ÖSTERREICH-UNGARNS LETZTER KRIEG 1914-1918

HERAUSGEGEBEN VOM ÖSTERREICHISCHEN BUNDESMINISTERIUM FÜR LANDESVERTEIDIGUNG UND VOM KRIEGSARCHIV

VIERTER BAND

DAS KRIEGSJAHR 1916

ERSTER TEIL

VERLAG DER MILITÄRWISSENSCHAFTLICHEN MITTEILUNGEN

WIEN

ERSTER TEIL DIE EREIGNISSE VON JÄNNER BIS ENDE JULI

UNTER DER LEITUNG VON EDMUND GLAISE-HORSTENAU BEARBEITET VON

JOSEF BRAUNER, EDUARD CZEGKA, JAROMIR DIAKÓW, FRIEDRICH FRANEK, WALTHER HEYDENDORFF, RUDOLF KISZLING, FRANZ MÜHLHOFER, ERNST WISSHAUPT UND

GEORG ZÖBL

MIT 29 BEILAGEN UND 4 SKIZZEN

VERLAG DER MILITÄRWISSENSCHAFTLICHEN MITTEILUNGEN

Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, Vorbehalten

Copyright 1930 by Verlag der Militärwissenschaftlichen Mitteilungen in Wien

Einbandzeichnung von Rudolf Junk in Wien

Druck von Wertnner, Schuster Co., A. G., Wien V und Augustinus-Druckerei

Klosterneuburg

VORWORT ZUM VIERTEN BANDE

Krieg 1914—1918“, der nach Stoffgliederung und Aufbau den drei ersten Bänden gleichgehalten ist, enthält die Kriegsereignisse der sieben ersten Monate des Jahres 1916, außerdem eine Darstellung der Ausgestaltung der k. u. k. Wehrmacht, ihrer inneren Verfassung und der Entwicklung ihrer Kampfweise in der Zeit zwischen dem Winter 1914 15 und dem Frühjahr 1916.

er vorliegende vierte Band des Werkes „Österreich-Ungarns letzter



Die Schilderung der Frühjahrsoffensive gegen Italien bringt, abweichend von den bisherigen Richtlinien, mitunter auch die Kämpfe kleiner Einheiten, weil sie in dem schwierigen Gebirgsgelände Südtirols die Kriegshandlungen oft entscheidend beeinflußten. Desgleichen wurden die Durchbrüche der Russen bei Łuck und bei Okna eingehender beschrieben, um die Ursachen der überraschend großen russischen Erfolge bloßzulegen. Die Bearbeitung der Offensive gegen Italien litt darunter, daß von italienischer Seite noch kein diese Kriegsepoche behandelndes offizielles Kriegswerk vorliegt. Man war daher auf die Memoirenliteratur und die knapp gehaltenen Darstellungen von Privatpersonen angewiesen. Die Schriftleitung behält sich vor, nach Erscheinen des italienischen Generalstabswerkes, wenn erforderlich, einen Nachtrag über die italienischen Führerentschlüsse in einem der nächsten Bände zu bringen.

Die einzelnen Abschnitte wurden von nachstehenden Mitarbeitern verfaßt:

„Die Neujahrsschlacht 1916 gegen die Russen“ vom Hptm. d. BH. Wisshaupt;

„Die Eroberung von Montenegro und von Nordalbanien“ vom Obstlt. d. BH. Mühlhofer;

„Österreich-Ungarns Heer vom Karpathenwinter bis zum Frühjahr 1916“ vom Mjr. d. BH. Dr. Franek;

„Die drei Kriegstheater bis Mitte Mai 1916“ vom GM. d. R. Zöbl; einzelne Abschnitte haben Obstlt. d. BH. Brauner (Kärntner- und Isonzofront), Oberstaatsarchivar Obst. a.D. Kisz ling (Russischer Kriegsschauplatz) und Obstlt. d. BH. Mühlhofer (Balkan) bearbeitet;

,,Die Frühjahrsoffensive 1916 gegen Italien“ vom GM. d. R. Zöbl mit Beiträgen des Obstlt. Brauner (Kärntner- und Isonzofront), Mjr. Dr. Franek (K. u. k. I. Korps) und Hofrat d. R. Obst. a. D. Ehnl (K. u. k. VIII. Korps);

,,Die Offensive der Russen im Sommer 1916“ vom Obersten Ki szli ng gemeinsam mit Obstlt. d. R. Diakow, Mjr. d. BH. Dr. Czegka und Hptm. Wisshaupt;

„Die Südwestfront und der Balkan im Juni und Juli“ von Mjr. d. R. Heydendorff (Südtirol), Obstlt. Brauner (Isonzofront) und Obstlt. Mühlhofer (Balkan);

„Probleme der Kriegführung im ersten Halbjahr 1916“ vom Obst. Kiszling.

In gleicher Weise, wie es im Vorwort des III. Bandes angeführt ist, haben sich um das Werden des vorliegenden Bandes verdient gemacht: GO. d. R. Sarkotic-Lovcen, Gen. d. R. Ing. Ratzenhofer, GM. d. R. Spannocchi, Generalstaatsaixhivar Univ.-Prof. Dr. Bittner, Hofrat d. R. Obst. a. D. Ehnl, Hofrat d. R. Rtm. a. D. Sacken, Wirkl. Amtsrat Obstlt. a. D. Martinec und Amtsrat Mjr. a. D. Pi bl. Gen. d. R. Ing. Ratzenhofer überwand außerdem als neuer Leiter des Verlages in unermüdlicher Tätigkeit die Schwierigkeiten, die der Fortführung eines solchen Werkes in einer wirtschaftlich so bedrängten Zeit in wachsendem Maße entgegenstehen müssen. Allen genannten sowie den zahlreichen Führern und Generalstabsoffizieren des alten Heeres, die einzelne Abschnitte vor der Drucklegung zu überprüfen und zu ergänzen die Güte hatten, sei herzlichst gedankt.

Daß sich das Werk nach wie vor der ebenso unentbehrlichen wie verständnisvollsten Förderung durch den gewesenen Bundesminister für Heereswesen, Altbundeskanzler GdI. Vaugoin und durch seinen ersten Mitarbeiter, GdI. Schiebel, rühmen durfte, soll wie immer mit besonderem Nachdruck hervorgehoben sein.

Unveränderlicher Dank gebührt auch der großen Gemeinde der Bezieher, deren Treue zur guten Sache nicht genug gerühmt werden kann.

Wien, Herbst 1933.

Der Leiter der kriegsgeschicht- Der Direktor des Kriegsarchivs liehen Abteilung des Kriegsarchivs Dr. h. c. GLAISE-HORSTENAU KISZLING

INHALTSVERZEICHNIS

Seite

Vorwort zum vierten Bande.................................    V

Verzeichnis der Abkürzungen .................XVI

Die Neujahrsschlacht 1916 gegen die Russen

Die militärische Lage um die Jahreswende 1915 16....................3

Die Entschlüsse bei Freund und Feind..........................3

Die Vorbereitung für Angriff und Verteidigung..........5

Der Verlauf der Schlacht....................8

Die ersten Angriffe der Armee Letschitzki gegen Rarancze 27. bis 30. Dezember 1915).....................8

Der Angriff der Armee Schtscherbatschew an der Strypa (29 Dezember 1915

bis 4. Jänner 1916)...................11

Der Höhepunkt der Schlacht.................15

Der Einbruch der Russen bei Rarancze (1. bis    7.    Jänner)......15

Neuerlicher Durchbruchsversuch der russischen 7. Armee bei Kujda-

nów (7. Jänner)...................19

Massenangriffe der Russen bei Rarancze (10.    bis 19. Jänner) ...    22

Der Ausklang der Schlacht.................24

Betrachtungen über die Neujahrsschlacht.............27

Die Eroberung von Montenegro und Albanien

Der Feldzug in Montenegro...................33

Die Weisungen an die Befehlsgruppen..............33

Lage und Ereignisse bis zur Jahreswende.............35

Die Ereignisse an der montenegrinischen Nordfront bis zur Einnahme von

Berane........................38

Die Vorrückung des k. u. k. VIII. Korps und der    62. ID.......40

Die Offensive gegen die montenegrinische Westfront........42

Aufmarsch und Bereitstellung................42

Taktische Erwägungen und Befehle für die    Eroberung des Lovcen .    45

Die Erstürmung des Lovcen................48

Beginn der Verhandlungen.................53

Die Ereignisse    bis    zur Waffenstreckung    des    montenegrinischen Heeres .    .    56

Die Ereignisse    bis    Ende Jänner................59

Die Eroberung von Nordalbanien.................65

Die Vorrückung bis an den Škumbi..............65

Anmarsch    und    Bereitstellung................65

Die Eroberung    von Durazzo    (23.    bis 26.    Feber;.........71

Seite

Die Ereignisse bis Mitte März.....................76

Neugruppierung, Weisungen und Operationsstillstand.......76

Die Italiener in Valona..................78

Die deutsch-bulgarische Front bis Mitte März 1916........80

Österreich-Ungarns Heer vom Karpathenwinter bis zum Frühjahr 1916

Der Ausbau der Wehrmacht..................85

Verbrauch und Ersatz der Menschenkräfte............85

Ausbau der Fußtruppen und Wandlungen bei der Reiterei.......90

Der Ausbau der Artillerie..................96

Ausgestaltung und Tätigkeit der Hilfswaffen und der lleeresanstalten .    .101

Die Militär Verwaltung in den besetzten Gebieten..........109

In Polen.......................109

In Serbien, Montenegro und Albanien............113

Wandlungen der Heer-    und Kampfführung.............116

Der Weg zu einem    neuen Angriffsverfahren...........116

Neue Leitgedanken und Erfahrungen über die Abwehr im Stellungskriege    .    122

Die Kampfweise auf dem italienischen Kriegsschauplätze.......131

Die seelischen Kräfte....................137

Die drei Kriegstheater bis Mitte Mai 1916

Der Winter an der Südwestfront.................145

Plan der Italiener und Verteilung ihrer Kräfte für den weiteren    Kampf    .    145

Der Ausbau des italienischen Heeres im Jahre 1916........149

Die Wintermonate an    der Gebirgsfront..............152

Die Kämpfe in    Tirol..................152

Die Begebenheiten an der Kärntner Front ^Mitte Dezember 1915 bis

Ende März    1916)..................156

Die Ereignisse bei der k. u. k. 5. Armee von der Jahreswende bis    Anfang März    162

Die Wiedereroberung der Höhen von Oslavija.........164

Die fünfte Isonzoschlacht (11. bis    16. März)............167

Die k. u. k. 5. Armee bis zum    Beginn der Schlacht........167

Plan und Durchführung des    italienischen Angriffes.......169

Die Einleitung der Frühjahrsoffensive    gegen Italien..........172

Conrads endgültiger Entschluß zur Offensive...........172

Pläne des Heeresgruppenkommandos Erzherzog Eugen und des 11. Armeekommandos ....................174

Vorbereitungen und Versammlung der Streitkräfte..........179

Die Grundlagen der Vorbereitung..............179

Das Aufgebot der Kräfte.................183

Maßnahmen zur Geheimhaltung und zur Täuschung des    Feindes    .    .    186

Die öst.-ung. Ablenkungsangriffe am Isonzo und an der Kärntner

Front 17. März bis 7. April)..............189

Der Aufmarsch in Südtirol.................193

Seite

Die Gegenmaßnahmen der Italiener...............197

Die Ereignisse an der Tiroler Front von Anfang April    bis    Mitte    Mai    .    202

Die Kämpfe im Raum westlich der Etsch...........202

Die Sprengung des Col di Lana..............207

Die Ereignisse am Isonzo und an der Kärntner Front bis    Mitte    Mai    .    .    212

Die Aprilkämpfe im Suganatal................216

Der Gegenangriff der k. u. k.    18.    Infanteriedivision........220

Die Zeit des Wartens....................224

Die Ursachen für das Aufschieben des Angriffes.........224

Änderungen der Angriffsordnung..............227

Die Abwehrbereitschaft der Italiener.............230

Die Ostfront und der Balkan bis Mitte Mai 1916...........232

Kräfteabgaben der dem k. u. k. AOK. unterstehenden Ostfront und Stellungsbau .......................232

Pläne und Beschlüsse der Westmächte und der Stawka im ersten Jahresviertel 1916...................... 236

Die Kampfereignisse an der Ostfront von Anfang Februar bis    Mitte    Mai    1916    239

Die Begebenheiten auf dem Balkan im Frühjahr 1916.........245

Die Frühjahrsoffensive 1916 gegen Italien

Die Schlacht bei Folgaria und Lavarone..............253

Der Durchbruchsangriff der k. u. k. 11. Armee (15. bis 19. Mai .... 253

Die beiden ersten Schlachttage (15. und 16. Mai)........255

Das Ringen um die Entscheidung (17. bis 19. Mai.......261

Die Neuordnung der Heeresgruppe Erzherzog Eugen........267

Das Ablenkungsmanöver des XVII. Korps.............271

Die Gegenmaßnahmen der italienischen Führung..........273

Der Durchbruchsangriff des III. Korps..............277

Die Vernichtung der italienischen 34. Division.........277

Die Eroberung des Kempeirückens..............284

Die Ereignisse im Suganatal (20. bis 26.    Mai).........291

Hemmungen bei der 11. Armee................293

Die Umgruppierung auf dem rechten Armeeflügel (20.    bis    25.    Mai)    .    .    293

Die Vorgänge beim XX. Korps (20. bis 26. Mai).........296

Die Ereignisse an der Südwestfront abseits der 3. und der 11. Armee

(15. Mai bis 10. Juni)..................301

Die Schlacht bei Asiago und Arsiero    ',27.    Mai    bis    16.    Juni).......305

Die Absichten für die Weiterführung der Offensive........305

Die Besitznahme von Asiago (26. bis 29. Mai)..........311

Die Fortsetzung der Angriffe der 11. Armee (26. Mai bis 7.    Juni'i    .    .    .    .316

Die Kämpfe bei Arsiero.................316

Die Eroberung des Mt. Priaforä und die Kämpfe bei    Posina    .    .    .    .319

Der letzte Angriff auf den ßuolepaß.............321

Die Kämpfe um den Mt. Cengio..............322

Der Durchbruchsversuch im Asticotal............324

Seite

Die Ausbreitung der 3. Armee auf den Hochflächen der Sieben Gemeinden

,29.    Mai bis 8. Juni)..................327

Der    Durchstoß gegen die Val Canaglia............330

Die Eroberung des Mt. Meletta......-........333

Die Kämpfe im Becken von Asiago.............335

Der Ausklang der Offensive 10. bis 16. Juni)...........339

Die    Einschränkung der Ziele...............339

Der    letzte Angriff der 11. Armee .............342

Die    letzten Kämpfe der 3. Armee..............344

Der    Befehl zum Übergang in die Verteidigung.........347

Rückblick auf die Frühjahrsoffensive 1916 gegen Italien.......349

Die Offensive der Russen im Sommer 1916

Die Vorbereitungen bei Feind und Freund .... *.........359

Die Entwicklung des Planes für die russische Sommeroffensive .... 359

Die    Angriffsvorbereitungen Brussilows............364

Die Abwehrmaßnahmen an der öst.-ung. Ostfront von Mitte Mai bis zum

3. Juni 1916    .....................368

Der erste Ansturm des russischen Südwestheeres 4. bis einschließlich 9. Juni) 375

Der 4. Juni bei der k. u. k. 4. Armee..............375

Ablenkungsangriffe der 11. Russenarmee am 4. und 5. Juni......378

Der Durchbruchsangriff der 8. Russenarmee am 5. und 6. Juni.....382

Verlust der ersten und der zweiten Stellung westlich von Olyka am

5. Juni......................382

Rückzug der ganzen 4. Armee am 6. Juni...........388

Die Schlacht bei Łuck ,7. bis einschließlich 9. Juni.........394

Der Verlust des Brückenkopfes (7. Juni)............394

Vorbrechen der Russen über den Styr bei Łuck (8. und 9. Juni) .    .    . 404

Betrachtungen zur Durchbruchsschlacht bei Olyka—Łuck.......410

Die Angriffe der Armee Sacharow nordwestlich von Tarnopol 6. bis einschließlich 9. Juni)...................415

Die Angriffe der 7. und der 9. Russenarmee............417

Die Pläne der Generale Schtscherbatschew und Letschitzki.....417

Der Vorstoß der Russen gegen die Gruppe Benigni (4. bis 9. Juni) .    . 420

Der Durchbruch der Russen bei Jazlowiec v6. bis 7. Juni).....426

Das Zurückweichen des XIII. Korps von der Strypa (^8. bis 10. Juni) . 429 Die oberste russische Führung und die Gegenmaßnahmen der Verbündeten

zwischen 5. und 9. Juni..................435

Neuerliche Russenstürme auf beiden Dniesterufern , 10. bis 16. Juni .... 440

Der    Durchbruch bei    Okna    10. Juni)..............440

Rückzug der k. u. k. 7.    Armee am 11.    und    12. Juni........446

Das Standhalten    der    Südarmee (10.    bis    12. Juni)........451

Die    Entwicklung der    Lage    in Ostgalizien    und    in der Bukowina vom 13. bis

zum 15. Juni......................456

Neue russische Angriffe gegen die Mitte der Südarmee v13. bis 15. Juni) 460

Seite

Rückblick auf die Geschehnisse zu beiden Seiten des Dniester.....464

Die Zwischenzeit bis zur Gegenoffensive der Verbündeten in Wolhynien

(10. bis einschließlich 15. Juni)...............467

Die Zurücknahme der Armee Puhallo hinter die Linie Plaszewka—

Styr—Lipa (10. bis einschließlich 13. Juni).........467

Rückzug der    k. u. k. 4. Armee    zwischen    dem    10.    und    dem    13.    Juni    .    .    .    472

Die Gruppe    Bernhardi und    der    Nordflügel    Linsingens    zwischen    dem

10. und    dem 13. Juni.................474

Linsingens Angriffsplan und die Absichten Brussilows......477

Die Begebenheiten bei der Heeresgruppe Linsingen am 14. und    15. Juni    479

Beratungen und Entschlüsse der Feldherren um Mitte Juni......484

Verhandlungen zwischen Conrad und Falkenhayn......... 484

Ein neuer Entschluß der Stawka..............487

Die Gegenoffensive    der Mittelmächte...............489

Anfangserfolge in Wolhynien am 16. Juni.............489

Fortsetzung des Angriffes der Verbündeten (17. bis 19. Juni vormittags)    .    .    493

Die Kämpfe beim festhaltenden Nordflügel der Heeresgruppe    Linsingen

^16. bis 19. Juni vormittags)..............497

Linsingens geänderter Angriffsplan und die Kampfereignisse bis zum 20. Juni 500 Die Kämpfe in der Bukowina und in Ostgalizien bis zum 20. Juni .... 505

Der Verlust von Czernowitz (16. bis 18. Juni)..........505

Die Lage in der Mitte der öst.-ung. Ostfront vom 16. bis 20. Juni .    . 508

Das Vordringen der Russen    in der Bukowina    bis an die Suczawa

(19. bis 20. Juni)...................511

Die großen Führerentschlüsse zu Beginn der zweiten Junihälfte.....514

Conrads Entschluß zur Einstellung der Offensive gegen Italien .    .    .514

Plan einer Gegenoffensive beiderseits vom Dniester.......517

Die Pläne der russischen Führung zur Fortsetzung der Offensive .    .    . 522

Fortführung der Offensive Linsingens gegen Łuck (21. bis 29. Juni) .    .    . 524

Die Kämpfe in der Zeit vom 21. bis 24. Juni..........524

Neuerliche Abänderungen der Gegenoffensive Linsingens (25. bis 29. Juni) 530 Brussilows Befehle zur Wiederaufnahme des Angriffes ^25. bis 29. Juni) . 535 Der Flankenstoß der Armeegruppe Marwitz und das Verebben der Gegenoffensive Linsingens (30. Juni bis 3. Juli)...........537

Das weitere Vordringen der Russen in der Bukowina (21. bis 24. Juni) .    . 547

Die Armeen Bothmer und Böhm-Ermolli vom 21. Juni bis anfangs Juli .    . 553

Die    Schlacht bei Kolomea (erste    Phase).............555

Der Beginn der Kämpfe (24.    bis 27. Juni)...........555

Der Durchbruch der Russen am Pruth und bei Kuty (28. bis 30. Juni) 559 Neue Krise bei der k. u. k. 7. Armee und Gegenangriffe der Verbündeten

(1. bis 3. Juli)...................564

Die allgemeine Offensive des Zarenheeres in der ersten Julihälfte    568

Die Kriegslage zu Beginn des zweiten Halbjahres 1916........568

Die    russische Nordfront und der    Angriff der Westfront.......571

Die Schlacht bei Baranowicze    (2. bis 9. Juli)..........572

Der Ansturm des nördlichen Heeresflügels der russischen Südwestfront .    . 578

Seite

Verlust der Styrschlinge bei Czartorijsk und Rückzug Linsingens hinter

den Stochod ,4. bis 9. Juli '...............578

Die festhaltende Mitte der Heeresgruppe Linsingen und der letzte Vorstoßversuch der Armeegruppe Marwitz ^4. bis 9. Juli).....591

Neue Russenstünne gegen den südlichen lleeresflügel (4. bis    10.    Juli)    .    .    594

