde. Indes vermochte das Korps Posen, das sich mit zwei Brigaden auf dem rechten Pilicaufer bei Tomaszów festgesetzt hatte, der deutschen Reiterei nicht den Weg in die Flanke des hier haltenden Feindes zu bahnen. Angesichts dieser Vorgänge war sich der Führer der 2. Armee alsbald im klaren, daß selbst die Kraft von sieben Kavalleriedivisionen (einschließlich des Korps Hauer) nicht ausreiche, um der Lage in den waldumgebenen Niederungen von Tomaszów eine entscheidende Wendung zu geben. Er bemühte sich daher, durch Vermittlung des GO. Woyrsch und des AOK. den Oberbefehlshaber Ost zu bewegen, mit stärkeren Infanteriekräften in den Rücken der vor Gallwitz zusammengeballten Russenmassen vorzustoßen. Die 9. Armee hatte jedoch alle ihre Kräfte bereits eingesetzt, um die Bzura und Rawka zu forcieren und war daher außerstande, diesem Wunsche zu entsprechen.

Während auf dem Nordflügel der 2. Armee die Kämpfe am 23. abflauten, wurde um die Pilicaübergänge bei Inowlodz umso heftiger gerungen. Dort hatte die 18. ID. des russischen XIV.Korps vorübergehend auf dem nördlichen Ufer Fuß gefaßt, so daß die beim Korps Richthofen befindliche Infanterie und die Artillerie von Tomaszów dahin dirigiert werden mußten x).

Gallwitz, mittlerweile durch die 32. ID. verstärkt, konnte am 25. den Angriff wieder aufnehmen; das 9. Armeekmdo. hatte dessen Unterstützung durch die Korps Posen und Frommei zugesagt. Die auf dem linken Flügel des Korps Gallwitz eingesetzte 32. ID., die südlich von Smardzewice vorstieß, kam an diesem Tage bis an die russische Hauptstellung heran, die Sicherung rechts besorgte die 27. ID. bei Bukowiec und in der linken Flanke Hauer mit der 9. KD. zu Fuß und der 3. KD. zu Pferd. Das Korps Posen drang mit zwei Brigaden aus dem Brückenkopf von Tomaszów beiderseits der Bahn nach Opoczno bis Wawol und Brzostów vor. Die deutsche 5. KD. und die öst.-ung. 7. KD. Frommeis wurden noch bei Tomaszów zurückgehalten, während bei Inowlodz eine deutsche Landwehrbrigade mit der Infanterie und Artillerie Richthofens das Südufer der Pilica gewann.

Am nächsten Tag wollte Böhm-Ermolli mit allen nördlich von der

Czarna befindlichen Kräften den Angriff in östlicher Richtung fortsetzen; doch hielt Gallwitz den Zeitpunkt für die angestrebte Umklammerung des russischen Nordflügels noch nicht für gekommen *), weil die Korps Posen und Frommei noch zurückhingen und der geplante deutsche Vorstoß von Inowlodz an diesem Tage noch nicht zu gewärtigen war. Die vorerst nur auf nahe Ziele gerichtete Vorrückung der 32. und des linken Flügels der 27. ID. führte zu Kämpfen ohne wesentlichen Raumgewinn. Die Russen gingen jedoch zu Gegenstößen über. Als das 2. Armeekmdo. davon erfuhr, befahl es dem IV. Korps, anzugreifen. Nach kurzer Zeit lagen aber dessen Schützenlinien vor der feindlichen Hauptstellung fest. Die 3. KD. wehrte mittlerweile den Feind nördlich von der 32. ID. ab.

Auf Anregung Böhm-Ermollis ersuchte das AOK. den Oberbefehlshaber Ost, das Korps Posen und das Korps Richthofen am 27. unter einheitlicher Führung von Tomaszów auf Krasnica zur Unterstützung der 2. Armee eingreifen zu lassen. Eine Einigung konnte jedoch nicht erzielt werden. Die Deutschen beabsichtigten, nur die öst.-ung. 7. KD. dem bei Brzostów fechtenden Gros des Korps Posen und der deutschen

5. KD. nachzusenden, im übrigen aber vorläufig auf dem nördlichen Pilicaufer stehenzubleiben und erst nach Wiederherstellung der abgebrannten Brücke bei Inowlodz von dort aus den Angriff anzusetzen.

So kam es, daß der linke Flügel der 2. Armee auch am 27. nicht imstande war, den Angriff weiter vorzutragen. Nach Gefangenenaussagen und Funksprüchen schien es, als ob sich der Feind im Pilicabogen verstärkt und auch Kräfte von Norden auf das südliche Flußufer herangezogen hätte. Unter solchen Umständen bot die Fortsetzung des Stoßes auf Opoczno bei der bisherigen Kräfteverteilung wenig Aussicht auf Erfolg. Böhm-Ermolli entschloß sich daher, die 35. ID. aus der Front des

IV. Korps zu ziehen und sie auf dem entscheidenden Nordflügel beim GdA. Gallwitz einzusetzen.

Endlich wurde jetzt auch im Einvernehmen mit Mackensen eine einheitliche Befehlsführung bei Tomaszów erzielt, indem die rechts von der Pilica befindlichen Truppen der Korps Posen und Frommei dem GdA. Gallwitz für den am 29. geplanten Angriff unterstellt wurden. Der deutsche Korpsführer verfügte nunmehr über vier Infanterie- und vier Kavalleriedivisionen 2).

Nebel und Regenwetter verhinderten am 29. die Artillerievorberei-

*) Gallwitz, Meine Führertätigkeit im Weltkrieg 1914/16 (Berlin 1929), 167.

2) 27., 32. und 35. ID., zwei Landwehrbrigaden des Korps Posen, Kavalleriekorps Hauer (9. und 3. KD.) und Frommei (7. und deutsche 5. KD.).

tung. FML. Fox sollte das Gros der 32. ID., die halbe 35. ID. und Schützenabteilungen des Korps Hauer auf dem Nordflügel, südlich an Brzostów vorbei, entlang der Bahnlinie nach Opoczno vorführen1). Ohne die Hilfe der Artillerie konnte man aber in die mit starken Drahthindernissen versehenen russischen Stellungen nicht eindringen. Gallwitz beantragte die Verschiebung des Unternehmens auf den nächsten Tag. Als nun in Piotrków die Nachricht eintraf, daß das feindliche XVI. Korps vor dem Südflügel der Armeeabteilung Woyrsch abziehe und daß sowohl die deutsche Division Bredow als auch das Landwehrkorps zur Ausnützung dieser Lage am 30. zum Angriff schreiten werden, entschloß sich Böhm-Ermolli, den Vorschlag des GdA. Gallwitz anzunehmen und erst am 30., dann aber mit seiner ganzen Armee anzugreifen. Er gab jedoch diesmal dem Korps Gallwitz nur mehr die Gewinnung der Slomiankaniederung als Ziel, weil er erkannt hatte, daß der von ihm seit Wochen angestrebte Durchstoß zwischen den beiden feindlichen Heeresgruppen mit den vorhandenen Kräften nicht mehr zu erreichen sei. In diesem Sinne berichtete er auch mit Rücksicht auf die bisherigen, nicht unerheblichen Verluste und den Mangel an Artilleriemunition dem AOK. und dem GO. Woyrsch.

GdI. Conrad teilte diese Auffassung, umsomehr, als eine Verstärkung der 2. Armee ausgeschlossen war. Die erschöpften Truppen Mackensens kämpften an der Bzura und Rawka gegen Überlegenheit. Die Hoffnung, daß diese Armee, wie dies dem k. u. k. Chef des Generalstabes vorgeschwebt hatte, zur Umfassung des russischen Nordflügels gegen Südosten einschwenken werde, war geschwunden und ebensowenig ließ sich von der Wirksamkeit des galizischen Hebels der Zange erwarten. Conrad sah daher die Aufgabe der 2. Armee als erfüllt an, „wenn sie die Lücke zur 9. Armee schloß, deren Flanke verläßlich deckte und ein Abziehen von Kräften seitens des ihr gegenüberstehenden Feindes verhinderte, ohne die Gefechtskraft der Truppen allzu sehr zu verbrauchen und ohne sich einem Rückschläge auszusetzen“.

Wie erwartet, erzielte der Angriff des Korps Gallwitz auch am 30. im schwierigen Wald- und Sumpfgelände gegen die stark ausgebauten Stellungen des III. kauk. und des XIV. Korps keinen nennenswerten Fortschritt. Desgleichen kam der über Inowłodz gegen Süden angesetzte Stoß der Deutschen nicht weit vorwärts und auch dem rechten Flügel der Armee-abteilung Woyrsch blieb — von örtlichen Vorteilen abgesehen — ein durchschlagender Erfolg versagt. Um die Front südlich von Tomaszów mit dem rechten Flügel Mackensens bei Inowłodz noch fester zu verkitten, sollte

!) Gallwitz, 170.

der Angriff des Korps Gallwitz am 31. planmäßig fortgesetzt werden; doch kam es zu einem ernstlichen Vorgehen an diesem Tage nicht mehr. Das Kavalleriekorps Richthofen erstritt sich schließlich noch endgültig den Brückenkopf von Inowlodz durch die Säuberung des Raumes im Mündungswinkel des Slomiankabaches.

Damit waren die Kämpfe der 2. Armee bei Tomaszów beendet. Die Ungunst der Witterung, zuerst Kälte, dann Nässe und Tauwetter in den Weihnachtstagen, hatte Erfrierungen und Gelenkskrankheiten zur Folge, auch mehrten sich die Ruhr- und Flecktyphusfälle. Böhm-Ermolli beschränkte sich mit seiner nur noch etwa 38.000 Gewehre und 2700 Reiter zählenden Armee auf die Festhaltung der erreichten Linien und war dadurch in der Lage, die abgekämpfte 35. ID. und das Kavalleriekorps Hauer zu ihrer dringend notwendigen Retablierung aus der Front zu ziehen. Im Laufe des l.und des 2. Jänner 1915 traten die 27. ID. zum

IV. Korps und alle südlich von der Pilica zur Unterstützung der 2. Armee verwendeten deutschen Verbände wieder zur 9. Armee. Die 7. KD., die schon während der Novemberoperationen bei Zduńska Wola im Verbände des Korps Frommei tapfer gefochten hatte, wurde der 2. Armee unterstellt.

Um die Jahreswende fielen die Verbündeten nach ruhmreichen Kämpfen im Weichselbogen überall in die Verteidigung zurück. Nördlich vom Strome war das Korps Graudenz wieder bis Bielsk, Ciechanów und Przasnysz vorgerückt, als die russischen Hauptkräfte vor dem Angriffe Mackensens hinter die Bzura und Rawka zurückgingen. In Ostpreußen hielt die 8. Armee gegen die Offensivunternehmungen der russischen 10. Armee stand. War es nun auch den beiden im Zentrum der Gesamtfront befindlichen öst.-ung. Armeen Dankl und Böhm-Ermolli nicht mehr gelungen, den Feind bis an die Weichsel zu drängen, so hatten sie doch die Operationen Hindenburgs bis zur Lahmlegung der „russischen Dampfwalze“ wirksam unterstützt, indem sie sich zuerst dem heranbrandenden feindlichen Heere an der schlesischen Lücke entgegenstellten, durch ihren Angriff die 4. und die 9. Armee festhielten und dadurch erhebliche Kräfte des Feindes an einem Eingreifen gegen die deutsche 9. Armee verhinderten.

Noch ahnte niemand, daß, gleichwie schon seit einiger Zeit der Bewegungskrieg gegen die Alliierten im Westen und gegen Serbien zum Stillstände gekommen war, den Streitkräften der Mittelmächte auch gegen Rußland, trotz einzelner Versuche, den Bann zu brechen, viele Monate hindurch kein entscheidender, raumgreifender Fortschritt be-schieden sein sollte. Allerdings hatte auch das AOK. nunmehr den Eindruck gewonnen, „als ob die Aktionskraft beider Gegner im Erlahmen wäre und beide der Ruhe bedürften, wenigstens für kurze Zeit1)“. Conrad hoffte aber doch, die Offensive mit der 3. Armee am 5. Jänner wieder aufnehmen zu können. Die Umrisse der nächsten Operationen zeichneten sich damit bereits ab.

Die Neujahrsbesprechung der verbündeten Führer

in Berlin

Hiezu Beilagen 2, 3 und 4

Immer nötiger hielt es der k. u. k. Generalstabschef, noch vor dem Ende des Winters einen entscheidenden Erfolg zu erzielen, der nach seiner festen Überzeugung nicht im Westen, sondern nur im Osten zu erreichen war. In Kenntnis davon, daß Deutschland im Begriffe war, vier neue Korps aufzustellen, richtete er am 27. Dezember eine Depesche an Falkenhayn, um ihn zu bewegen, frische Kräfte zu einem entscheidenden Schlage gegen Rußland heranzuführen. Gegenwärtig befänden sich die Verbündeten an der Ostfront überall feindlicher Übermacht gegenüber. Der Gefechtsstand der öst.-ung. Divisionen könne bis zum Februar nicht viel über Brigadestärke aufgefüllt werden. Der rasche Einsatz aus dem Westen herangeführter oder neu aufgestellter deutscher Armeekörper sei daher umso dringender, als Anfang März mit einem in seinen Folgen nicht abzusehenden Eingreifen der Neutralen gerechnet werden müsse. „Besteht für deren Einsatz [den von Verstärkungen] nördlich der Weichsel Besorgnis, daß sich diese Kräfte etwa an befestigter Narewlinie festfahren, dann käme deren Verwendung in der Lücke zwischen Pilica und Nida, namentlich am Nordflügel der Armee Woyrsch in Betracht, um dort die Lücke der russischen Front Richtung Radom durchzudrücken und Rückzug der Russen hinter Weichsel-Sanlinie zu erzwingen.“ Conrad berief sich bei seiner Forderung auf die im Frieden getroffenen Vereinbarungen, nach denen, sobald in Frankreich ein großer Erfolg errungen war, namhafte deutsche Kräfte nach dem Osten übergeführt werden sollten. Nach dem Ausgange der Marneschlacht müsse, wie er immer wiederholte, der Kampf im Westen abwehrweise geführt und der verblutende Verbündete sowie das deutsche Ostheer verstärkt werden, um die Entscheidung gegen Rußland zu erzwingen.

An GFM. Hindenburg erging ein Telegramm gleichen Inhaltes. Conrad fügte hinzu, daß er auf Zuschübe für das deutsche Ostheer des*) C o n r a d, V, 950. Der von den Hauptkräften der Verbündeten im Monate Dezember erzielte Raumgewinn ist in der Beilage 4 ersichtlich gemacht.

halb besonderes Gewicht gelegt habe, um nicht genötigt zu sein, die in Polen kämpfende Armee Böhm-Ermolli, ohne daß für Ersatz vorgesorgt werde, den schwer ringenden Streitkräften südlich der Weichsel zuzuführen. Schließlich bat er Hindenburg, die dargelegte Auffassung in Mé-ziěres zu vertreten6). Als am 28. Nachrichten einliefen, daß in Polen russische Verschiebungen im Gange und drei Korps aus der Front gelöst worden seien, plante Conrad tatsächlich, die 2. Armee nach Bartfeld und Mezölaborcz zu ziehen. Indes wollte er bis zur Beantwortung seiner Depesche durch Falkenhayn an der bestehenden Gruppierung nicht rütteln 7).

Diese Antwort traf am 29. in Teschen ein. Der deutsche Generalstabschef hatte aus der Mitteilung seines Kollegen die Einnahme eines neuen Standpunktes und einen Widerspruch gegenüber den Abmachungen in Oppeln herausgelesen und bat um mündliche Aussprache in Méziěres oder in einem nächstgelegenen Orte.

Wie er mitteilte, schien ihm derzeit alles darauf anzukommen, daß die öst.-ung. Hauptkraft ihre gegenwärtigen Stellungen halte, während die deutsche 9. und die k. u. k. 2. Armee weiter versuchen sollten, den Feind mürbe zu machen. Conrad antwortete umgehend, die Besprechungen in Oppeln hätten bezweckt, festzulegen, was zu geschehen habe, sobald die Russen hinter die Weichsel-Sanlinie zurückgegangen sein würden und wie dies zu erreichen sei. Bisher sei es weder den eigenen Kräften nördlich von der Weichsel gelungen, den Feind zum Rückzuge hinter den Strom zu zwingen, wie dies in Oppeln vorausgesetzt worden war, noch sei es trotz des Erfolges bei Limanowa-Łapanów der 3. und der 4. Armee geglückt, die Russen hinter den San zu drängen. „Neu dabei ist nur, daß ich im Telegramme vom 27. d. M. die Dringlichkeit einer Entscheidung im Osten hervorhob mit Rücksicht auf das im Frühjahr zu gewärtigende Verhalten der Neutralen8).“

Die Depesche schloß damit, daß Conrad erklärte, für eine mündliche Besprechung nicht abkömmlich zu sein; er habe nur einen Vorschlag gemacht und bitte um die Stellungnahme Falkenhayns. Als dieser aber nochmals den Wunsch nach einer Zusammenkunft — diesmal in Berlin — äußerte, trat Conrad am Silvesterabend die Reise nach der deutschen Reichshauptstadt an. An der Besprechung, die am Neujahrstage in den

Amtsräumen des preußischen Kriegsministeriums stattfand, nahm auch General Ludendorff teil1).

Bei dieser Gelegenheit wies Conrad abermals darauf hin, daß in Frankreich „alles festgefahren“ sei und nur im Osten durch den Einsatz von sechs deutschen Divisionen zwischen der deutschen 9. Armee und der Armeeabteilung Woyrsch ein Erfolg erzielt werden könnte, der sich auch auf die Gesamtlage günstig auswirken würde. Als Ludendorff hingegen unter der Voraussetzung, daß dem Ostheere die in der Aufstellung begriffenen neuen Armeekörper zugeführt würden, einen Stoß aus Ostpreußen gegen Bielostok vertrat, waran sowohl Conrad als auch Falkenhayn der übereinstimmenden Meinung, daß ein solcher bei den in Betracht kommenden großen Entfernungen keinen Einfluß auf die Lage in Westpolen üben könnte. Ludendorff kam hierauf mit einem neuen Vorschläge. Da die Fortführung des Angriffes an der Front Mackensens nicht mehr aussichtsreich scheine, sei er bereit, dem öst.-ung. Heere drei bis vier Divisionen der deutschen 9. Armee zur Verfügung zu stellen. Freudig nahm Conrad das Anerbieten an und entwickelte sogleich seine Absicht, die deutschen Divisionen zur Ablösung der Armee Böhm-Ermolli zu verwenden und nach deren Einsatz östlich von der k. u. k. 3. mit beiden Armeen zur Rechtsumfassung Brussilows aus den Karpathen hervorzubrechen. Aber auch gegen den Abänderungsvorschlag Ludendorffs, die k.u.k. 2. Armee lieber in Polen zu lassen und die deutschen Truppen an der geplanten Offensive teilnehmen zu lassen, äußerte er keine Bedenken.

Falkenhayn verhielt sich jedoch gegen eine Karpathenoperation völlig ablehnend. Nicht nur, daß die Geländeschwierigkeiten nahezu unüberwindlich seien, besitze der Russe überdies den Vorteil besserer Verbindungen und würde durch rasche Kräfteverschiebungen jedem Schlage zuvorkommen. Der Frontalangriff in Westpolen erschien dem General als das zweckmäßigste Unternehmen. Unter dem Eindrücke, daß dieser Gedanke allseitige Billigung gefunden habe, kehrte er in das Große Hauptquartier zurück.

Schon am folgenden Tage erhielt Conrad von ihm die Mitteilung, daß sich Kaiser Wilhelm mit der Stellungnahme Falkenhayns insofern einverstanden erklärt habe, als die Abgabe von Kräften aus dem Westen zurzeit unmöglich und die Frage der Verwendung der neuaufgestellten deutschen Korps erst in drei Wochen spruchreif sei. Doch ergehe an das

Die Angaben über diese Verhandlungen sind unter anderem auch einer vom deutschen Reichsarchiv bearbeiteten Studie „Die deutsche Südarmee. Anfang Januar bis Anfang Juli 1915“ entnommen.

Oberkmdo. Ost die Aufforderung, die Entscheidung auf dem linken Weichselufer durch schärfsten Druck in der Pilicagegend zu erzwingen, wobei vorausgesetzt werde, daß die öst.-ung. Fronten in Südpolen, in Westgalizien und in den Karpathen standhielten.

Erster Versuch zur Offensive über die Karpathen

Neue Offensivpläne der Verbündeten Hiezu Beilagen 4 und 5

Bei der Neujahrsbesprechung in Berlin hatte sich GdI. Conrad in politischen Belangen auf persönliche Mitteilungen stützen können, die ihm kurz zuvor vom Grafen Berchtold gemacht worden waren. Der Außenminister, der am 30. Dezember in Begleitung des Botschafters in Berlin, des Prinzen Gottfried Hohenlohe, in Teschen eingetroffen war, hatte die Verhältnisse im Süden der Monarchie als augenblicklich nicht bedrohlich hingestellt; er hielt einen Austritt Italiens aus dem Dreibund noch nicht für bevorstehend und hoffte, das römische Kabinett durch Verheißung eines Landgewinnes in Albanien ablenken zu können. Der unglückliche Ausgang der Kämpfe in Serbien habe die Italiener eher besänftigt als zu Taten angeregt. Immerhin war dem Minister der Rückzug über die Save mit Rücksicht auf die unsichere Haltung Rumäniens recht unerwünscht; auch fürchtete er, daß die Türkei ausspringen und in das feindliche Lager hinüberwechseln würde, falls der Weg für die Munitionszufuhr nicht freigemacht werden könnte. Der Minister schlug daher vor, zur unmittelbaren Verbindung mit Bulgarien die Nordostecke Serbiens mit Hilfe von zwei deutschen Divisionen zu besetzen. Conrad verwahrte sich dagegen; erlange man deutsche Unterstützung, so müsse sie zur Entscheidung gegen Rußland verwendet werden1).

Im Gegensatz zu diesen im allgemeinen beruhigenden Versicherungen Berchtolds trafen jedoch in der ersten Jännerwoche sowohl vom Ballhausplatz als auch vom Militärattache in Rom alarmierende Nachrichten beim AOK. ein, welche die aus dem Süden drohende Gefahr näher rückten. „Sicher ist,“ hieß es in einem vom FM. Erzherzog Friedrich am 5. Jänner an den Kaiser erstatteten schriftlichen Vortrag, „daß ein Angriff Italiens und Rumäniens oder selbst nur eines dieser Staaten die Monarchie in eine militärisch unhaltbare Lage bringen würde. Diese Situation drängt zu raschem Handeln, und zwar in der Absicht eines ehestens gegen Rußland zu erzielenden Erfolges.“ Diesen Erfolg wollte das AOK. nun doch durch den schon im Vormonat versuchten Stoß möglichst starker Kräfte aus den Karpathen gegen Norden herbeiführen. Unverkennbar spielte bei der Wahl dieser Angriffsrichtung der Wunsch nach dem baldigen Entsatz von Przemyśl eine sehr große Rolle; dazu kam noch die Nötigung, ungarisches Gebiet vor russischer Invasion zu schützen.

Das deutsche Oberkmdo. Ost war anderer Ansicht wie Falkenhayn und stimmte grundsätzlich dem von Teschen vertretenen Gedanken eines Angriffes aus den Karpathen zu, den es von einer Offensive aus Ostpreußen begleiten lassen wollte. Schon am 2. wurde von Posen aus im Sinne der in Berlin erteilten Zusage Ludendorffs dem AOK. mitgeteilt, daß die deutsche 9. Armee für den Fall, als sie westlich von Warschau nicht vorwärts kommen sollte, vier bis fünf Infanteriedivisionen an den Ostflügel der Armee Boroević abgeben könnte. Diese Freigebigkeit erfuhr jedoch eine Einschränkung, als Mackensen am 5. bei Bolimów und Rawa unerwarteterweise einen ansehnlichen Erfolg über die Russen errang und man durch den Entzug erheblicher Kräfte die Fortführung der aussichtsreichen Aktion nicht unterbinden wollte. Das Anbot wurde auf zweieinhalb Infanteriedivisionen und eine Kavalleriedivision ermäßigt. Fast wäre es wegen eines in diesen Tagen zwischen den Militärverwaltungen in Polen ausgebrochenen Zwiespaltes — es handelte sich um die Aufteilung des politischen Bezirkes Bendzin — auch zu dieser Aushilfe nicht gekommen. Als Folge der entstandenen Mißstimmung knüpfte das Oberkmdo. Ost an die zugesagte Unterstützung einige Bedingungen, denen die k. u. k. Heeresleitung nicht entsprechen konnte. Sie beantragte daher, die Armee Böhm-Ermolli doch lieber durch deutsche Truppen zu ersetzen und statt der zugebilligten Verbände in die Karpathen abzutransportieren. Der Zwischenfall wurde jedoch alsbald durch eine loyale Erklärung aus Posen beigelegt.

Weniger bereitwillig zeigte sich Falkenhayn. Sicherlich waren seine schon in Berlin zur Sprache gebrachten Bedenken gegen die Zweckmäßigkeit einer nach Gelände und Jahreszeit gleich schwierigen Operation in den Karpathen schwerwiegender Natur; auch erwartete er sich von diesem Unternehmen bestenfalls ein Zurückdrücken der Russen aus dem Gebirge in das ebene Anland Galiziens, womit man die kriegerischen Gelüste auf der apenninischen Halbinsel kaum dämpfen würde. Die Italiener ließen sich nach der Meinung der deutschen Staatsmänner, denen

Falkenhayn durchaus beipflichtete1), nur durch schleunigste und weitestgehende Befriedigung ihrer Gebietswünsche im Zaume halten. Aus diesem Grunde stellte der deutsche Generalstabschef jetzt ganz andere operative Ideen zu Conrads Erwägung.

Die von Mackensen abgezweigten deutschen Kräfte seien nicht in den Karpathen, sondern verstärkt durch weitere, der Ostfront zu entnehmende Verbände gegen Serbien zu verwenden, wo der durch Kämpfe, Krankheiten und Entbehrungen geschwächten feindlichen Armee, die auch bittere Not an Kriegsmaterial leide, ein entscheidender Schlag versetzt werden könne. Damit würde auch die Geltung Österreich-Ungarns auf dem Balkan und gegenüber Italien wieder hergestellt werden. Rumäniens Haltung, das erhoffte Losschlagen Bulgariens an der Seite der Mittelmächte und die außerordentlich wichtige Verbindung mit der Türkei seien ausschließlich von der Lage in Serbien abhängig2). Dieses Unternehmen werde aber nur dann zum Ziele führen, wenn die Armee Boroević die Karpathenpässe trotz ausbleibender Unterstützung auf die Dauer von sechs bis acht Wochen behaupten könne; ebenso dürfe für Przemyśl bis Ende Februar keine Gefahr bestehen.

In Teschen war man solchen Plänen durchaus abgeneigt. So wurde auch dem Wunsche der DOHL., beim k.u.k. Ministerium des Äußern Zugeständnisse an Italien zu befürworten, nicht entsprochen. Conrad warnte im Gegenteil den Grafen Berchtold davor, die italienische Neutralität durch Gebietsabtretungen erkaufen zu wollen und betonte auch nachdrücklich, daß derzeit ohne entscheidenden Erfolg gegen Rußland selbst der größte Sieg über Serbien politisch wirkungslos bleiben würde. Auch der spätere Besuch des Erzherzog-Thronfolgers beim Kaiser Wilhelm galt vor allem der Zurückweisung des deutschen Ansinnens, österreichisches Gebiet an Italien abzutreten.

Nach diesen fruchtlosen Bestrebungen, ein erwünschteres Tätigkeitsfeld für die der deutschen Ostfront entnommenen Kräfte zu gewinnen, verständigte die DOHL. das AOK. am 8. Jänner, daß sie zweieinhalb Infanteriedivisionen und eine Kavalleriedivision abgeben werde. Diese sollten mit gleich starken öst.-ung. Kräften als Südarmee unter den Befehl des deutschen GdI. v. Linsingen gestellt werden, dem Ludendorff

*) Die voraussichtliche Bedrohung der Südflanke des deutschen Westheeres durch ein feindliches Italien mag für die Stellungnahme Falkenhayns gleichfalls von Einfluß gewesen sein.

2) Vgl. auch Falkenhayn, Die Oberste Heeresleitung 1914—1916 in ihren wichtigsten Entscheidungen (Berlin 1929), 48 f.

— zu allgemeiner Überraschung aller Außenstehenden — als Generalstabschef zur Seite treten sollte x).

Die näheren Vereinbarungen über den Einsatz der Südarmee wurden in unmittelbarem Einvernehmen zwischen dem AOK. und dem Ober-kmdo. Ost getroffen. Als Falkenhayn erfuhr, daß man die gebirgsunge-wohnten deutschen Truppen östlich vom Uzsokpasse verwenden wolle, erschien ihm das ganze Unternehmen neuerlich im ungünstigsten Lichte; die deutsche Artillerie und die schweren Trainfuhrwerke würden in der gegenwärtigen Jahreszeit in diesem unwegsamen Gebiete nicht fortkommen, es wäre viel besser, die Südarmee westlich vom Passe im Einklänge mit der 3. Armee vorrücken zu lassen2). Zunächst fruchtete es nichts, daß Conrad drahtete, die Weg- und Geländeverhältnisse seien in der vom AOK. für die Südarmee in Aussicht genommenen Operationsrichtung ganz die gleichen wie in der von Falkenhayn gewünschten. Der Südarmee stünden zwei gute durchlaufende Straßen und eine Bahnlinie zur Verfügung; durch reichliche Beistellung von leichtem Fuhrwerk und von Tragtieren werde für das Fortkommen der deutschen Truppen gesorgt werden, endlich sei durch die zur Südarmee tretenden k. u. k. Verbände die Möglichkeit geschaffen, schwierige Aufgaben auf Gebirgswegen durch Truppen lösen zu lassen, die hier seit Monaten kämpften und mit Gebirgsartillerie versehen waren. Falkenhayn gab sich nicht zufrieden. Erst bei einer Besprechung mit Conrad in Breslau am 11. Jänner stimmte er zu, weil die gleichzeitig anwesenden Generale Linsingen und Ludendorff erklärten, die Aufgabe der Südarmee sei zwar nicht leicht, aber immerhin durchführbar; man könne allerdings keine Entscheidung, doch vielleicht einen großen Sieg erhoffen.    .

Bestand nun die k. u. k. Heeresleitung trotz der Verschärfung der Beziehungen zu Italien auf ihrem Operationsplane, so wünschte sie jetzt den Regierungen in Rom und Bukarest deutlich kundgeben zu können,

*) Vermutlich war die auffallende Maßnahme, Hindenburg von seinem bewährten Berater zu trennen, der Rivalität zwischen Falkenhayn und dem siegreichen Oberbefehlshaber der deutschen Ostfront zuzuschreiben. Hatte sich Ludendorff für die unerwünschte Karpathenoperation mit solcher Wärme eingesetzt, so sollte er sich auch an ihrer Durchführung beteiligen.

2) Der Vertreter der DOHL. beim AOK., GLt. v. Freytag-Loringhoven, hatte Falkenhayn vor dem Einsatz deutscher Verbände in den Waldkarpathen gewarnt und vorgeschlagen, die Stoßkraft der deutschen Divisionen zu einer Offensive im Vereine mit dem rechten Flügel der Armee Boroević in der Richtung Sambor—Przemyśl auszunützen und so den Entsatz der Festung herbeizuführen (Freytag-Loringhoven, Menschen und Dinge, wie ich sie im Leben sah, 259).

daß jeder Einbruch in das Gebiet der Donaumonarchie auch auf deutschen Widerstand stoßen würde. Durch Entsendung je eines deutschen Halbbataillons nach Trient, Görz und Kronstadt sollte den beiden neutralen Mächten das Zusammenstehen der Verbündeten vor Augen geführt werden. Aus diesem Grunde hatte schon früher ein für die Südarmee bestimmtes deutsches Bataillon den Umweg über das Banat gemacht, um dem Feinde hier den Ersatz jener ansehnlichen Kräfte vorzutäuschen, die, wie noch zu erwähnen sein wird, von der Armee des Erzherzogs Eugen gegen Norden transportiert wurden. Dem neuerlichen Wunsche des AOK. zur Abgabe von deutschen Truppen für Demonstrationszwecke versagte sich jedoch die DOHL., da sie meinte, die beantragten Entsendungen würden von Italien und Rumänien als Drohung aufgefaßt werden und ungünstig auf die im Zuge befindlichen Verhandlungen mit der Consulta einwirken. Ohne Italien werde Rumänien niemals gegen die Donaumonarchie zu Felde ziehen.

Conrad regte weiters am 16. Jänner im Großen Hauptquartier an> die neuaufgestellten deutschen Korps auf dem rechten Weichselufer in der Richtung Mława—Pułtusk anzusetzen, wovon er sich eine Entlastung der beabsichtigten Karpathenoffensive versprach. Waren dann alle verfügbaren Kräfte zusammengefaßt und gelang es, den russischen Nordflügel zu zertrümmern, so mußte dies den Rückzug der feindlichen Streitkräfte im Weichselbogen nach sich ziehen. Falkenhayn antwortete zustimmend, behielt sich aber die Festsetzung des Verwendungsraumes dieser Korps noch vor. „Mit schwerem Herzen“ verzichtete er damit für längere Zeit auf eine aktive Kriegführung größeren Stils im Westen, weil er glaubte, daß Österreich-Ungarn sonst in kurzer Frist unter den Kriegslasten zusammenbrechen würde1). Diese Auffassung erwies sich denn doch als zu pessimistisch. Waren auch die bisher an die k. u. k. Streitkräfte gestellten Anforderungen außerordentlich hohe, so erscheint das Urteil Falkenhayns durch das noch mehr als dreieinhalb Jahre währende Ringen des öst.-ung. Heeres widerlegt.

Die Kämpfe in der schneebedeckten unwirtlichen Karpathenlandschaft waren schon in vollem Gange, als Falkenhayn am 26. Jänner nach Teschen mitteilte, daß die aus vier Korps neugebildete deutsche 10. Armee2), GO. v. Eichhorn, am 7. Februar die Operationen in Ostpreußen aufzunehmen haben werde. Freilich entsprach die gewählte Richtung nicht völlig den Wünschen des k. u. k. Generalstabschefs.

!) Falkenhayn, 49 f.

2) Drei neuformierte und das XXI. Korps von der Westfront.

Der Ausklang der Dezemberkämpfe

Unstreitig machte sich auf dem östlichen Kriegsschauplätze um die Jahreswende bei den streitenden Parteien ein gewisses Ruhebedürfnis (S. 91) geltend. Ehe sie zu neuen entscheidenden Schlägen ausholten, wurden nur begonnene Operationen in Teilkämpfen zum Abschlüsse gebracht und Vorbedingungen für nächstgeplante geschaffen.

Auf dem äußersten Nordflügel der Verbündeten behauptete sich die 8. Armee, GdI. Otto v. Below, auch weiterhin an den Masurischen Seen und an der Angerapp gegenüber den Angriffsstößen der 10. Russenarmee; die Gruppe Zastrow verhinderte ein Vordringen der feindlichen

12. Armee gegen den Rücken Belows, während die 9. Armee, GO. v. Mackensen, nach ihrem am 5. Jänner gegen die 2. und die 5. Armee errungenen Erfolge und nach der tags darauf begonnenen Auslösung der für die Südarmee bestimmten zweieinhalb Infanteriedivisionen*) und einer Kavalleriedivision bis zum 12. nur kleinere Fortschritte zu verzeichnen hatte. Dann erstarrte auch hier die Front.

Bei der Armeeabteilung Woyrsch, die den linken Flügel der vom AOK. befehligten Streitkräfte bildete, waren die Kämpfe an der Pilica bei Tomaszów—Inowłodz abgeflaut. GO. Woyrsch hatte nunmehr die Aufgabe, den gegenüberstehenden Feind zu binden und Verschiebungen gegen die deutsche Nachbararmee zu verhindern. Durch Streckung seines linken Flügels wurden die südlich von der Pilica befindlichen Teile der 9. Armee für diese freigemacht. Die Russen arbeiteten sich an einzelnen Stellen näher an die Schützengräben ihres Gegners heran, doch scheiterte ihr in der Nacht zum 21. Jänner bei Jasień unternommener Angriff an der Wachsamkeit der deutschen Landwehr.

Auch der rechte Flügel der k.u.k. 1. Armee wies russische Anstürme gegen den Stützpunkt Czarków am 10., 11. und 12. ab. In den folgenden Tagen schwoll die Nida stark an; von ihr überflutete Grabenstücke mußten geräumt werden. An eigene Offensivunternehmen konnten aber weder GO. Woyrsch noch GdK. Dankl denken, umso weniger, als die 1. Armee die 37. HID. und die 33. ID. (S. 84) in die Karpathen absenden mußte.

Während sich somit an den Fronten im Weichsellande nichts Erwähnenswertes ereignete, dauerten weiter südlich die Abschlußkämpfe der zuletzt geschilderten Operationsperiode noch eine Weile an.

Am Silvestertage hatte sich der gegen den Abschnitt Zakliczyn—

Ł) Außerdem stellte die 8. Armee ein Infanterieregiment und eine Artillerieabteilung für die Südarmee bei.

Gorlice gerichtete wütende Ansturm Dimitriews an der unerschütterlichen Abwehr der 4. Armee gebrochen (S. 78). Trotzdem gab der russische Führer seine Anstrengungen nicht ganz auf, galt doch für ihn noch der Befehl Iwanows, den Gegner über die Biała zurückzu werfen. So gingen zu Neujahr die Russen abermals unter Umfassung von Süden her gegen die Erzherzogsarmee vor und bedrohten damit die wichtige Verbindungslinie Gorlice—Grybów—Neusandez. Der gegen Südosten abgebogene Flügel der Gruppe Králiček (43. SchBrig. sowie Teile der 10. und der 12.ID.) verhinderte in wechselvollen Gefechten die Aufrollung der Front. Die äußerste rechte Flügelwacht, die zum Kavalleriekorps Berndt gehörige

II.    HKD., wich allerdings bis Uście Ruskie zurück und mußte durch die halbe 6. KD. verstärkt werden.

Leicht konnte nun die Front im Grenzgebiet der 4. und der 3. Armee noch weiter aufgerissen werden. Um diese Gefahr zu bannen, sollten das

III.    Korps und die vier Reiterdivisionen Berndts gegen Norden vorstoßen und die Umklammerungsbewegungen des Feindes zum Stehen bringen. Zuerst trat das SchR. 5, dem die Richtung auf den Straßensattel 604 *) gegeben war, bei Gładyszów in den Kampf. Während GM. Berndt auf Wunsch des 4. Armeekmdos. sein Kavalleriekorps schon am 2. in die Linie Gładyszów—Uście Ruskie vorgeführt hatte, griff das nur drei Brigaden starke III. Korps erst tags darauf links vorwärts gestaffelt ein. Eine Brigade der 28. ID. wurde rechts vom SchR. 5 zum Angriff auf Banica angesetzt, während die andere durch russische Kräfte gezwungen war, gegen Nordosten abzuschwenken. Die 44. SchBrig. mußte bei Ożenna als Flankenschutz gegen die russische Gruppe bei Krempna Zurückbleiben.

Bei der operativen Bedeutung, die den Vorgängen an dieser schwach geschützten Nahtstelle zukam, sah sich auch das AOK. veranlaßt, den Einklang im Handeln zu regeln. Es befahl daher am 3., das III. Korps habe am nächsten Tag den Abschnitt Banica—Długie—Grab—Ożenna verläßlich in die Hand zu nehmen; in der Folge müßten die inneren Flügel der beiden Armeen bereit sein, den Feind sogleich von Süden und Westen zangenartig anzupacken, wenn er versuchte, hier einen Keil einzutreiben. Das Kavalleriekorps, das sich vorerst mit den abgesessenen Reitern der 11. HKD. sowie mit Fußabteilungen und Radfahrern der 5. HKD. an dem Gefechte des SchR. 5 bei Gładyszów beteiligte, sollte hinter der Frontlücke den Augenblick zum Eingreifen abwarten. Unterdessen hatte FML. Králiček die gegen Gorlice und den rechten Flügel* seiner Gruppe vor!) Mit dem „Straßensattel 604“ ist der Punkt gemeint, wo die Chaussee Zboró— Gorlice die Magóra nördlich von Gładyszów übersetzt.

dringenden Russen abzuschütteln gewußt1). Der Angriff gegen Banica kam erst am 5. in Fluß. Zur Unterstützung des III. Korps dirigierte Králiček eine Kolonne über den Straßensattel 604, das SchR. 5 schwenkte bei Gładyszów gegen Osten ein und die Brigade der 28. ID. arbeitete sich von Süden gegen Banica heran.

Nunmehr erklärte aber Erzherzog Joseph Ferdinand, seinen Südflügel auf die Dauer nicht über den Straßensattel 604 ausdehnen zu können, worauf das 3. erwiderte, von einem vereinzelten Angriff auf die Höhen von Banica absehen zu müssen, weil diese dann nicht behauptet werden könnten. Das III. Korps, durch Boroević daher angehalten, einigte sich mit dem IX., die inneren Flügel zurückzunehmen. Man gab hierauf das ganze Unternehmen auf und das 3. Armeekmdo. nahm das Kavalleriekorps zurück. Am 6. marschierten die 4. und die

10.    KD. sowie die 5.HKD. in weitläufige Quartiere um Bartfeld; die

11.HKD.    wurde wieder der 4. Armee unterstellt.

Die an den Einsatz des Kavalleriekorps geknüpften Hoffnungen hatten sich trotz umsichtiger Führung begreiflicherweise in dem gebirgigen Gelände nicht erfüllen können. Überdies fehlte die Unterstützung durch die wegen der verschneiten und grundlosen Wege zurückgebliebene Artillerie. Die schwachen Kräfte des III. Korps sahen sich in ihrer Tätigkeit durch den stets möglichen Flankenstoß des Feindes von Krempna her gehemmt2). Dieser Fehlschlag bildete das Vorspiel für die Reibungen, die in den nächsten vier Monaten regelmäßig eintraten, sobald die inneren Flügel der beiden Armeen ihre günstige Gruppierung zu übereinstimmendem Vorgehen auszunützen gehabt hätten 3).

In dieser Zeit wehrten auch die Gruppen Szurmay und Ljubičič Angriffe der Russen ab, die namentlich gegen Ljubičič gerichtet waren. Das 4. Armeekmdo. stellte ihm deshalb ein noch als Reserve verfügbares Infanterieregiment für die sichere Abwehr zur Verfügung. Auf dem Nordflügel der 4. Armee herrschte fast vollständige Ruhe4). Überhaupt er-

x) Hiebei wurde ein versprengtes russisches Bataillon gefangengenommen.

2)    Boroević bat neuerlich (S. 77) um Zurückgabe der bei der 4. Armee eingeteilten 6. ID. ünd 43. SchBrig.

3)    Diese Ereignisse wurden hier in weit über den sonstigen Rahmen hinausgehender Ausführlichkeit geschildert, weil sie die operativen und taktischen Schwierigkeiten der Gefechtsführung an einer Nahtstelle beleuchten.

4)    Am 19. Jänner glückte einer Freiwilligenabteilung der deutschen 47. RD. eine Unternehmung gegen die russische Brückenkopfstellung am Westufer des Dunajec nördlich von der Eisenbahn nach Tarnów. Der Feind wurde überfallen und die Brücke durch Artilleriefeuer zerstört.

starb vom 5. Jänner an die Angriffslust des Feindes; er grub sich ein und baute sich allmählich eine starke Stellung.

Schon am Neujahrstage bestand beim AOK. kein Zweifel mehr, daß die 4.'Armee standhalten werde; nunmehr konnte das von der 1. Armee anrollende V. Korps (37. HID. und 33. ID.) dem Ostflügel des GdI. Boroević zugeführt werden (S. 80). Da überdies Nachrichten über Verschiebungen des Feindes gegen Südosten einliefen und der Führer der 3. Russenarmee offenbar nicht mehr an machtvolle Angriffsstöße dachte, entschloß man sich in Teschen, der 4. Armee drei Divisionen zugunsten des rechten Heeresflügels zu entziehen, und zwar: das Gros der 43. SchD. (86. SchBrig. mit Artillerie und Kavallerie) von der Gruppe Ljubicić, die 6. ID. und 43. SchBrig. der Gruppe Arz und die 19. ID., die auf vier Korps (XVII., XIV., XI. und VI.) aufgeteilt war.

Die Heeresleitung war sich des Wagnisses einer solchen Schwächung der 4. Armee voll bewußt. Diese Schwächung fiel umso mehr ins Gewicht, als sich Dimitriew doch nicht ganz untätig verhielt, wovon mehrere Angriffsversuche gegen die Höhe Wal Zeugnis ablegten. Um wenigstens den Flügeln eine Unterstützung zu sichern, sollte sich die 106. LstlD. der 1. Armee zur Mitwirkung an einem Kampfe südlich von der Weichsel in der Nähe der Brücke bei Jagodniki bereithalten und Boroević wurde beauftragt, die ihm wieder zugeführte 43. SchBrig. bei Zboró zu belassen.

So kamen die Truppen der 4. Armee in den nächsten zwei Wochen infolge der häufigen Ablösungen und Verschiebungen nicht zur Ruhe. Aber noch andere Sorgen beschäftigten die Armeeführung; sie ergaben sich aus der nationalen Zusammensetzung ihrer Verbände. In tückischer Absicht ließ der Russe durch die verschiedensten Kanäle die ost- und mittelgalizischen Mannschaften auffordern, in ihre „befreiten“ Heimatdörfer zurückzukehren. Da zur 4. Armee die 11. und die 30. ID. sowie die halbe 43. und die 45. SchD. gehörten, deren Angehörige ihre nächsten Verwandten in unmittelbarer Nähe hinter der Feindfront wußten, bestand die Gefahr einer Massendesertion. Beim XI.Korps half man sich dadurch, daß die unbedingt verläßliche 88. KSchBrig. bataillonsweise hinter der Front aufgeteilt wurde1). Unerschöpflich war der Feind in

*) Ob bei den genannten Armeekörpern ziffernmäßig ins Gewicht fallende Desertionen zum Feinde stattfanden, ist den Akten nicht zu entnehmen. Dagegen liefen wenige Tage nach dem Abschlüsse der vorgeschilderten Kämpfe, nicht von den Ru-thenen, sondern vom bh. IR. 1 ein Feldwebel und 184 Mann zu den Russen über. Dieses Regiment wurde sodann bei der 19. ID. eingeteilt und mit ihr zur Südarmee abtransportiert, wo es in der Gegend von Wyszków kämpfte. In der Nacht vom 7. auf den 8. Februar desertierten neuerlich etwa 100 Mann serbischer Nationalität zum Feinde.

der Erfindung von Kriegslisten. In öst.-ung. Uniformen verkleidete Leute überfielen unsere Patrouillen und kleinere Abteilungen sogar bei helllichtem Tage.

Der Armee Boroević gegenüber hatte sich der Feind mit seinen in der zweiten Dezemberhälfte errungenen Erfolgen begnügt. Bei den geschilderten Unternehmungen ihres Westflügels fand das III. Korps durch die rege Vorfeldtätigkeit des rechts benachbarten VII. entsprechende Unterstützung; Erzherzog Joseph schob dann auch seine Sicherungsabteilungen beiderseits der zum Duklapaß führenden Straße näher an den Feind heran. Die bisher zum Verbände der Gruppe Meixner gehörende 1. KD. wurde dem VII. Korps unterstellt (S. 76).

Beim X. Korps entspannen sich am 1., 3. und 5. Jänner Kämpfe um den Besitz des Gebirgsdorfes Jasiel, an denen sich Truppen der 2. und der zur Gruppe Krautwald gehörenden 24. ID. beteiligten. Offenbar planten die Russen, sich durch das Jasieltal den Weg in den Raum bei Mezölaborcz zu öffnen. Aber weder bei Jasiel noch auf der kürzlich in die Sicherungslinie einbezogenen Pojana (Höhe auf dem Grenzkamm 3 km westlich von Jasiel) vermochten sie festen Fuß zu fassen. Am 5. übernahm FML. Krautwald an Stelle des GdI. Meixner, der um Enthebung von seinem Posten angesucht hatte, den Befehl über das X. Korps; es bestand fortan aus der 2., 24. und 34. ID. Nachdem sich die ununterbrochen in Gefechte verwickelte 2. ID. am 7. der am Vortage verlorenen Höhe westlich von Jasiel wieder bemächtigt hatte, konnten ihre erschöpften Truppen endlich in Unterkünfte gelegt werden. Die 34.ID. schob sich nach Komańcza vor, wobei es zu Zusammenstößen mit dem Feinde kam.

Auf Befehl des 3.Armeekmdos. machte sich auch das XVIII.Korps zu der bevorstehenden Operation durch eine Vorverlegung seiner Widerstandslinie bereit; der Raum bei Kalnica gelangte hiedurch in gesicherten Besitz. Die Masse der 43. SchD., mit der Bahn von der 4. Armee herangezogen (S. 102), wurde vom 10. an in Szinna und Takcsány ausgeladen und schloß nach vorwärts auf. Die bisher dem Korps angegliederten Verbände der 56.ID. und der 8.KD. waren südlich vom Hauptkamme der Karpathen in Erholungsquartiere bei Telepócz gelegt worden. Diesen ermüdeten Truppen sollte aber nur kurze Ruhe beschieden sein.

In der Silvesternacht fiel der nordwestliche Eckpfeiler der Front Pflanzer-Baltins — der Uzsokpaß — in die Hände der Russen. FML. Rónai-Horváth, der hier befehligte, hatte allerdings schon beabsichtigt, seine durch die vorherigen Gefechte mitgenommenen Bataillone am 1. knapp hinter die Paßhöhen zurückzuziehen (S. 73), doch kam der Feind der Ausführung dieser Bewegung zuvor. Unter dem Schutze der Dunkelheit griffen die Russen überraschend an, eine Abteilung umging in der Nacht den linken Flügel des verwirrten Verteidigers; hiebei wurde Oberst Csermák tödlich verwundet. Wenig Widerstand leistete der rechte Flügel, der aus ruthenischen Landstürmern bestand. Von einem geordneten Rückzug war nicht mehr die Rede, die Truppen fluteten im Ungtale zurück und konnten erst in der Linie Révhely—Sóhát zum Stehen gebracht werden. Immerhin blieben aber die über Szinna in Flanke und Rücken der 3. Armee führenden Zugänge gedeckt.

GdK. Pflanzer-Baltin versuchte vergeblich, die rückgängige Bewegung anzuhalten. Er sandte nunmehr die 1. LstHusBrig. von Huszt zu Rónai-Horváth, veranlaßte dessen Verstärkung durch einige ungarische Landsturmkompagnien aus dem Hinterlande und bat das AOK. um ausreichenden Kräftezuschub. Dieses beschloß jedoch, die Sorge um den Uzsokpaß wieder dem 3. Armeekmdo. anzuvertrauen.

GdI. Boroević traf hierauf ungesäumt Maßnahmen zur Unterstützung der in ziemliche Auflösung geratenen Verbände Rónai-Horváths. Da die bei Telepócz in Erholungsquartiere verlegten Armeekörper unmittelbar zur Hand waren, hatte die in die 128. LstlBrig. umgewandelte 56. ID. über Utczás zu Hilfe zu eilen und die 8. KD. über Wolosate in Flanke und Rücken der im Ungtale vorrückenden Russen zu stoßen; später wurde aber auch der Reiterdivision die Richtung über Utczás vorgeschrieben. Durch starke Märsche erschöpft, sammelten sich die bezeichneten Truppen am 4. bei diesem Orte.

Ursprünglich wünschte das AOK., daß gleich nach der Wiederordnung der gelockerten Verbände und nach der Ankunft der zugesandten Verstärkungen an die Wiedereroberung des Uzsokpassesx) geschritten werde; dann sollte noch vorher das Einlangen des V. Korps abgewartet werden, schließlich stimmte man aber in Teschen dem Antrage des

3. Armeekmdos. zu, das Unternehmen erst in zeitlicher Übereinstimmung mit der allgemeinen Offensive durchzuführen. Die Russen fühlten sich indes in ihren Stellungen beiderseits des Ungtales stark ausgesetzt und zogen ihre vorgeschobenen Abteilungen etwas zurück, worauf der jetzt hier befehligende FML. Bartheldy am 10. näher an den Feind rückte.

Inzwischen rollten die zur Verstärkung der Streitkräfte in den Karpathen bestimmten Divisionen und Schützenbrigaden in ihre neuen Auf-

x) In kurzer Aufeinanderfolge wechselten hier die Befehlshaber. Rónai-Horváth wurde durch FML. Siegler ersetzt, dieser durch FML. Bartheldy, bis endlich später FML. Szurmay auf diesen wichtigen Posten gestellt wurde.

marschräume. Ein erheblicher Kraftzuschuß ergab sich daraus, daß GdK. Erzherzog Eugen, Befehlshaber der 5. Armee (Generalstabschef FML. Alfred Krauss), am 6. Jänner bereitwillig der Abgabe von fünf, und zehn Tage später von zwei weiteren Infanteriedivisionen für den russischen Kriegsschauplatz zugestimmt hatte, was durch die Beschränkung auf die reine Defensive gegen Serbien möglich geworden war. Von den erst-bezeichneten fünf Divisionen wurden die 7. und die 29. ID. (XIX. Korps) über Mezölaborcz und die 40. HID. über Ungvár—N. Berezna zur Armee Boroević, die 36. ID. und die 42. HID. (XIII. Korps) zur Armeegruppe Pflanzer-Baltin befördert.

An der Frontmitte dieser Armeegruppe herrschte um die Jahreswende fast völlige Ruhe. Dagegen verstärkte sich der Druck gegen ihre beiden Flügel. In den Tagen vom 3. bis zum 5. Jänner ging die Gruppe Hofmann infolge der Ereignisse am Uzsokpaß von Vežérszállás etwas gegen Süden zurück; der Ort wurde von den Russen besetzt. Auch die Gruppe Schultheisz (54. ID.), die seit zwei Wochen mit ihren Landstürmern auf unwirtlichen Berghöhen kämpfte, wich am 2., nachdem sie tags zuvor einen Angriff blutig abgewiesen hatte, bis zu dem Gestüt Luczyna; ihre Nachhut focht noch bis zum 4. bei Izwor. Ebenso mußte der tapfere Verteidiger der Bukowina, Oberst Fischer, mit seinen zusammengeschmolzenen Gendarmerieabteilungen unter beständigen Gefechten den Rückzug in die Mesticanestie-Stellung bei Jacobeny antreten, wo er schwer erkrankte und den Befehl an den Geniestabsmajor Papp abgab.

Pflanzer-Baltin besorgte, daß sein rechter Flügel dem Vordringen der kürzlich in ihren Ständen aufgefüllten halben russischen 71. RD., bei der auch etwa eine Kosakendivision eingeteilt war, nicht standhalten werde. Obgleich die Linie über Borsa nach Máramaros-Sziget operativ die weitaus wichtigere war, mußten Fortschritte des Feindes über Dorna Watra und den Bor^opaß mit Rücksicht auf Rumänien äußerst unerwünscht erscheinen. Der Armeegruppenführer ließ daher zur Unterstützung Papps das siebenbürgische Gendarmeriebataillon *) am Westeingang des Borgopasses bereitstellen und bat überdies das AOK. um das Verfügungsrecht über eine aus den Ersatzformationen Siebenbürgens zu bildende Infanteriebrigade, die er gleichfalls in diese Gegend zu ziehen gedachte.

Da erhob der ungarische Ministerpräsident Graf Tisza Einspruch

*) Die Zusammenziehung der Gendarmerieabteilungen in ein Bataillon war vom Militärkmdo. Hermannstadt zur Sicherung Siebenbürgens gegen einen Russeneinbruch verfügt worden.

gegen die geplante Entblößung Siebenbürgens und erreichte auch beim AOK., daß nicht nur die Inanspruchnahme des erwähnten Gendarmeriebataillons unterblieb, sondern daß auch die bisher in der Front verwendeten Abteilungen der ungarischen Gendarmerie abgelöst werden sollten. Ebenso wurde in Teschen der Antrag zur Heranziehung der kombinierten Infanteriebrigade abgelehnt, dafür wurden aber der Armeegruppe vier Landsturmbataillone und eine Landsturmhusarendivision der Festungsbesatzung Krakau zugeschoben.

Nunmehr erfuhr Pflanzer-Baltin auch, daß zwischen seine etwas über

28.000 Feuergewehre zählende Armeegruppe1) und die 3. Armee die deutsche Südarmee eingeschoben und ihm für die bevorstehende Offensive die 6. ID. der 4. und die 5. HKD. der 3. Armee mit Bahn über Mára-maros-Sziget zugeführt werden sollten. Mit dem Eintreffen des Kommandos der Südarmee in Munkács traten die Gruppe Hofmann und die

12. LstTerrBrig., Oberst Burggasser, unter den Befehl des GdI. Linsingen.

FML. Durski begann am 11. mit dem Abmarsch seiner Polenbataillone von Ökörmezö in die Gegend nordwestlich von Borsa als Reserve für die Gruppe Schultheisz. Diese war, am 12. von den Russen umfassend angegriffen, von Luczyna auf die befestigten Höhen des Prislop und Rotundul zurückgegangen.

Den Befehl über die durch den Krakauer Landsturm verstärkte Gruppe Papp hatte am 14. GM. v. Lilienhoff übernommen; er mußte sich bald darauf in der Mesticanestiestellung heftiger Anstürme der Russen erwehren, die seine beiden Flügel zu umfassen suchten. Der Feind gab erst am 20. seine Angriffe auf, als FML. Schultheisz, dem sich Teile der Polenlegion angeschlossen hatten, zur Entlastung über Kirlibaba in den Rücken der Russen vorging. Am 22. konnte sich Schultheisz der beherrschenden Flutoricahöhe und des Raumes bei Kirlibaba bemächtigen.

Während dieser Gefechte soll ein russisches Bataillon unweit von Dorna Watra rumänisches Gebiet durchschritten haben. Die Grenze, an die sich der rechte Flügel Pflanzer-Baltins lehnte, war durch einen starken rumänischen Truppenkordon abgesperrt, dessen Offiziere den Russen wertvolle Aufschlüsse über die Aufstellung und die Stärke der k. u. k. Streitkräfte erteilten.

Unter dem Schutze der Gruppen FML. Hofmann und Oberst Burggasser wurden die mit der Eisenbahn zugeführten Teile der Südarmee

!) Für den Großteil der Truppen Pflanzer-Baltins bestanden keine besonderen Ersatzformationen; die nicht ganz ausreichende Ergänzung der Stände erfolgte durch Zuweisung von Landsturmmarschkompagnien.

ausgeladen; bei Munkács die deutsche l.ID. und die 3.GID., bei Huszt die deutsche 48. RD. und die k. u. k. 19. ID., endlich südlich von Csap die deutsche 5. KD.1). Der Bahntransport wickelte sich unter erheblichen Störungen ab. In Preußisch-Schlesien ereignete sich ein Bahnunfall, außerdem waren die wenig leistungsfähigen nordungarischen Stationen den Anforderungen der vermehrten Ausladung nicht gewachsen und bald mit Nachschubtransporten und Leermaterial verstellt, so daß sich der Aufmarsch um etwa dreißig Stunden verspätete und das deutsche XXIV. RKorps (deutsche 48. RD. und k. u. k. 19. ID.) seine Vorrückung statt am 23. erst am 24. Jänner antreten konnte.

Die Anlage der Jänner offensive über die Karpathen Hiezu Beilagen 4, 5 und 6

Aus den vorangehenden Angaben ist zu erkennen, daß die großen Truppenverschiebungen nur allmählich angeordnet werden konnten, umso mehr als die Zielbestimmung für die aus ruhigen Fronten ausgelösten Verbände der jeweiligen Lage angepaßt werden mußte2).

Bei der Offensive über die Karpathen sollte der 3. Armee die entscheidende Rolle zufallen; sie wurde demnach durch sechs Infanteriedivisionen - V. Korps (33. ID. und 37. HID.), XIX. Korps (7. und 29. ID.), 40. HID., 43. und 86. SchBrig. — verstärkt. Bereits am 2. Jänner erhielt GdI. Boroević die Weisung, seine Kräfte so zu gruppieren, daß bei Operationsbeginn der Ostflügel der Armee unter „Sicherung“ gegen den Uzsokpaß zu einer einheitlichen und kräftigen Offensive auf Lisko—Sanok vorgeführt werden konnte, während sich der Westflügel, der stark befestigten Stellungen gegenüberstand, erst später dem Angriffe „anzuschließen“ und Richtung auf Rymanów—Krosno—Jasło zu nehmen hatte. Im großen ganzen war dies eine Wiederholung des Dezemberangriffes.

GdI. Boroević legte nach seinem am 12. Jänner eingesendeten OperaGen. Ludendorff beantragte als Generalstabschef Linsingens, diese Reiterdivision, von deren Verwendung er sich in dem schwierigen Gelände der Waldkarpathen nichts versprach, wieder nach Polen zurückzuschicken. Das AOK., das auf die Aufklärungstätigkeit nach Durchschreitung der Gebirgszone großes Gewicht legte, ging jedoch auf diesen Vorschlag nicht ein. Als nun Ludendorff auf seiner Meinung bestand und ankündigte, daß er sich wegen Rückberufung der Kavalleriedivision in direktes Einvernehmen mit dem Oberkmdo. Ost setzen werde, wandte sich das AOK. selbst nach Posen. Hindenburg enthielt sich eines Eingriffes, weil ihm die Division nicht unterstellt war.

' Vgl. Ratzenhofer, „Truppentransporte beim Winterfeldzug in den Karpathen“ („Wissen und Wehr“, Jhrg. 1929, 8. Heft).

tionsentwurf besonderes Gewicht auf die möglichst rasche Gewinnung des Raumes bei Ustrzyki Dl. durch seinen Ostflügel, .wodurch der Feind bei Lisko und Sanok zum Weichen gezwungen würde. Da die zusammenhängende Front der Armee Brussilow nur bis zur Straße Cisną—Baligród— Lisko reichte und ihr linker Flügel bis zum Uzsokpaß nur aus einzelnen Gruppen und starker Kavallerie bestand, so ließ sich bei der Stoßrichtung über Lutowiska—Baligród erhoffen, alsbald gegen die Ostflanke der 8. Russenarmee einschwenken zu können.

Es kam jedoch zu einer Abänderung der ursprünglich geplanten Kräfteverteilung (Beilage 6) bei der 3. Armee. So geringfügig diese Abänderung auf den ersten Blick auch erscheinen mochte, so war sie doch von weittragenden Folgen. Der Anstoß hiezu ging vom Kmdo. der deutschen Südarmee aus.

GdI. Linsingen war mit seinem Generalstabschef Ludendorff am

13. Jänner in Munkács eingetroffen. Seine Armee sollte nach den von der k.u.k. Heeresleitung bekanntgegebenen Richtlinien am 23. im Einklänge mit der Gruppe Szurmay aus der Linie nördlich von Szolyva und Vucs-komezö zum Angriffe über Verecke —Tucholka —Volovec —Tuchla und Toronya—Wyszków vorgehen. Nach dem Überschreiten des Gebirgesund Erreichen des Raumes Dolina—Stryj—Synowódsko werde die weitere Aufgabe der Südarmee einerseits vom Ergebnisse der Kämpfe der 3. Armee südlich von Przemyśl, andererseits von dem etwaigen Auftreten russischer Verstärkungen abhängen. Je nach der Lage habe GdI. Linsingen daher entweder über Drohobycz—Borysław in den Kampf der 3. Armee umfassend und entscheidend einzugreifen oder, wenn die Armee Boroević bis dahin schon in den Raum Sambor—Przemyśl gelangt wäre, über Ży-daczów, Żurawno und Martynów gegen Flanke und Rücken des abziehenden Feindes vorzudringen. Sollten aber starke russische Kräfte gegen Stanislau—Nadworna—Kolomea herangeführt werden, so könne auch der gegen diese gerichtete Angriff die weitere Aufgabe der Südarmee bilden. Für diesen Fall wurde ihrem Führer die Unterstellung der mit dem linken Flügel über den Pantyrpaß vorrückenden Armeegruppe Pflanzer-Baltin zugesagt.

Gen. Ludendorff fand jedoch, daß die Stärke der Gruppe Szurmay eine rasche Wegnahme des Uzsokpasses nicht verbürge und beantragte daher, man möge entweder den FML. Szurmay durch die gebirgsgewohnte

6. ID. unterstützen *) oder die Zuführung der für Linsingen bestimmten

x) Die 6. ID. befand sich aber zum größten Teile schon bei der Armeegruppe Pflanzer-Baltin.

3. GID. genehmigen; außerdem müsse die zum Angriff auf den Uzsokpaß angesetzte Kraftgruppe auf die Dauer der Kämpfe in den Karpathen dem Kmdo. der Südarmee untergeordnet werden. Von diesen Anträgen berücksichtigte das AOK. nur die Verstärkung der Gruppe Szurmay, jedoch nicht durch die 6., sondern durch die 7. ID., die ursprünglich als Reserve der 3. Armee hinter die inneren Flügel der Gruppen Puhallo und Krautwald gelangen sollte.

Mit Rücksicht auf den neuerlichen Kraftzuschuß für Szurmay wurde das 3. Armeekmdo. von der Heeresleitung angewiesen, mit dieser Gruppe die Höhen bei Borynia bis zum 26. Jänner fest in die Hand zu nehmen. Die 3. GID. war — die Infanterie mit der Bahn — über Ungvár, N. Berezna, Csontos bis zum 26. in die Gegend südlich vom Uzsokpaß zu verschieben, um entweder, über Libuchora vorrückend, an der Öffnung der Verecke-straße oder in der Richtung auf Turka bei Szurmay mitzuwirken.

Lag die Sicherstellung des Erfolges am Uzsokpaß zweifellos im Interesse der Südarmee, so wurde doch dem für das Schicksal der Gesamtoperation ausschlaggebenden Stoße auf Ustrzyki Dl. durch Wegführung der 7. ID. ein unersetzlicher Kraftteil entzogen.

Eine Besprechung der Generale Boroević und Linsingen, die sich am

20., von ihren Generalstabschefs begleitet, in Sátoralja-Ujhely trafen, galt dem übereinstimmenden Vorgehen der Armeeflügel. Da FML. Szurmay seine Truppen schon" am 22. näher an den Uzsokpaß heranführen und seine Hauptkraft zu einer stark nach Süden ausgreifenden Umfassung bereitstellen wollte, sicherte Linsingen zu, seine linke Flügelkolonne am 21. Jänner gegen Vezérszállás vorgehen zu lassen und den Feind derart zu binden, daß Szurmays rechter Flanke keine Gefahr drohe. Schon am 15. hatte in Huszt eine Verabredung des Führers der Südarmee mit seinem rechten Nachbar, dem GdK. Pflanzer-Baltin, stattgefunden1).

Noch vor dem Beginn der Offensive wurde der Zwischenfall aus der Welt geschafft, der Hindenburg von seinem bewährten Berater getrennt hatte: Ludendorff kehrte, bei der Südarmee durch GM. v. Stolzmann ersetzt, nach Posen zurück.

Der Armeegruppe Pflanzer-Baltin wurde vom AOK. die Aufgabe gestellt, mit dem linken Flügel den Raum bei Nadworna zu gewinnen, während der rechte vorerst einen Einbruch des Feindes über Kirlibaba— Jacobeny abzuwehren und sich später gleichfalls an der allgemeinen Offensive zu beteiligen hatte. Nach dem Überschreiten der Waldkarpathen

1) Die Bereitstellung der Streitkräfte Linsingens und die den einzelnen Gruppen vorgeschriebenen Vorrückungslinien sind aus der Beilage 6 zu entnehmen.

sollte die Armeegruppe weit nach Norden hin auf klären, die gegen Stryj und Lemberg von Osten und Norden heranführenden Bahnen zerstören lind überhaupt die Verbindungen des Feindes unterbrechen.

Verschiedene Umstände wirkten zusammen, um die Bearbeitung des Operationsplanes bei der Armeegruppe Pflanzer-Baltin zu verzögern. Ursprünglich wurden dieser Armeegruppe nur die 6. ID., die 5.HKD. und die 10. KD.1) dann aber auch — von den Balkanstreitkräften — das XIII. Korps (36. ID. und 42. HID.) zugeführt. Für diese weitere Verstärkung waren politische und militärische Gründe maßgebend gewesen. Graf Tisza fürchtete, daß die im Dezember erfolgte Räumung eines großen Teiles der Bukowina, wodurch auch die dort ansässigen Rumänen der russischen Invasion preisgegeben wurden, auf die Haltung des Bukarester Kabinetts von Einfluß sein und dessen Begehrlichkeit auf stacheln werde. Auf Betreiben des ungarischen Ministerpräsidenten, der sich auch nach Teschen wandte, machte Graf Berchtold knapp vor seinem am 13. Jänner 1915 erfolgten Rücktritte vom Posten des Außenministers2) das AOK. auf diese Gefahren aufmerksam. Da die Möglichkeit doch nicht ganz außer Betracht lag, daß Rumänien sich an die Seite der Entente schlug, durfte der südliche Heeresflügel nicht vernachlässigt werden. Überdies waren in Teschen auch Nachrichten über einen bevorstehenden Einbruch starker russischer Kräfte in die Bukowina eingetroffen, was sich allerdings nicht bewahrheiten sollte. Endlich hatte GdK. Pflanzer-Baltin um die Zuführung einer Division für seinen rechten Flügel gebeten.

Nunmehr konnte auch der linke Flügel Pflanzers verstärkt werden. Die bereits südlich vonKörösmezö ausladende 6. ID. wurde daher, zunächst nur mit Teilen, nach Westen an die zum Pantyrpaß führende Marschlinie verschoben. Da aber der Russe gerade zur Zeit, als in Máramaros-Sziget die Offensive gegen Norden erwogen wurde, die früher geschilderten Vorteile über die Gruppe Schultheisz errungen hatte (S. 105), war zu besorgen, daß er die vorrückenden Streitkräfte Pflanzer-Baltins in der rechten Flanke und im Rücken bedrohe, wenn er seine Angriffe aus der Gegend von Kirlibaba fortsetzte. Das AOK. ermächtigte deshalb den Armeegruppenführer, einem solchen Stoß das XIII. Korps entgegenzuwerfen, ohne daß jedoch die in diesem Falle vornehmlich nur der 6.ID. übertragene Offensive über Körösmezö und Rafaiłowa aufzuschieben wäre.

x) Der Antransport der 10. KD. erfolgte erst Ende Jänner, jedoch mit der Bestimmung zur Südarmee. Die 5. HKD. folgte Mitte Februar.

2) An seine Stelle trat Baron Burián (Musulin, Das Haus am Ballplatz, Münchcn 1924, 254 f; Tisza, Briefe, I, 150).

Der Erfolg der Gruppe Schultheisz beseitigte aber bald darauf die von .Kirlibaba her drohende Gefahr9).

Die Heeresleitung stimmte dem in Beilage 6 dargestellten Opera-tionsentwurfe des Armeegruppenführers zu, legte ihm aber einen möglichst baldigen Angriff gegen die Russen in der Bukowina nahe, offenbar damit sein Nordstoß in der Flanke gesichert werde und auch um die Rumänen in ihrer Neutralität zu bestärken. Da sich aber das Heranführen des XIII. Korps verzögerte, war die Aufnahme der Offensive durch die Armeegruppe kaum vor der Monatswende möglich.

Die kritische Periode der Verschiebungen und Bereitstellungen an der ganzen Karpathenfront konnte glatt überwunden werden, weil die Russen sich jeder nennenswerten Störung des gegnerischen Aufmarsches enthielten. Als am 22. Jänner die Gruppe Szurmay ihre einleitenden Bewegungen zum Angriffe auf den Uzsokpaß bereits begann, faßte das AOK. die bisher bruchstückweise erteilten Anordnungen zur Offensive in einen einheitlichen Heeresbefehl zusammen. Dieser lautete (verkürzt):

„Am 23. Jänner beginnt die Offensive des Ostflügels der 3. und der Südarmee mit dem Angriffe auf den Uzsok- und Vereckesattel.

Die Armeegruppe Pflanzer-Baltin wird sich diesem Angriffe in der Staffel östlich anschließen, in der Richtung Delatyn—Nadworna und mit Teilen durch die Bukowina vorgehen.

Mit dem Fortschreiten der Offensive wird der Westflügel der 3. Armee über Żmigród und Dukla, die 4. Armee mit dem Südflügel über Jasło anzugreifen haben.

Volles Zusammenwirken des III. Korps mit dem Südflügel der 4. Armee ist dabei unerläßlich.

Dem Angriffe der Gruppe Arz werden sich die Gruppen Ljubicić und Roth anschließen. Gruppe Křitek wird über den unteren Dunajec entlang der Weichsel in der Staffel vorrücken, tun jede Einwirkung des Feindes vom nördlichen Weichselufer zu verhindern, eventuell auch über die Weichsel vorgehen, um das Vordringen der 1. Armee über die Nida zu unterstützen.

Die 1. Armee und die Armeeabteilung Woyrsch10) sind stets bereit, jedes Abziehen feindlicher Kräfte mit dem sofortigen Angriffe zu beantworten und im Falle gegnerischen Rückzuges sofort zu folgen. Es ist wahrscheinlich, daß der Feind wenigstens mit Nachhuten in seiner rückwärtigen Stellung von der Pilica, über Opoczno, Końsk, Kielce und südöstlich davon neuerdings Widerstand leisten wird.

Die 1. Armee richtet ihre Hauptkraft gegen den Raum bei und vornehmlich südöstlich von Kielce.

Die Armeeabteilung Woyrsch wird am Südflügel mit der Division Bredow und dem LKorps den Raum bei Cminsk zu nehmen haben, die Hauptkraft der 2. Armee am Nordflügel versammeln, um gegen Nowemiasto—Drżewica anzugreifen, in der übrigen Front aber nur schwache Kräfte in breiter Front dem Gegner folgen lassen.“

Das Oberkmdo. Ost wurde von der k. u. k. Heeresleitung ersucht, die der 9. Armee gestellte Aufgabe auch weiterhin aufrechtzuhalten: Fortsetzung des Angriffes, mindestens aber Bindung der russischen Kräfte und Verhinderung selbst teilweisen Abziehens in den Raum südlich von der Pilica oder gegen die Karpathen.

Der Aufmarsch des Angriffsheeres hinter den Karpathen in einer Front von nahezu 400 km war in hohem Grade von dem Bahnnetz und der Leistungsfähigkeit der einzelnen Transportlinien abhängig. Selbst wenn außer den bereitgestellten Divisionen augenblicklich noch weitere Kräfte zur Verfügung gewesen wären, so hätte man sie in Anbetracht der transporttechnischen Möglichkeiten bis zum 23. Jänner, dem für den Beginn der Offensive festgesetzten Tage, nicht haben heranbringen können. Abgesehen davon, daß die nunmehr hiezu bestimmten Kräfte für den weiten Raum nicht ausreichten, sollte sich der Mangel einer größeren Reserve binnen kurzem recht fühlbar machen.

Das AOK. beabsichtigte, aus dem Gebirge umfassend zum kriegsentscheidenden Angriffe vorzubrechen, im Rahmen der großen Operation aber auch auf der kürzesten Linie gegen Norden vorzustoßen, um die Festung Przemyśl zu entsetzen. Die tatsächliche Kräftegruppierung entsprach vor allem dem zuerst erwähnten Zwecke; der Nordstoß hingegen hätte wirksamer geführt werden können, wenn die Südarmee, wie es deutscherseits ursprünglich gedacht war, knapp neben der 3. Armee im Abschnitte zwischen der Gruppe FZM. Puhallo und dem Uzsokpasse eingesetzt worden wäre. Nunmehr mußte aber die Stoßgruppe des GdI. Boroević bei ihrem Vorgehen auf Przemyśl zunächst der Unterstützung durch den rechten Heeresflügel entbehren; denn die Südarmee und die überhaupt zu einem späteren Zeitpunkte vorrückungsbereite Armeegruppe Pflanzer-Baltin hatten vorerst die Gebirgszone zu durchschreiten und den hier zu gewärtigenden Widerstand des Feindes zu brechen, ehe sie — und zwar wahrscheinlich auch nicht kampflos — gegen Norden aufzuschwenken und in eine enge Verbindung mit der 3. Armee zu treten vermochten. Das AOK. glaubte, den schweren Nachteil eines Verzichtes auf die Gleichzeitigkeit der Stöße gegen die Flanke der russischen Massen und auf eine straffe Zusammenfassung der Kräfte deshalb in den Kauf nehmen zu müssen, um die Befreiung Przemyśls sobald als möglich ins Werk zu setzen. Schwer lastete das Schicksal der tapferen Besatzung auf der Seele des Feldherrn und ebenso bildete die politische Lage einen wesentlichen Antrieb zu größter Eile.

In allererster Linie hing die Widerstandsdauer des festen Platzes Przemyśl von den verfügbaren Verpflegsmengen ab, die vor der zweiten Einschließung eine empfindliche Einbuße durch Abgaben an die Feldarmee erfahren hatten und durch den bald unterbrochenen Zuschub nicht ausreichend hatten ersetzt werden können1). Es dauerte längere Zeit, bis sich die Festungsintendanz den notwendigen Überblick verschaffte. Noch in einer am Neujahrstage in Teschen eingetroffenen Meldung hieß es, die Verpflegung des Mannes reiche bei weiterem Konsum von Pferdefleisch nur bis zum 18. Februar. Obgleich sich das AOK. dagegen ungläubig verhielt, mochte diese Feststellung ihre alarmierende Wirkung nicht verfehlt und die Notwendigkeit beschleunigten Entsatzes eindringlich vor Augen geführt haben. Wenige Tage später ergaben aber neuerliche Berechnungen des Festungskmdos., daß die Vorräte bis zum 7. März gestreckt werden könnten, wenn man mit ausgiebigen Pferdeschlachtungen sofort begänne und den Stand an Pferden auf ein Mindestmaß reduzierte. Die Bewegungsmöglichkeit der Besatzung und auch die Verteidigungsfähigkeit des festen Platzes würden aber hiedurch erheblich verringert werden.

Das Festungskmdo. fragte daher am 4. Jänner beim AOK. an, ob man sich auf einen Durchbruch etwa um den Í. Februar oder zum Aushalten bis zum 7. März einzurichten habe. Ein Flieger, der am 14. Jänner in Przemyśl landete, brachte dem Festungskmdo. zunächst nur den Befehl, aus der Besatzung fünf Divisionen zu formieren und mit diesen spätestens im Februar entweder kraftvoll an einem Entsatzversuche teilzunehmen oder äußerstenfalls bei Zurücklassung einer Minimalbesatzung die Räumung von Przemyśl und den Anschluß an die Feldarmee zu bewirken. Erst am 11. März meldete das Festungskmdo., daß die Verpflegs-vorräte nach der Durchführung der Pferdeschlachtungen und nach einer gründlichen und planmäßigen Durchsuchung des Vorfeldes nach Nahrungs- und Futtermitteln die Widerstandsdauer des festen Platzes bis zum 24. März gewährleisteten. Mitte Jänner rechnete aber das AOK. noch mit einem viel früheren Termine.

Bei der russischen 11. Armee, die Przemyśl mit ihrer Masse einschloß,

!) Die folgenden Angaben zum Teil nach Stuckheil, „Der Kampf um Przemyśl 1914/15“.

deren Truppen aber auch die Besetzung des ganzen Karpathenabschnittes östlich von Lisko bestritten, herrschte ein reger Wechsel bei den Verbänden der zwei mit der Zernierung betrauten Korps. Freund und Feind verzichteten aber um die Jahreswende auf größere Unternehmungen; die Russen brachten ihre Anwesenheit nur durch gelegentliche Bombenabwürfe auf die Stadt und den Festungsbereich in Erinnerung. Die Besatzung wieder mußte für den Endkampf möglichst geschont werden; auch verbot sich jede größere Kampfhandlung schon deshalb, weil sie mit einer Erhöhung der Verpflegsration zur vorangehenden Kräftigung der Truppen verbunden gewesen wäre, was der notwendigen äußersten Sparsamkeit zuwiderlief. Der Verpflegsstand der Festung betrug bei Jahresbeginn 127.800 Mann und 14.540 Pferde; überdies war für die Ernährung von etwa 18.000 Zivilbewohnern und 1000 Kriegsgefangenen zu sorgen.

Gliederung der Streitkräfte auf dem nördlichen Kriegsschauplatz nach dem Stand vom 23. Jänner 1915

ARMEE WOYRSCH

Kmdt.: preuß. GO. v. Woyrsch

Gstbsdief: preuß. Obstlt. Heye

A. ÖST.-UNG. 2. ARMEE

Kmdt.: GdK. v. Böhm^Hrmoiii

Gstbsdief: Obst. Dr. B a r d o 1 f f

KORPS GALLWITZ

Kmdt.: preuß. GdA. v. Gallwitz Gstbsdief: preuß. Obst. v. Bartenwerffer Öst.-ung. 35. ID.: FML. Fox    Öst.-ung. 27. ID.: FML. Kosak

69.    IBrig.:    GM. v. Baitz    53.    IBrig.:    GM. Urbarz

70.    IBrig.:    Obst. Edl. v. Salmon    54.    IBrig.:    Obst. v.Watteridi

121/2 Baone., 2 Sdiwd., 9 Bt.,- 8.080 Feuer« IIV2 Baone., 2 Scfawd., 7 Bt.,- 9.470 Feuer» gewehre, 246 Reiter, 52 Gesct.    gewehre, 256 Reiter, 42 Gesdi.

ÖST.-UNG. IV. KORPS Kmdt.: GdK. v. Tersztyánszky Gstbsdief: Obstlt. Freih. v. Salis^Samaden

31. ID.: FML. Freih. v. Lütgendorf    32. ID.: GM. Ludwig G o i g i n g e r

61.    IBrig.:    GM. v. Felix    63.    IBrig.:    GM. v. Podhoránszky

62.    IBrig.:    GM. Blasius v. Dáni    64.    IBrig.:    GM. Grallert

121/2Baone., 2Schwd., 10Bt.,- 11.468Feuer*    13 Baone., 4 Sdiwd., 7 Bt.,- 8.613 Feuer*

gewehre, 294 Reiter, 56 Gesch.    gewehre, 370 Reiter, 42 Gesdi.

ÖST.-UNG. XII. KORPS Kmdt.: GdI. v. K ö v e s s Gstbsdief: Obst. Freih. v. Zeidler*Sterneck

16. ID.: FML. v. Schariczer    Deutsche 35. RD.: GLt. v. Schmcttau

31. IBrig.: GM. v. Szende    13 Baone., 3 Sdiwd., 6V2 Bt./ 8.992 Feuer*

32.    IBrig.: GM. Goldbach    gewehre,    348    Reiter,    34    Gesch.

14 Baone., 3 Sdiwd., 10 Bt.,- 10.705 Feuer*

gewehre, 366 Reiter, 56 Gesch.

Dem Armeekmdo. unterstellt:

3. KD.: FML. Ritt. v. Brudermann

10. KBrig.: Obst. Freih. v. Cnoblodi

17. KBrig.: GM. Ritt. v. Pruszyński 1 Fußbaon., 20 Schwd., 3Bt.,- 789 Feuer* gewehre, 2.364 Reiter, 12 Gesch.

7. KD.: FML. Edl. v. Korda 11. KBrig.: Obst. Gf. Lasocki

20. KBrig.: GM. v. Le Gay 1 Fußbaon., 16 Schwd., 4 Bt.,- 400 Feuer* gewehre, 1.907 Reiter, 16 Gesch.


9. KD.: GdK. Freih. v. H a u e r

1. KBrig.: Obst. Dienst!

9. KBrig.: GM. Ritt. v. Micewski

1 Fußbaon., 16 Schwd., 3 Bt.,- 545 Feuergewehre, 1.903 Reiter, 12 Gesch.

B. DEUTSCHE ARMEEABTEILUNG WOYRSCH

Kmdt.: GO. v. Woyrsdi

Gstbsdief: Obstlt. Heye

LANDWEHRKORPS Kmdt.: GLt. Freih. v. König

3. LD.: GLt. v. Rieß    4.    LD.: GLt. v. We g e r e r

12 Baone., 4 Sdiwd., 8 Bt.,- 8.185 Feuer* 9 Baone., 7 Schwd., lOVaBt.,- 6.244 Feuer* gewehre, 312 Reiter, 44 Gesch.    gewehre,    1.052    Reiter,    56 Gesch.

LD. Bredow: GLt. Gf. v. Bredow

13 Baone., 2 Schwd., 13 Bt.,- 9.554 Feuergewehre, 188 Reiter, 64 Gesch.

Summe der Armee Woyrsch: 113V2 Baone., 81 Schwd., 91 Bt.,- 83.045 Feuergewehre,

9.606 Reiter, 486 Gesch.

I.    ARMEE

Kmdt.: GdK. Danki

Gstbscfaef: GM. Edl. v. Kochanowski

II.    KORPS

Kmdt.: FML. Johann Freih. v. Kirchbach Gstbsdief:    Obst. Gf. Szeptycki

25. ID.: FML. Erzherzog    Peter    Fe r»    4. ID.: FML. Edl. v. Stöger»Steiner

d i n a n d    7. IBrig.: Obst. Schaible

49.    IBrig.: Obst. Edl. v. Severus    10 Baone., 2 Schwd., 9 Bt.,-    8.381    Feuer*

50. IBrig.: GM. Ritt. v. Bolberitz    gewehre, 217 Reiter, 49 Gesch.

11 Baone., 2 Sdiwd., 9 Bt.,- 9.266 Feuer*

gewehre, 208 Reiter, 44 Gesch.

Korpsunmittelbar: 1 Baon., 1 Schwd.,• 540 Feuergewehre, 98 Reiter

I. KORPS Kmdt.: GdK. Karl Freih. v. Kirchbach Gstbsdiefi Obst. Demus 5. ID. j FML. Edl. v.Habermann    46. SchD.: GM. Edl. v. Brandner

9.    IBrig.: Obst.Wossala    92. SdiBrig.: Obst. Haas

10.    IBrig.: Obst. Adalbert v. Kaltenborn    k. k. 110. LstlBrig.: Obst. Freisinger

12 Baone., 4 Schwd., 9V2 Bt.,- 9.318Feuer=    18Baone.,3Sdiwd.,16V4Bt.,-14.505Feuer=

gewehre, 357 Reiter, 50 Gesch.    gewehre, 342 Reiter, 70 Gesch.

Gruppe FML. Martiny

Gstbsdief: Hptm. Hans Ritt. v. W i 11 a s

14. ID.: GM. Ritt. v.W i II e r d i n g    106. LstlD.: FML. K 1 e 11 e r

27.    IBrig.: GM. Horváth    k. k. 1. LstlBrig.: Obst. Brauner

28.    IBrig.: Obst. Jenisdi    k. k. LstlBrig.: Obst. Ködih

15Baone., 2Sdhwd., 7l/4Bt./12.147Feuer*    12 Baone., 4 Sdiwd., 7 Bt.,- 7.171 Feuer*

gewehre, 194 Reiter, 43 Gesdi.    gewehre, 406 Reiter, 37 Gesch.

91.SdiBrig.: GM. v. Urbański

6 Baone., 3 Bt.,- 5.835 Feuergewehre, 18 Gesdi.

2.    KD.: FML. Ritt. v. Ziegler

3.    KBrig.: GM. Freih. v. Abele

16. KBrig.: GM. Freih. v. Diller

1 Fußbaon., 23 Schwd., 3 Bt.,- 840 Feuergewehre, 2.434 Reiter, 12 Gesdi.

Summe der 1. Armee: 86 Baone., 41 Sdiwd., 64 Bt.,- 68.003 Feuergewehre,

4.256 Reiter, 323 Gesch.

4. ARMEE

Kmdt.: GdI. Erzherzog Joseph Ferdinand

Gstbsdief: FML. Rudolf K r a u s s

XVII. KORPS

Kmdt.: GdLKřitek

Gstbsdief: Obst. Edl. v. L e r c h

121. IBrig.: Obst. Edl. v. Lüftner    41. HID.: FML. Schay

5V2 Baone., 1 Sdiwd., 5Bt.,- 2.600 Feuer-    40. HIBrig.: GM. Foglár

gewehre, 100 Reiter, 28 Gesdi.    82. HIBrig.: GM. Sdiamsdiula

12 Baone., 2 Sdiwd., 6 Bt.,- 9.300 Feuer* gewehre, 195 Reiter, 27 Gesdi.

XIV. KORPS Kmdt.: FML. Roth

Gstbsdief: Obst. Göttlicher

3. ID.: FML. Edl. v. Horsetzky    8. ID.: FML. v. F a b i n i

5. IBrig.: Obst. Edl. v. Merten    96. IBrig.: GM. Ritt. v. Ržiha

15. IBrig.: Obst. Fischer    8    Baone.,    2    Schwd.,    12    Bt.,-    4.827    Feuer-

14‘/2 Baone., 2 Schwd., 12V2 Bt.,- 8.503    gewehre,    224    Reiter,    64    Gesch.

Feuergewehre, 139 Reiter, 49 Gesdi.

Deutsdie 47. RD.: GLt. v. B e s s e r    k. k. LstGroppe: Obst. G r z e s i c k i

13Baone., 1 Sdiwd., 13Bt.,- 11.197Feuer*    3 Baone.,- 2.108 Feuergewehre

gewehre, 93 Reiter, 52 Gesch.

Korpsunmittelbar: 1 Sdiwd., 4V2 Bt.,- 80 Reiter, 13 Gesch.

XI. KORPS Kmdt.: FZM. L j u b t č i ć

Gstbsdief: Obst. R i m 1

11. ID.: FML. Anton v. B e 11 ni o n d    15. ID.: FML. Edl. v. Schenk

21.    IBrig.:    Obst. Sdiönauer    29. IBrig.: Obst.    v. Stanoilovic

22.    IBrig.:    GM. Alexander    Ritt. v.    30. IBrig.: Obst.    Leide

Wasserthal    9V2 Baone., 2 Sdiwd., 9 Bt.,- 5.175Feuer=

10V4Baone., 2Sdiwd., 15Bt.,- 6.621 Feuer*    gewehre, 204 Reiter, 47 Gesdi.

gewehre, 151 Reiter, 87 Oes*.    6. KD.: GM. Edl. v. S c h w e r

30. ID.: FML. Kaiser    } Vm,"8':    n

60. IBrig.:    Obst. Ritt. v. Gruber    1 Ful,bao"- 8f*T,d-'3 Bt.'    1;005 Feuer-

88. KS* Brig.: Obst. v. Edthardt    Sewehre- 947 RelKr' 12 GtsA-

8 Baone., 2 Schwd., 12 Bt.,- 5.330 Feuer-    Detachement Obstlt. Freih. v. Vé v e r

gewehre, 227 Reiter, 54 Gesch.    1 Fußabteilung, 6 Sdiwd.,- 258 Feuer*

gewehre, 371 Reiter

GRUPPE ARZ

VI. KORPS

Kmdt.: FML. v. A r z Gstbsdief: Obst. Huber

39.ID.: FML. Hadfy    12.ID.: FML. Kestranek

77.    HIBrig.: GM. v. Molnár    23. IBrig.: Obst. Ritt. v. Metz

78.    HIBrig.: Obst. Daubner    24. IBrig.: GM. v. Puchalski

12 Baone., 2 Sdiwd., 10 Bt.,- 6.713 Feuer*    12V4 Baone., 2Sdiwd., 8V2 Bt.,- 9.313

gewehre, 280 Reiter, 57 Gesdi.    Feuergewehre, 210 Reiter, 48 Gesch.

45. SchD.: FML. Smekal

89.    SdiBrig.: Obst. Gąsiecki

90.    SdiBrig.: Obst. Edl. v. Pattay

6 Baone., 3 Sdiwd., 2 Bt.,- 3.311 Feuergewehre, 281 Reiter, 12 Gesdi.

Korpsunmittelbar: 1 Sdiwd., 1 Bt.,- 73 Reiter, 4 Gesch.

Gruppe Bartheidy 38. HID.: FML. Barthel dy    komb.HID.: FML. v. Kornhaber

76. HIBrig.: Obstlt. Krušina    200. HIBrig.: GM. Tanárky

7 Baone., 2 Schwd., 672 Bt.,- 3.520 Feuer-    9^2 Baone., 1 Sdiwd., 1 Bt.,- 2.778 Feuer»

gewehre, 172 Reiter, 32 Gesch.    gewehre, 86 Reiter, 6 Gesch.

IX. KORPS Kmdt.: FML. Králiček

Gstbsdief: Obst. v. Krammer

10. ID.: GM. v, Mecenseffy    13. SchD.: FML. Edl. v. Kreysa

19.    IBrig.: GM. v. Iwanski    25. SdiBrig.: Obst. Mader

20.    IBrig.: GM. Reymann    26. SdiBrig.: GM. v. Székély

IOV4Baone., 2Schwd., 10 Bt.,-7.713 Feuer-»    8 Baone., 2 Schwd., 9 Bt./ 6.132 Feuer*

gewehre, 237 Reiter, 55 Gesch.    gewehre, 170 Reiter, 52 Gesch.

26. SchD.: FML. L i s c h k a

51.    SdiBrig.: Obst. Spielvogel

52.    SdiBrig.: Obst. Meisel

9 Baone., 3 Sdiwd., IOV2 Bt.,- 7.853 Feuer* gewehre, 190 Reiter, 58 Gesch.

11. HKD.: GM. Gf. Bissingen    5. KBrig.: Obst. A d 1 e r

22, HKBrig.: GM. Czitó    1 Rdfbaon., 8 Schwd.,- 160 Feuergewehre,

24. HKBrig.: Obst. Flohr    883    Reiter

I    Fußbaon., 16 Schwd., 3V2 Bt.,-

640 Feuergewehre, 1.200 Reiter, 14 Gesdi.

Armeeunmittelbar:

IR. 88: 2 Baone.,- 1.656 Feuergewehre    Polenlegion Obst. Piłsudski

FKR. 5: 5 Bt.,- 27 Gesdi. (zur 1. Armee    6 Baone., 1 Schwd., 1 Bt. (in Retablierung)

bestimmt)    '

Summe der 4. Armee: 168 Baone., 1 Rdfbaon., 72 Schwd., 160 Bt.,-106.713 Feuergewehre, 6.513 Reiter, 798 Gesch.

3. ARMEE

Kmdt,: GdI, v. Boroević

Gstbschef: GM. v. B o o g

III. KORPS

Kmdt.: GdI. v. C o 1 e r u s

Gstbschef: Obst. Richard Müller

28. ID.: GM. Edl. v. Hinke    22. SdiD.: GM. Schmidt Edl. v.

55. IBrig.: Obst. Gheri    F u s s i n a

56.    IBrig.: GM. v. Haustein    43. SchBrig.:    GM. Nemeczek

II    Baone., 2 Schwd., 7 Bt.,- 8.259 Feuer*    44. SchBrig.:    Obst. Zahradniczek

gewehre, 252 Reiter, 44 Gesch.    12 Baone., 2    Schwd., 10 Bt.,- 8.775 Feuer

gewehre, 258 Reiter, 54 Gesch. Korpsunmittelbar: 1 Sdiwd., 1 Bt.,- 126 Reiter, 4 Gesch.

4. KD,: GM. Berndt

18. KBrig.: Obst. Kopeček

21. KBrig.: GM. Gf. Marenzi 1 Fußbaon., 16 Schwd., 3 Bt.,- 410 Feuergewehre, 1.592 Reiter, 14 Gesch.

VII. KORPS Kmdt,: GdK. Erzherzog Joseph Gstbschef: Obstlt. Eisner-Bubna

17. ID.: GM. v. le Beau    20. HID.: GM. v. N a g y

34. IBrig.: Obst. Freih. v. Henneberg    81. HIBrig.:    GM. Perneczky

IOV2Baone., 2Schwd., 10Bt.,-7.650 Feuer* 10 Baone., 1 Schwd., 7 Bt.,- 5.600 Feuer» gewehre, 187 Reiter, 52 Gesch.    gewehre, 133 Reiter, 40 Gesch.

Korpsunmittelbar: 2 Bt.,- 8 Gesch.

1. KD.: GM. Freih. v. P e t e a n i

7. KBrig.: GM. Chev. de Ruiz 1 Fußbaon., 16 Schwd., 4 Bt.,- 357 Feuergewehre, 1320 Reiter, 20 Gesch.

X. KORPS Kmdt.: FML. Ritt. v. Krautwald

Gstbschef:    Obst. v. Kralowetz

2.    ID.: GM. Edl. v. Langer    24. ID.: GM. Schneider Edl. v.

3.    IBrig.: Obst. Klein    Manns*Au

4.    IBrig.: Obst. Prusenowsky    47. IBrig.: GM. v. Unschuld

11V2 Baone., 4 Schwd., 7 Bt.,- 8.150 Feuer*    48. IBrig.: Obst. Edl. v. Vidulovic

gewehre, 330 Reiter, 42 Gesch.    7 Baone., 3 Schwd., 8 Bt.,- 5.587 Feuer»

gewehre, 163 Reiter, 46 Gesch.

34. ID.: GM. Ritt. v. B i r k e n h a i n    43. ScfiD.: FML. Schmidt    v.

67. IBrig.: GM. v. Lauingen    Georgenegg

10 Baone., 3 Schwd., 2 Bt.,- 6.950 Feuer*    59. IBrig.: GM. Kroupa

gewehre, 274 Reiter, 8 Gesdi.    86. SdiBrig.: GM. Jesser

13 Baone., 2 Sdiwd., 9 Bt,/ 10.650 Feuer* gewehre, 240 Reiter, 50 Gesdi. Korpsunmittelbar: 4 Bt.,- 14 Gesdi.

GRUPPE PUHALLO

XVIII. KORPS <44. SchD.)

Kmdt.: FML. v. T schurtschenthaler Gstbsdief: Mjr. Ritt. v. E h r 1 i c h

122. SdiBrig.: Obst. Hentke    k.    u.    101.    LstlBrig.: Obst. Biffl

13 Baone., 3 Sdiwd., 11 Bt.,- 8.763 Feuergewehre, 264 Reiter, 52 Gesch.

V. KORPS

Kmdt.: FZM, v. P u h a 11 o

Gstbsdief: Obst. S a 11 a g a r

33. ID.: FML. Goglia

37. HID.: FML. Wieber

73.    HIBrig.: Obst. v. Pogány

74.    HIBrig.: GM. Hunké

13 Baone., 2 Sdiwd., 9*/2 Bt.,-10.833 Feuer* gewehre, 207 Reiter, 57 Gesdi.


65.    IBrig.: GM. Czapp

66.    IBrig.: GM. Lieb

9 Baone., 2 Schwd., 10 Bt.,- 6.800 Feuer* gewehre, 231 Reiter, 52 Gesch.

Korpsunmittelbar: 1 Sdiwd., 2 Bt.,- 126 Reiter, 8 Gesdi.

XIX. KORPS <Armeereserve>

Kmdt.: FML. Tro 11 m ann

Gstbsdief: Obst. G ü n s t e

29. ID.: GM. Zanantoni

57.    IBrig.: Obst. Wöllner

58.    IBrig.: GM. Poleschensky

14 Baone., 4 Sdiwd., 11 Bt.,- 10.940 Feuergewehre, 468 Reiter, 44 Gesdi.

Gruppe FML. Szurmay

Gstbsdief: Mjr. Röder

7.    ID.: GM. Letovsky

14.    IBrig.: GM. Baumgartner

71. IBrig.: Obst. Plivelic

14 Baone., 3 Sdiwd., 10 Bt.,- 13.033 Feuer* gewehre, 314 Reiter, 36 Gesch.

75. HIBrig.: Obst. Mina

7 Baone., l/2 Sdiwd., 8Bt.,- 4.158 Feuer* gewehre, 35 Reiter, 32 Gesch.

8.    KD.: FML. Edl. v. Lehmann

13. KBrig.: GM. Freih. v. Leonhardi

15.    KBrig.: Obst. Freih. v. Klingspor

1 Fußbaon., 12 Schwd., 2 Bt.,- 502 Feuer* gewehre, 980 Reiter, 8 Gesch.

40. HID.: FML. Plank

79.    HIBrig.: Obst. Lengerer

80.    HIBrig.: GM. Háber

10Baone., 2 Schwd., 10Bt.,- 9.392 Féuer* gewehre, 210 Reiter, 40 Gesch.

k. u. 128. LstlBrig.: Obstlt. v. A r t n e r

6 Baone., 1 Sdiwd., 3 Bt.,- 3.900 Feuer* gewehre, 82 Reiter, 15 Gesdi.

k. u. 1. LstHusBrig.: Obst. Freih. v.

B o t h m e r

8 Sdiwd., V2 Bt.,- 924 Reiter, 2 Gesch.


Summe der 3. Armee: 174 Baone., 9OV2 Sdiwd., 151 Bt.,- 130.709 Feuergewehre,

8.716 Reiter, 742 Gesdi.

DEUTSCHE SÜDARMEE

Kmdt.: GdI. v. Linsingen

Gstbschef: GM. Ludendorff (später GM. v. Stolzmann)

ÖST.=UNG. KORPS HOFMANN Kmdt.: FML. H o f m a n n Gstbschef: Obst. Gf. L a m e z a n Öst.*ung.55. ID.: GM. F1 e i sch m an n    Deutsche    1. ID.: GLt. v. C o n t a

129.    IBrig.: GM. Drda    12 Baone.,    1 Sdiwd., 14Bt.,- 7.500 Feuer-

130.    IBrig.: Obst. Witoszyński    gewehre,    96 Reiter,    80    Gesch.

13    Baone., 2 Schwd., 12 Bt.,- 8.650 Feuer*

gewehre, 254 Reiter, 44 Gesch.

Öst. •»ung. 131. IBrig.: Obst. Andreas Berger.’

7 Baone., 4V2 Bt.,- 5.180 Feuergewehre, 18 Gesch.

DEUTSCHES XXIV. RESERVEKORPS Kmdt.: GdI. v. G e r o k

Gstbschef: GM. v. M u t i u s Öst.-ung. 19. ID.: GM. Richard Mayer    Deutsche    48. RD.: GLt. v. Hahn

37.    IBrig.: GM. v. Richard    13 Baone.,    1 Schwd., 11 Bt.,- 6.380Feuer*

38.    IBrig.: Obst. Steiger    gewehre,    146 Reiter,    62    Gesdi.

14    Baone., 2 Schwd., 8 Bt.,- 9.340 Feuer*

gewehre, 180 Reiter, 44 Gesch.

k. k. 12. LstTerrBrig.: Obst. Burggasser

11 Baone., 3*/2 Bt.,- 4.680 Feuergewehre, 15 Gesch.

Dem Armeekmdo. unterstellt:

Preuß. 3. GID.: GdK. Freih. M a r s c h a 11

9 Baone., 1 Sdiwd., 8 Bt.,- 5.520 Feuergewehre, 78 Reiter, 38 Gesch.

Öst.-ung. 10. KD.: GM. Gf. Herber*    Deutsche 5. KD.: GLt. v.    H e y d e=

stein    breck

4. KBrig.: Obst. v. Horthy    1 Baon., 24 Schwd., 3 Bt.,- 840 Feuer=

8. KBrig.: GM. Viktor v. Bauer    gewehre, 2.500 Reiter,    12 Gesch.

1 Fußbaon., 16 Schwd., 3 Bt.,- 475 Feuer* gewehre, 1.600 Reiter, 12 Gesch.

Summe der deutschen Südarmee: 81 Baone., 47 Schwd., 67 Bt.,- 48.565 Feuergewehre,

4.854 Reiter, 325 Gesch.

ARMEEGRUPPE PFLANZER

Kmdt.: GdK. Freih. v. Pfianzer^Baitin

Gstbschef: Obst. v. S o ó s

6. ID.: FML. Fürst Schönburg

11.    IBrig.: Obst. Hubinger

12.    IBrig.: Obst. Rudolf Müller

9 Baone., 3 Sdiwd., 9 Bt.,- 8.132 Feuer* gewehre, 317 Reiter, 49 Gesch.

Polenlegion Obstlt. v. H a 11 e r 3V2 Baone., 2l/2 Bt.,- 1.424 Feuergewehre,

10 Gesch.

54. ID.: FML. v. Schultheisz k. u. 126. LstlBrig.: GM. v. Salomon Polenlegion: FML. Ritt. v. Durski 10V2 Baone., 3 Schwd., 6 Bt.,- 3.942 Feuer* gewehre, 269 Reiter, 26 Gesch.

Gruppe FML. Ritt. v. Schreitter Brig. GM. v. Lilienhoff

14 Baone., 4 Sdiwd., 3V2 Bt.,- 9.050 Feuer* gewehre, 436 Reiter, 14 Gesch.


k. u. 123. LstlBrig.: Obst. L    a t z i n    Gruppe Obstlt. B é k é s i (Reste der k.    u.

4 Baone., V2 Sdiwd./ 2.100 Feuergewehre,    7. LstEtBrig.)

35 Reiter    IV2 Baone./ 717 Feuergewehre

Im Anrollen: XIII. KORPS Kmdt.: GdI. Freih. v. R h e m e n

Gstbsdief: Obst. Alfred v. Zeidler 36. ID.: FML. Czibulka    42. HID.: GM. Gf. S a 1 i s * S e    e w    i    s

13. IBrig.: GM. Stracker    83. HIBrig.: Obst. Mihaljevic

72. IBrig.: Obst. Edl. v. Luxardo    84. HIBrig.: Obst. Petrovic

15 Baone., 2 Sdiwd., 9 Bt.,- 11.070 Feuer»    14 Baone., 2 Sdiwd., 10 Bt.,- 14.930 Feuergewehre, 240 Reiter, 36 Gesch.    gewehre, 252    Reiter,    40 Gesdi.

Korpsunmittelbar: 1 Schwd.,    2Bt.,-    100 Reiter, 8    Gesdi.

5. HKD.: GM. Freih. v. A p ó r

19. HKBrig.: Obst. v. Jóny    Streifkorps Rtm. Freih. v. V i v e n o t

1 Fußbaon., 7 Sdiwd., 2 Bt.,- 894 Feuer-    200    Reiter

gewehre, 652*Reiter, 8 Gesdi.

Summe der Armeegruppe Pflanzer: 72V2 Baone., 23V2 Sdiwd., 44 Bt.,-52.259 Feuergewehre, 2.501 Reiter, 191 Gesch.

Festungsbesatzungen

Przemyśl

Kmdt.: GdI. v.Ku sm an ek Gstbschef: Obstlt. Hubert

23. HID.: FML. Arpád v,    T a m á s y    k. k.    93. LstlBrig.: GM. Kaltneker

45.    HIBrig.: GM. Seide    *    k. u.    97. LstlBrig.: GM. We e b e r

46.    HIBrig.: Obst. v. Létay    k. k.    108. LstlBrig.: Obst. Martinek

85. SchBrig.: GM. Komma    k. k.    111. LstlBrig.: GM. Wa i t z e n=

d o r f e r

42 Baone., 6 Sdiwd., 18 mob. Bt., 8 FsABaone.,- rund 50.000 Feuergewehre, rund 800 Reiter, rund 108 mob. Gesdi.

Krakau

Kmdt.: FML. Kuk

Gstbsdief: Obstlt. Edl. v. Haller 20 Baone., 7 mob. Bt., 9V2 FsABaone.,- 13.950 Feuergewehre, 42 mob. Gesdi.

Summe der Streitkräfte auf dem nördlichen Kriegsschauplatz

A) Feldheer

695 Baone., 1 RdfBaon., 355 Schwd., 577 Bt.,- 489.294 Feuergewehre, 36.446 Reiter, 2.865 Gesdi.

B) F estungsbesatzuogen

62 Baone., 6 Sdiwd.,. 25 mob. Bt., 17V2 FsABaone.,- 63.950 Feuergewehre,

800 Reiter, 150 mob. Gesdi.

Gesamtsumme

757 Baone., 1 RdfBaon., 361 Schwd., 602 Bt., 17V2 FsABaone.,-553.244 Feuergewehre, 37.246 Reiter, 3.015 Gesch.

Die russischen Pläne Hiezu Beilagen 4, 5 und 6

Seit der Zusammenkunft der russischen Heeresführer in Siedlec am 29. November (Bd. I, S. 595) hatte die Kampfkraft der zaristischen Streitkräfte weitere Einbußen erlitten1). Um die Jahreswende wäre, wie der Generalquartiermeister der Stawka, Gen.Danilow, in einer Mitte Jänner verfaßten Denkschrift darlegte, eine halbe Million Soldaten zur Auffüllung der zusammengeschmolzenen Einheiten notwendig gewesen; auf die Normaldotation der Artilleriemunitionskolonnen fehlten 200.000 Geschosse.

Dennoch hielt Danilow einen Rückschlag an der Front für ausgeschlossen. Ebenso stellte er freilich die Möglichkeit entscheidender Operationen in Abrede, ehe die erwähnten Mängel behoben waren, was zum Teil in der zweiten Hälfte Februar, vollständig aber erst im April zu erhoffen stand. Doch schien es ihm notwendig, schon jetzt über die Ziele der künftigen Kriegshandlungen ins reine zu kommen. Man könnte sich entweder zur Ausnützung der in der zweiten Dezemberhälfte in Galizien errungenen Erfolge gegen das öst.-ung. Heer wenden oder alle Anstrengungen im Interesse der bundesgenössischen Kriegführung auf eine Offensive in der Richtung auf Berlin vereinheitlichen. Beides gleichzeitig zu unternehmen, hielt Danilow damals für ausgeschlossen. Die Nachteile der ersterwähnten Aktion wurden in der Denkschrift eingehend beleuchtet. Möge die Vorrückung gegen Wien oder Budapest noch so verführerisch locken, sie führe doch zu einer bedenklichen Schwächung des eigenen Zentrums; sei man einmal tief in das Innere der Donaumonarchie eingedrungen, komme man sicherlich zu spät, einen Vorstoß der Deutschen nach Osten rechtzeitig aufzufangen. War es aber überhaupt möglich, die Österreicher und Ungarn in kurzer Zeit vernichtend zu schlagen ? Danilow bezweifelte dies; der Feldzug in der Richtung auf Wien würde Monate in Anspruch nehmen und dann stünde man erst recht vor der Aufgabe, die Kriegsentscheidung gegen Deutschland herbeizuführen. Folgerichtig bekannte sich der General daher zu der Ansicht, daß man vor allem den Hauptgegner treffen müsse. Unter den verschiedenen Möglichkeiten, dies zu verwirklichen, entschied er sich, wie schon früher, für einen neuerlichen Angriff auf Ostpreußen, der die große Offensive gegen Breslau—Berlin einzuleiten hätte.

Nach dem Empfang dieser Denkschrift erteilte der Großfürst Nikolai

!) Die folgenden Darlegungen nach Danilow, Kap.XIII, und Nesnamow,

III, 35 bis 51.

Nikolajewitsch dem Generalquartiermeister den Auftrag, hierüber mit dem Oberkommandierenden der Nordwestfront zu sprechen. Dies geschah am 17. Jänner in Siedlec. Nach längerer Wechselrede schlossen sich der General Rußki und sein Stab der Ansicht Danilows an. Eine aus zehn Divisionen zu formierende 12. Armee sollte den Angriff auf Ostpreußen von Pułtusk—Ostrołęka gegen Soldau—Orteisburg unter der Mitwirkung der 10. Armee führen. Selbstverständlich hatten die russischen Streitkräfte links von der Weichsel die ihnen gegenüberstehende Front gleichfalls anzupacken. Der Großfürst erklärte sich einverstanden. Schon am nächsten Tage erfolgte der Befehl zur Bildung der 12. Armee, an deren Spitze General Plehwe zu treten hatte.

Anders dachte man beim Oberkommando der Südwestfront. General Iwanow hielt hartnäckig an der Anschauung fest, die gegen die öst.-ung. Streitkräfte in Galizien erzielten Erfolge bis zur Zertrümmerung des gegnerischen Heeres auszubeuten; er träumte sogar von einem Sonderfrieden mit Ungarn und rechnete darauf, daß Rumänien dann sogleich an die Seite der Entente treten würde. Angesichts der sich allmählich an der ganzen Karpathenfront von der Duklastraße bis in die Gegend von Dorna Watra abzeichnenden Kräfteentfaltung des Gegners verschmähte er es, sich auf die starre Verteidigung zu beschränken, sondern verständigte seine Unterführer schon am 20. Jänner von seiner Absicht, über den Gebirgswall in die ungarische Tiefebene einzubrechen. Sein Generalstabschef Alexejew pflichtete diesem Gedanken nicht völlig bei; ihm schien ein Angriff in Westpolen gegen den Abschnitt Tomaszów—Piotrków— Noworadomsk mehr Erfolg zu versprechen, weil die dünnen Linien der Verbündeten hier zu einem Durchbruche einluden. Der unbefriedigende innere Zustand der russischen Armeen an diesem Frontteile, namentlich aber der Mangel an Artilleriemunition, veranlaßten jedoch die Stawka, diesen Plan abzulehnen.

Zunächst entging Iwanow aber die Gefahr nicht, die dem linken Flügel seiner 8. Armee aus der Richtung von Ungvár und Munkács drohte, da in der über 250 km ausgedehnten Front vom Uzsokpaß bis zur Dreiländerecke nur vier russische Divisionen standen, darunter bloß eine Felddivision. Auf seine Bitte um die Zuführung von vier Felddivisionen in den Raum Sambor—Stryj—Dolina verfügte die Stawka am 26. Jänner schweren Herzens den Abtransport des XXII. Korps von der 10. Armee zur Südwestfront. '

Es scheint, als ob seit dem Spätherbste die Energie des Großfürsten nach dem Ausbleiben des von der legendären „Dampfwalze“ erhofften

Triumphes zu erlahmen begonnen hätte. Statt die Autorität der Heeresleitung kraftvoll aufrechtzuhalten, erblickte er nunmehr seine Aufgabe darin zwischen den auseinandergehenden Anschauungen seiner beiden Unterführer zu vermitteln. Danilow versucht den Feldherrn damit zu entschuldigen, daß die organisationsgemäß verbrieften Rechte dieser Befehlshaber nicht geschmälert werden durften. Immerhin wurde fortan der Widerstreit der beiden Heeresfrontkommandanten zu einem alle Operationen bestimmenden Faktor.

Iwanow schritt ungehindert an die Ausführung seiner Pläne. Mit der Offensive in den Richtungen Eperjes—Kaschau—Csap betraute er den Gen. Brussilow. Die 3. Armee sollte ihren linken Flügel ,,zur Verbindung und Unterstützung“ der 8. entsprechend verlängern, die 11., über deren im freien Feld stehende Teile Brussilow den Oberbefehl erhielt, hatte bis an die rumänische Grenze auszugreifen. Gleichzeitig ordnete die Heeresleitung an, alle an der polnischen Front befindlichen Gebirgs-batterien in die Karpathen zu senden; nur diese verfügten über volle Munitionsvorräte.

Da aber der Angriff auf Ostpreußen keineswegs gänzlich aufgegeben war, so bedeutete die eingeleitete Offensive gegen Budapest doch gerade jenes Verfahren, das die Denkschrift Danilows vermieden wissen wollte: die Kräftezersplitterung nach zwei Operationszielen. Vielleicht hat ein Ratschlag des Generals Joffre dabei mitgewirkt, der sagen ließ, wenn die Russen infolge Munitionsmangels in Polen nicht vorrücken könnten, sollte doch wenigstens die Verfolgung des Feindes in Galizien fortgesetzt werden, weil sich im Gebirgsgelände die verringerte Artilleriewirkung weniger fühlbar machen werde x).

Als sich die 8. Armee am 25. und 26. Jänner in Bewegung setzte, war ihr der Gegner mit seiner Offensive bereits zuvorgekommen.

Beginn der Offensive und Rückschlag

Der Angriff der 3. und der Südarmee (23. bis 26. Jänner)

Hiezu Beilagen 6 und 7 sowie Skizze 4

Bisher hatte die Theorie gelehrt, daß Gebirgszonen von der Beschaffenheit der Karpathen im Kriege nur als Durchzugsland in Betracht

x) Äußerung Joffres zum russischen Militärattache Ignatiew (Danilow [Dani-loff], Großfürst Nikolai Nikolajewitsch. Sein Leben und Wirken [Berlin 1929], 133).

kommen könnten. Als sich die k. u. k. Heeresleitung zu dem gewaltigen Unternehmen einer hier angesetzten Offensive entschloß, rechnete sie sicherlich damit, daß ein rascher und raumgreifender Angriff alle Hemmnisse überwinden und das Heer alsbald die Manövrierräume Galiziens erreichen werde. In welchem Grade aber die Fortbewegung einer Masse von mehr als zwanzig Infanteriedivisionen der 3. und der Südarmee (175.000 Feuergewehre und fast 1000 Geschütze), die in der zweiten Jännerhälfte hier zur Tätigkeit gelangten, und ihr Kampf im winterlichen Gebirge der Führung alle Grundlagen für eine halbwegs sichere Berechnung entziehen sollten, erwies erst der Versuch, die geplante Offensive durchzuführen. Die an die Truppen gestellten Anforderungen waren jedenfalls ganz außergewöhnlich; die Kriegsgeschichte hat kaum ein Seitenstück aufzuweisen. Ein Volksheer, dessen herabgeminderte Schlagkraft bereits geschildert wurde und dessen Streiter den verschiedensten Ständen und Berufen entstammten — nur mit einem verhältnismäßig geringen Einschlag von Gebirgsbewohnern — sollte auf tief verschneiten und vereisten, kaum gangbaren Berghöhen kämpfen, Tag und Nacht ohne Obdach und ohne Aussicht auf stärkende Rastpausen dem Feinde die Stirne bieten. Für diese gewaltige Beanspruchung brachte der Großteil nicht die notwendige körperliche Härte mit. Bald sollte man erfahren, daß die entsetzlichen Unbilden der Witterung und die rasch eintretende Erschöpfung der Kräfte bei der anstrengenden Vorrückung über Berg und Tal mehr Opfer forderten als das Geschoß des Russen und daß alle diese Begleitumstände sich zu einer grauenhaften Folie der Operation gestalteten, zumal der Abschub von Kranken und Verwundeten zu einem kaum zu bewältigenden Problem wurde. Durch reichlichen Zuschub von Winterausrüstungsgegenständen aller Artx) sowie durch zweckdienliche Vorsorgen für einen gesicherten Nachschub und für die Unterbringung der Truppen suchte man der mißlichen Lage der Karpathenkämpfer nach Möglichkeit Rechnung zu tragen. Doch trotz aller Anstrengungen gelang es nicht, die materielle Ausrüstung des Heeres für einen Winterfeldzug über notdürftige Improvisationen hinauszubringen. Zum Unterschiede von den Russen verfügte aber die Artillerie über die komplette Grunddotierung an Munition; das Einsetzen und der Stellungswechsel begegneten jedoch bei der fahrenden Artillerie solchen Schwierigkeiten,

Große Mengen schafwollener Mantelfutter, Pelzwesten, Schneehauben, Pulswärmer, Baschliks, warmer Unterwäsche, Wadenstutzen, Gummi- und Schneemäntel, Schuhwerk, Decken, Kochkisten und Schwarmöfen wurden unausgesetzt an die Front geschoben.

daß die kämpfende Infanterie in der Regel ausreichender Unterstützung durch die Schwesterwaffe entbehren mußte. Viele Batterien wurden überhaupt im Ausgangsraume zurückgelassen und sollten erst später nachgezogen werden. Die ansehnlichen Höhenunterschiede und der tiefe, oft nicht tragfähige Schnee verursachten, daß die Tagesleistungen im Gelände und auf Nebenwegen, selbst ohne Gefecht, auf 3 bis 4 km herabsanken. Dieses unvermeidliche Schneckentempo gewährte der russischen Führung Zeit, ihre Kräfte im wegsameren und gangbareren galizischen Vorland zu verschieben, Lücken in den Linien rechtzeitig zu schließen und rasch neue Fronten aufzubauen. Konnten sie infolge der reicheren Besiedlung nördlich vom Karpathenkamme ihren Leuten während der Kampfpausen ausreichende Erholung in verhältnismäßig guten Unterkünften gewähren, so war dies auf der anderen Seite des Gebirges nicht der Fall. Als daher unsere Truppen am 23. Jänner zur Vorrückung antraten, war ihre physische Leistungsfähigkeit durch den langen Aufenthalt in gänzlich ressourcenloser Gegend bereits stark herabgemindert.

Wie aus Beilage 7 ersichtlich, in der das Ergebnis der nächsten Kampftage festgehalten ist, stieß bei der 3. Armee die auf Ustrzyki Dl. gewiesene Gruppe des FZM. Puhallo in nordöstlicher Richtung in die Lücke zwischen dem Ostflügel der zusammenhängenden Front Brussi-lows und den Russenkräften am Uzsokpaß hinein; sie traf fast nur auf die Reiterei des Gen. Chan Nachiczewanski und gewann daher ziemlich rasch Raum. Wenn trotzdem die Marschleistungen ihres rechten Flügels einigermaßen hinter den geforderten zurückblieben, so trugen hieran die Geländeschwierigkeiten mehr Schuld als der Widerstand des an dieser Stelle anfangs weit schwächeren Feindes. Die rechte Nachbargruppe unter FML. Szurmay war beauftragt, den Uzsokpaß von Südwesten und Westen anzugreifen und nach Gewinnung der Paßhöhen Kräfte über Tiha und Libuchora abzuzw^eigen, um die Südarmee bei der Öffnung des Verecke-passes zu unterstützen. Erst am 26. gelang es, die russische 34. ID. und Teile der 65. RD. zu vertreiben und über den Paß ein Stück Weges hinabzusteigen, ohne jedoch an diesem Tage, wie es das AOK. wollte, die Höhen bei Borynia gewinnen zu können. Zu diesem Anfangserfolge hatte die über Tiha und N. Rosztoka weit nach Süden ausholende, daher viel Zeit in Anspruch nehmende Umfassung durch die 40. HID. und am entgegengesetzten Flügel der vom 3. Armeekmdo. befohlene Vorstoß der 66. IBrig. Puhallos über Wolosate gegen die Paßhöhen nicht wenig beigetragen. Diese Brigade wurde Szurmay untergeordnet, der hiefür die 71. IBrig. der 7. ID. als Armeereserve nach Wolosate zu stellen hatte.

Da nun zwischen den Gruppen Szurmay und Puhallo eine Lücke aufgesprungen war, hielt das 3. Armeekmdo. am 25. die Masse der 33. ID. und die 37. HID. an. Die 71. IBrig. wurde dem rechten Flügel Puhallos nachgezogen und trat alsbald statt der 66. in den Verband der 33. ID.; diese trieb nur schwache feindliche Kräfte vor sich her, während bei Lutowiska der Feind noch eine Weile zögerte, den Ort der 37. HID. zu überlassen. Die linke Flügelgruppe Puhallos, die 44.SchD., erreichte schon am 23. die Gegend bei Chrewt, von wo sie stärkere Kräfte auf das Westufer der Solinka schob; diese griffen umfassend in den Kampf der gegen Baligród vordringenden 43. SchD. Krautwalds ein. Da sich die Notwendigkeit einer einheitlichen Leitung der beiden Divisionen ergab, wurde die 43. SchD. am 25. der Gruppe Puhallo angegliedert und rückte tags darauf, ohne mehr auf Widerstand zu stoßen, in Baligród ein. FML. Krautwald, der angewiesen war, den entscheidenden Angriff mit starkem linken Flügel erst zu beginnen, sobald Puhallos Vorgehen wirksam werde, traf mit seinen drei anderen Divisionen auf die feindliche Hauptstellung. Die 34.ID. erschöpfte sich in vergeblichen Angriffen beiderseits derBeskid-straße. Nur wenige Kilometer über die Ausgangsstellung hinausgelangt, harrten ihre Kämpfer, bei Tag und Nacht regungslos in den Schnee gebannt und bloß auf den Genuß kalter Konserven angewiesen, auf eine günstige Wendung der Schlacht. Den beiden links benachbarten Divisionen war die Aufgabe zugefallen, die östlich von Czeremcha stehenden Russen zurückzudrücken, um die Westflanke der Stoßgruppe zu sichern. Trotz anfänglicher Erfolge sah sich die 2. ID. nach schweren Verlusten genötigt, mit dem linken Flügel auf den Grenzkamm zurückzugehen L); die 24. ID. behauptete sich in wechselvollen Kämpfen. Gering erschien für Krautwald die Aussicht, den Angriff ohne Verstärkungen fortzuführen; doch*GdI. Boroević wollte die Armeereserve (29. ID.) dem entscheidenden Ostflügel zuführen und wies Krautwald am 25. an, sich lediglich zu behaupten, Stirnangriffe zu unterlassen und, ohne Rücksicht auf den ursprünglichen Befehl, den Erfolg dort anzustreben, wo er leicht zu erreichen war.

Die Gruppen Erzherzog Joseph (VII. Korps und 1. KD.) und Colerus (22. SchD., 28. ID. und 4. KD.) hatten den Feind fürs erste bloß zu binden, die Bestimmung des Zeitpunktes für ihren Angriff hatte sich das 3. Armeekmdo. Vorbehalten. Von der Gruppe des Erzherzogs beteiligte sich die

20. HID. seit dem 23. an den Gefechten der 2. ID., ohne gegen Czeremcha

x) Die 2. ID., die mit 8150 Feuergewehren angetreten war, zählte am 25. nur noch 6130.

durchdringen zu können. Am 26. griffen aber die Russen westlich von der Duklastraße selbst energisch an. Sie warfen die 17. ID. zurück, doch hielt sich diese noch in einer hinteren Stellung wacker gegen weitere Anstürme des Feindes. Das 3. Armeekmdo. beauftragte den GdI. Colerus, den Erzherzog durch einen Stoß gegen die Westflanke der ihn bedrängenden Russen zu entlasten. Daran konnte aber bald nicht mehr gedacht werden, weil sich die Russen am 26. auch auf den rechten Flügel des III. Korps stürzten und der 22. SchD. den Pilipinski vrch entrissen, eine wichtige Höhe, die nicht mehr wiedererobert werden konnte.

Schon beim Beginn der Offensive wandte sich das 4. Armeekmdo. an das 3. mit dem Vorschläge, die Gegend bei Banica im Rahmen des Gesamtunternehmens durch übereinstimmende Vorrückung der inneren Flügel von den Russen zu säubern, was Anfang Jänner nicht gelungen war. Boroević hielt jedoch jetzt begreiflicherweise den Fortschritt auf seinem Ostflügel und im Zentrum für wichtiger; demgegenüber schien ihm das vorgeschlagene Unternehmen von untergeordneter Bedeutung zu sein. Er antwortete daher, das III. Korps habe die von Żmigród heranführende Kommunikation zu sperren; käme es hier später zur Offensive, so müsse der Feind ohnedies von Banica abziehen. Im gleichen Sinne entschied am 24. die Heeresleitung.

Zur Rechten der 3. Armee begann die deutsche Südarmee x) die Offensive mit ihrer Westgruppe, dem Korps Hofmann, beiderseits der Straßen nach Tucholka und Tuchla ebenfalls am 23. Jänner. Bis zum 26. war der Raum bei Vezérszállás erkämpft und auch gegen Volovec wurden Fortschritte erzielt. Heftige Gegenangriffe der Russen konnten den wackeren Streitern Hofmanns den erreichten Geländegewinn nicht wieder entreißen.

Wie bereits erörtert (S. 107), trat die Ostgruppe, das XXIV. RKorps, erst mit einer Verspätung von vierundzwanzig Stunden án. Der Feind wurde aus zwei Fronten angefaßt, von der deutschen 48. RD. und der 12. LstTerrBrig. in nördlicher und nordöstlicher Richtung beiderseits, insbesonders aber links von der zum Wyszkówer Sattel führenden Straße, während sich die k. u. k. 19. ID. von Südosten gegen diese Straße herankämpfte. Ein Detachement wurde über die Beskidklause gegen Ludwi-kówka dirigiert. Der Russe zeigte sich auch gegenüber dem XXIV. RKorps höchst aktiv, doch scheiterten hier gleichfalls seine Gegenstöße.

Der Befehlshaber der russischen Südwestfront, wie erwähnt entschlossen, den Hieb als beste Parade zu wählen, beabsichtigte die augen-

1) Für die Darstellung der Operationen der Südarmee wurde auch die auf Seite 93 (Fußnote) erwähnte Studie des Reichsarchivs verwertet.

blickliche Gruppierung auszunützen und mit der Hauptkraft der 8. Armee gegen Mitte und Westflügel der Armee Boroević vorzustoßen, um alle östlich davon in den Karpathen stehenden Heeresteile der Verbündeten abzudrängen. Aus Bruchstücken eines wenige Tage später auf gefangenen russischen Funkspruches ließ sich entnehmen, daß Brussilow zur Verwirklichung dieses Entschlusses dem VIII. Korps aufgetragen hatte, bis in die Linie Mezölaborcz—Łupków—Cisna—Luch (nördlich von Kalnica) vorzudringen; sein linker Flügel sollte sich des von der Gruppe Puhallo erreichten Raumes Chrewt—Smolnik—Lutowiska bemächtigen. Wäre der Ostflügel der Armee Boroević stärker gewesen und hätte er die nötige Stoßkraft besessen, so konnte der russische Plan zu einem großen Echec für Brussilow führen. Doch dem war nicht so.

Der 26. Jänner kann als Wendepunkt der kaum begonnenen Offensive der Verbündeten gelten. Die Aussichten für ihr Gelingen hatten sich erheblich verschlechtert. Szurmay, der an diesem Tage auf den Höhen von Borynia hätte stehen sollen, war abgeblieben und Puhallo, in Sorge um seine Ostflanke, mußte die beiden rechten Flügeldivisionen zurückhalten, wodurch sein Stoß gegen Norden die erforderliche Wucht einbüßte. Krautwald hatte alle Kräfte verausgabt und behauptete sich mühsam in den erreichten Linien. Hinter dieser ausgedehnten Front stand nur eine einzige Division, die 29. ID., als Armeereserve, kaum imstande, der Vorrückung einen kräftigen Impuls zu verleihen. Der Geländegewinn bei der deutschen Südarmee befriedigte im Vergleich zu den optimistischen Anfangshoffnungen ebenfalls nicht und bis zu dem Zeitpunkte, wo Pflanzer-Baltin über den Tatarenpaß vorbrechen konnte, mußten noch einige Tage verstreichen. Rapid schmolz die Streiterzahl; die Ausfälle durch Lungen- und Darmerkrankungen sowie durch Erfrierungen mehrten sich in erschreckendem Maße. Schon mußte um das Gelingen der Offensive der 3. Armee, die ohne Rücksicht auf den weit abhängenden rechten Heeresflügel unternommen worden war, mit Recht gebangt werden.

KampfSchwankungen bei der Südarmee und am Uzsokpaß vom 27. Jänner bis 5. Februar

Hiezu Beilage 7 sowie Skizzen 4 und 5

Gerade jetzt vollzog sich aber bei Linsingen ein verheißungsvoller Umschwung.

Das XXIV. RKorps errang am 27. Jänner einen vollen Erfolg. Der rechte Flügel und- die Mitte warfen den Feind, der sich namentlich bei

Toronya tapfer schlug, über die Wyszkówer Straße zurück und verfolgten ihn mit einzelnen Abteilungen nordwestwärts in die Berge. Rasch wandte sich dann das Korps gegen Nordosten und alsbald entbrannten neue Kämpfe um den Wyszkówer Sattel. Die östlichste Kolonne focht an der Beskidklause, wo die Russen den Weg nach Ludwikówka sperren wollten. Die deutsche 209. IBrig. der 48. RD., GM. Stehr, wurde gegen Lawoczne abgezweigt (Skizze 4), um das Vordringen Hofmanns gegen Tuchla zu unterstützen.

Nach dieser glücklichen Wendung versagte sich aber das Schicksal auf lange Zeit den Wünschen der hier fechtenden Führer und Truppen. Wohl bemächtigte sich die Ostkolonne der 19. ID. am 1. Februar der Beskidklause, sah sich aber sofort wieder einer neuen Stellung des Feindes gegenüber. Heftiger noch wogte der Kampf um den Sattel bei Wyszków, ohne jedoch die ersehnte Entscheidung zu bringen. Vergeblich rief das AOK. in Teschen zur energischen Vorrückung gegen Dolina auf; dem Feinde konnte buchstäblich nur schrittweise Boden abgerungen werden.

Die Gruppe Hofmann1), aus Marschbataillonen und Landsturmverbänden zusammengesetzt, folgte dem weichenden Feinde auf dem Fuße und war schon am 28. Jänner in Besitz der Orte Volovec, F.- und Al.-Verecke. Die Russen zogen sich nach den Pässen zurück und standen nunmehr dem Westflügel der Südarmee in zusammenhängender Stellung von Smorze bis zur ESt. Beskid gegenüber. Trotz großer Erschöpfung vertrieben jedoch die Truppen Hofmanns den Feind am 3.Februar von dieser Eisenbahnstation und setzten an den beiden nächsten Tagen die Verfolgung fort, wobei die deutsche 209. IBrig. Anschluß an seinen rechten Flügel gewann.

Die eben geschilderten Vorgänge bei der Südarmee standen in enger Wechselbeziehung zu jenen bei der Gruppe Szurmay der 3. Armee. Am

26. Jänner war allerdings der Uzsokpaß in ihre Hände gefallen; doch erst der Besitz der Höhen westlich von Borynia konnte die Festhaltung des wichtigen Einbruchsweges verbürgen. Aus dieser von Natur aus starken Stellung mußten daher die Russen vertrieben werden. So rückten Szur-mays Streitkräfte tags darauf beiderseits der Bahn und Chaussee gegen Turka vor; sein rechter Flügel, die 75.HIBrig., erreichte Libuchora (Bei-

x) Anfangs bildeten die 55. ID., die 131. IBrig. und die deutsche 1. ID. ein Korps unter Befehl des FML. Hofmann. Als sich aber herausstellte, daß der Führer der 1. ID., GLt. v. Conta, im Dienstrang höher war als Hofmann, wurde der Korpsverband aufgelassen und die l.ID. rückte, unmittelbar dem Armeekmdo. unterstellt, auf der Straße gegen Tucholka vor.

läge 7). Es war geplant, daß die 3. GID., sobald sich Szurmay der Höhen bei Borynia bemächtigt hatte, nach Südosten abschwenken und in der Richtung auf Tucholka in den Kampf der dorthin dirigierten deutschen 1. ID. eingreifen sollte. Boroević regte aber einen Rollentausch mit der weiter vorne befindlichen 75. HIBrig. an; ihm erschien es zweckmäßiger, daß sich die Garde an dem bevorstehenden Angriff Szurmays beteilige und später, über Skole angesetzt, der Südarmee aus den Bergengen heraushelfe, Nach einigem Schwanken entschied die Heeresleitung im Sinne der mittlerweile vorgebrachten Gegenvorstellungen Linsingens, der seine Division so bald als möglich an sich ziehen wollte. So gelangte die 3. GID. am 29. nach Libuchora, nachdem die 75. HIBrig. am Vortage noch im Sinne des Rollentausches in Matków eingetroffen war.

Das weitere Vordringen der Gruppe Szurmay gegen Turka und darüber hinaus war in doppelter Hinsicht von großer Bedeutung; einesteils sollte dadurch dem bereits erlahmenden Stoße gegen Przemyśl ein neuer Antrieb gegeben, andererseits Flanke und Rücken der 3.GID. gedeckt werden. Die Heeresleitung griff daher zwischen dem 28. und 31. Jänner wiederholt mit Befehlen ein. Am 31. wurde auch Linsingen aufgefordert, gegen Świdnik eine starke Kolonne mit der zweifachen Aufgabe zu entsenden, zuerst Szurmay zu unterstützen und dann bei der Südarmee flankierend einzugreifen.

Da die Höhenstellung bei Borynia, wie man sich alsbald durch die ergebnislosen Vorstöße überzeugte, im Stirnangriff nicht zu bezwingen war, setzte FML. Szurmay nach der Umgruppierung seiner Verbände am 31. zeitlich früh überfallsartig zu einer doppelseitigen Umfassung an. Mühsam arbeiteten sich die Schützenlinien durch den tiefen Schnee vorwärts; doch der Feind verlängerte beide Flügel, so daß ein durchschlagendes Ergebnis kaum erwartet werden konnte. Da die Erschöpfung der Truppen einen 'bedenklichen Grad erreicht hatte, überdies grimmige Kälte herrschte, sah Szurmay von der wenig aussichtsreichen Aktion ab und zog seine Gruppe in der Nacht zum 2. Februar wieder in eine Stellung knapp nordöstlich vom Uzsokpaß zurück. Hier wollte er seinen überan-strengten Kämpfern eine kurze Erholungspause gewähren.

Die 75. HIBrig. focht am 30. gemeinschaftlich mit der 3. GID. östlich von Matków gegen den Westflügel der Linsingen gegenüberstehenden Russen, rückte aber tags darauf infolge der erwähnten Entscheidung des AOK. gegen den rechten Flügel Szurmays heran, um nach wechselvollen Kämpfen gleichzeitig mit diesem ein kurzes Stück zurückzugehen, leider aber auf dem westlichen und nicht auf dem östlichen Stryjufer. Die 3.GID.

konnte hiedurch leicht in Bedrängnis geraten, denn die Zugänge in ihre Flanke und ihren Rücken lagen nunmehr für den Feind offen.

In Munkács verfolgte man diese Entwicklung mit großer Besorgnis und wandte sich mit der Bitte um Abhilfe sowohl an das Oberkmdo. Ost als auch an die DOHL.!). Der 3. Februar wurde aus diesem Grunde für die obersten Befehlsstellen zu einem Tage der Weiterungen und Mißverständnisse, die ungünstig auf die Stimmung der verantwortlichen, mit vielen anderen Sorgen beschwerten Personen zurück wirkten. Auf den Streifen des Hughesapparate erschien immer wieder die 3. GID. So erbat sich Hptm. Fleischmann im Aufträge des Oberkmdos. Ost vom AOK. Auskunft über den Sachverhalt. Außerdem telegraphierte Ludendorff an Conrad, alle bisherigen Erfolge der Südarmee seien durch das freiwillige Zurückgehen Szurmays in Frage gestellt; endlich ließ auch Falkenhayn den bevollmächtigten deutschen GM. v. Cramon 2) aus gleicher Ursache in Teschen Erkundigungen einziehen.