Die Schlacht bei Kolomea i zweite Phase'» ^4. bis 6. Juli)......594

Schtscherbatschews Angriff bei Barysz und bei Monasterzyska (4. bis

10. Juli'i ...............’.....599

Kämpfe in den Karpathen vom 7. bis zum 10. Juli........602

Endgültige Verlegung des Schwergewichtes der Russen in den Raum südlich vom Pripiatj....................608

Die Ereignisse an der Ostfront vom    10. bis zum 15. Juli.......610

Kämpfe um die Behauptung der    Stochodlinie..........610

Stillstand bei der Mitte und am Südfliigel der Heeresgruppe Linsingen

,10. bis 15. Juli)...................614

Neuerliche Vorstöße der Russen am Koropiec (10. bis 15.    Juli)    .    .    .    615

Fortdauer der Kämpfe in den Karpathen (10. bis 15. Juli).....617

Neues    Aufflammen der russischen Offensive in der zweiten Julihälfte    ....    623

Angriffe der Nordfront und der Westfront (16. bis 29. Juli)......623

Kuropatkins Vorstoß gegen Bausk..............623

Der Ausklang der Schlacht bei    Baranowicze..........624

Angriffe der Armee Sacharow (16.    bis 21. Juli)..........626

Ausweichen der Armeegruppe Marwitz hinter die Lipa (16. bis 19. Juli) 627

Die Schlacht bei Beresteczko (20. bis 21. Juli)..........633

Stillstand der Russen in Ostgalizien und weiteres Vorgehen Letschitzkis in

den Karpathen 16. bis 20. Juli)..............638

Führerentschlüsse bei Feind und freund (19. bis 21. Juli).......642

Entlastungsvorstoß aus der Mitte der Armee Pflanzer-Baltin (21. bis 27. Juli) 646 Neuerliche Vereitelung der Bereitstellung der Durchbruchsgruppe am

Dniester 21. bis 27. Juli'...............649

Die Schlacht bei Brody 22. bis 28. Juli.............650

Der Schlacht bei Kowel entgegen (22. bis 27. Juli'..........658

Betrachtungen zur Brussilow-Offensive 1916...........660

Die Südwestfront und der Balkan bis Ende Juli 1916

Die italienische Gegenoffensive in den Sieben Gemeinden.........667

Die Kämpfe in der zweiten Junihälfte..............667

Die neue Abwehrfront der Heeresgruppe Erzherzog Eugen und der

italienische Angriffsplan................667

Das Beziehen der Dauerstellung und das Nachstoßen der Italiener .    . 670

Die Abwehrschlacht in den Sieben Gemeinden (1. bis 24. Juli).....675

Beurteilung der Lage, Entschlüsse und Maßnahmen auf beiden Seiten . 675

Die Ereignisse in der ersten Julihälfte............677

Die italienischen Angriffe in der Vallarsa und im Posinabecken Borcolaschlacht - r 10. bis 24. Juli...............6S3

Seite

Der zweite Vorstoß der Italiener gegen das k. u. k. III. Korps (22. bis

24. Juli) .....................686

Die Fleimstaloffensive der Italiener (21. bis 27. Juli........689

Begebenheiten an den übrigen Abschnitten der Südwestfront.......693

Gefechte an den Tiroler Nebenfronten..............693

Die Ereignisse am Isonzo und an der Kärntnergrenze Juni    und Juli 1916 . 696

Der Kampfraum am Isonzo vorübergehend als Nebenfront.....696

Der Gasangriff auf der Hochfläche von Doberdö........698

Die Kämpfe und Kräfteverschiebungen an der Isonzofront im Juli 1916 703

Die Ereignisse an der Kärntner Front............706

Die Balkanfront von Mitte Mai bis Ende Juli    1916..........708

Die Begebenheiten in Albanien................'708

Lage und Erwägungen bei Freund und Feind............712

Probleme der Kriegführung im ersten Halbjahr 1916 Personenverzeichnis und Verzeichnis der öst.-ung. und der verbündeten Truppenverbände

Personenverzeichnis ......................729

Verzeichnis der    öst.-ung. Truppenverbände..............736

Verzeichnis der    deutschen Truppenverbände .............744

Verzeichnis der    bulgarischen Truppenverbände ............745

Verzeichnis der    türkischen Truppenverbände.............745

Druckfehlerverzeichnis .....................747

BEILAGEN- UND SKIZZENVERZEICHNIS

Lage in Wolhynien und Ostgalizien am 1. Jänner 1916.......Beilage 1

Kämpfe bei Kujdanów. Lage am 1. Jänner 1916..................„    1

Kämpfe bei Rarancze. Lage vom 1. bis 2. Jänner vorm. 1916 ....    „    1

Kriegsgliederung der k. u. k. 7. Armee am 15. Dezember 1915 ...    „    1

Kriegsgliederungen für das erste Halbjahr 1916..................„    2

Die Eroberung von Montenegro und von Nordalbanien durch die k. u. k.

3. Armee. 5. Jänner bis 18. März 1916......................„    3

Lage auf dem Westbalkan am 1. Jänner 1916......................,,    3

Die Eroberung des Lovcen..................................„    3

Lage in Albanien Mitte März 1916..........................„    3

Die Einnahme von Berane..................................„    3

Die Eroberung von Durazzo..................................„    3

Tabellen zur Entwicklung der öst.-ung. Wehrmacht vom Kriegsbeginn bis

Anfang Mai 1916......................................„    4

Laufbild der Eisenbahn-Truppentransporte vom 6. Dezember 1915 bis

Ende Mai 1916......................................,,    5

Die Lage in Tirol Mitte Februar 1916..........................,,    6

Verteilung der italienischen Streitkräfte Mitte Februar 1916..........„    6

Die Bahnen und Straßen im Operationsgebiet der Offensive aus Südtirol 1916    „    7

Lage im Küstenlande vor Beginn der fünften Isonzoschlacht (11. März 1916)    „    8

Die Heeresgruppe Erzherzog Eugen anfangs April 1916 und die italienischen Verteidigungsstellungen............................,,    9

Das Kampfgelände in der Val Sugana..........................,,    9

Lichtbilder der Bocche di Cattaro und der Lessinischen Alpen..........„    10

Lichtbilder des Kampfraumes auf den Hochflächen von Asiago ....    „    11

Die Schlacht bei Folgaria und Lavarone..........................12

Endgültiger Angriffsplan der Heeresgruppe Erzherzog Eugen..............12

Die Lage am 15. Mai 1916......................................12

Absicht des 11. Armeekommandos nach Befehl vom 19. Mai 1916 ...    „12

Die Artillerie der 11. Armee am 15. Mai 1916.............13

Durchbruchsraum des XX. Korps..............................,,    14

Die Gruppierung der Infanterie am 15. und am 20. Mai 1916...........,    14

Durchbruchsraum des III. Korps..................................15

Die Lage des III. Korps am 23. und am 25. Mai 1916 abends ....    „    15

Die Gruppierung der Infanterie am 28. Mai und am 6. Juni 1916 ...    ,,15

Die Lage am 26. Mai 1916......................................16

Verteilung der italienischen Streitkräfte Anfang Juni 1916..........„    16

Die Lage am 12. Juni 1916..................................„    17

Das Kampfgelände um den Mt. Priaforä ............................17

Das Kampfgelände um den Mt. Meletta ............Beilage 17

Die Lage am Isonzo Mitte Mai    1916............................,,    17

Die Lage an der Kärntnerfront    Mitte Juni 1916..................„    17

Die Lage in Wolhynien und in    Ostgalizien am 4.    Juni 1916 früh ...    ,.18

Angriffsplan nach den Weisungen der Stawka vom 31. Mai 1916 ....    „    18

Laufbild der Eisenbahn-Truppentransporte vom l.Juli bis 2. August 1916    19

Die Durchbruchskämpfe in Wolhynien vom 4. bis einschließlich 9. Juni 1916    „    20

Die Kämpfe bei Okna am 4. Juni 1916..........................„    21

Der Durchbruch bei Jazlowiec.    6. bis 10. Juni 1916................,,    21

Der Durchbruch bei Okna. 10.    bis 12. Juni 1916..................,,    21

Die Lage in Ostgalizien und in der Bukowina vom 17. bis einschließlich

26. Juni 1916............................................21

Die Heeresgruppen    Böhm-Ermolli und    Linsingen    vom    10.    bis    15. Juni    1916    ,,    22

Die Gegenoffensive    der Heeresgruppe    Linsingen    vom    16.    bis    20. Juni    1916    ,,    22

Die Gegenoffensive    der Heeresgruppe    Linsingen    vom    21.    bis    29. Juni    1916    „    23

Die Gegenoffensive    der Heeresgruppe Linsingen vom 30. Juni bis 3. Juli    1916    „    23

Schlacht bei Kolomea. 28. Juni bis 7. Juli 1916.............24

Kämpfe bei Monasterzyska. 4. bis 13. Juli 1916............24

Kämpfe in den Karpathen. 6. bis 27. Juli 1916....................„    24

Schlacht bei Brody. 25. bis 28. Juli 1916........................,,    24

Kriegsgliederungen für den russischen Kriegsschauplatz    im Juli 1916 .    .    „25

Die Schlacht bei Baranowicze. 2. bis 9. Juli 1916..................„    26

Verlust der Styrschlinge bei Czartorijsk und Rückzug Linsingens hinter

die Stochodlinie. 4. bis 15. Juli 1916.............26

Ausweichen der Armeegruppe Marwitz hinter die Lipa. 16. bis 19. Juli 1916    „    26

Die Schlacht bei Beresteczko. 20. bis 21. Juli 1916................„    26

Lage und Verteilung der Kräfte im Osten am 27. Juli 1916..........„    27

Die Lage an der k. u. k. Ostfront am 27. Juli 1916...........27

Lage auf dem westlichen Kriegsschauplatz Ende Juli 1916............„    27

Die Lage der k. u. k. 3. und 11. Armee am 30. Juni 1916........28

Die Fleimstalfront. 21. Juni 1916...............................,    28

Die Kräftegruppierung auf dem Nordteil der Hochfläche von Doberdö am

29. Juni 1916......................28

Kampfraum Tofanen- Ruffredo. 8. Juli 1916.............28

Lage auf dem Balkan Ende Juli 1916..........................„    29

Der Kampfraum an der unteren Vojusa........................„    29

Die Verteidigungsstellungen der ital. 2. und 3. Armee im Frühjahr    1916 .    Skizze    1

Lage an der Kärntnerfront und am oberen Isonzo nach Durchführung

der Ablösungen anfangs April 1916........................,,    2

Angriffsplan nach den Weisungen der Stawka vom 13. März 1916    ...    ,,    3

Die Adamellogletscher......................................,,    4

Kampfraum bei Riva im April 1916............................,,    4

VERZEICHNIS DER ABKÜRZUNGEN

AOK. Armeeoberkommando ArtKmdt., ArtKmdo. = Artilleriekommandant i^-kommando)

Baon. - Bataillon belg. -- belgisch

BkBaon., BkKomp. Brückenbataillon ^-kompagnie)

BregD., VardD. -- Bregalnica-^Vardar-)di-vision Bt. = Batterie D. = Division Det. = Detachement Dionskav. = Divisionskavallerie DOHL. — Deutsche Oberste Heeresleitung DonD. I ^11), DrinD., MorD., ŠumD., TimD. = Donau- (Drina-, Morava-, Sumadia-, Timok-) division I. (II.) Aufgebotes DR.. HR., UR. = Dragoner- (Husaren-, Ulanen-) regiment EisSichAbtlg. = Eisenbahnsicherungsabteilung

ER. = Eisenbahnregiment F = Feld

FABrig. = Feldartilleriebrigade FHR., FHD. = Feldhaubitzregiment (-division) finn. finnisch FJB. = Feldjägerbataillon FKR., FKD. = Feldkanonenregiment ’-di-vision)

F1W. = Flammenwerfer FiakBt., Flakzug= Fliegerabwehrkanonenbatterie (-zug)

Flakn. == Fliegerabwehrkanone FiiegKomp., FliegAbtlg. = Fliegerkompagnie (-abteilung [deutsch])

Frw. -- Freiwilligen

FsAR., FsABaon., FsAKomp. = Festungsartillerieregiment ^-bataillon, -kompagnie)

FsIBrig., FsIBaon. = Festungsinfanteriebrigade ^-bataillon)

Gb — Gebirgs

GbAR. = Gebirgsartillerieregiment GbBrig. = Gebirgsbrigade GbSchR. = Gebirgsschiitzenregiment GdA., GdI., GdK. =■ General der Artillerie ^Infanterie, Kavallerie)

Gen. - General

GendR., GendBaon., GendSchwd. = Gendarmerieregiment (-bataillon, -schwadron)

GID., GKD., GKosD. = Gardeinfanterie-(-kavallerie-, -kosaken-) division (deutsch, russ.)

GLt. = Generalleutnant ^deutsch, ital., russ.)

Gr\V., GrWZug = Granatwerfer (-zug) GrzJKomp. = Grenzjägerkompagnie GrzSchutzKomp. = Grenzschutzkompagnie H = Ilonvéd HaBrig. = Halbbrigade 1 Ib = Haubitze

HHR., IIHD. -- Honvédhusarenregiment (-division)

IIID., HIBrig., HIR. = Honvédinfanterie-division (-brigádě, -regiment)

ID., IBrig., IR., IBaon. = Infanteriedivision (-brigádě, -regiment, -bataillon) IPKomp. = Infanteriepionierkompagnie kauk. = kaukasisch

KavSchR., KavSchD. = Kavallerieschützenregiment (-division)

KD., KBrig. = Kavalleriedivision (-brigade) KJR. = Regiment der Tiroler Kaiserjäger Kn = Kanone

KombD. = kombinierte Division (serb.) KombKD. kombinierte Kavalleriedivision KosD., KosBrig. = Kosakendivision (-brigade)

KSchD., KSchBrig., KSchR., KSchArtKmdo. = Kaiserschützendivision (-brigade, -regiment, -Artilleriekommando)

Kub. Kuban

LdgBt. = Landungsbatterie

Lst — Landsturm


LstSAbt. = Landsturm-Sappeurabteilung LstEtBaon. = Landsturmetappenbataillon LstHusBrig., LstHusR., LstHusD = Landsturmhusarenbrigade (-regiment, -division)

MaBaon., MaKomp., MaSchwd. = Marschbataillon (-kompagnie, -schwadron) MG., MGAbtlg., MGKomp. = Maschinengewehr (-abteilung, -kompagnie [deutsch])

Ms. = Mörser

MW., MWAbtlg., MWKomp. = Minenwerfer (-abteilung, -kompagnie [deutsch])

PB. = Pionierbataillon Pos. = Positions R. = Reserve

RD. — Reservedivison ^deutsch), Reichswehrdivision (russisch)

RdfBaon. = Radfahrbataillon RFKR., RHFKR. = Reserve- ,-honvéd-) feldkanonenregiment RFHR., RHFHR. = Reserve- -honvéd-) feldhaubitzregiment

RIBrig., RIR. = Reserveinfanteriebrigade (-regiment [öst., deutsch]) rt.AD. = reitende Artillericdivision rt.DSchD.= reitende Dalmatiner Schützendivision

rt.SchR. = reitendes Schützenregiment rt.TKSchD. = reitende Tiroler Kaiserschützendivision SB. — Sappeurbataillon SchD., SchBrig. = Schützendivision {-brigade [öst., russ.])

SchR., SchBaon. Schützenregiment (-bataillon)

Schwd. = Schwadron Sekt. = Sektion

sFAR., sHFAR. = schweres ^Honvéd-) Feldartillerieregiment sFHD = schwere Feldhaubitzdivision sHbBt. = schwere Haubitzbatterie sib. = sibirisch

Stawka = Russische Oberste Heeresleitung StSchBaon., StSchAbtlg. = Standschützenbataillon (-abteilung) turk. = turkestanisch


Bei den Truppen sind die 1918 gültigen Bezeichnungen angewendet.

DIE NEUJAHRSSCHLACHT 1916 GEGEN DIE RUSSEN

IV

i



Die militärische Lage um die Jahreswende 1915/16

Die Entschlüsse bei Freund und Feind

Als Ende 1915 die zweiten Kriegsweihnachten ins Land zogen, da hallte — nach den schweren Herbstkämpfen — nur schwacher Kriegslärm durch die friedlos gewordene Welt. Einzig im Südwestwinkel Deutschlands, am Hartmannsweilerkopf, flammte knapp vor dem Christabend für kurze Weile ein heftiger örtlicher Kampf auf, der mit einem Abwehrerfolg der Deutschen endete. Aber hinter den Fronten sannen die Hauptquartiere um so emsiger nach, wie der Krieg aus seiner neuerlichen Erstarrung befreit, wie er im kommenden Jahre zur Entscheidung gebracht werden könnte (Bd. III, S. 565 ff.).

Die Mittelmächte litten schon schwer unter der Absperrung, die der Feindbund über sie verhängt hatte. Die Zeit arbeitete unzweifelhaft gegen sie. Desto wichtiger war es für die Heeresleitungen, möglichst bald einen Weg ins Freie zu finden. GO. Freih. v. Conrad hatte anfangs Dezember den Plan, im Frühjahr 1916 mit vereinten Kräften über Italien herzufallen, zu entscheidender Erwägung gestellt. War Italien abgeschüttelt, dann sollte die stärkste Front des Feindes, die französischbritische, an die Reihe kommen. Die verhältnismäßig kurze Frist, die vor dem Einsetzen der Angriffsvorbereitungen in Südtirol zur Verfügung stand, wollte der öst.-ung. Generalstabschef noch zur Niederwerfung Montenegros und Nordalbaniens ausnützen. War es schon fraglich, ob es zur Vertreibung der Entente aus Saloniki kommen werde, so sollte doch der Westflügel der neuen Balkanfront und damit der Südosten der Monarchie einigermaßen gesichert sein.

GdI. v. Falkenhayn setzte beiden Vorschlägen Conrads undurchsichtige Zurückhaltung entgegen. Dies veranlaßte die k. u. k. Heeresleitung Mitte Dezember, ohne die förmliche Zustimmung der DOHL. die für den Aufmarsch gegen Montenegro nötigen Weisungen zu erteilen, wobei sie auch über die bisher dem GFM. v. Mackensen unterstellte k. u. k. 3. Armee frei verfügte. Darüber kam es zu einem völligen Bruch zwischen den beiden Generalstabschefs, der die Jahreswende überdauern sollte. Freilich hatte der deutsche Generalstabschef inzwischen ganz ohne Vorwissen des Bundesgenossen einen für die weitere Kriegführung des

l*

ganzen Vierbundes viel schwerer wiegenden Entschluß gefaßt. Sein Blick hatte sich längst vom Balkan und von Italien weg nach dem Westen gewendet, wobei ihm allerdings nicht ein Vernichtungsschlag im Sinne der großen Lehren der Kriegsgeschichte vorschwebte, sondern die von des Gedankens Blässe angekränkelte Hoffnung, die feindliche Widerstandskraft irgendwie,,zermürben“zu können. Zu einem solchenZermürbungs-kampf wähnte er die Franzosen durch einen Angriff gegen ihre Ausfallspforte Verdun herauszufordern. Erinnert man sich noch, daß im öst.-ung. Hauptquartier schon im Juli 1915 die Möglichkeit gestreift worden war, den Strauß gegen Italien gegebenenfalls auch ohne Mitwirkung des Verbündeten zu wagen, so zeichnete sich damit schon um die Jahreswende 1915/16, mochte auch Österreich-Ungarn noch keine bindenden Entschlüsse gefaßt haben, das wenig günstige Bild ab, das die Kriegführung der Mittelmächte in der nächsten Zukunft bieten mußte. Hatte im Jahre 1915 gemeinsames Handeln den beiden Kaisermächten gewaltige Erfolge gebracht, so bargen die zu getrenntem Vorgehen führenden Absichten für 1916 den Keim des Mißerfolges in sich, wobei noch zu bedenken ist, daß der über die stärkeren Mittel verfügende Heerführer, GdI. Falkenhayn, den Möglichkeiten einer Kriegsentscheidung auf dem Schlachtfelde überhaupt mit bangen Zweifeln gegenüberstand.

Entgegen den Führern der Mittelmächte hatten sich die der Entente bei ihren Beratungen im Dezember 1915 im Grundsätzlichen willig dem Gebote der Stunde unterworfen. Was sie bisher vergeblich versucht hatten: einen gemeinsamen Angriff aller wider den Festungswall des Gegners — das sollte und mußte endlich im Jahre 1916 zur Tat werden! Erheblich schwerer wurde es den Teilnehmern des Kriegsrates von Chantilly, sich über die Frist zu einigen, zu der der gewaltige Sturm losbrechen sollte. Die Kämpfe des Jahres 1915 hatten am Marke aller Alliierten gezehrt. Es mochte, so sehr man in jeglichem Belange aus dem Vollen schöpfen konnte, wohl noch geraume Zeit verstreichen, ehe man ein entsprechendes erfolgverheißendes Machtaufgebot an Mann und Material zur Stelle gebracht hatte. Man beschied sich schließlich, den Generalangriff für den Monat März in Aussicht zu nehmen. Aber kaum einer der Konferenzteilnehmer mochte ernsthaft daran geglaubt haben, sein Versprechen erfüllen zu können.

Mit diesem durch die Not aufgezwungenen Aufschub war allerdings eine große Gefahr verbunden. Der Gegner konnte mit seinem Schwerte in die Maschen des Netzes fahren, noch ehe es über seinem Haupte zugezogen war. Dies zu verhindern, dazu wurde bemerkens-

Die Kriegspläne für das Jahr 1916

werterweise gerade jene Macht vorzeitig auf den Plan gerufen, die — abgesehen von Serbien — aus dem Feldzuge 1915 die allerschwersten Wunden heimgetragen hatte: das Zarenreich. Den Anreiz hiezu hatte teils der neue Generalstabschef der Russen, Alexejew, selbst gegeben; zum Teil war er noch aus der Not Serbiens erwachsen (Bd. III, S. 559ff. und 584). Auch die Hoffnung, Rumänien mitzu reißen, spielte hinein. So übertrug man, war auch der Augenblick einer unmittelbaren Hilfeleistung Rußlands für die Serben längst versäumt, zu Chantilly dem Zarenheere die Aufgabe, den Gegner die nächsten Monate über zu fesseln. Die erste Kriegshandlung dieser Art war schon in Vorbereitung, als in der Konferenz der Beschluß gefaßt wurde. Und Alexejew war trotz der Niederlagen von 1915 nicht der Mann, sich bescheidenen Hoffnungen hinzugeben. Der Angriff, der die öst.-ung. Front über Lemberg und Kolomea zurückwerfen sollte, hätte nach den Plänen dieses Generals nur den Auftakt zu jenem Entscheidungsschlag gegen die Donaumonarchie bilden sollen, von dem er schon seit etlichen Wochen träumte. Ein großer Anfangserfolg sollte das mehr denn je zögernde Rumänien zum Eingreifen veranlassen und in weiterer Folge die Alliierten auch auf dem Balkan zu neuen Taten entflammen.

5


Die Vorbereitungen für Angriff und Verteidigung

Hiezu Beilage 1

Zu den großen Hoffnungen des Führers standen freilich die wenig günstigen Vorbedingungen, die für den Angriff der Russen gegeben waren, in einigem Widerspruch. Wohl war die neugebildete 7. Armee, Gen. Schtscherbatschew, (II., XVI. Korps, V. kauk. Korps, S.turk. SchD., 2. selbst. DonKosBrig., 21. DonKosBrig.) schon anfangs Dezember von Odessa in den Raum Woloczysk-Husiatyn, das XI. Korps vom Nordflügel der russischen 9. Armee und das XII. Korps aus Wolhynien an die bessarabische Grenze befördert worden. Die Korps der 7. Armee zählten jedes 30.000 Streiter und hatten mehr Geschütze als zu Beginn des Krieges, darunter allerdings nur wenig schwere Batterien. Auch die Reihen der 2. SchD. und der 82. RD., die beide aus Wolhynien nach Kamieniec-Podolski und nach Ulaszkowce herbeigeführt wurden, waren nach den verlustreichen Herbstkämpfen wieder aufgefüllt worden. Aber es herrschte noch immer Mangel an Munition; "die Zuschübe der Entente über Archangelsk und Wladiwostok waren noch unzureichend. Auch hatte die nach dem Yorbilde des Jahres 1812 von der russischen Heeresleitung schon im Sommer eingeleitete allgemeine Flucht der Bevölkerung die Etappe in Verwirrung gebracht. Hungerndes, hilfloses Volk und auch tausende von Marodeuren strömten durch Städte und Dörfer. Die Bahnen waren verstopft, der Transportdienst war völlig zerrüttet. Die Munitions- und Lebensmittelzuschiibe wurden zeitweilig ganz unterbrochen. Im Dezember trat an der russischen Südwestfront eine schwere Verpflegskrise ein. Die Magazine in der Etappe waren leer. Die Armeen litten bitteren Mangel an Verpflegung, Schießbedarf, Bekleidung und Schuhwerk1). Dazu hemmte die schlechte Witterung alle Truppenbewegungen. Anfangs Dezember brach Tauwetter ein. Die in Morast und Schlamm versinkenden Fuhrwerke und Geschütze blieben allenthalben stecken. Um die Weihnachtszeit folgte härteres Winterwetter. Schneegestöber verwehte die Straßen. Die Flüsse trieben Eis; unter dem Anprall der Eisschollen brachen viele Brücken zusammen.

Außerdem hatten sich zwischen Iwanow und seinem Stabschef, Gen. Sawitsch, mancherlei Zwistigkeiten ergeben. Im letzten Augenblick mußte Sawitsch durch den Gen. Klembowski ersetzt werden2). Unter solchen Umständen war es kein Wunder, wenn Iwanow wenig Vertrauen auf das Gelingen der Winteroffensive setzte. Sein Angriffsplan paßte sich aber den weitgesteckten Zielen des Gen. Alexejew an. Der 9. Armee, Gen. Letschitzki, (XII., XI., XXXII., XXXXL, XXXIII. Korps, III. KavKorps) war der erste Angriff zugedacht. Sie sollte durch einen kraftvollen Vorstoß zwischen Dniester und Pruth die Aufmerksamkeit des Gegners von der Hauptangriffsfront ablenken. Die 7. Armee (V.kauk., II., XVI. Korps), der noch das XXII. Korps der 11. und das II. KavKorps der 9. Armee überwiesen wurden, hatte den entscheidenden Schlag über die Strypa zu führen. Gen. Schtscherbatschew sollte den Durchbruch an einer ihm geeigneten Stelle erzwingen und dann die öst.-ung. Front nach Norden aufrollen. Die 11. Armee, Gen. Sacharow, (XVIII., VI., VII. Korps) hatte sich später dem Angriffe der 7. Armee anzuschließen, während der 8. Armee, Gen. Brussilow, (XVII., VIII., XXXIX., XXX, XXXX, XXIV. Korps, V. KavKorps) die Aufgabe zufiel, durch erhöhte Kampftätigkeit die Streitkräfte des Gegners in Wolhynien festzuhalten3).

1) G o 1 o v i n e, The Russian Army in the World War (in englischer Sprache, New Haven 1931), 183 ff., 230.

2)    Lemke, 250 Tage in der zaristischen Stawka (in russischer Sprache, Leningrad 1920), 298.

3)    Klembowski, Strategische Studie über den Weltkrieg 1914—1918 (in russischer Sprache, Moskau 1920), IV. Teil, lOf.

Bei der k.u.k. Heeresleitung in Teschen waren schon Mitte Dezember Nachrichten eingelaufen, daß bei den Russen das XI. Korps in Ostgalizien und das XII. Korps in Wolhynien aus der Front gezogen und einwaggoniert wurden. Wohin diese beiden Korps gefahren wurden, konnte man bald erfahren. Am 18. Dezember begannen die Russen gegen den rechten Flügel der Armee GdK. Freih. v. Pflanzer-Baltin1), namentlich im Flügelgelände nördlich von Bojan, eine lebhafte Aufklärungstätigkeit zu entwickeln. Beim k. u. k. XI. Korps wurden bei diesen Gefechten Gefangene eingebracht, die zu den Regimentern der 11., der 12., der 19. und der 32. Russendivision gehörten. Damit war festgestellt, daß die Russen das XII. und das XI. Korps gegen die Bukowina herangeführt hatten, und es bestand für die öst.-ung. Führung kein Zweifel mehr, daß Letschitzki beabsichtigte, das Frontstück zwischen Pruth und Dniester anzugreifen.

GdK. Pflanzer-Baltin zog schnell die Folgerungen aus dieser Lage und begann noch am 19. mit Truppenverschiebungen, um seinen rechten Flügel zu verstärken. Die Masse der um Sniatyn versammelten 51. HID.

— Divisionsstab, 201. HIBrig., Artillerie — wurde mit der Bahn nach Czernowitz gefahren und war vom XI. KorpsKomdo. hinter die Brigade Papp in den Raum von Mahala-Rarancze zu ziehen. Die übrigen Truppen der 51. HID. sollten einstweilen als Armeereserve nördlich von Czernowitz verbleiben. Die bei Kotzmann bereitgestellte 202. HIBrig. hatte nach Czernawka hinter die Mitte der 42. HID. abzurücken. Auch wurde die Artillerie des XI. Korps durch zwei schwere und vier leichte Haubitzbatterien sowie durch eine leichte Kanonenbatterie aus den anderen Frontabschnitten der 7. Armee verstärkt. Am 21. ließ Pflanzer-Baltin zwei Regimenter des XIII. Korps an den rechten Armeeflügel, das IR. 16 nach Toporoutz und das IR. 50 in den Raum um Okna, entsenden; das FJB. 27 des Korps FML. v. Hadfy wurde hinter den linken Flügel des XI. Korps gestellt. Die 5. HKD. und das IR. 57 der 12. ID. versammelte das Armeekmdo. bei Zastawna. Von Dorna Watra wurden vier Bataillone der Gruppe Obstlt. Scholtz, die in den Waldkarpathen schanzten, mit dem Auftrag nach Zurin herangezogen, die Flanke des Korps GdK. Edl. v. Korda vor einer Umgehung durch die Russen auf dem rechten Pruthufer zu schützen. Ferner entschloß sich die Heeresleitung, die 9. IBrig., die erst vor kurzem vom Korps FZM. Ritt. v. Benigni an die Isonzofront abgegeben worden war (Bd. III, S. 483), wieder der 7. Armee zuzuführen.

*) Gliederung der k. u. k. 7. Armee am 15. Dezember siehe Beilage 1.

S    Die    Neujahrsschlacht    1916    gegen    die    Russen

All diese Truppenbewegungen sollten möglichst rasch durchgeführt werden, denn der Angriff gegen das XI. Korps war nach den Aussagen der russischen Gefangenen noch zu Weihnachten zu erwarten. Am 23. und in den beiden folgenden Tagen kam es auf der tief verschneiten Hügel fläche östlich von Toporoutz und von Rarancze zu lebhaften Kämpfen mit russischen Vortruppen. Im Nebel und Schneegestöber wurden die öst.-ung. Vorposten von den Russen überfallen. GdK. Korda zog die ihm zugewiesenen Armeereserven näher hinter seinen Südflügel heran, die 201. HIBrig. nach Mahala und Rarancze, die 202. HIBrig. nach Toporoutz und das IR. 16 nach Czernawka. Am 26. nachmittags begannen neue russische Batterien auf die Stellungen des Korps Korda sich einzuschießen. Alles deutete darauf hin, daß ein russischer Angriff auf den Frontabschnitt von Rarancze unmittelbar bevorstehe.

Der Verlauf der Schlacht

Die ersten Angriffe der Armee Letschitzki gegen

Rarancze (27. bis 30. Dezember 1915)

Hiezu Beilage 1 sowie Nebenskizzen

Der Angriff, der die öst.-ung. Wehrstellung vom Pruth bis zum Dniester durchstoßen sollte, wurde vom Gen. Letschitzki mit allen Divisionen des XII. (12. u. 19. ID.) und des XI. Korps (32. u. 11. ID.) aus Bojan und aus dem Tale des Rakitnabaches angesetzt1). Den Gegner hier anzugreifen, hieß ihn an einer starken Stelle packen. Auf dem von GM. Foglár, dem Kommandanten der 51. HID, befehligten Südflügel des k. u. k. XI. Korps hielt Obstlt. Papp mit drei ungarischen Landsturmund mit vier Gendarmeriebataillonen sowie mit der ruthenisch-rumäni-schenFreiwilligenabteilung das linke Pruthufer und die starkverschanzte Höhe Dolżok besetzt. Nördlich anschließend auf dem Höhenrand östlich von Rarancze und von Toporoutz und dann weiter im Norden durch die Waldzone bis zum Dniester verlief, tief eingegraben, die Stellung der 42. HID, FML. Liposćak. Die verstärkte Artillerie des XI. Korps, insgesamt 36 leichte und 11 schwere Batterien, hatte GdK. Korda in neun Gruppen, davon je drei unter einheitlichem Befehl nahe hinter der Hauptstellung postiert. Insbesonders vermochten die hinter dem nach

*) Klembowski, 12.

Osten vorspringenden Dołżok und nächst Toporoutz aufgestellten Artilleriegruppen das Vorfeld auf der Hügelfläche vonRarancze flankierend zu bestreichen.

Am 27. Dezember um 7 h früh begann die Schlacht. Auf der ganzen Front von Kalinkovvcy bis Bojan brach das Feuer der russischen Batterien los. Es richtete sich hauptsächlich gegen die Verschanzungen auf dem Dołżok und schlug die Schrapnellschutzdächer ein. Die Artillerie des Korps Korda antwortete aus allen Rohren und beschoß die russischen Angriffswellen, die sich aus Bojan und aus den kleinen Niederungen, die vom Rakitnabach auf die Hügelfläche von Rarancze hinaufführen, vorwärtssammelten. Mühsam arbeiteten sich die tiefgegliederten Regimenter des XII. Russenkorps gegen die beiden Flanken der Höhe Dołżok heran. Auf der Hochfläche östlich von Rarancze und von Toporoutz schoben sich langsam die ersten Schützenlinien des russischen XI. Korps vor, während nördlich der Waldzone aus dem Dorfe Czarny Potok und aus der Dniesterschleife von Samuszyn Schwarmlinien des XXXII. Russenkorps vorrückten und einen Angriff vortäuschten.

Unter dem Abwehrfeuer der öst.-ung. Artillerie kam das Vorgehen der russischen Infanterie auf der ganzen Front alsbald zum Stehen. Die Schützenketten gruben sich in dem gefrorenen Boden ein. Um Mittag legte die russische Artillerie Sperrfeuer in das Gelände von Rarancze, um ein Eingreifen der dort vermuteten Reserven des Gegners zu verhindern. Indes hatte aber GdK. Korda in der richtigen Erkenntnis, daß sich der russische Hauptangriff gegen den nach Osten vorspringenden Stellungsteil auf dem Dołżok richte, schon die ihm vom Armeekmdo. zur Verfügung gestellte 201. HIBrig. aus der Niederung des Hukeubaches dicht hinter den bedrohten Abschnitt herangeschoben. Um lh nachm. versuchte die russische Infanterie, gegen die beiden Flanken des Dołżok vorzugehen, sie wurde aber durch das Seiten- und Stirnfeuer der öst.-ung. Artillerie blutig abgeschlagen. GdK. Pflanzer-Baltin zog unterdessen ein Regiment der 200. HIBrig. (HIR. 302) nach Mahala, das andere (HIR. 301) nach Rarancze heran. Am Abend trafen die ersten Transportzüge der vom italienischen Kriegsschauplatz zurückberufenen 9. IBrig. in Zuczka ein. Sie hatte am 28. nach Mahala zu rücken.

An diesem Tage entbrannte der Kampf aufs neue. Vergebens suchten frische Angriffswogen des XII. Russenkorps von Bojan aus die rechte Flanke der Höhe Dołżok aufzureißen, vergebens mühten sich Verstärkungen der linken Flügeldivision des russischen XI. Korps, die Hochfläche von Rarancze zu erstreiten. Die Angreifer wurden abermals von dem Stirn- lind Flankenfeuer der öst.-ung. Batterien erfaßt und brachen vor den Stellungen der Brigade Papp und vor dem rechten Flügel der kroatischen 42. HID, FML. Lipošéak, entkräftet zusammen. Unterdessen setzte Letschitzki nach einem mächtigen Geschützfeuer das zweite Treffen der russischen 11. ID. von Kalinkowcy aus zu einem neuen Sturme in der Richtung auf Toporoutz an. Aber auch vor Toporoutz hielten die Kroaten in ihren zerschossenen Gräben heldenmütig stand und schlugen, durch die Artillerie vortrefflich unterstützt, alle russischen Angriffe ab. GdK. Korda hatte nur Teile des in Czernawka bereitgestellten IR. 16 in dem Abschnitt zwischen Toporoutz und dem Südrande der Waldzone einsetzen müssen, um die schwer ringenden tapferen Grabenbesatzungen zu verstärken.

Nördlich der Waldzone waren am 28. die 103. RD. des russischen XXXII. Korps bei Dobronoutz und die 74. RD. des russischen XXXXI. Korps in der Dniesterschleife von Sa.muszyn vorgegangen. Diese Angriffe, mit schwächeren Kräften geführt, wurden vom linken Flügel der 42. HID. leicht abgewiesen. Vor dem Korps Benigni gingen feindliche Kräfte, die sich schon am 27. gegen den Brückenkopf von Sińków vorgearbeitet hatten, wieder in ihre Ausgangsstellungen zurück. Dagegen entwickelten sich vor der 6. KD, am linken Flügel des Korps Hadfy, russische Schwarmlinien, was auf einen bevorstehenden Angriff gegen die Brückenkopfstellungen bei Uścieczko deutete. GdK. Pflanzer-Baltin entschloß sich daher, das IR. 5 der 15. ID, das hinter dem linken Flügel des XIII. Korps in Reserve stand, mit der Bahn von Buczacz nach Horo-denka fahren zu lassen, um es im Falle der Not bei der 6. KD. einsetzen zu können.

Die Nacht zum 29. widerhallte von erbitterten Minenwerfer- und Handgranatenkämpfen auf dem Dolżok, wo sich die Russen mit Mühe durch den gefrorenen Boden dicht an die Stellungen der Brigade Papp herangegraben hatten. Als der Morgen graute, wehrten die Gendarmeriebataillone dieser Brigade einen neuen, allerdings schwächlichen russischen Angriff aus Bojan ab. Indessen sammelten sich frische Kräfte der russischen 11. ID. von Kalinkowcy wieder nach vorwärts und schritten um Mittag, nach neuerlichem Wirkungsschießen der russischen Artillerie, bei Toporoutz und nördlich davon, zum Angriff. Teile des IR. 16 und vor allem die Artillerie halfen, auch diesen Ansturm zu brechen. Nun vermochten die erschöpften Angriffsdivisionen des Gen. Letschitzki den Kampf nicht mehr fortzusetzen und mußten sich vor den Stellungen des Korps Korda eingraben.

Der Angriff der Armee Schtscherbatschew an der

Strypa

(29. Dezember 1915 bis 4. Jänner 1916)

Für den entscheidend gedachten Angriff, der die öst.-ung. Stellung an der Strypa durchbrechen sollte, hatte Gen. Schtscherbatschew den verhältnismäßig schmalen Abschnitt zwischen Wiśniowczyk und Bobu-lińce ausgewählt. Gegen diese Front marschierte im ersten Treffen das II. Korps auf. Dahinter wurden ansehnliche Streitkräfte, die 3. turk.SchD. und das XVI. Korps bereitgestellt, um nach dem Durchbruch den Keil tiefer einbohren zu können. Zu beiden Seiten des II. Korps hatten das

V. kauk. Korps zwischen Bobulińce und der von Czortków nach Buczacz führenden Straße, das XXII. Korps zwischen Wiśniowczyk und Bieniawa Begleitangriffe zu führen. Bei Czortków wartete das drei Divisionen starke II. Kavalleriekorps auf den Augenblick, da es zur Verfolgung vorreiten könnte.

Gen. Schtscherbatschew verzichtete auf Erkundungsunternehmen, um den Gegner besser überraschen zu können. Er begann erst am 28. Dezember, einen Tag vor dem gewählten Angriffsbeginn, seine Divisionen aus dem Raume Strusów—Kossów gegen die mittlere und untere Strypa vorzuführen, die hier von Österreich-Ungarns XIII. und VI. Korps gehalten wurde. Mühsam arbeiteten sich die Truppensäulen durch das tief verschneite Hügelgebiet vorwärts. Die vorausgesandten Abteilungen stießen in der Gegend von Dobropole auf die Vorpostenstellungen der vom GM. Blasius v. Dáni befehligten 39. Division. Dieses Vordringen des Feindes erweckte beim VI. Korpskmdo. sofort den Eindruck eines bevorstehenden größeren Angriffes der Russen auf Kujdanów. GdI. v. Arz befahl seinen Sicherungstruppen, einem ernsten Kampf auszuweichen und in die Hauptstellungen zurückzugehen, die am linken Korpsflügel auf dem Westufer der Strypa verliefen.

Am 29. Dezember früh entspannen sich im Vorland der Strypa lebhafte Gefechte. Die von der 132. IBrig. des Korps FML. Hofmann besetzte Höhe Mogila wurde überraschend durch Abteilungen des russischen XXII. Korps angegriffen und genommen. Gleichzeitig durchbrach dieser Feind auch südlich der Mogila plötzlich die Vorpostenlinie der

39. HID., so daß sich ein Teil der Sicherungstruppen nur unter Kampf und mit Verlusten über die Brücken der Strypa in die Hauptstellungen zurückziehen konnte. Als die Russen jedoch weiter gegen Wiśniowczyk vorstießen, empfing sie das Feuer der 39. HID., deren Batterien aus dem

1*2    Die    Ncujahrsschl.icht    1916    gegen    die    Russen

Abschnitt östlich von Kujdanów vom Ostufer flankierend wirkten. Der Angriff kam dadurch bald ins Stocken. Ebenso wurden feindliche Kräfte, die sich gegen die 12. ID. auf dem Südflügel des VI. Korps heranschoben, durch Artilleriefeuer niedergehalten. Finnische Truppen waren gegen den Brückenkopf von Burkanów vorgeprellt. Sie wurden von der 132. IBrig., Obst. Edl. v. Bolzano, unter beträchtlichen Verlusten abgeschlagen. Die in der Mitte des Korps Hofmann fechtende 131. IBrig. wies einen Vorstoß gegen den Brückenkopf von Sokołów zurück.