Aus der Lagemeldung des 3. Armeekmdos., die um Mittag in Teschen eintraf, ersah das AOK. zum erstenmal, daß tatsächlich für die Sicherung der 3.GID. rechts vom Stryj nicht vorgesorgt worden war. Außerdem wirkte das Zurückgehen der Gruppe Szurmay um so störender, als mittlerweile über die Frontmitte der 3. Armee eine Krise hereingebrochen war, die noch zu schildern sein wird. Jetzt mußte wenigstens ihr Ostflügel standhalten, unbedingt aber ein Mißerfolg der Garde abgewendet werden. Nach Kaschau erging die Weisung, den rechten Flügel Szurmays sofort östlich vom Stryj vorrücken zu lassen.

Inzwischen bestand aber längst keine Gefahr mehr für die 3. GID. Ihr Vordringen in beständigem Gefechte über Smorze hatte der deutschen 1. ID. zu dem Gewinn der Straßenhöhe Lysa (Skizze 4) verholfen und am

3. Februar vertrieben beide Divisionen im engen Anschluß den Feind aus Tucholka. Die Absendung von Verstärkungen durch Szurmay erwies sich daher als überflüssig und hätte überdies dem Grundgedanken der Gesamtoperation widersprochen, der das Schwergewicht auf den rechten Flügel der 3. Armee legen hieß.

Noch in Unkenntnis der Vorgänge bei Tuchla, verfügte das AOK., daß die Garde umzukehren und im Anschluß an Szurmay gegen Norden vorzugehen habe.

Da sich das Kmdo. der Südarmee von den bisherigen Ergebnissen der Offensive nicht befriedigt fühlte, richtete es am 4. Februar an die k.u. k. Heeresleitung einen Vorschlag zur Besserung der Lage: GdK. Pflanzer-Baltin habe nur schwächere und minderwertige Kräfte des Feindes vor sich, während sich dieser gegenüber der 3. und der Südarmee zusehends verstärke. Die Vorrückung der Armee Boroević sei ins Stocken geraten und auch die Südarmee komme nicht recht vorwärts. Es sei also notwendig, daß von dieser nicht nur die Garde, sondern noch weitere Kräfte dem rechten Flügel Szurmays zu Hilfe eilten. Hiezu benötige aber Linsingen weitere Verstärkungen an beiden Flügeln seiner Armee, um rasch aus dem Gebirge herauszukommen, und zwar für den rechten die 6. ID. Pflanzer-Baltins, für den linken Truppen der 3. Armee, die sodann insgesamt unter seinen Befehl zu stellen wären. Aus Teschen wurde geantwortet, Szurmay erhalte demnächst Verstärkungen, doch hoffe man, daß die Zuführung der 3. GID. genügen werde, um den Angriff vorwärtszutragen. Auf eine Abänderung der Befehlsbefugnisse ließ sich das AOK. nicht ein.

Bevor die 3.GID. zu Szurmay abrücken konnte, mußte noch der Feind, der sich nördlich von Tucholka neuerlich stellte, geworfen werden. Dies gelang im Zusammenwirken mit der deutschen 1. ID. Hierauf kämpfte die Garde Schulter an Schulter mit der 75. HIBrig. östlich vom Stryj.

Brussilows Gegenschlag gegen die k. u. k. 3. Armee (27. Jänner bis 5. Februar)

Hiezu Beilagen 6 und 7

Inzwischen hatte sich der Druck des Feindes gegen die Armee Boroević verstärkt. Da sich die Russen auf den Höhen westlich von Borynia durch die FortschrittePuhallos — V.Korps (33.ID.und37.HID.)undXVIII.Korps (44. und 43. SchD.) — bedroht fühlten, stießen sie gegen den rechten Flügel dieser Gruppe nordwärts vor. Indes schritt der gegen Ost abgebogene Frontteil des V. Korps sogleich zum Gegenangriff und warf den Feind am 29. Jänner wieder zurück. Als aber FML. Szurmay der Aufforderung, den in die Lücke zwischen seiner und der Gruppe Puhallo eingedrungenen Feind in die Zange zu nehmen, nicht nachkommen konnte, zog das V. Korpskmdo. seinen rechten Flügel in das frühere Verhältnis eines Defensivhakens zurück; dies war um so mehr geboten, als der Angriff der

37. HID. über Lutowiska hinaus Raum gewonnen hatte und es verhindert werden mußte, daß der Zusammenhang mit der 33. ID. verloren gehe.

Beim XVIII. Korps wurde der Ostflügel vom Feinde am 28. um etwa 5 Ion zurückgedrückt, während die linke Flügeldivision (43. SchD.), bereits südlich von Baligród, mit den sich vorpressenden Russen hart zu ringen gehabt und in vergeblichen Gegenangriffen ihre Kampfkraft nahezu völlig eingebüßt hatte; schon gingen einzelne Gefechtsgruppen zurück.

Wurde dem russischen Stoße nicht bald ein Riegel vorgeschoben, so drohte der Verlust des wichtigen Raumes bei Cisna. Die nächste, aber auch einzige Hilfe konnte die nach Wola Michowa gelangte Armeereserve, die 29. ID., bringen. Ursprünglich hatte Boroević geplant, diese Division an seinem Ostflügel einzusetzen, um den von der 44. SchD. errungenen Anfangserfolg auszubeuten. Der am 26. Jänner begonnene Rechtsmarsch der 29. ID. mußte aber wegen des noch zu schildernden Rückschlages auf dem westlichen Armeeflügel eingestellt werden. Nunmehr sah sich der Armeeführer gezwungen, die Division zur Ablösung der abgekämpften 43. SchD. zu verwenden. Als sie jedoch am 30. Jänner hinter dem ihr zugedachten ausgedehnten Abschnitte eingetroffen war, erklärte der Kommandant des XIX. Korps, FML. TrollmannJ), daß die Reste der 43. SchD. in der Front belassen werden müßten, weil sonst das Festhalten des mühsam gewonnenen Bodens nicht gewährleistet wäre. Mit der Genehmigung dieses Antrages scheiterte die Absicht des 3. Armeekmdos., sich mit der abgelösten 43. SchD. eine neue Reserve zu schaffen.

Die Offensivkraft des Stoßflügels war nunmehr erschöpft und Boroević außerstande, den Kampf zu nähren. So mußte die gegen die Gruppen Krautwald, Erzherzog Joseph und Colerus heranbrandende Russenflut schlimme Bedrängnis bringen. Unaufhörlich langten in den nächsten Tagen Hiobsbotschaften in Kaschau ein, zuerst vom VII., dann vom X. und auch vom III. Korps. Obgleich es weder bei der Abwehr noch beim Gegenstoß an Zügen hervorragender Tapferkeit fehlte, buchtete sich doch gegenüber dem unaufhaltsamen Vorgehen der beiden rechten Flügelkorps der Armee Brussilow die eigene Front immer tiefer gegen Süden aus. Die Hoffnung, mit dem bereits gelähmten Offensivflügel eine entscheidende Wendung herbeizuführen, war geschwunden. Bei den Tag und Nacht unter den unerhörtesten Entbehrungen und den Unbilden des eisigen Winters im Kampfe stehenden Truppen schlich sich ein bedenklicher Gast ein: Apathie und Stumpfheit, eine Folge der Überspannung der Anforderungen. Dies machte sich in den verschiedensten Schattierungen geltend; begreiflicherweise bei den Verbänden slawischer Nationalität, die gegen den Blutsbruder fochten, stärker als anderswo. Und gerade der

x) Vom XIX. Korps war nur die 29. ID. zur Stelle.

Schutz des lebenswichtigen Raumes bei Mezölaborcz war zwei galizischen Divisionen anvertraut. Wenn sie sich dennoch brav schlugen, so geschah dies mehr aus anerzogenem Pflichtgefühl als aus der festen inneren Überzeugung, einer großen Sache zu dienen.

Als die russische Offensive in der Gegend des Duklapasses begonnen hatte, glaubte Boroević anfangs nicht an weit gesteckte Ziele des Feindes, dessen Stößen gegen Süden er bloß die Absicht zuschrieb, das Abziehen von Kräften aus der Front der Armee Dimitriew zu verschleiern. Um dies zu verhindern, regte Boroević jetzt selbst einen Angriff der Armee des Erzherzogs Joseph Ferdinand an.

Das 4. Armeekmdo. hatte auf Grund des Heeresbefehles vom 22. Jänner (S. 111) Direktiven für eine mit starkem Südflügel zu führende Offensive ausgegeben, die in Übereinstimmung mit der 3. Armee aufgenommen werden sollte (Beilage 6). Den Zeitpunkt für die Offensive hielt man aber erst für gekommen, sobald der Feind unter der Einwirkung des Stoßes der Armee Boroević beginnen würde, seine Stellungen gegenüber der

4. Armee zu räumen. Nur wenn sich der Russe mit voller Kraft auf das III. Korps würfe, was vom 26. an einzutreten schien, sollten Teile der Gruppe Arz den linken Hebel der Zange bilden, mit der man die Russen aus der Gegend der inneren Armeeflügel herausdrängen wollte. Hiefür wurden einige Bataillone der 45.SchD. und die ll.HKD. bereitgestellt. Weiters bestand eine Vereinbarung mit dem 1. Armeekmdo., daß zur Erleichterung der Forcierung des unteren Dunajec die Artillerie vom nördlichen Weichselufer einzugreifen habe, allenfalls aber auch Truppen zur unmittelbaren Unterstützung über die Brücke bei Jagodniki gesandt werden sollten.

GdI. Boroević bat am 30. angesichts der sich immer mehr verschärfenden Lage beim X. und bei dem auf 24 km ausgedehnten VII. Korps um schleunige Zuführung einer Division auf der Bahnlinie nach Mezölaborcz. Bei diesem Hilferuf ließ er als Unterton den Vorwurf mitschwingen, daß das AOK. die ursprünglich als Armeereserve bestimmte

7. ID. der Gruppe Szurmay zugeschlagen habe, indes die letzte noch verfügbare Reserve, die 29. ID., bereits verausgabt war1).

In Teschen brach sich die erst viel später in die Tat umgesetzte Ansicht Bahn, daß die Krise bei der 3. Armee am besten durch den ungesäumten Angriff der Erzherzogsarmee beschworen werden könne. Noch am 30. wurde daher dem 4. Armeekmdo. am Fernsprecher anheimgegeben, entweder mit ganzer Kraft anzugreifen oder eine Infanteriedivision an Boroević abzusenden. Aber in Okocim hielt man begreiflicherweise einen Stirnangriff gegen die stark verdrahteten Stellungen' Dimitriews für aussichtslos1). Noch war der Gedanke der Durchbruchsschlacht mit zusammengefaßtem Zerstörungs- und Vernichtungsfeuer schwerer und schwerster Artillerie bei den Führern zu wenig gereift. Man wählte die

*) Zur Erläuterung dieser Auffassung bemerkt der damalige Chef der Generalstabsabteilung des 4. Armeekmdos., GM. v. Paić:

„Die 4. Armee hatte nach dem Siege bei Limanowa-Łapanów in der Verfolgung des Gegners um die Mitte Dezember 1914 die Dunajec-Biaialinie erreicht. Der anfangs gehegte Plan, die Offensive sofort weiterzuführen, wurde alsbald als undurchführbar erkannt, da der Russe in der nunmehr verkürzten, durch das Terrain ungemein begünstigten Front starke Kräfte vereinigt hatte, die bald darauf selbst zum Angriffe schritten. Erst am 5. Jänner 1915 flauten die feindlichen Vorstöße ab. Die technische Verstärkung der nun eingenommenen Stellung und das Ordnen der arg durcheinandergekommenen Verbände sowie Vorsorgen materieller Natur nahmen die nächsten Tage in Anspruch. Bevor aber noch das Armeekmdo. schlüssig werden konnte, ob und unter welchen Bedingungen die Wiederaufnahme der Offensive möglich sein konnte, trafen die Weisungen des AOK. ein, die auf eine Operation über die Karpathen abzielten. Nicht nur das von der 1. Armee anrollende V. Korps wurde nunmehr dem Ostflügel des GdI. Boroević zugeführt, sondern die 4. Armee selbst hatte drei Infanteriedivisionen an den rechten Heeresflügel abzugeben.

Unter diesen Verhältnissen waren alle Voraussetzungen für einen selbständigen, große Ziele verfolgenden West-Oststoß der 4. Armee genommen. Wenn auch in den folgenden Wochen und Monaten die gegenüberstehende Front des Gen. Dimitriew nach und nach geschwächt wurde, so änderte dies nichts an der Situation, da auch die

4. Armee immer wieder weitere Kräfte in die Karpathen abzugeben hatte. Ein isolierter Angriff der 4. Armee blieb aussichtslos. Es war ganz undenkbar, daß er, mit den vorhandenen geringen Kräften unternommen, so große Erfolge zeitigen würde, um auf die Situation der östlichen Teile der Karpathenfront wirksam zu werden; es war aber sicher, daß jede solche Offensive überaus verlustreich sein mußte und dadurch selbst die weitere unbedingte Behauptung der Dunajec-Biaialinie in Frage stellen konnte.

Bei den Erwägungen und Erörterungen eines solchen Angriffes mußte daher das

4. Armeekmdo. eine ablehnende Haltung einnehmen. In Okocim war man sich jedoch andererseits der Pflicht bewußt, jede Schwächung des gegenüberstehenden Feindes ebenso mit einem sofortigen Angriff zu beantworten, wie in dem Falle offensiv zu werden, wenn das benachbarte III. Korps zum Angriff schritt oder selbst arg bedroht würde. Das 4. Armeekmdo. war sich endlich auch im klaren, daß die großen Ziele des AOK. auch unter Opfern gefördert werden müßten. Es stimmte daher der Schwächung der eigenen Front bis an die Grenze des überhaupt möglichen zu, ohne jemals Bedenken zu äußern, und ergriff jede Gelegenheit, um durch partielle offensive Unternehmungen das benachbarte III. Korps zu unterstützen oder ein Abziehen des Gegners zu verhindern“ (Zuschrift vom 5. Jänner 1929 an das Kriegsarchiv).

Kräfteabgabe an die 3. Armee und stellte eine Division zur Verfügung. Das AOK. griff aber nur auf zwei Infanterieregimenter (IR. 81 und 88), die aus der Front gezogen und als kombinierte Brigade am 31. Jänner und 1. Februar aus der Gegend von Brzesko nach Mezölaborcz transportiert wurden.

Als nun das X. und das VII. Korps am 31. wieder ein Stück zurückgedrängt wurden, forderte das 3. Armeekmdo. unbedingtes Ausharren, damit die kombinierte Brigade in Mezölaborcz ausgeladen werden könne. Doch das VII. Korps mußte immer mehr Raum gegen Sztropkó geben. Boroević faßte hierauf durchgreifende Entschlüsse, umsomehr, als abgehorchte Funksprüche die Fortsetzung der russischen Offensive ankündigten. Er beabsichtigte, den Feind durch doppelseitigen Angriff aus der tiefen Fronteinbuchtung des VII. Korps herauszupressen, wozu die kombinierte Brigade nach Bereitstellung hinter dem rechten Flügel dieses Korps in der Richtung über Havaj vorstoßen, die 28. ID. des III. Korps im Vereine mit den Kräften, die von der Gruppe Arz zur Verfügung gestellt würden, von Westen vorgehen sollten. Hiedurch kam allerdings das X. Korps, das zurzeit mit 15.800 Feuergewehren einen Abschnitt von 28 km deckte, um die zugesagte Unterstützung. In brennender Sorge, daß der dünne Schleier seiner abgekämpften Verbände reißen könnte, ehe Verstärkungen eintrafen, schlug Boroević vor, an den Eisenbahnendpunkten Massen unbewaffneter Ersatzmannschaften bereitzustellen, die, von den rückströmenden Verwundeten und Kranken mit Waffen und Ausrüstung versehen, zu den schwer ringenden Divisionen nach vorne zu schicken wären. Dieser Vorschlag wurde vom AOK. abgelehnt.

In Teschen bereitete man aber doch einen großen Gegenschlag vor. Auf dem Südflügel der 4. Armee sollte eine starke Angriffsmasse von fünf Infanteriedivisionen (10. und 11. ID., 13., 26. und 45. SchD.) und einer Kavalleriedivision (11. HKD.) gebildet werden und unter dem Befehl des GdI. Křitek südlich von der Magora vorstoßen, um den bedrängten Westflügel der 3. Armee zu entlasten. Die beiderseits der Straße Ropa—Gorlice—Biecz stehenden Teile der Armee des Erzherzogs waren angewiesen, sich diesem Angriffe, der am 7. zu beginnen hatte, anzuschließen.

Für eine unmittelbare Verstärkung der 3. Armee kam Ende Jänner der bereits erwähnte Vorschlag des Erzherzogs Eugen (S. 105) zu gelegener Stunde. Er beantragte die vorübergehende Verwendung des zu den Balkanstreitkräften gehörenden VIII. Korps (9. ID. und 21. SchD. mit zusammen 23.000 Feuergewehren) auf dem nördlichen Kriegsschauplätze. Freudig ging man in Teschen darauf ein. Schon am 3. Februar rollten aus dem Süden die ersten Transporte auf zwei Bahnlinien zur 3. Armee, die 21. SchD. mit dem VIII. Korpskmdo. gegen den Raum Mezölaborcz, die 9. ID. gegen den Uzsokpaß. Außerdem stellte die 1. Armee noch die 1. LstlBrig. zur Verfügung, die vom 2. Februar abends von Brzesko gleichfalls nach Mezölaborcz geleitet werden sollte.

Der somit beträchtlichen Verstärkungen entgegensehenden 3. Armee schrieb die Heeresleitung vor, unter Festhaltung des Raumes von Mezölaborcz die Vorrückung des verstärkten Ostflügels gegen Sanok—Chyrów entscheidend zu gestalten. Ob die hiefür zur Verfügung gestellten Kräfte genügen würden, blieb allerdings fraglich; sie waren aber sicherlich ausreichend, um gegen den russischen Einbruch in die ungarische Ebene einen festen Damm zu errichten. In Teschen befriedigte die Führung der 3. Armee nicht. Das AOK. telegraphierte nach Kaschau, daß das unaufhörliche Zurückweichen des VII. und des X. Korps die Gesamtlage immer bedenklicher gestalte, die Gefechtslinie wurde immer ausgedehnter, dünner und weniger widerstandsfähig. Die Depesche enthielt aber auch einen wenig verhüllten Tadel:

„Das bloß defensive, portionenweise Stopfen der Lücken durch die zugewiesenen Verstärkungen ist nicht dazu angetan, diese Verhältnisse zu bessern, sondern es sind diese Verstärkungen, möglichst zusammengefaßt und im Anschlüsse mit den bereits im Kampfe befindlichen Truppen, zu einem möglichst kräftigen einheitlichen Stoß in der vom Armeekmdo. als günstigst oder dringendst erkannten Richtung einzusetzen.“

Dann folgte noch eine Andeutung über die Notwendigkeit persönlichen Eingreifens durch den Armeeführer selbst.

Die in kritischen Zeiten selten ausbleibenden inneren Reibungen und damit verbundenen Verstimmungen hatten damit zwischen diesen beiden Befehlsstellen schärfere Formen angenommen. GdI. Boroević antwortete noch am selben Tage, daß auch er sich zu den vom AOK. dargelegten Führungsgrundsätzen bekenne, von denen abzuweichen ihn nur die Macht der Umstände gezwungen habe.

Mit Rücksicht auf das von der Heeresleitung angekündigte Unternehmen der Gruppe Křitek verschob Boroević den ursprünglich geplanten Gegenangriff von Westen her, weil sich daran anfangs nur untergeordnete Kräfte der 4. Armee hätten beteiligen können. Dagegen hielt er an dem Einsätze der kombinierten Brigade über Havaj fest, weil er besorgte, daß der ins Gleiten geratene rechte Flügel des VII. Korps die Russen kaum mehr daran hindern könnte, sich von dieser Seite her des Ortes Mezölaborcz zu bemächtigen.

Der 3. Februar, ein Tag, der schon unter dem Unstern der die 3.GID.

betreffenden Weiterungen (S. 132) stand, bewies mit seinem lebhaften Drahtverkehr zwischen Teschen und Kaschau, daß sich die Anschauungen der Heeresleitung und des 3. Armeekmdos. nicht völlig deckten. Ganz im Sinne der erhaltenen Weisungen wollte Boroević alles daransetzen, seinen Ostflügel wieder flottzumachen, der in stetem Abwehrkampfe, namentlich beim XVIII. Korps und auf dem rechten Flügel Krautwalds, Boden eingebüßt hatte. Der Armeeführer ging sogar um einen Schritt weiter als das AOK. und beantragte die Heranführung beider Divisionen des VIII. Korps gegen den Uzsokpaß, während die Heeresleitung die

21. SchD. bei Mezölaborcz verwendet wissen wollte. Boroević glaubte aber, sich im Gefechtsraume des VII. Korps durch den Gegenangriff der kombinierten Brigade Luft machen zu können, indes die hinter dieser anrollende 1. LstlBrig. zur unmittelbaren Unterstützung des X. Korps genügen würde.

In seinen Erwägungen trat der Westflügel augenblicklich in den Hintergrund, obgleich sich gerade jetzt zwischen dem III. und dem

VII. Korps eine breite Lücke aufgetan hatte. Das dem VII., dem X. und zum Teil auch dem III. Korps vorzuschreibende Verhalten hing nicht nur davon ab, ob die russischen Angriffe andauern würden, sondern auch von dem Zustande der in die Verteidigung gedrängten und über alle Maßen beanspruchten Truppen. Dieser und die Rücksicht auf die Eintreffzeiten der Verstärkungen mußten die Art der weiteren Kampfführung wesentlich beeinflussen. In gewissen Abschnitten war Widerstand bis aufs äußerste, selbst bei Aufopferung einzelner Divisionen, geboten. An anderer Stelle schien ein elastisches Ausweichen, auch bei Preisgabe schon gewonnenen Geländes, das zweckmäßigere Verfahren, um unnötige Verluste zu vermeiden und Zeit zu gewinnen, mit Hilfe der anrollenden Verstärkungen zu einem neuen Stoß auszuholen.

Wie es scheint, hatte das AOK. aus einer Lagebeurteilung die Absicht des 3. Armeekmdos. herausgelesen, daß die augenblicklich festgehaltenen Räume nicht bis auf das äußerste behauptet werden sollten. In Teschen befürchtete man, daß der Russe auf ungarischem Boden weiter Raum gewinnen könnte, was aus innerpolitischen Gründen womöglich zu verhüten war. Die Heeresleitung verlangte daher, daß die 3. Armee keinen Schritt weiter zurückweiche; es stünden fünfzehn eigene gegen zwölf feindliche Divisionen1).

ł) Dieser Kräftevergleich war mit Rücksicht auf die grundverschiedenen Feuergewehrstände wohl nicht ganz zutreffend und sollte vermutlich nur zur Stärkung des Widerstandswillens dienen.

Inzwischen hatte sich aber der Frontriß an den inneren Flügeln des III. und des VII. Korps zu einer derart großen Lücke erweitert, daß die Gefahr eines völligen Durchbruches nicht ausgeschlossen zu sein schien. Das 3. Armeekmdo. entschloß sich daher, die nach Mezölaborcz gewiesene 1. LstlBrig. auf die Linie über Eperjes abzuleiten, nördlich von dieser Stadt auszuladen und der 4. KD. zuzuweisen, die mit der Bewachung des entblößten Raumes betraut war. Im Vereine mit dieser Verstärkung sollte der Führer dieser Reiterdivision, GM. Berndt, das VII. Korps durch einen Gegenangriff entlasten.

Am Abende des 3. Februar traf beim 3. Armeekmdo. die Antwort auf den Antrag des GdI. Boroević wegen eines ungeteilten Einsatzes des VIII. Korps am Uzsokpaß ein. Das AOK. erklärte sich unter der Bedingung einverstanden, daß der Raum Mezölaborcz mit Hilfe der beiden dahin gesendeten Brigaden — der kombinierten und der 1. LstlBrig. — zuverlässig festgehalten werde. Nun war aber dem X. Korps gerade die bitter nötige Unterstützung entzogen worden.

Immer schwerer lastete während des Tages der Druck des Feindes auf dem VII. und dem X. Korps. Dadurch, daß die Russen kurz nach Mitternacht in Mikó eindrangen, war Mezölaborcz auch von Nordwesten her bedroht. Auch das III. Korps wollte seine Truppen schon in den Abschnitt von Zboró zurücknehmen. Nach Fliegermeldungen bewegten sich starke russische Kolonnen in der Richtung auf Sanok. Obgleich Boroević im Sinne der eingetroffenen Weisung seine Korps unaufhörlich zum äußersten Widerstand anspornte und dabei betonte, daß die wichtige Eisenbahnstrecke Mezölaborcz—Łupków keinesfalls verlorengehen dürfe, zerbrach schließlich die Kraft der Truppen unter der Überspannung der an sie gestellten Forderungen. Zum Glück konnte das rollende Material der bezeichneten Strecke rechtzeitig nach Süden abgeschoben werden. Jetzt erreichte jedoch die Krise ihren Höhepunkt.

Schweres russisches Artilleriefeuer lag am 4. Februar seit den ersten Nachmittagsstunden auf den Gebäuden des Bahnhofes von Mezölaborcz und auf dem gegenüberliegenden Hause, wo das X. Korpskmdo. seit der Jahreswende sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte. Bis zum Spätabend harrte der Stab hier aus, um die letzten Anordnungen für den unausweichlich erscheinenden Rückzug zu treffen. Die 2. ID. war, in der Front an mehreren Stellen durchbrochen, trotz heldenhafter Gegenstöße einzelner unverzagter Abteilungen bis unweit vom Orte zurückgegangen; nordöstlich davon deckte die 24. ID. aus weiter vorgeschobener Stellung die Bahnstrecke nach Łupków.

Kurz nach llh nachts brachen die Russen in Mezölaborcz ein, doch währte bei dichtem Schneegestöber bis lange nach Mitternacht das Handgemenge in den Ortsgassen; erst gegen 3h morgens zog unsere letzte Abteilung ab. Die auf kaum 1000 Feuergewehre zusammengeschmolzenen Reste der 2. ID. wichen im Laborczatale zurück. Nachhuten nahmen noch vorübergehend Stellung. Nicht ein Fuhrwerk fiel in die Hände des Feindes.

* *

*

Während der vierzehntägigen Kampfperiode büßte die 3. Armee allein fast 89.000 Mann, somit über 50o/o ihres Standes ein; viel größer als der Verlust an Toten, Verwundeten und Gefangenen war der an Kranken. Die obige Ziffer verteilt sich auf die einzelnen Kampfgruppen etwa wie folgt: Gruppe Szurmay 14.500, V.Korps 16.660, XVIII. Korps 8010, XIX. Korps 5440, X. Korps 22.220, VII. Korps 13.080 und III. Korps 9000 Mann1).

Hier soll nun die Ansicht des damaligen Generalstabschefs beim X. Korps, FML. v. Kralowetz, über die Anlage und Durchführung der Karpathenschlacht (23. Jänner bis 5. Februar) wiedergegeben werden2).

„Bei Gegenüberstellung der durch die Disposition des 3. Armeekmdos. angestrebten Angriffsziele und der von seinen Einheiten erreichten Räume ergab sich ein beträchtlicher Fehlbetrag in Kilometern. Nach sechstägiger Operation hatte am Stoßflügel der Armee das V. Korps einen Raumgewinn von nur etwa 18 km zu verzeichnen. Die etwas über Baligród vorgedrungene 43. SchD. war nach vollständiger Erschöpfung ihrer Kräfte im zwangsweisen Abbau ihres Geländegewinnes von 12 km begriffen. Das X. Korps hatte mit seinem linken Flügel dem übermächtigen russischen Drucke nachgegeben und stand vor der Notwendigkeit der Zurücknahme seiner Gesamtkräfte in die Ausgangsstellung. Endlich war das nicht zur Stoßgruppe gehörige VII. Korps mit der 17. ID. sogar hinter seine ursprüngliche Stellung zurückgedrängt worden.

Das räumliche Ergebnis war also gewiß nicht im Einklänge mit einem Unternehmen, das für alle beteiligten Verbände mit den schwersten Opfern, ja vielfach mit der gänzlichen Einbuße des Gefechtswertes in zahlenmäßiger, physischer und moralischer Hinsicht abschloß, weniger durch die Einwirkung des Feindes als hauptsächlich durch die auflösenden und zersetzenden Einflüsse des rauhen Gebirgswinters.

Der Feind hatte nicht annähernd den gleichen Abbruch erlitten. Seine bis zum Eintritt des unvermeidlichen Schwächemoments beim Angreifer zurückgehaltenen und geschonten Hauptkräfte holten jetzt zum Gegenschlage aus, der auf bereits dezimierte, entkräftete, erstarrte und wehrlose Truppen traf....

Ein Bewegungskrieg mit weitgesteckten Zielen war unter den gegebenen Verhältnissen nur im Gange zu erhalten, wenn nach etwa zwei bis drei Tagen für eine Ab-

x) Diese Verlustangaben sind dem Schreiben des GM. Anton Pitreich vom 20. September 1929 an das Kriegsarchiv entnommen. Nachträglich ist nicht festzustellen, ob sich diese Ziffern auf den „Gefechts-“ oder auf den „Feuergewehrstand“ beziehen.

2) Aus einer unveröffentlichten Studie des Generals (verkürzt und auszugsweise).

lösung der sich mühsam vorarbeitenden Truppen durch ausgerastete Kräfte vorgesorgt worden wäre. Nur ein „schichtweises Vorarbeiten“ hätte diese Winteroffensive schrittweise ans Ziel gelangen lassen, ohne die Truppen gänzlich aufzureiben. Dazu waren aber Ablösungskräfte in den Stoßrichtungen, zum mindesten aber volle festgefügte Truppenbestände, die dem enormen Verbrauche Rechnung trugen, unerläßlich. Hatte man diese Kräfte nicht, dann hätte das Wagnis dieses Bewegungskrieges füglich unterlassen werden sollen.

Die im Jänner 1915 in den Karpathen begonnene Offensive konnte unmöglich über den ersten Ansatz hinausgelangen.....“

An einem solchen Urteile darf nichi vorbeigegangen werden, wenn die eiserne Tatkraft der Heeresleitung gerühmt wird, die ihre Aufgabe darin erblickte, das übermächtige Russenheer nicht nur zu fesseln, bis deutsche Kräfte vom französischen Kriegsschauplätze frei geworden waren, sondern auch die Initiative an sich zu reißen und eine baldige Kriegsentscheidung zu erzwingen, die aus den bereits dargelegten Gründen angestrebt wurde.

Ob aber die für die Offensive gewählte Richtung die einzig mögliche und sachgemäße war, darüber wird noch später zu sprechen sein.

Die hier gebotene Beschränkung auf die Darlegung der operativen Vorgänge bei notgedrungener Vernachlässigung der Einzelheiten im Gefechte bringt die Gefahr mit sich, beim Leser nicht völlig zutreffende Vorstellungen hervorzurufen; denn zu dem Gesamtbilde gehört unzertrennlich, was die Truppe zu erdulden hatte, was ihr an Leiden und Mühsal aufgebürdet wurde. Um diesem Mangel wenigstens einigermaßen abzuhelfen, werden an geeigneten Stellen Bruchstücke einer aus der Feder des Obersten Dr. h. c. Veith stammenden Schilderung1) abgedruckt. Über die eben dargestellte Phase schreibt Oberst Veith:

„Am 23. Jänner brach man los, hinein in die eisige Hölle der Karpathenschlacht. Der Uzsok-, der Verecke- und der Wyszkówer Paß wurden erstürmt, aber am Nordhange des Gebirges empfing die Truppen der Schneesturm. Am 25. Jänner wird die siegreich vordringende Brigade GM. Lieb, nachdem sie den Feind geworfen, durch den eisigen Nordost in ihre Ausgangsstellung zurückgejagt. Das Verhängnis bricht herein. Es ist erschütternd, die Berichte aus jenen Tagen zu lesen. Täglich erfrieren Hunderte; jeder Verwundete, der sich nicht fortschleppen kann, ist unweigerlich dem Tode verfallen. Reiten wird zur Unmöglichkeit. Ganze Schwarmlinien ergeben sich weinend, um der entsetzlichen Pein zu entgehen; beim SchR. 21 wird die abends eingesetzte Schwarmlinie am nächsten Morgen bis auf den letzten Mann erfroren aufgefunden. Kein Fuhrwerk, kein Tragtier kommt in den ungeheuren Schneemassen vorwärts; selbst muß die Mannschaft die Kochkisten in die Stellung tragen, doch die erschöpften Träger bleiben liegen und erfrieren, durch Tage erhalten die Kämpfer

J) Veith, „Werdegang und Schicksal der öst.-ung. Armee im Weltkrieg“ (Wien 1922, Manuskript). Vgl. I, 44, Fußnote.

bei —25° Celsius kein Essen, der eiserne Vorrat, den der Mann bei sich trägt, ist eishart gefroren und ungenießbar; durch sieben Tage steht die ganze 43. SchD. ununterbrochen in schwerstem Kampfe gegen Feind und Schneesturm ohne einen warmen Bissen, durch volle dreißig Tage kommt nicht ein einziger Mann ihres Verbandes unter ein schützendes Dach!

Ähnlich geht es auf der ganzen Front. An Ablösung der Kämpfenden, an auch nur vorübergehende Einquartierung ist nicht zu denken, die Stände sind zu gering und werden bei den furchtbaren Verlusten täglich geringer, die Aussicht auf Ablösung immer problematischer. Beim SchR. 20 sinkt der Stand auf 9 Offiziere, 250 Mann (Sollstand zirka 60 Offiziere, 3400 Mann), kaum ein Bataillon der Front zählt noch zweihundert. Immer dünner wird die Linie, immer wieder müssen an einer Stelle die todmüden Kämpfer aus der Front gezogen werden, um an einer anderen ein eben entstandenes Loch zu stopfen; Sanitätspersonal, Leichtmarode, Leichtverwundete werden eingesetzt, eine totale Vermengung der Stände, diese größte Erschwernis jeder geordneten Kampfführung wie des Nachschubes, ist dauernd die Folge.

Trotz des erreichten Kampferfolges ist die Stimmung der Truppen gedrückt, ja verzweifelt; das sichere Gefühl, sich im Kampfe mit den Elementen aufzureiben, läßt keine Siegeshoffnungen aufkommen. Die höheren Kommanden tun ihr Möglichstes, die moralische Widerstandskraft zu heben; man muß froh sein, den gelegentlich hervorbrechenden Hang zur Panik niederzuhalten. Die stumpfe Apathie und Gleichgültigkeit, die die Front immer mehr ergreift, ist nicht zu bannen.

Ende Jänner tritt plötzlich Tauwetter und Regen ein, alles ist bis auf die Haut durchnäßt, keine Möglichkeit zum Trocknen, dagegen gefrieren den Leuten über Nacht die Kleider am Leibe zu Eispanzern. Wer keine eiserne Natur hat, muß jetzt zusammenbrechen. Da setzt der russische Gegenangriff ein. Die vor Qual halb wahnsinnigen Kämpfer weichen in stumpfsinniger Ergebung auf ihre Ausgangsstellungen zurück. Auch der Feind hat bald genug von diesem Kampfe, auch auf seiner Seite ergeben sich ganze Abteilungen. Endlich verebbt die Schlacht. Man ist dort, wo man Mitte Jänner gewesen; aber in der Zwischenzeit ist wieder eine Armee zugrunde gegangen ........

Das war die erste Schlacht in den Zentralkarpathen.“

Diese wahrheitsgetreue Schilderung, ein schmerzlicher Nachklang der opfervollen Tätigkeit unserer Truppen, legt dem Geschichtsschreiber die Pflicht auf, zu versuchen, die Beweggründe für den Plan des Feldherrn bloßzulegen, den Ursachen des Mißerfolges nachzuforschen und das Ergebnis freimütig darzulegen. Dies wird in der Folge geschehen.

Verfügungen zur Wiedergewinnung des Raumes bei Mezölaborcz Hiezu Beilage 7

Die Eisenbahn Homonna—Mezölaborcz—Łupków und die von Łupków abzweigende Kleinbahn stellten die Lebensader für die zum Ostflügel der 3. Armee gehörigen Verbände dar. Dieser Schienenweg war nun seit der Nacht zum 5. Februar durch den russischen Vorstoß bei

Mezölaborcz—Vidrány unterbunden worden, was selbstverständlich auch die Benützung des östlichen Streckenteiles ausschloß. Namentlich für die geplante Fortführung der Offensive gegen Przemyśl bedeutete die Verletzung dieses Zufuhrstranges einen empfindlichen Schlag. Aus diesem Grunde strebte die Heeresleitung zunächst die Wiedergewinnung des Raumes um Mezölaborcz an.

Es mußte als seltener Glücksfall gelten, daß die Russen die Gunst des Schicksals nicht erkannten, sich bis 5. mittags in Mezölaborcz des errungenen Erfolges freuten und erst dann die Höhen zwischen der großen Bahnkurve bedächtig zu erklimmen begannen, statt ohne Säumen die Verfolgung im Laborczatal fortzusetzen. Das AOK. war neuerlich mit der Kräfteverwendung bei der 3. Armee nicht zufrieden und hielt ihrem Führer vor, daß er die beiden zuerst verfügbaren Brigaden (komb. IBrig. und 1. LstlBrig.) nicht einheitlich, sondern an verschiedenen Stellen der Front eingesetzt habe. Das unmittelbare und persönliche Eingreifen des Armeekommandanten sei zur Wiederherstellung der Lage bei Mezölaborcz geboten. In Teschen hatte man offenbar geglaubt, daß der willensharte Befehlshaber das schier Unmögliche vollbringen werde, seine Truppen in unaufhaltsamem Angriffsdrang über die in Schnee und Eis versunkenen Berge zu treiben. Statt dessen jetzt der alle Pläne der Heeresleitung durchkreuzende Rückschlag! Gelände und Jahreszeit zeigten sich eben — wie übrigens auch bei der Südarmee — stärker als der Wille des Führers.

Boroević, den die empfangenen Vorwürfe tief verletzten, rechtfertigte sich damit, daß die Schlappe bei Mezölaborcz unvermeidlich gewesen sei, weil er hinter seiner über 160 km ausgedehnten Armeefront über keine Armeereserve verfügt und die vom AOK. angeordnete Verwendung der 7. ID. die Durchführung seines Operationsplanes geschädigt habe. Nunmehr seien im Laufe des mehrtägigen Ringens bei seinen Korps alle Reserven aufgebraucht worden. Der Einsatz der beiden Brigaden habe sich gezwungenermaßen vollzogen. Die komb. IBrig., von der nur die erste Staffel in Mezölaborcz, alle weiteren jedoch in hinteren Stationen ausgeladen worden seien, habe zur Entlastung des VII. Korps bereitgestellt werden müssen, während die Landsturmbrigade überhaupt nicht vor dem Abend des 6. Februar südlich von Mezölaborcz hätte eintreff en können. Da hier von einem frontalen Einsatz kein Gewinn zu erhoffen gewesen sei, habe das 3. Armeekmdo. sie der 4. KD. für einen westwärts zu führenden Gegenangriff zur Verfügung gestellt, der mittelbar zur Besserung der Lage bei Mezölaborcz beitragen werde. Nichts sei

unversucht geblieben, die Truppen zum Ausharren zu verhalten, bis der Angriff der Gruppe Křitek wirksam werde. „Persönlich konnte es [das Armeekmdo.] bei der Natur des hiesigen Kampfes und der Ausdehnung der Front bestenfalls nur bei einzelnen Bataillonen eingreifen, was aber die Führung der Armee ausschließt . . .“ Gegen den unter einem vom AOK. verlangten sofortigen Angriff des VII. und des X. Korps äußerte Boroević schwerwiegende Bedenken; der Zustand der Truppen ermunterte auch sicherlich nicht zu einem solchen Unternehmen.

Es mag freilich dahingestellt bleiben, ob der von diesen beiden Korps in den letzten Tagen in knapp hintereinanderliegenden Abschnitten geführte Abwehrkampf nicht doch hätte vermieden werden können und ob man die Truppen nicht mit einem Schlage vom Feinde hätte absetzen und rechtzeitig in Räume zurückführen sollen, deren Behauptung gerade noch die lebenswichtige Bahnstrecke sicherte. Der Mannschaft wäre die dringend notwendige Atempause und die Zeit geboten worden, sich in den neuen Stellungen zu hartnäckiger Verteidigung einzurichten und dort vielleicht doch bis zum Herankommen der Verstärkungen auszuhalten1). Der Russe besaß ein feines Tastgefühl für die Merkzeichen einer vorbereiteten Verteidigungsfront und pflegte dann sofort das Tempo der Annäherung zu mäßigen. Nichts hat aber die Truppenmoral schwerer geschädigt als die mißbräuchliche Anwendung des Befehles „Widerstand bis zum letzten Mann“, der hätte geleistet werden sollen, um den Weisungen der Heeresleitung zu entsprechen.

Als sich GdI. Boroević gegen die Möglichkeit einer persönlichen Einflußnahme aussprach, waltete offenbar ein Mißverständnis vor. Es hätte sich nur um die üblichen Frontfahrten gehandelt und um den unmittelbaren Gedankenaustausch mit den vorne befindlichen Kommandanten, der zu den wichtigsten Hilfsmitteln der Führung gehörte. Der Armeebefehlshaber verließ aber fast nie seinen Standort, um nicht etwa den Zeitpunkt für eine dringend erforderliche Anordnung zu versäumen2).

Am 5. Februar traf in Teschen eine Meldung des 4. Armeekmdos.

x) Vgl. Steinitz, „Ausharren oder Ausweichen“ (Militärwissenschaftliche Mitteilungen, Wien 1930, Jänner-Februarheft).    .

2) GM. Pitreich bemerkt hiezu in seiner Zuschrift vom 20. September 1929, daß GdI. Boroević namentlich in kritischen Situationen „mündliche Aussprachen“ mit seinen Unterführern vermied und auch eine „mündliche Befehlsübermittlung“ durch Angehörige des Armeestabes nicht zuließ. Er besorgte auch, sich bei mündlicher Verhandlung „überreden“ oder durch örtliche Eindrücke beeinflussen zu lassen. Für ihn galt nur das „Schwarz auf weiß“ des Befehlsschreibens oder der Depesche. Ein Mittelding wollte er nicht kennen.

ein, die zusammen mit den Ereignissen bei Mezölaborcz neue Entschlüsse hervorrief. Erzherzog Joseph Ferdinand hatte das Gelände für die Vorrückung der Gruppe Křitek (S. 137) persönlich erkundet und mit mehreren der anwesenden Führer gesprochen, die alle der Meinung waren, der bevorstehende Ansturm auf die starken Befestigungen der Russen werde sich ungemein verlustvoll gestalten. Nach der Ansicht des 4. Armeekmdos. sollte daher der Angriff nur dann stattfinden, wenn es die Verhältnisse bei der 3. Armee unbedingt forderten, aber nicht schon am 7., vielmehr keinesfalls vor dem 9. Februar. In Anbetracht der Lage bei Mezölaborcz war dies reichlich spät. Die Heeresleitung sah hierauf von dem geplanten Unternehmen ab, weil kaum zu erwarten war, daß die an Artillerie schwache Gruppe Křitek genügend viel Raum gewinnen werde, um damit die Lage beim X. Korps zu beeinflussen. Das AOK. verfügte daher, daß GdI. Křitek am 6. nur mit dem aus der 11.ID. und der 45.SchD. neu gebildeten XVII.Korps hinter den eigenen Linien über Komlóspatak und Zboró abzurücken habe. Das 3. Armeekmdo. beabsichtigte, das Korps, dem die Gruppe Berndt — 4. KD. und 1. LstlBrig. — unterstellt wurde, aus der Lücke zwischen dem III. und dem VII. Korps in der Richtung überFelsö-vizköz gegen denDuklapaß vorstoßen zu lassen, während sich das VII. Korps diesem Angriffe anschließen sollte und das III. die linke Flanke des XVII. zu decken hatte. Der Beginn der Vorrückung Křiteks wurde für den 9. oder 10. in Aussicht genommen.

Über die noch nicht geklärte Frage der Verwendung des VIII. Korps (S. 140) fand am 5. ein lebhafter Drahtverkehr zwischen Teschen und Kaschau statt. Das AOK. hatte in seiner die Zuführung des XVII. Korps betreffenden Weisung erläuternd beigefügt: die Offensive über Turka und Lisko könne erst fortgesetzt werden, bis man die Fortschritte der Russen gegen Sztropkó und über Mezölaborcz eingedämmt habe. Daher müsse der Feind zunächst aus diesen Räumen vertrieben werden. Boroević beantragte deshalb in Teschen, daß das VIII. Korps doch nicht über den Uzsokpaß zu dirigieren, sondern mit beiden Divisionen über Sztropkó einzusetzen sei. Durch Zusammenwirken mit dem XVII. Korps, der Gruppe Berndt und Teilen des VII., von insgesamt etwa sechs Divisionen, ließe sich ein sicherer Erfolg in der Richtung auf den Duklapaß erzielen. Man stoße hiebei „auf die anscheinend schwächste Stelle“ der Feindfront und da überdies die mittlerweile verschlimmerte Witterung die Operation über den Uzsokpaß verzögern würde und der Feind vermutlich seine Reserven über Stary Sambor vorschiebe, müsse dieser, ,,mit Übermacht an einer anderen Stelle getroffen, den Erfolg freigeben...“

Das AOK. antwortete, daß es darin eine völlige Verkennung des Leitgedankens der gesamten Karpathenoperation erblicken müsse, die auf ein Zusammenwirken des starken Ostflügels der 3. mit der Südarmee aufgebaut sei, und daß auch der Entsatz von Przemyśl nicht außeracht gelassen werden dürfe. Entsende der Russe wirklich starke Kräfte über Stary Sambor, dann laufe man Gefahr, daß gerade an dieser entscheidenden Stelle die Gesamtkriegshandlung scheitern könne, falls das

VIII. Korps dort fehle.

Die Vielfältigkeit der für die 3. Armee erwachsenden Aufgaben springt ins Auge.

Unterdessen hatte das Armeekmdo. die 41. SchBrig. der 21. SchD. ins Laborczatal herangezogen. Dies wurde zwar in Teschen gebilligt, doch wollte die Heeresleitung von der Verwendung der Hauptkraft des Korps am Uzsokpaß vorläufig nicht abgehen. Mit dem XVII. Korps, der komb. IBrig., der 1. LstlBrig. und der 41. SchBrig.1), endlich mit den Kräften des III., VII. und X. Korps müsse es umso mehr gelingen, die Lage wieder herzustellen, als „das Armeekmdo. selbst trotz des dortigen Mißerfolges die feindliche Front relativ am schwächsten erachtet“.

Die Frage, wohin die verfügbaren Kräfte zu entsenden seien, war sicherlich schwer zu beantworten. Vermochte man den Ostflügel der 3. Armee in dem Maße zu verstärken, daß seine Offensive unaufhaltsam gegen Norden fortschritt, dann ließ sich hoffen, daß der russische Vorstoß gegen den Westflügel zusammenbrechen werde. War man aber hiezu, wie es der Fall war, nicht imstande, so blieb nichts anderes übrig, als alle freizumachenden Verbände an den Wiedergewinn der Gegend von Mezölaborcz zu setzen. Ohne Eisenbahn war eine spätere Offensive über Ustrzyki Dl. undenkbar. Außerdem mußte aber auch ein weiteres Vordringen des Feindes gegen die ungarische Tiefebene unbedingt hintangehalten werden.

Neuregelung der Befehlsverhältnisse in den mittleren Karpathen und h i n e i n s p i eie n d e Ereignisse •    (6.    bis    15. Februar)

Hiezu Beilage 7 sowie Skizzen 5 und 6

Daß die Heeresleitung und das 3. Armeekmdo. in ihrer Entschlußfassung wiederholt schwankten und auch untereinander uneins wurden,

*) Die Vereinigung der 41. SchBrig. mit der Masse ihres Korps am Uzsokpaß sollte indes sobald wie möglich erfolgen.

erscheint unter den einstürmenden Eindrücken des Kampfverlaufes begreiflich, da bald dieser, bald jener Frontteil zurückgedrückt wurde.

In Teschen reifte aber gerade dadurch die wichtige Erkenntnis, daß es nicht zweckmäßig sei, die in einem gewissen inneren Widerspruch stehenden Aufgaben der 3. Armee durch einen einzigen Führer lösen zu lassen. Außerdem war die 3. Armee auf 18 Infanterie- und 3Va Kavalleriedivisionen angewachsen, so daß sich schon aus diesem Grunde eine Teilung empfahl. Möglicherweise spielten auch seelische Einflüsse mit, die wohl von den getrübten Beziehungen zwischen der Heeresleitung und dem wichtigsten Unterführer ausgingen. Das AOK. entschloß sich daher am 6., das 2. Armeekmdo. von Westpolen abzuberufen, ihm den Befehl über den bisherigen Ostflügel des GdI. Boroević zu übertragen und die neue 2. Armee durch einige Divisionen aus ruhigen Frontabschnitten zu verstärken.

Vorerst gab aber am 7. Februar ein Brief des FML. Krautwald an den Generalstabschef der 3. Armee, GM. Boog, den Anstoß zu einer neuerlichen Abänderung der für das VIII. Korps getroffenen Verfügung. Durchaus kein Schwarzseher, schilderte der Führer des X. Korps den Zustand seiner Truppen, die durch sechzehn Tage unter den furchtbarsten Schwierigkeiten unaufhörlich kämpfen mußten, in den dunkelsten Farben; ihm fehle jetzt in Anbetracht der gewaltigen Offiziersverluste das Vertrauen in ihre weitere Leistungsfähigkeit1). Die 41. SchBrig. genüge als Verstärkung nicht, er benötige eine ganze Division. Zur Zeit rollten bereits Teile der 21. SchD. über Ungvár gegen den Uzsokpaß, wohin auch die 9.ID. gewiesen war. Das 3. Armeekmdo. ordnete nunmehr das Abschwenken aller Transporte der Schützendivision ins Laborczatal an und meldete nach Teschen, daß es nach dem Einlangen der Division den Feind aus dem Raume bei Mezölaborcz vertreiben wolle.

Inzwischen trafen aber in Kaschau sehr schlimme Nachrichten ein. Die Russen hatten die 34. ID. über Łupków zurückgeworfen und in schweren Nachtkämpfen Teile der Division abgeschnitten; diese zählte nur mehr 3500 Feuergewehre. Aber auch die 29. ID. sowie das XVIII. Korps hatten Geländeteile preisgeben müssen und um das Mißgeschick des

7. Februar zu vermehren, wich auch die 20. HID. des VII. Korps ein weiteres Stück zurück.

Unter diesen ungünstigen Eindrücken sank die Stimmung in Kaschau.

x) Dessenungeachtet kämpften diese Truppen dann noch durch drei Monate in den Karpathen weiter.

Der Armeegeneralstabschef berichtete dem AOK. durch den Fernsprecher über erschreckende Verlustziffern (S. 141). Da somit die Gefahr bestehe, daß die Armee gänzlich zugrundegehe, sei es zweckmäßig, die geplante Offensive auf eine bessere Jahreszeit zu verschieben. Von Teschen aus befragt, äußerte sich auch GdI. Boroević ähnlich. Er habe jedoch keineswegs die Loslösung der Armee vom Feinde im Sinn und halte daran fest, mit dem XVII. Korps, der verstärkten Gruppe Berndt, dem VII. Korps und der 21. SchD. den Raum bei Mezölaborcz freizumachen, doch müsse man sich bei allen anderen Korps mit der Behauptung ihrer jetzigen Stellungen begnügen, namentlich dürfe Szurmay nicht „vorgetrieben“ werden, da dieser schon ein Drittel seines Standes geopfert habe. Erst bis sich die strenge Kälte gebrochen habe, seien die anrollenden oder weitere etwa durch Verschiebungen zu gewinnende Kräfte zu einer neuen Aktion einzusetzen, sonst komme es bloß zu einem nutzlosen Verbrauch der Truppen, die überdies nur ungenügend mit Winterschutzmitteln versehen seien. „Ich erfülle eine ungeheuer schwere Pflicht, wenn ich darauf hin weise, daß die Fortsetzung der Offensive unter den gegenwärtigen Witterungsverhältnissen aus Mangel an Kämpfern zusammenbrechen müsse.“

In Teschen stand man vor schicksalhaften Entschlüssen. Sollten alle bisherigen Opfer vergeblich gebracht worden sein? Mußte auf den Entsatz von Przemyśl verzichtet werden ? Das AOK. konnte sich zu solchen Entschlüssen nicht durchringen; es beharrte fest auf seinen Angriffsplänen.

Boroević wurde am 8. beschieden, daß ein Abwarten ausgeschlossen sei, weil dadurch die Heranführung russischer Verstärkungen begünstigt und sich der feindliche Widerstand noch mehr versteifen würde. Zwar erhielt der Armeeführer das Verfügungsrecht über das ganze VIII.Korps, doch mit der Einschränkung, die 9. ID. bei Takcsány—Csontos derart zu versammeln, daß sie sowohl gegen Cisna oder Mezölaborcz als auch über den Uzsokpaß vorgeführt werden könne. Boroević, von dieser Bindung nicht befriedigt, bat, die 9. ID. dennoch in die Richtung auf Mezölaborcz leiten zu dürfen; er wollte sie bei dem bevorstehenden Angriffe wenigstens in Reichweite haben. Doch das AOK. gewärtigte einen russischen Vorstoß über Cisna auf Czirokaófalu, der allen Offensivabsichten ein Ende bereiten konnte, und lehnte den Antrag ab.

Hierauf begab sich der Armeegeneralstabschef am 9. Februar nach Teschen und legte dort im Aufträge des GdI. Boroević dar, daß der Angriff des Ostflügels keine Aussichten auf taktisches Gelingen biete und daß auch die Verstärkung dieses Flügels wegen der materiellen Versorgung auf große Schwierigkeiten stoßen werde, daß sonach die Offensive zwischen Laborcza und Ondava zu führen sei. Doch auch dieser Versuch, die Heeresleitung umzustimmen, schlug fehl1).

Der Wettergott beschenkte die hartgeprüften Karpathenkämpfer mit zweifelhafter Gunst. Vom 8. Februar an stieg allerdings die Quecksilbersäule des Thermometers und die Temperatur wurde erträglicher. Dafür wurden infolge der Schneeschmelze alle Täler und Niederungen von Überschwemmungen heimgesucht.

An diesem Tage regelte ein Heeresbefehl die Teilung der 3. Armee und legte die noch vor dem Eintreffen des 2. Armeekmdos. in Ungvár eine Lösung heischenden Aufgaben fest. Der Westflügel hatte sofort nach Bereitstellung der Kräfte anzugreifen und den über den Duklapaß, den Czeremchasattel und über Łupków eingebrochenen Feind zurückzuwerfen ; der Ostflügel, vorerst zur Behauptung seiner gegenwärtigen Stellungen beordert, sollte nach dem Eintreffen der anrollenden Verstärkungen, voraussichtlich Mitte Februar, die Offensive in der Richtung Lisko— Stary Sambor aufnehmen. Für Szurmay habe dieser Zeitpunkt nicht unbedingt zu gelten, falls er glaube, sich schon früher mit Hilfe der 3.GID. der Höhen von Borynia bemächtigen zu können.

Hiernach befahl GdI. Boroević am 9. den Angriff seines Westflügels für den kommenden Tag. Die Gruppe Křitek (XVII. Korps, 4. KD. und

1. LstlBrig.) hatte beiderseits von Felsö-vizköz über das Ondavatal auf Ladomermezö vorzustoßen, das VII. Korps — jedoch erst auf besondere Weisung des 3. Armeekmdos. — sich diesem Angriffe in der Richtung über Mákos auf Nagyderencz anzuschließen. Das III. sollte die Westflanke Křiteks sichern, das X. den gegenüberstehenden Feind binden und später den allgemeinen Angriff über Mezölaborcz begleiten, endlich das XIX. Korps sich lediglich behaupten. Die 9. ID. war als Armeereserve im Raume Szinna—Takcsány—Czirokaófalu zu versammeln.

Der Angriff Křiteks stieß schon am 10. auf hartnäckigen Widerstand; russische Gegenangriffe entrissen unseren Divisionen einige bereits erstrittene Höhen. Im großen ganzen focht die Gruppe bei mäßigem Raumgewinn nur innerhalb der Lücke zwischen dem III. und dem VII.Korps. Erzherzog Joseph mußte die Hauptkraft seines Korps, um die befohlene Stoßrichtung einzuhalten, zunächst über das Hocsánkatal gegen Osten zusammenschieben und beabsichtigte erst dann vorzugehen, bis sein linker Nachbar die Ondava überschritten hatte; er verlangte am 11. die Mitwirkung des X. Korps westlich von der Laborcza. Da aber die hiefür in Betracht kommende 21. SchD. noch im Anmarsche aus den Ausladeorten

11

war, verstrichen die nächsten Tage bloß mit dem Zurückdrücken der russischen Sicherungsabteilungen beiderseits der Chaussee nach Mezölaborcz und mit der Gruppierung der Division auf den Höhen westlich von der Laborcza. Am 13. wurde ihr noch die komb. IBrig. angegliedert, die bis dahin nicht recht zu geschlossenem Eingreifen gekommen war.

Das AOK. stimmte nunmehr dem Antrage des 3. Armeekmdos. auf Verwendung der 9. ID. im Laborczatale unter der Voraussetzung zu, daß sich der Ostflügel der 3. Armee behaupten könne. Ohne Unterbrechung stürmten aber die Russen gegen diesen vor und brachten gerade jetzt das V., das XVIII. und das XIX. Korps ins Zurückgleiten. Beim V. Korps, das am 11. vom Odrytrücken verdrängt worden war, zählte die 33. ID. noch 4500, die 37. HID. gar nur 3200 Feuergewehre. Unter diesen Umständen konnte daher GdI. Boroević die geforderte Verpflichtung nicht gewährleisten, worauf das AOK. befahl, die 9. ID. nach Cisna vorzuziehen, von wo sie später im Rahmen der 2. Armee an der Offensive teilnehmen sollte.

Am 12. mittags traf GdK. Böhm-Ermolli in Ungvár ein. Zur neuen

2. Armee gehörten: Gruppe Szurmay, V., XVIII. und XIX.Korps1). Auf Weisung der Heeresleitung sollte Boroević bis zur endgültigen Übernahme der Befehlsbefugnisse durch das 2. Armeekmdo. alle Anordnungen für seinen bisherigen Ostflügel im Einvernehmen mit Böhm-Ermolli treffen. Zunächst handelte es sich um die 9. ID. Das 2. Armeekmdo. hielt ihren Einsatz zwischen der 34. und der 29. ID. des XIX. Korps für die einfachste und zweckentsprechendste Lösung.

Unterdessen nahm der Kampf auf dem Westflügel der 3. Armee seinen Fortgang. Der Gruppe Křitek glückte es nach heftigem und wechselvollem Ringen und unter der Mitwirkung der 22. SchD. des III. Korps, den Feind am 14. gegen die Ondava etwas zurückzudrücken. Boroević verfügte hierauf, daß das VII. Korps am nächsten Tage gleichfalls mit dem Angriffe zu beginnen und daß sich das X. am 16. mit starkem linken Flügel anzuschließen habe.

Auf Anregung des AOK. hatte sich das 4. Armeekmdo. schon am

8. Februar bereit erklärt, zwei weitere Infanteriedivisionen (41. und

38. HID.2) an die Karpathenfront abzugeben. Die verhältnismäßig gesicherte Lage der Front und das Streben, auch unmittelbar in den Kampf

x) Das XIX.Korps bestand anfangs nur aus der 29. ID.; nach einer am 13. Februar vom AOK. befohlenen Abgrenzung der Armeebereiche trat noch die links anschließende 34. ID. in den Korpsverband.

2) Die 75. HIBrig. gehörte bereits dem Verbände der 3. Armee an.

des Nachbarn einzugreifen, veranlaßten den Erzherzog überdies, am 10. vorzuschlagen, die Offensive der benachbarten 3. Armee durch ein Vorgehen des eigenen Südflügels über Banica auf Żmigród zu unterstützen. Hiezu sollten die 13. und die Hauptkraft der 26. SchD. aus der Front gezogen werden und am 15. unter dem Befehl des FML. Králiček die Vorrückung aus der Gegend westlich von Gładyszów beginnen. Als Voraussetzung für diese Aktion bezeichnete das 4. Armeekmdo. eine gleichzeitige Offensive des III. Korps gegen Żmigród.

Boroević begrüßte diesen Plan und erklärte sich auch mit der vom Erzherzog Joseph Ferdinand angeregten Unterordnung der Gruppe Králiček unter GdI. Colerus einverstanden. Doch war es das Los aller Unternehmungen der inneren Flügel dieser beiden Armeen, nicht zu dem gewünschten Ergebnisse zu führen. So auch jetzt. Die Höhe Jasionka, das erste Ziel dieses Stoßes, sollte nach der ursprünglichen Vereinbarung von Králiček und von Teilen des III. Korps umfassend angegriffen werden. Mit seinem rechten Flügel mittlerweile in die Kämpfe Křiteks verstrickt, glaubte Colerus — auch in Anbetracht der großen Ausdehnung seiner Front — nicht mit ausreichenden Kräften gegen die Jasionka mitwirken zu können. Hienach wäre aber der Raum für die Gruppe Králiček zu groß gewesen; ein Erfolg mußte fraglich erscheinen. Boroević einigte sich daher mit dem 4. Armeekmdo., den Angriff bis zum Freiwerden des III. Korps aufzuschieben; der Zeitpunkt werde gekommen sein, sobald Křitek das Ondavatal erreicht habe.

Die Verhältnisse auf dem Westflügel waren keineswegs befriedigend. Der bisherige Verlauf des Angriffes ließ keinen durchschlagenden Erfolg erhoffen, weil die Stoßkraft der hart mitgenommenen Truppe erlahmt und eine ausreichende Tiefengliederung nicht erzielbar gewesen war. Auch die dringend notwendige Auffüllung der Stände konnte erst gegen Ende des Monats Februar stattfinden, um welche Zeit die nächste Serie der Marschformationen einlangen sollte. Mit Zustimmung des GdI. Boroević wandte sich der Armeegeneralstabschef am Fernsprecher nach Teschen und gab dem Ermessen der Heeresleitung anheim, so wie vor einigen Tagen das XVII.Korps verschoben wurde, nunmehr zur unmittelbaren Unterstützung auch die 13. und die 26. SchD. in den Kampfraum dieses Korps zu dirigieren, zumal das 4. Armeekmdo. den Angriff seines Südflügels wiederholt als besonders schwierig bezeichnet habe. Erst nach dieser Verstärkung könne die 3. Armee zum Angriffe in Staffeln vom linken Flügel antreten. GdI. Conrad ließ jedoch antworten: die vorgeschlagene Verschiebung würde nur wieder zu frontalen Einsätzen und dem damit verbundenen Kräfteverbrauche führen, namentlich wenn das

III., das VII. und das X. Korps tatenlos zuwarteten, bis der Feind die Anstrengungen des zuerst vorbrechenden Korps zunichte gemacht hätte. Durch einen Staffelangriff werde dem Russen ein solches Verfahren erleichtert, auch gewähre es ihm volle Freiheit in der Verwendung seiner Reserven. Alle Korps des Westflügels müßten einheitlich vorgeführt werden, die Gruppe Králiček der 4. Armee aber von Westen her mitwirken. Zur Zeit, als das XVII. Korps verschoben wurde, sei die Lage der 3. und der 4. Armee grundverschieden von der jetzigen gewesen. Damals war der Einbruch des Feindes auf Sztropkó und über Mezölaborcz auf den Höhepunkt gelangt, das X. und das VII. Korps hatten durch schwere Verluste ihre Gefechtskraft fast völlig eingebüßt und zwischen dem III. und dem VII. klaffte eine breite Lücke. Dagegen seien heute die Verhältnisse viel gefestigter. Der 4. Armee könne man aber die Abgabe von zwei ganzen Divisionen nicht zumuten1).

Nach dieser Ablehnung bat das 3. Armeekmdo. um die schon früher vereinbarte Unterstützung durch den Nachbar; sie wurde zugesagt. Die gemeinsame Aktion sollte am 17. beginnen.

Das 3. Armeekmdo. hielt an seinem Angriffsverfahren fest, nur in der Reihenfolge der Staffeln ergab sich ein Wechsel. GdI. Křitek, der vom 10. bis 14 allein gefochten und große Verluste erlitten hatte, erklärte, aus dem stehenden Abwehrkampf erst am 17. wieder zum Angriffe übergehen zu können. So stieß am 15. nur das VII. Korps vor, traf aber auf starken Widerstand, den es jedoch am kommenden Tag —unter Mitwirkung der 21. SchD. auf dem rechten Flügel — zu brechen hoffte. Die Truppen dieser Division erklommen die Höhen westlich vomLaborcza-tale und sollten am 16. dem Feinde das Dorf Szukó entreißen. Mithin waren die Rollen doch wieder getauscht und die rechte Flügelstaffel hatte den Nachbarn vorwärts zu helfen (Beilage 7).

In den letzten zehn Tagen konnte auch am Uzsokpaß kein nennenswerter Erfolg erreicht werden. FML. Szurmay beschloß am 6., die Offensive wieder aufzunehmen; dem schwierigen Stirnangriffe sollte nunmehr durch ein scharfes Vordrängen des rechten Flügels vorgearbeitet werden. Allein die Russen waren auf der Hut. Ihren Höhenstellungen gegenüber vermochten weder die verstärkte 75. HIBrig. noch die unter dem Befehle

Linsingens verbliebene 3. GID. einen ins Gewicht fallenden Raumgewinn zu erzielen. Als überdies am 10. ein nächtlicher Sturm der Honvéds an der Aufmerksamkeit des Feindes scheiterte, befahl Boroević, Szurmay habe sich jedes weiteren Angriffsversuches zu enthalten, durch den die Behauptung des Uzsokpasses gefährdet werden könnte.

Inzwischen nahm auch der Kampf beim V. Korps eine ungünstige Wendung. An beiden Flügeln von den Russen umklammert, riß die Verbindung zu den Nachbarn, von denen keiner helfend beizuspringen vermochte. Schon erwog das Korpskmdo., am 13. die Front in die Ausgangsstellung vom 23. Jänner zurückzunehmen. Ebenso hatten die Mitte und der linke Flügel dieser Gruppe schwere Kämpfezubestehen.Dem3. Armeekmdo. blieb nichts anderes übrig, als im Einvernehmen mit GdK. Böhm-Ermolli die 9. ID., deren Einsatz zu einer so lange umstrittenen Frage geworden war, am 13. der abbröckelnden Front zuzuführen. Unter Zerreißung der Verbände wurden ihre Hauptkraft dem XVIII. und die restlichen Teile dem XIX. Korps zur Verfügung gestellt. Damit war endlich das VIII. Korps in der Kampffront aufgegangen.

Mittlerweile hatte sich der Widerstand der Russen gegenüber der deutschen Südarmee (Skizzen 5 und 6) zusehends verstärkt. Nur der Westflügel der Armee blieb im Vordringen, allen voran die Gruppe Hofmann, die sich gegen Tuchla vorarbeitete1), links von ihr focht die deutsche

1. ID. um den Besitz des Zwinin. Auf dem Ostflügel war der Wyszków-sattel zu einem russischen Plewna geworden; hier spottete die Zähigkeit des Verteidigers aller Anstrengungen des XXIV. RKorps. Auch als die deutsche 209.IBrig. aus der Kampfgemeinschaft mit Hofmann schied und am 12. zur Umfassung des Feindes gegen diese Sattelhöhe abgedreht wurde, konnten nur vorübergehende Erfolge erzielt werden. Auf der ganzen Front zu Gegenstößen aufgerufen, holten sich die Russen zwar blutige Köpfe, doch erlahmte allmählich auch die Angriffskraft der verbündeten Truppen.

GdI. v. Linsingen bat im Wege des AOK. um die Zusendung einer deutschen Division. Falkenhayns Bescheid lautete, das Oberkmdo. Ost werde vielleicht in absehbarer Zeit eine der jetzt noch im Gefechte stehenden Divisionen abgeben können. Dafür stellt aber Conrad der Südarmee die Zuführung der k. u. k. 5. ID. in Aussicht. Diese war in der Nacht auf den 14. aus der Front der 1. Armee gezogen worden; ihre Bestimmung sollte jedoch alsbald wieder geändert werden.

x) Am 13. stieß ein russisches Bataillon, in österreichische Uniformen verkleidet, gegen die Linien Hofmanns vor.

Die Offensive der Armeegruppe Pflanzer-Baltin gegen Kolomea~Nadwórna (31. Jänner bis 16. Februar)

Hiezu Beilage 6 sowie Skizzen 5 und 6

Unterdessen hatte auch die Offensive Pflanzer-Baltins längst begonnen, aber leider war seit dem 26. Jänner der Angriff über die mittleren Karpathen bereits um jeglichen Schwung gekommen1).

Die Schuld an der Verzögerung des Vorgehens dieser Armeegruppe trug das langsame Eintreffen der 42. HID. auf der wenig leistungsfähigen, gleichzeitig mit anderen Transporten belasteten Bahn nach Körösmezö. Die Spitzenstaffel der 42. HID. wurde vom 24. an südlich von Körösmezö ausgeladen, doch erst vom 28. an erfolgte ein regelmäßiger Antransport. Pflanzer-Baltin war daher außerstande, der von Linsingen am Vortage gestellten Aufforderung zum Losschlagen nachzukommen; doch schob er von seiner Westgruppe das Gros der 6. ID. am 30. über den Pantyrpaß nach Rafaiłowa, wo es sich zum Angriffe auf Zielona gruppierte. Nebenkolonnen faßten Fuß auf den Höhen Douha, auf der Sewola und in der Gegend von Osmołoda.

Die Ostgruppe — Korps FML. Czibulka (36. ID. und die aus den Resten der 54. und der 52. ID. gebildeten, etwa brigadestarken Verbände der FML. Schultheisz und Schreitter) — trat die Vorrückung planmäßig am 31. Jänner in drei Kolonnen aus dem Tale der Goldenen Bistritz bei Kirlibaba und unterhalb davon über die nordöstlich vorgelagerten Höhenzüge gegen Breaza, Moldawa und Izwor an (Skizze 5). Die Gruppe bei Jacobeny sollte zunächst die rechte Flanke gegen feindliche Kräfte bei Kimpolung sichern. Nach der Gewinnung des Moldawatales beabsichtigte Czibulka, seine Hauptkraft gegen Fundul Moldovi zu wenden, um den Feind auftragsgemäß aus der Südbukowina zu vertreiben 2).

Unter beständigen Kämpfen erreichten die westliche Kolonne am 5. Februar Izwor und die mittlere bereits am 3. Moldawa. Schon hatte der Korpsführer am 3. den Rechtsabmarsch starker Kräfte gegen Fundul

x) Für die Schilderung der Operationen der Armeegruppe Pflanzer-Baltin vom Offensivbeginn bis zum 2. März wurde auch eine Studie des Obstlt. Rodič benützt, deren Verfassung erfolgte, ehe die betreffenden Akten durch einen in den Amtsräumen des Kriegsarchivs ausgebrochenen Brand zum größten Teile vernichtet wurden.

2) In den Befehlsverhältnissen bei den einzelnen Kolonnen fand in den nächsten Tagen ein beständiger Wechsel statt; schließlich führten FML.Benigni die westliche, FML. Schreitter die auf Moldawa vorgehende Mittel- und GM. Lilienhoff die östliche Kolonne.

Moldovi eingeleitet, als der Russe am 6. gegenüber dem GM. Lilienhoff Pozoritta und Kimpolung räumte.

Am 1. Februar brachen auch die Masse der 42. HID. und Teile der 52. ID. über den Tatarenpaß gegen das Pruthtal bei Worochta—Tatarów vor1). Die Kolonne Mihaljevic (drei Bataillone, eine Viertel Schwadron und eine Gebirgsbatterie) stand an diesem Tage schon in Żabie2). Am 2. und 3. bemächtigte sich die Hauptkraft der kroatischen Division der beiden vorerwähnten Orte im Pruthtale, dann aber stockte ihre Vorrückung; eines ihrer Regimenter war bei Tatarów in einen Hinterhalt geraten und büßte die Vernachlässigung des Sicherungsdienstes mit erheblichen Verlusten. Die Mannschaft, der Ebene entstammend, des rauhen Klimas ungewohnt und nicht entsprechend bekleidet, litt schwer unter Erfrierungen der Gliedmaßen. Schon nach Ablauf der ersten vier Operationstage belief sich der Abgang bei dieser Division auf 26 Offiziere und 1800 Mann. Der 5. Februar verstrich mit dem Ordnen der Verbände.

Inzwischen hatte die 6. ID. schwere Kämpfe zu bestehen gehabt. Ihre Hauptkolonne, die mit den Polen Hallers3) im Tale der Bystrzyca Nadwórnianska vorrückte, stieß bei Zielona auf die sich verstärkenden Russen und konnte sich erst nach mehrtägigen, außerordentlich harten und verlustreichen Kämpfen am 5. dieses Ortes bemächtigen. Infolge des Abbleibens der 42. HID. fehlte ihr der nachbarliche Beistand. Auch die entlang der Täler der Bystrzyca Sołotwińska und der Łomnica vorgehenden Nebenkolonnen der alpenländischen Division hatten wechselvolle Gefechte zu bestehen. Wie überall mußten die wackeren Truppen auch hier mit allen Schrecken des winterlichen Gebirges ringen; namentlich an die Höhenkolonnen wurden kaum zu bewältigende Forderungen gestellt.

In Anbetracht der isolierten Lage der 6. ID. griff der Armeegruppenführer in gewohnt energischer Weise ein und spornte die 42. HID. zu beschleunigter Vorrückung an. Des Erfolges gegen die russische Minderzahl sicher, bat er das AOK., ihm statt der im Bahntransport aufgehaltenen

x) Den Befehl über das XIII. Korps führte während des Gebirgsüberganges an Stelle des beurlaubten GdI. Rhemen der Kommandant der 6. ID., FML. SchönburgHartenstein.

2)    Die Kolonne Mihaljevic, bei der sich das Freiwilligendetachement des Lt. Russ um den Aufklärungsdienst besonders verdient machte, kämpfte am 5. und 6. erfolgreich westlich von Uście Putilla. Mihaljevic wurde in diesen Tagen durch Landstürmer, Artillerie und Kavallerie verstärkt.

3)    Obstlt. Haller (drei Polenbataillone, eine Viertel Schwadron und eine Gebirgsbatterie) wies schon in der Nacht auf den 24. Jänner bei Rafailowa einen Angriff der Russen ab.

5. HKD. die für die Südarmee bestimmte 10.KD. zur Verfügung zu stellen; denn der Reiterei mußten im ebeneren Karpathenvorland wichtige Aufgaben harren. Die Heeresleitung lehnte jedoch ab, weil sie hoffte, daß auch Linsingen die Gebirgszone demnächst hinter sich bringen werde.

Bei der 42. HID. verzögerte sich die Vorrückung neuerlich durch weitgehende Sicherungsmaßnahmen auf den schwer zugänglichen und tief verschneiten Begleithöhen des Pruthtales; am 11. erreichte sie die Gegend südlich von Delatyn. Links von ihr kämpfte die 6. ID. bei Pasieczna, ohne die Russen aus ihrer letzten Stellung an den Gebirgsrändern südlich von Nadworna werfen zukönnen. Nunmehr setzte aber das vereinigte XIII.Korps am 12. zu einem geschlossenen Angriffe an, dem, als das Kärntner IR. 7 eine beherrschende Höhe erstürmt hatte, ein voller Erfolg be-schieden war. Tags darauf drang die Hauptkraft der Kroaten in Delatyn ein und folgte dem weichenden Feinde am 14. bis Nadworna; hinter der 42.HID. schloß auch die Hauptkolonne der 6.ID. auf, deren Nebenkolonnen in den westlichen Seitentälern gleichfalls Raum gewannen. Das Detachement Mihaljevic marschierte über Krzyworównia, drängte bei Jaworów russische Abteilungen zurück, wurde hierauf an den rechten Korpsflügel herangezogen und stand am 14. in Lanczyn.

Nach einem aufgefangenen Befehl hatte der Russe schon am Nachmittag des 13. den Rückzug in der Richtung auf Stanislau begonnen. Jetzt, nach den Erfolgen auf dem rechten Flügel des Ostkorps bei Kimpolung, erschien es möglich, die Hauptkraft Czibulkas nach Norden abschwenken und an das XIII. Korps anschließen zu lassen. Pflanzer-Baltin hatte daher schon am 6. befohlen, daß Benigni über Seletin, Uście Putilla und Kuty—Wiznitz in der Staffel hinter dem Detachement Mihaljevic vorzurücken und Schreitter von Moldawa über Seletin nach Berhometh a. S. zu marschieren habe. Mit der Verfolgung des in die Südbukowina weichenden Feindes wurde nur GM. Lilienhoff betraut, der die Richtung über Gurahumora—Radautz einschlagen und die Russen über die Flußläufe der Suczawa und des Sereth zurückdrängen sollte.

Am 7. Februar standen Benigni in Seletin und Izwor, Schreitter in Moldawa und Fundul Moldovi, in welchen Räumen beide am nächsten Tage rasteten, indes Lilienhoff in Kimpolung und Warna anhielt1). In

!) Die bisherigen Kämpfe des Ostkorps hatten dargetan, daß auf einen Teil der Landstürmer älterer Jahrgänge bei der Fortsetzung der Offensive in körperlicher Hinsicht nicht mehr gerechnet werden konnte; auch die Gendarmerieabteilungen mußten gesichtet werden, da ein Teil von ihnen wieder ihrem normalen Sicherheitsdienste in der Bukowina zuzuführen war. Die Kolonnen des Ostkorps erhielten daher eine etwas geänderte

Durchführung der ergangenen Anordnungen warfen die Kolonnen Schreitter und Benigni feindliche Kräfte südlich von Berhometh und südlich von Kuty—Wiznitz zurück, gingen am 12. zum umfassenden Angriff des Feindes gegen die Schwesterorte beiderseits des Czeremosz vor, brachen den Widerstand der Russen und rasteten am 13. daselbst. Lilienhoff war unterdessen unangefochten über Gurahumora und Radautz in der Richtung auf Czernowitz vorgerückt.

Schon am 8. drahtete das AOK. nach Máramaros-Sziget, PflanzerBaltin habe die Masse seiner Westgruppe (XIII. Korps) nach der Einnahme von Nadworna—Delatyn ohne Verzug auf Dolina vorzuführen, um Linsingen aus dem Gebirge zu helfen *■); die Ostgruppe des FML. Czibulka sei über Kuty—Wiznitz auf Kolomea zu dirigieren, während ihre in der Bukowina befindlichen Teile dem Feinde über den Sereth zu folgen hätten.

Wie aus unserer Darstellung hervorgeht, war die Verwirklichung dieser Absichten durch den Armeegruppenführer bereits in sachgemäßer Weise angebahnt worden, doch schienen ihm die verfügbaren Kräfte nicht auszureichen, da eine Verstärkung des Feindes mit Sicherheit zu erwarten war. Er bat daher das AOK. um Zuweisung von mindestens zwei Infanteriedivisionen. Dieser Wunsch konnte aber in Anbetracht der ungünstigen Lage der 3. Armee nicht erfüllt werden. Pflanzer-Baltin plante nunmehr, das XIII. Korps nach Bereitstellung bei Nadworna und einer kurzen, aber dringend nötigen Atempause am 16. in zwei Kolonnen über Lachowce (südlich von Bohorodczany) und Solotwina gegen Dolina, das Ostkorps mit einer schwächeren Kolonne über Jabłonów, Peczeniżyn, Bohorodczany auf Kałusz, mit der Hauptkraft über Kolomea, Ottynia nach Stanislau vorzuführen; GM. Lilienhoff hatte sich der Hauptstadt der Bukowina zu bemächtigen.

Da erfuhr man aus aufgefangenen Funksprüchen, daß die über den Sereth gegen Czernowitz zurückgewichenen russischen Kräfte den Befehl zum Westabmarsch über Śniatyn erhalten hätten; ein Vorstoß gegen die Ostflanke und den Rücken der Armeegruppe war sonach zu gewärtigen. Trotzdem ließ Pflanzer-Baltin die Hauptkraft des Ostkorps (FML.

I Zusammensetzung, und zwar FML. Benigni: 126. LstlBrig. und 72. IBrig. (12 Bataillone, ' 2 Schwadronen und 9 Batterien), FML. Schreitter: 13. IBrig. und drei Polenbataillone j (10 Bataillone, l3/4 Schwadronen und 41/2 Batterien) und GM.Lilienhoff: 2 Heeres-, 6 Gendarmerie-, 3 Landsturm- und 2 Freiwilligenbataillone (13 Bataillone, 31/i Schwadronen und 11/2 Batterien).

x) Am 14. wurde Pflanzer-Baltin von dem Führer der deutschen Südarmee ebenfalls um beschleunigtes Vorgehen auf Dolina ersucht.

Benigni) die Vorrückung gegen Kolomea aufnehmen, wogegen Lilienhoff und Teile der Gruppe Schreitter gegen Norden vorgehen sollten, um die etwa südlich vom Pruth abziehenden Russen zu stellen und zu schlagen. Diese Anordnungen waren bereits in der Durchführung begriffen, als man gewahrte, daß der Raum südlich vom Flusse bis zur Mündung des Czeremosz vom Feinde frei sei. Ohne Säumen trat der Hauptteil des Ostkorps den Vormarsch gegen Kolomea an. Am 14. warf Benigni den Feind bei Jabłonów zurück. Am nächsten Tage kämpfte er, durch Schreitter verstärkt, schon südlich von Kolomea, wo sich die Russen hartnäckig wehrten. Lilienhoff hielt westlich und südlich von Czernowitz.

Die feindlichen Führer, denen die Gef ahr eines Vorgehens des XIII.Korps auf Dolina keineswegs entging, stürzten sich am 15. vorerst auf die beiden westlichen Kolonnen der 6. ID., drängten sie zurück und richteten sich knapp südlich von Solotwina zum Widerstande ein.

Nunmehr war eine rasche Entscheidung bei Kolomea unerläßlich, um das Ostkorps an das XIII. heranzubringen. Pflanzer-Baltin befahl daher, daß Teile der bei Lanczyn stehenden Gruppe Mihaljevic den südlich von der Stadt standhaltenden Russen in den Rücken zu gehen hätten. Weiters beabsichtigte er, die vom AOK. nun doch zur Verfügung gestellte 10. KD. der Südarmee nach ihrer Ausladung bei Delatyn gegen Stanislau, die 5. HKD. gegen Dolina zu senden; endlich hatte ein aus Freiwilligen gebildetes Streifkorps die anbefohlenen Bahnzerstörungen bei Kolomea und Stanislau zu bewirken.

Das Ergebnis am 16. lohnte die sachgemäß getroffenen Anordnungen. Der doppelt umfassende Angriff des Ostkorps auf Kolomea wurde durch die von Łanczyn ausgehende Bedrohung des feindlichen Rückens wirksam unterstützt; unmittelbar hinter den alsbald flüchtenden Russen drangen unsere Truppen in die Stadt ein, so daß jene nicht mehr die Zeit fanden, die vorbereiteten Brückenzerstörungen ins Werk zu setzen. Auf dem entgegengesetzten Flügel vertrieb die Hauptkraft der 6. ID. den Feind aus Solotwina und auch ihre westlichen Nebenkolonnen rückten aufs neue vor; ebenso schob sich die 42. HID. zwischen der Bahn nach Stanislau und der Bystrzyca Sołotwińska etwas gegen Norden vor.

So stellte sich die von Pflanzer-Baltin mustergültig geleitete Operation als straffe Zusammenfassung der Kräfte auf dem entscheidenden Flügel dar. Ob außerdem Linsingen von der Armeegruppe unmittelbar unterstützt werden konnte, mußte die Zukunft lehren. Für die Heeresleitung aber bildeten die vom äußersten rechten Heeresflügel einlangenden Meldungen den einzigen Lichtblick in trüben Tagen und Wochen.

Die Winterschlacht in Masuren und ihre Auswirkung Hiezu Beilage 6 sowie Skizzen 7 und 8

Der Befehlshaber der russischen Südwestfront, Gen. Iwanow, blieb nach wie vor ein entschiedener Verfechter der von ihm vorgeschlagenen und ins Werk gesetzten Offensive über die Karpathen in das ungarische Tiefland, wo er überdies für seine zahlreiche Reiterei ein geeignetes Tätigkeitsfeld zu finden hoffte. Auch die Russen litten unter den Unbilden des Karpathen winters; die Stände schmolzen zusammen, konnten aber allerdings aus den unerschöpflichen Menschenmassen des Zarenreiches in ganz anderer Weise aufgefüllt werden, als dies auf der Gegenseite möglich war. Immerhin wollte Iwanow dem unleidlichen Aufenthalt im Gebirge ein Ende bereiten. Er scheute nicht davor zurück, der Stawka anzudrohen, daß er genötigt wäre, seine Streitkräfte aus den unwirtlichen Bergen gegen Norden zurückzuziehen, falls er keine Verstärkungen bekäme, die ihn befähigen würden, den Stoß fortzusetzen und die Entscheidung zu erzwingen. Unablässig betrieb er daher die Zuführung neuer Verbände; er glaubte oder wollte glauben machen, daß

150.000 Deutsche beim öst.-ung. Heere eingetroffen seien.

Der Großfürst schwankte. Was sollte im Gewährungsfalle aus der geplanten Offensive gegen Ostpreußen (S. 123) werden? Bald trat ein, was Danilow immer befürchtet hatte: die Einheitlichkeit der Kriegführung zerfiel, man strebte zwei voneinander weit entfernten Operationszielen zu. Dabei billigte Großfürst Nikolai Nikolajewitsch die Maßnahmen Iwanows durchaus nicht restlos. Er tadelte, daß der Befehlshaber der Südwestfront seine Korps durch verlustreiche Frontalstöße gegen die feindliche Mitte erschöpfte, statt die Entscheidung gegen die Ostflanke der Verbündeten zu suchen; denn auch mit Rücksicht auf Rumänien sei es erwünscht, dem Gegner in der Bukowina einen kräftigen Schlag zu versetzen. Die Blicke des Großfürsten wandten sich nach Süden, wo um diese Zeit die britisch-französische Dardanellenexpedition vorbereitet wurde. Vom Balkan aus, so schien es ihm, ließen sich die Fronten der Zentralmächte am leichtesten auflockern.

Der Losbruch des deutschen Angriffes in Ostpreußen überhob die Stawka weiterer Überlegungen.

Während man in Teschen die Entwicklung der Lage in den Karpathen mit Sorge verfolgte, gipfelte die Offensive des GFM. Hindenburg (S. 98) in den Tagen vom 7. bis 21. Februar in der siegreichen „Winterschlacht in Masuren“. Durch diesen gelungenen Schlag der 10. und der

8. Armee wurde Ostpreußen völlig von den Russen gesäubert. Schon am 11. Februar hatte GdA. Gallwitz mit einer aus Feld-, Besatzungs- und Grenzschutztruppen zusammengerafften Armeegruppe die Vorrückung mit dem rechten Flügel über Płock und bald darauf mit dem linken von Willenberg auf Przasnysz angetreten. Zwei Tage später trat in den Verband dieser Armeegruppe auch die k.u.k. 3. KD., die am 26. Jänner von der 2. Armee dorthin überwiesen worden war. Als der siegreiche Ausgang der Winterschlacht feststand, erhielt am 17. Februar die deutsche 8. Armee den Befehl, die Bobr-Narewlinie Łomża—Ossowiec zu bezwingen1).

In seiner an Ludendorff gerichteten Glückwunschdepesche zu diesen Ergebnissen regte GdI. Conrad an, die Offensive des deutschen Ostheeres gegen Flanke und Rücken der im Weichselgebiet versammelten russischen Kräfte fortzusetzen, da nicht nur der Erfolg an Ort und Stelle für die Kriegsentscheidung, sondern auch für das weitere Verhalten der Verbündeten -und der noch schwankenden Neutralen von durchschlagender Bedeutung sein würde. Schon war aber Falkenhayn diesen Plänen entgegengetreten. Er kündigte Hindenburg am 19. an, daß erhebliche Teile der deutschen Heeresgruppe in der zweiten Hälfte des Monates März nach dem Westen überführt werden müßten, um die Lücken auszufüllen, die die Entlastungsoffensive der Franzosen und Briten während der letzten Monate in die deutschen Reihen gerissen hatte2).

Ebenso wie Conrad gelegentlich der Neujahrsbesprechung in Berlin (S. 93) Bedenken gegen den Flügelangriff im äußersten Norden ausgedrückt hatte, beklagte nun Luden dorff, daß der Winter schiacht die strategische Auswirkung versagt bleiben werde 3).

Wohl gelang es dem verstärkten linken Flügel der Armeegruppe Gallwitz, am 24. in Przasnysz einzudringen, doch schon am 27. mußten die Deutschen die Stadt vor den andringenden Russen wieder räumen und an die Grenze zurückweichen. Dagegen hielt sich die deutsche 8. Armee vor Ostrołęka—Łomża; auf Ossowiec wurde das Feuer eröffnet4). Südlich von der befestigten Flußlinie zog jedoch der Feind ansehnliche Massen zusammen, weshalb Falkenhayn nun doch auf die Abgabe von Kräften vom östlichen auf den westlichen Kriegsschauplatz verzichten mußte5).

J) Schwarte, Der deutsche Landkrieg, I, 526 und 529.

2)    Falkenhayn, 51 f.

3)    Ludendorff, Meine Kriegserinnerungen 1914—1918 (Berlin 1919), 99.

4)    An dieser Beschießung nahmen zwei öst.-ung. 30.5 cm-Mörserbatterien teil (Schwarte, I, 533).

5)    F a 1 k e n h a y n, 53.

Wie im September 1914 klaffte zwischen dem nördlichen und dem südlichen Hebel der verbündeten Streitkräfte wieder ein weiter Raum; es fehlte die Kraft, die Zange zusammenzudrücken.

Um den Einfluß beurteilen zu können, den die glänzenden Erfolge Hindenburgs auf die Lage der auf dem ösdichen Kriegsschauplätze kämpfenden Kräfte der Verbündeten ausübten, muß man die gleichzeitigen russischen Maßnahmen betrachten1).

Die von Iwanow so nachdrücklich begehrten, noch in Reserve stehenden beiden Korps (Garde- und XV.) mußten der Nordwestfront zu Hilfe eilen. Am 13.Februar wies die Stawka die Bitten Iwanows um Verstärkungen endgültig ab, obgleich das unaufhaltsame Vordringen Pflanzer-Baltins ernste Gefahren für den vernachlässigten russischen Ostflügel heraufbeschwor. Die Südwestfront möge Truppen von ihrem im Weichselbogen stehenden zwei Armeen oder auch von der 3. wegziehen und sich aus eigener Kraft helfen. Nicht genug damit, auch das III. kauk. Korps wurde von der Südwestfront abgefordert.

Iwanow erteilte hierauf am 14. und in den folgenden Tagen für die bis Ende Februar geplante Umgruppierung seiner Heeresfront eine Reihe von Befehlen und gab den Armeen die Ziele für die Fortsetzung der Offensive bekannt2). So hatte die 8. Armee über Bartfeld und den Uzsokpaß vorzudringen, den Raum bei Varannó—Homonna zu gewinnen und mit ihrem Ostflügel die aus der Richtung von Ungvár, Munkács und Huszt vorrückenden Verbündeten aufzuhalten, während die 3. Armee mit ihrem linken Flügel auf Neusandez und Alt Lublau vorstoßen sollte. Hiezu wurden dieser Armee auch das XXIV. und das XII. Korps Brussilows unterstellt; überdies beabsichtigte man, sie noch durch eine Infanteriedivision und eine Schützenbrigade aus dem Weichselbogen zu verstärken.

Unter dem Befehle des Gen. Letschitzki war auf dem äußersten linken Heeresflügeleine neue 9 .Armee aus dem XI., dem XVII. und dem XXX.Korps sowie dem II. Kavalleriekorps zu bilden, während die inW estpolen zurückbleibenden Teile der 4. Armee angegliedert wurden. Letschitzki erhielt den Auftrag, über Nadworna vorzugehen und Pflanzer-Baltin zurückzuwerfen. Weiters sollte die 11. Armee eine energische Tätigkeit gegen die Festung Przemyśl entfalten und endlich war bei Chyrów eine Reserve für den Großfürsten-Generalissimus zusammenzuziehen.

Mit der Wegnahme des III. kauk. Korps erklärte sich Iwanow nicht

*) Danilow, 420 ff und 452 ff; Nesnamow, III, 53; Boncz-Bruje-witsch, I, 38—70.

2) Siehe auch die Übersichtskarte.

einverstanden; das Korps sei gegen Halicz-Zurawno zu entsenden, um der befürchteten Umfassung seines Ostflügels durch Pflanzer-Baltin zu begegnen. Indes vertröstete ihn die Stawka mit der Ankündigung baldiger Verstärkung der 9. Armee durch das XXXIII. Korps.

Am 17. Februar fand in Siedlec unter dem Vorsitze des Großfürsten abermals eine Beratung der Befehlshaber der beiden Heeresfronten statt. Rußkis Antrag, die zwölf Korps der 10., 12. und 1. Armee zu einer Offensive gegen die Südgrenze von Ostpreußen zusammenzufassen, fand Billigung, dagegen trat Iwanow der Anregung Rußkis entgegen, weitere Kräfte dadurch zu gewinnen, daß die Front im Weichselbogen durch Zurücknahme verkürzt werde. Die Rivalität der beiden Führer der Heeresfronten stand wieder einmal im Vordergrund. Jeder begehrte für die eigene Offensive Verstärkungen auf Kosten des anderen. Auch darüber, ob man sich im Weichselbogen nur auf einen großen Brückenkopf beschränken oder die bisherigen Stellungen behaupten sollte, entbrannte ein lebhafter Streit. Lange zögerte Nikolai Nikolajewitsch, bindende Weisungen zu geben. Vorübergehend erwog die Stawka auch den Plan, die schütteren Linien der Verbündeten in Polen in westlicher Richtung zu durchstoßen, ließ ihn aber wieder fallen, da sie in die Offensivfähigkeit ihrer dort befindlichen Armeen nur geringes Vertrauen setzte.

Der Großfürst, der unter dem Eindrücke der Waffenstreckung eines großen Teiles der russischen 10. Armee in den Wäldern bei Augustów kleinmütig geworden war, verständigte am 23. seine Unterbefehlshaber, daß es in Anbetracht des Munitionsmangels und des Zustandes der Armeen derzeit nicht möglich sei, dem Gegner das Gesetz des Handelns zu entreißen. Man müsse die Front links von der Weichsel bis an die Grenze des Möglichen von Truppen entblößen, sich auf Gegenangriffe rechts vom Strome und in den Karpathen beschränken und dem Gegner wenigstens Teilniederlagen bereiten1).

Dies fand bei Iwanow keinen Beifall. Als am 2. März die Offensive Rußkis begann, legte er der Stawka dar: der Feind habe starke Kräfte zur Offensive in der Richtung Sanok—Lisko versammelt, um Przemyśl zu entsetzen und hole über Stanislau zu einer gefährlichen Umgehung des russischen linken Flügels aus, was die Räumung Galiziens erzwingen könne. Gelänge ihm aber dieser Anschlag nicht, so würden Armee und Volk in Österreich-Ungarn zusammenbrechen. Aus diesen Gründen müsse die Entscheidung im Süden gesucht, die Front im Weichselbogen behauptet, im Norden aber das deutsche Heer bloß festgehalten werden.

Wieder setzte sich Iwanow in Baranowiczi durch, weil die Stawka der politischen Wirkung, die das Erscheinen der Russen im Herzen Ungarns wegen der Verhältnisse auf dem Balkan (Dardanellenexpedition, Haltung Rumäniens) hervorrufen mußte, entscheidende Bedeutung beimaß. Auch die Westmächte drängten hiezu, um auf die Italiener zu wirken. Rußki wurde angewiesen, gegen Ostpreußen „keine breitangelegte Offensive“ zu unternehmen und Iwanow am 19. März beauftragt, mit seinem linken Flügel gegen Budapest vorzudringen, „worauf die ganze Linie Krakau—Posen—Thom umgangen werden wird*)“. Iwanow hatte somit im Meinungsstreite gesiegt und als die Stawka überdies Abgaben von der Nordwestfront verlangte, trat Rußki, von diesem verderblichen Wandel der Ansichten erschüttert, von seinem Posten zurück. Er wurde im Front-kmdo. durch Gen. Alexejew, Iwanows Stabschef, ersetzt.

Die Verstärkungen für den linken Heeresflügel der Russen konnten nur allmählich in die ihnen zugedachten Räume gebracht werden. Lediglich das XXII. Korps war schon in der ersten Hälfte des Monats Februar über Stryj der deutschen Südarmee entgegengeworfen worden; dort erwiesen sich die finnischen Schützen alsbald als Träger des in den Waldbergen geleisteten heftigen Widerstandes. Die Südgruppe des XXX. Korps, die bisher unglücklich gegen Pflanzer-Baltin gefochten hatte, erhielt schon am 12. Februar den Befehl, über den Pruth auszuweichen und die Vorrückung der k. u. k. Armeegruppe durch Vorstöße von Osten her zu verzögern, Czernowitz aber zu räumen. Die 74. RD., die 3. und die

2. SchBrig. der 4. Armee wurden hastig über Bolechów gegen Stanislau geschoben, um die bedrohte Flanke der 8. Armee zu decken. Erst am

27. übernahm Gen. Letschitzki in Tarnopol den Befehl über die von Norden und Nordwesten heraneilenden Teile der neuformierten 9. Armee.

Überblickt man die russischen Maßnahmen in ihrer Gesamtheit, so ergibt sich, daß die Offensive Hindenburgs vor allem den Einsatz des russischen Garde- und XV. Korps gegen das in den Karpathen schwer kämpfende öst.-ung. Heer verhindert hat. Keinem Zweifel unterliegt ferner, daß die Stawka ohne diesen machtvollen Angriff dem Drängen Iwanows auf weitere Kräftezufuhr nachgegeben und damit die Erfolgsmöglichkeiten für das Gelingen des Vorstoßes auf Budapest gesteigert

x) Boncz-Brujewitsch, I, 78. Danilow erzählt, daß der Operationsbefehl vom 19. März der einzige während des ganzen Krieges gewesen sei, der der Feder des Stabschefs Gen. Januschkiewitsch entstammte. Danilow, der bei der Abfassung übergangen wurde, bat um seine Enthebung. Dieses Ansuchen wurde vom Großfürsten entschieden abgelehnt (Danilow, Großfürst Nikolai Nikolajewitsch, 134).

hätte. Der Schmerz der Russen über ihre furchtbare Niederlage in Masuren verwandelte sich nachher aber doch in ein heißes Verlangen, die Scharte durch Erfolge ihrer Südwestfront auszuwetzen. Der Druck gegen das öst.-ung. Heer verstärkte sich und das Schicksal der Festung Przemyśl drohte sich zu erfüllen.

Die Grundlagen für die Entschlüsse der k.u. k. Heeresleitung Hiezu Beilage 7 sowie Skizzen 6 und 9

Sehnsüchtig hielt die Besatzung von Przemyśl Ausschau nach dem Befreier. Nach längerer Pause begann am 9. Februar die russische Einschließungsartillerie wieder gegen den Festungsbereich zu feuern. Die Tage verhältnismäßiger Ruhe waren endgültig verstrichen. Die Beschießung dauerte nunmehr unausgesetzt an, doch hatte die Stadt selbst wenig darunter zu leiden. Außerdem begann auch wieder der Kampf um das Vorfeld, der von beiden Seiten tatkräftigst geführt wurde, vom Verteidiger besonders aus dem Grunde, um die vom Feinde beabsichtigte Verengung des Einschließungsringes zu verhindern.

Am 10. meldete das Festungskmdo., daß, falls sofort 3500 Pferde geschlachtet würden, Mannesverpflegung bis zum 14. März, Futter für die Pferde bis zum 12. März vorhanden sein würden; damit werde aber der Reichweite offensiver Unternehmen enge Grenzen gesetzt, die Möglichkeit eines Durchbruches wäre dann ausgeschlossen. Nach kurzem Zögern stimmte das AOK. am 16. der Pferdeschlachtung zu.

Die Entfernung des festen Platzes Przemyśl von dem nächstbefindlichen öst.-ung. Frontteil betrug 70 km Luftlinie. In Teschen verringerte sich allmählich die Hoffnung, die trennende Strecke rasch durchmessen zu können. Schon am 12. Februar berichtete das AOK. an die Militärkanzlei des Kaisers, daß die Möglichkeit rechtzeitigen Entsatzes zweifelhaft geworden sei; nichtsdestoweniger werde alles versucht, den Fall der Festung zu verhüten. DreiTage später mahnte der Monarch denErzherzog-Oberkommandanten eindringlich, den Verlust des Platzes hintanzuhalten.

Politische und psychologische Forderungen legten hier der Entschlußfreiheit des Feldherrn starke Fesseln an. Immer dringender aber erschien die Fortsetzung der unterbrochenen Offensive. Die Anlage der am 23. Jänner begonnenen Kriegshandlung hatte nach raschem Entsätze von Przemyśl auf der kürzesten Linie gestrebt. Deshalb der schon im Dezember des Vorjahres angewandte Staffelangriff, der sich nach dem

Fortschreiten der Offensive des Ostflügels der 3. Armee zu richten hatte. Bevor sich der Antrieb zur Vorrückung bis zum III. Korps fortpflanzen konnte, erfolgte jedoch der Gegenhieb Brussilows, der dieses Korps nötigte, hinter die Ondava zurückzugehen. Damit schien das Eingreifen der k. u. k. 4. Armee hinausgerückt zu sein. Wie aber deren höhere Führer über einen Stirnangriff auf die starke Front Dimitriews dachten, wurde hier schon wiederholt dargelegt; ohne Mitwirkung des III. Korps wollte man an dieses für aussichtslos und sehr verlustreich gehaltene Unternehmen nicht herangehen. Obgleich es an Andeutungen der Heeresleitung nicht fehlte, zog es das 4. Armeekmdo. vor, sich die unvermeidlichen großen Opfer lieber durch allmähliche Abgabe von Divisionen für Offensivfronten zu ersparen, doch war es immer bereit, die Anstrengungen seines rechten Nachbars durch eine auf seinen Südflügel beschränkte Aktion zu unterstützen. Daß man in Okocim einem Vorstoße der Gruppe Křitek schließlich am 5. Februar widerriet, lag nebst den geltend ge-gemachten Gründen auch darin, daß der Offensivfähigkeit der 3. Armee nach den bisherigen Fehlschlägen kein rechtes Vertrauen mehr entgegengebracht wurde. Vor einer vereinzelten Unternehmung schreckte man aber mit Recht zurück.

Sobald sich jedoch die Lage bei Boroević wieder etwas gefestigt hatte, trug das 4. Armeekmdo. neuerlich die Hilfe seines Südflügels an und unterstellte sogar die hiefür bestimmten zwei Divisionen dem Führer des III. Korps (S. 152). Für die Masse der 4. Armee blieb der Heeresbefehl vom 22. Jänner (S. 111) aufrecht, sich dem Angriffe der

3. Armee anzuschließen. Sollte aber Dimitriew schon vorher mit dem Abbau seiner Front beginnen, so war ungesäumt anzugreifen. Gelang es dabei, seinen Abzug aufzuhalten, so machten sich alle Opfer bezahlt. Die 4. Armee verfügte freilich nach Abgabe von sieben Divisionen (43. und 86.SchBrig., 19., 6., 11. ID. und 45. SchD. sowie 41. und 38. HID.) noch über etwas mehr als 100.000 Feuergewehre — in einer Zeit, wo überall Not an Mann war, eine nicht voll ausgewertete Kraft. Man mußte aber mit einem Angriffe der russischen 3. Armee rechnen. Hätte dieser Erfolg gehabt, so wäre das ganze Karpathenunternehmen in Frage gestellt worden. Beim 4. Armeekmdo. beobachtete man daher das Verhalten des gegenüberstehenden Feindes mit gespannter Aufmerksamkeit. Nachdem der Nachrichtendienst festgestellt hatte, daß die russische 32. ID. aus der Front gezogen wurde, entstand sofort der Plan zu einer Unternehmung zwischen Dunajec und Biała.

Während man sich beim AOK. damit beschäftigte, die Wiederholung der Karpathenoffensive — im allgemeinen mit der gleichen Stoßrichtung wie bei der erstgeschilderten — einzuleiten, begann auch die Politik ihren Einfluß auf die höhere Führung auszuüben. Von deutscher Seite hatte man dem Ballhausplatz eindringlich die Niederzwingung Serbiens nahegelegt, wodurch die Verbindung mit der Türkei eröffnet werden sollte; Konstantinopel schien durch die in Vorbereitung befindliche Dardanellenexpedition der Alliierten schwer bedroht zu sein. Man müsse, so meinte die Wilhelmstraße, Bulgarien und Rumänien gewinnen, vor allem aber Italien durch österreichische Gebietsopfer abfinden. Auch Falkenhayn telegraphierte am 9. an Conrad, er halte einen Umschwung in den Karpathen vorläufig für ausgeschlossen, dagegen sei die Lösung der rumänisch-italienischen Frage unaufschiebbar geworden. Der südwestliche Nachbar sollte durch Gebietsabtretungen bei Erneuerung des Dreibundvertrages zum Eintritt in den Krieg veranlaßt werden. Diese Hoffnungen teilte der k. u. k. Generalstabschef keineswegs. Bestenfalls werde man Rumänien auf die Seite der Zentralmächte bringen können, was ernstlich versucht werden müsse. Falkenhayn tat alles, um Conrad zu seiner Meinung zu bekehren; auf seinen Wunsch legte der im Großen Hauptquartier bevollmächtigte k.u.k. General, FML. Stürgkh, am 12. in Teschen dar, man benötige Rohstoffe aus Italien, Getreide aus Rumänien, daher müßten die unterbrochenen Verhandlungen mit diesen beiden Staaten wieder aufgenommen werden. Conrad hielt jedoch an seiner Ansicht fest und verlangte von Burián, zunächst das Ergebnis der im Zuge befindlichen militärischen Aktionen abzuwarten.

Zu allen sonstigen Sorgen des Habsburgerreiches gesellten sich noch die betrüblichen Erscheinungen der, in Böhmen und in den südslawischen Ländern fühlbar werdenden staatsfeindlichen Bewegung, die auf das Gefüge der bewaffneten Macht nicht ohne Rückwirkung blieben. Die Berichte über die Unverläßlichkeit einzelner Truppenteile aus nationalen Ursachen mehrten sich. So drängte nicht nur die Verpflegslage in Przemyśl, sondern auch die Politik zu raschen Entscheidungsschlägen.

Die Kämpfe in den Karpathen bis zum 26. Februar

Der rechte Heeresflügel und sein nächstes Oferationsziel Dolina

(16. bis 26. Februar)

Hiezu Skizzen 6, 10 und 11

An der gesamten Ostfront hatten sich Mitte Februar nur die äußersten Flügel von den Fesseln des Stellungskrieges befreit und drangen in kräftiger Offensive vorwärts: Hindenburg im Norden, Pflanzer-Baltin im südlichen Ostgalizien und in der Bukowina.

GdK. Pflanzer-Baltin durchlebte nunmehr eine Reihe außergewöhnlich spannungsvoller Tage. Die Erfüllung seiner durchaus nicht einfachen Aufgabe verlangte, der Südarmee durch Abschwenken gegen Nordwesten die heißersehnte Hilfe zu leisten. Da diese Bewegung aber gleichzeitig in der Richtung Stanislau gegen die dort aller Voraussicht nach eintreffenden russischen Verstärkungen zu sichern war, erforderte dies ein sorgfältiges Abwägen der Kräfte für den einen und den anderen Zweck. Infolge der ursprünglich notwendigen Rechtsstaffelung hing der rechte Flügel zurück, während man jetzt das entgegengesetzte Verhältnis gebraucht hätte (Skizze 6).

Nach der am 16. geglückten Einnahme von Kolomea wurde der nach Ottynia abziehende Feind nur von schwachen Kräften verfolgt; FML. Czibulka mußte aber der Masse seiner Truppen bei Kolomea die unumgänglich nötige Rast gewähren. Die Russen hatten jedoch den Weg nach Stanislau noch nicht endgültig freigegeben. Am 17. — PflanzerBaltin war an diesem Tage mit seinem Stabe von Máramaros-Sziget nach Delatyn übersiedelt — stand die Hauptkraft der 42. HID. in hartem Kampfe nördlich von Nadworna. Ungesäumt traf der Armeegruppenführer Anordnungen, um der Division Hilfe zu bringen. Die 6. ID., bereits im Vormarsche auf Dolina, hatte an den linken Flügel, Czibulka mit seiner Hauptkraft — Teilen der 36. ID. und der 10. KD. sowie mit dem Detachement Mihaljevic — im Nachtmarsche von Kolomea an den rechten Flügel der Kroaten heranzurücken und in deren Gefecht einzugreifen. Nur Czibulkas östliche Kolonne blieb im Vorgehen auf Ottynia. Diese Bewegungen füllten den 18. aus. Die Russen schlüpften aber jetzt aus der Schlinge und zogen vor der 42. HID. nordwärts ab; ihnen folgte die k. u. k. 10. KD. auf dem Fuße in der Richtung gegen Stanislau.

Pflanzer-Baltin ließ nunmehr die Masse der Armeegruppe gegen Dolina einschwenken. Vom XIII. Korps hatte die 6. ID. mit Benützung leerer Verpflegsfuhrwerke schleunigst über Rożniatów zu rücken und mit ihrer Spitzenstaffel am 20. in Dolina einzutreffen; die 42. HID. hatte an diesem Tage Rożniatów zu erreichen. Die 5. HKD. und die Gruppe Benigni sollten diesen Kräften nachmarschieren, der Rest des Ostkorps die Verfolgung auf Stanislau fortsetzen.

Auf dem äußersten rechten Flügel waren GM. Lilienhoffs Reiter am 17. in das neuerlich vom Feinde befreite Czernowitz eingezogen; tags darauf rückte auch die Ostgruppe dieses Generals in die Stadt ein, während seine Westgruppe bei Waschkoutz hielt. Nach einem aufgefangenen Funkspruche hatten die Pruth aufwärts abziehenden Teile des russischen XXX. Korps bei Zabłotów wieder über den Fluß zu setzen, gegen die Ostflanke der Armeegruppe vorzustoßen und hiedurch deren Vorgehen aufzuhalten (S. 164). Lilienhoff erhielt daher den Befehl, am 19. von Waschkoutz nach Sniatyn zu rücken und dann über Horodenka und Tłumacz dem Ostkorps in der Staffel nachzumarschieren. In Czernowitz war nur das Detachement Major Papp zu belassen, um die gegen Nowosielica zurückgegangene schwächere Russengruppe in Schach zu halten.

Aller Wahrscheinlichkeit nach mußte es also in Kürze glücken, die russische Front gegenüber der deutschen Südarmee durch Rückenbedrohung zum Abzug zu zwingen und die Gebirgsausgänge für Linsingen zu öffnen. Die Streitkräfte dieses deutschen Armeeführers erwehrten sich in unaufhörlichen Kämpfen russischer Gegenstöße, wobei die Hauptlast des Ringens vom XXIV. RKorps und von der Gruppe Hofmann getragen wurde. Leider gab am 18. der rechte Flügel der 19. ID. nach und wich um etwa 1 km zurück. Die drei Brigaden Hofmanns zählten wenig mehr als 6000 Feuergewehre !); diese Truppen, die seit dem 23. Jänner pausenlos im Gefechte gestanden und nur dreimal unter Dach gekommen waren, hatten die Grenze ihrer Kampffähigkeit erreicht. Aber auch die deutsche 1. ID. und die 3. GID. lagen bewegungslos vor starken Stellungen.

Schon rollte jedoch die k. u. k. 5. ID. der 1. Armee heran und nach dem glücklichen Ausgang der Winterschlacht in Masuren auch die deutsche 4. ID. Hingegen mußte die deutsche 5. KD. untätig hinter der Armeefront verharren. Mit Billigung der k. u. k. Heeresleitung entschloß sich Linsingen, alle diese Kräfte, wie dies schon mit der 10. KD. geschehen war, über Delatyn dem linken Flügel Pflanzer-Baltins zuzuführen, um sie nicht in ergebnislosen Gebirgskämpfen verbrauchen zu lassen. Zunächst fuhr die 5. ID. über Máramaros-Sziget gegen Delatyn weiter, wo ihre Spitzenstaffel am 20. einlangte.

Unter diesen Umständen wünschte der Führer der deutschen Südarmee seinen Einfluß auch auf die Kampfführung jenseits der Karpathen geltend zu machen. Nachdem sich GM. Stolzmann schon am 16. in Máramaros-Sziget über die Verhältnisse eingehend orientiert hatte, wurde GdK.

FML. Hofmann verfügte nur über eine halbe Gebirgskanonen- und eine Ge-birgshaubitzbatterie, da er bei Offensivbeginn das Gros seiner Gebirgsartillerie an das XXIV. RKorps und die 3.GID. hatte abgeben müssen. Bei allen drei Brigaden befanden sich nur ein Stabsoffizier und acht Hauptleute. Der Gruppenführer bat daher das AOK. um Verstärkung durch eine Heeresbrigade.

Freih. Marschall, bisher Führer der 3. GID., angewiesen, den Befehl über die eigentlich zur Südarmee gehörige 10. KD. und die 5. ID., später auch über die deutsche 5. KD. zu übernehmen und mit diesen Kräften schleunigst über Dolina in den Rücken des Feindes vorzustoßen, worauf das XXIV. RKorps seine Angriffsanstrengungen verdoppeln sollte. Für den linken Flügel befahl Linsingen, daß GLt. v. Conta den Angriff der deutschen 1. ID. und der 3. GID. auf den Zwinin einheitlich zu leiten habe. Marschall traf am 19. in Delatyn ein und wurde mit der Befehlsführung auf dem linken Flügel der Armeegruppe betraut; unter den geänderten Verhältnissen konnten ihm allerdings nicht die von Linsingen bezeichneten Armeekörper unterstellt werden.

In Munkács verfolgte man jeden der Schritte Pflanzer-Baltins. Als dieser am 18. die 6. ID. zur Unterstützung der 42. HID. aus der Richtung von Dolina abzog, erhob das Kmdo. der Südarmee sogleich Beschwerde in Teschen. Es sei überflüssig und aussichtslos, so viele Kräfte gegen Stanislau einzusetzen, Pflanzer-Baltin sei anzuweisen, mit zwei Divisionen sofort gegen Dolina—Bolechów— Stryj zu rücken und diese Linie bis zum Herankommen der Südarmee festzuhalten. Indes hatte der Führer der Armeegruppe die Forderungen der Lage selbst vollkommen klar erkannt und auch das AOK. billigte die von ihm getroffenen Maßnahmen. Die Einwirkung auf einen Befehlshaber, auf dessen Befähigung und Energie man voll vertraute, hielt die Heeresleitung nicht für geboten. Dem Wunsche Linsingens, auch die deutsche 4. ID. über Delatyn zu befördern, konnte ebenfalls nicht entsprochen werden, da die Bahnlinie eine derartige Belastung nicht vertrug. Diese Division, teilte die Heeresleitung mit, müsse bei Munkács ausgeladen und durch das Gebirge nachgezogen werden, dessen Ausgänge bis dahin Pflanzer-Baltin freigemacht haben werde. Übrigens sei bereits der Befehl zum Antransport des XI. Korps der 4. Armee nach Delatyn erteilt. Es käme jetzt darauf an, daß das XXIV. RKorps bei Wyszków angreife und den Russen nachdringe.

Aber gerade am 19. Februar, an dem sich nördlich der Karpathen die Lage auf das Günstigste entwickelte und Pflanzer-Baltin vor dem letzten entscheidenden Zugriff auf Dolina stand, wurde die Südarmee von schwerem Mißgeschick heimgesucht. Die Russen verdoppelten ihre Anstrengungen gegen das XXIV. RKorps, zerbrachen die bei Wyszków angesetzten Klammern der doppelseitigen Umfassung und warfen beide Flügel, mit besonderer Wucht den rechten, zurück. Ob der Feind damit bloß den beginnenden Rückzug decken oder weiter ausharren wollte, blieb vorerst ein Rätsel. Auch Hofmann war nun gezwungen, seinen Ostflügel abzubiegen und nurdiel.ID. vermochte mit Aufgebot aller Kräfte standzuhalten.

Nach ihrem Erfolge am 19. stellten die Russen ihre Anstürme gegen das XXIV. RKorps für eine Weile ein, so daß sein linker Flügel am 21. wieder mit der Vorrückung beginnen konnte. Als aber das Korps am 26. aufs neue zu einheitlichem Angriffe ansetzte, stieß es überall auf hartnäckigen Widerstand. Die Gruppe Hofmann stand Tag für Tag in schwerem Abwehrkampfe, der namentlich am 26. dem Feinde ansehnliche Verluste brachte. Am 22. gewann die deutsche 1. ID. gegen die Ostryhöhe Raum, doch die 3. GID. vermochte sich nicht der heiß umstrittenen Klewa zu bemächtigen und mußte sogar ein Stück zurückgenommen werden. Die Angriffskraft der Südarmee erwies sich eben nicht stark genug, ein unmittelbares Zusammenwirken mit Pflanzer-Baltin zu erzielen. Die Stände schmolzen zusammen; täglich mußte mit einem Abgange von 500 Mann gerechnet werden1).

Linsingen bemühte sich auch weiterhin, seine Befehlsbefugnisse auf den linken Flügel der Nachbargruppe auszudehnen und beantragte am 22. bei der Heeresleitung, ihm das XIII. Korps zu unterstellen, wofür er PflanzerBaltin das Verfügungsrecht über die 5. ID. zurückgeben wollte. Ferner bat er, man möge bei der DOHL. die Heranführung der deutschen 3.ID. erwirken, von der schon ein Regiment bei der 3. GID. focht. In Teschen war man nicht geneigt, dem ersten Antrage zu entsprechen, da die unerläßliche Einheitlichkeit der Kampfhandlung zwischen Dniester und Łomnica nicht beeinträchtigt werden durfte. Auch Linsingens Vorschlag, die deutsche 5. KD. mit der Bahn nach Delatyn zu schieben, konnte aus den gleichen Gründen, die dies für die deutsche 4. ID. ausschlossen, nicht berücksichtigt werden. Die deutsche Reiterdivision rückte hierauf im Fußmarsche über den Tatarenpaß ins Pruthtal ab. Der Armeegeneralstabschef fuhr selbst nach Teschen, die Zuweisung der deutschen 3. ID. zu betreiben, doch Falkenhayn war nicht gewillt, weitere deutsche Verbände den kräfteverzehrenden Gebirgskämpfen auszusetzen. Anders wäre der Bescheid ausgefallen, wenn die Südarmee schon nördlich von den Karpathen gekämpft hätte.

Bei der Armeegruppe Pflanzer-Baltin hielt die Spannung an. Am Vormittag des 20. zog die 10. KD. unter dem Jubel der Bewohner in die durch den Feind geräumte Stadt Stanislau ein. Das XIII. Korps

— jetzt unter dem GdK. Marschall — und die Kolonne Benigni hatten

1) Die Südarmee zählte am 24. Februar bei den öst.-ung. Truppen 20.000 Feuergewehre (ohne 5. ID. und 10. KD.), bei den deutschen 21.800 Feuergewehre.

die Richtung auf Dolina eingeschlagen; die 42. HID. und die 5. HKD. kämpften während des Tages bei Krasna, die 6. ID. bei Perehińsko. Schon reifte die Erfüllung der Pläne Pflanzer-Baltins: die Russen waren über Stanislau zurückgeworfen, die Dniesterstrecke unterhalb von Niż-niów schien gesichert zu sein und Czernowitz war fest in der Hand der k. u. k. Truppen; aller Wahrscheinlichkeit nach konnte man dem Feinde, der noch vor der Südarmee hielt, jetzt auch den Rückzug über Dolina und Skole verlegen.

Da brachten die Nachmittagsstundeii des 20. eine schwere Gefährdung aller bisherigen Errungenschaften. Allmählich waren die Einheiten der eben gebildeten russischen 9. Armee auf Bahnen und Straßen in ihr neues Verwendungsgebiet geflossen; zunächst wurden die aus Stanislau verdrängten Teile der 71. RD., vermutlich durch die 2. SchBrig., verstärkt. Der Feind ging von drei Seiten umfassend wieder gegen die Stadt vor. Mittlerweile war hier eine Brigade der k.u.k. 36.ID. eingetroffen, die sich nur durch die Entschlossenheit der örtlichen Führung und die Tapferkeit der Truppen gegen den übermächtigen Anfall der Russen zu behaupten vermochte.

Indes parierte Pflanzer-Baltin mit gewohnter Energie den russischen Hieb. Vorerst unterstellte er die Kolonne Benigni, die sich auftragsgemäß im Vormarsche von Bohorodczany gegen Nordwesten befand, wieder dem Ostkorps und wies ihr die Richtung gegen die Höhen nördlich von Stanislau1). Weiters traf er Maßnahmen, um die Gruppe Lilienhoff möglichst rasch dem rechten Flügel des Ostkorps zuzuführen. Alles stand auf des Messers Schneide. Glücklicherweise langte gerade die Spitzenstaffel der 5. ID. in Delatyn ein. Ursprünglich wollte man in Teschen diese Division dem XIII. Korps angegliedert wissen, damit Marschall rasch gegen Dolina Raum gewinnen könne, doch ließ jetzt die Heeresleitung dem Armeegruppenführer freie Hand, weil die Behauptung von Stanislau eine unerläßliche Vorbedingung für das Gelingen der Offensive Marschalls war. Pflanzer-Baltin befahl die Versammlung der Division bei Nadworna, ohne sich noch für die Richtung ihres Einsatzes zu entscheiden. Am 21. hielt der Verteidiger von Stanislau gegen die Einkreisungsversuche der Russen weiterhin stand, schon teilweise durch die anrückenden Verstärkungen entlastet. Lilienhoff gelangte nach Horodenka. Das Westkorps warf mit der 42. HID. den Feind auf Rożniatów zurück, die 6. ID. nahm Perehinsko. Pflanzer-Baltin vervielfachte sich; imKraft-

!) Die zur 42. HID. gehörigen Teile der Kolonne Benigni marschierten jedoch zu ihrer Division ab.

wagen durcheilte er das ausgedehnte Gefechtsfeld und machte seine Unterführer mit seinen Absichten bekannt.

FML. Czibulka schritt am 22. zum Angriff. Sein rechter Flügel, der bei Tyśmienica einen russischen Vorstoß abgewiesen hatte, bemächtigte sich der Höhen nördlich von diesem Orte; zur Sicherung der rechten Flanke rückte eine gemischte Abteilung von Tłumacz auf Niżniów. Auch Benigni schob sich knapp westlich von Stanislau bis an die nach Kałusz führende Straße vor. Seine Landstürmer wurden jedoch am nächsten Tage aus nordwestlicher Richtung von den Russen angefallen und eingekreist; sie fluteten zurück. Die hier entstandene schwere Krise rechtfertigte es, daß sowohl Benigni als auch Czibulka auf die zur Stützung des Ostkorps an einzelne Punkte vorgeschobenen und zur Hand befindlichen Bataillone der 5. ID. griffen und diese auf das Gefechtsfeld des linken Korpsflügels heranzogen. Pflanzer-Baltin mußte diese Verfügung billigen, obgleich hiedurch ein erheblicher Teil seiner Dispositionsgruppe aus der ursprünglich zugedachten Richtung geriet.

Das XIII. Korps kämpfte am 22. und 23. mit wechselndem Erfolge. Die 42. HID. und die 5. HKD. vermochten bei Rożniatów nicht durchzudringen. Wohl überschritt die 6. ID. links von den kroatischen Honvéds die Czeczwa, wurde aber zur Rückkehr auf das Ostufer gezwungen. Da es nicht ausgeschlossen war, daß der Feind vor dem rechten Flügel der Südarmee seine Front abzubauen begann und sich durch den zähen Kampf an der Czeczwa den Rückzugsweg offen halten wollte, forderte Pflanzer-Baltin den GdI. Linsingen auf, das XXIV. RKorps zu schleunigem Vorgehen zu veranlassen. Die Vermutung erwies sich jedoch als irrig; in unverminderter Stärke hielt der Russe auf dem Wyszkówsattel.

Nach dem Herankommen der Gruppe GM. Lilienhoff konnte FML. Czibulka am 24. mit dem vom FML. Schreitter befehligten Ostflügel unter Sicherung gegen Niżniów abermals zum Schlage ausholen; die Russen wurden auf den Höhen nordöstlich von Stanislau um ein gutes Stück zurückgedrückt.

Tags darauf sollte die Armeegruppe auf ihrer ganzen Front angreifen. Ihr Führer entschloß sich, die nächstverfügbaren Teile der 5. ID. zwischen seinen beiden Korps gegen Kałusz vorzuschicken und den Rest nach Bohorodczany zu ziehen. Nach der bei Stanislau erstrebten Entscheidung wollte er die Division wieder westwärts zum XIII. Korps verschieben. Den Befehl über das Korps gab GdK. Marschall am 25. an den wiedergenesenen GdI. Rhemen ab. Das Ostkorps kam an diesem Tage gut vorwärts. Auf der äußersten Rechten wurde Niżniów genommen.

Lilienhoff und Schreitter gewannen Boden auf den Höhen nordöstlich von Stanislau und auch Benigni ging wieder bis an die nach Kałusz führende Straße vor. Dagegen vermochte die nach Nowica entsendete Gruppe der 5. ID. die hochange sch wollene Łomnica nicht zu passieren. Ein Nachtangriff auf Kałusz scheiterte an der verstärkten Abwehr der Russen. Beim XIII. Korps focht die 42. HID. erfolgreich bei Rożniatów, doch wurde die 6. ID. unter starken Verlusten zurückgeworfen1). PflanzerBaltin befahl hierauf dem Führer der 5. ID., FML. Habermann, mit allen bei Kalusz befindlichen Teilen seiner Division dem XIII. Korps zu Hilfe zu eilen. Die 5. HKD. erhielt Befehl, den Feind bei Kałusz zu binden.

Am folgenden Tage, den 26. (Skizze 11), errang Czibulka bei Sta-nislau einen ausgesprochenen Sieg. Lilienhoff und Schreitter warfen den Feind über die Bystrzyca auf Jezupol, während Benigni und links von ihm die am 23. herangezogenen Bataillone der 5. ID. in einer wohlgelungenen Angriffsschwenkung bis an die Chaussee Stanislau—Halicz vordrangen. Sofort ordnete Pflanzer-Baltin die Ausnützung des großen Erfolges durch scharfe Verfolgung der Russen auf Halicz an; der dortige Brückenkopf sollte im Handstreich genommen werden. Weiters hatte die noch verfügbare letzte Staffel der 5. ID. von Bohorodczany auf Kałusz vorzugehen und sich dieses Marktfleckens zu bemächtigen, die 10. KD. den dort befindlichen Russen bei Wistowa den Rückzug auf Halicz zu verlegen.

Als aber der Armeegruppenführer dann auf seiner Autofahrt beim XIII. Korps einlangte, empfing ihn eine Unglücksnachricht: die hart bedrängten und ermatteten Truppen des XIII. Korps waren vor russischer Übermacht im Zurückweichen an die Łomnica. Die Hilfe durch das Gros der 5. ID. war trotz eines günstig verlaufenen Gefechtes bei Holyń zu spät gekommen. Um den Rückschlag beim XIII. Korps wettzumachen, ordnete Pflanzer-Baltin an, Czibulka habe noch in der Nacht vier Bataillone der 36. ID. mit der Bahn von Stanislau nach Nadworna zu entsenden, die sodann im Fußmarsche nach Krasna zu gelangen hatten. Weiters wurden drei schwache Polenbataillone von Kolomea nach Delatyn gefahren.

Aus Teschen traf die Weisung ein, die Entscheidung in der Richtung Dolina—Bolechów ehestens herbeizuführen; gegen Halicz genüge eine Sicherung. Leider war nach dem ungünstigen Ausgange der Kämpfe auf dem linken Flügel der Armeegruppe alles wieder in die Ferne gerückt,

!) Nach einer Meldung verfügte bei der 6. ID. das IR. 17 nur mehr über 320, das bh. IR. 2 gar nur mehr über 80 Feuergewehre.

um so mehr, als das XI. Korps noch nicht zur Stelle war. Das AOK. wurde nunmehr gebeten, dieses Korps im Echellontransportx) nach Delatyn zu befördern.

Die Begebenheiten bei der 3. und der 4. Armee (15. bis 26. Februar)

Hiezu Beilage 7 sowie Skizzen 8, 9, 12 und 13

Die Kämpfe in den Karpathen mit ihrem Wechsel von Erfolg und Mißerfolg erschließen sich dem Verständnisse nur dann völlig, wenn bei jeder einzelnen Phase immer wieder auf den Zustand des wichtigsten Teiles des Kriegswerkzeuges, auf die Kampf truppe, hingewiesen wird und auf die Umstände, unter denen sie zu wirken berufen war. Obst. „Veith kennzeichnet diese Periode des schweren Ringens in folgender Art:

„Es lag im Wesen der Karpathenkämpfe dieses Winters, daß sie auch nach dem Ende der eigentlichen Schlacht nicht zur Ruhe kamen. Die Front fluktuierte fort, das grauenhafte Elend dauerte ununterbrochen an. Man wird heute kaum verstehen, wie diese vollkommene Wehrlosigkeit gegen die Winterkälte und ihre Begleiterscheinungen möglich war in einem Lande, in welchem gerade Bau- und Brennholz auf Schritt und Tritt in einer Fülle vorhanden war wie kaum irgendwo in Europa. Zu erklären ist die Sache aus dem gänzlichen Mangel einerseits an Vorkehrungen infolge fehlender Voraussicht dieser Lage, andererseits an Arbeitskräften 2). Die Kampftruppen selbst waren, wie genugsam betont, ohnehin numerisch dem Feinde gegenüber weit inferior und wurden es infolge der furchtbaren Verluste täglich mehr, so daß das dringendste Gebot darin bestand, das letzte Gewehr in die Front einzusetzen; die fast ununterbrochen kämpfenden Truppen konnten aber bestenfalls in den wenigen kurzen Kampfpausen ein wenig schanzen,

*) Im regelmäßigen Zugsverkehr rollen die bemannten Maschinen samt Zugsbegleitern mit den Gegenzügen (Abschub- und Leergarnituren) ungefähr in derselben Stärke zurück wie Volltransporte einlangen. Dadurch ist die planmäßige Wiederverwendung neuausgerüsteter Maschinen samt ausgeruhten Mannschaften von ihren Heimatsstationen aus, das heißt ein geregelter Turnus möglich, der allein Dauerleistungen verspricht. Im Echellonverkehr verzichtet man auf die Rückkehr von Maschinen und Personal, beläßt das entleerte Material in der Nähe des Zieles, um vorübergehend eine raschere Zugsfolge in der Bedarfsrichtung zu erzielen. Der Echellonverkehr findet seine Grenzen einerseits im Maschinen- und Personalmangel am Anfänge und in den beschränkten Platzverhältnissen am Ende der Strecke. Dies muß zu Betriebsstörungen führen, die wieder nur durch einen gesteigerten Verkehr, diesmal in der Gegenrichtung, das ist durch Unterbrechungen im Antransport, behoben werden können.

2) Die Holzversorgung einer oft schwankenden Gebirgsfront läßt sich auch im holzreichsten Lande nicht in kurzer Zeit improvisieren. Die Transportfrage wäre auch bei Aufbietung größerer Arbeitskräfte infolge der Kommunikationsarmut kaum zu bewältigen gewesen. Die Verwendung von Seilbahnen ergab sich erst aus den Erfahrungen einer späteren Zeit.

nicht aber noch Holz fällen und Bretter sägen. Die für die Arbeit hinter der Front zur Verfügung stehenden Arbeiterabteilungen waren wieder durch die täglich wachsende Last der Instandhaltung von Straßen und Wegen, die heute meterhoch verschneit, morgen vereist, übermorgen durch plötzlich hereingebrochenes Tauwetter überschwemmt und grundlos aufgeweicht waren, derart in Anspruch genommen, daß schließlich zu ihrer Unterstützung sogar doch noch Kampftruppen aus der Front gezogen werden mußten, sollten sie nicht selbst verhungern oder durch Munitionsmangel wehrlos werden. Daß eine der ohnehin spärlichen Reserven wirklich Ruhe genoß oder gar unter Dach kam, war lange nicht erlebt worden. So steigerte das Elend sich selbst in grausamem Wechselspiel; in der Front bannte es die Soldaten im Kampfe fest, sabotierte mit den steigenden Verlusten auch die Möglichkeit der Ablösung und Erholung und trieb damit erst recht wieder die Verluste zu neuen Rekordziffern; gleichzeitig hinderte es hinter der Front jede der Bequemlichkeit und Retablierung dienende Tätigkeit. All dies wurde noch verschlimmert durch die von Haus aus elenden Nachschubsverhältnisse. Die Bahnen waren im ungarisch-galizischen Grenzgebiet überhaupt äußerst spärlich und sehr wenig leistungsfähig x) und reichten für die Bedürfnisse der jetzt hier angestauten großen Heereskörper bei weitem nicht aus; das Straßennetz war gleichfalls viel zu weitmaschig und von äußerst minderwertiger Beschaffenheit, so daß es den plötzlich riesenhaft gesteigerten Anforderungen absolut nicht standhielt. Andere Wege aber waren in dem menschenarmen Waldgebirge nur in geringer Zahl und primitivster Qualität vorhanden. So kam es, daß wiederholt ganze Korps plötzlich und auf mehrere Tage ohne jede brauchbare Kommunikation im Rücken dastanden; man braucht gar nicht Militär zu sein, um die Folgen zu ermessen.

Daß all das physische Elend schließlich auch dem moralischen Niedergang die Wege ebnete, kann nicht wundernehmen. Man darf nicht vergessen, daß die Armee nicht mehr die alte war, sondern schon ein mehr weniger improvisierter „Armeeersatz“. Die mit den Marschformationen neu einlangenden Ersätze konnten zudem meist gar nicht an ihre zuständigen Truppenkörper geleitet und eingereiht, sondern mußten, wie sie kamen, als selbständige taktische Einheiten eingesetzt werden, was sich natürlich nicht bewährte, aber der taktischen Lage nach nicht zu vermeiden war. Und mit diesen Marschformationen kam auch, und das ist das Verhängnisvollste, zuerst der Defaitismus und die politische Unverläßlichkeit gewisser Hinterlandsschichten in die Front. Zu allererst bei den Tschechen; es war noch im Karpathenwinter, als das Prager Hausregiment Nr. 28 sich „ohne einen Schuß von einem feindlichen Bataillon aus der Stellung abholen ließ“. Auch bei rumänischen Truppen wurden verräterische Umtriebe bemerkbar; es ist erwiesen, daß siebenbürgische Popen den einrückenden Rekruten den Eid abgenommen hatten, bei erster Gelegenheit zum Feinde überzugehen. Parallel damit lief die intensivste Propagandatätigkeit des Gegners. Es ist nicht zu leugnen, daß die Russen es besser hatten. Ihre bedeutend größere Zahl ermöglichte häufige Ablösung und Retablierung; auch waren sie besser verpflegt und bekleidet, ihre Intendanz funktionierte tadellos .... und die weitgehenden Hoffnungen, die man unsererseits auf ihre in früheren Zeiten bewährte Korruption gesetzt hatte, erfüllten sich ganz und gar nicht. Die gesamte eingeborene Bauernbevölkerung stand, durch eine ebenso geschickte wie umfassende Propaganda gewonnen, fast einmütig auf russischer Seite und leistete das äußerste in Spionage. Eine Ausnahme bildeten nur die Juden: sie spionierten gleichmäßig für beide Teile . .,

Vgl. Beilage 3 von Bd. I.

Für unsere Truppen aber, soweit sie wirklich verläßlich waren, und das war der weitaus größte Teil, wurde dieses andauernde Umgebensein von Verrat und Spionage schließlich unerträglich, steigerte die Panikstimmung der Mannschaft wie die Nervosität der Kommandanten und untergrub den letzten Rest von Vertrauen in die Zukunft.“

Die Anstrengungen der 3. Armee zur Wiedergewinnung des Raumes bei Mezölaborcz hatten am 15. Februar nur zu einem vereinzelten Angriffe des VII. Korps geführt, der aber ohne Erfolg geblieben war (S. 153). Das Armeekmdo. versprach sich von dem Eingreifen der 21. SchD. einen günstigen Einfluß auf die Kampfhandlung. Am 18. erzielte diese Division beim Dorfe Szukó sowie östlich von der Laborcza nennenswerten Raumgewinn. Ebenso ging der rechte Flügel des VII. Korps vor. Damit war aber auch diesem Angriffe eine Grenze gezogen. Vom nächsten Tage an hatte die Schützendivision den errungenen Boden in harten Kämpfen gegen die Anstürme der Russen zu behaupten.

Da jeder Angriffsversuch des VII. Korps an den heftigen Gegenstößen des Feindes scheiterte, fragte Erzherzog Joseph am 20. das Armeekmdo., ob die Offensive ohne Rücksicht auf Verluste fortzuführen oder bis zu dem nahe bevorstehenden Eintreffen der Ersätze aufzuschieben sei. In letzterem Falle gedenke er, seine Front vom Feinde abzusetzen und den Großteil seiner völlig erschöpften Truppen endlich wieder unter Dach zu bringen. GdI. Boroević mußte der Loslösung des Korps zustimmen, womit das Schicksal dieses ganzen Angriffsversuches besiegelt war. Die Verfügung war nicht imbegründet; denn auch das XVII. Korps war nach geringem Raumgewinn in die Verteidigung gefallen und das späterer Schilderung vorbehaltene Eingreifen des Südflügels der 4. Armee (Skizzen 9 und 12) verlief gleichfalls nicht nach Wunsch. Außerdem erheischte die bevorstehende Offensive der 2. Armee Maßnahmen, die mit der Fortführung des jetzigen Unternehmens schwerlich in Einklang zu bringen gewesen wären; denn jetzt mußte der rechte Flügel der 3. Armee verstärkt werden. Boroević entnahm daher dem Verbände des XVII. Korps die 45. SchD. und verfügte ihre Verschiebung nach Osten.