Aus den Aussagen der Gefangenen war zu erkennen, daß vier russische Divisionen — 26. und 43. ID., 3. und 4. finn. SchD. —, in der Mitte gegen das VI. Korps zusammengeballt, im Angriffe waren. GdK. Pflanzer-Baltin ließ am 29. abends das nach Horodenka rollende IR. 5 anhalten und nach Buczacz umkehren. FML. Iiadfy hatte das IR. 57, das seinem Korps überwiesen worden war, in Zaleszczyki bereitzustellen, um es nötigenfalls zur Verstärkung der Strypafront dem IR. 5 nach Buczacz folgen zu lassen. Aus Teschen erging am 29. Dezember an das Kommando der Südarmee der Befehl, die vom GM. Werz geführte, bei Kozowa in Reserve stehende 38. HID. an die 7. Armee abzugeben. An Stelle der 3S. HID. wurde die aus der Front der 2. Armee ausgeschiedene 43. SchD. nach Kozowa beordert.

Am 30. bei Morgengrauen begannen russische Batterien, die in der Nacht aufgefahren waren, die Stellungen des VI. Korps, namentlich den rechten Flügel der 39. HID., auf den Höhen östlich von Kujdanów, planmäßig zu beschießen. Da der überraschende Einbruch nicht gelungen war, suchte Schtscherbatschew durch seine Artillerie die Verschanzungen des Gegners sturmreif zu machen. Die Regimenter des bei Dobropole aufmarschierten russischen II. Korps sammelten sich inzwischen in den Mulden und Tiefenlinien der leichtgewellten Hügelfläche gegen die Strypa zu nach vorwärts und wurden dabei von der Artillerie des k. u. k. VI. Korps und auch des Korps Hofmann unter Sperrfeuer gehalten.

Um Mittag wuchs der Geschützkampf zu bisher unbekannter Stärke an. Die russischen Batterien überschütteten den rechten Flügel der 39. HID. mit ihren Geschossen. Die Schanzen auf den Höhen am Ostufer der Strypa waren in Rauch und Staubwolken gehüllt. Die standhaften Verteidiger ertrugen das Feuer, obwohl ihre Gräben stark beschädigt wurden. Als die russische Angriffsinfanterie um 2h nachm. zum Angriff schritt, um den Durchbruch bei Kujdanów zu erzwingen, geriet sie abermals in das Kreuzfeuer der Geschütze und Maschinengewehre und wurde trotz mehrmaliger Sturmversuche blutig abgewiesen.

GdK. Pflanzer-Baltin hatte inzwischen dem VI. Korps die Spitzenbrigade (76. HIBrig.) und die Artillerie der von der Südarmee in Eilmärschen heranrückenden 38. HID. überwiesen. Ferner ordnete er schon am Morgen den Abtransport des IR. 57 von Zaleszczyki nach Buczacz an. Da trafen am Nachmittag beim 7. Armeekmdo. Nachrichten ein, die einen scharfen Vorstoß der Russen auch gegen die Dniesterfront erwarten ließen. An Korda erging daher der Befehl, von der knapp nördlich von Czernowitz stehenden 9. IBrig. ein Regiment mit Bahn nach Horodenka und das andere nach Werenczanka zu fahren, was gewagt werden konnte, weil es an der bessarabischen Grenze am 30. Dezember ruhiger geworden war.

Während Letschitzki auf der Hügelfläche östlich von Rarancze einen neuen Schlag vorbereitete und zur Ablenkung der Aufmerksamkeit des Gegners schwächere Kräfte gegen den von der 6. KD. verteidigten Brückenkopf von Michalcz,e vorführte, setzte Schtscherbatschew am 31. den Angriff an der Strypa fort. Am Vormittag wurde russische Infanterie, die gegen das VI. Korps vorzugehen versuchte, durch Artillerie niedergehalten. Die Spitzenbrigade und die vorausgesandte Artillerie der 38. HID. langten unterdessen in Gnilowody ein. Am Nachmittag brach nach mehrstündigem Wirkungsschießen der Artillerie das russische II. Korps gegen Kujdanów vor. Der stärkste Druck richtete sich gegen das HIR. 9, das auf dem rechten Flügel der 39. HID. stand. Bis zu fünfzehn Reihen tief wälzten sich die Angreifer heran. Das Ringen war schwer, wurde aber von der Honvéd bestanden. Die russischen Angriffswellen erhielten wieder Stirn- und Flankenfeuer aus Grabengeschützen und Maschinengewehren. Mit Handgranaten gingen die Verteidiger den Stürmern zu Leibe. Als sich die zerschossenen russischen Angriffshaufen nach sechsmaligen vergeblichen Sturmversuchen durch das von Leichen bedeckte Vorfeld in ihre Ausgangsstellungen zurückzogen, sprangen die Verteidiger mit wilden Rajta- und Éljenrufen aus ihren Deckungen und schossen stehenden Fußes den Flüchtenden nach1).

In der Silvesternacht fuhren die Batterien der neuangekommenen 38. HID. auf, Maschinengewehre wurden zur Unterstützung der Grabenbesatzungen vorgesandt. Müde standen die tapferen Streiter des VI. Korps in ihren Verschanzungen und warteten auf neuen Angriff. Doch die russische Artillerie schwieg über Nacht und gestattete dem Verteidiger, die schweren Schäden an den Stellungen auszubessern.

Am Neujahrsmorgen versuchte das russische II. Korps wieder gegen A r z, Zur Geschichte des großen Krieges 1914—1918 (Wien 1924), 96f.

die Höhen östlich von Kujdanów und gegen die anschließenden Verteidigungsabschnitte des VI. Korps vorzugehen; doch kamen die Angriffe unter der Wirkung des Abwehrfeuers der öst.-ung. Artillerie nicht zur Entwicklung. Der Einsatz der Batterien und der Maschinengewehre der 38. HID. hatte genügt, um die Truppen des Korps Arz zum weiteren Standhalten zu befähigen.

Bei der Südarmee richtete sich gegen einen östlich von Sokołów vorgeschobenen Stützpunkt der 131. IBrig. am 1. Jänner ein Vorstoß von Teilen des russischen XXII. Korps, der gleichfalls abgeschlagen wurde. Die Stellungen des XIII. Korps und die von der 6. KD. verteidigte Brückenschanze von Michalcze standen tagsüber unter dem heftigen Feuer russischer Geschütze.

Am 2. lag das russische II. Korps entkräftet in seinen Angriffsstellungen und mußte sich mit einem stehenden Feuerkampfe begnügen. Am 3. machte sich um 3 h nachm. von Pilawa her gegen die von der 12. ID,, GM. Edl. v. Hinke, verteidigten Höhen südöstlich von Bobulińce ein schwächerer Vorstoß des V. kauk. Korps geltend. Gleichzeitig entwickelten sich am Nordflügel des XIII. Korps Vorfeldkämpfe.

GdK. Pflanzer-Baltin hatte mittlerweile zwei Regimenter der 38. H-ID. von Gnilowody nach Monasterzyska fortgezogen, um sie mit der Bahn zum XI. Korps zu fahren. Auf die Nachricht, daß russische Infanterie in die Vorpostenstellungen des XIII. Korps eingedrungen sei, wurde eines der beiden Regimenter nach Buczacz befohlen. Das V. kauk. Korps wagte indes nicht, den Brückenkopf von Buczacz entschieden anzugreifen. Es führte den Kampf mit wenig Nachdruck und kam am 4. über die Vorpostenlinie des XIII. Korps nicht hinaus. Erst gegen Abend richtete sich südlich der Straße Buczacz—Czortków ein Angriff gegen die Hauptstellungen der 36. ID., der aber schon im sehr wirksamen Artilleriefeuer liegen blieb.

Damit hatte sich der erste Ansturm der Russen gegen den Nordflügel der Armee Pflanzer-Baltin erschöpft. Die Armee Schtscherbatschew hatte seit der Eröffnung der Schlacht fast 18.000 Streiter geopfert, wogegen das k. u. k. VI. Korps in derselben Zeit nur 800 Mann, hauptsächlich durch Artilleriefeuer, verloren hatte. Die russische Heeresleitung war bitter enttäuscht, daß der so überaus verlustreiche Angriff der Armee Schtscherbatschew, auf den sie große Hoffnungen gesetzt hatte, nicht zur Überraschung des Gegners und zum Durchbruch durch die Strypafront geführt hatte. „Die großen Verluste“ — so schrieb Gen. Alexejew an Iwanow — „stehen mit den geringen Erfolgen nicht im Einklang. Man muß dem Sturmreifschießen der gegnerischen Stellung mehr Augenmerk zuwenden und alle Streitmittel zum Kampfe heranziehen1).“ Während das XXII. Korps und insbesonders das V. kauk. Korps nur schwächliche Angriffe führten, hatte das II. Korps mehr als die Hälfte seiner Streiter vor und in den Hindernissen des Gegners liegen gelassen. Schtscherbat-schew hatte zu Beginn des Kampfes den Verlauf der öst.-ung. Wehrstellung an der Strypa nicht gekannt. Seine Artillerie beschoß stundenlang Höhen im Vorfeld des k. u. k. VI. Korps, die längst geräumt waren. Auch als der Augenblick der Überraschung vorbei war, beschränkte der methodische Armeeführer seinen Angriff auf den verhältnismäßig schmalen Frontabschnitt Wiśniowczyk—Bobulińce und ließ ansehnliche Streitkräfte — drei Divisionen — unbenützt hinter dem zusammenbrechenden

II. Korps stehen.

Aber auch die russische 11. Armee, GdK. Sacharow, verharrte während des schweren Ringens in ihren Gräben. Schon rechnete Gen. Alexe-jew mit der Möglichkeit, daß die deutsche Südarmee selbst die Offensive ergreifen und auf Tarnopol und Zbaraż vorstoßen könne. Er wies am 2. Jänner den Gen. Iwanow telegraphisch an, ohne Verzug Vorkehrungen zu treffen, um ein Vorgehen der Deutschen mit einem Gegenschlag aus dem Kremieniecer Bergland oder aus der Front Wiszniewiec—Zbaraż beantworten zu können 2).

Zu diesem Zwecke wurden die Mitte Dezember von der Westfront nach Odessa verlegten russischen Gardetruppen (I. und II. GKorps unter Gen. Bezobrazow) hinter die russische 11. Armee in den Raum von Woloczysk herangezogen. An Schtscherbatschew und an Letschitzki ging der Befehl, den Kampf mit allem Nachdruck weiterzuführen.

Der Höhepunkt der Schlacht

Der Einbruch der Rtisse?i bei Rarancze (1. bis 7. Jänner)

Schon am 1. Jänner entbrannte an der bessarabischen Grenze ein neuer schwerer Kampf, in dem Letschitzki die Mitte des k. u. k. XI. Korps zwischen Toporoutz und Rarancze zu sprengen suchte. Er ballte in den Waldstücken und in den Rinnen, die von Osten auf die Hügelfläche führen, zwei Divisionen, die 32. und die 19. ID., zum wuchtigen Stoße zu-

1)    Lemke, 299 u. 312.

2)    Ebenda, 299.

sammen. Um den Gegner zu täuschen, ließ Letschitzki die russische

12. ID. schon in der Silvesternacht von Bojan aus die Südflanke des Dolżok angreifen. Die auf dieser Höhe fechtenden zwei Gendarmeriebataillone wiesen den feindlichen Überfall blutig ab.

Am Morgen des Neujahrstages setzte gegen den Abschnitt Toporoutz-Rarancze schweres Vorbereitungsfeuer der russischen Artillerie ein. Zwischen 9 h und 11 h vorm. richtete sich ein erfolgloser Vorstoß der russischen

11. ID. aus der Niederung von Kalinkowcy gegen den Abschnitt von Toporoutz bis zur Waldzone. Bald darauf ging ein Geschützfeuer über die Stellungen auf der Hochfläche östlich von Rarancze nieder, wie es in solcher Heftigkeit vor Czernowitz noch nicht gehört worden war. In den Stellungen am Südflügel der 42. HID. stürzten die Schrapnellschutzdächer ein und verlegten die Gräben. Qualm und Rauch wälzte sich über die Beobachtungsposten und raubte ihnen Atem und Sicht. Die Besatzungen hatten sich Unterstände in die vordere Grabenwand und in die Schulterwehren gewühlt und harrten in drangvoller Enge des feindlichen Ansturmes.

Um Mittag legten die russischen Batterien Sperrfeuer in die Niederung des Hukeubaches. Doch inzwischen hatte FML. Lipočsak schon Teile der 202. HIBrig. in die feuertoten Räume dicht hinter den mächtig beschossenen Stellungsteil vorgeschoben. Als nun die russische Infanterie durch die zerschossenen Drahtverhaue auf dem äußersten Südflügel der 42. HID. in die arg beschädigten Stellungen eindrang, stürzten sich die Bataillons- und die Regimentsreserven sowie die Truppen der 202. HIBrig., die knapp hinter dem Höhenrand lagen, auf den Feind und trieben ihn wieder aus den Gräben hinaus. Aber nach neuerlicher Beschießung durch die russische Artillerie wälzten sich um 3 h nachm. frische Angriffshaufen — sechs russische Regimenter — heran. Diesmal vermochte der ungestüm anrennende Feind in einer Ausdehnung von etwa anderthalb Kilometern in vordersten Stellungen der 42. HID. festen Fuß zu fassen. Weiter gelangte der russische Angriff allerdings nicht. Denn schon auf die erste Nachricht von dem Einbruch der Russen hatte GdK. Korda von seinen Korpsreserven zwei Bataillone der 51. HID. von Rarancze auf die kampfumtobte Hochfläche vorgezogen. An dem Westrand der Höhe vermochten sich die erschöpften Grabenbesatzungen, unterstützt von den herbeigeeilten Verstärkungen, festzuklammern. Die entkräftete russische Angriffsinfanterie mußte sich mit dem an sich kargen Gewinn auf der Hügelreihe bescheiden, der allerdings genug bedeutungsvoll war, denn er gestattete den russischen Artilleriebeobachtern Einblick in die

Schwerer Kampf bei Toporoutz und Rarancze

Mulde des Hukeubaches und in die Sammelräume der Reversen des Korps Korda. Glitten die Verteidiger bei einem neuerlichen Ansturm der Russen vom Höhenrand herab, dann war die Gefahr groß, daß damit die ganze Front des XI. Korps unhaltbar würde.

17


Als sich die Dämmerung in die Niederung des Hukeubaches senkte, führte Obst. v. Sávoly, der Kommandant der 202. HIBrig., ein Regiment der 51. HID., das Pflanzer-Baltin der 42. HID. überwiesen hatte, auf die Hochfläche vor. Zwar verirrten sich die Reserven in der Dunkelheit, doch konnte während der langen Winternacht die verhältnismäßig schmale und wenig tiefe Einbruchstelle durch die buntgemischten Scharen der 202. HIBrig., der Brigade Obstlt. Papp, der 51.HID. und der 42.HID. abgeriegelt werden.

Unterdessen holte GdK. Korda das IR. 16 von Czernawka und das ihrr vom Armeekmdo. auch noch unterstellte letzte Regiment der 5 l.HID. (HIR. 305) von Mahala nach Rarancze heran. Pflanzer-Baltin beorderte das von Buczacz nach Horodenka rollende IR. 5 nach Zuczka (knapp nördlich von Czernowitz) und befahl dem XI. Korps, das verlorene Frontstück bei Rarancze zurückzuerobern. Am 2. bei Morgengrauen setzte FML. Liposćak die herbeigeeilten Verstärkungen — das HIR. 305 und das IR. 16 — unter der Führung des GM. Tanárky von Rarancze her zum Gegenangriff an. Schon beim Aufstieg auf die Hügelfläche stießen die zwei Regimenter mit den Russen zusammen. Der Feind wurde zurückgedrängt, doch allen Bemühungen, den verlorenen Stellungsteil zurückzuerobern, blieb der Erfolg versagt. Gegen Mittag setzten gegen die Fronteinbuchtung zwischen Rarancze und Toporoutz überaus scharfe Gegenstöße der Russen ein.

In Anbetracht der kritischen Gefechtslage zog GdK. Korda alle Reserven, die er auf seinem linken Flügel entbehren konnte — das FJB. 27, ein Bataillon des IR. 50 und eine Brigade der 11. HKD. —nach Rarancze und nach Toporoutz heran. Als die auf dem rechten Flügel der 42. HID. fechtenden Truppen nach heißen Ringen sämtliche Vorstöße der Russen am Westrand der Hügelfläche aufgefangen hatten, wollte FML. Liposćak den Gegenangriff fortsetzen lassen. Allein GdK. Pflanzer-Baltin, der am 2. aus seinem Flauptquartier zum XI. Korpskmdo. nach Sadagóra geeilt war, um die Abwehr an Ort und Stelle selbst zu regeln, verbot jeden weiteren Gegenangriff mit den durch den Kampf völlig durcheinandergekommenen Truppen. Er befahl dem FML. Liposćak, die Verbände zu ordnen und Reserven aus der Feuerlinie herauszuziehen. Dem XI. Korps überwies Pflanzer-Baltin die als Rückhalt für den Dniester-

IV    2 abschnitt bestimmte 9. IBrig. von neuem. Er betraute den GM. Elmar, den Korpsartilleriechef der Gruppe Benigni, mit der Organisation der Abwehr durch Artilleriefeuer und gab dem GdK. Korda die Weisung, die 9. IBrig. hinter dem Dolzok bereitzuhalten, um mit ihr den Russen in die Flanke zu stoßen, falls sie die Mitte des XI. Korps durchbrechen sollten. Auch waren am rechten Pruthufer bei Zurin vier Batterien bereit, den Feind mit Flankenfeuer zu überfallen. Schließlich rollte noch ein Regiment der 38. HID. über Kolomea zur Unterstützung des XI. Korps heran. Da der Feind aber auch am Dniester die Brückenschanze von Michaleze dauernd bedrohte, sah sich GdK. Pflanzer-Baltin genötigt, dieses Regiment als Ersatz für das IR. 5 nach Iiorodenka abzulenken. So nützte der tatenfrohe Führer der 7. Armee das Bahnnetz hinter der Front der 7. Armee im vollen Maße aus, um seine Reserven rasch an die bedrohten Stellen der Front zu befördern.

Auch die Heeresleitung war nicht müßig gewesen und sandte dem rechten Flügel der Armee Pflanzer-Baltin die auf dem Balkan freigewordene Gruppe FML. Fülöpp (4 Landsturmbataillone und 2 Batterien) als Verstärkung zu. Außerdem wurden in Wolhynien ansehnliche Streitkräfte zugunsten der Front in Galizien und in der Bukowina ausgeschieden. Schon am 21. Dezember hatte die Südwärtsverschiebung des Kavalleriekorps FML. Edl. v. Lehmann (2., 4. und 7. KD.) von Łuck gegen Brody begonnen. Bei Sapanów, Dubno und Chorupan an der Ikwa, bei Czernysz am Kormin und im Styrbogen von Czartorijsk flackerten wohl seit den letzten Tagen des Jahres 1915 kleine Gefechte auf. Es waren aber nur Täuschungsangriffe der Russen, die wirkungslos blieben und die Reserven des Gegners nicht zu binden vermochten.

Am 2. Jänner ordnete die Heeresleitung den Abtransport der

40. HID. von Radziwilow nach Kolomea an. Als Ersatz für diese Division hatte die aus dem Verbände der 1. Armee ausgeschiedene 24. ID. hinter die 2. Armee zu rücken. Ferner gedachte die Heeresleitung, die bei Łuck stehende 21. SchD. nach Radziwilow zu verschieben, um sie von dort ebenfalls mit der Bahn an den rechten Heeresflügel verschieben zu können.

Vor Czernowitz brannten die schweren Kämpfe fort. Am 3. griffen die Russen auf den Hügeln östlich von Rarancze wieder an, alle ihre Anstürme scheiterten jedoch an der heldenmütigen Haltung der Verteidiger (IR. 16, HIR. 26, Teile der 51. HID. und der 202. HIBrig.). Desgleichen mißglückte ein scharfer Vorstoß der russischen 74. RD. aus der Samuszynschlinge gegenüber dem zähen Widerstande der kroatischen Honvéd. Gen. Letschitzki schonte seine Truppen nicht und erneuerte am

4., unter Einsatz der 11. ID. und der 2. Plastunbrigade, nach heftigem Artilleriekampf auf dem welligen Hügelland östlich von Rarancze seine Anstürme. Allein auch dieser Angriff brach im Feuer der öst.-ung. Artillerie zusammen; doch waren die Reihen der am Höhenrand standhaltenden kroatischen und ungarischen Bataillone schon sehr stark gelichtet. Das XI. Korps hatte bereits 8000 Streiter eingebüßt. GdK. Korda, vom Armeekommandanten aufs neue gedrängt, die Verbände zu ordnen, benützte die'Nacht auf den 5., um frische Streitkräfte an der schmalen Einbruchsstelle einzusetzen. Er ließ die erschöpften Grabenbesatzungen

— IR. 16, drei Regimenter der 51. HID. — durch die 9. IBrig., sowie durch das IR. 50 ablösen und nach Mahala und Czernawka in Ruhequartiere verlegen.