Wie erinnerlich, war die von der 4. Armee westlich von Gładyszów bereitgestellte Angriffsgruppe des FML. Králiček zur doppelten Umfassung der Jasionkahöhe bestimmt (S. 152), rechts die 13. SchD., links die halbe 26.SchD. Der 13.SchD. hatte sich der linke Flügel des III. Korps anzuschließen, dessen Kommandant, GdI. Colerus, mit der einheitlichen Leitung des Vorstoßes betraut worden war. Die Vorrückung wurde befehlsgemäß am 17. Februar angetreten. Nach einigen Rückschlägen am Nordflügel umspannten tags darauf die vordersten Linien die Jasionkahöhe II    12 von Westen und Südwesten, während die der 26. SchD. aufgetragene Umfassung von Norden her gegenüber den Anstürmen der sich immer mehr verstärkenden Russen nicht zum Ziele führte. Die Frage, ob die über die allgemeine Front vorgeprellten Angriffstruppen, deren Kampfkraft für den letzten entscheidenden Stoß nicht mehr ausreichte, in ihrer vorgeschobenen Lage zu belassen oder zurückzubeordern wären, beschäftigte die Befehlsstellen in Kaschau, Okocim und Teschen während mehrerer Tage. Schließlich verfügte das AOK. am 22., daß die ganze Gruppe, deren offener rechter Flügel von den Russen leicht aufgerollt werden konnte, in die Ausgangsräume zurückzunehmen sei, wobei es für die Heeresleitung auch maßgebend war, die 13. SchD. für den Abtransport zur 2. Armee freizubekommen. Ohne Zwischenfall vollzog sich in der Nacht auf den 23. die Loslösung der Gruppe vom Feinde; bei dieser Gelegenheit wurden wenigstens die inneren Flügel der beiden Armeen in eine lückenlose Verbindung gebracht.

In Teschen glaubte man in diesen Tagen, daß die Russen beabsichtigten, im Weichselbogen auf den großen linksufrigen Brückenkopf, der die Stromübergänge bei Warschau und Iwangorod deckte, zurückzugehen und daß dann auch Dimitriew bis an die Wisłoka ausweichen werde. Die an der Front der 4. und der 1. Armee sowie gegenüber der Armeeabteilung Woyrsch vom Feinde entfaltete demonstrative Tätigkeit bestärkte die k. u. k. Heeresleitung in ihren Vermutungen. Es erschien dann notwendig, daß die Erzherzogsarmee ungesäumt den abziehenden Russen Dimitriews nachdringe. Auch diese Erwägung hatte mitgewirkt, den Kampf um die Jasionka aufzugeben. Dem 4. Armeekmdo. wurde befohlen, für den bevorstehenden großen Angriff starke Kräfte im Raume südlich und westlich von Tarnów zu versammeln. Sollte es zu dieser Offensive jedoch nicht kommen, dann würden die bereitgestellten Verbände in die Karpathen abtransportiert werden. In Okocim wußte man sich jedoch einem mindestens gleich starken Feinde gegenüber und beurteilte die Aussichten auf den Erfolg recht skeptisch.

Auf die Nachricht, daß die russische 32. ID. aus der Front Dimitriews gezogen werde, hatte der Erzherzog einen Vorstoß gegen die feindlichen Linien angeordnet (S. 166). Am 18. Februar, einen Tag später als die Aktion gegen die Jasionka begonnen hatte, bemächtigte sich die 3. ID. der gegenüberliegenden Vorstellung und setzte zum Angriffe auf die Hauptwiderstandslinie an; auch der linke Flügel der benachbarten 15. ID. befand sich in erfolgreichem Vorschreiten. Die Heeresleitung hatte sich aber gerade um diese Zeit zu einer weiteren Schwächung der 4. Armee

zugunsten Pflanzer-Baltins entschließen müssen, um das Gelingen des Unternehmens gegen Dolina sicherzustellen (S. 170). Zuerst dachte man an den Abtransport des XIV. Korps. Da sich der Erzherzog von diesem Korps, an dessen Spitze er in den Krieg gezogen war, nicht gerne trennen wollte, wurde seinem Standpunkte Rechnung getragen und das AOK. griff auf das XI. Korps (15. und 30. ID.). Hiedurch war Joseph Ferdinand aber gezwungen, die 3. und die 15. ID. in die alten Stellungen zurückzurufen. Im Vorfelde der Erzherzogsarmee ging es überhaupt in diesen Tagen und nicht nur auf dem Südflügel lebhaft zu. Nördlich vom Kampffelde der vorerwähnten beiden Divisionen stieß das 4. KJR. mit glänzendem Erfolge vor; südlich davon holten sich die gegen die 51. (früher komb. HID. Kornhaber) und die 39. HID. vorgehenden Russen blutige Köpfe. Endlich erstürmte die 12. ID. am 24. die Friedhofhöhe westlich von Gorlice, worauf sie, einem Gegenangriffe des Feindes geschickt ausweichend, mit einem halben Tausend Gefangenen und etlichen Maschinengewehren wieder in die alte Stellung zurückkehrte. Der Verlauf aller dieser Erkundungskämpfe festigte in Okocim die Überzeugung, daß der Russe an keinen Rückzug denke. Der Abtransport des XI. Korps, dessen Stellungen zum Teile von der auf Befehl des AOK. zugeführten 106.LstlD. der 1. Armee übernommen wurden, und der 13. SchD. minderte überdies alle Angriffsaussichten.    ;

Die Heeresleitung zweifelte jedoch nicht, daß die Russen aus Westgalizien abzuziehen gedächten, und wies daher die 2. und die 3.Armee an, in diesem Falle rasch zuzugreifen, während der Erzherzog mit zusammengefaßter Kraft südlich von der Chaussee Tarnów—Pilzno nachstoßen sollte. Wirklich meldeten am 21.Februar dasXIV.unddas VI.Korps, daß ein Abbau der feindlichen Front bevorstehe. Das 4. Armeekmdo. gab hierauf einen Verfolgungsbefehl aus.

Sicherlich verstanden es die Russen trefflich, ihre Maßnahmen zu verschleiern und die gegnerische Führung trotz abgehorchter Funksprüche im Dunkeln tappen zu lassen. Es trat wieder die große Schwierigkeit zu Tage, den richtigen Zeitpunkt zur Verfolgung eines etwa abziehenden Feindes zu finden. Auf der ganzen Front anzugreifen, sonst ein probates Mittel, war im Stellungskriege ohne besondere Vorkehrungen nicht empfehlenswert; denn improvisierte Stirnangriffe kosteten nach allen bisherigen Erfahrungen viel Blut. Im Winter 1915 war das Verfahren noch unbekannt, sich durch Sturmtrupps (in Verbindung mit zusammengefaßter Artillerie- und Minenwerferwirkung, Vergasen der feindlichen Batteriestellungen usw.) Einblick in die feindlichen Schützengräben zu verschaffen.

Zweiter Versuch zur Offensive über die Karpathen

Vorbereitungen, der 2. und der 3.Armee für den neuerlichen Vorstoß über das Gebirge

Hiezu Beilage 7 sowie Skizze 8

Die Heeresleitung führte der nunmehr für den Hauptschlag bestimmten Armee Böhm-Ermolli allmählich an Verstärkungen zu: von der bisherigen 2. Armee in Westpolen die 27., die 32. und die 31. ID. und von der 4. Armee die 41. HID., die Masse der 38. HID. und die 13.SchD., somit einschließlich der 9. ID. fast sieben Divisionen, während zu annähernd gleicher Zeit die Armeegruppe Pflanzer-Baltin einen Zuschub von drei Infanterie- und zwei Kavalleriedivisionen erhielt.

Das 2. Armeekmdo. begann seine Wirksamkeit unter außerordentlich schwierigen Verhältnissen. Alle Korpsführer — mit Ausnahme Szurmays

— meldeten, daß ihre Truppen nach mehr als dreiwöchigem Ringen gänzlich erschöpft seien. Der Mangel an Gebirgsartillerie machte sich empfindlich fühlbar. Viele fahrende Batterien standen, da ihnen die Ausrüstung für den Gebirgstransport fehlte, unverwendet hinter der Front, so daß die Infanterie auf den schwer zugänglichen Höhen fast ohne die Unterstützung durch ihre Schwesterwaffe zu kämpfen hatte.

Vor der Wiederaufnahme der Offensive mußte vor allem die aufgelockerte Armeefront, deren Verbände bittere Not an Feuergewehren litten, wieder gefestigt werden. GdK. Böhm-Ermolli mußte aber auch die Möglichkeit ins Auge fassen, daß ein heftiger Anfall der Russen die Mitte und den linken Flügel seiner Armee ins Rückwärtsgleiten bringe. Er schob daher die Spitzenstaffeln der 27.ID. und der 41.HID. aus den Ausladeräumen als Rückhalt zur Sperrung der wichtigsten Einbruchswege vor. Überdies wurde beim AOK. beantragt, noch vor den Verstärkungsdivisionen lieber die Ersätze heranzuführen, um den Weiterbestand der in vorderer Linie befindlichen, an äußerst schwachen Ständen leidenden Armeekörper überhaupt zu gewährleisten.

Für den 16. Februar befahl der Armeeführer, daß das V. und das

XVIII. Korps ihre verlorenen Stellungsteile wiedergewinnen, Szurmay und das XIX. Korps sich behaupten sollten.

Die im Armeehauptquartier zu Ungvár für die Durchführung des erteilten Auftrages (S. 150) angestellten Erwägungen hatten am 19. Februar feste Form angenommen; an diesem Tage wurde der Operationsplan in

Teschen vorgelegt. GdK. Böhm-Ermolli beabsichtigte, die Offensive mit seiner Hauptkraft beiderseits der Straße Cisna—Baligród gegen Lisko zu führen. Unter dem Befehle des GdK. Tersztyánszky sollte hiezu ein festgefügter 12 km breiter Stoßkeil von 50.000 Feuergewehren vorgetrieben werden. Da das V., das XVIII. und das XIX. Korps als Zuschubslinie nur über die einzige Straße Takcsány—Cisna verfügten, war es dringend geboten, sich vor allem den Verkehr auf der Kleinbahn Łupków—Cisna wieder zu sichern. Im Einklänge mit der 3. Armee, der die Aufgabe zufiel, sich des Raumes um Mezölaborcz zu bemächtigen, hatte daher der linke Flügel des XIX. Korps vierundzwanzig Stunden vor dem Beginn des Hauptangriffes über Łupków bis an die Sehne der großen Bahnkurve vorzustoßen. Das 2. Armeekmdo. begründete die für die Offensive gewählte Richtung eingehend. Als Vorteil wurde die Raschheit der Ausführung hervorgehoben. Ohne zur Überwindung natürlicher Hindernisse gezwungen zu sein, schlage man den kürzesten Weg gegen die feindlichen Verbindungen im San- und Strwiąztale ein; der rechte Flügel Tersz-tyánszkys finde einigermaßen gesicherte Anlehnung an der Solinka, während sich der linke durch Besitznahme der Höhenlinie Dzial—Sulita in der Flanke Schutz verschaffen könne. Fast sämtliche Kräfte der Stoßgruppe seien bereits in den Ausgangsräumen und man bleibe auf die einzige fahrbare Straße basiert. Dabei verschloß sich das 2. Armeekmdo. durchaus nicht den gewichtigen Nachteilen, die man hiebei in Kauf zu nehmen hatte. Diese Offensive bedeutete einen rein frontalen Vorstoß, der deshalb begrenzt war, weil auf jeden Zusammenhang mit der Südarmee sowie mit der Armeegruppe Pflanzer-Baltin verzichtet werden mußte. Auch entsprach die beabsichtigte Richtung dem Befehle des AOK. nicht völlig, das den Ostflügel Böhm-Ermollis auf Stary Sambor angesetzt wissen wollte. Indes stoße, führte das Armeekmdo. weiter aus, jeder Angriff zwischen dem XVIII. Korps und der Gruppe Szurmay auf den hochange sch wollenen San und auf zusammenhängende, wandartige Rücken, auf geradezu ideale Abwehrstellungen für die Russen, die über Turka am raschesten Verstärkungen heranbringen konnten. Die Sicherung der Flanken würde zu erheblich größerer Kräfteverausgabung zwingen und endlich wäre man auf die einzige, nur zur Not fahrbare Verbindung über Smolnik angewiesen.

In Ungvár täuschte man sich sonach über die großen Schwierigkeiten nicht, die sich der anbefohlenen Offensive, unabhängig von der Wahl der Stoßrichtung, entgegenstellten. Das Armeekmdo. unterließ es auch nicht, in Teschen auf die weitaus günstigeren Aussichten aufmerksam zu machen, die sich einer kräftigen Fortsetzung der Offensive Pflanzer-Baltins darboten und legte der Heeresleitung sogar nahe, die 32. und die 31. ID. der Armeegruppe zuzuführen. Der an das AOK. erstattete Bericht schloß mit dem Satze: „Das Armeekmdo. bittet, die Überwindung würdigen zu wollen, die diese Darlegung erforderte.“

Von Einfluß auf diesen Operationsplan dürfte auch ein am 18. geführtes Ferngespräch zwischen dem GM. Metzger und dem Armeegeneralstabschef gewesen sein. Metzger äußerte, das AOK. wolle zwar nicht drängen, aber die Lebensdauer der Fectung Przemyśl erfordere baldigen Entsatz, man möge auf die 31. ID. nicht warten; die Division könne als Armeereserve verwendet werden.

Der Armeegeneralstabschef Oberst Dr. Bardolff erwiderte, der Beginn der Offensive sei vom Erfolge des Stoßes auf Łupków abhängig. Den Angriff der Hauptkraft der 2. Armee weiter östlich anzusetzen, empfehle sich auch deswegen nicht, weil mit dem Vorwärtskommen der Südarmee nicht zu rechnen sei. Ein Stirnangriff bei Turka sei außerordentlich schwierig.

Das AOK. war einverstanden und forderte nur eine Verbreiterung des Angriffes, dem sich auch die Mitte und der rechte Flügel des XVIII. und womöglich auch das V. Korps anzuschließen hatten. Eine Abgabe der 31. und der 32. ID. komme nicht in Betracht, weil der östliche Heeresflügel bereits Verstärkungen erhalte. Ohne eine Offensive der 2. Armee auf Lisko—Ustrzyki Dl., die insbesondere die Lage von Przemyśl erheische, würde sich der Feind mit ganzer Kraft gegen die Südarmee und gegen die Armeegruppe Pflanzer-Baltin wenden.

Ursprünglich war der Stoß über Łupków schon für den 19. geplant, somit zu einer Zeit, da die 3. Armee ihre Offensive auf Mezölaborcz noch nicht eingestellt hatte. Da aber die Hauptkraft des X. Korps befehlsgemäß westlich von der Laborcza geballt war und daher auf dem entgegengesetzten Flügel mit ausreichenden Kräften vorerst nicht mitzuwirken vermochte, mußte dieser Auftakt des großen Unternehmens auf den 22. Februar verschoben werden. Auch diese Änderung (des Termins wurde nicht eingehalten. Diesmal aus anderen Gründen. Im Meinungsaustausche mit dem 2. Armeekmdo. erklärte Boroević am 20., er halte die Aussichten auf Erreichung des Angriffszieles Mezölaborcz für „minimal“. In Ungvár fragte man sich, welchem Zwecke der Stoß auf Łupków dann überhaupt dienen sollte, da die Benützung der Schienenstrecke nach Cisna für den Nachschub ohne den Besitz von Mezölaborcz ausgeschlossen war. Unter solchen Umständen erwärmte sich das 2. Armeekmdo. begreiflicherweise für die ganze Offensive noch weniger. Dazu regnete es ohne Unterlaß; das Hochwasser zerstörte Brücken und Stege, die Wege wurden grundlos. Insbesondere erwies sich aber die nach Cisna führende Straße, die Lebensader der Armee, kaum mehr passierbar. Für den großen Zweck, so dachte das Armeekmdo., sei es besser, günstigere Witterung abzuwarten und die bereitgestellten Kräfte bis dahin aufzusparen.

Anders das AOK. Dort kreisten alle Gedanken um die Not der eingeschlossenen Festung Przemyśl, deren Befreiung nicht hinausgeschoben werden durfte. Die Heeresleitung griff ein und bezeichnete den Stirnangriff auf Łupków als nicht unbedingt nötig. Schlüge der linke Flügel der

2. Armee mit einer starken Gruppe die Richtung Nordwesten über die Chryszczata gegen die Bahnstrecke nördlich von Łupków ein, so würden die an der Bahnkurve haltenden Russen infolge der Rückenbedrohung zum Abzüge gezwungen sein. Da jetzt vom 3. Armeekmdo. die uneingeschränkte Zusage kräftiger Mitwirkung einlangte, sträubte man sich in Ungvár schon mit Rücksicht auf die Rettung Przemyśls nicht länger. Die beiden Armeeführer vereinbarten den Beginn der Aktion ihrer inneren Flügel für den 26.Februar; bis dahin hoffte GdI. Boroević seine 45. SchD. (S. 177) nach Osten verschoben zu haben. Am folgenden Tage sollte Tersz-tyánszkys Stoßkeil in Bewegung gesetzt und dessen Wirkung ehestens durch einen Ausfall der gesamten mobilen Kräfte der Festung Przemyśl unterstützt werden. Der Westflügel der Gruppe Szurmay, weiters das V. Korps und der Ostflügel des XVIII. hatten schon am 25., nach späterer Festsetzung am 26., mit Scheinangriffen zu beginnen.

GdI. Boroević wies am 23. den Truppen seiner Armee folgende Angriffsrichtungen : der 24. ID. gegen Vidrány und Mezölaborcz, wobei ihre rechte Flügelgruppe im engsten Einklänge mit der linken Flügeldivision (34. ID.) der 2. Armee gegen Łupków vorzugehen hatte, dem FML. Krautwald (2. ID., 21. SchD. und die am 25. abends hinter dem linken Flügel der Gruppe erwartete 45. SchD.) beiderseits des Laborczatales mit der Hauptkraft gegen Laborczfö, endlich dem Erzherzog Joseph über Havaj gegen Mikó. GdI. Křitek (11. ID. und Gruppe GM. Berndt) und das III. Korps sollten ihre Stellungen halten.

Als aber das 2. Armeekmdo. am Abende des 24. gerade die letzten Befehle ausgegeben hatte, stemmten sich plötzlich neue, außerhalb menschlichen Ermessens liegende Hindernisse der Ausführung der gefaßten Beschlüsse entgegen. Regen und Tauwetter hatten die Nachschubstraße zwischen Takcsány und der ungarisch-galizischen Grenze gänzlich unbrauchbar gemacht. Pferde, Fuhrwerke und Geschütze versanken im tiefen

Schlamm. Die Schlagader der 2. Armee versagte somit ihren Dienst. Der Leiter der Ausbesserungsarbeiten beantragte die sofortige Einstellung des gesamten Verkehres auf mindestens achtundvierzig Stunden. Diese schlimme Kommunikationskrise schien den Beginn der Offensive um einige Tage zu verzögern. Eine halbe Stunde vor Mitternacht trug der Draht die abändernde Botschaft von Ungvár nach allen Richtungen.

Die Heeresleitung sah sich durch diese Nachricht bitter enttäuscht. Aber Conrad wollte sich auch vor elementaren Gewalten nicht beugen. Er ließ das 2. Armeekmdo. wissen, daß der Aufschub möglichst abgekürzt, die unentbehrliche Bahn über Mezölaborcz wieder zurückgewonnen und vor allem der russische Einschließungsring bei Przemyśl bis zum 12. März gesprengt werden müsse. Sonst gäbe die Untätigkeit der Karpathenfront, in der ganzen Ausdehnung von westlich Wyszków an, dem Feinde volle Freiheit, sich auf die siegreich vordringende, jetzt aber schon gegen eine Übermacht fechtende Armeegruppe Pflanzer-Baltin zu stürzen. Deren rechtzeitige Unterstützung sei aber durch die wenig leistungsfähige Bahn über Körösmezö gehemmt. „Nur auf dem Wege über den Feind kann die Krise gelöst werden.“

Mit vorbildlicher Tatkraft war das 2. Armeekmdo. bemüht, das lebenswichtige Straßenstück fahrbar zu machen; in größter Eile wurden nebst den militärischen Arbeitskräften noch 7000 Zivilarbeiter aufgeboten, so daß mit der Wiederaufnahme des Verkehres für den Abend des 27. gerechnet werden konnte. Trotz der geschilderten Erschwernisse wurde es daher möglich, die nur um vierundzwanzig Stunden verzögerte Offensive an diesem Tage mit dem Angriffe auf Łupków zu beginnen (Skizze 8).

Noch bedarf es der Erklärung, warum von den sechseinhalb zugeschobenen Divisionen viereinhalb vor Angriffsbeginn verausgabt werden mußten und warum eine so arge Vermengung der Verbände entstanden war. Die weit gespannte Front war eben unaufhörlich in wechselvolle Kämpfe verwickelt, wobei die innegehabten Gebirgsstellungen als Rahmen für den gesicherten Ansatz der geplanten Offensive unbedingt festgehalten werden mußten. Da gab es stets verschiedene Gebrechen im Zuge der eigenen Linien zu heilen oder Stellungsberichtigungen vorzunehmen, was den Verbrauch zahlreicher Kräfte bedingte.

Am äußersten rechten Flügel hatte die als Verbindungsglied zwischen der 2. und der Südarmee kämpfende 3. GID. am 22. eine vorgeschobene Stellung auf der Klewa eingebüßt. Um die Front hier zu festigen, setzte das 2. Armeekmdo. durch, daß die Hauptkraft der 38. HID. nicht, wie es ursprünglich vorgesehen war, auf der nach Uzsok führenden Bahnlinie, sondern über Munkács herangebracht wurde. Von den Ausladeorten in Fußmärschen in die Gegend bei Libuchora an den rechten Flügel Szurmays gezogen, übernahmen die Spitzenabteilungen der Honvéddivi-sion den linken Flügelabschnitt der 3. GID. vor der Klewa. Alsbald kämpften vier Bataillone im Verbände der Südarmee12). Der Rest der Division wurde am 23. dem FML. Szurmay unterstellt. Damit war die 38. HID. verausgabt und auch zerstückelt. Die Absicht des 2. Armeekmdos., den verstärkten Ostflügel Szurmays zum Durchbruch der russischen Front über die Klewa vorstoßen zu lassen, mußte aufgegeben werden, weil der Gruppenführer noch einen zweiten und wichtigeren Auftrag hatte: seinen linken Flügel zu verlängern und Reserven hinter diesem bereitzustellen; denn zwischen dem beiderseits von den Russen umklammerten V. Korps und seinem rechten wie auch seinem linken Nachbar waren Lücken (S. 154) entstanden, in die der Feind einzudringen sich anschickte. Die Lage beim V. Korps zwang das 2. Armeekmdo., den Verband der 27. ID. zu zerreißen und eine Brigade als Rückhalt hinter diese Lücken, die Hauptkraft aber gegen Cisna zu leiten. Das XVIII. Korps hatte mit Hilfe der Hauptkraft der 9.ID. (S. 154) am 16. die Höhe Stoly erstürmt und sich bis zum 20. soweit vorgekämpft, daß der Zusammenhang mit dem V. Korps wieder hergestellt war. Dagegen drohte der Russe abermals mit dem Durchbruche zwischen diesem Korps und der Gruppe Szurmay. Nach Ablösung durch die Spitzenbrigade der 31. ID. erhielt die Brigade der 27. ID. den Befehl, zu ihrem Gros einzurücken. Beim XIX. Korps entriß der Feind der 29. ID. am 17. einen Stellungsteil, der jedoch am 19. zurückgewonnen wurde. Um diesen Abschnitt für den bevorstehenden eigenen Angriff zu festigen, mußte hier die 41. HID. eingesetzt werden.

So war es gegen den Wunsch der Armeeführung notgedrungen zu vorzeitiger Einstellung frischer Divisionen in die Front und zur Vermischung der Verbände gekommen. Wie nötig diese Stützung aber auch im Hinblick auf die geminderten Truppenstärken war, beweist die Tatsiche, daß in der Zeit vom 4. bis zum 17. Februar 196 Offiziere und 10.095 Mann des XVIII. und des XIX. Korps die Front krank oder verwundet verlassen hatten.

Unter diesen erschwerenden Umständen vollzog sich bis zum Abende des 26. Februar die Bereitstellung der Angriffsstaffel Tersztyánszkys, die aus dem in unaufhörlicher Umgruppierung begriffenen XIX. Korps und dem Korps FML. Schmidt v. Georgenegg bestand. Die 41. HID. hatte schon an diesem Tage erhebliche Fortschritte im Angriffe gegen die Maguryczne gemacht.

Bei der 3. Armee war das X. Korps ununterbrochen in Abwehrkämpfe verstrickt und auch das III. und das XVII. hatten russische Vorstöße abzuweisen gehabt. Die 45. SchD., die ursprünglich mit der Bahn von Bartfeld in das Laborczatal gefahren werden sollte, traf, zu Fuß weitergesendet, erst am 26. mit der Spitzenbrigade hinter dem linken Flügel Krautwalds ein, wodurch sich das Antreten dieser Gruppe verzögerte.

Bei Schneegestöber und dichtem Nebel begann am 27. Februar die Offensive mit dem Vorstoß der inneren Flügel der Armeen Böhm-Ermolli und Boroević auf Łupków.

Die Vorgänge an den Flügeln der verbündeten Heere

bis zum 22. März

Die Kämpfe Pflanzer-Baltins gegen die anwachsende Übermacht

der Russen

(27. Februar bis 22. März)

Hiezu Skizzen 11, 14, 15 und 16

Um die gleiche Zeit, als die Armee Böhm-Ermolli zu ihrem Schlage gegen Norden ausholte, vollzog sich bei der Armeegruppe Pflanzer-Baltin ein Umschwung, der ihrem Siegeszuge Einhalt gebot.

In diesen Tagen wechselten die Russen ihren Chiffreschlüssel, wodurch das bewährte Mittel, sich über ihre Pläne zu unterrichten, das Auffangen ihrer Funksprüche, für eine geraume Weile versagte. Erst als die Entzifferung in Teschen gelungen war, warf eine in der Nacht auf den 27. von dort nach Delatyn übermittelte russische Depesche wieder Licht auf die Absichten Brussilows. Aus den abgehorchten Anordnungen des Generals ließ sich auch das Mißgeschick des k. u. k. XIII. Korps erklären (S. 174), da sich diesem gegenüber überlegene feindliche Kräfte versammelt hatten. Bis zur Übernahme des Befehles über die 9. Armee durch Let-schitzki am 27. Februar leitete Brussilow die Abwehr auf dem linken

Heeresflügel der Russen In offensiver Weise. Er verfügte für diesen Tag den allgemeinen Angriff der über Stryj—Dolina und über Halicz herangeführten Verstärkungen in der Richtung auf Nadworna—Delatyn, um die Armeegruppe Pflanzer-Baltin von den Karpathen abzuschneiden und, wie er sich ausdrückte, „zu fangen und zu vernichten“. Unter Gen. Sacharow, dem Führer des XI. Korps, sollten das XVII. Korps (3. und 35. ID.) sowie die von Anbeginn hier fechtenden Teile des XXX. zum Hauptstoß von Westen gegen Bohorodczany, südlich davon das XI. Korps mit der 32. ID. gegen Sołotwina vorgehen, während dessen 11. ID. als Reserve zu folgen und zur Deckung der rechten Flanke die Täler der Łomnica und der Bystrzyca Sołotwińska mit je einem Regiment zu sperren hatte. Das links vom XVII. Korps bei Kałusz und nördlich davon befindliche II. Kavalleriekorps erhielt Befehl, mit einer Gruppe das Korps Rhemen in der Nordflanke zu überfallen und mit seiner Hauptkraft in Flanke und Rücken des Korps Czibulka zu wirken. Die über Stanislau zurückgedrängten Teile des XXX. Korps wurden angewiesen, im Einklänge mit dem Reiterkorps neuerlich anzugreifen. Endlich hatte die von Niżniów vertriebene, auch zum XXX. Korps gehörige Gruppe den Dniester wieder zu überschreiten und gegen Tyśmienica vorzudringen. Die Bedächtigkeit der russischen Angriffsvorbereitungen brachte es mit sich, daß diese Befehle am 27. noch nicht recht wirksam wurden.

GdK. Pflanzer-Baltin gab indes die Hoffnung nicht auf, gegen Dolina durchstoßen zu können. Er wollte südlich von Kałusz aus der 5. HKD. und der 10. KD., sowie Teilen der 5. und später auch aus der 36. ID. eine Mittelgruppe unter dem Befehl des GdK. Marschall bilden, der augenblicklich ohne Kommando war. Marschall hatte sodann das gegenüberstehende russische II. Kavalleriekorps zu schlagen, gegen Dolina—Bole-chów vorzugehen, die Eisenbahn zwischen Stryj und Dolina sowie alle gegen Stryj heranführenden Schienenstränge zu unterbrechen und überhaupt gegen die Verbindungen der Russen zu wirken. Dem sonach erheblich geschwächten Korps Czibulka wurde befohlen, sich mit der Gruppe Benigni nördlich von Stanislau zu behaupten, Lilienhoff sollte einen Dniesterübergang der Russen bei Niżniów verhindern, während auf dem entgegengesetzten Flügel das hart mitgenommene Korps Rhemen, unterstützt von Teilen der 5. ID., die Łomnicalinie zu halten und sich mit seinem Nordflügel dem Angriffe Marschalls anzuschließen hatte.

Die Versammlung der Gruppe Marschall verzögerte sich und gedieh während des 27. nicht weit. Immerhin wendete das Vorgehen einzelner Abteilungen über Wistowa gegen Kałusz die Gefahr für den Nordflügel des XIII. Korps ab; dieses und die zur Stelle befindlichen Kräfte Marschalls vermochten sich an der Łomnica zu behaupten. Dagegen wurde Benigni nördlich von Stanislau vom Feinde heftig angepackt und sein rechter Flügel nach hin und her wogendem Kampfe zum Ausweichen gezwungen. Überdies keilte sich eine russische Kolonne, die bei Medynia die Łomnica überschritten hatte, in die Nahtstelle der Fronten Czibulkas und Marschalls ein und brach am 28. in der Richtung auf Stanislau durch. An diesem Tage gestaltete sich daher die Lage schon recht kritisch1). Wohl vereitelte Lilienhoff feindliche Versuche, den Dniester unterhalb von Niżniów zu überschreiten; doch wurde Benigni, der sich nicht nur der von Norden anstürmenden Russen erwehrt, sondern auch mit Hilfe von Verstärkungen seinen rechten Flügel wieder vorgebracht hatte, jetzt in Flanke und Rücken bedroht. Marschall, selbst frontal angegriffen, vermochte dem bedrängten Nachbar nicht beizustehen.

Trotzdem auf dem Südflügel der Armeegruppe die geschwächte 6.ID. abermals zurückgeworfen wurde, beschloß Pflanzer-Baltin, an der Bystrzyca südlich von Jezupol, dann im Norden von Stanislau und an der Łomnica oberhalb von Wistowa so lange Widerstand zu leisten, bis ihn das Eintreffen der heiß ersehnten Verstärkungen zur Wiederaufnahme der Offensive befähigen mochte. Schon langte die Spitzenstaffel des XI.Korps2) inDelatyn ein; dann kam die deutsche 5.KD. heran und endlich hatte die Heeresleitung noch die 6. KD. der 4. Armee nach Ó Radna und Borgo Prund gewiesen3).

Am l.März steigerte sich die Krise durch die Fortsetzung des russischen Angriffes um ein Beträchtliches. Der Feind drängte die auf dem rechten Flügel des XIII. Korps fechtenden Truppen der 5. ID. gegen Osten zurück, worauf auch die anstoßenden Teile der Front Marschalls, dem jetzt das Ostkorps und überdies die 10. KD. und die 5. HKD. sowie

!) Bei der 36. ID. vollbrachte Hptm. Georg Petričevič des IR. 16 am 28. Februar eine glänzende Waffentat, die ihm das Ritterkreuz des Militär-Maria Theresien-Ordens einbrachte. Die Russen hatten sein Regiment bei Sielec (westlich von Jezupol) gänzlich eingekreist. Petričevič stieß mit einer Handvoll Leuten vor und befreite seinen Truppenkörper aus der mißlichen Lage, wobei er auch zehn schon verloren gegangene Geschütze zurückeroberte. Dann übernahm er den Befehl über die bei Sielec befindlichen Teile seines Regiments, warf die weit überlegenen Russen aus dem Orte heraus und behauptete das Dorf gegen alle Versuche der Russen, es wiederzugewinnen.

2)    Das XI. Korps bestand aus der 30. und der 15. ID.; in den Verband der 30.ID. gehörten die 16. IBrig. und die 88. KSchBrig. Die 60. IBrig. war bei der 4. Armee zurückgeblieben und trat zur 106. LstlD.

3)    Vgl. für Ó Radna die Übersichtskarte; Borgo Prund, Bahnstation sw. davon.

Teile der 16. IBrig. (Spitzenbrigade des XI. Korps) unterstellt waren, rasch zu weichen begannen. Eine Lücke von etwa 8 km Breite sprang auf, in die sich einzelne russische Trupps, allerdings nur zaghaft, hineinschoben. Unter diesen bedrohlichen Umständen ließ GdK. Pflanzer-Baltin vier Feldjägerbataillone der 16. IBrig. auf Lastautos und leeren Ver-pflegsfuhrwerken nach Bohorodczany fahren, zog auch Teile der Gruppe Lilienhoff heran und hoffte, mit diesem Kräfteeinschub der Lage an den inneren Flügeln Marschalls und Rhemens Herr zu werden.

Bis zum Morgen des 2. März war hier das Ärgste abgewendet. In den nächsten Stunden gestaltete sich jedoch der Abwehrkampf des XIII.Korps recht ungünstig. Die 42. HID., bei Krasna durchbrochen, gab Raum und GdI. Rhemen mußte den Rückzug seiner Truppen an die Bystrzyca Sołotwińska anordnen *), wodurch auch der rechte Nachbar mitgerissen wurde (Skizze 14). Nunmehr war eine gegen Nord west gerichtete Front entstanden, die ihren rechten Flügel der Aufrollung durch den Feind geradezu darbot und unhaltbar war. Pflanzer-Baltin nahm daher, rasch entschlossen, seine Linien unter Festhaltung des als Pivot dienenden westlichen Flügels in der Nacht auf den 3. gegen Süden zurück. Ohne von den Russen gestört zu werden, gelangten die Truppen in eine schon vorher eiligst technisch verstärkte Stellung, deren Verlauf ebenso wie die neue Kräfteverteilung aus Skizze 15 zu ersehen ist.

So hatte es die russische Führung zuwegegebracht, die dem Ostflügel ihres Heeres drohende Umfassung in elfter Stunde abzuwehren. Ohne Rücksicht darauf, daß ein rasches Vordringen Pflanzer-Baltins den der deutschen Südarmee gegenüberstehenden Truppen eine Katastrophe bereiten konnte, hatte sie kein Zurückweichen dieses Frontstückes gestattet und die allmählich herankommenden Teile der 9. Armee zur Offensive in südöstlicher Richtung eingesetzt, mit dem Zwecke, die k. u. k. Armeegruppe von den Karpathen abzudrängen. Die wuchtigen Angriffe der Russen gegen den linken Flügel durchkreuzten im letzten Augenblicke das von Pflanzer-Baltin so glücklich angebahnte Hilfsunternehmen für Linsingen. Der sich zusehends verstärkende Feind wäre aber auch in der Lage gewesen, die im Mündungswinkel der Łomnica fechtenden Teile der Armeegruppe bei Stanislau und über Niżniów einzukreisen (Skizze 14). Der Scharfblick des Armeegruppenführers und die Schwerfälligkeit russischer Heeresbewegungen sorgten dafür, daß dem vorgebeugt wurde. Immerhin würde manches anders gekommen sein, wenn Pflanzer-Baltin rechtzeitig, etwa spätestens am 20. Februar, über genügende Kräfte verL) Die 6. ID. zählte nur 2000, die 42. HID. noch 4500 Feuergewehre.

fügt hätte, seine Hand auf Dolina zu legen, ehe sich die russischen Massen vor die halbgeöffnete Pforte schoben. Brach hierauf Linsingen aus den aufgeriegelten Gebirgstälern zur gemeinsamen Vorrückung mit dem rechten Nachbar hervor, während die 2., die 3. und die 4. Armee den Feind kräftig anpackten, so hätte Przemyśl durch eine solche einheitliche Kriegshandlung vielleicht doch noch gerettet werden können.

An Versuchen, den rechten Heeresflügel in Schwung zu bringen, fehlte es bekanntlich nicht. Der Generalstabschef der Armeegruppe hatte dem Kmdo. der Südarmee am 27. Februar nahegelegt, die deutsche 4. ID. über Huszt und in Fußmärschen durch das Taracz- und Lomnica-tal nach Jasień an den linken Flügel Pflanzer-Baltins zu dirigieren. Diesem Vorschlag hielt jedoch Linsingen entgegen, daß die Division erst am 9. März, also reichlich spät, nach Jasień gelangen konnte. Auch die Anregung der k. u. k. Heeresleitung, eine Kampfgruppe von Linsingens rechtem Flügel über Osmoloda nach Jasień zu entsenden, ließ sich nicht verwirklichen, da bei dem schweren Ringen der 19. ID. um den Besitz des Wyszkówsattels nicht ein Gewehr entbehrt werden konnte.

Aber GdK. Pflanzer-Baltin fühlte sich in seinem Angriffsdrange um so weniger gelähmt, als der Feind den abziehenden Truppen Czibul-kas nicht folgte, weshalb diese Gruppe am 4. in die Flanke der mit dem XIII. Korps fechtenden Russen stoßen sollte. Doch der Zustand der erschöpften Mannschaft verhinderte die Ausführung dieser Absicht.

Schon am 5. war die ganze 30. ID. des anrollenden XI. Korps zur Stützung des linken Flügels verfügbar; sie löste die 42. HID. ab, in der Pflanzer-Baltin nunmehr eine Reserve gewann. Während der folgenden Tage kämpften GM. Lilienhoff und die 10. KD. bei Tłumacz und hielten den Feind in Schach. Als am 6. ein aufgefangener Funkspruch besagte, daß das russische II. Kavalleriekorps beauftragt sei, nach Osten auszugreifen und sich der Stadt Kolomea zu bemächtigen, wurde ein bei Obertyn unter dem Befehle Marschalls zu versammelndes Kavalleriekorps (10. KD., 5. HKD., deutsche 5. KD. und Gruppe Lilienhoff) beordert, gegen Tłumacz vorzudringen. Noch am gleichen Tage warfen die Bataillone Lilienhoffs und die Schwadronen der 10. KD. den Feind gegen diesen Ort zurück.

Die Armeegruppe stand nunmehr mit nur 28.000 Feuergewehren der doppelten, an Reiterei dreifachen Überlegenheit der Russen gegenüber. Dieses Kräfteverhältnis veranlaßte Pflanzer-Baltin, das AOK. um rasche Heranbeförderung der zweiten Division des XI. Korps, der 15. ID., zu bitten. Die 6. KD. wollte er über Kuty—Wiznitz heranziehen. Es war

aber nun unmöglich geworden, die bisherige Kräfteverteilung, die auf den Vorstoß gegen Dolina eingestellt war, beizubehalten, weil sich die Russen anschickten, den rechten Flügel seiner Hauptkraft mit Übermacht anzufallen und dessen Standfestigkeit darüber entschied, ob sich die Armeegruppe vorwärts der Enge von Delatyn werde behaupten können. Auch diese Aufgabe wollte Pflanzer-Baltin in offensivem Sinne lösen.

Die einzelnen Staffeln der 15. ID. wurden über Delatyn und Kolomea in der Richtung auf Ottynia weitergefahren. Nach gelungener Beschleunigung der Spitzentransporte, im allgemeinen aber doch nach erheblicher Verzögerung wegen der zweischneidigen Maßnahme des „Echellon-transportes“, wurde die Division am rechten Flügel der Armeegruppe eingesetzt. Während der wechselvollen Kämpfe, die in der Zeit vom 6. bis zum 10. März tobten, hielten sich die Parteien so ziemlich die Waage. Czibulkas linker Flügel erzielte am 9. erheblichen Raumgewinn, ebenso glückte tags darauf der 5. ID. ein Vorstoß. Die Russen griffen zu allen erdenklichen Mitteln der Kriegführung. So kündigten sie plötzlich durch einen Parlamentär die Absicht an, 1500 jüdische Familien gegen die öst.-ung. Linien abzuschieben, ein Ansinnen, das begreiflicherweise vom Armeegruppenkmdo. abgelehnt wurde.

Am 10. und 11. wütete ein Schneesturm. Große Schneeverwehungen verhinderten zunächst die Ausführung der auf beiden Seiten gehegten Angriffspläne. Am 13. stürzte sich der Russe jedoch mit vier Kavalleriedivisionen und einer Schützenbrigade auf Marschall und warf ihn zurück. Schon setzte aber Czibulka zum Gegenangriff an, der tags darauf die vom Feinde am rechten Flügel geschlagene Einbeulung glättete. Von allen Seiten führte Pflanzer-Baltin Verstärkungen an die bedrohten Stellen, zum Teil auf Lastautos, zum Teil auf der Bahn über Delatyn. Unter großen Verlusten brach schließlich der Angriff der Russen zusammen. Nichtsdestoweniger stürmte der Feind am 17. und 18. wieder auf der ganzen Front, besonders gegen Ottynia, los; seine Vorstöße konnten aber, abgesehen von der 10. KD., die etwas Boden verlor, überall zurückgewiesen werden. Endlich trat nach elf tägigem Ringen am 18. nachmittags eine Kampfpause ein, die Pflanzer-Baltin zum Ordnen der Verbände benützte. Es wurden vier Gruppen gebildet: GdK. Marschall (19. HKBrig., aus der stark gelichteten 5. HKD. formiert, 10. KD. und deutsche 5. KD.), FML. Czibulka (36. ID., komb. IBrig. Obst. Wos-sala und 15. ID.), GdI. Rhemen (5. und 6. ID., als Korpsreserve die 16. IBrig. der 30. ID.) und die 42. HID. als Armeegruppenreserve. Der • Verband der 54. ID. wurde aufgelöst.

Jetzt erforderte aber der Schutz der Ostflanke und des Rückens der Armeegruppe im Raume zwischen Dniester und Pruth besondere Maßnahmen, um so mehr, als sich der Feind in den letzten Tagen bei Zaleszczyki und Czernowitz wieder rühriger zeigte. Bisher war diese Aufgabe zwei Detachements übertragen, dem des Obstlt. Papp in Czernowitz, wo am 16. ein russischer Vorstoß abgewiesen worden war, und dem des Obstlt. Békési bei Horodenka; jetzt trat auclji die 6. KD. hinzu, die bereits am 19. gegen Osten vorstieß und die Russen aus Kotzman vertrieb. Um in dieser Gegend Luft zu schaffen, erhielt FZM. Ljubičič, der Kommandant des XI. Korps, den Befehl zur Wegnahme des Brückenkopfes Zaleszczyki, wofür ihm der Armeegruppenführer die vorgenannten Verbände unterstellte und am 20. noch die 88. KSchBrig. samt dem Kmdo. der 30. ID. mit der Bahn zuführen ließ. Pflanzer-Baltin drängte auf rasche Zertrümmerung dieser russischen Ausfallspforte, weshalb der Führer der 30. ID., FML. Kaiser, am 22. gegen Zaleszczyki loszugehen hatte, obgleich die für das Unternehmen bestimmten Truppen nicht vollständig zur Stelle waren. Während an diesem Tage nur einige wichtige Punkte im Vorfeld des Brückenkopfes genommen werden konnten, wurden die Russen von der 6. KD. im Einklänge mit dem über den Pruth vorgebrochenen Detachement Papp zum Rückzug in östlicher Richtung gezwungen.

Das wechselvolle Ringen der Südarmee (27. Februar bis 23. März)

Hiezu Skizzen 14 und 16

Unablässig setzte die deutsche Südarmee ihre Bemühungen fort, der Armeegruppe Pflanzer-Baltin durch Eroberung des Wyszkówsattels auf dem kürzesten Wege die Hand zu reichen. Hier war das XXIV. RKorps am 27. und 28. Februar aufs neue vorgegangen und erzielte am 1. März mit beiden umfassenden Flügeln Fortschritte, aber jede Bewegung auf den tiefverschneiten Bergen war zu einer für die Führung unerträglichen Langsamkeit verurteilt, die dem Russen immer Zeit zu Gegenmaßnahmen ließ. Hofmann unterstützte den Nachbar durch gleichzeitiges Vorgehen mit gutem Erfolge, weiter links vermochte jedoch die deutsche 1. ID. nicht vorwärts zu kommen. Vom 2. März an sollte eine kurze Erholungspause eingeschaltet werden. Doch schon tags darauf mahnte die Heeresleitung, die Armee habe mit aller Energie vorzudringen und den Raum • Dolina—Stryj—Synowódsko zu erreichen, um dann entweder über Drohobycz gegen Sambor oder zur Unterstützung des rechten Nachbarn,

unter Umständen aber mit dem Westflügel umfassend gegen Turka einzugreifen. Unter den obwaltenden Verhältnissen mußte dies in Munkács wie ferne Zukunftsmusik klingen. Linsingen berichtete nach Teschen, daß er am 7. März wieder angreifen werde und bat abermals, ihm die nördlich von den Karpathen fechtenden, an Pflanzer-Baltin abgetretenen Teile der Südarmee zu unterstellen. Indes antwortete die Heeresleitung am S., der Armeegruppe sei es trotz des Einsatzes der 5. ID. und der 10. KD. bisher nicht gelungen, der Südarmee, die seit sechs Wochen nicht durchzudringen vermöge, den Weg durch das Gebirge zu öffnen, weil die Russen ansehnliche Verstärkungen erhalten hatten. Die beantragte Unterstellung sei ausgeschlossen. Nach dem Einsatz der deutschen 4. ID. habe das Kmdo. der Südarmee den für den 7. beabsichtigten Angriff mit aller Energie zu führen und mit der Westgruppe auf Skole durchzudringen. Der Ostflügel Szurmays werde sich diesem Angriffe in der Richtung auf Świdnik (am Stryjfluß) anschließen.

In Munkács hielt man aber die Richtung auf Skole, die über den schwer bezwingbaren Zwinin führte, für weniger günstig und setzte die deutsche 4. ID. rechts neben der Gruppe Hofmann ein, um die russischen Linien an dieser Stelle zu durchbrechen. Übrigens hätte Szurmay gar nicht mitwirken können, weil er auftragsgemäß mit dem entgegengesetzten Flügel anzugreifen hatte (S. 183); für die von der 3. GID. gewünschte Übernahme eines Frontstückes waren deshalb keine Truppen mehr übrig. Linsingen hatte seine Streitkräfte nunmehr in drei Korps gegliedert: XXIV. RKorps (GdI. v. Gerok), Hofmann, zu dem noch die deutsche 4. ID. trat, und komb. Korps (deutsche 1. ID. und 3. GID.).

Beim XXIV. RKorps blieb der Kampf im Gange, doch zwangen russische Gegenstöße die 19. ID., am 6. weit nach Osten auszuweichen; weder die Swica- noch die Beskidklause konnten genommen werden, so daß hier die Dinge schlechter standen als vor dem 19. Februar. Dagegen drang der linke Flügel des Korps an diesem Tage etwas vor und auch Hofmann beteiligte sich an diesen Kämpfen.

Bei 23° Kälte und dichtem Nebel schritt die Armee am 7. zum entscheidenden Angriff, der beim XXIV. RKorps vor den vollbesetzten feindlichen Schneedeckungen sofort zum Stehen kam. In den Tagen bis zum 18. vermochte sich der linke Flügel Geroks wieder etwas vorzuarbeiten und das gewonnene Gelände gegenüber wütenden Anstürmen der Russen zu behaupten. Die deutsche 4. ID. warf die Russen wohl bei Beginn der Vorrückung eine Strecke zurück, doch verzeichnete das Korps Hofmann in den folgenden Tagen nur mäßige Fortschritte; bald mußte II    13 es sich im stehenden Kampfe damit begnügen, feindliche Vorstöße abzuweisen. Als ärgster Feind erwies sich der tiefe Schnee. Am 9. März mußten zwei Kompagnien buchstäblich aus dem weißen Grabe geschaufelt werden. Beim komb. Korps wurde die deutsche 1. ID. genötigt, die kaum eroberte russische Hauptstellung wieder zu räumen; die 3. GID. kämpfte sich gegen den höchsten Punkt des Zwinin vor. Am 10. bemächtigte sich die Division Conta (l.ID.) des mittleren Zwininrückens und drang weiter gegen Osten vor. Um diesen Erfolg auszubauen, schickte ihr Linsingen eine Brigade der 4. ID. des Korps Hofmann zu Hilfe, die am 14. eintraf. GLt. v. Conta entschloß sich jetzt aber, gegen die schier uneinnehmbare Hauptstellung auf dem Zwinin mit der Sappe vorzugehen.

Der allgemeine Angriff sollte nunmehr erst am 20. fortgeführt werden; bis dahin galt es, die unaufhörlichen Gegenstöße der Russen abzuwehren. Gleichviel, ob nun diese neuerliche Offensive, wie Gerok vorschlug, durch eine östlich vom Swicatale weit ausholende Umfassung des feindlichen Ostflügels oder, wie Hofmann meinte, mit einem Durchbruche gegen Tuchla einnzuleiten sei, beide Führer hielten den Zuschub von Verstärkungen für unerläßlich. Linsingen änderte seine bisherige Ansicht nicht und berichtete am 18. an Kaiser Wilhelm, daß ihm den Austritt aus dem Gebirge nur starke Kräfte erkämpfen könnten, die entlang des Nordhanges der Karpathen Vordringen würden. Im gleichen Sinne lautete Linsingens schriftlicher Antrag vom 23. März an die k.u.k. Heeresleitung. Der Armeeführer schlug vor, die Südarmee, mit Ausnahme einer durch frische öst.-ung. Verbände zu unterstützenden Gruppe Hofmann, über Delatyn und Kimpolung hinter dem rechten Flügel Pflanzer-Baltins zu versammeln und durch ein k. u. k. Korps der 2. oder der

3. Armee sowie ein deutsches Korps zu verstärken. Mit diesen Kräften samt der ihm zu unterstellenden Armeegruppe Pflanzer-Baltin wollte Linsingen die Flanke des russischen Heeres in Ostgalizien angreifen. Wie noch zu schildern sein wird, hatte jedoch Iwanow bereits seine starke Offensive gegen Böhm-Ermolli und Boroević begonnen, als dieser Bericht in Teschen einlangte. In den mittleren Karpathen lag jetzt die Entscheidung.

Als die Südarmee dessenungeachtet am 20. März von neuem zum allgemeinen Angriff vorgeführt wurde, aber nirgends einen Erfolg erzwang, hielt Linsingen dafür, daß die Angriffskraft der verbündeten Truppen für weitere Anstrengungen nicht mehr ausreichte 1). Dies traf doch nicht ganz zu.

!) Von Mitte März an betrug der tägliche Krankenabgang 400 bis 700 Mann. Vom 11. bis 23. März fielen 6760 Kranke ab (R e i c h s a r c h i v, Manuskript).

Plötzlich schlug die Witterung um. Die weiten Schneefelder erglänzten im Sonnenlicht und die klare Luft begünstigte die Schußbeobachtung der Artillerie. So brachte denn die Fortsetzung des Unternehmens am 22. wenigstens eine Reihe örtlicher Erfolge. Das XXIV. RKorps erstritt beiderseits der Wyszkówer Straße, im Anschlüsse daran Hofmanns rechter Flügel, ein ansehnliches Stück Boden. Die 19. ID. drang sogar in die feindliche Hauptstellung ein und nahm zahlreiche Russen gefangen. Auch das komb. Korps, über das am 23. der bayerische GdI. Gf. v. Bothmer den Befehl übernahm, kam gut vorwärts (Skizze 16).

Die Vorgänge an der Front nördlich der Weichsel bis zum 22. März Hiezu Skizzen 7 und 17

Während das Ringen in den Karpathen und an den Grenzen Ostpreußens andauerte, bildeten die im Weichselbogen stehenden Streitkräfte für Freund und Feind das Reservoir zur Verstärkung wichtiger Frontteile. Seitdem die deutsche 9. Armee die Offensive Hindenburgs gegen den Niemen um die Monatswende Jänner-Februar durch ihre Vorstöße unterstützt hatte, wobei Woyrsch und Dankl durch Angriffsdrohungen mitwirkten, war es in Westpolen zu keinen entscheidenden Kampfhandlungen gekommen. Die Russen bemühten sich bloß, durch erhöhte Tätigkeit im Vorfelde ihrer Stellungen das Herausziehen einzelner Armeekörper zu verschleiern.

Am 3. März erfuhr Conrad durch den deutschen bevollmächtigten General Cramon, daß die 9. Armee am 5. mit einem Durchbruche der russischen Front knapp nördlich der Pilica beginnen werde; Woyrsch sei, obgleich der k. u. k. Heeresleitung unterstellt, bereits angewiesen, den Feind durch einen Angriff auf Łopuszno an Kräfteverschiebungen zu hindern.

Die deutsche 9. Armee schlug eine starke Einbeulung in den Zug der feindlichen Linien. Auf dem Nordflügel der Armee Woyrsch hatte GdI. Kövess nach dem Abgehen Böhm-Ermollis den Befehl über die zurückbleibenden Teile der 2. Armee übernommen. Er verlängerte seinen linken Flügel zur Ablösung der deutschen Besatzung im Brückenköpfe von Inowlodz und verfügte auch den Einsatz der 7. KD. nördlich von der Pilica1), alles, um Kräfte des Nachbarn freizumachen. Das deutsche LKorps nahm die russischen Vorstellungen bei Łopuszno, vermochte aber

1) Die 7. KD. gelangte am 21. März wieder hinter die Front der Armeegruppe Kövess.

nicht, sich der Hauptstellung zu bemächtigen. Die Division Bredow und die 1. Armee unterstützten den Angriff Mackensens durch wirksame Scheinunternehmen. Der Russe wurde um seine polnische Front besorgt und zögerte, weitere Kräfte auf das rechte Weichselufer abzuziehen, wo inzwischen heftige Kämpfe entbrannt waren. Die Offensive Alexejews bedrohte am 5. die Mitte der deutschen 8. Armee mit dem Durchbruche, so daß der deutsche Angriff auf Ossowiec abgebrochen werden mußte. Aber schon rüstete sich Gallwitz zum Gegenschlag und erschien am 9. wieder vor Przasnysz, während sich der rechte Flügel der deutschen 8. Armee von neuem gegen Ostrołęka vorschob. Die russische Überlegenheit war jedoch zu bedeutend, als daß man gegen den Narew hätte Vordringen können. Hindenburg zog daher seine Armeen gegen die ostpreußische Grenze zurück.

Die letzten An strengungen zum Entsätze von Przemyśl

Lagebeurteilung in 'Gesehen nach dem Ergebnis der ersten Angriffe der 2. und der 3. Armee Hiezu Beilage 8 sowie Skizze 8 Nach dem Willen der Heeresleitung sollte in diesem Feldzugsabschnitt die Entscheidung gegen Rußland in den mittleren Karpathen fallen, wo die 2. und die 3. Armee zu einem"großen Schlage ausholten. Ungleich der Wucht späterer mächtiger Offensivunternehmungen, die in günstiger Jahreszeit stattfanden und zum mindesten im ersten Ausholen einen raumgreifenden Erfolg erzielten, entbrannte das schicksalhafte Ringen auf dem Gebirgswalle unter schweren Hemmungen. Nur langsam bahnten sich die entkräfteten Mannschaften den Pfad durch den tiefen Schnee.

Die vom GdK. Tersztyánszky befehligte Hauptangriffsgruppe war mit ihren 52.000 Feuergewehren den etwa 37.000 gegenüberstehenden Russen der Zahl nach überlegen, doch die artilleristische Unterstützung beiläufig durch sechs Rohre auf den Kilometer blieb bei der im Gebirge an und für sich verminderten Wirkungsmöglichkeit und der wegen unsichtiger Witterung in hohem Grade erschwerten Schußbeobachtung weit hinter den Wünschen der vorgehenden Infanterie zurück.

Wie schon erwähnt (S. 181), hatte der Stoß des XIX.Korps über Łupków dem Angriffe gegen Baligród um vierundzwanzig Stunden voranzugehen. Der 27. Februar brachte diesem Korps nur einen bescheidenen Raumgewinn, den die 41. HID. am Vortage durch ihr entschlossenes Vorgehen gegen die Maguryczne angebahnt hatte. Jedoch entsprachen auch in den beiden nächsten Tagen die vom XIX. Korps erzielten Fortschritte nicht annähernd den Erwartungen der Führung, die mit dem Besitz der Chryszczata, des Raumes bei Łupków und der Maguryczne gerechnet hatte, wodurch die Westflanke der beiderseits der Baligróder Straße vorgehenden Stoßgruppe gedeckt gewesen wäre. FML. Schmidt-Georgen-egg, der dort mit der 27. und der 32. ID. sowie mit Teilen der 43. SchD. gegen Norden vordrang, kam trotz vollen Einsatzes der beiden Heeresdivisionen nur eine kurze Strecke vorwärts. Östlich von der Solinka wandte sich das XVIII. Korps schon am 27. mit seinem Gros gegen Tworylne am San und nahm dem Feinde einige Vorstellungen ab. Das V. Korps beabsichtigte, den Fluß bei Chmiel zu forcieren; bis zum 1. März abends war der Brückenschlag bis zur Mitte des Wasserlaufes gediehen.

Bei der 3. Armee wirkte die äußerste rechte Flügelgruppe der 24. ID. seit dem 27. mit dem XIX. Korps in der Richtung auf Łupków zusammen, blieb aber bald vor den starken russischen Stellungen liegen. Am 28. begann auch bei Boroević der allgemeine Angriff. Die Masse des X. Korps, nunmehr durch die 45. SchD. verstärkt (S. 183), drang mit dieser und Teilen der 21. SchD. sowie im Einklang mit der 20. HID. des VII. Korps entschlossen gegen die Russen vor. In schwankenden und verlustreichen Kämpfen, häufig zur Abwehr von Gegenstößen des Feindes genötigt, vermochte der Ostflügel der 3. Armee bis zum Abend des

1.    März wenigstens die gegenüberstehenden Russen zu binden, ohne sie freilich aus ihren Bergstellungen werfen zu können.

GdK. Böhm-Ermolli beschloß, den Angriff Tersztyánszkys gegen Baligród durch die ungesäumte Zuführung frischer Kräfte der 13. SchD., dann der 31. ID., zu nähren. Zur Schaffung einer neuen Armeereserve wurde Szurmay angewiesen, die aus der Front gelöste 66. IBrig. bis zum

2.    hinter das V.Korps nach Ustrzyki Grn. zu verschieben. Weiters kündigte das AOK. den Antransport der 14.ID. der 1. Armee an. Diese, am 27. Februar aus der Front der 1. Armee gezogen, begann am 4. März mit dem Abtransport auf der Karl Ludwig-Bahn und wurde mit der Hauptkraft nach Homonna—Takcsány, mit Teilen nach N.- und Kis Berezna geleitet.

Der Beginn der Offensive berechtigte sonach keineswegs zu großen Hoffnungen. In einem Ferngespräch, das am 1. März zwischen GM. Metzger und dem Chef der Generalstabsabteilung des 4. Armeekmdos., Oberst Paić, geführt wurde, spiegelte sich die Lagebeurteilung der Heeresleitung am klarsten wider. Der General teilte mit: der äußerste rechte Heeresflügel, die Armeegruppe Pflanzer-Baltin, auf den Strang

einer wenig leistungsfähigen Gebirgsbahn angewiesen, könne nur allmählich verstärkt werden, so daß die Armeegruppe keinesfalls rechtzeitig für die Operation der 2. Armee gegen Przemyśl wirksam werde. Die Südarmee habe bis jetzt keinen nennenswerten Raumgewinn erzielt, vielleicht werde ihr der demnächst bevorstehende Einsatz der deutschen

4. ID. neuen Antrieb verleihen. Doch sei auch von dem rechten Flügel der 2. Armee kein ausgiebiger Fortschritt zu erwarten, denn dort stünden Szurmays drei Divisionen beiderseits der Straße nach Turka den von Natur aus starken und von den Russen befestigten Rückenlinien gegenüber; dagegen hoffe man auf das Gelingen der Offensive der starken Angriffsstaffel Tersztyánszkys über Lisko—Ustrzyki Dl. gegen Przemyśl. Ebenso könnten der rechte Flügel und die Mitte der 3. Armee vielleicht gegen Sanok—Rymanów Vordringen. Hierauf skizzierte Metzger das nicht ungünstige Kräfteverhältnis, wonach den einundzwanzig Divisionen (120.000 Gewehren) der 2. und der 3. Armee bloß neun bis zwölf russische Divisionen gegenüberstünden.

Zur Herbeiführung eines durchschlagenden Erfolges entschloß sich das AOK., nunmehr auch die 100.000 Feuergewehre der 4. Armee zu einem West-Oststoße einzusetzen. Aber es waren die Aussichten für den Angriff der 2. und 3. Armee doch nicht allzu hoch zu veranschlagen, da infolge der ungünstigen Ausgangslage und des durch den Aufbau des Gebirges bedingten Zuges der Kommunikationen der Stoß der achtzehn Angriffsdivisionen gegen Norden schwer einheitlich zu gestalten war; nur eine Reihe großer taktischer Erfolge ließ einen Zusammenschluß dieser Kräfte am Nordhang des Gebirges erhoffen. Danach beurteilt, hätte die Verlegung des Schwergewichtes auf den Raum beiderseits der Turkastraße sicherlich günstigere Aussichten geboten. Die Gründe, warum das 2. Armeekmdo. davon ebenso absah wie von der durch das AOK. bevorzugten und durch Boroević im Jänner versuchten Offensive gegen den Raum bei Ustrzyki Dl., sind bereits erörtert worden (S. 181); vor allem zweifelte man in Ungvár daran, daß es der Südarmee gelingen werde, aus dem Gebirge vorzubrechen. Dies wäre aber die wichtigste Vorbedingung für die Wahl einer mehr nach Osten gelegenen Angriffsrichtung gewesen.

Der Angriff der 4. Armee (27. Februar bis 17. März)

Hiezu Skizzen 13 und 18

Beim 4. Armeekmdo. wartete man gespannt auf weitere Anzeichen, die auf Dimitriews Rückzug deuten konnten. Aber bei den Russen rührte sich nichts. Nach Ansicht Conrads sollte sich jedoch die 4. Armee unter allen Umständen der allgemeinen Offensive anschließen. Zuerst regte das AOK., wie schon früher einmal (S. 178), die Bildung einer starken Stoßgruppe im Bergland südlich von Tarnów an. Das 4. Armeekmdo. zog jedoch die Richtung auf Jasło vor, wo drei Divisionen angesetzt werden sollten, aber erst, wenn der Feind tatsächlich mit dem Abzüge begann. Indes baute es auf das Gelingen eines solchen Stirnangriffes nicht allzu fest und würde abermals bereit gewesen sein, Kräfte an PflanzerBaltin abzugeben. Dies wurde jedoch in Teschen abgelehnt, weil die Bahn über Máramaros-Sziget nur eine tägliche Leistungsfähigkeit von zwölf Zügen besaß, sich überdies ein Angriff dieses äußersten Ostflügels auf die Gesamtfront nicht rasch genug auswirken konnte.

Im Verlaufe der weiteren Besprechungen kehrte das 4. Armeekmdo. zu seinem früheren Vorschläge zurück: Stoß auf der Straße Gorlice— Jasło und südlich von ihr, Nebenangriff auf Staszkówka. Hiebei betonte Erzherzog Joseph Ferdinand seine pflichtmäßige Bereitwilligkeit zur Durchführung dieses Planes, unterließ es aber wieder nicht, auf die Schwierigkeit des Unternehmens und die voraussichtlich großen Opfer aufmerksam zu machen. Angesichts dieser Bedenken neigte die Heeresleitung zu einer Wiederholung des Februarunternehmens gegen Banica, da die Offensive der benachbarten achtzehn Divisionen gegen Norden „insolange wie eine Wagendeichsel aus der Front“ herausstoßen würde, als die Russen nicht aus dem Raume zwischen den inneren Flügeln der beiden Armeen herausgeworfen wären. Mit dem Fortschreiten der großen Operation würden sich die beiden Flanken immer mehr verlängern, bis der Stoß rettungslos versandete. Der Feind müsse daher aus der Gegend von Banica verjagt werden. Dies sei von den drei Divisionen auf dem Westflügel der 3. Armee, die hiezu frontal über die Ondava vorbrechen müßten, allein nicht zu leisten, weshalb die 4. Armee, diesmal mit drei Divisionen1), südlich von der Magóra vorzugehen hätte. Noch ein anderer Vorteil würde sich daraus ergeben. Wenn die Russen infolge der Offensive der 2. und der 3. Armee gegen Norden bis an die Beckenreihe Jasło—Krosno—Sanok zurückwichen, sei auch Dimitriew gezwungen, seinen Südflügel der Aufrollung durch die konzentrisch vorgehenden inneren Flügel der beiden Armeen zu entziehen und seine Front bis an die Wisłoka von Jasło bis zur Mündung zurückzunehmen. Wenn sich dann bereits stärkere Kräfte des Erzherzogs südlich von der Magóra

*) Bei der im Februar unternommenen, mißlungenen Aktion hatte die 4. Armee nur anderthalb Divisionen angesetzt.

befänden und auf Krosno ausgriffen, so würde die kaum gebildete russische Front aus den Angeln gehoben werden können. Dagegen träfe der vom 4. Armeekmdo. geplante Stirnangriff über Gorlice auf mehrere stark befestigte russische Stellungen und bliebe sicherlich noch vor Jasło stecken.

Das 4. Armeekmdo. beharrte jedoch auf seiner Anschauung. Für den Angriff über Banica benötige man vier Divisionen, um bis zur Straße bei Żmigród durchzudringen, die man weder verfügbar machen, noch in dieser Gegend versorgen könne. Auf das III. Korps sei nach den bisherigen Erfahrungen nicht zu zählen. Die Mitwirkung der Artillerie sei in diesem Gelände nicht in ausreichendem Maße möglich. Die Wiederholung des Stoßes würde auf die Unterführer und die Truppe den ungünstigsten Eindruck machen. Endlich habe die dort anzutreffende russische Reiterei den Ruf, im Fußgefechte viel standhafter zu sein als die feindliche Infanterie. Der Angriff über Gdrlice sei trotz aller taktischer Nachteile vorzuziehen; es könnten hiezu mehr Truppen verfügbar gemacht werden als für den Südflügel und die Artillerie, zumal die mittlere, vermöge hier ausgiebiger zu wirken.

Um einen Entschluß herbeizuführen, teilte das AOK. am 2. März nach Okocim mit, falls zur Durchführung eines Angriffes überhaupt kein rechtes Vertrauen bestehe, werde die 8. ID. abtransportiert werden. Darauf entschied sich das 4. Armeekmdo. für den Angriff über Gorlice. Dieser sei zwar schwierig und auf das Erreichen von Żmigród könne man bestenfalls erst nach Ablauf einer Woche rechnen; immerhin sei die Sache doch ins Werk zu setzen.

FML. Arz, mit der Leitung des Angriffes betraut, beabsichtigte, am 6. März mit der 12. ID., der halben 26. SchD., der 8.1) und der 10. ID. gegen Gorlice, mit der 39. und der 51. HID. gegen Staszkówka vorzugehen. Die Sicherung im Raume südlich der Magóra wurde der anderen halben 26. SchD. im Einklang mit dem linken Flügel der 3. Armee übertragen.

Wegen starken Schneetreibens wurde das Unternehmen verschoben, auf Befehl der ungeduldig gewordenen Heeresleitung aber für die Nacht auf den 8. in Aussicht genommen. Schlechte Witterung, so verlautete es aus Teschen, dürfe kein Hindernis sein. Der Angriff der 4. Armee war eben dringend geworden; die Lage erlaubte keine weitere Verzögerung.

Nach kräftiger Artillerievorbereitung begann am 7. bei Einbruch der Dunkelheit die Vorrückung der einzelnen Gefechtsgruppen (Skizze 18). Das Ergebnis des nächsten Tages bestand im wesentlichen darin, daß sich

L) Die 8. ID. (TKJR. 3 und 4, IR. 28 und FJB. 30) wurde aus dem nördlichen Armeeabschnitte zunächst in den Raum bei Grybów verschoben.

die 8. ID. mit großer Tapferkeit den Raum bei Sękowa erstritt, die 12. ID. in der Richtung gegen Gorlice erhebliche Fortschritte erzielte und auch die Gruppe Hadfy, obgleich sie am linken Flügel einen Rückschlag erlitt, gegen Staszkówka vordrang. Der Nordflügel der 4. Armee beschränkte sich dem starken Feinde gegenüber auf Scheinunternehmen. Aber die Offensive über Sękowa und gegen Gorlice konnte nicht in Schwung erhalten werden; abermals wurde die Tätigkeit der Truppen durch heftige Schneestürme gehemmt und zahlreiche Erfrierungsfälle lichteten die Reihen des Angreifers. Der Verlust vom 8. bis 11. März betrug etwa 6000 Mann.

Das 4. Armeekmdo. regte in Teschen an, die Fortführung des Angriffes bis zum Eintritte besserer Witterung zu verschieben; auch eine aus dem Abschnitte des FML. Roth herangezogene kombinierte Brigade treffe zur Verstärkung des FML. Arz erst am 15. westlich von Gorlice ein. Doch das AOK. forderte die Fortsetzung des Angriffes, da die in den Karpathen mit ungleich größeren Opfern schwer ringenden Armeen sonst nicht Raum gewinnen könnten. Solange man an der Karpathenfront „keine geschlossene Mauer“ vor sich gehabt hatte und hoffen durfte, dort „zügig“ vorwärts zu kommen, sei die Vernachlässigung der nach Osten gerichteten Frontteile (4., 1. und Armee Woyrsch) in weit höherem Maße möglich gewesen als jetzt, wo man nicht mehr in der Lage wäre, einen russischen Ost-Weststoß durch rasches Vordringen aus den Karpathen zu parieren. Der Angriff der 4. Armee habe den Zweck, größere Verschiebungen des Feindes zu verhindern. Wenn alles mitwirke, könne der Feind „zermürbt“ werden.