In der Nacht auf den 7. brach eine russische Abteilung unversehens in die Verschanzungen auf dem Dołżok ein, aber die Gendarmeriebataillone der Brigade Obstlt. Papp schlugen sich wacker und warfen den Feind im Gegenstoß aus ihren Stellungen hinaus. Tags darauf griffen vier russische Regimenter auf der Hügelfläche von Rarancze nächst der Einbruchstelle auf schmalem Raume an. Die Nordmährer vom IR. 93 und das HIR. 26 widerstanden tapfer diesen neuen russischen Anstürmen.

Neuerlicher Durchbruchsversuch der russischen 7. Armee bei Kujdanóiv

(7. Jänner)

Gen. Schtscherbatschew hatte unterdessen zu neuem Angriff an der Strypa gerüstet. Er führte die 3. turk. SchD. und Teile der 41. ID. des XVI. Korps in die wellige Hügelfläche südlich von Dobropole und schob diese Truppen zwischen dem II. Korps und dem V. kauk. Korps in die Front ein, um noch einmal den Durchbruch bei Kujdanów und bei Bobu-lińce zu versuchen.

Dieser Vorstoß erfolgte überraschend am 7. Jänner bei Morgengrauen. In ungestümem Anlauf gelang es den vordersten Angriffswellen der 3. turk. SchD., auf dem linken Flügel der k. u. k. 12. ID. in die Stellungen einzudringen. Mehrere hundert Mann wurden gefangen; außerdem gingen der durchbrochenen 12. ID. sieben Maschinengewehre verloren. Schon stießen die Russen den weichenden Grabenbesatzungen gegen die Strypa nach und erreichten die auf das Ostufer vorgeschobenen Batterien des Verteidigers. Aber die russische Artillerie feuerte in böser Irrung in die eigenen Stürmer hinein und beschoß die schon eroberten Stellungen, die sie noch vom Gegner besetzt wähnte. Die Masse

der 3. turk. SchD. war daher nicht imstande, den Stoßgruppen dichtauf zu folgen. Ehe sich Unterstützung geltend machen konnte, wurden die vordersten russischen Abteilungen von einem Gegenstoß der Ilonvéd-infanterieregimenter 16 und 24 und von Teilen des IR. 57 getroffen. Die verlorenen Geschütze wurden durch diese Truppen zurückerobert und die in Verwirrung gebrachten Angreifer aus den Stellungen der

12. ID. hinausgeworfen. Was von den Russen nicht im Handgemenge zugrunde ging, eilte unter dem Verfolgungsfeuer der Honvéd in wilder Flucht zurück. Mehr als 700 Gefangene blieben in der Hand der Sieger.

Um 11h vorm. rollten gegen die ganze Front der 39. HID. und auch gegen den linken Flügel der 12. ID. neue Angriffswellen der Russen heran. Das zum XIII. Korps abgezweigte HIR. 22 der 38. HID. wurde von Buczacz in Eilmärschen zum VI. Korps herangezogen. Die Masse der 38. HID., schon früh in der Mitte des VI. Korps eingesetzt, versteifte den Widerstand der ermatteten Grabenbesatzungen und half, die russischen Angriffe abzuwehren. Als es Abend wurde, gingen die zerschossenen russischen Angriffsgruppen in ihre Ausgangsstellungen zurück. Der Versuch des Gen. Schtscherbatschew, über die stark verschanzten Höhen von Kujdanów durchzubrechen, war abermals gescheitert.

Seit dem 8. Jänner stand die Schlacht an der Strypa. Gen. Schtscherbatschew begnügte sich, seine Artillerie wirken zu lassen. Aber noch rechnete Pflanzer-Baltin damit, daß die Russen ihre Durchbruchsversuche mit verstärkten Kräften wieder aufnehmen werden. Hinter der dem

VI. und dem XIII. Korps gegenüberstehenden russischen Front waren durch Flieger große Truppenbewegungen beobachtet worden. Auf den Hügeln östlich von Bobulińce wurden Gefangene eingebracht, die der russischen 47. ID. angehörten. Es schien, als ob das verbrauchte russische II. Korps durch das ganze XVI. Korps ersetzt worden wäre.

GdK. Pflanzer-Baltin beantwortete diese Truppenbewegungen bei den Russen, indem er von seinem rechten Armeeflügel das IR. 5 und das zum XI. Korps entsandte HIR. 21 der 38. HID. nach Buczacz beorderte. Auch die in Horodenka ausgeladene Gruppe FML. Fülöpp wurde dem XIII. Korps überwiesen. Am 11. übernahm GM. Werz, der Kommandant der 38.HID.,den Befehl über die in der Mitte des VI.Korps eingesetzten Regimenter seiner Division.

In der Vermutung, daß sich der Angriff der Russen bis Tarnopol ausdehnen werde, setzte auch die Heeresleitung ihre Reserven wieder in Bewegung. Von der Heeresgruppe Böhm-Ermolli wurden die 24. ID. und die 2. KD. des Kavalleriekorps Lehmann der 7. Armee nach Mona-

Ein Angriffsplan Linsingens

sterzyska zugeführt. Auch wurde erwogen, die 70. HID. aus Siebenbürgen nach Galizien oder in die Bukowina heranzuziehen. Außerdem sollten aus Wolhynien zwei weitere Divisionen, die 21. SchD. und die

21


11. ID., an den rechten Heeresflügel verschoben werden.

Solcherart wurden allerdings dem GdI. v. Linsingen Kräfte genommen, die er für einen Angriff zu verwenden gedachte. Es lagen Nachrichten vor, daß die Russen aus Wolhynien außer dem XII. Korps auch noch Teile des VIII., des XXX. und des XXXX. Korps nach Ostgalizien und an die bessarabische Grenze weggezogen hätten. GdI. Linsingen hatte nicht übel Lust, die Russen anzugreifen und er suchte, wie schon im Dezember (Bd. III, S. 557), GO. Conrad für seinen Plan zu gewinnen. Wohl schien ihm ein Vorstoß über Sarny nicht möglich. Der Styr und die Sümpfe waren noch nicht fest zugefroren. Auch war der Nachschub auf der Bahn über Kowel völlig unzulänglich (Bd. III. S. 556). Doch empfahl er in einem Schreiben vom 8. Jänner der k. u. k. Heeresleitung einen Angriff entlang der Straße Łuck—Rowno. Zu diesem Zwecke sollte die 11. ID. die deutsche 1. ID. freimachen. Aus ihr und der deutschen 22. ID., ferner aus der 3. ID., der 21. SchD. und der 37. HID. wäre, eine Stoßgruppe zu bilden, die, in der linken Flanke durch die

41. HID. gedeckt, auf Rowno und dann entlang des Horyń nach Süden vorzudringen hätte. Auch die 1. Armee wäre aufzufordern, sich an diesem Angriff zu beteiligen. Auf diese Weise sollten die in Ostgalizien angreifenden russischen Armeen in der Flanke bedroht und zum Einstellen ihrer Offensive veranlaßt werden. Auch GdI. Falkenhayn war für das Unternehmen und schlug dem GO. Conrad am 10. Jänner vor, die 1. Armee an die Befehle des GdI. Linsingen zu weisen.

Diese Pläne fanden aber Conrads Beifall nicht. Die schlechten Wege, das ungünstige Wetter, die unzulängliche Bespannung der Geschütze, die geringe Leistungsfähigkeit der nach Wolhynien führenden Bahnen, obendrein die im Herbst des Jahres 1915 während des Vorstoßes auf Rowno gemachten üblen Erfahrungen und nicht zuletzt die Überzeugung, daß ein Angriff in so weiter Entfernung auf den Gang der Ereignisse im südlichen Ostgalizien und in der Bukowina keine Wirkung ausüben werde, waren die Gründe seiner Ablehnung. Übrigens wollte sich GO. Conrad jetzt auf eine reine Abwehr wider die russischen Angriffe beschränken und seine Reserven nicht in einem wenig aussichtsreichen Unternehmen verbrauchen. Trug er sich doch schon mit der Absicht, alle im Nordosten verfügbaren Kräfte im Frühjahr gegen Italien zu verwenden (Bd. III, S. 588 ff.).

Verstimmt antwortete GdI. Falkenhayn am 13. auf diese Eröffnungen, er halte den Angriff in Wolhynien nach wie vor als das wirksamste Mittel, um auf die russische Offensive in Ostgalizien einzuwirken. Trotzdem läge es ihm ferne, eine Offensive weiter zu befürworten, zu der Conrad kein Vertrauen habe. Durch die Abgabe von Kräften aus den nicht angegriffenen Frontteilen an die angegriffenen Abschnitte würde schließlich die ganze Front nirgends mehr recht widerstandsfähig sein. Auch würden durch dieses Verfahren, die in Ostgalizien eingesetzten deutschen Truppen (3. GID. und 48. RD.) in der starren Defensive für unabsehbare Zeit festgelegt werden. Er sprach zum Schlüsse seines Schreibens die Erwartung aus, daß Conrad alles daran setzen werde, um die deutschen Kräfte alsbald freizumachen. Allein GO. Conrad, der inzwischen die bei Łuck stehende 21. SchD. nach Rudnia (Eisenbahnstation nordöstlich von Brody) in Marsch gesetzt hatte, beharrte auf dem Gedanken einer unmittelbaren Verstärkung der bedrängten 7. Armee. Er wies daher den GdI. Linsingen an, auch noch die 11. ID. für eine Verschiebung nach Süden freizumachen. Die 4. Armee hatte dafür aus ihrer Front eine Division herauszuziehen, um sie als neue Heeresgruppenreserve für Linsingen bei Łuck zu versammeln.

Massena?igriffe der Russen bei Rarancze (10. bis 19. Jänner)

Während Gen. Schtscherbatschew nach dem mißglückten Vorstoß der 3. turk. SchD. seinen ermatteten Truppen eine Ruhepause gewährte, gab sich Letschitzki mit dem dürftigen Angriffsergebnis bei Rarancze nicht zufrieden. Er suchte immer wieder den so schmalen und so flachen Keil, der in die Stellung des k. u. k. XI. Korps eingetrieben worden war, zu erweitern.

Am 10. Jänner machte sich zunächst auf den Hügeln südlich von Toporoutz ein vereinzelter Vorstoß der Russen fühlbar. Zur selben Zeit entwickelten sich in der Dniesterschleife von Samuszyn feindliche Abteilungen zum Angriff, Auch beim Korps Hadfy schienen die Russen sich wieder gegen die Brückenschanze von Michalcze vorwärtssammeln zu wollen. Die 6. KD. wurde durch Teile der Gruppe Obstlt. Scholtz verstärkt.

Am 11. schlugen das IR. 93 und das HIR. 26 in einem erbitterten, von 10 h vorm. bis zum Abend andauernden Ringen fünf neue russische Vorstöße bei Rarancze blutig zurück. Am 12. flauten die Kämpfe ab.

Neue russische Massenstürme gegen Toporoutz-Rarancze

Hinter dem rechten Flügel des XI. Korps langten inzwischen die Regimenter der 9500 Gewehre starken 40. HID. ein. Die Russen ließen Korda Zeit, die ermatteten Grabenbesatzungen durch frische Truppen zu verstärken. GM. Edl. v. Nagy, der Kommandant der 40. HID., übernahm. den Befehl im Verteidigungsabschnitt von Rarancze bis Toporoutz. Er konnte in diesem nur 41/2 km breiten Frontstück dem Feinde fünf Regimenter — zwei der neuangekommenenen 40. HID., das allerdings choleraverseuchte IR. 93 und die beiden Regimenter der 202. HIBrig. — entgegenstellen. Dicht hinter den Kampfstellungen lagen die Bataillonsund Regimentsreserven in den feuertoten Räumen am Höhenrande. Zwei Regimenter der 40. HID., ein Regiment der 9. IBrig., das IR. 50 und eine Brigade der 11. HKD. standen als Divisions- und als Korpsreserve in der Niederung des Hukeubaches. Alle Truppen der 42. HID. waren nunmehr in dem von FML. Lipoščak befehligten Abschnitte nördlich von Toporoutz bis zum Dniester vereinigt. Den Abschnitt vom Pruth bis zum Dolżok hielt GM. Foglár mit den Bataillonen der Brigade Obstlt. Papp und mit Teilen der 51. HID. besetzt. Im Raume nördlich von Czernowitz standen dem GdK. Pflanzer-Baltin die übrigen Truppen der 51. HID., das IR. 16 und das vom Korps Hadfy herangezogene IR. 97, das vorübergehend in den Verband der 9. IBrig. treten sollte, zur Verfügung. Auch die Artillerie des XI. Korps war allmählich verstärkt worden. Es standen zwischen dem südlichen Pruthufer und Toporoutz insgesamt 35 Batterien, darunter 51/2 schwere, unter dem einheitlichen Befehle des GM. Elmar. Diese Batterien bildeten das eiserne Gerüst der Verteidigung, die am Westrande der Hügelfläche wohl eingerichtet war.

23


Am 14. Jänner ließ Gen. Letschitzki nach mehrstündigem Trommelfeuer einen neuen Massenangriff durch sechs Regimenter, zwölf bis vierzehn Glieder tief, gegen Rarancze—Toporoutz unternehmen. GM. Elmar hielt die russischen Batterien unter schwerem Feuer. Ein Teil seiner leichten Geschütze, die dicht hinter der ersten Stellung aufgestellt waren, bestrich die als Anmarschwege für die russischen Angriffstruppen benützten Tiefenlinien der ganzen Länge nach; verheerend waren auch seine Sperrfeuerbatterien, die flankierend wirkten und erst im Augenblick des Vorbrechens der russischen Sturmkolonnen schlagartig ein überraschendes Schnellfeuer eröffneten. Auf der feuergepeitschten Hügelfläche von Rarancze brachen sechs russische Angriffe zusammen. Ein großer Teil der russischen 11. Division wurde bei diesen fürchterlichen Stürmen aufgerieben.

Trotzdem entschied sich Iwanow für die Fortsetzung des Kampfes.

Er führte Letschitzki die 2. SchD. zu und befahl ihm, die Höhen zwischen Toporoutz und Rarancze unter allen Umständen zu erstreiten1). War diese überhöhende Stellung in der Flanke der k.u.k. 7. Armee genommen, dann waren drei Divisionen der 9. Armee auszuscheiden, um sie der 7. Armee zur Wiederaufnahme des Angriffes zuzuführen.

Wiederum nützten Pflanzer-Baltin und Korda die seit dem 15. währende Kampfpause zur Vorbereitung neuer Abwehr aus. Das IR. 50 wurde an Stelle des abgekämpften IR. 93 in die Front geschoben, die Artillerie des XI. Korps noch durch eine 30.5 cm-Mörserbatterie verstärkt.

Am 19. Jänner vor Tagesgrauen brach die russische 2. SchD. mit anderen Truppen gegen Rarancze und gegen Toporoutz vor. Der erste Ansturm wurde schon durch das Abwehrfeuer der wachsamen Verteidiger und vor allem durch die Artillerie abgewiesen. Als es Tag wurde, rollten neue Angriffswogen heran. Bei Toporoutz drangen die Russen in diesem zweiten Ansturm durch den zerschossenen Drahtverhau in die Stellungen der 202. HIBrig. ein. Aber sie wurden von den Besatzungen unter blutigen Verlusten wieder hinausgeworfen. Bald darauf wurden die Stellungen der 40. HID. am Höhenrand östlich von Rarancze bestürmt. Auch hier hielt die Honvéd tapfer und trieb die Russem, die erst nach wiederholten Anläufen hier und dort in ein Grabenstück einzubrechen vermochten, mit Handgranaten, Bajonett und mit ungarischen Streitäxten, „Fokos“ genannt, zurück. Bis zum Nachmittag währte dieser fürchterliche Kampf. Abends konnte GM. Nagy melden, daß seine tapferen Truppen nicht weniger als sechzehn tief gegliederte Angriffe abgeschlagen hätten. Das Vorfeld war mit Leichen und Verwundeten bedeckt. Mehr als 500 Russen, die dem Gemetzel entkommen waren, wurden als Gefangene eingebracht. Das k.u.k. XI. Korps hatte am 19. Jänner 1500 Mann eingebüßt.

In den nächsten Tagen raffte sich Gen. Letschitzki zu einem Massenangriff nicht mehr auf. Um so heftiger tobten die Grabenkämpfe auf den Hügeln bei Rarancze. Auf dem Dołżok, wo sich die Russen dicht an die Verschanzungen der Brigade Papp herangewühlt hatten, flammte am 22. der Minenkrieg auf; er forderte 300 Russen als Opfer.

Der Ausklang der Schlacht

GdK. Pfanzer-Baltin hatte inzwischen dem XI. Korps die 24. ID.

S. 20) überwiesen. Diese Division wurde an Stelle der abgekämpften 202. HIBrig. und des IR. 50 in der Mitte der 40. HID. eingeschoben.

*) Klembowski, 13.

Damit wuchs die Feuerkraft in dem 41/, km breiten Kampfabschnitt zwischen Rarancze und Toporoutz auf etwa 17.000 Gewehre und 180 Geschütze. Dahinter standen noch etwa 15.000 Gewehre als Reserven.

Von der Heeresleitung wurden der Armee Pflanzer-Baltin über Brody und Lemberg die 21. SchD. und vom Balkan die 21. LstGbBrig. (5 Bataillone und 2 Batterien) zugeführt. Die Masse der 32. ID. wurde der Südarmee überwiesen. Als Ersatz für diese Division gelangte die durch die 7. KD. am Nordflügel der 2. Armee abgelöste 31. ID. nach Zalosce. Überdies wurde jetzt die 11. ID. der 4. Armee aus Wolhynien nach Rudnia herangezogen, um sie nötigenfalls auch nach Galizien überführen zu können.

Zu dieser neuerlichen Vermehrung der Streitkräfte in Galizien und in der Bukowina wurde die Heeresleitung durch russische Truppenbewegungen veranlaßt. Immer wieder berichteten Kundschafter über das Auftauchen russischer Verstärkungen in der Nähe der bessarabischen Grenze. Es wurden dort außer der 2. SchD. noch drei andere Schützendivisionen erwartet. Auch vor der Front der Südarmee wurden drei frische russische Divisionen — eine Grenadierdivision sowie die 21. und die 36. ID. — vermutet. Es hieß, daß das russische VIII. Korps bei Dubno durch Reichswehrtruppen abgelöst werde, um gegen Tarnopol verschoben zu werden. Auch vom Styr schienen die Russen Truppen fortzuziehen. Dazu erfuhr die Heeresleitung aus aufgefangenen Funkgesprächen, daß sich die russischen Gardetruppen, die Mitte Dezember bei Odessa aufgetaucht waren, nunmehr an der Grenze Ostgaliziens hinter der Front der russischen 11. Armee befanden. Alle diese Nachrichten erweckten den Eindruck, als ob die Russen ihren Angriff zu erweitern und auch von Tarnopol her gegen die Südarmee einen Schlag zu führen gedächten.

In der Tat hatte Gen. Iwanow im Sinne der Weisungen der Stawka befohlen, mit der durch drei Divisionen der 9. Armee zu verstärkenden 7. Armee den Angriff an der Strypa noch im Jänner wieder aufzunehmen1). Aber es scheint, daß Iwanow nur widerstrebend ans Werk ging. Er erstattete am 22. Jänner der russischen Heeresleitung einen Bericht, in dem die geringe Anzahl der an der Südwestfront vorhandenen schweren Geschütze und Maschinengewehre sowie die unzulänglichen Munitionszuschübe als die hauptsächlichsten Ursachen des Scheiterns aller Anstrengungen bezeichnet wurden. Auch wurde Gen. Iwanow die Sorge nicht los, daß der Gegner seine nun auf dem Balkan freigewordenen Klembowski, 13.

Reserven nach Galizien und in die Bukowina werfen könnte. So verwies er denn auch auf die Ungunst der militärischen Lage, die an der russischen Südwestfront eintreten könnte, wenn es nicht bald gelänge, den Mangel an Streitmitteln zu beheben. Er werde dann unter den schwersten Blutopfern den Kampf fortsetzen und die Entscheidung in einer anderen Richtung suchen müssen.

Gen. Iwanow erhielt aber noch am gleichen Tage vom Zaren den Befehl, den Angriff in Galizien ohne Verzug wieder aufzunehmen. Außerdem schickte ihm Gen. Alexejew ein Telegramm, in dem er dem beklagten Mangel an Kampfmitteln um so geringere Bedeutung beizumessen erklärte, als Schtscherbatschew mit einem großen Teil seiner Streitkräfte in Untätigkeit verblieben sei. Ferner erinnerte Alexejew den Oberbefehlshaber der Südwestfront daran, daß die Artillerie seiner Angriffsarmeen die Stellungen des Gegners nicht wirksam genug bekämpfe und die Infanterie von dem sappenartigen Heranarbeiten zu wenig Gebrauch gemacht habe 1).

Gen. Schtscherbatschew plante nunmehr, den Angriff am 27.Jänner wieder aufzunehmen. Allein das Wetter hatte umgeschlagen, die Schneemassen schmolzen, die Truppen kamen auf den verschlammten Straßen nicht vorwärts, das Fleranführen der Artillerie, der Munition und der Verpflegung stockte, so daß Schtscherbatschew an diesem Tage nicht schlagbereit war.

Nun war aber auch die Heeresleitung selbst schon gegen die Fortführung des Kampfes. Gen. Alexejew hatte inzwischen noch einmal den Alliierten jenen großen konzentrischen Angriff vorgeschlagen, der in dem Einbruch des russischen Heeres über die Karpathen nach Ungarn und in dem gleichzeitigen Vordringen von zehn Korps der Alliierten vom Balkan her über die Donau gipfeln sollte (Bd. III, S. 559ff.). Dieser Plan war aber von den Franzosen in Anbetracht der mißlichen Lage der Ententestreitkräfte auf dem Balkan abermals verworfen worden.

Damit hatte der Angriff auf die Strypalinie und auf Czernowitz, der die Voraussetzungen für den großen konzentrischen Angriff auf die Donaumonarchie schaffen sollte, seinen höheren Sinn verloren. Zudem erweckte das unsichere Verhalten Rumäniens im russischen Hauptquartier ernste Befürchtungen. Unter dem Eindruck der Mißerfolge der russischen Waffen schien sich eine Schwenkung der rumänischen Politik zugunsten der Mittelmächte zu vollziehen. Man hörte von dem Abschluß eines Lieferungsvertrages zwischen dem Donaukönigreich und den ver-

*) Lemke, 255 f.

Die Haltung Rumäniens

bündeten Mittelmächten und vernahm mit großer Sorge die Nachricht, daß die deutsche und die bulgarische Heeresleitung an Rumänien ein kurz befristetes Ultimatum stellen wollten, um es zum Anschluß an die Mittelmächte zu bringen.

27


In solcher Lage befahl Gen. Alexejew am 26. Jänner, den Angriff in Galizien einzustellen. Gen. Iwanow sollte jetzt Truppen aus der Front ausscheiden, um sie in Bessarabien, in der Nähe der rumänischen Grenze, zum Schutze der Südflanke des russischen Heeres zu versammeln1).

Betrachtungen über die Neujahrsschlacht

So war denn das Ringen, das vom 27. Dezember bis zum 19. Jänner vor den Toren von Czernowitz und an der Strypa getobt hatte, für die Russen vergeblich gewesen. Es war den Armeen Letschitzki und Schtscherbatschew nicht geglückt, Czernowitz zu erobern, die Strypa-linie zu durchbrechen und damit die Voraussetzungen für den geplanten tödlichen Angriff gegen die Donaumonarchie zu schaffen. Unerreicht war auch das politische Ziel der Winterschlacht, der ersehnte Anschluß Rumäniens an die Entente, geblieben. Das schwere Ringen hatte mit einem vollen Abwehrsiege der Armee Pflanzer-Baltin geendet.

Dieser glänzende Erfolg der öst.-ung. Waffen war errungen worden dank den geschickten Abwehrmaßnahmen einer festen Führung, sowie der Zähigkeit und Ausdauer einer wackeren Truppe, die alle Mühsale und Entbehrungen des langandauernden Kampfes standhaft überwunden hatte. Mit entsagungsvollem Heldentum hatte die Infanterie in Schneesturm und Frost Tag für Tag in der Feuerlinie ausgeharrt und, von der Artillerie sehr verständnisvoll unterstützt, alle Stellungen gegen eine örtlich oft vielfache Überlegenheit behauptet. DerTruppenzusammensetzung nach hatten alle Stämme der Donaumonarchie an der Neujahrsschlacht unterschiedslos rühmlichsten Anteil genommen. Gerade dieses feste Zusammenstehen der vielsprachigen Truppe hatte zum Erfolge viel beigetragen und ungemein ermutigend gewirkt.

Vorzügliches hatte auch die Artillerie der Armee Pflanzer-Baltin geleistet. Sie hatte namentlich in den Abwehrkämpfen bei Rarancze die entscheidende Rolle gespielt. Während die schweren Batterien die feindliche Artillerie bekämpften und ein Teil der nahe hinter der ersten Stellung aufgefahrenen leichten Batterien die von der russischen Angriffs-x) Klembowski, 13ff.; Lemke, 298 u. 479.

Die Neujahrsschlacht 1916 gegen die Russen

infantcrie benützten Tiefenlinien auf dem welligen Hügelland von der Seite beschossen, lauerte der andere Teil der leichten Batterien auf den Augenblick, da die russischen Sturmwellen aus ihren Sammelräumen hervorbrachen, um sie sogleich mit einem vernichtenden Flankenfeuer zu überfallen1). Dieses nach den Erfahrungen in den Kämpfen am oberen Isonzo angewandte Abwehrverfahren hatte den Erfolg, daß die russischen Angriffe zumeist schon im Artilleriefeuer zusammenbrachen.

2S


Wesentlich hatte aber zu dem Abwehrsiege der Armee PflanzerBaltin auch das verfehlte Angriffsverfahren der Russen beigetragen. Die Armeen Letschitzki und Schtscherbatschew griffen jede nur auf einem verhältnismäßig schmalen Frontabschnitt an und ließen ihre Angriffsdivisionen nacheinander anrennen. Die Armee Sacharow verharrte während des schweren Ringens in vollständiger Untätigkeit und auch die Armee Brussilow vermochte nicht, mit vereinzelten Täuschungsangriffen die Reserven des Gegners festzuhalten. So war es dem Gegner möglich gewesen, die angegriffenen Frontteile durch Herbeiziehen von Reserven aus den nicht angegriffenen Abschnitten zu verstärken. Überdies lag zwischen den auf enge Räume beschränkten russischen Durchbruchsversuchen jedesmal eine Kampfpause von mehreren Tagen, die dem Verteidiger nicht nur gestattete, die Schäden an den Stellungen wieder auszubessern, sondern auch die erschöpften Grabenbesatzungen durch frische Truppen zu ersetzen.

Die Armee Pflanzer-Baltin hatte in der siegreichen Abwehrschlacht mehj- als 30.000 Streiter verloren. Die blutigen Verluste mußten größtenteils dem mächtigen Vorbereitungsfeuer der russischen Artillerie zugeschrieben werden. Besonders groß waren die Verluste der Besatzungen in den mit Schrapnelldächern eingedeckten Schützengräben. Die einschlagenden Geschosse zerschlugen die Schrapnelldächer, die nun herabstürzten, die Gräben verlegten und die Besatzungen verletzten. Auf Grund dieser betrüblichen Erfahrung wurde die Schaffung von tiefen offenen Gräben, von bombensicheren Unterständen für die Beobachter und tiefen Erdhöhlen (Fuchslöcher) für die Truppe empfohlen, um dadurch die Wirkung des feindlichen Trommelfeuers künftig abzuschwächen. Der Wert dieser Stollen und Kavernen im vordersten Kampfgraben wurde allerdings nicht gleichmäßig eingeschätzt; doch riefen die Truppen selbst danach. Auch die Meinungen über die Zweckmäßigkeit der hinter dem vordersten Kampfgraben errichteten Hundertmeterlinie waren nicht ganz

*) Kiszling, Die Neujahrsschlacht in Bessarabien (Österr. Wehrzeitung 1926, Folge 1).

übereinstimmend. Das VI. Korps fand auf Grund der in den Kämpfen an der Strypa gemachten Erfahrungen die Hundertmeterlinie zu nahe, weil sie vielfach gleichzeitig mit der ersten Linie überrannt wurde. Es wurde betont, daß das seitliche Abriegeln eines feindlichen Einbruches noch wichtiger erscheine, als das Auffangen in der Stoßrichtung. Beim XI. Korps waren die feindlichen Angriffe dank der Artillerieabwehr über den vordersten Kampfgraben nicht hinausgelangt. Die bei Rarancze gestandene

42. HID. hielt daher sehr viel von der Hundertmeterlinie. Sie befürwortete, im vordersten Kampfgraben nur Beobachter zu lassen, die übrigen Mannschaften aber in den nächstbefindlichen Verkehrs- und Verbindungsgräben aufzustellen; die Reserven sollten noch während des Trommelfeuers möglichst nahe herangeschoben werden.

Durch dieses rasche Hineinstopfen der Reserven in die vordere Linie wurden die Truppen zusammengedrängt, ihre Verbände völlig zerrissen und sehr unklare Befehlsverhältnisse geschaffen. Diese Übelstände waren dem GO. Pflanzer-Baltin keineswegs verborgen geblieben.Er hatte während der Kämpfe bei Rarancze wiederholt darauf gedrungen, die Verbände zu ordnen und geschlossene Regimenter zur Bildung von Reserven herauszuziehen. Es bedurfte jedoch harter Befehle, um in den Kampfpausen die Verteidigung in diesem Sinne neu zu organisieren. Bei der Truppe bestand der ausgesprochene Drang, die vorderste Linie möglichst dicht zu besetzen. Das „Mann an Mann“ gab dem Soldaten im Graben ein Gefühl der Beruhigung und Zuversicht. Selbst höhere Führer konnten sich bei Rarancze von der außerordentlich dichten Besetzung der vordersten Linie nicht lossagen, obgleich sie schwere Verluste bedingte. Ihnen erschien es selbst vorteilhafter, mit durcheinander geratenen Teilen verschiedener Regimenter zu kämpfen, als die infanteristische Feuerkraft vorne durch Herausziehen von Reserven zu schwächen.

Das Zusammendrängen der ganzen infanteristischen Kraft in der vordersten Linie, eine Folge des nahen Heranhaltens der Reserven, hatte sich allerdings bei Rarancze durch die Eigentümlichkeit der Geländeverhältnisse von selbst ergeben. Die russische Artillerie beherrschte vollständig die Niederung und das Westufer des Hukeu-baches. Die Reserven wurden daher jedesmal schon mit dem Einsetzen des russischen Trommelfeuers aus der Niederung in die feuertoten Räume nahe hinter den vordersten Gräben vorgeführt. Drangen die russischen Schützenlinien in die Gräben ein, so wurden sie, wenn schon nicht von den Besatzungen im Handgemenge, doch stets von den nahen Reserven im raschen Gegenstoß wieder hinausgeworfen. Völlig übereinstimmend wurde in allen Berichten über die Kämpfe bei Rarancze auf die vorbildliche, durch GM. Elmar organisierte Feuerabwehr der Artillerie hingewiesen. Dem Artilleriechef war es möglich, von einem guten Aussichtspunkte aus das ganze Kampffeld zu überschauen und persönlich das Sperrfeuer auf den kritischen Punkt zu vereinigen, auch dann, wenn die Beobachter in der vordersten Linie ausgefallen und die Telephonleitungen zerschossen waren. Ein besonderer Wert wurde auf flankierende Wirkung des Sperrfeuers gelegt. Deshalb wurde die Masse der Feldartillerie sehr nahe hinter die vorderste Kampflinie gestellt. Alle diese Erfahrungen aus dem vom XI. Korps erfochtenen prächtigen Abwehrsiege sollten alsbald Gemeingut der ganzen Ostfront werden. Allerdings fragte es sich, ob das bei Rarancze unter ganz bestimmten Voraussetzungen erprobte Abwehrverfahren auch auf die anderen Frontabschnitte vorbehaltlos zu übernehmen war.

Auch die russische Führung schöpfte aus den Winterkämpfen mannigfache Erfahrungen. Die Armeen Letschitzki und Schtscherbatschew hatten bei ihren verfehlten Angriffen fast 70.000 Streiter eingebüßt. Alexejew war über diese unerhörten Opfer schwer betroffen und rügte die schlechte Zusammenarbeit der Waffen und das unsichere Schießen der russischen Artillerie gegen kaum erkundete Stellungen (S. 19). Auch verwies er besonders darauf, daß es Führung und Truppe noch nicht verstanden hätten, Laufgräben gegen den Gegner vorzutreiben und die reichen Kampfmittel zu einem einheitlichen Massenstoß zu verwenden. Iwanow dagegen beklagte sich darüber, daß seine Kampfmittel

— Artillerie und Munition — zu einem Angriff größeren Stiles nicht ausgereicht hätten1). Ob seinen Armeen nach weiterer Aufrüstung die Kraft erwachsen würde, mit der Methode des brutalen Massenangriffes, verflochten mit dem sappenartigen Heranarbeiten der Infanterie, die starken öst.-ung. Wehrstellungen zu zerschlagen, darüber konnte erst die Zukunft entscheiden.

*) Lemke, 298 u. 348 ff.; Klembowski, 14f.

DIE EROBERUNG VON MONTENEGRO UND VON NORD ALBANIEN

Der Feldzug in Montenegro

Hiezu Beilagen 3 und 10 Die Weisungen an die Befehlsgruppen

Die von der k. u. k. Heeresleitung Ende November 1915 gefaßte Absicht (Bd. III, S. 328), den Lovcen durch Handstreich in Besitz zu nehmen, reifte bereits in den nächsten Wochen zu dem Entschlüsse aus, Montenegro niederzuwerfen und die Hand auf Nordalbanien zu legen. Am 16. Dezember erließ GO. Conrad die vorbereitenden Weisungen an den Generalstabschef der 3. Armee (Bd. III, S. 598), am 20. Dezember verfügte er gegen den Willen der DOHL. die Abtrennung dieser Armee von der Heeresgruppe GFM. Mackensen, der sie seit Oktober unterstellt gewesen war. GdI. v. Kövess, unter dessen Befehl auch die zur Mitwirkung bestimmten Truppen des Kommandierenden Generals in BHD., GdI. v. Sarkotić, traten, erhielt die Aufgabe, die in Montenegro und Nordalbanien haltenden feindlichen Kräfte anzugreifen und dabei den Südflügel seiner Armee über Prizren auf Skutari vorgehen zu lassen.

Der Einklang im Vorgelien mit der bulgarischen Westgruppe (Bd.

III, Beilage 31) war durch das Heeresgruppenkommando Mackensen herzustellen, an welches die östlichen Teile der 3. Armee auch weiterhin hinsichtlich des Nachschubes gewiesen blieben.

Das 3. Armeekmdo. bildete am 24. Dezember drei Befehlsgruppen1). Die erste umfaßte alle an der Westgrenze Montenegros stehenden und dorthin noch befohlenen Kräfte, mitinbegriffen die Flottenabteilung in der Bucht von Cattaro; die zweite bestand aus der 62. ID.; die dritte aus dem VIII. Korps mit der 53., der 57. und der 59. ID., der 10. GbBrig.2) und der LstlBrig. GM. v. Haustein.

Nach den ersten Weisungen des 3. Armeekmdos. hatte GdI. Sarkotić mit der Masse seiner Kräfte aus den Bocche di Cattaro und der Krivošije die Linie Virpazar—Podgorica zu gewinnen und diesen Vorstoß im Sinne bisheriger Anordnungen der k. u. k. Heeresleitung mit der Gewinnung des Lovcengebietes einzuleiten. Zur Deckung der linken Flanke der Hauptkraft hatte eine Nebengruppe aus der Gegend von Trebinje in den Raum von Nikšič vorzugehen, von wo dann alle entbehrlichen Teile gegen Podgorica vorzuführen waren. Die Truppen bei Bileća und weiter

x) Konopicky, Die Niederwerfung Montenegros (Schwarte, V, 189).

2) Anstatt der ursprünglich bestimmten 21. LstGbBrig. (Bd. III, S. 575).

IV    3

nördlich davon hatten die ihnen gegenüberstehenden feindlichen Kräfte zunächst zu binden und später in das feindliche Gebiet bis zur Piva einzndringen. In dem Raum östlich dieses Flusses sollte die 62. ID. vorrücken und mit starkem linkem Flügel von Mojkovac aus das Vorgehen des VIII. Korps unterstützen. Dieses Korps hatte mit mindestens drei Brigaden den Angriff möglichst weit auf Podgorica vorzutragen und hiezu möglichst bald den Raum um Berane in Besitz zu nehmen; stetige Vorbewegung sollte den Feind hindern, seine Kräfte in anderer Richtung zu verwenden. Die 57. ID. war, sobald es die Nachschubverhältnisse zuließen, in den Raum Djakova—Prizren zu senden und hatte von dort aus zunächst Abteilungen an die Drinstrecke Firza—Bruti vorzutreiben, um dann mit möglichst starken Teilen nach Skutari stoßen zu können.

Dieser Operationsplan sah somit einen umfassenden Angriff auf das Land der Schwarzen Berge vor, durch den die montenegrinischen Streitkräftevöllig eingekreist werden sollten. Bot die günstige Ausgangsstellung auch alle Erfolgsmöglichkeiten, so standen der Durchführung des Angriffes doch sehr bedeutende Schwierigkeiten entgegen. Eine der größten Widrigkeiten für die Operation gegen Montenegro und Nordalbanien lag in dem unzulänglichen Nachschub, der selbst hinter den Mindestforderungen weit zurückblieb. Die Vorverlegung der Fassungsstellen von den bisherigen Bahnenden an die Spitze neu zu bauender Feldbahnen verzögerte sich immer wieder. So konnte das Feldbahnmaterial für den Einbau der Strecke Ustiprača—Plevlje auf den bosnischen Bahnen noch immer nicht durchgebracht werden. Auch stockte, da die Schmalspurbahn im Tale der Westlichen Morava nicht durchaus im Betrieb war, der Zuschub für den Feldbahnbau von Kraljevo durch das Ibartal schon so lange, daß mittlerweile die Wiederherstellung der Vollbahn von Skoplje über Priština nach Mitrovica fast vollendet war. Als Ersatz für die erhofften Feldbahnen mußten Fuhrwerke eingesetzt werden, die ursprünglich für den fahrenden Nachschub im Truppenbereich in Aussicht genommen waren. Auf solche Weise waren auf den vorderen schlechten und zurzeit vereisten Nachschubswegen bis zu zweihundert Kilometer zu überwinden, wodurch der größere Teil der Ladung für den Bedarf der Trains selbst aufging. Auch nach Eröffnung der Vollbahn bis Mitrovica konnte aus Mangel an geeigneten Wegen der Nachschub mittels Fuhrwerken gegen Berane nur über Novipazar geleitet werden. Zur Versorgung der 57. ID. wurde der Bau einer Feldbahn von Ferizovic nach Prizren in Aussicht genommen. Bei Ipek endeten alle fahrbaren Wege.

Lage und Ereignisse bis zur Jahreswende

An der montenegrinischen Westfront vollzog sich der Aufmarsch ohne nennenswerte Störungen. Von den dem GdI. Sarkotić unterstellten Verbänden hielten am 28. Dezember im Abschnitte des XIX. Korps die Gruppe Obstlt. Törk um Cattaro, die Gruppe Obstlt. Lottspeich östlich von Risano, dahinter die Brigaden Obst. v. Zhuber (Teodo), FML. Schiess (Radovic—Radovanic), GM. Streith (Baošic—Jošica) und Obst. v. Colerus (Gruda); die 20. LstGbBrig. sammelte sich in Castelnuovo, während die vom Isonzo anrollende 14. GbBrig. mit ihren Anfängen Bosn.-Brod erreicht hatte. Im Abschnitte der Nebengruppe des FML. Braun stand die mobile Gruppe Trebinje im Raume Lastva, die Gruppe Lörinczy um Trebinje, indes die anrückende Brigade Obst. v. Hausser in Goražde einlangte; die als allgemeine Reserve bestimmte 21. LstGbBrig. hatte Čacak erreicht und sollte nach Trebinje rücken.

An der Front herrschte bis Ende Dezember im allgemeinen noch Ruhe. Nur die Gruppe Lottspeich erkämpfte sich am 28. Dezember, um die nördliche Flanke der Bereitstellung zu sichern und den Feind von der Hauptangriffsrichtung abzulenken, die Grenzhöhe Grahorina östlich von Risano. Auch an der montenegrinischen Nord- und Ostfront wurde die Kampfpause bis zum Jahresende nur mehr durch kleinere Geplänkel unterbrochen; Schneestürme auf den Höhen und der elende Zustand der durch Regen grundlos gewordenen Wege und Niederungen lähmten vorübergehend sogar die Tätigkeit der kleinen vorgeschobenen Abteilungen. Wohl aber lebte hinter der Front nordöstlich von Novipazar und im Kopaonikgebirge das Bandenunwesen auf.

Beim VIII. Korps gestatteten die Nachschubverhältnisse erst jetzt, daß die rückwärtigen Teile der 10. GbBrig. nach Rožaj aufschlossen, während die 18. GbBrig. nach Novipazar rückte. Dagegen war die 57. ID. durch die überspannten Anforderungen an alle Nachschubsmittel noch unbeweglich und augenblicklich sogar außerstande, die zur Ablösung der bulgarischen 3. ID. nötigen geringen Kräfte nach Djakova und Prizren vorzutreiben; ihre Kraftwagen kamen nur bis Belonjin westlich von Prokuplje, und Pferdefuhrwerke gelangten nur bis Kur-šumlje, wo schon das Tragtier an ihre Stelle treten mußte. Da wegen einer Brückensenkung bei Leskovac der Verkehr voraussichtlich erst am 5. Jänner 1916 aufgenommen zu werden vermochte, konnte die 57. ID. den Vormarsch von Priština nicht vor dem 4. beginnen und den Raum Djakova-Prizren daher frühestens am 8. oder 9. erreichen.