Da es mit dem Anstürmen offensichtlich nicht ging, richtete sich die

4. Armee auf ein planmäßiges Vorarbeiten ein. Leider hatte eine schwere Schlappe des tschechischen IR. 36 südlich von Sękowa auf die Stimmung des Angreifers ungünstig eingewirkt. Auch antworteten die Russen mit unaufhörlichen Gegenstößen, deren Gewalt aber an der Standhaftigkeit unserer Truppen zerbrach. So sollte nun, nach dem Einsätze der vorerwähnten kombinierten Brigade, am 17. versucht werden, bei Gorlice ein Loch zu schlagen.

Das Ringen der 2. und der 3. Armee auf seinem Höhepunkte

(2. bis 10. März)

Hiezu Beilage 8

Am 2. und 3. März erfolgte ein Gegenangriff von Brussilows VIII. und XII. Korps, der mit besonderer Heftigkeit gegen die öst.-ung. Linien heranbrandete und auch während der Nacht fortwütete. Trotzdem der Feind hiefür seine abgekämpften Verbände rasch durch frische ersetzt hatte, zerschellte der gegen die Armee Böhm-Ermolli beiderseits der Bali-gróder Straße gerichtete Vorstoß an der Abwehr durch die Truppen Tersztyánszkys. Bei der Armee Boroević wurden das X. und das VII.Korps von der Sturmflut erfaßt, doch setzten scharfe Gegenstöße der 45. SchD. und der 20. HID. dem Beginnen des Feindes feste Schranken. Bevor die Offensive fortgesetzt werden konnte, mußte aber das k.u.k. 3. Armeekmdo. am 4. eine Atempause einschalten, um die Verbände zu ordnen und für neue Anstrengungen vorzubereiten.

Am 3. rief die Heeresleitung alle Armeen auf, den Feind endlich aus West- und Mittelgalizien zu vertreiben und die Festung Przemyśl bis Mitte März zu entsetzen.

Aber Tersztyánszky vermochte trotz des Eingreifens der 13. SchD. am 4. und der 31. ID. am 6. sowie einzelner taktischer Erfolge gegen Baligród nicht entsprechend Raum zu gewinnen. Bei seiner Nordgruppe focht nunmehr rechts von der Baligróder Straße das Korps FML. Lütgendorf (31., 32. ID. und halbe 43. SchD.), links das Korps FML. Schmidt-Georgenegg (13. SchD. und 27. ID.).

Der rechte Flügel der 2. Armee sollte durch Scheinangriffe die Aufmerksamkeit des Feindes von der Richtung Baligród ablenken und ihn um dieSanlinie besorgt machen. So kämpfte sich das XVIII.Korps gegen den Fluß vor, wobei gelegentliche Rückschläge nicht ausgeblieben waren, die Tersztyánszky am 2. sogar genötigt hatten, seinen Flügel abzubiegen. Die vom V. Korps über die Brücke bei Chmiel auf das Nordufer geworfenen Abteilungen vermochten dort niemals festen Fuß zu fassen und auch die Unterstellung der Armeereserve (66. IBrig.) brachte in das verlustvolle Ringen keinen frischen Impuls; das Korps war nicht imstande, den langgestreckten Odrytrücken, das erstrebte Kampfziel, wieder zu gewinnen. Weiter oberhalb setzten sich am jenseitigen Sanufer einige Kompagnien des äußersten rechten Flügels des V. Korps und vom linken Flügel Szurmays fest.

Der 5. März brachte den hart mitgenommenen Truppen der 3. Armee schweres Unheil. Ein vom VII. Korps und dem linken Flügel des X. Korps angesetzter Angriff scheiterte unter großen Verlusten1), worauf Boroević weitere Vorstöße untersagte; seine Armee fiel in die Abwehr zurück.

Da dieser Entschluß den Ausgang des Gesamtunternehmens in Frage stellte, wandte sich das 2. Armeekmdo. um Abhilfe nach Teschen. Die

J) Das VII.Korps hatte seit dem 1. März 60 o/o des Gefechtsstandes eingebüßt.

Heeresleitung spornte nun am 6. abends alle Armeen zu unablässiger Fortführung der Karpathenschlacht an1): „Auf der ganzen Kampffront von der Weichsel bis nach Ostgalizien darf sich in diesen entscheidenden Tagen kein Frontteil auf rein passives Verhalten beschränken.“ Im besonderen wurde das 3. Armeekmdo. aufgefordert, nicht nur mit dem rechten Flügel anzugreifen, sondern den Feind auch an den anderen Frontabschnitten wenigstens durch Geschützfeuer und durch Vortreiben starker Detachements zu binden.

Oberst Veith schreibt über diese Kampftage:

„Am 1. März setzt Nebel und heftiges Schneetreiben ein, alle Orientierung schwindet, ganze Regimenter verirren sich, katastrophale Verluste sind die Folge. Am 6. März ein neuerlicher Wetterumschlag: klarer Himmel, bei Tag Tauwetter, bei Nacht Kälte bis zu —20 Grad; die Folge ist gänzliche Vereisung aller Hänge, die jeden Angriff auch ohne feindliche Gegenwirkung zu einer touristischen Höchstleistung macht. Und als dies glücklich bewirkt ist, bleibt auch wieder der Sonnenschein aus, der wenigstens in den Tagesstunden die Kämpfer etwas erwärmt hatte; ein eisiger Nordweststurm zieht die letzte Wärme aus Mark und Bein. Im ganzen Angriffsraum kein Quartier, kein Mann kommt durch Tage und Wochen aus den Kleidern, die bei den meisten längst hart anliegende Eispanzer bilden; der steinhart gefrorene Boden verhindert die Angreifenden, sich im feindlichen Feuer einzugraben, die Verluste steigern sich enorm. Die Verwundeten, deren Abschub aufs äußerste erschwert ist, gehen massenhaft elend zugrunde; der durch die wochenlangen Kämpfe und Entbehrungen erschöpfte Mann darf sich auch bei Nacht nicht dem Schlafe hingeben, der sofortigen Erfrierungstod bedeuten würde.....

Am 10. März bricht ein Schneesturm los, wie ihn anderswo nur die Gletscherregion kennt. Jede Vorrückung stockt, jeder Krankenabschub wird unmöglich, ganze Schwarmlinien deckt auf immer das weiße Tuch. Der vom Sturm blankgeschliffene Eisboden ist vollends ungangbar, jedes Eingraben ausgeschlossen; deckungslos und bewegungsunfähig steht die Infanterie vor den feindlichen Hindernissen, das Gros der Artillerie noch immer drei bis vier Märsche hinter der Front2)! Und die Truppe hat gehalten; trotz aller Meldungen ihrer Kommandanten, die seit Wochen die völlige Erschöpfung versichern, trotz aller inneren Verhetzungen und der sie rings umgebenden Spionage 3): trotz alldem hat sie in dieser Hölle durchgehalten.“

Mühsam drangen in den nächsten Tagen einzelne Angriffskeile weiter vor. Szurmays verstärkter linker Flügel kämpfte sich nördlich von der

x) In den letzten Tagen mehrten sich die Abgänge aus der Front in erschreckender Weise. Beim XIX.Korps der 2. Armee betrugen sie bis zum 5. März 5000 Mann; die 32. ID. war von 11.817 auf 5971 Feuergewehre zusammengeschmolzen.

2)    Die fahrenden Batterien, welche keine Ausrüstung für den Gebirgstransport besaßen, konnten nur in den Tälern und in unmittelbarer Nähe der wenigen Straßen Verwendung finden, ein großer Teil war daher nicht vorgezogen worden.

3)    Zu dieser Zeit tauchte vor der Front der 4. Armee ein von den Russen aus tschechischen Gefangenen und Überläufern gebildetes Nachrichtendetachement auf.

Bahn näher an die vom Feinde stark besetzten Höhen heran, doch kam das Vorgehen am 8. zum Stehen, worauf derGruppe das IR.76 der 14.ID.1) unterstellt wurde. Die Kämpfe der beiden links anschließenden Korps waren rein örtlicher Natur, doch gab am gleichen Tage der Feind dem Drucke des XVIII. Korps nach und räumte das westliche Sanufer.

Während die Nordgruppe Tersztyánszkys nur wenig Boden gewann, errang das XIX. Korps einen ausgesprochenen Erfolg. Am 8. eroberte die 41. HID. die Höhe Maguryczne und nahm den Russen eine große Zahl von Gefangenen ab. Da auch die 29. ID. den Feind zurückdrängte, konnte FML. Trollmann die Verfolgung einleiten, die am 9. bis hart an die Bahnkurve bei Łupków gedieh. Als die Honvéds tags darauf den Feind auch von der Chryszczata vertrieben 2), war die Flanke der Nordgruppe (Korps Lütgendorf und Korps Schmidt) für die Fortsetzung des Stoßes gegen Baligród vollkommen gesichert.

Inzwischen marschierte die Hauptkraft der 14. ID. über Cisna heran. Über ihre Verwendung, die sich später als folgenschwer erwies, gingen die Meinungen auseinander. Tersztyánszky wollte Trollmann verstärken, um den Erfolg des XIX. Korps durch die Fortsetzung des Stoßes auf Radoszyce auszubauen und damit seiner Nordgruppe mittelbar vorwärts zu helfen. Doch das 2. Armeekmdo. befahl den Einsatz der Division auf dem rechten Flügel Lütgendorfs, indem es am Leitgedanken der Operation festhielt. Noch war der Glaube an das Gelingen der Aktion auf Przemyśl nicht erschüttert, da man Lütgendorf und Schmidt-Georgenegg an Feuergewehren für doppelt so stark als die gegenüberliegenden Russen schätzte. Das Armeekmdo. verfehlte nicht, Tersztyánszky aufmerksam zu machen, daß bisher niemals eine ähnliche Überlegenheit an entscheidender Stelle bestanden habe. Da die Flügel der Stoßstaffel aber zurückhingen, fehlte dem Stirnangriff jedwede flankierende Unterstützung und ebenso eine ausreichende Mithilfe der Artillerie. Immer blieb der Verteidiger im Bunde mit den Naturgewalten der Stärkere. Und doch hing es nur an einem Faden und der Durchbruch der Stoßgruppe Tersztyánszky wäre gelungen, denn schon meldete der Führer des VIII. Russenkorps, er beabsichtige auf Sanok zu weichen. Da verbot ein scharfer Befehl Brussilows den erschütterten Truppen jeden Schritt rückwärts3).

!) Das Regiment gehörte zu jenen Teilen der 14. ID., die auf dem nach Uzsok führenden Schienenweg antransportiert wurden (vgl. auch S. 197).

2)    Schon am 7. hatte sich ein kleiner Trupp der 41. HID. der Chryszczata bemächtigt, konnte sich aber dort nur kurze Zeit behaupten.

3)    Broussilov, 110 ff.

Von einer Hilfeleistung der zusammengeschmolzenen und durch Fehlschläge erschütterten k. u. k. 3. Armee, der keine frischen Kräfte zugeführt werden konnten, war bei der 2. wenig zu spüren. Die russischen Führer trieben ihre Scharen mit größter Rücksichtslosigkeit und bei voller Mißachtung der furchtbaren Verluste, freilich ohne Nennenswertes zu erreichen, abermals gegen das X. und das VII. Korps vor. In der Abwehr erschöpften sich die Kräfte der öst.-ung. Divisionen. Wieder griff die Heeresleitung ein und forderte vom linken Flügel der Armee Boroević erhöhte Tätigkeit. Dort umspannten aber die dünnen Linien des XVII. und des III. Korps einen Raum von etwa 35 km Frontbreite; der Angriff über das Ondavatal gegen die starken und dichtbesetzten russischen Stellungen bot wenig Aussicht auf Erfolg. Übrigens deuteten die in Kaschau eingelaufenen Nachrichten auf eine angeblich am 10. beginnende großangelegte Offensive des Feindes gegen die k. u. k. 3. Armee. Man stellte sich daher auf die Verteidigung ein. Das X. Korps sammelte seine 2. ID. als Reserve im Laborczatale.

Gerade jetzt aber zog der Russe hier einzelne vorgeprellte Gefechtsgruppen in seine Hauptstellung zurück. Als Erklärung hiefür können die Weisungen Iwanows vom 7. März an den Führer der russischen 3. Armee gelten, wonach Dimitriew die Armee des Erzherzogs Joseph Ferdinand und den Westflügel der Armee Boroević mit einem Mindestmaß an Truppen festzuhalten, starke Kräfte jedoch im Raume Mezölaborcz—Łupków—Sanok zu einer Offensive auf Homonna zu versammeln hatte. Der Befehlshaber der russischen Südwestfront wollte „den Feind, der sich nach Przemyśl durchschlagen will, im Rücken bedrohen“1). Die rückgängigen Bewegungen der Russen vor der Front der k. u. k. 3. Armee, die man in Kaschau nicht zu deuten wußte, mögen diesen zunächst offenbar aufgeschobenen Angriff vorbereitet haben.

Der Massenstoß der k. u. k. 2. Armee hatte aber am 10. März seinen Höhepunkt erreicht (Beilage 8). Die vorderen Linien waren seit Beginn der Vorrückung nur um ein kleines Stück gegen Norden vorgedrungen.

Das etidgültige Scheitern des Entsatzversuches (11. bis 20. März)

*

Hiezu Beilage 8 sowie Skizze 18

In Teschen und Ungvár zerrte die Sorge um die eingeschlossene Festung, deren Lebenskraft im Erlöschen war, an den Nerven der Führer

*) B o n c z - B r u j e w i t s c h, I, 72.

und der Stäbe; wiederholt beförderte der Draht anspornende Befehle an Tersztyánszky. Da erschütterte der Feind am 11. März das Gebäude der öst.-ung. Offensive in seinen Grundfesten.

Brussilow besorgte nach dem ansehnlichen Raumgewinn des k. u. k. XIX. Korps gegen die Bahnkurve bei Łupków, daß das russische Frontstück gegenüber der Armee Boroević aufgerollt werden könnte. Daher stieß er am 11. kräftig gegen die in der Verfolgung begriffene 29. ID. vor und warf sie in ihre frühere Stellung zurück. Das gleiche Schicksal widerfuhr tags darauf der linken NachbaHivision(34.ID.). Nur die 41.HID. (2100 Feuergewehre) klammerte sich noch an den errungenen Boden.

Böhm-Ermolli beschloß, alle verfügbaren Reserven dem XIX. Korps zuzuführen, um einen Durchbruch des Feindes auf Wola Michowa zu verhindern, nach Festigung dieses Frontteiles aber die Operation auf Lisko fortzusetzen, obgleich Tersztyánszky die Erfolgsmöglichkeit nur noch als sehr gering bezeichnet hatte. Zur Herstellung der Lage ersuchte das

2. Armeekmdo. den Nachbar im Westen um Unterstützung, doch die rechte Flügeldivision der 3. Armee (24. ID.) hielt zwar den Grenzkamm fest, ließ auch ihre Artillerie gegen Łupków wirken, aber zu einem Entlastungsstoß fehlten ihr die Kräfte.

Trotz der Abgabe mehrerer Bataillone an Trollmann glückte es noch zuletzt der Nordgruppe Tersztyánszkys, dem Korps Schmidt-Georgenegg, nach heißen und erbitterten Kämpfen am 11. und 12. zwei vielumstrittene Punkte, das Dorf Rabe -und die Manilowahöhe, zu erobern x) und gegen, russische Gegenangriffe zu behaupten.

Nach dem Einsätze der 14. ID. übernahm ihr Führer, FML. Martiny, den Befehl über das rechte Flügelkorps Tersztyánszkys (14. ID. und Gros der 43. SchD.), doch konnten weder dieses noch das Korps Lütgendorf im Angriffe durchdringen. Beim XVIII. Korps wurden nur unbedeutende Geländevorteile erreicht, hingegen nahm das V. Korps seine über den San gelangten Abteilungen, die sich in nutzlosen Gefechten verbluteten, auf das linke Ufer zurück.

Auf dem Westflügel Szurmays stockte das Vorgehen; der Versuch, sich mit der Sappe vorzuarbeiten, scheiterte an dem hartgefrorenen Boden. So stimmte denn das 2. Armeekmdo. dem Antrage des Gruppenführers zu, die vor den russischen Linien festgebannten Truppen wieder in die alten Stellungen zurückzunehmen, dafür aber starke Reserven hinter dem

Im Kampfe um die Manilowa zeichnete sich das SchR. 24 besonders aus. Im österreichischen Bundesheeres feiert das Wiener IR. Nr. 3 den 12. März als Gedenktag dieser Waffentat.

linken Flügel bereitzustellen (IR. 76 und halbe 7. ID.), die der bedrohten Westgruppe Tersztyánszkys zugeführt werden sollten. Der Russe nützte die Lage aus und brach jetzt gegen die Mitte und den rechten Flügel Szurmays vor. Doch wehrte am 14. die 38. HID. einen ungestümen Anfall des Feindes ab, ging selbst zum Gegenangriffe über und warf die Russen zurück, die eine erkleckliche Anzahl von Gefangenen in den Händen der Angreifer ließen.

Die Gefechtsstände bei der Armeegruppe Tersztyánszky sanken beängstigend. Ihr Führer beabsichtigte nunmehr, an die Stelle des bisherigen Angriffsverfahren ein methodisches Vorarbeiten treten zu lassen. Weiters sollte sich die Nordgruppe links schieben und das Korps Schmidt, bei der neuerlichen Vorrückung entlang des Dzialrückens vordringend, den Hauptdruck auf den Feind ausüben. Ungeachtet der vom 2. Armeekmdo. geäußerten Bedenken, daß hiedurch, ganz abgesehen von dem entstehenden Zeitverluste, von der scharfen Nordrichtung abgewichen werde, bestand GdK. Tersztyánszky auf seiner Absicht, deren Durchführung auch bereits eingeleitet war.

Aber Brussilow durchkreuzte diese letzten, der Befreiung von Przemyśl geltenden Pläne. Am 13. nachmittags durchbrach er die Front des XIX. Korps und stieß gegen Wola Michowa vor.

Nach dieser schweren Verwundung der Westflanke war an eine Fortsetzung der Offensive gegen Baligród nicht mehr zu denken. Zum Glück unterließ der Russe auch diesmal ein rasches Nachdrängen, so daß Wola Michowa’ in unserer Hand blieb. Am nächsten Tage ging jedoch die Maguryczne verloren, worauf die Chryszczata freiwillig geräumt wurde. Statt seiner Angriffsaufgabe nachgehen zu können, mußte FML. Schmidt der 41. HID. beispringen und überdies heftige russische Anstürme auf die Manilowa ab wehren.

Jetzt erwies sich das 3. Armeekmdo. insofeme als Helfer in der Not, als es am 15. durch Verlängerung seines rechten Flügels bis in die Gegend von Łupków die Widerstandskraft des Korps Trollmann stärkte, das sich nun auf erheblich verschmälerter Front wieder behaupten konnte. Dennoch war die Hoffnung auf eine Wendung zum Besseren zunichte gemacht. Am 14. März nachmittags befahl das 2. Armeekmdo. dem GdK. Tersztyánszky sowie dem XVIII. und dem V. Korps, die Offensive vorläufig einzustellen. Alle verfügbaren Reserven der Nordgruppe, insgesamt elf Bataillone, wurden dem XIX. Korps zugeschoben.

Während sich das Los der Offensive der 2. Armee entschied, fand zwischen den verbündeten Heeresleitungen ein wichtiger Meinungsaus-

tausch statt. Der Chef des deutschen Generalstabes richtete am 13. März eine Depesche nach Teschen, die sich vorwiegend mit der Politik Österreich-Ungarns gegenüber Italien befaßte. Im gegenwärtigen Zeitpunkte sah jedoch GdI. Conrad in der Weiterführung des Kampfes gegen Rußland die nächstliegende Aufgabe. Da er in Kenntnis von der Aufstellung neuer Armeekörper in Deutschland war, antwortete er mit der Bitte, dem k.u.k. Heere zwei bis drei deutsche Divisionen zuzuführen, auch wenn diese nicht mehr rechtzeitig eintreffen würden, um am Entsätze von Przemyśl mitzuwirken. Er geuenke, die Offensive aus den Karpathen in Ostgalizien unbedingt fortzusetzen, wobei die deutschen Verbände ein notwendiger Kräftezuschuß für Linsingen oder Pflanzer-Baltin wären. Den gleichen Wunsch machte Conrad übrigens auch beim Oberbefehlshaber Ost geltend.

Falkenhayn besorgte sogleich, daß eine unmittelbare Verstärkung der Südarmee geplant sei und wies darauf hin, daß die deutschen Truppen nicht an den Gebirgskrieg gewöhnt und dafür auch nicht ausgerüstet seien. Linsingen habe ihm am 13. berichtet, daß er ein Durchkommen der Südarmee im März wohl noch für möglich hielte, falls die öst.-ung. Front ihren Angriff energisch fortsetze und der starke Frost und der Schneefall aufhörten1). Sonach wäre Linsingen, meinte der deutsche Generalstabschef, vielleicht doch imstande, seinem linken Nachbar den Weg zu bahnen, doch müßten ihm von Böhm-Ermolli — wenn auch nur schwache

— Verstärkungen geschickt werden oder zumindest dessen rechter Flügel sich dem Vorgehen anschließen. Dies sei eine „einfache Meinungsäußerung“, nicht aber die „Anmaßung von Ratschlägen“.

Conrad erwiderte, daß er einen frontalen Einsatz deutscher Neuformationen bei der Südarmee nicht in Betracht gezogen habe; diese Kräfte sollten zunächst dem GdK. Pflanzer-Baltin zugeführt werden und erst später unter dessen Befehl treten, wenn Linsingen das Gebirge passiert hätte. Bei einer solgchen Verwendung sei eine Gebirgsausrüstung für die deutschen Truppen überflüssig. Er fügte noch hinzu, daß er im Augenblicke die Kriegshandlung in Ostgalizien für die wichtigste halte, da die dort und in der Bukowina erfochtenen Siege die weitere Haltung Rumäniens bestimmen würden.

Falkenhayn berichtigte diese Ausführungen zunächst dahin, daß es sich bei den von Conrad erwähnten Formationen nicht um „neue“ Truppen handle, sondern um Verbände, die man durch Abgaben von den Frontdivisionen bilde. In der Kardinalfrage erklärte Falkennayn, daß er den großen Einfluß vollauf würdige, den die Ausführung der Conrad-schen Pläne auf die Entschlüsse in Bukarest ausüben könnte, doch sei vorläufig eine Kräfteverschiebung vom westlichen auf den östlichen Kriegsschauplatz völlig ausgeschlossen, derzeit aber auch eine solche vom Ostheere in die Karpathen, obgleich er dies ursprünglich in Aussicht genommen hätte.

Die deutsche Westfront hatte sich zu dieser Zeit heftiger Angriffe der Franzosen in der Champagne und südöstlich von Verdun sowie der Briten bei Lille zu erwehren und focht gegen eine namhafte Überlegenheit der Alliierten.

Nachdem das XIX. Korps von den Russen durchbrochen war und als man die Größe der Verluste Böhm-Ermollis 1) voll überblicken konnte, verstummten bei der Heeresleitung in Teschen auch die zuversichtlichsten Wortführer der Hoffnung auf eine Befreiung Przemyśls.

Das Festungskmdo. Przemyśl hatte am 8. März gemeldet, daß es einen Ausfall mit 24 bis 26 Bataillonen zu je 800 Mann2) in der Richtung auf Bircza plane, doch lasse der Kräftezustand der Mannschaft besorgen, daß das Ergebnis im Mißverhältnis zu der zahlenmäßigen Stärke der Ausfallstruppen stehen werde. Am 13. wurde GdI. Kusmanek vom AOK. verständigt, es sei nicht mehr mit Sicherheit anzunehmen, daß die Armee Böhm-Ermolli bis zum 18. über Ustrzyki Dl.—Lisko vorzudringen vermöge. Sollte die Lage bis zum 17. erkennen lassen, daß der Entsatz nicht rechtzeitig möglich sei, so gebiete sowohl die Verwertung der in der Festung befindlichen Truppen als auch die Waffenehre und die bisherige ruhmvolle Haltung der Besatzung den Versuch, sich mit so vielen Kräften als möglich durchzuschlagen und den Anschluß an die Armee im Felde zu erkämpfen. Hiefür kämen die Richtungen gegen Lisko, Stary Sambor— Turka oder Sambor in Betracht. Die gründliche Zerstörung der Bahnen in der Gegend von Sambor sei von höchstem Werte. Auch in diesem äußersten Falle habe sich die in der Festung zurückbleibende Defensivbesatzung bis an die letzte Grenze der Möglichkeit zu halten und sich erst dann den Weg ins Außenfeld zu bahnen.

*) GdK. Böhm-Ermolli hatte am 1. März einschließlich der 31. und der 14. ID. über 148.848 Feuergewehre verfügt und verlor in den darauffolgenden 14 Tagen: 23.891 Tote und Verwundete, hievon etwa 450 Offiziere; 10.465 Gefangene und Vermißte, hievon etwa 60 Offiziere; 16.730 Kranke, hievon etwa 110 Offiziere. Somit insgesamt 51.086. Von diesem 33 v. H. betragenden Abgange der 2. Armee entfielen 73 v. H. auf die Gruppe Tersztyánszky.

2) Während der zweiten Einschließung hatte sich der Gefechtsstand der Festungsbesatzung durch Tod, Verwundung und Erkrankung um fast 24.000 Mann vermindert.

GdI. Kusmanek funkte tags darauf nach Teschen: müsse die Festung behauptet werden, so erübrigten für einen Ausfall in der von ihm gewählten Richtung Bircza nur 12 bis 15 Bataillone zu je 700 Mann. Aussichtsreich sei das Unternehmen nur dann, wenn bei Bircza der Gefechtskontakt mit der 2. Armee hergestellt werden könnte. Für einen Durchbruch spätestens am 19. März in den frühesten Morgenstunden nähme er die Richtung Sambor in Aussicht; die Grenze der Widerstandsfähigkeit des festen Platzes sei durch die Verpflegslage schon jetzt gegeben, da die Gesamtverpflegung bis zum 24. März reiche. Die Durchbruchsstaffeln hätten die Festung am 19. früh und die zurückgelassene Minimalbesatzung spätestens am 20. abends, beide Gruppen mit viertägiger Reserveverpflegung, zu verlassen. Nach Aufzehrung dieser Rationen hoffte man auf die Besitznahme der russischen Vorräte bei Sambor.

Von der Heeresleitung befragt, ob es möglich sei, daß die 2. Armee bei Erneuerung des Angriffes bis spätestens 23. über die Linie Ustrzyki Dl.—Lisko vorzudringen vermöge, verneinte dies GdK. Böhm-Ermolli von Haus aus; an einen Ausfall gegen Bircza durfte daher nicht mehr gedacht werden. Das AOK. und das 2. Armeekmdo. fanden nunmehr, daß man der Festungsbesatzung bei einem Durchbruche auf Sambor am raschesten die Hand zu reichen vermöchte. Von Teschen aus wurde angeregt, Szurmay zum Hauptträger der bevorstehenden Aktion zu machen, womit der Einklang zwischen seinem Angriffe und der anscheinend im besten Gange befindlichen Offensive der Südarmee hergestellt worden wäre. Böhm-Ermolli entschied sich jedoch aus taktischen Gründen dafür, das V. Korps mit der Aufgabe des Vorstoßes gegen Nordost zu betrauen, und dieses durch alle Kräfte Tersztyánszkys zu verstärken, die der General nicht zum Halten seiner mit blutigen Opfern errungenen Stellungen brauche. Da Tersztyánszky hiezu mindestens 40.000 Feuergewehre als nötig bezeichnete, konnte nur die komb. 31. ID. (FML. Lütgendorf) freigemacht und mit ihrem Gros schon am 16. gegen Osten in Marsch gesetzt werden. Aber gerade an diesem Nachmittage richtete sich gegen das

XIX. Korps ein heftiger russischer Angriff, der zwar abgewiesen wurde, aber doch dazu zwang, das zur 31. ID. gehörige IR. 69 vorübergehend zurückzubehalten.

Das V. Korps wehrte am 19. einen russischen Vorstoß ab; sein Angriff, dessen Beginn zuerst für den 20. vorgesehen war, wurde auf den 21. verschoben, um der Artillerie Zeit zur Vorbereitung zu gewähren. Somit reichlich spät für das Unternehmen der Besatzung von Przemyśl, die bereits am 19. den russischen Einschließungsring durchstoßen wollte.

Aber auch Szurmay erhob Vorstellungen gegen die Beteiligung seines linken Flügels an dem Angriffe, zu dem allerdings bei ihm, wie man in den letzten Tagen erfahren hatte, die taktischen Verhältnisse nicht einluden. Gegen die Mitte und den rechten Flügel dieser Gruppe stürmte der Russe am 17., 18. und 19. vergeblich los. Das 2. Armeekmdo. gestattete nunmehr, daß sich Szurmay auf einen Scheinangriff beschränke, dafür aber noch das IR. 68 an das V. Korps abgebe. Tersztyánszky sollte an seiner Front vom Mittag des 19. an eine lebhafte, den Wiederbeginn der Offensive vortäuschende Tätigkeit entfalten. An diesem Tage erwehrte sich das Korps Schmidt abermals ruhmvoll des gegen die Manilowa vorbrechenden Feindes.

Die vom 4. Armeekmdo. für den 17. beabsichtigte Wiederaufnahme des Angriffes (S. 201) verzögerte sich um vierundzwanzig Stunden. Am 18. um 3h30vorm. führte FML. Arz die Stoßgruppe gegen Gorlice und gegen Sękowa vor, doch die erstrebte Überraschung der Russen mißlang und auch die 39. HID. konnte nach einem Anfangserfolge nicht durchdringen. Am nächsten Tage wurden Teile der 10. ID. durch russische Gegenangriffe zurückgeworfen, während der Feind an anderen Frontstellen weniger Glück hatte. Das III. Korps war nicht in die Lage gekommen, den äußersten rechten Flügel der 4. Armee zu unterstützen; denn Dimitriew richtete sein Augenmerk auf den Raum beiderseits von Gorlice. Dagegen bedrohte der Russe die 45. SchD. der 3. Armee am 17. und 18. vergeblich mit seinen Vorstößen, die, wie sich bald herausstellte, wichtigen Täuschungszwecken dienten.

Am 19. entbrannte der Artilleriekampf auf der ganzen Front der

3. Armee, bald waren die Stellungen des XVII. Korps und der 22. SchD. in Rauch und Dampf gehüllt. Gegen sie brach in der Nacht auf den 20. ein mächtiger Ansturm der Russen los.

Der Fall der Festung Przemyśl Hiezu Beilage 9 Gen. Iwanow hatte das russische 11. Armeekmdo. beauftragt, eine „energische Tätigkeit“ gegen Przemyśl zu entfalten (S. 162). Noch lag aber den Russen die Erinnerung an die blutigen, fruchtlosen Oktoberstürme in den Gliedern. Sie hofften, daß der Augenblick nicht mehr fern sei, da die vielköpfige Besatzung ihre Verpflegsvorräte aufgezehrt haben werde; dann mußte der feste Platz von selbst fallen. So beschränkte sich der Feind darauf, seine Artillerie gegen die Vorfeldstellungen und den Gürtel wirken zu lassen — seit dem 9. Februar schwiegen die russischen

Feuerschlünde nur selten — und zog im Nordwesten und Südwesten den Einschließungsring enger, nicht ohne dabei mit den äußerst rührigen Festungstruppen in erbitterte Kämpfe zu geraten, die ihm wichtige Punkte im Vorfeld immer wieder streitig machten.

Um Mitternacht auf den 14. März errangen die Russen den einzigen ausgesprochenen Erfolg vor Przemyśl, indem sie sich überfallsartig der bisher mit Zähigkeit festgehaltenen Vorfeldstellung Na Górach—Batycze vor dem nördlichen Gürtelabschnitt bemächtigten. Das Festungskmdo. entsendete zwar ungesäumt einige Bainillone zum Gegenangriff; doch verzögerte sich ihre Bereitstellung längere Zeit. Der Versuch wurde schließlich für aussichtslos gehalten und auf gegeben.

Kusmaneks Plan, gegen Sambor durchzubrechen (S. 210), erfuhr eine Wandlung, als der Festungskmdt. aus Teschen die Gruppierung der russischen Streitkräfte in Galizien erfuhr. Demnach stellten sich demUnternehmen kaum zu bewältigende Hindernisse entgegen. Er ließ am 16. an die Heeresleitung funken, daß er in der Richtung über Mościska—Gródek—Lemberg vorstoßen werde, „um der Armee doch noch einen Dienst zu leisten“. Das AOK. riet indes noch am gleichen Tage, die ursprüngliche Absicht beizubehalten, da für den Durchbruch der Besatzung auf Sambor die Mitwirkung des Ostflügels der 2. Armee durch eine Offensive beiderseits derTurkastraße bereits eingeleitet war. Sollte aber Kusmanek dennoch dieRichtungLemberg wählen, so möge er trachten, Anschluß an die Armeegruppe Pflanzer-Baltin zu gewinnen, die mit ihrem rechten Flügel südöstlich von Tłumacz gegen Stanislau angreife.

Aus einem Radiogramm vom 19. früh erfuhr die Heeresleitung, daß das Festungskmdo. auf dem Vorstoße gegen Lemberg beharre und dieser zurzeit bereits im Gange sein müsse.

Für diesen Entschluß waren verschiedene Gründe maßgebend gewesen. Mit vollem Recht glaubte GdI. Kusmanek, seinen entkräfteten Truppen x) eine Vorrückung und den Kampf im schwierigen Berggelände südlich der Festung nicht mehr zumuten zu können. Mit Ausnahme der Richtung gegen Osten wäre man überall auf zahlreiche Bachniederungen gestoßen, welche die russische Abwehr begünstigten. Dagegen traf der geplante Angriff auf den schwächsten Teil der Einschließungslinie2), voraus!) Aus den von Kusmanek eingeforderten Berichten ging hervor, daß sich zum Beispiel beim ung. LstlR. 16 nur mehr 25—30 v. H. gesunde Leute befanden, 70 v. H. der Mannschaft des ung. LstlR. 9 für Angriffe ungeeignet und beim k. k. LstlR. 33 nur mehr die Hälfte der Landstürmer dienstfähig waren.

2) Tatsächlich befanden sich aber hier in mehreren Linien hintereinander angeordnete russische Stellungen von großer fortifikatorischer Stärke.

siahtlich nur auf Reichswehrtruppen, das ebenere Gelände konnte hier die Raschheit der Bewegung fördern, auch ließ der Stoß in dieser unerwarteten Richtung eine Überraschung der Russen erhoffen. Kusmanek gab sich aber keinen Täuschungen hin. Eine Summe unerhörter Glücksfälle wäre notwendig gewesen, um das Unternehmen zum gewünschten Ausgange zu bringen. Nach Gelingen des Durchbruches hätte man sich der feindlichen Verpflegsvorräte in Mościska und Sądowa Wisznia bemächtigen und dann auf gewaltigem Umwege den Anschluß an PflanzerBaltin gewinnen müssen. Selbst ohne feindliche Gegenwirkung wären die hiezu unerläßlichen großen Marschleistungen bei der Entkräftung der Mannschaften ausgeschlossen gewesen. Der Verteidiger von Przemyśl wollte jetzt nur noch die Waffenehre durch einen heroischen Schlußakt bis zum letzten Ende wahren, gleichviel ob das Unternehmen zu ruhmvollem Untergange oder zu kaum erhofftem Gelingen führen würde. Immerhin konnte dem Feinde Abbruch getan, Verwirrung in seine Reihen getragen und auf diese Weise den Karpathenarmeen genützt werden.

Am 19. sollte zuerst der Einschließungsring durchstoßen werden, worauf der Rest der Besatzung nach Zerstörung der Werke und der Armierung sowie nach Vernichtung des gesamten Kriegsgeräts der Durchbruchsstaffel zu folgen hatte.

GdI. Kusmanek wandte sich mit einem Funkspruch an den Obersten Kriegsherrn *):

Eure' Majestät!

Nach ununterbrochenen sechsmonatigen Kämpfen vom Feinde unbesiegt, jedoch durch Hunger gezwungen, wird morgen, den 19. März, die Besatzung von Przemyśl, obzwar die Mannschaft durch monatelange Entbehrungen aller Art fast ganz entkräftet ist, den Versuch beginnen, den eisernen Ring des Feindes zu durchbrechen, um vor ihrem wahrscheinlichen Untergange der Feldarmee vielleicht doch noch einen Dienst zu leisten.

In diesem schicksalschweren Augenblicke erheben sich unsere Herzen in unentwegter Liebe und Treue zu Eurer Majestät.    Kusmanek    GdI.

Der Kaiser antwortete:

Die Meldung des heroischen Ausfalles, den die bisher unbesiegte Besatzung Przemyśls zu unternehmen entschlossen ist, hat Mich tiefstens ergriffen und aus dem Grunde Meines Herzens sende Ich den Helden, die eine letzte Großtat zur Ehre des Vaterlandes und dem Ruhm unserer Waffen beginnen, Meine Segenswünsche. Was die

Kusmanek hatte als mehrjähriger Vorstand des Präsidialbüros des Kriegsministeriums das Protokoll bei den alljährlich unter Vorsitz des Kaisers abgehaltenen Konferenzen über die Personalien der Generale zu führen gehabt und war daher dem Herrscher näher bekannt.

Besatzung Przemyśls geleistet, bleibt ewig denkwürdig und jedem einzelnen gebührt ein Blatt aus dem Lorbeerkranze, den dankerfüllt Ich und das Vaterland der tapferen, opferfreudigen Besatzung Przemyśls weihen.

Des Allmächtigen gnädigster Schutz sei mit Euch!    Franz    Joseph.

Als dieser Funkspruch in der Festung eintraf, standen die Truppen bereits im Kampfe.

Im Schneeregen hatten sich die für den Ausfall bestimmten Verbände in der Nacht zum 19. auf den zur Pfütze gewordenen Straßen nächst der Ostfront der Festung gesammelt. Noch bei Dunkelheit begann die Vorrückung über die Linie der Werke. Obgleich das Festungskmdo. bei Einleitung der Aktion alle Vorsichtsmaßnahmen zu weitestgehender Geheimhaltung getroffen hatte, erlangten die Russen zweifellos durch Auffangen und Dechiffrieren der mit Teschen gewechselten Funksprüche Kenntnis von der Ausfallsabsicht und auch von der gewählten Richtung. Ungesäumt verstärkten sie die Einschließungslinie gegenüber der Ostfront und lauerten auf den Augenblick, wo ihnen das umstellte Wild ins Garn lief. Leider hatte sich auch der Beginn der Vorrückung erheblich verzögert. Schon bei den Versammlungsmärschen äußerte sich die Mattigkeit der ungenügend ernährten Mannschaften in der übermäßig langen Dauer der vorgeschriebenen Bewegungen; einzelne Leute brachen, kaum nachdem sie die Unterkünfte verlassen hatten, unter schweren Erschöpfungszuständen zusammen. Größer als vorausgesehen war auch der Zeitverlust beim Durchschreiten der schmalen Gassen der Hinderniszone und bei Umgehung der Minenfelder.

Schon dämmerte der Morgen herauf, als der Kampf gegen die ausgeruhten und reichlich verpflegten Russen begann. Mit gewohntem Geschick hatte der Feind seine Batterien verteilt, die ihren Geschoßhagel gegen den Angreifer sandten und dessen Vordringen bald ein Ziel setzten. Das Höchstmaß des Bodengewinnes, der erkämpft wurde, ist aus Beilage 9 ersichtlich. Von dem Ungestüm tapferer Führer fortgerissen, erfolgte die Vorrückung der Regimenter der 23. HID. nicht im vorgesehenen Einklang. Bald wandte sich das Blatt zu Ungunsten der Division, die, von einem Flankenstoß der russischen 58. RD. getroffen und vielfach eingekreist, 680/0 Verluste erlitt; ihr Zurückweichen riß auch den Nordflügel in das Verhängnis hinein. So scheiterte der mit Anspannung aller noch aufzubietenden Kräfte unternommene Durchbruchsversuch unter schweren Einbußen. Um 2h nachm. durchschritten die letzten geschlossenen Truppenteile auf ihrem Rückzuge die Hinderniszone. An dem Feuer der Werke brach sich die Verfolgung des Feindes.

GdI. Kusmanek berichtete hierüber nach Schönbrunn:

Eure Majestät!

Im Namen der Besatzung von Przemyśl für die hochbeglückenden huldvollsten Worte Eurer Majestät tiefbewegt dankend, melde ich, daß heute die Besatzung von Przemyśl den Durchbruchsversuch gewagt hat. Ich bin aber tiefunglücklich, Eurer Majestät gleichzeitig treugehorsamst berichten zu müssen, daß dieser Versuch nicht gelungen ist. In siebenstündigem verzweifelten Kampfe haben die Truppen bei widrigem Schneesturm mit dem Aufgebot ihrer letzten Kraft den starken Feind zu durchbrechen versucht. Nach großen Verlusten, bei welchen die stets so tapfere k. ung. 23. Landwehrinfanterietruppendivision, soweit sich dies bis jetzt überblicken läßt, zur Hälfte aufgerieben wurde und auch die anderen Truppen schwer gelitten haben, mußte wieder hinter den Gürtel der Festung zurückgegangen werden. Da bei der dermaligen völligen Erschöpfung der Mannschaft ein nochmaliger Durchbruchsversuch ganz aussichtslos wäre, will ich die Festung nunmehr bis an die Grenze der Möglichkeit halten, um so durch weiteres Binden der hier befindlichen feindlichen Kräfte dem Zweck der Feldarmeen noch solange als möglich zu nützen.

Treu unserem Eide und in grenzenloser Liebe und Ergebenheit für Eure Majestät werden wir bis zum Ende ausharren.    Kusmanek    GdI.

Nunmehr wurde alles darangesetzt, um in letzter Stunde einer Erstürmung des Platzes zu begegnen. Unausbleiblich war aber das Ende herangerückt. Am 20. und 21. wurden russische Angriffe gegen die Nordwest-, die Nord- und die Ostfront tapfer abgewehrt. Dann trat am 21. der Verteidigungsrat zusammen und beschloß im Sinne der schon vor vierundzwanzig Stunden eingelangten Billigung durch die Heeresleitung, die Festung am nächsten Tage zu übergeben. Die physische Kraft der Besatzung war durch den Hunger aufgezehrt und die noch bis zum 24. reichende Reserveverpflegung mußte für jene Zeitspanne aufgespart bleiben, die bis zu den weiteren Verfügungen des Feindes über das Schicksal der Besatzung verstreichen mochte1).

Am 19. war das Papiergeld der Festung (600.000 bis 700.000 K) verbrannt worden; am 20. und 21. fanden noch größere Pferdeschlachtungen statt. Die Bahnhofseinrichtungen und die Fahrbetriebsmittel sowie überhaupt alle für den Feind verwertbaren Kriegsgeräte wurden zerstört oder unbrauchbar gemacht. An den beiden letztbezeichneten Tagen starteten die Offiziere der Luftfahrtruppe in Freiballons, die jedoch alle auf Feindesgebiet verschlagen wurden.

x) Als zehn Jahre früher die Russen die Festung Port Arthur den Japanern übergaben, befanden sich dort noch an Verpflegsvorräten in Tonnen: Korn 700, Weizenmehl 150, Maismehl 40, Hülsenfrüchte 700, Gerste 2, Reis 1, Pökelfleisch 40, Zwieback 60, Zucker 20 und Pferdefutter für zwei Monate. Außerdem lagerten in der Festung noch die Vorräte der Marine (nach Beilage 19, Bd. III der Einzelschriften über den russisch-japanischen Krieg, Wien 1909).

Während der Nacht auf den 22. verfeuerten die Werke ihre letzte Geschützmunition, worauf man die Rohre mit Ausnahme der älteren Kanonenmodelle entweder durch verstärkte Ladungen oder durch Ekrasit-patronen unbrauchbar machte. Von dem schaurigen Dröhnen und Krachen verstört, kauerte der Russe hinter seinen Deckungen.

Der anbrechende Tag stand schon unter dem Zeichen des Frühlings. Leuchtend stieg die Sonne über der Sanfeste auf, als um 6h das eigentliche Zerstörungswerk begann; unter Blitz und Rauch und unter mächtigen Detonationen vollzog sich die Sprengung der Gürtelwerke und der Flußbrücken. Alle fortifikatorischen Anlagen verwandelten sich in wüste Trümmerhaufen. Noch einen letzten Gruß funkte der Platz an die Waffenbrüder: „Unser Schicksal schwer empfindend, wünschen wir den Feldarmeen Ruhm und Sieg!“

Weiße Fahnen flatterten an der Gürtellinie auf. Gegen 9hvorm. drangen die ersten russischen Abteilungen in die Stadt ein; ein Stabshauptmann forderte dem Festungskommandanten den Säbel ab.

Zwei Stunden früher war auf der großen Lemberger Straße ein Kraftwagen aus der Stadt gerollt. Oberst Martinek, Kommandant der 108. LstlBrig., und der Festungsgeneralstabschef Obstlt. Hubert fuhren nach Mościska, um im Standorte des russischen 11. Ameekmdos., dem Aufträge Kusmaneks gemäß, über das Schicksal der Besatzung zu verhandeln1). Sie fanden schlimmen Empfang beim General Seliwanow.

Die Hoffnung des russischen Führers, die Festung mit stürmender Hand zu nehmen, war vereitelt; das in Przemyśl ausgeführte Zerstörungswerk, dessen Donnerschläge bis in das Hauptquartier der Belagerer hallten, beraubte Seliwanow der ersehnten Trophäen und führte ihm die versäumte Gelegenheit deutlich vor Augen. Als dann noch später der Schall einer vereinzelten Explosion an sein Ohr drang, glaubte er, seine Truppen seien in eine Falle gelockt worden. Er verweigerte den Parlamentären jede weitere Besprechung, ließ ihnen die Waffen abnehmen und behandelte sie gegen alles Völkerrecht als Gefangene. Erst am 23. vormittags besann er sich — angeblich auf Geheiß des Zaren — eines Besseren und gestattete ilinen nach dem Abschluß der Verhandlungen die Rückfahrt nach Przemyśl. Im ganzen gerieten 9 Generale, 93 Stabs- und 2500 Oberoffiziere und 117.000 Mann in Kriegsgefangenschaft. In Anerkennung ihrer Tapferkeit gestattete man den Offizieren, den Säbel zu behalten. Diese Begünstigung wurde aber nach drei Wochen wieder

x) Verhandlungen über die Übergabe der Festung hatten nicht stattgefunden.

zurückgenommen, als sich das haltlose Gerücht verbreitete, ein gefangener Russe sei grausam verstümmelt worden.

Dem Verteidiger von Przemyśl, GdI. Kusmanek, dem später das Ritterkreuz des Militär-Maria Theresien-Ordens verliehen wurde, hatte Kaiser Franz Joseph am 20. März erwidert:

Ergreift es Mich tiefstschmerzlich, daß der gestern kühn gewagte Durchbruch der Besatzung Przemyśls an der Übermacht des Feindes scheiterte, so blicke Ich doch mit wehmütigem Stolze auf den unvergleichlichen Opfermut der Braven, denen der Erfolg nicht beschieden war. Allen, die da kämpften, danke Ich allerherzlichst für die Heldentat und segne Ich das ruhmvolle Andenken jener, die ihr Leben auf dem Felde der Ehre hingaben.

Noch in fernster Zukunft wird die Geschichte weithin künden, was ÖsterreichUngarns Krieger mit der hartnäckigsten Verteidigung der Festung Przemyśl vollbracht haben; — sie waren standhaft und tapfer bis zum letzten Ende.

Franz Joseph.

Rückblick

Bei einer rückschauenden Betrachtung der Geschehnisse während der ersten drei Monate des Jahres 1915 wird man den Eindruck gewinnen, daß aus der von der Heeresleitung geplanten entscheidenden Kriegshandlung eigentlich nur ein großangelegter Entsatzversuch der vom Feinde eingeschlossenen Festung Przemyśl geworden war. Trotz des leidvollen Opfermutes der Truppe blieb indes diesem Beginnen der Erfolg versagt.

Nach den theoretischen Lehren vom Kriege sollten freilich militärische Operationen niemals in ein Abhängigkeitsverhältnis zu festen Plätzen geraten, die doch nur für engbegrenzte Zwecke erbaut werden. Trotzdem hatten sich in den letzten Kriegen das oberitalienische Festungsviereck 1848, 1859 und 1866, Sebastopol während des Feldzuges der Westmächte in der Kirim, Straßburg, Metz, Paris und Beifort im deutschfranzösischen Waffengange, Port Arthur 1904/05, Adrianopel, Janina, die Tschataldtschalinie und Skutari 1912/13 eine gewisse Hörigkeit des Feldheeres erzwungen. Niemals gelang es aber einer Besatzung in der Stärke von mehreren Divisionen, sich durchzuschlagen und den Anschluß an die eigene Feldarmee zu gewinnen.

Nach unserer heutigen Kenntnis der Dinge wäre die Bestimmung von Przemyśl erfüllt gewesen, als sich die k. u. k. Heeresleitung Anfang November 1914 entschlossen hatte, den Feldzug im Gebiete des mittleren San abzubrechen, die öst.-ung. Armeen nach Westgalizien zurückzuführen und der russischen Dampfwalze auf andere Weise den Weg zu verstellen. Oft wird behauptet, daß man damals den Abzug der Besatzung befehlen und die Festung nach Zerstörung der Werke und Gürtelbauten dem Feinde hätte überlassen sollen.

Vieles sprach dagegen. Eine Räumung des Platzes, dessen fortifika-torische Stärke übrigens vielfach überschätzt wurde, hätte die Zuversicht des feindlichen Auslandes gestärkt, auch auf das Inland und den deutschen Verbündeten niederstimmend gewirkt; insbesondere würde eine solche Maßnahme bei der für Hiobsbotschaften mehr als für Erfolge empfänglichen Bewohnerschaft der beiden Hauptstädte Wien und Budapest panischen Schrecken erzeugt und weitere die der Donaumonarchie noch geneigten Teile ihrer ostslawischen Bevölkerung in ihrem Zugehörigkeitsgefühle erschüttert haben. Außer diesen politischen bestanden auch militärische Gegengründe. Conrad drängte beständig darauf, daß die DOHL. das Schwergewicht der Kriegführung auf den östlichen Kriegsschauplatz verlegen möge. Geschah dies, so konnte bei Wiederaufnahme der Offensive in Bälde der San erreicht und Przemyśl wieder zu einem wertvollen Stützpunkte werden. Sicherlich spielte auch die Erwägung mit, daß die Festung ansehnliche Kräfte des Feindes binden und an der Betätigung im freien Feld hindern werde. Tatsächlich legten die Russen dem Platze bei ihrem zweimaligen Vormarsche über Mittel- nach Westgalizien eine schier übertriebene Bedeutung bei. Sie boten sowohl im September als auch im November vor bewirkter Einschließung zu Sicherungszwecken ein Übermaß an Truppen auf, was dem öst.-ung. Heere bei seinen Rückzügen außerordentlich zustatten kam. An einen belagerungsmäßigen Angriff dachte die russische Heeresleitung nicht und begnügte sich, gewitzigt durch den blutigen Fehlschlag der Anstürme im Oktober, mit der Zernierung des Platzes.

Da das engmaschige und leistungsfähige Eisenbahnnetz Galiziens während der dem 22. März vorangehenden sechs Monate durch den Wirkungsbereich der Festung an einem wichtigen Knotenpunkte der zweigeleisigen Hauptstrecke gesperrt war, sahen sich die Russen zu einem langwierigen, kräfteverbrauchenden Bau von Schienenwegen gezwungen, um ihrer galizischen Front, Przemyśl im Norden umgehend, alles Erforderliche zuzuführen. Sie fingen im großen Stile mit einer Umgehungsbahn an, die Lemberg im Norden umkreiste und bestimmt war, den Hauptverkehr auf die leistungsschwache Strecke Lemberg—Rawa Ruska— Jaroslau (Beilage 3 von Bd. I) zu legen. Emsig strebten sie an, ihre Schienenstränge von Norden her ins Land zu treiben, indem sie den Bau der 40 km langen Eisenbahn Władimir-Wołyński—Sokal, der 86 km langen, eine Sanüberbrückung erfordernden Linie Lublin—Rozwadów und schließlich auch der 40 km langen, mit einer Weichselüberbrückung verbundenen Linie Ostrowiec—Nadbrzezie begannen, ohne diese aber während der neunmonatigen Besetzung des Landes vollenden zu können. Auch nötigte die Unterbrechung des Bahnnetzes bei Przemyśl dazu, viele Truppenverschiebungen mit Fußmärschen zu bewerkstelligen, endlich war hiedurch sicherlich die Versorgung ihrer südlich der Weichsel fechtenden Heeresteile wesentlich erschwert.

Diesen Vorteilen muß aber entgegengehalten werden, daß die im November 1914 unterlassene Räumung von Przemyśl verhängnisvoll auf die öst.-ung. Kriegführung eingewirkt hat, indem fortan alle Offensivhandlungen auf den Entsatz der Festung eingestellt wurden. Dabei dachte die öst.-ung. Heeresleitung sogar Mitte März, als über die Aussichtslosigkeit des furchtbaren Ringens kein Zweifel mehr bestand, noch nicht daran, die Übergabe des Platzes anzuordnen und damit die nutzlosen Leiden der Besatzung abzukürzen. Im Gegenteil. Das AOK. verlangte schließlich einen Durchbruch, an dessen Gelingen sich niemand zu glauben getraute. Läßt sich dieses Handeln mit nüchternen Zweckmäßigkeitsforderungen auch kaum in Einklang bringen, so ist der soldatische Standpunkt dennoch verständlich1).

Die Festung war allmählich zu einem Palladium der k. u. k. Wehrmacht geworden; eine Preisgabe ohne äußersten Zwang hieß den kriegerischen Sinn in Heer und Volk untergraben und eine Herabstimmung herbeiführen, wie eine solche dem Kaiser Napoleon nach Jena und Auer-städt eine Reihe preußischer Festungen mühelos in die Hände gespielt hatte. Jetzt war Przemyśl einmal vom Feinde eingeschlossen und von einer opferfreudigen Besatzung tapfer behauptet. Der Entsatz wurde zur Pflicht. Dabei drängte die Zeit nicht nur wegen der aus Verpflegsgründen befristeten Lebensdauer der Festung, sondern auch wegen der allgemeinen politischen Lage, die durch die Haltung Italiens und der noch neutralen Balkanstaaten wesentlich beeinflußt werden konnte. Die Armee Boroević war Ende Dezember nach ihrem Vorstoße bis an die galizische Beckenreihe vor den losstürmenden Russen Brussilows in die Karpathen ausgewichen. Ihre Verstärkung war schon deshalb geboten, um der Ausbreitung des Feindes auf ungarischem Boden einen Riegel vorzuschieben.

L) Über die Kämpfe um Przemyśl und den Fall der Festung hat Mjr. a.D. Dr. Stuckheil eine Reihe inhaltsreicher Aufsätze in den Jahrgängen 1923, 1924 und 1925 der „Militärwissenschaftlichen und Technischen Mitteilungen“ veröffentlicht. Außerdem lag ein Manuskript des Ministerialrates Dr. Smolik vor, der die Verteidigung von Przemyśl als Reserveoffizier mitgemacht hat.

Da erschien es denn naheliegend, den Hebel in der Gebirgszone anzusetzen und in der kürzesten Richtung auf Przemyśl vorzudringen. Ob sich die Heeresleitung der vollen Tragweite des Entschlusses bewußt war, derart große Truppenmassen in den winterlichen Karpathen zum Kampfe vorzuführen, ohne daß für eine entsprechende Ausrüstung genügend vorgesorgt worden war und ohne Rücksicht darauf, ob der weitaus größte Teil der Einzelstreiter die körperliche Eignung für diese Aufgabe mitbrachte, bleibe dahingestellt. Bei diesem Verfahren, das offenbar als das einzig mögliche angesehen wurde, hoffte man sicherlich, daß durch einen fließend vorwärtsschreitenden Angriff der Aufenthalt im Gebirge nur von kurzer Dauer sein werde. Als diese Hoffnung jedoch nicht in Erfüllung ging, sich die Folgen des Entschlusses in erschreckender Weise äußerten und die Heeresleitung erkannte, daß der eingeschlagene Weg zum Entsätze von Przemyśl nur anscheinend der kürzeste war, sprach vieles dagegen, das Steuer völlig umzustellen. Unerschütterlich hielt der Wille des Feldherrn an dem Unternehmen fest, bis sich diese Ausdauer viel später und erst nach monatelangem Schwanken der Schicksalswaage, freilich in ganz anderer Weise, bezahlt machen sollte.

Auch der Feind stand im Banne von Przemyśl. Dies beweist schlagend eine wenn auch inhaltlich anfechtbare Depesche, die der Gen. Alexe-jew am 15. April 1915 an die Stawka gerichtet hat. Zu dieser Zeit nicht mehr Stabschef Iwanows, sondern Befehlshaber der Nordwestfront, erklärte er, daß eine russische Karpathenoffensive nur insolange berechtigt gewesen sei, als die hinter der Front der 8. Armee gelegene Festung noch nicht bezwungen war1). Brussilow wieder äußerte sich des öfteren unmutig darüber, daß seine Handlungsfreiheit durch die seiner Armee aus der Festung heraus drohende Gefahr behindert sei und rühmte sich später, daß der Fall von Przemyśl nur der Ausdauer und dem Opfermute seiner Truppen, insbesondere dem VIII. Korps, zu danken gewesen sei2).

Vor dem aufgeschlagenen Buche der Vergangenheit läßt sich unschwer behaupten, daß es auch andere Möglichkeiten gegeben hätte, die Feldzugsentscheidung zu erzwingen, für die die Befreiung von Przemyśl nur eine Etappe bilden durfte. Da sich diese Festung mit Rücksicht auf die VerpflegsVorräte bis zum 22. März zu halten vermochte, konnte auch der längere Weg einer großen Umfassung des linken Heeresflügels der Russen eingeschlagen werden, wofür die Armeegruppe Pflanzer-Baltin entsprechend verstärkt werden konnte. Diese hatte die Schrecken des

*) Boncz-Brujewitsch, I, 99.

2) Broussilov, 74, 77££, 90 und 112.

Gebirges bereits hinter sich und wäre dann imstande gewesen, der Südarmee rasch aus den Bergen herauszuhelfen. Nach der Vereinigung dieser beiden Kraftgruppen konnte die ohnehin von der Heeresleitung befohlene Aufschwenkung bewirkt und unter Sicherung der offenen Flanke durch gestaffelt nachfolgende Reserven der von seiner obersten Führung stiefmütterlich bedachte russische Ostflügel umfaßt und geschlagen werden. Damit wäre der Grundgedanke der Kriegshandlung verwirklicht worden. Diesem Plane stellte sich allerdings die geringe Leistungsfähigkeit der Bahnlinie über Máramaros-Sziget—Körösmezö—Delatyn entgegen, die jetzt schon kaum ausreichte, allen Bedürfnissen der nördlich vom Gebirge kämpfenden Armeegruppe gerecht zu werden1); bei ihrer ausschließlichen Benützung war eine ausgiebige Verstärkung Pflanzer-Baltins nicht mit der erwünschten Schnelligkeit zu erreichen. Ein ins Gewicht fallender Kräftezuschub hätte sich aber durch Mitbenützung anderer, wenn auch nur bis in das südliche Anland der Karpathen führender Linien und hierauf durch Fußmärsche wesentlich beschleunigen lassen. Nicht unbedenklich blieb freilich die Gefährdung der offenen Ostflanke und immerhin auch die Abhängigkeit einer starken Armee nördlich des Gebirges von einer einzigen Bahn mit ungünstiger Linienführung, doch hatte man zum Beispiel die Basierung der Hauptkraft der 2. Armee auf die einzige Straße Takcsány—Cisna ruhig mit in Kauf genommen.

Größere Sicherheit als der eben erörterte Umfassungsangriff durch Ostgalizien hätte wohl noch eine Offensive entlang der galizischen Beckenreihe geboten. Doch beim 4. Armeekmdo. hatte man sich niemals für eine Frontalschlacht in Westgalizien zu erwärmen vermocht. Erst viel später reifte der Plan eines operativen Durchbruches aus dem Stellungsgebiete der 4. Armee.

Wie dem immer auch sei: ob mm der Hauptstoß über Stanislau oder

L) Diese Karpathenbahn war schon nach ihrer Anlage leistungsschwach (vgl. Beilage 3 von Bd. I), aber ihre Benützung war auch durch ihren Linienzug nicht unbedenklich. Eine Unterbrechung, ja bloße Bedrohung des nur 60 km von der Front am Wyszkówsattel entfernten Bahnknies bei Huszt—Királyháza hätte die Versorgung der Armeegruppe Pflanzer-Baltin gefährdet. Eine baldige Besserung der Betriebslage konnte nicht erhofft werden. Erst nach der Winteroffensive Pflanzer-Baltins (1914) kam die Bahn, von Rahó an in arg zerstörtem Zustande, in eigene Hand. Kunst- und Stationsbauten sowie die Drahtleitungen an der 1000 m ansteigenden Strecke konnten durch harte Arbeit der Eisenbahnkompagnien nur provisorisch hergestellt werden, so daß der Betrieb der letzten 86 km bis Delatyn unter erschwerten Bedingungen geführt werden mußte. Die Fortsetzung über Nadworna nach Stanislau war wegen eines gesprengten Viaduktes unmöglich, die Strecke nach Kolomea nur von halber Leistungsfähigkeit.

über den Dunajec unternommen worden wäre — nie hätte er dem Heere so schwere Opfer auferlegt wie dort, wo er wirklich versucht worden ist.

Dem von der Heeresleitung eingeschlagenen Verfahren stellten sich mannigfache Hindernisse entgegen. Sowohl für die am 23. Jänner als auch für die am 27. Februar beginnende Offensive ergab sich schon aus der Ausgangslage die Schwierigkeit, den zurückhängenden rechten Flügel zeitgerecht in das richtige Verhältnis zu bringen. Dieser Nachteil war schwer wettzumachen, eine straffe Zusammenfassung der Kräfte kaum zu erreichen. Verzichtete man auch beidemale nicht auf die Mitwirkung der Armeegruppe Pflanzer-Baltin und der Südarmee, so wurde das Schwergewicht doch — und darin hat sich der verhängnisvolle Einfluß der Festung geäußert — auf den unmittelbar gegen Przemyśl gerichteten Nordstoß gelegt. Die hier angesetzten Kräfte mußten innerhalb der Gebirgszone um die Entscheidung ringen, ohne auf das Herankommen der Flügelgruppe warten zu dürfen, weil eben der Entsatz des festen Platzes als ein rasch zu erreichendes Ziel angesehen wurde.

Der Operationsplan faßte zwei Parallelunternehmungen ins Auge: den Nordstoß zum Entsätze von Przemyśl und die Umfassung der linken Flanke des Feindes, dem die Rückzugswege verlegt werden sollten. Damit wurde eine gewisse Zwiespältigkeit in die Kriegsliandlung getragen, die auch das AOK. empfinden mochte. So wollte es der Heeresmitte auch deshalb ein Abwarten nicht gestatten, um dem Feinde nicht Gelegenheit zu bieten, sich mit Übermacht auf den aufschwenkenden Flügel zu werfen. Dabei blieb es wieder fraglich, ob man nicht auf dem kürzesten Wege gegen die Festung geringerem Widerstande begegnet wäre, falls die Russen zu vorerwähntem Zwecke stärkere Kräfte gegen Südosten verschoben hätten. Diese Zwiespältigkeit kam in gelegentlichen Entschlußschwankungen beim Einsätze frischer Kräfte (VIII. Korps) zum Ausdrucke und erzeugte auch bei den Unterführern Unsicherheit. Immerhin war die erste Offensive dadurch begünstigt, daß die geschlossene Front Brussi-lows nur wenig über die Straße Lisko—Baligród—Cisna hinausragte. Die angebahnte Überflügelung konnte jedoch nicht zu einer Umfassung aus der Tiefe werden, weil der Gruppe Puhallo, die anfangs verhältnismäßig rasch Gelände gewann, die nötigen Kräfte, die gestaffelt folgenden Reserven, fehlten.

Aber auch der deutschen Südarmee sollte aus dem Gebirge herausgeholfen werden, von links durch Szurmay und von rechts durch PflanzerBaltin. Bei dieser Linksschwenkung unter den erschwerenden Verhältnissen des Gebirges und der Jahreszeit hätte aber der Impuls zur Vorbewegung zweckmäßigerweise stets von rechts ausgehen müssen. Da äußerte jedoch Przemyśl seine Anziehungskraft und die Südarmee verlangte eine Erleichterung ihrer schweren Aufgabe auch vom linken Nachbar. Darunter litt die Einfachheit, Sicherheit und Einheitlichkeit der Offensive, ihre Wucht ward geschwächt und als die Russen, nirgends ernstlich in die Klemme gebracht, selbst zum Angriffe übergingen, glückte ihnen der Einbruch in den wichtigen Raum bei Mezölaborcz.

Waren für den Jännerangriff unzureichende Kräfte aufgeboten, so gelang es bei der Februar-Märzoffensive eine relative Überlegenheit zu erzielen. Leider war aber jetzt der Entsatz von Przemyśl, wenn man ihn überhaupt noch erzielen wollte, so dringend geworden, daß sich der Stoß in kürzester Richtung wieder den Vorrang erzwang. Mittlerweile hatte sich die Lage teils verschlechtert, teils verbessert. Verschlechtert, weil Brussilow seine Blöße erkannt und eine zusammenhängende Front bis zum Wyszkówsattel gebildet hatte, verbessert, weil sich Pflanzer-Baltin zurzeit im vollen Siegeslaufe östlich der Karpathen befand. Seine rechtzeitige Verstärkung würde die Südarmee und die Gruppe Szurmay flottgemacht haben. Aber die Sorge um Przemyśl beherrschte alles Handeln.

Im Kampfverfahren der beiden Offensivunternehmungen fällt der von der 3. Armee grundsätzlich angewandte Angriff in Staffeln auf, vor dem Conrad gewarnt hatte; das Warten auf den Erfolg des Nachbarn wurde zum Hemmschuh der Entschlußfreiheit. Immer nur an einzelnen Stellen angepackt, konnten die Russen ihre Reserven an die bedrohten Punkte verschieben. Das 3. Armeekmdo. aber besorgte, bei gleichzeitigem Einsätze seiner Kräfte einem sicherlich übermächtigen russischen Gegendrücke gegenüber mit abgekämpften Verbänden wehrlos zu werden1). Die Kampfkraft des Angreifers wurde in hohem Grade dadurch herabgemindert, daß eine ausreichende Mitwirkung der Artillerie unter den obwaltenden Umständen nicht möglich war. Ganz abgesehen davon, daß dem Frontalstoße der 2. Armee eine flankierende Unterstützung mangelte, war dies der Hauptgrund, warum der festgefügte und den Russen überlegene Angriffskeil Tersztyánszkys gegen Baligród nicht durchzustoßen vermochte. Einer raumgreifenden Offensive hätten in diesem Gelände überhaupt nur Gebirgsbatterien folgen können, doch hätte kein Friedensorganisator die hiefür erforderliche große Zahl für einen unwahrscheinlichen Fall aufzustellen vermocht, ein Grund mehr gegen die Verlegung der entscheidenden Kriegshandlung in die Karpathen. So wurde die Infanterie, die sich langsam und mühselig durch Schnee und Eis, über

1) Mitteilung des GM. Pitreich (Zuschrift vom 20. September 1929).

Berg und Tal vorarbeitete, weder durch den moralischen Eindruck des artilleristischen Beistandes befeuert, noch durch seine fühlbare Wirkung unterstützt. Überdies war der Angreifer auf dem feindwärtigen Hange des Gebirges stets im Nachteil, weil das Verschieben und Entfalten gehemmt sowie Zuschub und Abschub über die Kammhöhen erschwert waren.

Vielleicht hätte das von einem Kriegsteilnehmer empfohlene „schichtweise“ Vorgehen (S. 142) zu besseren Ergebnissen geführt; im Jänner fehlten hiezu die Kräfte, später aber spornte die Lage der Festung Przemyśl zu höchster Eile an.

Die Anforderungen an die Truppen überstiegen häufig die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit, so daß Befehle nicht selten nur zum Scheine befolgt wurden; darunter litt das disziplinäre Gefüge des Heeres. Nicht immer brachten die Führer den Freimut zu klaren und entschiedenen Gegenvorstellungen auf, ihre Klagen verhallten nur zu oft, ohne gehört zu werden. In keiner anderen Kriegsperiode häufte sich in gleichem Maße das Versagen von Truppenteilen slawischer Nationalität wie bei dieser übermenschlichen Inanspruchnahme.

So war Przemyśl am 22. März trotz aller Entsatzbestrebungen gefallen und 119.600 Männer der Festungsbesatzung zogen in sibirische Kriegsgefangenschaft. Die Bemühungen zur Erhaltung des festen Platzes hatten sich außerdem ungünstig auf die Anlage der Kriegshandlungen ausgewirkt.    *

Auch die Russen, die durchschnittlich härterund widerstandsfähiger waren, büßten das Unternehmen mit gewaltigen Opfern, die sicherlich die des habsburgischen Heeres bedeutend überstiegen, zumal ihre Führung ohne Rücksicht auf Verluste verfuhr. Dieser Blutzoll bildet einen gewichtigen Posten in der Bilanz der Kriegshandlung, denn die wenn auch vergeblichen Entsatzversuche fielen für den Endausgang des Ringens mit dem Zarenreiche stark ins Gewicht und russische Militärschriftsteller bezeichnen den Entschluß Iwanows zur Offensive über die Karpathen als „den Anfang vom Ende“.

Die Gegenoffensive Iwanows

Die F üh r e r e nt s chl ü s se bei den Russen und bei den Verbündeten Hiezu Beilagen 6, 8 und 10

Am 19. März hatte sich der Großfürst-Generalissimus entschieden (S. 164), die Offensive gegen die Deutschen aufzugeben und sich mit voller

Kraft auf das gegnerische Karpathenheer zu werfen. Auf die hierüber nach Zarskoje Selo erstattete Meldung bemerkte der Zar: „Gerade dies würde auch ich machen.“

Die von Iwanow im Hauptangriffsraum verfügte Gruppierung läßt Rückschlüsse auf die Absichten der Russen zu. Durch die Gewinnung des Bahnknotenpunktes Homonna sollte der Karpathenverteidigung des Gegners ein tödlicher Stoß versetzt werden. Zu einem solchen Kampfziel lud auch die weit vorspringende Stellung der Gruppe Tersztyánszky besonders ein. Ihr gegenüber, wie überhaupt vor den inneren Flügeln der Armeen Böhm-Ermolli und Boroević, ballten Brussilow und Dimitriew die stärksten Kräfte zusammen. Weniger eindrucksvoll gibt sich aus dem Aufmarsch der Russen ihr Wille kund, über Bartfeld gegen Eperjes vorzudringen. Die Absicht hiezu ist dennoch nicht zu bezweifeln.

Der Fall von Przemyśl sollte an diesen Plänen nichts Wesentliches ändern. Wohl bestanden zwischen der Stawka und Iwanow mancherlei Meinungsverschiedenheiten. Zuletzt drang aber doch der zähe Wille Iwanows durch. Seinen Wünschen gemäß sollte die Heeresmitte die Linie Zboro—Varannó—Csap—Szatmár-Németi gewinnen, wobei die 3. Armee ihren linken Flügel bis in die Gegend von Sztropkó auszudehnen hatte. Die gegen Pflanzer-Baltin angesetzten Streitkräfte Letschitzkis wurden nicht, wie der Generalissimus vorschlug, direkt gegen den Raum Delatyn— Nadworna—Kolomea, sondern zu einer mehr ostwärts ausholenden Umfassung angesetzt. Die durch den Fall von Przemyśl freigewordenen Heereskörper wurden zum Teil bei Mezölaborcz, zum Teil gegenüber der deutschen Südarmee in die Schlacht geworfen, wobei sie sich freilich erst Ende März—Anfang April fühlbar machen konnten L).

Als über das Schicksal von Przemyśl kein Zweifel mehr bestehen konnte, hatte die öst.-ung. Heeresleitung darüber schlüssig werden müssen, ob der bisherige Leitgedanke des Ringens gegen Rußland beizubehalten sei. Schon in seiner Depesche an Falkenhayn vom 14. März (S. 208) hatte Conrad angekündigt, daß er die Offensive über die Karpathen und in Ostgalizien unbedingt weiterführen wolle. Bot sich jetzt nach dem Falle der Festung endlich die Gelegenheit, ohne anderweitige Rücksichten an

x) Danilow, 458 f; Broussilov, 121; Boncz-Bru jewitsch, I, 79 ff und II, 9ff. — Auf die Wiedergabe der nach den obigen Darstellungen schwer klarzustellenden Meinungsverschiedenheiten der hohen russischen Befehlsstellen kann füglich verzichtet werden. Bemerkenswert für die völlige Ahnungslosigkeit Iwanows ist eine Weisung, die er um diese Zeit dem Gen. Dimitriew zukommen ließ: „Man muß sich vor Augen halten, daß die Westfront der 3. Armee heute noch weiter an Bedeutung verloren hat, weil hier der Feind kein reales wichtiges Operationsziel hat.“

die Entscheidung mit dem verstärkten Ostflügel des Heeres zu schreiten, so war wieder der Augenblick für zeitraubende größere Kräfteverschiebungen nicht günstig, da die Russen sehr bald über ihre beiden vor Przemyśl freiwerdenden Korps verfügen konnten und überdies alle Nachrichten und Anzeichen auf den Zuschub weiterer Verbände an ihre Front in den mittleren Karpathen deuteten. Der Feind mußte daher fest an der Klinge gehalten werden, damit er nicht ungestört Vorbereitungen zu einem Schlage in unerwarteter Richtung zu treffen vermochte.

Das AOK. erließ daher in kurzer Aufeinanderfolge am 17., 19. und 20. März neue Weisungen an die südlich der Weichsel stehenden Armeen als Richtschnur für die nächste Zeit. Bei Fortführung der Offensive sollte nunmehr Pflanzer-Baltin „nach Möglichkeit“ verstärkt werden, um den Nachbararmeen vom Ostflügel her den Weg aus dem Gebirge zu öffnen. Demnach wurde dem 3. Armeekmdo. befohlen, vom 20. an die 4. KD. von Eperjes nach Ó Radna, weiters die komb. IBrig. und die 1. LstlBrig. nach Delatyn abzusenden. Pflanzer-Baltin hatte sich mit dem linken Flügel zu behaupten und mit dem rechten bei Sicherung gegen Osten und unter Festhaltung von Czernowitz den Angriff fortzusetzen.

Nach dem Einlangen der nächsten Marschbataillone — diese begannen schon am 17. im Operationsgebiete einzutreffen — sollten auch die Süd-, die 2., die 3. und die 4. Armee die Offensive wieder aufnehmen, um den Feind daran zu hindern, Kräfte im Bahntransporte gegen Westen zu verschieben und etwa aus dem derzeit schwach bewehrten Weichselbogen vorzustoßen. Die Heeresleitung machte besonders darauf aufmerksam, daß der angeordnete Angriff nicht mehr, wie bisher durch den vergeblich versuchten Entsatz von Przemyśl bedingt, unter dem Drange der Zeit stehe, sondern „mit Zähigkeit und in systematischer Weise“ zu führen sei. Dem Feinde müsse das Gesetz diktiert werden, kein Frontteil dürfe längere Zeit untätig bleiben. Der 2. Armee wurde vorgeschrieben, die Stellungen ihres Westflügels auszubauen und mit ihrem auch weiterhin zu verstärkenden Ostflügel im Einklänge mit der Südarmee den Feind zurückzuwerfen. Nach Maßgabe der Auffüllung der Stände durch die Ergänzungen war das IV. Korps für eine Verschiebung innerhalb der Armee oder für den Abtransport bereitzustellen. Die 3. Armee hatte sich auf ihrem Ostflügel zu neuerlichem Angriffe zu massieren. Endlich sollte die 4. Armee mit ihrem verstärkten Südflügel den Vorstoß beiderseits der Linie Gorlice—Jasło fortsetzen.

Falkenhayn trat indes mit anderen Plänen hervor. Er schlug der k. u. k. Heeresleitung am 22. vor, in den Karpathen zu strengster Defen-

sive überzugehen, dafür aber mit den dort erübrigten Kräften einen überraschenden Schlag gegen Serbien zu führen. Bekanntlich hatte er diese Absicht schon um die Jahreswende kundgetan (S. 96); jetzt erwartete er sich davon „die Sicherung von Flanke und Rücken einer etwa in nächster Zeit gegen Italien zu bildenden Front“. Überdies wünschte er dieses Unternehmen, um den „an den Dardanellen hart bedrängten Türken beispringen zu können“1).

Conrad hielt hiezu acht bis zehn deutsche Divisionen für notwendig, während Falkenhayn glaubte, mit drei bis vier die zahlenmäßige Überlegenheit über das serbische Heer erzielen zu können; er gedachte auf die bei der Südarmee eingeteilten deutschen Divisionen zu greifen und diese durch öst.-ung. aus dem Abschnitte nördlich der Weichsel ablösen zu lassen.

Mittlerweile waren die Russen den in Teschen gehegten Offensivplänen zuvorgekommen und hatten sich vom 20. März an mit voller Wucht auf die 3. (S. 211) und alsbald, wie noch darzustellen sein wird, auch auf die 2. Armee geworfen. Der k. u. k. Chef des Generalstabes antwortete daher am 23.: „Nach meiner Überzeugung ist auch beim Übergang zur vollen Defensive eine Schwächung der in den Karpathen und in der Bukowina kämpfenden verbündeten Streitkräfte dermalen ebensowenig durchführbar, wie ein Abziehen von Kräften des deutschen Ostheeres, welches — trotz des großen Erfolges der Masurenschlacht — dermalen auch nicht in der Lage ist, die beabsichtigte, entscheidende Offensive weiterzuführen, sondern in schweren Kämpfen sich gleichfalls der hartnäckigen russischen Angriffe zu erwehren hat.“ Conrad wollte daran festhalten, die Offensive mit starkem Ostflügel fortzusetzen, sobald die jetzt im Gange befindlichen Angriffe gegen die Armeen Boroević und Böhm-Ermolli abgeschlagen waren. Das Unternehmen gegen Serbien werde überhaupt nur dann zu verantworten sein, wenn durch Verwendung überlegener Kräfte die rasche und vollständige Niederwerfung dieses Feindes mit „absoluter Sicherheit“ zu erwarten wäre. Bliebe ein solcher durchgreifender und vernichtender Schlag aus, so wäre die Geltung Österreich-Ungarns auf dem Balkan endgültig „ruiniert“. Beim Übergange zur reinen Defensive auf dem russischen Kriegsschauplätze müßte die Front bis auf den Karpathenkamm zurückgenommen, daher die Bukowina geräumt werden, was aller Voraussicht nach Rumänien zum Losschlagen veranlassen würde. Conrad wisse aus verläßlicher Quelle, daß die Stawka von der Entente zur baldigen Wieder-

besetzung der Bukowina aufgefordert worden sei, deshalb wolle er Pflanzer-Baltin weiter verstärken, sobald an der Karpathenfront Kräfte entbehrlich sein würden.

Während diese Verhandlungen vor sich gingen, die mit der Vertagung des serbischen Projektes ihren Abschluß fanden, war Przemyśl gefallen. Falkenhayn fügte seiner Depesche vom 22. bei: ,,Von den Russen wird soeben die Übergabe von Przemyśl in die Welt gefunkt. Sollte die Nachricht zutreffen, so wird die Erinnerung an die heldenmütige Haltung der Besatzung in jedem deutschen Herzen den Entschluß nur noch verstärken, Österreich-Ungarns Feinde wie seine eigenen unter allen Umständen niederzuringen.“

Hierauf versicherte Conrad: „Der Fall Przemyśls, so tief er mich berührt, ändert nichts an meiner Überzeugung und dem festen Willen der k.u.k. Armee, komme, was da wolle, in Treue mit dem deutschen Heere durchzuhalten bis zum Ende.“

Wachsende Bedrängnis bei der 2. und der 3.Armee Hiezu Beilagen, 8 und 10 sowie Skizze 18

Schon in der Nacht auf den 20. machte sich der Entschluß der Russen zum Hauptangriff gegen die öst.-ung. Karpathenfront bei der k. u. k. 3. Armee empfindlich fühlbar. Der Feind drückte das XVII. Korps (l.Lst-IBrig. und 11. ID.) und die 22. SchD. des III. Korps nach erbitterten, vom Wiener Landsturm und von den steirischen Schützen wacker geführten Kämpfen zurück, so daß bis zum 24. eine starke Einbeulung entstand. Noch behauptete sich aber die äußerste linke Flügeldivision (28. ID.) in ihren Stellungen, gegen welche die Russen ihre Anstürme erst am 22. begannen. Auch das VII. Korps stand in heißem Gefechte; Gegenangriffe von Teilen dieses Korps konnten am 21. trotz ansehnlicher eigener Verluste nicht durchdringen. Das X. Korps wehrte die wiederholt vorstoßenden Russen jedesmal ab; die 2. ID. warf sich am 21. dem Feinde entgegen, errang auch örtliche Vorteile, dochkamihrVorgehen schon amnächstenTage wieder zum Stehen. Nur die 21. SchD. mußte ein Stück Gelände preisgeben.

Leider erreichte aber der Feind gleich zu Beginn seiner Offensive, daß die für Pflanzer-Baltin bestimmten Verstärkungen (S. 226) nicht abtransportiert werden konnten. Schon am 20. vormittags bat das 3. Armeekmdo. um ihre Belassung, damit die schüttere Front in der Richtung auf Sztropkó nicht durchstoßen werde. Das AOK. gewährte diese Bitte sogleich.

Die 4.KD. befand sich mit Teilen bereits in der Einladestation Eperjes, einige Transporte waren sogar schon abgerollt. Da inzwischen die 11.ID., überfallsartig vom Feinde angegriffen, ihre Gräben nahezu kampflos preisgegeben hatte, wurde die Reiterdivision zur Umkehr befohlen; ihr Einsatz in die entstandene große Lücke stellte die Lage wieder her. Die komb. IBrig. (IR. 81 und 88) wurde mit je einem Regiment wcstlich und östlich der Laborcza zur Stützung des X. Korps eingesetzt, während die

1.    LstlBrig. noch nicht ausgelöst war1). Die Heeresleitung verfügte am 20. die Unterstützung der Armee Boroević durch Böhm-Ermolli. Dieser beabsichtigte, die 27. und die 14. ID. nach dem Eintreffen der Marschformationen aus der Front zu ziehen und bei Cisna zu versammeln. Nun sollten diese Kräfte nach Maßgabe ihrer Bereitstellung truppenkörperweise an den linken Nachbar abgeschickt werden.

Unterdessen hatten sich aber die Russen auch auf die 2. Armee gestürzt und erzielten an vielen Stellen Erfolge2). Ehe beim V.Korps der Angriff der komb. 3 l.ID., FML. Lütgendorf (S. 210), begonnen hatte, wurde die 37. HID. am 21. zurückgeworfen und das XVIII. Korps verlor einige wichtige Stellungsteile; bei der Nordgruppe Tersztyánszkys wurden die inneren Flügel der 13. SchD. und der 27. ID. eingedrückt, während die Chryszczata in wechselvollem Ringen genommen und behauptet werden konnte.

Der Helfer war somit selbst in Bedrängnis geraten.

Tersztyánszky vermochte nur wenige Bataillone für die 3. Armee freizumachen. Boroević ersuchte um deren Einsatz am linken Flügel der

2.    Armee (34.ID.), um seiner 24.ID. die Abwehr auf dem Beskidkamme zu erleichtern.

Die große entscheidungsuchende Offensive der Russen war nunmehr in vollem Gange. Es spricht für die nie verzagende Zuversicht Conrads, daß er das Heraustreten des Feindes aus dem schützenden Bereiche seiner starken Stellungen begrüßte, da sich nun die erwünschte Gelegenheit biete, die russische Angriffskraft zu zermürben. In dem Befehle vom 21. abends

x) Pflanzer-Baltin erhielt statt der ihm hiedurch entzogenen Verstärkungen die 8. KD. der 2. Armee.

2) Aus den Akten ist nicht zu entnehmen, wann das 2. Armeekmdo. verständigt wurde, daß man den Durchbruchsplan der Festungsbesatzung von Przemyśl gegen Sambor fallengelassen habe. Da sich aber die geplante Hilfsaktion des Ostflügels der Armee Böhm-Ermolli auch in den Rahmen der beschlossenen großen Offensive einordnete, scheint das AOK. diese Benachrichtigung nicht für dringend gehalten zu haben; möglicherweise stand jedoch schon die Verschiebung des Angriffsbeginnes (S.210) mit der Kenntnis der geänderten Absichten Kusmaneks in Zusammenhang.

hieß es. das AOK. gewärtige, daß die braven Truppen der 2. und der

3. Armee, die sich in den Schneestürmen des Winters durch Härte und Ausdauer bewährt hatten, bis zum vollen Erfolge durchhalten würden. Das 2. Armeekmdo. habe die aus Tersztyánszkys Nordgruppe auszulösenden Kräfte am Westflügel einzusetzen, damit der Raum bei Wola Michowa verläßlich behauptet werde; die 14. ID. möge dem V. Korps zugewiesen werden, um den Rückschlag bei der 37. HID. wettzumachen. Böhm-Ermolli erhielt freie Hand, den eingeleiteten Angriff Lütgendorfs weiterführen oder die hiefür bestimmten Kräfte an anderer Stelle „aktiv eingreifen“ zu lassen. Von der 4. Armee wurde gefordert, einen Vorstoß gegen ihren Südflügel mit einem Gegenschlage zu beantworten; sie müsse aber die 26. SchD. an die 3. Armee abgeben. Diese Division gelangte hierauf mit einer Brigade im Fußmarsch über Zboró zur 22. SchD. des III. Korps, mit der anderen im Bahntransport von Grybów über Neusandez und Eperjes gegen Bartfeld zum XVII. Korps. Ihr Einsatz erfolgte regimenterweise.

Erst am 22. vormittags wurde Böhm-Ermolli vom AOK. unterrichtet, daß der Durchbruchsversuch der Besatzung von Przemyśl am 19. gescheitert sei; am Nachmittag kam dann die traurige Nachricht von dem Falle der Festung nach Ungvár. Das 2. Armeekmdo. entschloß sich mit Rücksicht auf die Gesamtlage und auch im Hinblick auf die stark erschütterte 37. HID., Lütgendorfs Vorrückung trotz ihres guten Fortschrei-tens einzustellen und zunächst die ins Wanken geratene Front des V. Korps zu festigen. Ungeachtet dessen wies die verstärkte 37. HID. ebenso wie die

33.    ID. am 22. neue Anstürme der Russen ab, während das XVIII. Korps ein Stück zurückwich. Bei der Gruppe Tersztyánszky — Korps Schmidt (13. SchD., 32. und 27. ID.) und Korps Trollmann (41. HID., 29. und

34.    ID.) — wurden die 27. und die 34. ID. in ihre vor Beginn der Offensive eingenommenen Stellungen zurückgedrückt, doch an anderen Stellen berannte der Russe vergeblich die Front.

Am 23. herrschte bei den Mittelkorps der Armee Boroević leidliche Ruhe. Umso heftiger wütete jedoch der Kampf an den Flügeln; er forderte auf beiden Seiten schwere Opfer. Die 22. SchD. rang hartnäckig um den Kastelik vrch; ihr war das SchR. 10 der 26. SchD. zu Hilfe geeilt. Mit rühmenswerter Standhaftigkeit schlug das X. Korps den Ansturm der Russen ab. Die 21. SchD. hatte am 21. (S. 228) und nun auch am 23. Gelände preisgeben müssen, wobei sich aber der heldenmütige Widerstand des Egerer SchR. Nr. 6 den glänzendsten Episoden der Karpathenschlachten anreihte; freilich schmolz dabei das Regiment von 3000 auf 800 Feuergewehre zusammen. Jetzt schien aber das Ungewitter gegen den rechten Flügel des X. Korps (24. ID.) zu ziehen. Der Feind ballte starke Kräfte zusammen, offenbar in dem Bestreben, den inneren Flügeln der Armeen Böhm-Ermolli und Boroević den Beskidrücken zu entreißen. Wiederholt forderte das 2. Armeekmdo. seinen linken Nachbar auf, einer Erschütterung dieses wichtigen Eckpfeilers durch einen gemeinsamen Angriff der 34. und der 24. ID. vorzubeugen.

Überhaupt suchte Böhm-Ermolli in vorbildlicher Weise die 3. Armee in weitestgehendem Maße zu unterstützen, doch die Schläge gegen seine eigene Front vereitelten diese Absicht immer wieder von neuem. So glückte den Russen in der Nacht zum 23. ein Überfall auf die 9. ID. des XVIII. Korps, der die Widerstandskraft der hiebei in Mitleidenschaft gezogenen Truppen nachhaltig schwächte. Sowohl bei der 2. als auch bei der 3. Armee erlahmte bei diesen Zusammenstößen der Kampfwille zuerst bei der Mehrzahl jener Verbände, die sich aus tschechischer Mannschaft zusammensetzten, wodurch die feindlichen Unternehmungen wesentlich erleichtert wurden. Solches Versagen wirkte stets verderblich auf die wacker ausharrenden Nachbartruppenteile und verlangte von diesen verdoppelte Hingebung, was Opfer von erschreckender Höhe' bedingte. Die in der Heimat betriebene politische Agitation durfte sich ihres Erfolges rühmen.

An die Führung der 2. Armee traten vielfältige und schwere Aufgaben heran. Augenblicklich war die Abwehrkraft am heftigsten beim XVIII. Korps erschüttert, wodurch auch die selbst nicht angegriffene 14. ID. Tersztyánszkys zum Abbiegen ihres Flügels genötigt wurde. Durch Abgaben von der Armeegruppe Tersztyánszky, bei der eine kurze Kampfpause eingetreten war, sowie vom V. Korps, dessen 33. ID. sich gegen die russischen Vorstöße tapfer behauptete, konnten insgesamt elfeinhalb Bataillone zur Herstellung der Lage beim XVIII. Korps und zur Wiedergewinnung der verlorenen Höhe Stoly zugeschoben werden. Aber auch der Hilferuf des 3. Armeekmdos., wo man die herannahende Krise des Ostflügels bereits ahnte, verhallte nicht ungehört. Die 34. ID. hielt sich zum Gegenangriff bereit, sobald die vor der 24. ID. angesammelten russischen Kräfte zum Schlage gegen den Beskidkamm ausholen würden. Weiters wurde bei Szinna im Etappenraum der 2. Armee ein Detachement (fünf Marschbataillone und drei Kanonenbatterien) unter dem Obst. Biffl gebildet und hinter den rechten Flügel der 3. Armee geschoben, wohin auch die 1. LstHusBrig. der Gruppe Szurmay kam.

Den gleichen Zweck verfolgte ein Befehl des AOK. an das 4. Armcc-kmdo., alle verfügbaren Kräfte mit der Bahn an den Ostflügel der 3. Armee zu führen. Ohnedies war die Offensive gegen Gorlice längst auf einem toten Punkte angelangt; man beschränkte sich darauf, dem Feinde ihre Wiederaufnahme vorzutäuschen und seine gelegentlichen Vorstöße abzuweisen. DasAOK. glaubte zu dieser Zeit, daß die Russen aus ihren Brückenköpfen am unteren Dunajec gegen den schwachen Nordflügel der 4. Armee vorzubrechen beabsichtigten, doch scheinen sie daran nicht gedacht zu haben; möglicherweise trugen die Bombenwürfe eines 24cm-Mörsers gegen diese Brücken dazu bei, etwa bestehende Pläne im Keime zu unterdrücken. Erzherzog Joseph Ferdinand führte nun der 3. Armee zwei in Reserve befindliche Regimenter (IR. 28 und KJR. 4) zu.

Mittlerweile scheiterte am Westflügel der Armee Boroević ein Versuch der 22. SchD., sich am 24. März wieder des Kastelik vrch zu bemächtigen. Die Division wich in eine hintere Linie aus, worauf der Führer des III. Korps beabsichtigte, seine ganze Front vom Feinde abzusetzen und bis beiderseits von Zboró zurückzunehmen. Die Folge war, daß die erwähnten Verstärkungen nicht, wie es das AOK. ursprünglich gewünscht, dem X., sondern dem linken Flügel des III. Korps zuflossen.

Beim XVII. Korps vereitelte die tapfere 1. LstlBrig., verstärkt durch zwei Bataillone der 26. SchD., alle Bemühungen der Russen, in ihre Stellung einzudringen. Ebenso wacker hielt sich die 4. KD., in deren Reihen das SchR. 12 eingeschoben wurde. Gegen das VII. Korps verhielt sich der Feind am 24.untätig. Die 21.SchD.erwehrte sich eines russischen Vorstoßes.

In der Nacht auf den 24. hatte sich aber das Ungewitter gegen die

24. ID. entladen. Nach heißem Ringen und sehr großen beiderseitigen Verlusten wurde diese Division in den Morgenstunden von der Kammhöhe geworfen; ihre Reste sammelten sich im Raume südöstlich von Virava. Die Gegenangriffe der 34. ID. waren nicht imstande, dieses Mißgeschick abzuwenden; ihr linker Flügel behauptete sich jedoch östlich von der Einbruch stelle auf dem Beskidrücken.

Die vorausschauenden Maßnahmen des 2. Armeekmdos. trugen jetzt gute Früchte, weil das heranmarschierende Detachement Obst. Biffl zeitgerecht in die vom Feinde aufgerissene Lücke zwischen beiden Divisionen eingesetzt werden konnte.

Böhm-Ermolli erwog, die gleich einer Bastion gegen den Feind vorspringende Front der Nordgruppe Tersztyánszkys in eine Sehnenstellung zurückzunehmen, um hiedurch die 14. und die 27. ID. leichter aus der vordersten Linie lösen zu können, verzichtete aber auf die Durchführung dieser Absicht, als der Feind eine Ausbeutung seines auf dem Beskidkamme errungenen Erfolges unterließ. An den anderen Frontabschnitten der

2.Armee verlief der 24.März ruhig; nur bei der 33.ID. und beim Korps Schmidt versuchten die Russen gegen unsere Stellungen vorzudringen.

Wegen der Zuspitzung der Lage, die durch den teilweisen Verlust des Beskidkammes entstanden war, forderte die Heeresleitung das

4. Armeekmdo. auf, Boroević noch weiter zu unterstützen. Der Erzherzog stellte die Hauptkraft der 8. ID. in der Gegend von Grybów für den Bahntransport in das Laborczatal bereit. Indes trat abermals einer jener unvorhergesehenen Zwischenfälle ein, die das sorgfältigst vorbereitete Konzept der Führung zu Schanden zu machen pflegen. In der Nacht auf den 25. überfielen die Russen die 28.ID., durchbrachen ihre Front nächst Konieczna und rissen damit die inneren Flügel der 4. und der 3. Armee weit auseinander. Darauf ging das ganze III. Korps auf Weisung seines Führers bis Zboró zurück. Hierüber äußerst befremdet, befahl das AOK. dem Armeeführer, sich selbst nach Bartfeld zu begeben, die näheren Umstände zu erheben und die Verwendung der schon früher vom 4. Armeekmdo. zugesendeten Verstärkungen an Ort und Stelle zu regeln1).

Diese bedauerlichen Vorgänge beeinflußten nunmehr die Verwendung der 8. ID., deren Abtransport auf Vorschlag des 4. Armeekmdos. eingestellt wurde. Auf dessen Antrag sollte die Division im Laufe des

26. bei Uście Ruskie gesammelt werden, am folgenden Tage in der Richtung über Regetów angreifen und auf diese Weise die zwischen den beiden Armeen klaffende Lücke schließen.

Am 25. brandeten die russischen Massen fast überall an die Stellungen der 2. und der 3. Armee heran, ohne jedoch anderswo ähnliches Unheil wie beim III. Korps anzurichten. Die 2. Armee nahm die Angriffsgruppe des FML. Lütgendorf freiwillig in die allgemeine Front zurück, die 33. ID. hielt russischen Vorstößen stand, während sich der rechte Flügel des XVIII. Korps zur Wiedereroberung der Höhe Stoły anschickte. Dem Ansturme des Feindes gegen den linken Flügel dieses Korps und gegen die ganze Front des Korps Schmidt konnten Schranken gesetzt werden. Im Rahmen der Armee Boroević spielten sich Kämpfe haupt-

1) Boroević berichtete nach Teschen, die Russen seien am 25. bei Morgengrauen völlig unerwartet vor den Gräben des IR. 47 (28. ID.) aufgetaucht und hätten unter Ausnützung der eingetretenen Verwirrung das sonst jederzeit bewährte Regiment zurückgedrängt. Daß unverhältnismäßig viel Gelände preisgegeben wurde, habe die Korpsführung verschuldet, die eine schon früher für den kritischesten Fall ausgegebene Rückzugsdisposition ohne Nötigung in Kraft setzte. Allerdings war die verlassene Stellung sehr ausgedehnt und nur schütter besetzt. Die Truppen waren stark hergenommen und wiesen erhebliche Abgänge auf. Vgl. auch Schwarzleitner, Das III. Korps in den Karpathen (Österr. Wehrzeitung, Wien, Jhrg. 1923, Folge 2, 5, 6, 7).

sächlich bei der 45. SchD. und der 20. HID. ab, deren Truppen, Tag und Nacht von den Russen berannt, nicht vom Platze wichen, des weiteren bei der durch das SchR. 9 der 26. SchD. verstärkten 1. LstlBrig., die den feindlichen Sturmwellen zu trotzen wußte.

Damit waren aber die wackeren Verteidiger an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit angelangt. Böhm-Ermolli berichtete in diesem Sinne an das AOK. und wies besonders auf die erschütterte Kampfkraft des V. und des XVIII. Korps hin. Unter solchen Umständen verzögerte sich das Ausscheiden von Reserven und Tersztyánszky meldete, daß die 14. und die

27. ID. vorerst nicht aus der Front gelöst werden könnten.

In Teschen täuschte man sich nicht darüber, daß sich die Gefahr eines russischen Durchbruches der öst.-ung. Gebirgsstellungen in der Richtung gegen Budapest durch Mitwirkung des freigewordenen Gros der 11. Armee wesentlich gesteigert hatte. Glückte dies dem Feinde, dann mochte auch die westgalizische und polnische Front der Verbündeten unhaltbar werden. Conrad gab daher dem GdI. Falkenhayn am 24. März zu erwägen, ob nicht zwei bis drei deutsche Divisionen in die Karpathen abzuschicken wären.

An der deutschen Westfront war um diese Zeit der auf Lille angesetzte Durchbruch der Engländer bereits am 13. März als gescheitert zu betrachten gewesen. Auch bei der am 20. erloschenen „Winterschlacht in der Champagne“ war es den Franzosen nicht gelungen, die deutschen Linien zu durchstoßen. Die DOHL. kam jedoch erst Ende März zur Überzeugung, „daß es den Gegnern im Westen in absehbarer Zeit nicht möglich sein werde, eine Entscheidung zu erzwingen“1). Falkenhayn zögerte mit einer ausreichenden Hilfeleistung in den Karpathen, zumal infolge der durchgreifenden Umbildung des Westheeres in Divisionen zu drei Infanterieregimentern erst im April schlagfertige Einheiten verfügbar wurden und Hindenburg unweit der Südgrenze Ostpreußens gegen russische Übermacht focht2). Abgesehen davon sträubte sich der deutsche Generalstabschef innerlich dagegen, seine gebirgsfremden Truppen in den als fruchtlos angesehenen Karpathenkämpfen verbrauchen zu lassen. Vorerst verlangte er am 25. von Conrad, daß dieser alles daran setze, um das k. u. k. Ministerium des Äußern zu ungesäumtem Abschlüsse mit dem römischen Kabinette zu bewegen; denn wenn dort die Lage der 2. und der 3. Armee bekannt würde, sei eine Einigung überhaupt nicht mehr

*) F a 1 k e n h a y n, 56.

2) Nach Angabe Falkenhayns standen den 383/2 Divisionen des deutschen Ostheeres 531/2 russische Divisionen gegenüber.

zu erwarten. Daran, fügte er hinzu, könne auch das etwaige Eingreifen von zwei deutschen Divisionen nichts ändern.

Aber am 26. und 27. nötigte die äußerst gespannte Lage die beiden Heeresleitungen doch zu einer Vereinbarung. Es wurde die Bildung eines deutschen Beskidenkorps unter dem Befehl des GdK. v. d. Marwitz beschlossen; hiezu hatten General Woyrsch die 35. RD., die Südarmee die deutsche 4. ID. und Hindenburg die 25. RD. seiner 9. Armee beizustellen. Zuerst erfolgte vom 27. an der Abtransport der25.RD. (vorläufig nur zu zwei Infanterieregimentern und drei Artillerieabteilungen); die beiden anderen Divisionen begannen die Bahnfahrt am 29. März. Außerdem sollte auch Böhm-Ermolli entbehrliche Kräfte dem Ostflügel der 3. Armee zusenden. Die Heeresleitung regte überdies einen Entlastungsvorstoß des linken Flügels der 2. Armee an, doch ihr Führer, der ein solches Unternehmen für aussichtslos hielt, half dem GdI. Boroević mit der bereits im Anmarsche auf Homonna befindlichen 1. LstHusBrig. und mit einer kombinierten Division unter dem FML. Martiny aus. Diese bestand an Infanterie aus einer später auf dreieinhalb Bataillone verminderten kombinierten Brigade (Teile der 14. und der 27. ID.), die im Fußmarsche über Telepócz anrückte und aus der 128. HIBrig. der Gruppe Szurmay1), deren Abtransport von Fenyvesvölgy am 28. begann.

Die Krise (26. bis 31. März)

Unaufhörlich hämmerten die Russen auf die 2. und die 3. Armee los und entrissen der öst.-ung. Front am 26. und 27. März manches Stück Boden. Dem XVIII. Korps Böhm-Ermollis gelang es unter diesen Umständen nicht, die Höhe Stoły zu erobern, und die 32. ID. (Korps Schmidt) wurde am 27. nach tapferer Gegenwehr zum Ausweichen gezwungen. Bei der Armee Boroević zerschellte am 26. ein gegen die 2. ID. des X. Korps gerichteter Angriff, wobei die Russen große Verluste erlitten. Auch die 45. SchD. war seit diesem Tage 2) in heftige Abwehrkämpfe verstrickt, von denen alsbald auch der rechte Flügel der 20. HID. in Mitleidenschaft gezogen wurde. Ebenso heftig machte sich der feindliche Anprall gegen die anderen Teile des VII. Korps geltend; die 17. ID. hielt stand,

J) Als Ersatz für die 128. HIBrig. (früher 128. LstlBrig.) verlangte das 2. Armeekmdo. die Rückgabe der beim Korps Hofmann kämpfendenBataillone der 38.HID. (S. 185).

2) Die 45. SchD. wurde am 28. dem VII. Korps unterstellt.

die 1. KD. wurde aber etwas zurückgedrückt. Verlor beim XVII. Korps die 1. LstlBrig. nach tapferer Gegenwehr ihren Stellungsteil, so wies doch das bei ihr eingeteilte SchR. 9 die abermals angreifenden Russen ab, denen es auch nicht glückte, die 4. KD. zum Wanken zu bringen. Auch in dem links anschließenden Abschnitt wurden alle Gräben behauptet.

Große Sorge bereitete aber die Bedrängnis des X. Korps. Da sich am anstoßenden Flügel der 2. Armee das XIX. Korps seit einigen Tagen verhältnismäßiger Ruhe erfreute, schlug FML. Trollmann, so wie es auch das AOK. wollte, einen Entlastungsstoß in der Richtung Łupków-Palota vor. Das 2. Armeekmdo. ließ sich jedoch bei den ungeklärten Verhältnissen nicht darauf ein und bestand auf fortgesetzter Bildung von Reserven; es befahl dem GdK. Tersztyánszky, der nach Einsatz der Marschformationen über 52.000 Feuergewehre verfügte, das Gros der 27. ID. bei Cisna zu sammeln1). Mit der Ablehnung des vom XIX. Korpskmdo. vorgeschlagenen Vorstoßes behielt die 2. Armee recht; denn alsbald hatte sie krisenhafte Tage zu überstehen, deren Ausgang sich noch schlimmer gestaltet hätte, wenn jener Plan ausgeführt worden wäre. Am 28. wurde der Nordgruppe Tersztyánszkys die blutgetränkte Manilowahöhe entrissen; die 32. ID. des Korps Schmidt vermochte sich nicht länger zu behaupten und auch die 13. SchD. kam ins Gleiten. Nur die 43. SchD. focht nicht ohne Glück, doch mußten einige für die komb. ID. FML. Martiny bestimmte Bataillone zurückbehalten werden.

Bei diesem unerfreulichen Kampfverlaufe ließ sich die Ausführung der vom 2. Armeekmdo. schon am 24. erwogenen Absicht nicht länger aufschieben (S. 232). Am 28. wurde die Nordgruppe Tersztyánszkys in die befestigte Sehnenstellung zurückgenommen und damit die vorspringende Bastion mit einem Raumverlust von etwa 3y2km abgetragen.

Im Grenzgebiete der 4. und der 3. Armee übernahm FML. Králiček, der Führer des IX. Korps, den Befehl über die hier bereitgestellten Gefechtsgruppen. Diese rückten konzentrisch zum Angriff überRegetow (S. 233) vor. FML. Fabini mit dem Gros der 8. ID. und der komb. IBrig. Obst. Fischer (IR. 59 und SchR. 30), rechts begleitet durch die halbe

11. HKD., gegen Südosten, das Detachement GM. v. Haustein (IR. 87 und eine Feldkanonenbatterie) sowie die beiden von der 4. Armee zur Verfügung gestellten Regimenter (IR. 28 und KJR. 4) gegen Nordosten. Der kräftige Widerstand der Russen östlich von Regetów konnte jedoch von den auf weiten Raum verteilten Angriffstruppen, die sich ihren Weg mühsam durch tiefen Schnee bahnen mußten, nicht überwunden werden.

*) Das Detachement Biffl wurde aufgelöst und durch Verbände der 34. ID. ersetzt.

Über die Frage, wie nunmehr einem feindlichen Durchbruche an der Nahtstelle der zwei Armeen am besten vorzubeugen sei, vermochten sich die beiden Armeekmdos. nicht zu einigen. Die Heeresleitung billigte endlich am 29. den von Okocim ausgehenden Vorschlag, die Lücke nicht zu schließen, sondern die Angriffstruppen derart zurückzunehmen, daß der Südflügel der 4. Armee — mit einer starken Reserve von sechs Bataillonen bei Hańczowa — jederzeit zu einem Flankenstoß bereit blieb, falls die Russen den linken Flügel der Armee Boroević angreifen sollten. Damit war einer Kräftezersplitterung am besten vorgebeugt. Fehlte der Aktion über Regetów auch der taktische Erfolg, so überlegte es sich der Feind von nun an doch, den Stoßkeil gegen die Nahtstelle der beiden Armeen weiter vorzutreiben.

Der Druck der Russen gegen die 3. Armee hielt beim X. und beim

XVII. Korps auch während der nächsten Tage an. Die 4. KD. bestand am 28. einen überaus harten, aber mit vorbildlicher Tapferkeit geführten Abwehrkampf, der ihr die warme Anerkennung des Feldmarschalls Erzherzog Friedrich eintrug; am nächsten Tage wurde sie jedoch unter erheblichen Verlusten ein Stück zurückgedrängt, da die in ihrer Front eingereihten Abteilungen eines tschechischen Schützenregiments gänzlich versagten. Im Abschnitte des X. Korps bewährte sich die 2. ID. (mit dem mährischen IR. 81) in zäher Verteidigung gegen den Tag und Nacht losstürmenden Feind. Diesem gelang zwar ein Einbruch an der Nahtstelle zur 24. ID., dann ging ihm aber der Atem aus, so daß die Front wieder zusammengeschlossen werden konnte.

Schon marschierten die von Böhm-Ermolli der 3. Armee zur Verfügung gestellten Teile der Division Martiny heran, als sich gerade in diesem Augenblick die Lage bei der 2. Armee weitaus schwieriger gestaltete als bei ihrem Nachbar. Nach längerer Unterbrechung nahm der Feind am 29. seine Angriffe gegen alle drei Divisionen des XIX. Korps wieder auf. Heftig wogte der Kampf hin und her; noch glückte es an diesem Tage, die Stöße abzuwehren. Daß der rechte Flügel der 41. HID. abgebogen werden mußte, war nur ein Folge des Abzuges der Nordgruppe Tersztyánszkys, die im Laufe der Nacht und des Vormittags in der hinteren Stellung einlangte1). Ebenso mußte auch das XVIII.Korps seinen linken Flügel zurückbiegen. Schlimm sah es bei der 37. HID. des V. Korps aus, die von den Russen geworfen wurde, während sich die 33. ID. zu behaupten vermochte. Als sich der Feind nun mit ansehnlichen

*) Bei der Nordgruppe standen sodann von rechts nach links: 43. SchD., 32. ID. und 13. SchD. Als Reserve Tersztyánszkys das Gros der 27. ID. bei Cisna.

Kräften in die zum XVIII. Korps hin aufgesprungene Lücke hineinschob, wurde FML. Ziegler, der neuernannte Führer dieses Korps, beauftragt, mit vier Regimentern — teils von der Gruppe Tersztyánszky, teils vom V. Korps — in den entblößten Raum vorzudringen und das südlichc Sanufer wieder zu gewinnen.

Böhm-Ermolli, bestrebt, das Gefüge der Hauptkraft seiner Armee durch frische Kräfte zu festigen, bat die Heeresleitung um Freimachung von Szurmays 38. HID. durch die Südarmee. Er holte sich jedoch vorerst einen ablehnenden Bescheid. Die 38. und die 40. HID. hielten den russischen Anstürmen in der Nacht auf den 29. ebenso stand wie die 38. allein den wiederholten Angriffen des Feindes am 30. und 31. März.

An diesen beiden Tagen setzten die Russen ihr verhängnisvolles Werk aber auch gegen die Mitte und den Westflügel der 2. Armee fort und durchbrachen die Front des XIX. Korps. Die 41. HID. räumte nach einer Standeseinbuße von 60 v. H. ihre Stellung und die Korps Trollmann und Schmidt mußten in die Linie Südende Jabłonki—Tousty Dil (auf dem Beskidkamm) zurückgenommen werden. Ausnahmsweise drängte der Feind der 13. SchD. so hitzig nach, daß diese an beiden Tagen in schwere und verlustreiche Kämpfe verwickelt wurde. Ein russischer Einbruch bei der 32. ID. konnte nur dadurch begrenzt werden, daß ihr Führer, GM. Ludwig Goiginger, die Divisionsreserve persönlich dem Feinde entgegenwarf. Das

XVIII. Korps nahm nach einem in der Abwehr erzielten Augenblickserfolg jetzt seinen linken Flügel zurück, um Tersztyánszky mit einigen Abteilungen beispringen zu können, büßte aber am 31. seine Selbstlosigkeit mit erheblichem Geländeverlust auf dem rechten Flügel. Schon hatte am 30. FML. Ziegler seine vier Regimenter zum Vorrücken befohlen, als das 2. Armeekmdo. um die Mittagsstunde die Einstellung der Bewegung befahl, weil sich das V. Korps nicht länger halten konnte. Überdies mußte die 37. HID. (2000 Feuergewehre) weiter nach Südosten Raum geben. Der Korpsführer, FML. Scheuchenstuel, beantragte hierauf den Rückzug auf die Höhen knapp nördlich vom Wolosate-Wetlinkatale. In Anbetracht der heillos verschlimmerten Verhältnisse konnte GdK. Böhm-Ermolli seine Zustimmung nicht versagen.

Am 27. März war unterdessen dem 3. Armeekmdo. vom AOK. die Zuführung des deutschen Beskidenkorps und der komb. ID. Martiny angekündigt worden. Die russische Offensive sollte durch einen geschlossenen, starken und einheitlichen Angriff, dem sich das X. und das VII.Korps anzuschließen hätten, endgültig abgewiesen werden, wobei ein tropfenweiser Einsatz dieser Verstärkungen nicht erfolgen durfte. Im Gegensätze zu den Anweisungen des Vormonates, die ein unbedingtes Ausharren gefordert hatten, verfügte aber jetzt die Heeresleitung, daß das III. und das XVII. Korps, wenn die Armee vor vollendeter Bereitstellung der frischen Kräfte zum Ausweichen gezwungen werde, in eine nach Nordosten gekehrte Front zurückzunehmen seien, um einen Gegenangriff in die Flanke des vordringenden Feindes führen zu können1).

Unter dem Eindrücke der schweren Krisen der Abwehrschlacht wandte sich der Armeeführer am 29. mit der Frage an die Heeresleitung, ob das Verbot, die anrollenden Kräfte zu verwenden, auch dann Geltung behalte, wenn das X. und etwa auch das VII. Korps vor bewirkter Versammlung der deutschen Armeekörper zum Rückzuge gezwungen würden und durch den Einsatz frischer Truppen die Verteidigungsabschnitte festgehalten werden könnten. Das AOK. antwortete, daß die ungestörte, noch etwa eine Woche erfordernde Bereitstellung der neuen Verbände selbstverständlich gesichert werden müsse, ein einheitlicher Einsatz des deutschen Beskidenkorps sei jedoch anzustreben.

GdI. Boroević beabsichtigte, dieses Korps bei Homonna und nördlich davon zu beiden Seiten der nach Mezölaborcz führenden Bahn zu versammeln und beiderseits des Laborczatales angreifen zu lassen. Schon achtundvierzig Stunden nach der hierüber erstatteten Meldung war jedoch der Armeeführer anderen Sinnes geworden und bezweifelte das Gelingen dieses Angriffes. Wie er nachTeschen berichtete, sei die Angriffsstaffel von 50.000 Feuergewehren gegenüber 40.000 russischen zu schwach, das Gelände schwierig, die Artilleriewirkungunzulänglich,dieKampfkraftderTruppen mit jener zu Beginn des Krieges nicht zu vergleichen, endlich seien die Deutschen im Gebirge ungeübt. Nach allen bisherigen Erfahrungen werde sich die Offensive nach geringem Raumgewinn festlaufen; es wäre daher besser, den Stoß so lange aufzuschieben, bis sich der Russe durch seine Anstürme geschwächt und sich hiedurch das Kräfteverhältnis günstiger gestaltet habe. Boroević schlug vor, die eintreffenden frischen Verbände

x) In ähnlicher Weise äußerte sich die Heeresleitung am 29. März in einer Depesche an das 2. und das 3. Armeekmdo., die die Mängel der bisherigen Gefechtsführung berührte: auch der ungefähr gleich starke Feind kämpfe mit relativ schwachen Kräften in ausgedehnter Front. Er müsse an weiterem Vorgehen gehindert werden, bis man nach Erschöpfung seiner Angriffskraft selbst zur Offensive übergehen könne. Durch lediglich passiven Widerstand in gleichmäßig besetzter Linie sei dieses Ziel nicht zu erreichen. In den letzten Tagen sei es den Russen gelungen, durch zusammengefaßten Stoß an einzelnen Stellen unserer dünnen Front einzubrechen. Die Folge davon sei: allmählicher Raumverlust. Man lasse lieber „bewußt“ eine Lücke bestehen, um den eingedrungenen Feind sodann mit zurückgehaltenen und geschonten Kräften anzufallen.

mangels anderer Reserven zu verläßlicher Stützung der Front zu verwenden und das Beskidenkorps noch enger, als es anfangs beabsichtigt war, an der Bahnlinie zu versammeln, um sich für die kommende Zeit größere Handlungsfreiheit zu sichern.

Die Antwort traf am frühen Morgen des 30. März ein. Das AOK. erklärte, wiederholt darauf hingewiesen zu haben, daß der Zeitpunkt für den Übergang zur Offensive von der Erschöpfung der feindlichen Angriffskraft abhänge. So gebühre den seit mehr als einer Woche schwer ringenden Truppen des Ostflügels der 3. Armee höchstes Lob für ihr Bestreben, dieses erste Ziel zu erreichen. Bis zur Versammlung der Deutschen werde es klar sein, ob die Russen ihren Druck gegen Bartfeld und nördlich davon, oder gegen Girált, Sztropkó und das Olyka- und Laborcza-tal fortsetzten. Im letzten Falle sei ein planmäßiges Stützen der Kampffront unvermeidlich. Stoße aber der Feind in südwestlicher Richtung weiter gegen das XVII. und das III. Korps los, so wäre ein geschlossener Einsatz der deutschen Kräfte in einer später noch zu bestimmenden Richtung angezeigt. Für Stützungszwecke sollte auf die Gruppe Martiny und nicht auf das Beskidenkorps gegriffen werden.

Inzwischen hatte sich aber die Krise bei der 2. Armee sehr verschärft. Am 30. März abends telegraphierte GdK. Böhm-Ermolli nach Teschen, bisher sei er nach Kräften bemüht gewesen, „den Intentionen des AOK. zu entsprechen“, habe niemals „pessimistische Berichte“ erstattet und sich hiedurch den Anspruch erworben, nicht mißverstanden zu werden. Bereitwillig habe er in den letzten Tagen der hartbedrängten 3. Armee so rasch wie möglich Kräfte zur Verfügung gestellt. Nun führe man aber dem Ostflügel des GdI. Boroević drei deutsche Divisionen zu, die für defensive Zwecke genügen würden. An eine Offensive zu denken sei im Rahmen der Streitkräfte südlich der Weichsel ausgeschlossen. Angesichts dieser Verhältnisse wiederhole er nunmehr seine schon am Vormittag gestellte Bitte um Verstärkung durch eine Division und um Rückgabe der Gruppe Martiny1). Seine Truppen seien aufs äußerste erschöpft; der Bogen dürfe nicht überspannt werden. Aus diesem Grunde wie auch aus Geländerücksichten könne der Ostflügel des V. Korps nicht am San belassen werden, wie es die Heeresleitung verlange. Dem Armeekmdo. stünden nur noch 1500 Feuergewehre als letzte Reserve zur Verfügung.

Nach der von der Heeresleitung erteilten Erlaubnis traten hierauf

x) Vom FML. Martiny befanden sich am 30. abends hinter dem Ostflügel der 3. Armee: 3!/2 Bataillone, 1 Schwadron und 6 Batterien von der Gruppe Tersztyánszky und das HIR. 30 von der 128. HIBrig. der Gruppe Szurmay.

die mit Fußmärschen zu Boroević herangezogenen Teile der Gruppe Martiny ihren Rückmarsch zur 2. Armee an; auch die 128. HIBrig. sollte nach Fenyvesvölgy zurückgefahren werden.

Da alles Geschütz und sämtliche Fuhrwerke des XVIII. Korps auf die einzige Straße über Cisna angewiesen waren und sich das rechtzeitige und geordnete Abfließen des Trosses bei den wenigen fahrbaren Verbindungen zu einer drückenden Sorge gestaltete, erhielt Tersztyánszky am 31. den Befehl, die Stellungen wenigstens noch zwei bis drei Tage zu halten. Um kein Mittel zur Besserung der Lage ungenützt zu lassen, wurde Boroević ersucht, seinen Ostflügel wieder bis zum Beskidkamm auszudehnen, was der Führer der 3. Armee jedoch unter Hinweis auf die Wegnahme der Gruppe Martiny ablehnte.

Am Nachmittag des 31. gab das 2. Armeekmdo. für den Fall unausweichlicher Notwendigkeit einen Rückzugsbefehl aus, nach dem die Armee hinter den Karpathenhauptkamm in eine um 16 km verkürzte Front zurückzugehen gehabt hätte.

In denselben Stunden sah sich auch die Heeresleitung genötigt, durch Ausgabe abändernder Befehle der sich mehrenden Bedrängnis der 2. Armee Rechnung zu tragen. Den neuen Anordnungen wurde eine Mitteilung über das mutmaßliche Kräfteverhältnis an den einzelnen Armeefronten vorangeschickt. Demnach dürften einander gegenübergestanden haben: den 75.000 Feuergewehren der Armeegruppe Pflanzer-Baltin 100.000 bis

120.000 russische, den 47.000 Feuergewehren der Südarmee 44.000 russische, den 110.000 Feuergewehren der 2. Armee 156.000 russische, den 70.000 Feuergewehren der 3. Armee, vermehrt um die 16.000 Feuergewehre des Beskidenkorps, 50.000 russische und den 100.000 Feuergewehren der 4. Armee 90.000 russische.

Somit hätten nur die Armeegruppe Pflanzer-Baltin und die 2. Armee eine erhebliche Übermacht der Russen vor sich gehabt. Offenbar zog man aber in Teschen bei diesem Kalkül die hinter den feindlichen Fronten angesammelten Ergänzungsmannschaften nicht in Betracht.

Im Heeresbefehl vom 31. März abends wurde aus diesem Kräfteverhältnisse der Schluß gezogen, daß die russische Offensive gegen die

3. Armee als gescheitert anzusehen sei, wogegen die 2. Armee mit dem überlegenen Feinde noch hart zu ringen habe. Um Böhm-Ermolli entweder durch einen Offensivstoß zu entlasten oder ihn nach Bedarf unmittelbar zu unterstützen, sollten starke öst.-ung. Reserven rasch hinter dem Ostflügel der Armee Boroević bereitgestellt, daher das deutsche Beskiden-II    16 korps nach Maßgabe seines Eintreffens dort, und zwar entweder in den Abschnitt des X.1) oder des VII. Korps in die Kampffront eingesetzt und mindestens drei öst.-ung. Divisionen aus den Stellungen gelöst werden. Da ein Einbruch des Feindes über Berehy-Grn. und Ustrzyki-Grn. den rechten Flügel der 2. Armee aufs äußerste gefährden, den Verlust des Uzsokpasses und damit auch jenen des von der Südarmee hart erkämpften Raumes zur Folge haben würde, sollte Linsingen, zunächst bei Beschränkung auf die Defensive, seinen Westflügel strecken und möglichst starke Teile der 38. HID. zur Verfügung des 2. Armeekmdos. stellen.

Die Gewinnung von Reserven durch die vorangehende Ablösung eines öst.-ung. durch das deutsche Korps erscheint auf den ersten Blick befremdlich. Nach den Vereinbarungen der beiden Heeresleitungen sollte jedoch der Verband des Beskidenkorps nicht zerrissen werden, was bei einem anderen Verfahren nicht unbedingt gewährleistet war. Auch wollte man umständliche Änderungen der bereits eingeleiteten Nachschubsvorkehrungen vermeiden. Eine „rasche“ Reservenbildung konnte freilich auf diese Weise nicht stattfinden, zumal die deutschen Divisionen noch lange nicht vollständig eingetroffen waren.

Die letzten Märzkämpfe bei der Armeegruppe Pflanzer-Baltin und bei der Südarmee HiezuBeilage 11 sowie Skizzen 16, 19, 20 und 21

Die Hoffnung des GdK. Pflanzer-Baltin auf ausgiebige Verstärkungen, die ihm durch die Befehle der Heeresleitung vom 17. und 19. März (S. 226) in Aussicht gestellt worden waren, zerrannen, als die Russen gegen die Armee Boroević vom 20. an vorzustürmen begannen und damit die Zurückbehaltung der beiden Infanteriebrigaden undder4.KD.erzwangen (S. 228). Der Armeegruppenführer erhielt nur die 8. KD. der 2. Armee, deren erste Transporte am 23. von Nagymihály abrollten. Hiedurch wurde das ungünstige Kräfteverhältnis gegenüber der 9. Armee Letschitzkis wenig gebessert. Pflanzer-Baltin mußte in der nächsten Zeit gegen feindliche Übermacht einen schwierigen Abwehrkampf nach drei Seiten führen. Wurde diese Verteidigungsaufgabe von der Armeegruppe auch trefflich gelöst, so fiel ihre Tätigkeit doch gegen die ursprüngliche Absicht aus dem Rahmen des Gesamtfeldzuges; sie vermochte der Südarmee nicht mehr den Weg

x) GdI. Hugo Meixner hatte am 27. wieder die Führung des X. und FML. Krautwald jene des III. Korps übernommen.

aus den Karpathen zu bahnen und noch weniger auf die in den folgenden drei Wochen tobenden Schlachten der Heeresmitte Einfluß zu üben.

Gen. Letschitzki bemühte sich gemäß den Aufträgen, die er vom Befehlshaber der Südwestfront erhalten hatte (S.225), von Osten aus zwischen den Flußläufen des Dniester und des Pruth in die Bukowina einzubrechen, sich der Landeshauptstadt Czernowitz zu bemächtigen und durch einen solchen politisch wertvollen Erfolg die Haltung Rumäniens zu beeinflussen. Indes verhielt er sich in der nächsten Zeit gegen die Nordgruppe seines Gegners ziemlich zurückhaltend und begnügte sich, die öst.-ung. Linien im oberen Lomnicatale am 23. etwas zurückzudrücken und einzelne Vorstöße gegen die Fronten der Generale Rhemen und Czibulka ausführen zu lassen, die ohne Ergebnis blieben.

Pflanzer-Baltin sah sich gezwungen, seine Ostgruppe auf Kosten der Nordgruppe zu verstärken. Er zog in der Nacht zum 23. die deutsche

5. KD. und die k. u. k. 10. KD. aus der Front Marschalls und verschob die beiden Reiterdivisionen mit der Absicht gegen Horodenka, sie auf das nördliche Dniesterufer zu werfen. Vornehmlich lag ihm aber ein offensives Vorgehen gegen den äußersten linken Flügel des feindlichen Heeres am Herzen.

Das Detachement Obstlt. Papp brachte am 23. März einen russischen Angriff nördlich des Pruth zum Stehen. Überdies wurde am 26. der Südflügel des XXXII. Russenkorps von der Gruppe GM. v. Schwer (6. KD., 19. HKBrig. und Detachement Papp) zurückgedrängt.

Als der Hauptteil der 8. KD. bei Horodenka ausgeladen war, ließ Pflanzer-Baltin am 26. noch die 42. HID. zur Verstärkung der Ostgruppe im Bahntransport abrollen. Mit dem Befehl über sämtliche vom Pruth bei Czernowitz bis zum Dniester bei Nieżwiska versammelten Kräfte in der Stärke von 15.000 Feuergewehren wurde der deutsche GdK. Marschall betraut, der nunmehr am 27. über die Gruppe Ljubičič (komb. 30. ID., die den Brückenkopf von Zaleszczyki einschloß, 42. HID., 6., 8. und 10. KD. sowie 19. HKBrig.) und die deutsche 5. KD. verfügte.

Der Armeegruppenführer mußte jedoch seine Absicht aufgeben, mit Teilen seiner Reiterei das nördliche Dniesterufer zu gewinnen, da der Versuch einiger Landsturmkompagnien, den Fluß oberhalb von Zaleszczyki zu überschreiten, am 24. März mißlungen war und die Verhinderung feindlicher Übergangsversuche alle Kräfte in Anspruch nahm. Am 27. und 28. wurden russische Abteilungen, die bei der Dniesterschleife nächst Uście Biskupie auf das Südufer gelangt waren, nach glücklichen Kämpfen bei Okna über den Fluß zurückgeworfen.

Pflanzer-Baltin, der am 29. mit seinem Stabe von Delatyn nach Kolomea übersiedelte, setzte an diesem Tage die 42. HID. zu einem Stoße in südöstlicher Richtung gegen die feindliche Pruthgruppe an. Da aber das russische III. Kavalleriekorps bei Chotin den Dniester überschritten hatte, am 30. die 19. HKBrig. zurückwarf und den Nordflügel der kroatischen Division überraschend anfiel, mußten die Truppen nach erheblichen Einbußen bis an die Reichsgrenze zurück (Skizze 19).

Diese bedrohliche Wendung bewog den Armeegruppenführer, noch vier Feldjägerbataillone der 16. IBrig. und zwei Polenbataillone hieher zu verschieben. Für die Gruppen Czibulka und Rhemen entfiel jetzt auf drei Meter Front nur ein Feuergewehr, weshalb Pflanzer-Baltin das AOK. um eine Infanteriebrigade als Verstärkung bat, ohne — wie es nach den geschilderten Geschehnissen bei der 2. und der 3. Armee begreiflich war

— Gehör zu finden. Zu seiner Genugtuung scheiterten am 31. März und

1. April russische Vorstöße gegen den rechten Flügel der wieder gefestigten Ostgruppe. Trotzdem wurde die Lage kritisch, als die russische

12. KD. am 2. April den Dniester bei Uście Biskupie übersetzte. In Kolomea zögerte man nicht, der Nordgruppe noch die 9. IBrig. zu entnehmen und, zum Teil mit Bahn, das IR. 13 als Armeereserve nach Obertyn, das IR. 93 nach Okna zu dirigieren. Auch die Russen schoben weitere Kräfte nach Osten und warfen sich am 4. auf FML. Kordas1) rechten Flügel, den sie umgingen, im Rücken faßten und zum Ausweichen zwangen. Zu rechter Stunde griff das bewährte nordmährische IR. 93 in das Gefecht bei Okna ein und gewann durch einen entscheidenden Gegenstoß die verlorengegangenen Stellungen schon am Abend dieses Tages wieder zurück. Damit erloschen die Kämpfe an diesem Frontabschnitt für längere Zeit.

In der Reihe der Leistungen, für die GdK. Freih. v. Pflanzer-Baltin mit dem Kommandeurkreuz des Militär-Maria Theresien-Ordens ausgezeichnet wurde, bildet die kühne Führung dieses bewegten, phasenreichen Feldzuges ein besonderes Ehrenblatt.

Das Unternehmen der komb. 30. ID. gegen den Brückenkopf bei Zaleszczyki gestaltete sich überaus schwierig. Wie man bald erkannte, konnte ein gewaltsamer Angriff nicht zum Ziele führen, denn auch die Russen werteten die Bedeutung dieses Überganges vollauf und klammerten sich um so mehr an dessen Besitz, als sie von hier aus zwischen die beiden Hauptgruppen Pflanzer-Baltins hineinstoßen konnten. In heißen und verlustreichen Kämpfen vom 22. bis zum 26. März und vom 2. bis 9. April gelang es nur, den Halbkreis der Einschließung zu verengen und sich im

x) FML. Korda hatte an Stelle des FZM. Ljubičič das XI. Korpskmdo. übernommen.

näheren Vorfeld festzusetzen. Gegen die russische Kernstellung schien aber ein Erfolg nur durch den nunmehr eingeleiteten Sappenangriff bei kräftiger Artillerieunterstützung möglich.

GdK. Pflanzer-Baltin besorgte, daß der Feind die Neutralität Rumäniens nicht respektieren und südlich vom Pruth gegen Czernowitz vorbrechen werde. Zur etwaigen Abwehr eines solchen Unternehmens wurden Teile der 6. KD. nach Molodia gelegt. Überdies kündete auf Weisung der Heeresleitung der öst.-ung. Militärattache in Bukarest der Regierung König Ferdinands an, daß für den Fall, als die rumänischen Behörden eine Neutralitätsverletzung nicht mit der Entwaffnung der russischen Angriffstruppen beantworten sollten, die Abweisung eines Vorstoßes ohne Rücksicht auf die Gefährdung rumänischen Gebietes erfolgen müßte, wobei es aber die öst.-ung. Truppen trotzdem vermeiden würden, die Grenze zu überschreiten.

In der Angriffstätigkeit der deutschen Südarmee trat nach den Erfolgen des 22. März eine Pause ein. Russische Vorstöße, die sich hauptsächlich gegen das XXIV. RKorps richteten, wurden aufgefangen.

Linsingen drahtete am 23. an die DOHL. nach Méziěres, die 2. Armee habe den Angriff aufgegeben, auch Pflanzer-Baltin dringe anscheinend nicht mehr vorwärts, weshalb ein Durchkommen durch die Karpathen in diesem Monate ausgeschlossen sei. Wie beim Kaiser Wilhelm habe er nunmehr auch in Teschen beantragt, die Operation nördlich des Gebirgs-walles fortzusetzen (S. 194). Eine tags darauf erfolgte Anfrage des AOK., ob er für den Fall des Überganges zur Defensive Truppen abgeben könne, verneinte er. Dagegen schlug er dem GdK. Pflanzer-Baltin wieder vor, dem GdK. Marschall die 5. oder eine andere Infanteriedivision zur Verfügung zu stellen, damit dieser deutsche General die Gebirgspforten für die Südarmee endlich aufzuriegeln vermöchte. Bei der augenblicklichen Lage der Armeegruppe war dieser Wunsch unerfüllbar.

Die Befehle vom 17. und 19. März sowie auch die Beantwortung des von Linsingen am 23. gestellten Antrages bewiesen, daß jetzt auch von der Heeresleitung eine Verstärkung des rechten Heeresflügels geplant wurde. Sie vertröstete den deutschen Armeeführer, daß die russischen Angriffe gegen Böhm-Ermolli und Boroević vorerst abzuweisen seien, ehe der Kampfgruppe im Pruth-Dniestergebiete Verstärkungen und dem Westflügel seiner Armee Ersatz für die deutschen Truppen zugeschoben werden könnten. Bis dahin müsse der Angriff, namentlich an beiden Flügeln, fortgesetzt und der gegenüberstehende Feind verläßlich gebunden werden.

Mittlerweile war die Bildung des deutschenBeskidenkorps beschlossen

worden, aber es bedurfte erst eines besonderen Befehles Kaiser Wilhelms1), bevor der Führer der deutschen Südarmee einer abermaligen Aufforderung der k. u. k. Heeresleitung zur Kräfteabgabe entsprach. Linsingen bestimmte hierauf die deutsche 4. ID. zum Abtransport und ersetzte sie bei Hofmann durch die 12. LstTerrBrig. des Korps Gerok.

Die O s t er s chi a ch t in den Karpathen

(1. bis 6. April)

Hiezu Beilage 10 sowie Skizzen 21 und 22

Zurücknahme der 2. Armee hinter den Karpathenhauptkamm

In den mittleren Karpathen war unterdessen die Lage der 2. Armee unhaltbar geworden. Die Russen hatten die öst.-ung. Linien an mehreren Stellen eingedrückt oder durchbrochen (S. 238). Vornehmlich schlug jetzt der Feind weiter gegen den rechten Flügel des XVIII. Korps los, bis dieser am 1. April in den Morgenstunden in das Wetlinkatal zurücksank. Die Nahtstelle zum V. Korps lag in tiefer Einbeulung. Auch das Korps Schmidt und die 41. HID. verloren wichtige Berghöhen. GdK. Böhm-Ermolli ersuchte nunmehr seinen Nachbar Linsingen, die Südarmee möge ihren linken Flügel bis zum Stryj strecken, damit das 2. Armeekmdo. von dort Kräfte heranziehen könne. Da von Munkács aus die Erfüllung dieses Wunsches erst für die Nacht auf den 7. in Aussicht gestellt wurde, während Eile not tat, suchte die Heeresleitung eine Hilfeleistung im Wege der 3. Armee herbeizuführen.

GdI. Boroević hatte im Sinne des am Abend des 31. erhaltenen Befehles (S. 241) gemeldet, er werde das Beskidenkorps nach und nach zur Ablösung der 2., der 24. ID. und der 21. SchD. des X. Korps einsetzen, so daß diese drei Divisionen vom 10. April abends an hinter dem Ostflügel der 3. Armee verfügbar seien. Das AOK. forderte aber, daß mindestens eine Division schon am 4. zum Abrollen aus dem Laborczatale gegen Osten bereitstehe. Auch diese Maßnahme konnte nicht mehr rechtzeitig wirksam werden; das 2. Armeekmdo. zweifelte, daß die gegenwärtige Stellung solange zu halten sein werde. Noch war beim Korps Schmidt ein Gegenangriff im Gange, vielleicht gelang es hiedurch, das wankende Gebäude der Verteidigung zu stützen. Als sich aber auch diese Hoffnung als trügerisch erwies, entschloß sich Böhm-Ermolli am 1. April kurz nach 2h nachm., die Armee staffelweise hinter den Hauptkamm des Gebirges zurückzunehmen, den äußersten rechten Flügel hiebei auf die Magura A1013 (östlich vom Stryj) zu stützen, das Ungtal unter Freigabe desUzsok-passes südwestlich von Fenyvesvölgy zu sperren und sich des weiteren in der Linie Harczos—Kistopolya—Nagypolány—Telepócz (Beilage 10) zu behaupten. Die ersten Befehle ergingen an die Gruppe Tersztyánszky (Korps Schmidt und Trollmann) und das XVIII. Korps. Tersztyánszky sollte mindestens bis zum 3. morgens halten, um ein geordnetes Abfließen der Trosse seiner Gruppe und des XVIII. Korps über Cisna zu ermöglichen und dann in eine Zwischenstellung zurückgehen, wobei der linke Flügel Trollmanns zuletzt aufzubrechen und bei Aufrechthaltung des Zusammenhanges mit der Front des benachbarten X. Korps abzurücken hatte. Die Gruppe Martiny wurde dem GdK. Tersztyánszky unterstellt.

Gegen diese Anordnungen wurden Einsprüche erhoben. Einerseits berichtete Tersztyánszky, daß sich die 32. ID. bestenfalls noch während der Nacht auf den 2. auf den Höhen nördlich von Cisna behaupten könne, andererseits erklärte sich die Heeresleitung mit der Preisgabe des Uzsok-passes nicht einverstanden und befahl, daß die 2. Armee nur so weit wie unbedingt notwendig zurückgehen dürfe — der Westflügel immerhin bis in die Linie Nagypolány—Telepócz—Világ. Szurmay müsse jedoch mit Rücksicht auf die Südarmee bis zum Einlangen der Verstärkungen von der 3. Armee nördlich des Uzsokpasses stehen bleiben. Hiezu habe er entbehrliche Teile seiner Gruppe sowie die im Rücktransport nach Fenyvesvölgy begriffene 128. HIBrig (S. 241) einzusetzen.

In Anbetracht der bedrängten Lage Böhm-Ermollis wies aber das AOK. den GdI. Boroević an, durch das Beskidenkorps nicht drei, sondern vier öst.-ung. Divisionen ablösen zu lassen. Als der Führer der 3. Armee bei dieser Gelegenheit erfuhr, wie weit sein Nachbar zurückgehen wolle, legte er dagegen Verwahrung ein und verlangte, daß sich der linke Flügel der 2. Armee auf dem Beskidkamme behaupte, eine Forderung, der übrigens in der Folge ohnedies entsprochen wurde.