3*

Das VIII. Korpskmdo. beabsichtigte, mit der 10. und der 18. GbBrig. unter FML. Snjarić, dem Führer der 59. ID., zunächst über Rožaj und Berane vorzustoßen; die 17. GbBrig. hatte sich mit dem linken Flügel über Goduša der Bewegung anzuschließen. Die dem Korpskmdo. unmittelbar unterstellte 9. GbBrig. hatte wenigstens mit stärkeren Teilen von Ipek gegen Plav vorzugehen. Die endlich mit Kälteschutzmitteln versorgte Brigade GM. Schwarz wurde über Moikovac gegen Kolašin gewiesen, wobei sie von der 205. LstlBrig. unterstützt werden sollte, die aber über Moikovac nicht hinauszurücken hatte. In der Folge fiel der 17. GbBrig. die Aufgabe zu, den Raum zwischen Bijelopolje und Berane zu sichern, ihre Vortruppen aber nur bis an das östliche Limufer vorzuschieben. FML. Snjarić hatte hierauf mit einer Brigade nach Andri-jevica vorzudringen und mit der anderen Berane zu halten. Die 57. ID. hatte sich erst nach gesichertem Bahnzuschub gegen Djakova—Prizren vorzubewegen; die Brigade Haustein war zur Sicherung der Etappe nach Novipazar und Mitrovica vorzuziehen.

Das am 30. Dezember in Sarajevo eingetroffene 3. Armeekmdo. erteilte bereits tagsdarauf einleitende Befehle für den auch schon der Zeit nach beiläufig festgesetzten Vormarsch. Im Kampfraume der Truppen des GdI. Sarkotić schien es geboten zu sein, die Gruppe FML. Braun bald nach Beginn ihres Vormarsches von Risano aus zu versorgen, da sie nur beschränkte Gebirgsausrüstung hatte. Hiezu war es aber notwendig, die Höhen bis Dragalj durch eine Brigade aus der Krivošije (20. LstGbBrig.) zu säubern; diese Brigade war in der Folge dem FML. Braun zum Vorgehen auf Niksić zu überweisen und ihr zeitliches Zusammenwirken mit der Nebengruppe anzustreben. Da man über den Verwendungsort der anrollenden Brigade Hausser noch im Zweifel war, mußte davon auch die Ausladung der nachfolgenden 21. LstGbBrig. abhängig gemacht werden. Die Operationen hatten an der ganzen montenegrinischen Westfront annähernd gleichzeitig, aber erst nach dem Eintreffen der 14. GbBrig. zu beginnen.

Gleichzeitig wurde der 62. ID. und dem VIII. Korpskmdo. eröffnet, daß der Angriff gegen die Westfront Montenegros voraussichtlich am

9. Jänner 1916 beginnen werde, sich durch mangelhafte Sichtverhältnisse aber auch um Tage verschieben könne; unabhängig davon sei aber das eheste Erreichen der Limstrecke Berane—Andrijevica anzustreben.

Da zwischen der öst.-ung. und der bulgarischen Heeresleitung nur förmliche Beziehungen bestanden, sollte das 3. Armeekmdo. dem bulgarischen Verbindungsoffizier nur dann volle Auskunft erteilen, wenn die bulgarische 3. ID. zur gemeinsamen Aktion gegen Albanien angewiesen würde, und auch diese Mitteilungen nur auf die Geschehnisse beim linken Armeeflügel beschränken.

Über den Feind wußte man, daß die zuletzt zurückgewichenen Reste der serbischen Armeen sich westlich von Andrijevica und bei Plav sammelten, während die Masse bereits Skutari und S. Giovanni di Medua erreicht hatte. Ferner waren Nachrichten eingelaufen über die Landung italienischer Truppen in Durazzo, denen sich auch die feindlich gesinnten Albaner unter Essad Pascha angeschlossen hatten. Die Mehrzahl der Arnauten aber kämpfte gegen die Montenegriner. Diese schienen allen Anzeichen nach zur hartnäckigen Verteidigung ihres heimatlichen Bodens entschlossen zu sein und überhäuften in der letzten Zeit die Ententepresse mit Siegesmeldungen.

Die durch die feindliche Flotte von Brindisi aus mit den albanischen Häfen aufgenommene Verbindung konnte von den k. u. k. Seestreitkräften auch in der zweiten Dezemberhälfte nicht nennenswert gestört werden. Auch das am 29. erfolgte Unternehmen einer Flottenabteilung unter Führung des Kreuzers „Helgoland“ ist mehr als rühmlich denn als erfolgreich zu verzeichnen1).

Während Ende Dezember die Montenegriner noch an allen ihren bereits zusammengedrängten Fronten hielten, standen die Serben nur mehr mit geringen Kräften mit ihren Gegnern in Fühlung. Zur nachhaltigen Verteidigung der gefährlichsten Einbruchslinie in das Becken von Skutari wurde in Andrijevica die „Kombinierte Gruppe“ der serbischen 1. Armee gebildet und der montenegrinischen Sandžakgruppe unterstellt. Auch die durch das obere Škumbital führende Einbruchspforte mußte von den Nachhuten der Timokarmeegruppe (Krajinagruppe) gegen die nachdrängenden Teile der zweiten Brigade der bulgarischen 8. ID. östlich von Elbasan gehalten werden. Die hiefür von den Italienern erbetene Hilfe wurde nicht gewährt; überhaupt verweigerte Rom jede militärische Unterstützung außerhalb der Hafenbereiche von Durazzo und Valona und verschwieg den Serben aus militärpolitischen Gründen sagar die Stärke und Gliederung ihrer bisher in Albanien gelandeten Verbände.

Mittlerweile wurden von der serbischen Heeresleitung die Truppen und Flüchtlinge bei S. Giovanni di Medua und Durazzo zur Einschiffung bereitgestellt. Der Stand betrug am 31. Dezember insgesamt 140.000

x) Kriegsarchiv (Marinearchiv), Österreich-Ungarns Seekrieg 1914—1918 (Wien 1929/31), 250 ff.

Mann mit etwa 55.000 Gewehren, 179 Maschinengewehren und 81 Geschützen; außerdem waren noch 35.000 Pferde und 10.000 Stück Schlachtvieh vorhanden1).

Die Ereignisse an der montenegrinischen Nordfront bis zur Einnahme von Berane

Nach den Weisungen des GdI. Kövess vom 24. Dezember (S. 33) waren die feindlichen Kräfte während der Vorbereitungen zum Angriff auf die Westfront Montenegros hauptsächlich im Nordosten des Landes festzuhalten; hiezu hatte das VIII. Korps, unterstützt durch den linken Flügel der 62. ID., mit mindestens drei Brigaden zunächst Berane zu nehmen. Dieser Ort bildete nicht nur den Ausgangspunkt der wichtigen Straße nach Skutari, sondern bot durch seine Lage innerhalb des geschlossenen slawisch-orthodoxen Siedlungsraumes am Rande arnautisch-islamitischen Gebietes den serbisch-montenegrinischen Kräften (Kombinierte Gruppe der serbischen 1. Armee) auch noch politischen Halt. Auf die ganz besondere operative Bedeutung dieses Raumes hatte bereits GFM. Mackensen in seinem Befehle vom 5. Dezember 1915 (Bd. III, S. 572) hingewiesen und daher zur ehesten Besitznahme dieser wichtigen Örtlichkeit mit Einsatz aller Mittel gedrängt. Nicht zuletzt war ein entscheidender Eriolg der öst.-ung. Kräfte in diesem Kampfraume auch militärpolitisch anzustreben, weil die bulgarische Heeresleitung ihre im Gebiete von Djakova und Prizren stehende 3. ID. aus durchsichtigen und für Österreich-Ungarn unerwünschten Gründen von Nordalbanien scheinbar nicht abziehen wollte. Eine etwaige Ablösung durch die bereits hiezu bestimmte 57. ID. mußte sich aber voraussichtlich über die entscheidende Kampfphase der Gesamtoperation gegen Montenegro hinaus verzögern, da die Masse der 57. ID. noch immer unbeweglich bei Priština stand und erst bis zum 8. Jänner 1916 (S. 34) mit einzelnen, schwachen Abteilungen Djakova und Prizren erreichen konnte. Das von den Bulgaren angeforderte Material zur Überbrückung des Drin bei Kula Lums deutete überdies auf eine Offensive der bulgarischen 3. ID. in dem der 57. ID. zugewiesenen Operationsraum.

Obwohl das VIII. Korps, wenigstens mit seinen vorgeschobenen Verbänden, im Drängen und Drohen nicht nachgelassen hatte, beeilte

]) Großer Generalstab, Der große Krieg Serbiens zur Befreiung der Serben, Kroaten und Slowenen, abgekürzt: ,,Serb. Gstb. W.“, XIII, 399, 424.

Vorrückungsplan für das VIII. Korps

sich FZM. v. Scheuchenstuel, zum operativ und militärpolitisch so verheißungsvollen Schlag gegen Berane rechtzeitig auszuholen. Schon bis zum 3. Jänner waren die 10. und die 18. GbBrig. in die Linie Gradina— Rožaj vorzuführen und die 17. GbBrig. bei Uglo bereitzustellen; westlich anschließend sollte sich der linke Flügel der 62. ID. zum Angriff auf Mojkovac gruppieren. Derart waren diese Kampfeinheiten in einem nach Südwesten offenen Bogen gegen den Raum um Berane angesetzt. Aus dieser Lage hatte FML. Šnjarič am 5. Jänner vormittags mit der 10. und der 18. GbBrig. westwärts und mit der 17. GbBrig. südwärts über Goduša auf Berane vorzugehen; die 53. ID. hatte den ihr zugewiesenen Abschnitt bei Bijelopolje festzuhalten und im Einklänge mit der anschließenden linken Flügelgruppe der 62. ID. die Höhen von Mojkovac zu nehmen. Am Südflügel des VIII. Korps sollte die 9. GbBrig. von Ipek westwärts in den Talschluß der Bistrica Pejs vorrücken und die Verbindung mit FML. Šnjarič (59. ID.) herstellen.

39


Zur Verteidigung Nordost-Montenegros stand, gleichsam im inneren Bogen, gegenüber der 62. ID. die Mojkovacgruppe (6500 Gewehre, 25 Geschütze), vor dem VIII. Korps und der 9. GbBrig. die Vasojevic-gruppe (4600 Gewehre, 14 Geschütze), der die Kombinierte Gruppe der serbischen 1. Armee (2 Infanterieregimnter mit 4 Geschützen) unterstellt war1). Allenfalls konnte noch mit einer allgemeinen Reserve aus serbischen Kräften (1 Infanterieregiment und 6 Geschütze) gerechnet werden, die bei Spuž bereitstand. Diese serbischen Truppen wurden jedoch noch vor Beginn der entscheidenden Kämpfe bis auf unwesentliche Reste und die wenigen Geschütze aus dem Verbände des montenegrinischen Heeres gezogen. Aber nicht militärpolitische Gründe gaben hiezu den Anlaß, sondern lediglich die erbitterten Klagen der montenegrinischen Behörden über rücksichtslose Beitreibungen und Plünderungen durch serbische Mannschaft und nicht zuletzt die Drohung der montenegrinischen Streiter, eher die Front zu räumen, als Haus und Hof derart untergehen zu lassen2). Schon am 4. Jänner mußte der serbische Ministerrat dem Wunsche des Königs Nikola entsprechen und die letzten Kampftruppen vom montenegrinischen Boden nach Skutari abschieben, um sie im Notfälle wenigstens von dort aus einsetzen zu können. Daher standen der k. u. k. 3. Armee bei ihrem bevorstehenden Agriff gegen das Land der Schwarzen Berge bis auf wenige serbische Geschütze nur mehr montenegrinische Verbände gegenüber.

!) Serb. Gstbs. W., XIV, 2.

2) Ebenda, 18.

Die Vorrückung des k. . k. VIII. Korps mid der 62. ID.

Während sich am linken Flügel der 62. ID. die Gruppe des GM. v. Reinöhl (3 Bataillone der 205. LstlBrig. und 3 Bataillone des k. u. LstlR. 6 der Brigade Schwarz) am 5. Jänner erst sammelte und tags-darauf zum Angriff auf Mojkovac bereitstellte, waren die Brigaden des VIII. Korps bereits im unaufhaltsamen Vordringen über die verschneiten Höhen des unwirtlichen Bihor, der massigen Wasserscheide zwischen dem Quellgebiet des Ibar und dem oberen Lim. Feindliche Vortruppen zurückdrängend, erreichte die 17. GbBrig. die Höhe -<J>-1400 westlich von Goduša und den Ort selbst. Auch die 18. GbBrig. verzeichnete bei ihrem Vorrücken über die fast 2000 m aufsteigende Kruševica planina beträchtlichen Raumgewinn, und links anschließend gelang es der 10. GbBrig., noch am 6. die heißumstrittene Turjakhöhe zu nehmen. Weiter südlich machten sich bereits die Erfolge der ins Quellgebiet der Bistrica Pejs vorgesandten Abteilungen der 9. GbBrig. geltend.

Am 6. kam es auch im Kampfraume der Gruppe GM. Reinöhl zurr* Zusammenstoß. Das vorgeschobene k.u.LstlR. 6 säuberte zwar im ersten Anlauf eine Sattelhöhe nordöstlich von Mojkovac, konnte aber die Gegenangriffe der zahlenmäßig überlegenen Montenegriner nur durch Einsatz aller seiner Reserven und herangezogener Verstärkungen unter großen beiderseitigen Verlusten abweisen; auch in der folgenden Nacht ließ der Feind seine Angriffe stellenweise aufleben. Der am 7. vormittags erneuerte Vorstoß des k. u. LstlR. 6 auf die Höhen südöstlich von Mojkovac kam unter heftiger Gegenwirkung bald zum Stehen und schon mittags setzten die Montenegriner in breiter Front zum allgemeinen Angriff an. Ihr Hauptstoß richtete sich von Mojkovac nordwärts gegen das k. k. LstlR. 409 der 205. LstlBrig. Nur unter Aufgebot aller verfügbaren Kräfte konnten die stellenweise eingedrungenen und erbittert kämpfenden Montenegriner durch Gegenstöße zurückgeworfen werden. Starker Schneefall und dichter Nebel erschwerten den wenigen Offizieren die Gefechtsführung. Der Brigadier selbst war es, der an der Spitze seiner letzten Reserven erfolgreich zum rettenden Gegenstoß ansetzte, worauf der nun erschütterte Feind unter dem Schutze des Nebels und der einbrechenden Nacht das Gefecht abbrach1).

Die Lage der Gruppe GM. Reinöhl blieb aber dennoch eine recht zweifelhafte, da noch immer starke feindliche Abteilungen beide Flanken

x) GM. Wilhelm v. Reinöhl wurde für diese Waffentat mit dem Ritterkreuz des Militär-Maria Theresien-Ordens ausgezeichnet.

stark bedrohten und zu Gegenmaßnahmen zwangen. Zur Verbesserung der taktischen Lage wurde der Angriff am nächsten Tag wieder aufgenommen; Mojkovac und die südöstlich gelegenen Höhen wurden aber von den Montenegrinern behauptet. Dagegen gelang es, die unterhalb des Ortes über die Tara vorgedrungene feindliche Abteilung wieder über den Fluß zu werfen und die Flanken zu sichern. An die allgemeine Fortführung des Angriffes war aber zunächst nicht zu denken; die Landsturmtruppen hatten in den letzten Kampftagen über 700 Mann, darunter 224 Tote, verloren und zeigten bedrohliche Spuren allgemeiner Erschöpfung, zumal noch immer ein großer Teil ohne Kälteschutzmittel den Unbilden des Winters ausgesetzt war. Kein Wunder, daß sich GM. Reinöhl entschließen mußte, den Angriff erst nach gründlicher Artillerievorbereitung fortzuführen; seiner Aufgabe, möglichst starke Kräfte zu binden, hatte er aber bereits entsprochen. Die auf dem Gefechtsfelde eingetretene Ruhe ließ auch erkennen, daß die Kampflust der Montenegriner wegen der erlittenen schweren Einbußen !) erheblich abgekühlt war.

Inzwischen hatte sich aber durch die Erfolge der Truppen Scheu-chenstuels die taktische Lage im weiteren Kampfraume recht vorteilhaft gestaltet. Die Brigaden des VIII. Korps hatten nach teilweise sehr lebhaften Gefechten den Widerstand der Montenegriner überwunden und standen am 8. Jänner bereits auf den östlichen Talhöhen des Lim im flachen Bogen von Bioča über das Gebiet von Vasojevici bis östlich von Berane. Für den folgenden Tag konnte der 59. ID. daher schon der Raum um Berane als Ziel gesteckt werden, während die 17. GbBrig., nordwärts anschließend, das östliche Limufer säubern sollte. Der Ort Berane selbst wurde am 9. aber noch nicht erreicht, da die Montenegriner stellenweise die wichtigsten Zugänge hartnäckig hielten, und die Vorrrückung über das meterhoch verschneite Gebirge und die grundlosen Wege bei ständigem Schneefall ohne jegliche Sicht und Verbindung nur streng methodisch und daher recht langsam vor sich gehen konnte. Erst am 10. wurde von der 59. ID. der letzte feindliche Widerstand vor Berane auf den Höhen östlich des Platzes gebrochen. Die scharf nachdrängenden Vortruppen der 10. GbBrig. vermochten auch noch über die brennende Limbrücke hinweg das westliche Flußufer und die Ortschaft zu gewinnen. Die Montenegriner hatten sich auf die Berge südlich und südwestlich des Fleckens zurückgezogen; den vorgeschobenen Abteilungen der 9. GbBrig. versperrten

r) Allein in der von den Montenegrinern geräumten Kampfzone wurden 205 Leichen geborgen.

sie aber in den Schluchten der Mokra planina noch erfolgreich die Übergänge nach Andrijevica und Plav. Auch auf den Höhen südöstlich von Mojkavac hielten die feindlichen Streitkräfte noch unverändert ihre Stellungen; man mußte sich mit dem durch die Gruppe GM. Reinöhl Erreichten vorläufig zufrieden geben. Übrigens hatte man mit Rücksicht auf die Art und Stärke der eigenen und der feindlichen Kräfte dort einen durchschlagenden Erfolg überhaupt nicht erwartet. Die an der montenegrinischen Nordfront stehenden Teile der 62. ID. (Gruppe des GM. v. Vuche-tich und 209. LstlBrig.) hatten durch ständige Bedrohung der Übergänge an der unteren Tara bei Nefertara und Prenčanje dem Abfließen feindlicher Kräfte wirksam gesteuert.

Als gleichzeitig mit der Kunde von der Eroberung von Berane am

10. Jänner auch die mittlerweile von der Streitmacht des GdI. Sarkotić an der montenegrinischen Westfront erfochtenen Erfolge bekannt wurden, war sich das 3. Armeekmdo. darüber klar, daß die in entgegengesetzten und getrennten Kampfräumen bedrängten und sichtlich erschütterten feindlichen Hauptkräfte wohl an keinem Frontteil mehr die Überlegenheit gewinnen konnten. Für die am Feinde befindlichen Brigaden Scheu-chenstuels bestand daher weiterhin die Aufgabe, im Drucke von Nordosten gegen Podgorica nicht zu erlahmen, während die allgemeine Lage das Vorführen der endlich von Priština anrückenden 57. ID. als Südflügel der Armee gegen Skutari erheischte.

Die Offensive gegen die montenegrinische Westfront Aufmarsch und Bereitstellung

Um beim Angriff auf die montenegrinische Westfront sämtliche hiezu bestimmten Truppen, vor allem die schlagkräftige 14. GbBrig. und die schwere Artillerie, zur Wirkung zu bringen, konnte der Beginn der Kampfhandlung vom GdI. Kövess frühestens für den 8. Jänner angesetzt werden. GO. Conrad stimmte zu und erklärte sich auch mit der vom FML. Trollmann geplanten Verwendung der schweren Artillerie und der Durchführung des Unternehmens aus der Bucht von Cattaro einverstanden. Der Einfluß der Heeresleitung beschränkte sich lediglich auf den Hinweis, daß die Grundbedingungen für das Gelingen des Angriffes auf den Lovcen, den Schlüsselpunkt der montenegrinischen Westfront, in dem sowohl nach Zeit wie auch nach Raum möglichst vereinigten Massenfeuer der Artillerie liege, unter dessen Schutz sich die Infanterie an den Feind heranzuschieben habe, um dann unmittelbar nach Verlegung des Artillerie

Operationsplan zur Gewinnung des Lovcen

feuers den gewählten Einbruchsraum zu gewinnen. Auch das 3.Armee-kmdo. beeinflußte den Gang der Ereignisse im Befehlsbereiche des GdI. Sarkotić nicht mehr, wenn wir vom Befehl zu einer kurzen Unterbrechung des Einschießens der schweren Artillerie aus Gründen der Geheimhaltung absehen1). Dagegen ließ noch das 3. Armeekmdo. am 4. den Bahntransport der 21. LstGbBrig. zeitweilig einstellen, um die bereits im zugewiesenen Verwendungsbereiche befindlichen Verbände materiell hinreichend versorgen zu können; aus dem gleichen Grunde schien notgedrungen auch eine Verzögerung im Anrollen der Brigade Hausser geboten.

43


Die ersten operativen Befehle, die das 3. Armeekmdo. am 31. Dezember 1915 (S. 36) ausgegeben hatte, wurden durch den GdI. Sarkotić schon am 2. Jänner 1916 ergänzt. Danach hatte die 14. GbBrig. den Angriff in der vordersten Kampflinie mitzumachen. Da diese Brigade jedoch nicht auf vollem Kriegsstande war, erschien zur Erlangung einer kräftigen Gefechtsfront im Rahmen der 47. ID. außer den Gruppen Törk und Lottspeich noch das Einsetzen der FsIBrig. oder der Gruppe Zhuber geboten. Eine weitere Brigade cles XIX. Korps hatte aus dem Raume Paß Han am 8. den Grenzrücken Bjeloš zu nehmen und zu befestigen, um hiedurch zur späteren Versorgung der Gruppe Braun die Straße Dragalj—Nanove zu öffnen und stärkere feindliche Kräfte anzuziehen. Diese Brigade war schon am 6. in ihre Ausgangslage zu bringen und hatte unter Mitwirkung der benachbarten Artillerie, bei gleichzeitiger Sicherung gegen Grahovo, überraschend anzugreifen. Als Korpsreserve sollte die Brigade Hausser in der Zeit vom 7. bis zum 14. in Zelenika eintreffen. Die Mitwirkung der 5. Schiffsdivision war im Einvernehmen mit ihrem Kommandanten unter Berücksichtigung ihrer maritimen Aufgabe zu regeln.