Für seinen Ostflügel ordnete Böhm-Ermolli an, daß das V. Korps am 2. den Rückzug vom linken Flügel aus anzutreten und die 37. HID. zur Erholung nachRévhely—N.-berezna vorauszuschicken habe. Die 33.ID. dieses Korps sollte den Feind abhalten, in der gefährlichsten Richtung gegen die Bahn bei Fenyvesvölgy nachzudrängen und hiezu den Talweg bei Wolosate, Front gegen Norden, sperren. Für diese Nachhutaufgabe wurde die Division dem FML. Szurmay unterstellt, der seine auf Volo-vec basierte 38. HID., unter dem Vorbehalte der Genehmigung durch das AOK., an die Südarmee abzugeben hatte.

In der strittigen Frage des Uzsokpasses drahtete das 2. Armeekmdo. nach Teschen, daß die Freigabe dieses Gebirgstores unvermeidlich sei, weil die Russen gegen den Raum bei Wolosate ungestüm vordrängten. Bei dem Zustande der Truppen, insbesondere in Anbetracht der niedrigen Feuergewehrstände, sei es unausbleiblich, daß der Feind ins Ungtal einbrechen, die wichtige Straßen- und Eisenbahnverbindung Szurmays durchschneiden und hiedurch die im östlichen Frontabschnitte dieser Gruppe kämpfenden Verbände in eine äußerst gefährliche Lage bringen werde. Die zugesagten Verstärkungen kämen spät, diese Gefahr zu bannen.

Bei den Befehlsstellen in Teschen, Kaschau, Ungvár und Munkács beschäftigte man sich am 2. April unausgesetzt mit den durch den Rückzug der 2. Armee notwendigen Maßnahmen. Am frühen Vormittag äußerte GdI. Boroević gegenüber dem AOK., daß er auf Grund seiner fünfmonatigen Erfahrungen eine so weite Zurücknahme der 2. Armee für unzweckmäßig halte, da die gewählte Linie zur Abwehr viel weniger geeignet sei als der Beskidkamm. Voraussichtlich würden die Russen daraufhin von seinem Nachbar ablassen, sich hinter dem freigegebenen Beskidkamme verschieben und dann im Laborczatale in der Richtung auf Homonna gegen seine Armee losgehen. Er warf die Frage auf, ob es unter diesen Umständen angehe, die bis zum 9. April aus seiner Front zu lösenden vier Divisionen (2. und 24. ID., 21. und 45. SchD.) bei der 2. Armee einzusetzen oder ob nicht gerade für seinen Nachbar das Behaupten des Raumes südlich von Mezölaborcz noch an Bedeutung gewonnen habe.

Nicht ohne Schärfe erwiderte das AOK. auf diese Meinungsäußerung, die auf Belassung der abzugebenden Verbände bei der 3. Armee abzielte, daß in klarer Erkenntnis der Wichtigkeit des bezeichneten Raumes starke deutsche Kräfte dorthin gewiesen wurden, um ein verläßliches Behaupten, aber auch das Herausziehen von k. u. k. Divisionen zur freien Verfügung der Heeresleitung zu ermöglichen. Ob diese Verbände teilweise oder ganz zur immittelbaren Unterstützung der 2. Armee oder in der Folge bei der 3. zur Offensive oder zur Abwehr verwendet würden, bleibe späterer Entschließung Vorbehalten.

Aber auch GdI. Linsingen wehrte sich jetzt auf das Heftigste gegen die geplante Zurücknahme der Gruppe Szurmay und beschwor das AOK., der 2. Armee in den Arm zu fallen und die Preisgabe des Uzsokpasses zu verhindern, damit die Südarmee nicht auf das mit vielem Blute erkämpfte Gelände und auf die Fortführung ihrer Offensive verzichten müsse. Die Überlegenheit des Feindes sei nicht so groß, daß die starke

2. Armee die fast unangreifbaren, an der Nordseite noch mit Schnee bedeckten Karpathenstellungen nicht zu behaupten vermöchte. Müßten der linke Flügel und die Mitte unbedingt zurück, so solle der rechte Flügel Böhm-Ermollis doch die Linie Szczawinka—Kinczyk Bukowski— Pliska—Čeremcha—Kičera halten oder man möge die dort befindlichen Kräfte der Südarmee unterstellen. Überdies wandte sich das Kmdo. der Südarmee in sicherlich ganz ungewöhnlicher Form auch unmittelbar mit folgender, nicht chiffrierter Depesche an das 2. Armeekmdo.: „Bis jetzt [2. April, lhl3 nachm.] ist vom AOK. Teschen trotz Anfrage noch kein Befehl zur Unterstellung der 38. HID. unter die Südarmee eingegangen. Die Südarmee, die den ganzen Rückzug der 2. Armee für unnötig hält, hat keine Veranlassung, eine zurückgehende Division einer anderen Armee zu übernehmen und sich dadurch zum Mitschuldigen des Rückzuges zu machen.“

Nun hatte aber die 38. HID. gerade an diesem Tage einen russischen Vorstoß abgewiesen und war zum Gegenangriffe geschritten.

Das AOK. ging auf Linsingens Vorschlag ein. Die Gruppe Szurmay (7. ID., 40. und 38. HID. sowie die sich bei Fenyvesvölgy allmählich wieder sammelnde 128.HIBrig.) wurde dem deutschen Armeeführer vintergeordnet und sollte beiderseits des Uzsokpasses zäh ausharren und nötigenfalls nur ihren linken Flügel nach Maßgabe des Zurückgehens der 2. Armee in die von der Südarmee beantragte Linie abbiegen. Weiters kündigte die Heeresleitung die Überweisung einer Division der 3. Armee an den Ostflügel Böhm-Ermollis an. Kaum war die betreffende Depesche von Teschen abgegangen, traf dort die Meldung des 3. Armeekmdos. ein, daß diehiefürinBetrachtkommende24.ID. schwerlich freizumachen sein werde.

GdI. Linsingen unterstellte nunmehr die 38. HID. dem Korps Both-mer, zog aber am 4. eine komb. Brigade aus ihrer Front und setzte sie gegen den gefährdeten neuen Westflügel der Südarmee in Marsch. Alles dies bedingte eine Änderung der Abschnittsbildung bei den drei anderen Korps, die ihre linken Flügel zu strecken hatten.

Das vorerwähnte Telegramm Linsingens rief beim 2. Armeekmdo. starkes Befremden hervor; dazu kam noch die Abtrennung der Gruppe Szurmay, die als ein Zeichen verminderten Vertrauens in die Armeeführung gedeutet wurde. GdK. Böhm-Ermolli und GM. Dr. Bardolff baten um ihre Enthebung. Der Erzherzog-Feldmarschall lehnte jedoch beider Ansuchen ab und betonte, daß die Loslösung Szurmays aus dem Armee-verbande nur aus sachlichen Gründen erfolgt sei. Überdies entschuldigte sich GdI. Linsingen bei seinem Nachbar.

Die Notwendigkeit, die Front der 2. Armee vom Feinde abzusetzen, war zweifellos gegeben, da die vielfach vermengten Verbände seinem starken Drucke nicht länger zu widerstehen vermochten. Die Truppen waren nach mehr als dreimonatigen Gebirgskämpfen völlig erschöpft, ihre Stände tief gesunken. Mit der Ausführung des Entschlusses zu zögern ging nicht an, weil die Straße Cisna—Czirókaófalu den einzigen Abflußweg für die gesamte Artillerie und den zahlreichen Troß der Gruppe Tersztyánszky und des XVIII. Korps bildete und bei einem plötzlich erzwungenen Rückzuge leicht verhängnisvolle Stauungen eintreten konnten. Daß eine verhältnismäßig weit zurückliegende neue Widerstandslinie gewählt wurde, erklärt sich daraus, daß das 2. Armeekmdo. den hart mitgenommenen Truppen in den wenigen Ortschaften dieses Raumes wenigstens bescheidene Erholungsmöglichkeiten bieten wollte, die weiter vorne bei der dünnen Besiedelung des Gebirges nicht zu finden waren. In den bisherigen Stellungen mangelte es an Unterkünften für Reserven; gerade darin lag eine der Hauptursachen für den gänzlichen Verbrauch der Kampfkraft der Verbände und für die große Einbuße durch Krankheiten.

Da die Rückbewegung der 2. Armee schon seit Tagen vorauszusehen war, hätten sich die geschilderten Reibungen vielleicht vermeiden lassen, wenn von Teschen aus rechtzeitig Anordnungen für die Flügelanschlüsse getroffen worden wären. Offenbar hoffte aber die Heeresleitung, sich diesen Rückzug mit Hilfe der aus der Front der 3. Armee gezogenen Divisionen ersparen zu können. Das Festhalten des Uzsokpasses, vom AOK. befohlen und vom Kmdo. der Südarmee nachdrücklich verfochten, war zweifellos wünschenswert.

Im allgemeinen wurde der Rückzug der 2. Armee befehlsgemäß ausgeführt. Auch das gezwungenermaßen vorzeitige Zurückgehen des Korps Schmidt in eine Zwischenstellung zog keine nachteiligen Folgen nach sich, obgleich der Feind an einzelnen Stellen heftig nachdrängte. Unaufhörliches Kampfgetöse erfüllte in diesen Tagen Höhen und Täler1).

Am 4. April waren der Ostflügel und die Mitte der Armee Böhm-Ermolli in der neuen Linie eingetroffen. Die zurückgelassenen Nachhuten hielten bis zum 5. und wichen erst auf den verschärften Druck des Feindes gegen die Hauptstellung zurück. Schwierigkeiten bereitete der

x) Bei der 33. ID. unternahm Oblt. Karl v. Ungar des IR. 83 im Gefechte auf Bukove Berdo (östlich von Wołosate) am 2. April einen kühnen initiativen Gegenstoß, für welche Tat ihm auch das Ritterkreuz des Militär-Maria Theresien-Ordens (Bd. I, S. 362) verliehen wurde.

gesicherte Anschluß an die Südarmee. Die 33. ID., vom 2. Armeekmdo. der mm abgetrennten Gruppe Szurmay vorübergehend unterstellt, spannte wohl von der Höhe Halicz bis in die Gegend nördlich von Wolosate einen Abwehrschirm, um die Russen vom Ungtale abzuhalten, doch klaffte zum rechten Flügel Böhm-Ermollis hin eine Lücke, die von Truppen des V. Korps bloß notdürftig ausgefüllt werden konnte, weil bei Szurmay bisher nur Teile der 128. HIBrig. eingetroffen waren, indes der Rest von der 3. Armee zurückgehalten worden war.

Da die 2. Armee bei 53 km Frontausdehnung zwar über 53.000 Feuergewehre verfügte, die Truppen aber infolge der ungeheueren Anforderungen der letzten Zeit eine erhebliche Einbuße an ihrer Gefechtskraft erlitten hatten, wurde die 33. ID. schwer entbehrt. Auf Bitte Böhm-Ermollis befahl daher die Heeresleitung dem Kmdo. der Südarmee, diese Division der 2. Armee möglichst bald wieder zur Verfügung zu stellen und für eine Reserve hinter dem linken Flügel Szurmays selbst zu sorgen. Die hiefür bestimmte komb. Brigade der 38. HID. konnte jedoch erst am 8. April am Orte ihrer Bestimmung eintreffen.

Die am linken Flügel Böhm-Ermollis fechtenden Divisionen, die 29. und die 34., hatten gemäß den Wünschen der 3. Armee auf den Grenzhöhen zu verharren gehabt. Sie waren in die schweren Kämpfe verstrickt worden, die diese Armee in der Osterwoche zu bestehen hatte.

Der Russe?iansturm gegen die 3. Armee und seine Abwehr (1. bis 5. April)

Wie aus den Weisungen des AOK. vom 31. März zu schließen ist, gab man sich in Teschen der Hoffnung hin, daß die Offensive der Russen gegen die Armee Boroević, nach dem Kräfteverhältnis beurteilt, bereits als gescheitert anzusehen war (S. 241). Obgleich der Feind seit dem 28. März andauernd gegen den wacker standhaltenden Ostflügel dieser Armee losschlug, erschien dies offenbar nur als der Ausklang der Schlacht. Bald aber belehrte der ungestüme Ansturm der Russen, die hier durch die von Przemyśl anrückenden Kräfte, vermutlich die 81. und die 82. RD., verstärkt worden waren, die öst.-ung. Führer eines besseren.

Folgten die Russen in den Kartagen an den ruhigen Abschnitten der Gesamtfront, im Weichselbogen und gegenüber der 4. Armee, ihren geheiligten Osterbräuchen, indem sie ihre Schützengräben unbewaffnet verließen und sich unseren Truppen mit Geschenken nähern wollten, so entbrannte im Gegensatz hiezu nördlich von Bartfeld und rittlings vom Laborczatale ein wütender Kampf.

Bei Zboró warfen sich die Russen am Karsamstag (3. April) auf die 28. ID. und drängten sie infolge der kampflosen Waffenstreckung fast des gesamten Prager IR. 28 aus ihren Stellungen zurück. Nur dem Vorgehen der 8. ID. vom Südflügel der 4. Armee war es zu danken, daß der Feind seinen Erfolg nicht weiter auszubauen vermochte. Unter diesen Verhältnissen konnte dem Ersuchen des 4. Armeekmdos. um Rückgabe der am Westflügel der 3. Armee eingesetzten beiden Regimenter — IR. 28 und KJR. 4 — nicht entsprochen werden. Das IR. 28 wurde auf Antrag des

3.    Armeekmdos. aufgelöst und seine Recte auf die Truppen des III. Korps aufgeteilt, während das KJR. 4 nach dem Eintreffen der nächsten Ergänzungen der 4. Armee zugesendet werden sollte.

Auch beim XVII. Korps war am 5. ein Rückschlag zu verzeichnen. Der Feind drückte die 1. LstlBrig. beträchtlich nach Süden zurück. Ein vom Obst. Graf Spannocchi mit Teilen der 4. KD. (UR. 13) und dem SchR. 9 schneidig geführter Gegenstoß auf Sosfüred in die Flanke der nachdrängenden Russen gebot jedoch ihrem weiteren Vordringen Einhalt. An diesem Tage wies die 20. HID. des VII. Korps einen feindlichen Vorstoß ab. Gleiches glückte der 22. SchD. des III. Korps in der darauffolgenden Nacht. Erzherzog Joseph nahm aber wegen der Krise beim

XVII. Korps seinen linken Flügel und die Mitte weit nach Süden zurück, obgleich alle Anstürme der Russen an seiner Front unter großen Feindverlusten zerschellt waren1). Sztropkó wurde geräumt.

Der Feind ballte nunmehr so ansehnliche Kräfte vor den Linien der

28. ID. zusammen, daß das 3. Armeekmdo. besorgte, eine Fortsetzung der Russenstöße gegen seinen Westflügel werde abermals eine Lücke zur

4.    Armee hin aufreißen. Die Heeresleitung befahl beiden Armeen, alle verfügbaren Kräfte an der Nahtstelle einzusetzen. Die 28. ID. wehrte aber am 5. und 6. April die russischen Anstürme ab, wozu auch das Vorgehen der 8. ID. gegen die Höhen östlich von Regetów nż. wesentlich beitrug.

War es dem Westflügel der Armee immerhin geglückt, wenigstens das Ärgste, eine völlige Zerreißung der Front, zu vereiteln, so hatte sich am Ostflügel die Lage mittlerweile für kurze Zeit noch kritischer gestaltet. Dort war der russische Ansturm schon am Karfreitag (2. April)

J) Bei der 17. ID. zeichnete sich Obst. Silvio Spiess von Braccioforte, Kmdt. des IR. 39, am 5. April dadurch aus, daß er die in die Stellung beiÉrfalu (östlich von Sztropkó) eingedrungenen Russen persönlich mit schwachen Reserven angriff und zurückwarf. Er fand dabei den Heldentod. Für diese Tat und sein tapferes Verhalten im Vorjahre bei Sułoszowa wurde ihm das Ritterkreuz des Militär-Maria Theresien-Ordens zuerkannt.

zu beängstigender Kraft angewachsen. Während der Feind am frühen Morgen gegen die auf dem Beskidkamm stehende 34. ID.1) der 2. Armee vergeblich anrannte, gelang es ihm weiter südwestlich, die in ihrer Widerstandskraft erlahmende 2. ID., sowie die Hauptkraft der 24. ID. und die östlich vom Laborczatale fechtenden Teile der 21. SchD. bis in die Linie südlich von Virava-Ökröskö zurückzudrücken. Die Frontlinie war dem Reißen nahe, weite Lücken klafften in dem welligen, bewaldeten, unübersichtlichen Gelände.

Da traf amNachmittag der Führer des deutschenBeskidenkorps, GdK. v. d. Marwitz, beimX.Korpskmdo. in Laborczbér ein. Zum Glück war die zur Ablösung der k. u. k. 24. ID. bestimmte 25. RD. — zwei Infanterieregimenter der 50. RIBrig. (ein drittes Regiment traf erst am 9. April ein) — schon bis Ujbánya gelangt und wurde im Einvernehmen der beiden Korpsführer vorbefohlen. Auch drei Bataillone der 128. HIBrig., die im LaborczatalzurRückfahrtnachFenyvesvölgyeinwaggoniert werden sollten, wurden wieder auf das Gefechtsfeld vorgezogen (S. 251).

GdI. Boroević befahl dem GdK. Marwitz, den Gegenangriff einheitlich zu leiten; das X. Korps wurde ihm hiezu unterstellt. Der preußische General verfügte hierauf, daß sich die Divisionen Meixners am 3. April in ihren Stellungen zu behaupten hätten. Die deutsche 25. RD. sollte zunächst als Stütze der inneren Flügel der 2. und der 24. ID. dienen, jedoch jede Gelegenheit benützen, den Feind im Einvernehmen mit den Nachbartruppen zurückzuwerfen. Die deutsche 35. RD. und die deutsche

4. ID., die sich zum Teil noch im Bahntransporte befanden, wurden angewiesen, im Laborczatale nachzurücken.

Trotz des Erfolges, den die Russen am 2. östlich der Laborcza errungen hatten, behauptete sich die Masse der 21. SchD. in ihrer Stellung knapp westlich des Tales, doch war ihre Ostflanke durch das notgedrungene Ausweichen des rechten Flügels auf etwa 5 km auf gerissen. Ohne Mühe konnte sich der Feind diesen Umstand zunutze machen und die Division noch vor dem Anrücken der Hauptkraft des Beskidenkorps zu einem Kampfe zwingen, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Da alle einlaufenden Nachrichten besagten, daß die Russen starke Kräfte beiderseits der Laborcza bereitstellten, nahm der Führer des X. Korps die Hauptkraft der Schützendivision zurück, um den Anschluß an die Gefechtsgruppe im Tale herzustellen. Diesem Rückzug, der in der Nacht vom 2.

!) Hier zeichnete sich Lt. Zoltán Laczhegyi des IR. 101 am 5. April bei einem Gegenstoße zur Wiedereroberung der Höhe Gušina (östlich von Virava) besonders aus und erwarb sich das Ritterkreuz des Militär-Maria Theresien-Ordens.

auf den 3. April ausgeführt wurde, schloß sich auch die links benachbarte 45. SchD. an1).

Am Karsamstag wandte sich das Blatt. Wieder versuchten die Russen, die 34. ID. vom Beskidkamme hinabzuwerfen. Da ihnen das nicht glückte, vermochte sich der rechte Flügel der 24. ID. auch weiterhin südlich Virava zu behaupten. Aus dem linken Gefechtsabschnitte dieser Division brach die deutsche 25. RD. auf den nordwärts zur Kobila streichenden Hauptrücken vor. Ihr Angriff gewann rasch Raum und unterstützte die 2. ID., deren rechter Flügel (HIR. 30 der 128. HIBrig.) die Uhliskohöhe erstürmte und deren linker gemeinsam mit Teilen der 21. SchD. bis an die Berghänge östlich Hegyescsaba vordrang. Westlich der Laborcza gewannen die 21. und die 45. SchD. einen Teil des preisgegebenen Geländes zurück.

Tagsüber leuchtete — zum ersten Male in diesem Jahre — die Sonne des Frühlings über schneefreie Flächen. Sie beschien den Rückzug der Russen, von denen beträchtliche Scharen die Kriegsgefangenschaft der Fortsetzung des Kampfes vorzogen.

Am Ostersonntag setzte GdK. Marwitz die 35. RD. östlich der Laborcza ein. Dadurch verengte sich der Gefechtsstreifen der 2. ID. wesentlich. Er hatte die Richtung auf Kobila und Javirska. Der Angriff der

2. ID., die allerdings, einschließlich des HIR. 30, nur etwa 3000 Feuergewehre zählte, sollte beginnen, sobald die 35. RD. auf gleiche Höhe angelangt war. Dies konnte erst zu Mittag der Fall sein. Das stark zerklüftete und waldbedeckte Bergland behinderte die Vorrückung. Es wurde Abend, bis die verbündeten Truppen sich bis an die stark besetzten feindlichen Linien herangearbeitet hatten. Der letzte Stoß wurde auf den nächsten Tag verschoben.

Aber auch am Ostermontag, den 5. April, gab es mancherlei Hemmnisse. Die 25. RD. eroberte erst gegen Mittag eine der Kobila südlich vor-

x) Von Teschen, wo man wahrscheinlich über die Grundlagen für die Entschließungen des X. Korpskmdos. nur mangelhaft unterrichtet war, kam ein scharfer Befehl: lokale Einbrüche dürfen nicht zur Zurücknahme ausgedehnter Frontteile führen. Der Kommandant des X. Korps wurde von seinem Posten enthoben. Wie bei anderen Heeren erfolgten auch beim öst.-ung. zahlreiche Abberufungen höherer Führer. Fehlgriffe waren dabei unvermeidlich, so auch in diesem Falle. Es scheint, als ob der Vorwurf, daß die betreffenden Befehlshaber im Abwehrkampf nicht die nötige Zähigkeit bekundeten, nicht immer berechtigt war. Oft bezeichnete die übergeordnete Stelle den Gefechtszweck nicht klar genug und die beliebte Anweisung zum „Ausharren bis auf den letzten Mann“ erfuhr eine schädliche Verallgemeinerung. Erst in einer späteren Phase des Krieges kam wieder die alte Fechterregel zur Geltung, daß ein elastisches Ausweichen manchmal besser ist als die Fortführung des Kampfes unter ungünstigen Bedingungen.

gelegene Kuppe und die 35. RD. den von der Javirska südwestlich abstreichenden Bergrücken. Zwischen den beiden deutschen Divisionen sah sich die 2. ID. plötzlich vom Feinde angegriffen. Sie warf ihn aber zurück und erstürmte nachstoßend gegen 4h nachm., trotz des Flankenfeuers der russischen Artillerie, von den beiden Nachbarn kräftig unterstützt, die Javirska- und Kobilahöhen — ein Beweis, daß selbst diese hart mitgenommenen Truppen noch über einen erstaunlichen Kampfwillen verfügten.

Am selben Tage war auch der linke Flügel Böhm-Ermollis das Ziel heftiger Angriffe. Gegenüber der 29. ID. erzielte der Russe einige Vorteile, vor der 34. brachen sich seine Sturmwellen.

Westlich vom Laborczatale rückte am 5. April die deutsche 4. ID. in den Abschnitt der 21. SchD. ein. Sie entriß den Russen an den zwei folgenden Tagen im Vereine mit dieser Division und der 35. RD., in deren Verband auch die k. u. k. Infanterieregimenter 81 und 88 fochten, ein ansehnliches Stück Gelände, das für die Behauptung der künftigen Verteidigungsfront nötig war.

Erst die Entwicklung der nächsten Zeit ließ die öst.-ung. Befehlsstellen die Bedeutung des Kampferfolges erkennen, der durch den Gegenstoß des Beskidenkorps und der sich ihm anschließenden öst.-ung. Heereskörper errungen worden war und der sich alsbald über die gesamte Karpathenfront auswirken sollte. Das AOK.Teschen stand fürs erste noch stark unter dem Eindruck des Nachgebens beim VII. Korps im Raume um Sztropkó, wo neues Mißgeschick zu drohen schien. Boroević rechtfertigte die Geschehnisse mit dem Hinweis, daß er die ihm erteilten Befehle befolgt habe. Im einzelnen berichtete er, die Gruppe Marwitz habe mit

34.000 Feuergewehren auf nur 16 km Front angegriffen und sich mit der

25. RD., der k. u. k. 2. ID. und Teilen der 35. RD. am 5. zwar der Höhen westlich von Virava bemächtigt; links und rechts dieser Stoßgruppe sei aber das Gefecht nicht recht vorwärts gegangen. Da die Weisung des AOK., vier öst.-ung. Divisionen aus der Front zu ziehen, nicht widerrufen worden sei, habe er mit Rücksicht auf die sinkenden Stände1) und auf das Zurückweichen der 2. Armee (S. 250) die Weiterführung der Offensive nicht für angezeigt gehalten. Die Gruppe Erzherzog Joseph — 14.000 Feuergewehre auf 17 km — habe russische Angriffe wohl abzuweisen vermocht, doch wären ihre Linien weit über die der Nachbarn vorgesprungen, so daß mit einer Umfassung der Flügel zu rechnen war, insbesondere des westlichen, der sich an die völlig er!) Am 7. April zählten die 21. SchD. 2700, die 24. ID. und die 45. SchD. je 2000, die 2. ID. nur 1200 Feuergewehre.

schöpfte 1. LstlBrig. lehnte. Insbesondere sei die Artillerie des VII.Korps höchst gefährdet gewesen, als die Landsturmbrigade und die 4. KD. um ein beträchtliches Stück zurückwichen. Leider durfte die deutsche 4. ID. nicht im Ondavatal verwendet werden, wo man sie zum Stützen der Front gebraucht hätte, weil das Beskidenkorps befehlsgemäß beisammen zu halten war. Boroević habe das VII. Korps nicht den Zufälligkeiten eines erzwungenen Rückzuges aussetzen wollen, um so weniger, als die niedrigen Gefechtsstände derartige Wagnisse verboten. Daher habe der Korpsführer mit seiner Zustimmung den linken Flügel auf 8 km, die Mitte auf 4 bis 5 km, den rechten Flügel aber gar nicht zurückgenommen. Im Zwischengelände fände sich kein passender Verteidigungsabschnitt.

Nach den vom AOK. am 27. März erteilten Weisungen (S. 239) hätte sich freilich auch ein anderes Auskunftsmittel dargeboten. Statt des nur schütter zu besetzenden Sackes bei Sztropkó konnte eine Lücke zwischen den zurückgebogenen inneren Flügeln des VII. und des XVII. Korps belassen und der hier etwa eindringende Feind durch Flankenstoß von beiden Seiten in die Zange genommen werden, vornehmlich von Osten her durch entbehrliche Kräfte der Gruppe Marwitz. Da jedoch Boroević für seinen Westflügel (28. ID.) bangte und das Beskidenkorps nicht geteilt werden durfte, mag ihm, der für derartige Manöver überhaupt keine Vorliebe besaß, dieses Verfahren nicht ausführbar erschienen sein.

Eine Fortführung der Offensive des Beskidenkorps hielt GdK. Marwitz trotz der offensichtlichen Zerrüttung der feindlichen Verbände nur dann für angebracht, wenn sich die Nachbarfronten anschließen konnten; ein vereinzelter Vorstoß hätte die günstig gestaltete Lage nur wieder verschlechtert. Da diese Mitwirkung augenblicklich nicht möglich war, erhielt der Führer des Beskidenkorps vom 3. Armeekmdo. den Befehl, die erkämpften Stellungen festzuhalten und die 2. und die 24. ID. sowie die 21. und die 45. SchD. aus der Front zu ziehen.

Diese Auslösung begann alsbald und war bis zum 10. durchgeführt. Das Beskidenkorps übernahm das ganze Frontstück. Angriffsversuche der Russen am 11. und 13. konnten von den Deutschen, am ersteren Tage auch von der 20. HID. und dem XVII. Korps, mit leichter Mühe vereitelt werden. Die auf 40.000 Streiter, darunter 8500 Gefangene, geschätzte Einbuße an Kraft, welche die Russen in der Osterschlacht erlitten hatten, war nicht ohne weiteres zu ertragen gewesen. Die Angriffskraft des Feindes hatte einen schweren Stoß erlitten, woraus auch die Führung ihre Schlußfolgerungen ziehen mußte.

Allerdings gingen auch hier einige Tage vorüber, ehe sich Iwanow

und der Großfürst-Generalissimus der Auswirkung der Schlacht bewußt wurden. Noch am 6. April fand Gen. Alexejew, der neue Befehlshaber der russischen Nordwestfront, mit seinem Vorschläge, dem Abziehen deutscher Kräfte aus dem Weichsellande und aus Ostpreußen am besten durch eine Offensive gegen Berlin zu begegnen, entschiedene Ablehnung. Der Stabschef des Höchstkommandierenden antwortete am 8., daß ohne die Zustimmung des Großfürsten ein Schlag links der Weichsel nicht einmal „vorbereitet“ werden dürfe1).

Tags zuvor hatte es der Befehlshaber der Südwestfront mit großer Freude begrüßt, als ihm von der Stawka eröffnet wurde, daß das nach Lemberg entsandte III. kauk. Korps zu seiner Verfügung stehe. Da trat in den nächsten drei Tagen — offenbar mit wachsender Erkenntnis des Ergebnisses der Osterschlacht — eine tiefgehende Wandlung in den Absichten Iwanows ein. Hatte er im März der Heeresleitung den Entschluß zur Karpathenoffensive in zähem Kampfe abgerungen, so entschloß er sich jetzt gegen ihren Willen über Nacht, die 3. und die 8. Armee zur Einstellung ihrer Angriffe und zum Übergehen in die Abwehr anzuweisen. Vor dem Höchstkommandierenden begründete er diesen Entschluß zum Stillstände mit dem Auftreten gegnerischer Verstärkungen, die Teile seiner Karpathenfront zurückgedrängt hätten. Auch die Fehlschläge gegenüber der deutschen Südarmee und der Armeegruppe Pflanzer-Baltin, die Verluste und die Ermüdung seiner Truppen, der schlechte Zustand der Kommunikationen, die Verzögerung aller Bewegungen durch den Schnee in den höher gelegenen Gebieten des Kampfraumes und endlich der stockende Nachschub hätten ihn veranlaßt, die Wiederaufnahme der Offensive vorläufig bis zum Eintreffen des III. kauk. Korps zu verschieben.

Beiderseits der Laborcza war den Russen nicht nur endgültig die Einfallspforte nach Ungarn verriegelt worden, sondern sie glaubten auch noch bis in den Monat Mai hinein, daß von dort aus eine neue Offensive der Verbündeten beginnen werde. Es waren große Hoffnungen gewesen, die Rußland auf den Stoß nach Ungarn gesetzt hatte. Der Serbe sollte zu neuem Handeln angespornt, Rumänien auf den Plan gerufen werden. Der Niederbruch des alten Habsburgerreiches konnte das nahe Ende sein.

Auf den Höhen südlich von Mezölaborcz waren — das sollte sich alsbald zeigen — diese Hoffnungen zunichte gemacht worden. Das war das weltgeschichtliche Ergebnis der Osterschlacht in den Karpathen.

Ł) Boncz-Brujewitsch, I, 82, 84 und 89.

Der Ausklang des großen Karpathenringens

Hiezu Beilage 11 sowie Skizze 21

Die Angriffe Brussilows nach der Osterwoche und die Eroberung des Zwinin durch die Deutschen

(6. bis 14. April)

Nachdem der linke Flügel Böhm-Ermollis (34. und 29. ID.) schon in die Osterschlacht hineingezogen worden war, hatten sich vom 6. April an nun auch die Mitte der 2. Armee sowie die Gruppe Szurmay heftiger russischer Anstürme zu erwehren. Obgleich man einen Angriff auf den Abschnitt zwischen der Höhe Halicz und dem Dorfe Patak-ófalu erwartete, war die 33. ID. des V. Korps mit Ausnahme eines Regiments aus ihrer das Wolosatetal sperrenden Stellung abberufen und in das Ungtal gezogen worden, wo sie dem 2. Armeekmdo. eine willkommene Reserve bildete. Die vereinsamt gebliebenenTeile der 128.HIBrig. sowie vermengte Abteilungen des V. Korps und der Gruppe Szurmay vermochten nunmehr dem übermächtigen Feinde keinen ausreichenden Widerstand entgegenzustellen. Szurmay mußte seinen linken Flügel in die Höhenlinie Szczawinka—Pliska—Čeremcha zurücknehmen.

Die gerade jetzt vorgebrachte Anregung Pflanzer-Baltins, die Südarmee möge ihre Front zur besseren Sicherung der stets schlecht beschirmten Nahtstelle bis zum Mszanatale strecken, fand in Munkács angesichts der Ereignisse bei Szurmay kein Gehör.

Ungünstig verliefen auch die Kämpfe im Zentrum der 2. Armee. Der Russe brach bei Kistopolya in die Linien der 44. SchD. des XVIII. Korps ein, wodurch das Armeekmdo. genötigt wurde, die kaum in den Erholungsquartieren des Ungtales eingetroffene 37. HID. wieder gegen den bedrohten Raum zu dirigieren; denn auch das Korps Schmidt wurde vom Feinde heftig angepackt und die 43. SchD. bei Nagypolány eingedrückt. Brussilow durfte sich somit rühmen, der öst.-ung. Front am 6. an drei Stellen schwere Schäden zugefügt zu haben.

Von Teschen aus zur Hilfeleistung aufgefordert, wies das 3. Armeekmdo. darauf hin, daß die Gruppe Marwitz noch selbst im Kampfe stehe; auch gedachte es die zuerst verfügbaren Kräfte zur Stützung einer vom linken Armeeflügel aus geplanten Offensive in das Ondavatal zu verschieben. Dafür stellte das 4. Armeekmdo. die 51. HID. (9400 Feuergewehre) zur Verfügung. Der Abtransport dieser Division *) nach Ho-monna—Szinna—Takcsány begann am 7. nachmittags und dauerte bis zum 13. April. Obgleich die Erzherzogsarmee damit bis an die äußerste Grenze gegangen war, wurden an sie neue Anforderungen gestellt. Als nämlich das AOK. erfuhr, daß das III. kauk. Korps von der Nordwestfront nach irgend einem Punkte südlich der Weichsel transportiert werde, wurde dem 4. Armeekmdo. empfohlen, eine weitere Division aus der Front zu ziehen und als Reserve bereitzustellen, um gegen einen immerhin möglichen Angriff gewappnet zu sein. Dem konnte jedoch bei der schwachen Besetzung der Stellungen nicht mehr entsprochen werden. Mit Bangen sah man in Okocim der nächsten Zukunft entgegen; denn die dünnen Linien der 4. Armee schienen einem starken russischen Angriffe nicht mehr gewachsen zu sein, obgleich die Armee noch immer über 98.600 Feuergewehre und 2780 Reiter verfügte. In den Gedanken der Karpathenoffensive eingesponnen, ließ sich jedoch die Stawka die günstige Gelegenheit zu einem Schlage in Westgalizien entgehen. Sie sollte dies später bitter zu bereuen haben.

Vor der Front der Erzherzogsarmee räumten die Russen das linke Dunajecufer bei Wolka. Sie wurden am 3. April auch aus ihrem Brückenköpfe bei Pasięka vertrieben. Am 14. gelang es ihnen, überraschend in die Stellung bei Ciężkowice einzubrechen, doch warf sie ein Gegenstoß sofort wieder heraus.

Mit ganzer Kraft setzte der Feind die Kämpfe in den Bergen fort, wo der Winter noch immer sein strenges Regiment führte. Wie zu erwarten war, bemühten sich die Russen, in das Ungtal einzudringen und stießen gegen die Čeremcha vor, den Stützpfeiler an der Nahtstelle zwischen der Gruppe Szurmay und dem V. Korps. Linsingen fürchtete, daß Szurmay nach dem vorzeitigen Abziehen der 33. ID. nicht imstande sein werde, den Angriff zum Stehen zu bringen und bat das AOK. um Unterstützung durch Böhm-Ermolli. Dieser versammelte hierauf am 7. starke Kräfte des V. Korps bei Patakófalu, denen Abteilungen Szurmays angegliedert wurden. Auch von der 33. ID., deren Truppen sehr erschöpft eben das Ungtal erreichten, wurde die 65. IBrig. für den Bahntransport von Sóslak nach Malomrét bereitgestellt2). Am 7. und 8. drangen die Russen weiter gegen die Čeremcha vor, ohne sich ihrer zu bemächtigen, dagegen wurde östlich davon die Kiczera sokilska der 7. ID. entrissen.

*) Als Ersatz für die 51. HID. wurde der Gruppe Arz das IR. 80 des XIV. Korps zugewiesen.

2) 11.1 km Entfernung, ein Beweis, wie schonungsbedürftig die Truppen waren.

17*

Die Gefahr für Szurmays Westflügel schien gebannt zu sein, als die kombinierte Brigade der 38. HID. (S. 249) und die von der 3. Armee zurückgehaltenen drei Bataillone der 128. HIBrig. hier eingetroffen waren. Dennoch stieß der Russe am 11. in die öst.-ung. Linien südwestlich des Oberteiles der Čeremcha hinein. Schon aber stand die 65. IBrig., Obst. Freih .v. Dürfeld, hinter der Einbruchstelle zum Gegenangriffe bereit. Verstärkt durch Abteilungen Szurmays und des V. Korps bahnte sich diese Gruppe ihren Weg durch tiefen Schnee und warf in zweitägigen Kämpfen den Feind überall heraus, wo er sich in die Widerstandszone der öst.-ung. Truppen eingebohrt hatte. Am Morgen des 14. gewannen Dürfelds vermengte Verbände die Herrschaft über die ganze Umgegend der Čeremcha.

Tags vorher hatte Linsingen nach Teschen gedrahtet, das AOK. möge bei der DOHL. die Verstärkung der Südarmee durch deutsche Truppen beantragen, da die Widerstandskraft der Streiter Szurmays durch die Witterung stark herabgemindert worden sei .Wohl stand die k.u.k. Heeresleitung bereits in Verhandlungen mit Méziěres, doch ließ sich die Verwendung deutscher Verstärkungen für diesen Zweck noch nicht bestimmen.

Seit dem 9. April waren die Kommandos der 2. Armee und der Südarmee mit der Frage der Abgrenzung der Armeebereiche und mit der Entwirrung der auf der Čeremcha im bunten Durcheinander stehenden Abteilungen beider Armeen beschäftigt. Beide Befehlsstellen verlangten die Einbeziehung dieser wichtigen Höhe in ihren Bereich. Linsingen machte hiebei geltend, daß die Bahn im Ungtale der Versorgung seines linken Flügels diene, er daher das Recht auf Verteidigung der gefährdeten Strecke beanspruche. Das AOK. entschied zugunsten der 2. Armee.

Während das V. Korps am 9. einen Versuch der Russen vereitelte, sich der Stinkahöhe zu bemächtigen, kämpften die Mitte und der Westflügel der 2. Armee tagelang heftig um die völlige Behauptung der eben bezogenen neuen Stellungen. Die 37. HID. (S. 258) verstärkte das

XVIII. Korps durch eines ihrer Regimenter und gab eine Brigade an das Korps Schmidt ab; das vierte Regiment wurde als Reserve zurückbehalten.

Nach wechselvollen Kämpfen gelang es aber dem XVIII. Korps und dem Korps Schmidt, bis zum 10. die Einbuchtungen bei Kistopolya und Nagypolány auszuglätten und alle Angriffe abzuweisen. Beim XIX.Korps wurden die 41. HID. und die 29. ID. durch die Russen stark bedrängt; die 29. ID. mußte am 8. den Beskidkamm aufgeben und am 11. auch ihren rechten Flügel abbiegen, weil die 41. HID. bis zur Kirche von Tele-pócz zurückgedrückt worden war. Während hier die Kämpfe andauerten,

blieb die 34. ID. seit dem 5. unbehelligt. Die 51. HID. (S. 258) wurde am 13. mit ihrer Hauptkraft zur Ablösung des linken Flügels der von den Höhen herabgeglittenen 41. HID. verwendet; ein Regiment ersetzte die

13. SchD., die aus der Front gezogen wurde.

So rang Böhm-Ermolli gegen ansehnliche Überlegenheit; den 55.000 Feuergewehren der 2. Armee standen nach Schätzung des 2. Armeekmdos. etwa 70.000 bis 72.000 russische gegenüber1).

Ohne sich durch die schwierige Lage bei Szurmay abschrecken zu lassen, setzte die deutsche Südarmee nach dem günstigen Ausgange der vorangegangenen Abwehrkämpfe am 9. April mit ihrer Hauptkraft zum Angriffe an. Das XXIV. RKorps konnte zwar dem zähen Feinde am 10. und 11. April die Höhe Czyrak nicht entreißen, doch arbeitete sich das Korps Hofmann mit seinem linken Flügel näher an den Ostry heran. Größere Erfolge waren der deutschen 1. ID. des Korps Bothmer be-schieden. Sie erstürmte am 9. die letzten noch in den Händen der Russen befindlichen Teile des Zwinin, um die sie seit acht Wochen gerungen hatte und drängte dem weichenden Feinde bis zum 11. in der Richtung auf Skole nach; doch wurden diese Fortschritte durch erbitterte Angriffe der Russen gegen die 3. GID. bald wieder gehemmt.

Linsingens Absicht, das Korps Bothmer in nordwestlicher Richtung vorstoßen zu lassen, konnte nicht ausgeführt werden, weil die Hauptkraft der 38. HID. am 11. von den Russen aus ihrer Stellung geworfen wurde. Ein am nächsten Tage unternommener Gegenangriff drang nicht durch, immerhin gelang es der Honvéddivision am 14., sich unter Mithilfe von Abteilungen der deutschen 1. ID. und der 3. GID. einiger verlorener Höhen wieder zu bemächtigen.

Das Abflauen der Karpathenkämpfe in der zweiten

Aprilhälfte 1915

Die Lage, die in der ersten Aprilhälfte in den Karpathen herangereift war, hatte Freund und Feind veranlaßt, die bisherigen Absichten zu überprüfen und neue Entschlüsse zu fassen.

Für die öst.-ung. Heeresleitung war schon während der Osterschlacht die Frage brennend geworden, ob es selbst bei Überwindung der augenblicklichen Krise angehe, den Russen die Initiative, die sie seit Ende März besaßen, noch länger zu überlassen. Nach der Osterschlacht erwog

!) Bei der Gruppe Tersztyánszky (Korps Schmidt und Trollmann) rechnete man mit einem täglichen Abgang von 2000 Feuergewehren.

Conrad vorübergehend, aus der zurzeit bestehenden Gruppierung mit allen Kräften südlich der Weichsel ungesäumt — etwa um den 20. — zu einem Generalangriff überzugehen. Inzwischen hatten aber Verhandlungen mit dem deutschen Generalstabe zu Ergebnissen geführt, denen GdI. Conrad diesen Plan um so lieber zum Opfer brachte, als auch das politische Verhältnis zu Italien auf größere Entschlüsse hindrängen ließ. Allerdings mußte bis zu deren Ausführung noch der ganze April hingehen, während dessen die Lage in den Karpathen zu halten war.

Nicht unähnlich hatten sich die Dinge für die russische Heeresleitung gestaltet, wobei für ihre Entschlüsse außer den Verhältnissen auf dem Kriegstheater vor allem der Angriff der Alliierten auf die Dardanellen mitbestimmend werden mußte (S. 6). Und zufälligerweise sollte sich auch für sie die Nötigung ergeben, bis Anfang Mai eine zwar die Handelsfreiheit der Unterführer nicht völlig unterbindende Operationspause eintreten zu lassen.

Selbstverständlich taten beide Teile das Möglichste für die Geheimhaltung. Demgemäß konnte auch das AOK. Teschen aus den Nachrichten über den Feind die Umrisse eines größeren russischen Planes noch nicht erkennen. Nur daß ein Angriff Letschitzkis gegen PflanzerBaltin bevorzustehen schien, erfuhr man sowohl durch den Nachrichtendienst, wie auch durch Luftaufklärung. Dabei deuteten alle Anzeichen dahin, daß der russische Anschlag dem linken Flügel der Armeegruppe Pflanzers gelten mochte, was sich später als nicht zutreffend erweisen sollte. Im Gegensatz zu früher zog der Führer der Armeegruppe auf Grund dieser Auffassung seine Kräfte gegen den linken Flügel hin zusammen. Überdies erhielt er am 19. April von der Heeresleitung die Mitteilung, daß mit dem Einsatz des III. kauk. Korps bei Letschitzki zu rechnen sei. Auch seine Flieger stellten starke Ansammlungen in den Tälern der Łomnica und der Czeczwa fest. GdK. Pflanzer unterschätzte die sich hieraus ergebenden Gefahren um so weniger, als der Zusammenhang mit der deutschen Südarmee zu wünschen übrig ließ und auch das Gelände nach der Schneeschmelze die Russen zu einem Angriff gegen die Nahtstelle einladen mochte.

Um zunächst den Widerstand in den Tälern der Łomnica und der Bystrzyca Solotwinska zu kräftigen, wurden die hier fechtenden Gruppen verstärkt, die wichtigsten Übergänge in der Lücke befestigt und die Wege verbessert. Am 20. legte das AOK. dem GdK. Pflanzer im Hinblick auf die bevorstehende Einreihung der „neunten“ Marschbataillone — bei der Armeegruppe 20.000 Mann — ans Herz, den Feind von der Bahnstrecke Huszt—Máramaros-Sziget—Körösmezö — Kolomea verläßlich fernzuhalten; hinter dem linken Flügel der Armeegruppe war eine starke Reserve auszuscheiden, da sich die beständig im Kampfe liegende Südarmee nicht ausdehnen und nur die unmittelbar in ihre Flanke führenden Gebirgszugänge sichern konnte.

Vier Tage später wurde dem Armeegruppenführer mitgeteilt, daß in Westgalizien eine große Offensive vorbereitet werde und daß seine Truppen den Feind durch möglichst rege Tätigkeit zu binden hätten. Zur Täuschung der Russen wurden überdies zwei deutsche Kompagnien unter möglichst großem Aufsehen von der Südarmee nach Czernowitz gefahren, wo sie sich wie die Spitzenstaffel eines größeren Heereskörpers zu benehmen hatten. Pflanzer faßte nun aber auch den Entschluß, sich nicht mehr mit Scheinunternehmen zu begnügen, sondern dem ihm drohenden russischen Angriff durch einen Gegenstoß zuvorzukommen, der gleichzeitig den Wünschen der Heeresleitung möglichst vollkommen gerecht werden sollte. Bis zum 1. Mai versammelte er daher unter dem Kommando des FZM. Ljubičič 21 Bataillone und 7 Batterien (Teile der 5., der 6. und der 15. ID. sowie die ganze 16. IBrig.) in zwei Gruppen, die er zwischen der Bystrzyca Sołotwinska und der Czeczwa mit dem Schwergewicht westlich der Łomnica zu einem Vorstoße gegen Nordosten anzusetzen gedachte. Damit wollte er den ganzen linken Flügel der Armeegruppe (Gruppe Rhemen) bis in die Linie Chle-bówka—Perehińsko—Suchodol vorreißen.

Auch der Feind erwies sich gegenüber dem Gebirgsflügel schon seit Tagen überaus tätig; bereits am 1. Mai stieß er auf den Höhen nordwestlich Osmoloda vor, konnte aber leicht abgewiesen werden, obgleich die Südarmee nicht in der Lage war, die erbetene Unterstützung zu leisten. Am gleichen Tage setzten aber auch schon tatkräftig geführte kleinere Vorstöße der Gruppen Rhemen und Czibulka ein, die den Feind im unklaren über die Richtung des wirklich geplanten Angriffes halten sollten. FML. Czibulka beabsichtigte überdies, eine gemischte Abteilung auf das nördliche Dniesterufer zu werfen.

Durch alle diese Maßnahmen wurde die Ostgruppe zugunsten der Gruppe Ljubičič erheblich geschwächt, während vom 26. an nach verschiedenen Anzeichen nun doch ein russischer Angriff zwischen Dniester und Pruth bevorzustehen schien. Pflanzer-Baltin stellte daher dem GdK. Marschall die Armeereserve, die 8. KD., zur Verfügung; der deutsche General hatte den belagerungsmäßigen Angriff gegen Zaleszczyki fortzuführen und dem Feinde den zäh verteidigten Brückenkopf zu entreißen.

Die deutsche Südarmee setzte mittlerweile ihre Angriffe fort und band hiedurch den ihr gegenüberstehenden Feind. Ihrem rechten Flügel, dem in weitausgedehnter Stellung beiderseits der Wyszkówer Straße eingegrabenen Korps Gerok, blieb es hiebei versagt, Fortschritte zu erzielen. Beim Korps Hofmann gewann der Sappenangriff allmählich gegen die östlich der Straße nach Skole aufragenden Höhe Ostry derart Raum, daß der heißumstrittene Berg endlich am 24. April nach heftigem Kampfe von den braven Truppen gestürmt werden konnte1). Dies war für die öst.-ung. und die deutscher* Verbände an den inneren Flügeln der Korps Hofmann und Bothmer das Signal, sich ohne Säumen aus ihren Stellungen zu erheben und sich auch des vom Ostry zur Straße hinabziehenden Höhenrückens zu bemächtigen. Schon in den Vortagen hatte das Korps Bothmer ansehnliche Leistungen vollbracht. Nachdem die 38. HID. am 11. durch die Russen aus ihren Linien beiderseits des Stryj geworfen worden war (S. 261), konnte ein Gegenangriff am 14. nur einen teilweisen Wiedergewinn der preisgegebenen Höhen erzielen. Die Honvéddivision, die eine Brigade an die Gruppe Szurmay hatte abgeben müssen (S. 249), setzte jedoch, unterstützt von den deutschen Nachbartruppen, ihre Anstrengungen am 15., 16. und 22. April fort, wodurch schließlich die früheren Stellungen, auch die des rechten Flügels der 40. HID., der am 11. gleichfalls in Mitleidenschaft gezogen worden war, fast ganz wieder in eigenen Besitz gelangten. Die deutsche l.ID. erstritt am 18. eine wichtige Berghöhe und trotzte nächtlichen Angriffen. Nach der Eroberung des Ostry blieben die inneren Flügel der Korps Hofmann und Bothmer vorerst im Vorgehen, in der Folge hielten sie das gewonnene Gelände gegenüber ungestümen Tag- und Nachtangriffen des Feindes.

Bei der Gruppe Szurmay kam es ebenfalls zu heftigen Zusammenstößen. Neuerlich fühlten sich die Russen verlockt, in das Ungtal einzubrechen. Das russische XXVIII. Korps griff am 21. an und bemächtigte sich eines Teiles unserer südöstlich von Wolosate gelegenen Stellung. Die unmittelbar darauf mit schwachen Kräften unternommenen Gegenangriffe blieben ergebnislos. Szurmay rief nach Munkács und Ungvár um Hilfe. Linsingen wandte sich daher am 22. vormittags an das AOK. und bat, das 2. Armeekmdo. möge angewiesen werden, die jetzt bei Fenyvesvölgy in Reserve stehende halbe 37. HID. zur Unterstützung Szurmays einzusetzen oder mit dem ganzen V. Korps zur Offensive

!) Für die erfolgreichen Kämpfe seines Korps in den Karpathen wurde GdI. Hofmann mit dem Ritterkreuz des Militär-Maria Theresien-Ordens ausgezeichnet.

gegen Ustrzyki-Grn. zu schreiten. Böhm-Ermolli zögerte jedoch, seine letzte im Ungtale befindliche Reserve aus der Hand zu geben; nur die Artillerie des V. Korps beteiligte sich an den Kämpfen südöstlich von Wolosate. Der Führer der 2. Armee behielt übrigens mit seiner kühlen Beurteilung der Lage recht; denn obgleich die am 22. von Szurmay unternommenen Gegenangriffe unter erheblichen eigenen Verlusten scheiterten, nützten die Russen ihren Anfangserfolg nicht aus und stießen über die Einbruchstelle nicht weiter vor. Immerhin zeigte sich der Nachteil, daß Szurmays linker Flügel der Südarmee unterstellt war. Besser wäre es gewesen, die Sicherung des Ungtales in eine Hand zu legen; auch der in diesen Tagen in Durchführung gewesene Austausch der mit dem V. Korps vermengten Verbände Szurmays vollzog sich schleppend und umständlich. Nachdem der russische Durchbruchskeil geschickt abgeriegelt worden war, gelang es aber dem FML. Szurmay, sich der bis zum 26. dauernden unausgesetzten feindlichen Anstürme zu erwehren. Vom 2. Armeekmdo. wurde ihm nur ein Regiment der 37. HID. vorübergehend und nur für den Fall äußerster Dringlichkeit zur Verfügung gestellt. Vom 24. an griff der Russe auch die Mitte und den rechten Flügel der Gruppe Szurmay an, die sich nicht nur in der Abwehr dem Feinde gewachsen zeigte, sondern sogar zum Gegenangriff schreiten konnte.

Es unterliegt keinem Zweifel, daß die geschilderten Kämpfe der Südarmee ihren Zweck vollständig erfüllten und aller Wahrscheinlichkeit nach mit dazu beitrugen, daß der Feind die ihm in Westgalizien drohende Gefahr nicht inne wurde1). Linsingen, der wie alle anderen Armeeführer von der bevorstehenden Offensive in Westgalizien verständigt worden war, beantwortete diese Mitteilung am 30. damit, daß er der Heeresleitung vorschlug, ihm zwei Divisionen zuzuführen, die er an seinem rechten Flügel in der Richtung auf Dolina einsetzen wollte. Stets blieb er ein Anhänger des von ihm unablässig verfochtenen Flügelangriffes. Dieser Antrag wurde aber ebenso abgelehnt wie der von Tags darauf, deutsche Truppenteile hinter den linkeą Flügel der benachbarten Armeegruppe Pflanzer-Baltin zu verschieben, um dem Feinde gleichwie bei Czernowitz das Eintreffen starker deutscher Einheiten vorzutäuschen. Pflanzer-Baltin erhob dagegen Einspruch, weil er wegen des bevorstehenden Angriffes der Gruppe Ljubicić nicht weitere Russenkräfte herbeilocken wollte.

!) Für die erfolgreiche Verteidigung des Uzsokpasses im April 1915 wurde dem FML. Szurmay das Ritterkreuz des Militär-Maria Theresien-Ordens verliehen.

Bei der 2. Armee (S. 258) brannten die Kämpfe über die Aprilmitte hinaus noch einige Tage weiter fort, doch blieben sie auf die Gruppe Tersztyánszky beschränkt. In Ungvár und Teschen erwartete man einen größeren Angriff der Russen gegen den vom V. Korps gehüteten Raum Ceremchahöhe—Patakófalu. Der Feind stieß wohl bei Wolosate in Szurmays Front hinein, ließ aber das rechte Flügelkorps Böhm-Ermollis unbehelligt. Abgesehen von gelegentlicher Hilfeleistung beim linken Nachbar erfreute sich auch das XVIII. Korps verhältnismäßiger Ruhe. Mit geringen Kräften unternommene Vorstöße der Russen wurden am 15. und 22. April glatt abgewiesen.

Dagegen zog bei Tersztyánszky das Korps Schmidt beständig russische Angriffe auf sich; diese gipfelten am 17. darin, daß sie der 43. SchD. die beherrschende Koziolata entrissen. Vermutlich wollte sich der Feind durch den Besitz dieser Höhe die für ihn wertvollen Unterkünfte im Tal von Zemplénoroszi sichern. Alle Wiedereroberungsversuche mißlangen. Als überdies ein sorgfältig vorbereiteter größerer Gegenangriff Schmidts gegen diesen wichtigen Stützpfeiler am 20. trotz erheblicher Verluste nicht durchdringen konnte und auch das in den folgenden Tagen gegen die Koziolata zusammengefaßte Artilleriefeuer keinen merkbaren Erfolg erzielte, beschloß man am 26., sich mit diesem Verluste vorläufig abzufinden. Der rechte Flügel des XIX. Korps rang bis zum 25. andauernd um die Höhen bei Telepócz. Seit es der 41. HID. am 18. gelungen war, einen Teil der seinerzeit verlorenen Stellungen dem Feinde wieder zu entreißen, suchte dieser im Ondavatal weiter vorzudringen, doch wurden seine Angriffe abgewiesen. Die beiden linken Flügeldivisionen — 26. SchD. und 34. ID. — blieben mit Ausnahme eines in der Nacht auf den 22. von der 34. ID. abgeschlagenen Vorstoßes unbehelligt.

Neben den hiernach erforderlichen taktischen Anordnungen beschäftigte sich das 2. Armeekmdo. in diesen beiden Wochen unausgesetzt damit, seine Verbände wieder zu ordnen, die nicht nur innerhalb der eigenen Front, sondern auch mit den Truppen Szurmays vermengt waren. Mitte April hatte sich von den vierzehn Divisionen der Armee nur die Hälfte in ihrer kriegsgliederungsmäßigen Zusammensetzung befunden, die übrigen Divisionen waren auseinandergeraten. Nach der Einreihung der Marschformationen erhöhte sich der Stand der 2. Armee am 15. auf 79.000 Feuergewehre, doch schon vier Tage später war ein Ausfall von 12.000 Feuergewehren zu verzeichnen. Ablösungen und Verschiebungen hielten die Truppe unaufhörlich in Atem, bis am 27., als die Kämpfe abgeflaut waren, die Befehle für eine Neugruppierung ausgegeben werden konnten, deren Durchführung mehr als eine Woche in Anspruch nahm. Der Verband der Armeegruppe Tersztyánszky wurde in der Nacht auf den 1. Mai aufgelassen.

Da vor den Linien dieser Gruppe, insbesondere vor der 13. SchD., zahlreiche Russenleichen lagen und der Verwesungsgeruch den Aufenthalt in den Schützengräben fast unerträglich machte, sollte mit dem Feinde eine kurze Waffenruhe zur Bestattung der Toten vereinbart werden. Obgleich es sich nur um ein kleines Frontstück handelte, befahl das AOK. dennoch, die Verhandlungen einzustellen, um dem Feinde auch nicht die geringste Gelegenheit zu Truppenverschiebungen an die westgalizische Front zu bieten.

Im Gegensatz zur 2. Armee hielt die Kampfpause seit der Osterschlacht bei der Armee Boroević an. Die Russen fürchteten hier den Losbruch einer Offensive und arbeiteten fieberhaft an der Verstärkung ihrer Stellungen.

Gegenüber der k. u. k. 4. Armee hatten die Russen seit Anfang April lebhafte Aufklärungstätigkeit entwickelt, die um die Monatsmitte noch gesteigert und zeitweilig auch durch kleinere Unternehmen (am 7. und 8. bei der 3. ID., am 14. bei Ciężkowice) begleitet war. Vom 19. an ließ sich der Feind auch die Erkundung durch Flieger stärker angelegen sein, um freilich nach ein paar Tagen wieder zu erlahmen. Dies wurde von den Verbündeten besonders begrüßt, denn in den gleichen Stunden setzte die Ausladung der ersten deutschen Truppen vor Gorlice ein.

Bei der Armee Dankl und beim XII. Korps hatte die seit Wochen währende Ruhe weiter angehalten. Das unablässige Zufließen von Ersätzen bei verhältnismäßig geringen Verlusten ließ die Truppenstärken dieser Heereskörper beträchtlich anschwellen, so daß die Infanterieregimenter fünf und sechs starke Bataillone zählten. Dies sollte der Heeresleitung ermöglichen, für den bevorstehenden Schlag in Westgalizien noch Verbände in der Stärke von zwei Divisionen auf das südliche Weichselufer zu werfen.

Das Ergebnis des Karpathen winters

Mit dem „Karpathenwinter“ hatte eine der denkwürdigsten Phasen des großen Ringens 1914—1918 ihren Abschluß gefunden. Wenn die Theorie das Karpathengebirge meist nur als „Durchzugsland“ gelten ließ, so war sie wie in manchem anderen durch die Macht der Tatsachen

Lügen gestraft worden. Die Karpathen — und zwar nicht nur der offenere westliche Teil, sondern auch das gegen die Bukowina hinstreichende Waldgebirge — waren für lange Wochen zum großen Schlachtfelde geworden, auf dem sich das Geschick ganzer Heere erfüllen sollte. Und dies hatte sich in der härtesten Zeit des Jahres begeben, während der Winter Berg und Tal in seine Fesseln geschlagen hatte, um heute ganze Schützenketten im wahrsten und schrecklichsten Sinne des Wortes in Eis und Schnee erstarren zu lassen und morgen durch Regen oder Tauwetter weite Strecken des vielfach aller Hilfsmittel baren Landes in Sumpf und Morast zu tauchen. Gelände und Wetterunbill waren in diesen Monaten für die Kämpfer, die auf den Waldhöhen und in den einsamen, gottverlassenen Tälern ihr Letztes gaben, nicht selten gefährlichere Feinde als die, mit denen man sich Aug in Aug messen konnte. Dies galt für beide Parteien in gleicherweise.

Gen. Iwanow, der Führer der russischen Südwestfront, hatte wohl seit je die Meinung vertreten, daß von den beiden mitteleuropäischen Kaisermächten zuerst Österreich-Ungarn niederzuringen sei. Aber er hatte dabei bis über die Jahreswende hinaus viel eher an einen Siegeszug über Krakau nach Mähren, denn an einen Angriff über die Karpathen gegen Budapest gedacht. Wie sehr dieses Gebirge den Russen Scheu einflößte, bewies noch manche Maßnahme des Spätherbstes 1914. Der erste Entschluß, den Schrecknissen des Karpathenwinters zu trotzen, um Großes, vielleicht Größtes zu erkämpfen, war zweifellos vom öst.-ung. Generalstabschef ausgegangen, der um Neujahr den Plan entworfen hatte, dem Feinde über die Karpathen hinweg die linke Flanke abzugewinnen, und damit nur einen neuen Beweis seines großen unerschütterlichen Wollens gab, dem allerdings sogar der kraftbewußte Verbündete nur schweren Herzens Gefolgschaft zu leisten vermochte.

Die große Gefährdung, die den Russen aus den Plänen Conrads erwachsen war, hatte dann auch sie veranlaßt, den Tücken des winterlichen Gebirges nicht länger aus dem Wege zu gehen. Aus der aktiven Abwehr öst.-ung. und deutscher Angriffe wurde allmählich die große russische Offensive gegen Budapest, zu der nach dem Falle von Przemyśl

— immer noch widerwillig — auch der Großfürst-Generalissimus seine Zustimmung gab.

Gewaltige Heeresmassen wurden solcherart in vier schweren Kriegsmonaten durch die Karpathen von Norden und Süden her aufgesogen. Um die Jahreswende waren auf öst.-ung. Seite zwischen der Bukowina und Gorlice rund 18 Infanterie- und 6 Kavalleriedivisionen gestanden. Sie vermehrten sich bis zum 24. April auf etwa 46 Infanterie- und 81/2 Kavalleriedivisionen. Im Zusammenhang mit dem Truppenaufgebote für die Karpathen hatten die öst.-ung. Eisenbahnen in 116 Tagen 2 Armeekmdos., 10 Korpsstäbe und 42 Divisionen zu transportieren, wozu über 2500 Züge benötigt wurden1). Die Russen hatten zu Beginn des ersten Angriffes der Verbündeten, am 23. Jänner, die Reichswehrbrigaden miteingerechnet, im gleichen Abschnitte 20 Infanterie- und 11 Kavalleriedivisionen eingesetzt. Am 24. April zählte die russische Karpathenfront — ohne die strategischen Reserven — 38 Infanterie- und 14 Kavalleriedivisionen. Die gegenüber den Verbündeten geringere Zahl der russischen Divisionen wurde durch die größere Zahl der Bataillone und meist auch durch die doch höheren Stände mindestens ausgeglichen.

Mit dem Falle von Przemyśl war das Geschick der Conradschen Offensive entschieden; sie war nicht geglückt. Aber auch dem großen Russenansturm sollte das gleiche Schicksal werden. Entgegen den Wünschen der Stawka, die einer Umfassung des gegnerischen Ostflügels den Vorzug gegeben hätte, versuchte es Iwanow mit einem Durchbruch gegen Eperjes und Homonna. Aber was den öst.-ung. und deutschen Divisionen nicht vergönnt war, blieb auch den heranbrausenden Russenmassen versagt: ihre übrigens durch keinen wirklichen Sturmblock getragenen Angriffe erschöpften sich, ohne durchzudringen. Bei der Verteidigerrolle, die den Mittelmächten in ihrem Kampfe auf der „inneren Linie“ zugefallen war, stellte sich schließlich der Mißerfolg der Russen doch erheblich größer dar als der, den in den Monaten zuvor die Verbündeten erlitten hatten. Und ebenso war der Abwehrerfolg, den das öst.-ung. Heer, von deutschen Streitern getreulich unterstützt, errungen hatte, am Ende wesentlich höher zu bewerten als der der Russen im Jänner, Februar und März. Die öst.-ung. Offensiven hatten den Entsatz von Przemyśl, den Wiedergewinn Galiziens angestrebt, was die Russen verhindern konnten. Beim russischen Vorstoß gegen die ungarische Ebene aber ging es um einen ungleich höheren Preis: um nicht mehr und nicht weniger als den Bestand des Donaureiches.

!) Es wurden antransportiert: 1 Armee- und 5 Korpskmdos. sowie 21 Infanteriedivisionen und 1 Kavalleriedivision aus Westgalizien und Polen; 3 Korpskmdos. und 7 Infanteriedivisionen vom Balkankriegsschauplatz und 1 Armee- und 2 Korpsstäbe sowie 6 Infanteriedivisionen und 1 Kavalleriedivision des deutschen Heeres. Zum Transport dieser Massen waren insgesamt 120.000 Waggons nötig. Vgl. auch Ratzenhofer, Der Aufmarsch hinter den Karpathen (Militärwissenschaftliche Mitteilungen, Wien 1930, Juli-Augustheft).

Die Opfer, die auf beiden Seiten getragen werden mußten, entsprachen der unerhörten Hartnäckigkeit des Ringens, von dem die Karpathentäler vier Monate hindurch widerhallten. Eine verläßliche Verluststatistik gibt es für diesen Kriegsabschnitt weder hüben noch drüben. Auf öst.-ung. Seite schwanken die Berechnungsergebnisse des Gesamtverlustes an Toten, Verwundeten, Kranken, Gefangenen und Vermißten, wenn man die Besatzung von Przemyśl mitrechnet, zwischen 600.000 und 800.000 Mann. Davon mögen ein Zehntel auf Tote, vier bis fünf Zehntel auf Verwundete und Kranke, der Rest auf verwundet, krank oder heil in Gefangenschaft Geratene entfallen1).

Über die Verluste der Russen liegen noch um Wesentliches unverläßlichere Angaben vor. Nach amtlichen russischen Zusammenstellungen2) sind in den Verlustlisten des russischen Heeres in den ersten neun Kriegsmonaten insgesamt 1,200.000 Tote, Verwundete, Vermißte und Ge-x) Major Dr. Czegka gelangt unter Benützung von Aufstellungen des Gen. Ratzen

hofer zu folgender Berechnung:

Stand an Feuergewehren der Fußtruppen samt Reitern und Schützen

der Kavalleriedivisionen am 1. Jänner..............287.660    Mann,

hiezu Ersätze vom 1. Jänner bis 30. April für die obigen    Kategorien    737.460    „

hiezu Armeekörper vom Südosten....................71.700    „

Summe    .    .    .    1,096.820    Mann,

hievon Stand an Feuergewehren, Reitern und Kavallerieschützen

am 1. Mai................................535.000    „

daher Abgang an Toten, Verwundeten, Kranken, Gefangenen, Vermißten der obigen Kategorien....................561.820    „

hiezu 10 v. H. als Abgang vom sonstigen Kampfstand (Offiziere,

Artillerie, Maschinengewehre usw.)................56.180    „

ferner Erkrankte und Verstorbene des Erhaltungsapparates    .    .    .    55.000    „

außerdem Besatzung der Festung Przemyśl................120.000    „

ergibt als Gesamtverlust des öst.-ung. Nordheeres vom 1. Jänner bis

30. April 1915 ..............................793.000    Mann.

In diesen vier Monaten wurden Kranke und Verwundete von der

Front in die Heimat abgeschoben..................435.000    „

daher (von 673.000 Mann abgezogen, bei Vernachlässigung der im Armeebereiche Wiedergenesenen) Tote, Vermißte und Gefangene ohne Besatzung von Przemyśl..............238.000    „

mit der Besatzung von Przemyśl......................358.000    „

Aus dem Hinterlande wurden bis zum 1. Mai 1915 insgesamt 20.000 Offiziere, 930.000 Mann, 100.000 Pferde und 17.000 Fuhrwerke in den Armeebereich transportiert. Vgl. auch Ratzenhofer, Verluste im Karpathenwinter 1915 (Militärwissenschaftliche Mitteilungen, Wien 1930, September-Oktoberheft).

2) Sowjetrussische Übersicht über die Verluste der russischen Armee 1914—1918 (Moskau 1925).

fangene ausgewiesen. Die tatsächliche Einbuße ist mindestens um 60 bis 70v.H. höher einzuschätzen, beläuft sich also auf 1,800.000 bis 2,000.000 Mann, wenn nicht auf mehr1).

Die Opfer der Russen in den Karpathenkämpfen werden demnach nicht wesentlich höher, aber gewiß auch — trotz der Gefangenen von Przemyśl — nicht erheblich niederer zu bewerten sein. Empfindlicher allerdings als die Menschenverluste traf di