FML. Braun hatte mit den mobilen Teilen der Besatzung von Trebinje und der Gruppe Lörinczy (101/2 Bataillone und 13V2 Batterien) aus dem Raume östlich von Lastva anzugreifen, um zunächst die Linie Omutić—Viljuše zu gewinnen; das Vorgehen des rechten Flügels war durch das XIX. Korps von Lisac aus zu unterstützen. Die Kräfte bei Bileća und Avtovac hatten den gegenüberstehenden Feind durch rege Tätigkeit nach eigenem Ermessen zu binden.

Als Reserve des Kommandierenden Generals sollte die 21.LstGbBrig. während der dritten Jännerwoche je nach Notwendigkeit entweder im Raume um Cattaro oder bei Trebinje eintreffen.

x) Sarkotić, Die Lovcenaktion (Sarajevo 1916), 19.

Ein Verschieben des Angriffes im Lovcen-Gebiet, der am 8. beginnen sollte, war nur bei ungünstigem Wetter vorgesehen.

Im Sinne dieses Befehles standen am 7. Jänner abends beim XIX. Korps die Gruppe des FML. v. Sorsich mit den Brigaden Schiess und Streith in der Linie Traste—Sutvara, die 47. ID., FML. Edl. v. Weber, mit der verstärkten 14. GbBrig. und der Gruppe Törk anschließend bis Cattaro, mit einer schwachen Demonstrationsgruppe zwischen Cattaro und Orahovac, mit der Gruppe Lottspeich bei Veljeselo, der FsIBrig. bei Teodo. Die 20. LstGbBrig. war Korpsreserve bei Baošic; die schwere Artillerie war mit ihrer Masse auf dem Vermač und mit kleineren Gruppen nördlich des Grahovac und bei Orahovac eingebaut, während die 5. Schiffsdivision mit der Hauptkraft aus den Buchten von Teodo und Cattaro und mit einem Torpedofahrzeug aus der Bai von Traste zu wirken hatte. Am nördlichen Flügel des XIX. Korps befand sich die Gruppe Zhuber südwestlich von Dragalj.

Die Nebengruppe unter FML. Braun hielt am 7. Jänner mit ihrem Südflügel auf der Höhe Lisac und nordwärts entlang der Grenze in der Linie von Miči motika bis zur Höhe Crkvica. Die mobilen Kräfte von Bileća standen nordöstlich und die von Avtovac südöstlich ihres Festungsbereiches.

Als Reserven des Kommandierenden Generals erreichten die ersten Transporte der anrollenden Brigade Hausser bereits ihren Bestimmungsort Zelenika, während die 21. LstGbBrig. noch außerhalb des Kampfbereiches bei Rogatica stand.

GdI. Sarkotić hatte sich am 6. Jänner nach Bileća und Trebinje und am 7. nach Castelnuovo begeben.

Trotz aller Vorsicht bei den Vorbereitungen mußte angenommen werden, daß die Bewegungen im Aufmarschraume dem wachsamen Feinde nicht verborgen bleiben konnten. Tatsächlich traf die montenegrinische Heeresleitung schon am 4. Maßnahmen zur Abwehr des allgemeinen Angriffes, den man auf Grund verschiedener Nachrichten am 6. und 7. Jänner erwartete. Außerdem konnte sie aus unvorsichtigen Äußerungen von in Gefangenschaft geratenen öst.-ung. Fliegern entnehmen, daß der bereits für den 3. angesetzte Vorstoß nunmehr am 7. erfolgen werde1). In Erwartung des unausbleiblichen entscheidenden Waffenganges war die Heeresleitung wieder bestrebt, mit Hilfe der Serben im Raume von Sku-tari eine Reserve zusammenzuziehen, zumal sich der Druck des Gegners schon am 5. gegen die Nordfront geltend machte.

Serb. Gstb. W., XIV, 59.

Zaktische Erwägungen und Befehle für die Eroberung des Lovcen

Das bevorstehende Unternehmen gegen den Lovcen übte nicht nur auf die Truppen, sondern auch auf Führer und Stäbe einen ganz besonderen Reiz aus. Galt es doch, dem kleinen Königreiche, dem niemals ruhenden und stets lästigen politischen Widersacher der Donaumonarchie, den operativ wichtigsten Schlüsselpunkt zu entreißen, jenen Ge-birgsstock, in dem das Volk der Schwarzen Berge das Unterpfand seines gesamten Landbesitzes und seiner Unabhängigkeit erblickte.

Andererseits war der Besitz des Lovcen-Gebietes zur militärischen Sicherung der Bucht von Cattaro als Kriegshafen der Monarchie für die Zukunft ein Gebot der Notwendigkeit. Die Nachteile der landwärts bisher noch vollkommen ungeschützten Lage hatten sich schon seit Kriegsbeginn nur zu oft recht empfindlich fühlbar gemacht. Begreiflich, daß sich die berufenen Führer schon lange Zeit hindurch mit allen taktischen und schießtechnischen Einzelheiten des gewiß schwierigen, aber auch verlockenden Unternehmens beschäftigten. Ihre Pläne hiezu waren daher auch schon gereift, als die ersten operativen Weisungen am 26. November 1915 aus Teschen einlangten. Es kann somit nicht verwundern, daß die darin anbefohlene „direkte Wegnahme des Lovcen-Gebietes durch einen Vorstoß etwa aus dem Raume von Cattaro über den Sattel von Krstač, unterstützt durch nähere Umfassungsbewegungen über Mirać einerseits und Vk. Zalesi andererseits“ weder vom GdI. Sarkotić noch vom FML. Weber als beste Lösung angesehen wurde, da diese rührigen und verantwortungsbewußten Führer einen Angriff gegen die über tausend Meter felsstarrend aufragende feindliche Stirnwand bei nur beschränkt möglicher Flankenunterstützung und selbst nach jeder nur denkbaren Feuervorbereitung für äußerst verlustreich und aussichtslos hielten. Sie suchten die kampftechnisch so schwierige Aufgabe auf die taktisch sinnreichste Art zu lösen und vertraten der obersten Heerführung gegenüber die Ansicht, daß der Hauptangriff nicht über den Sattel von Krstač, sondern über den Solar als Schlüsselpunkt der feindlichen Lovcen-stellung zu führen sei und durch teilweise zeitlich vorangehende, beiderseitige Umfassung gesichert und erleichtert werden müsse.

GO. Conrad, der nur die großen Richtlinien der mittlerweile eingeleiteten Gesamtoperation gegen Montenegro und Nordalbanien (Bd. III, S. 598) und daher nicht die Fragen örtlicher Angriffsmaßnahmen im Auge hatte, hielt zwar am Hauptstoß über den Krstač fest, stellte es aber der Unterführung frei, auch Teile aus der Župa-Niederung anzusetzen.

ln solchem Sinne konnte nunmehr der Kommandierende General den inzwischen mit der Durchführung des Angriffes betrauten FML. Trollmann anweisen; aber auch dieser verwarf nach eingehender Erkundung und einschlägiger Besprechung mit seinen vorzüglich vertrauten Unterführern der Infanterie, der schweren Artillerie und der Marine den Hauptstoß über den Krstač wegen der voraussichtlich ganz unüberwindlichen Schwierigkeiten und entschied sich, die Masse des XIX. Korps über den Solar und die beiderseitigen Begleithöhen anzusetzen. Der Aufstieg von Cattaro und über die Grenzlinie nördlich davon sollte nur durch untergeordnete Kräfte unternommen werden, während gleichzeitig damit eine stärkere rechte Flügelgruppe aus der Żupa und, zeitlich vorangehend, eine andere an der Nordflanke gegen Vališta zur beiderseitigen Umfassung vorgeführt werden sollte. Erst nach der Gewinnung von Kuk als Ausgangspunkt der zweiten Straßenverbindung mit Cetinje sollte die Räumung der Sattelgegend Krstač erzwungen und die Hauptnachschubslinie von Cattaro her geöffnet werden.

Da auf Grund dieses von der Heeresleitung inzwischen genehmigten Angriffsplanes GdI. Sarkotić bereits am 2. Jänner (S. 43) den Aufmarsch und die Bereitstellung seiner Kräfte an der montenegrinischen Westfront befohlen hatte, konnte FML. Trollmann den Gruppen seines Korps tags darauf ihre Aufgaben stellen. Danach hatte FML. Sorsich im unmittelbaren Anschluß an die 47. ID. mit starkem linkem Flügel über Sutvara—Majstori vorzurücken, um die Linie Spas (1 km nordwestlich von Budua) —Zabijo (1 km südlich von Majstori) zu gewinnen. Nördlich davon war die 47. ID. mit ihrer Hauptkraft (14. GbBrig., Gruppe Törk, FsIBrig.) bis auf die Höhen Trestanik—Osma grk — östlich Mali Boštur —Golobrdo—Bukovica—Nordhang Tatinjak vorzuführen; eine Nebengruppe (Lottspeich) hatte diesen Angriff in der Nordflanke zu sichern und zur Unterstützung den Nordhang des Tatinjak und nördlich anschließend die Linie über Veli vrh—Gomilice zu nehmen. Am Nordflügel des Korps sollte die Brigade Zhuber unter Sicherung gegen Grahovo die Grenzrücken des Bjeloš und Senj überraschend angreifen und sich dort zur Sicherung der zu öffnenden Nachschublinie von Dragalj über Nanove festsetzen; die zur Unterstützung der Gruppe Lörinczy über Lisac gegen Omutić zu entsendende Abteilung des XIX. Korps (S. 43) war dem FML. Braun zu unterstellen.

Das Einschießen der Artillerie war bis zum 7. abends zu beenden. Nach Einbruch der Dämmerung hatte die Bereitstellung zum Angriff der Hauptkräfte zu erfolgen, der tags darauf beginnen sollte; nur die Gruppe

Lottspeich hatte bereits am 7. ihre Vorrückung anzutreten, um möglichst starke feindliche Kräfte anzuziehen.

Die in drei Gruppen unter Obst. Franz Edl. v. Portenschlag bereitgestellte Artillerie1) erhielt die Aufgabe, ihr Feuer auf die Einbruchsstellen zu vereinigen und jene Räume niederzuhalten, aus denen der Angriff vom Feinde flankiert werden konnte. Im Rahmen dieses Schießprogrammes hatte auch die 5. Schiffsdivision mitzuwirken2). Teile der schweren Artillerie waren von den einzelnen Angriffsgruppen vorzuziehen, sobald ein hinlänglicher Raum entsprechend gesichert erschien.

Die Eigenart des Angriffsgeländes erforderte neben eingehender Schulung der Kampftruppen und entsprechend angepaßter Verwendung der Streitmittel auch noch besondere Vorkehrungen für einen klaglosen Nachschub.

Der festungsartig aufragende Gebirgsstock des Lovcen überragt mit seinem 1759 Meter hohen Gipfel die inneren Randhöhen des Kriegshafens um fast tausend Meter, so daß er den Montenegrinern alle kampftechnischen Vorteile zur Abwehr bot. Der Angreifer hatte daher außer der von Natur aus begünstigten feindlichen Gegenwirkung auch noch gewaltige Höhenunterschiede in schwierigem Anstieg über trostlose Karstfelsen zu bezwingen. Zudem zeigt das Kalkmassiv des Lovcen wie kein anderer Teil des Dinarischen Faltengebirges die Erscheinungen der Verkarstung. Infolge ausnahmsloser Tiefenentwässerung in den stark gefalteten Kalken und wildzerklüfteten Karstfeldern herrscht Wasserarmut trotz ergiebiger Niederschläge. Mangels ausgleichender oberflächlicher Wasserwirkung und oberirdischer Gerinne fehlt daher die Talbildung, so daß das Gelände ein wirres, jede Kampfhandlung 'störendes Relief darstellt.

Da der Nachschub während der ersten Gefechtstage lediglich mit Tragtieren und selbst mit diesen bei der mittleren und nördlichen Gruppe nur bis zu gewissen Stellen bewältigt werden konnte, mußten Trägerkolonnen aus den zahlreichen Arbeiterabteilungen des Kriegshafenbereiches aufgestellt werden. Große Anforderungen stellte die Wasserversorgung. Noch in seinem letzten Befehl vom 6. Jänner mahnte das 3. Armeekmdo. zu sparsamem Verbrauch und gebot eindringlich, es sei zu trachten, die vorhandenen Wasserspender, vor allem die Wasserleitung von Cetinje, womöglich unversehrt in Besitz zu bekommen. Nicht unerwähnt soll bleiben, daß die zum überwiegenden Teil aus Landstürmern aller Gaue der völkerreichen Monarchie zusammengewürfelten Truppen mit vorbildlicher Opferfreudigkeit am Werke waren und dem bevorstehenden Kampfe mit Zuversicht und Vertrauen in die Führung entgegensahen.

Die Erstürmung des Lovcen

Im Sinne der erhaltenen Weisungen setzte die Gruppe Lottspeich ihren bereits am 28. Dezember 1915 eingeleiteten Angriff (S. 35) schon am 7. Jänner gegen Gomilice und auf die Höhen beiderseits von Vališta fort. Da die verstärkten Teile der montenegrinischen Lovcen-gruppe erheblichen Widerstand leisteten, konnte die stark angestrengte Landsturmbrigade erst tags darauf etwas Raum gewinnen und gegen Veli vrh und Ml. Zalesi wirken, um den aus der inneren Bucht von Dobrota aufsteigenden Abteilungen vorwärts zu helfen.

Trotz eines sternenklaren Himmels herrschte am 8. Jänner in der noch schneefreien Landschaft um 6 h morgens nächtliche Dunkelheit, als Obst. Portenschlag das wohlberechnete Massenfeuer der Feld- und Werksbatterien beginnen ließ und auf den Einheiten der Flottenabteilung des Konteradmirals Hansa mit dem Hornsignal ,,Klarschiff zum Gefecht“ die rotweißroten Flaggen hochgingen. Viele hunderte Geschützrohre überschütteten die seit langem ermittelten Hauptstellungen auf dem Lovcen, Krstač und Peštingrad mit einem plötzlichen Hagel von Geschoßen, deren donnernde Explosionen in den Felswänden vielfältigen Widerhall fanden.

Sobald es die Sichtverhältnisse erlaubten, erwiderte die montenegrinische Artillerie mit schweren Haubitzen und Mörsern, die in gut verdeckten Stellungen auf dem Krstač und dem Kuk standen, das Feuer. Besonders die deutlich sichtbaren Kriegsschiffe lagen bald in gefährdenden Granatgarben und mußten, kaum schußbereit, wiederholt ihre Ankerplätze wechseln oder sich dem Geschützfeuer der Montenegriner ganz entziehen. Dennoch zeigte sich recht bald die Überlegenheit unserer Fernkampfwaffen. Allenthalben verstummten schon im Laufe des Vormittags die feindlichen Batterien. Kurz nach Mittag verhüllten dichte Wolken den Gipfel des Lovcen und deckten allmählich den ganzen Himmel, bis bei Regen und Schneefall jede Sicht schwand. Die trefflich geleitete Artillerie hatte aber bereits den allgemein abrollenden Angriff der Infanterie ermöglicht.

Im Küstengebiet hatten die durch die Flotte aus dem Seeraume von Traste unterstützten Brigaden der Gruppe Sorsich vormittags Vranovic genommen und sich bis abends an die feindlichen Hauptstellungen in der Linie über Prčija glava herangearbeitet; sie standen mit ihrem linken Flügel im Anschlüsse an die 47. ID. östlich von Sutvara. Diese Division hatte schon um 8 h früh mit Teilen der 14. GbBrig. die montenegrinische Stellung auf dem Krimalj angegriffen und mit dem Rest der Brigade und der Gruppe Törk den Aufstieg auf den Solar und die Höhen nördlich davon begonnen. Da aber auf dem messerscharfen Grat des Krimalj das zweimalige Massenfeuer der schweren Artillerie ohne besondere Wirkung geblieben war, konnte der Infanterieangriff bis Mittag noch immer nicht Raum gewinnen. Erst nachdem durch das Zielfeuer schwerer Geschütze die zwischen den Felsblöcken eingenisteten Maschinengewehre außer Gefecht gesetzt worden waren, mußten auch die letzten Verteidiger ihre fast für uneinnehmbar gehaltene natürliche Felsenburg vor der 14. GbBrig. und der Gruppe Törk räumen, wodurch auch die anderen Angriffgruppen ihren bisher verhinderten Aufstieg auf den Solar bis zur letzten Straßenserpentine fortsetzen konnten.

Dem linken Flügel der 47. ID. gegenüber, vor der Gruppe Lottspeich, leisteten die Montenegriner auf den Grenzhöhen östlich von Orahovac noch ungebrochenen Widerstand; ebenso hartnäckig verteidigten sie gegen die Brigade Zhuber am Nordflügel des XIX. Korps den Höhenkamm des Bjeloš. Doch waren durch diese Umfassungsgruppe beträchtliche Teile der feindlichen Lovcenverteidigung gebunden und vom entscheidenden Kampfplatze ferngehalten.

Als sich nach einer gewitterreichen, aber sonst ereignislosen Nacht am Sonntag, den 9. Jänner, um 6 h früh das Massenfeuer der gesamten Artillerie neuerdings auf die feindlichen Stellungen legte, konnte der Angriff fast von allen Teilen des Korps Trollmann befehlsgemäß fortgesetzt werden.

Im Küstenstreifen der Zupa mußten die Streitscharen des Prinzen Petar schon beim ersten Anlauf der Brigade Schiess die Prčija glava räumen, während die Brigade Streith in den Raum Pelinovo vordrang. Die auf die Mackova gomila zurückgegangenen feindlichen Hauptkräfte lagen bereits am frühen Nachmittage neuerdings unter dem Flankenfeuer des Kreuzers „Aspern“, der aber bald vor einem überlegenen feindlichen Geschwader aus zwei Kreuzern und vier Zerstörern Hafenschutz suchen mußte1). Doch ungestört von der See aus, erkämpfte sich die Gruppe Sorsich bis zum Abend mit der Linie Mackova gomila—šišič ihr Tagesziel.

Nördlich anschließend hatte die Masse der 47. ID., in zäher Ausdauer alle Geländehindernisse überwindend, nach gründlicher Artillerievorbereitung den Solar samt den benachbarten Höhen genommen und damit die feindlichen Hauptstellungen längs der Randkuppen des Hochlandes durchbrochen.

Außer dem Verlust dieser Schlüsselstellung beklagte die Lovcen-Verteidigung unter der zerstörenden Wirkung der öst.-ung. Fernkampfwaffen auch bereits die Einbuße ihrer gesamten schweren Artillerie2). Nachdem am 9. Jänner nachmittags die Munitionslager bei Kuk durch einen Volltreffer in die Luft gesprengt worden waren und die Verteidiger des dortigen Straßenendes durch dieses Erlebnis allen Mut verloren hatten, war dem Angreifer eine wichtige Verkehrsader ins Herz des Landes geöffnet. Bei der trostlosen moralischen Verfassung der montenegrinischen Truppen konnte ihr König auf eine günstige Wendung der mißlichen Lage beim unmittelbaren Kampf um den Lovcen wohl nicht mehr hoffen.

Dagegen hatten die nördlichen Verbände der Lovcen-Gruppe den öst.-ung. Truppen bisher noch jedweden bedrohenden Raumgewinn verwehrt. Vor der Gruppe Lottspeich räumten sie nach zähester Abwehr erst am 9. die Höhen Gomilice und Prosjenik, während sie gegenüber der Brigade Zhuber noch immer den Bjelos behaupteten.

Im Angriffsraume der Gruppe Sorsich konnte die montenegrinische Artillerie noch am 9. Jänner abends zum Schweigen gebracht werden. Tags darauf drang die Brigade Schiess bis in die Linie Prijevor—Lastua vor, während nördlich anschließend die Brigade Streith die Höhen Goliš und Koložun bezwang und noch gegen Zabija und Kolovir anstieg.

Im Kampfgebiete der 47. ID. führte der Angriff am 10. Jänner bereits zum taktisch entscheidenden Raumgewinn. Schon zu Mittag waren alle Randhöhen der Hochebene überschritten, und bis zum Abend auch die dem eigentlichen Lovcen vorgelagerten Höhen erreicht. Nur auf dem Krstač und auf den südlichen Sattelhängen, wohin auch die schwere Artillerie wirkte, mußte von der FsIBrig. noch ein letzter feindlicher Widerstand

*) Kriegsarchiv (Marinearchiv), Österreich-Ungarns Seekrieg 1914—1918, 266.

2) Serb. Gstb. W., XIV, 71.

gebrochen werden. Feuerzeichen verkündeten bei einbrechender Dämmerung, daß durch die Vortruppen der Brigade Törk auch der Gipfel des Lovcen, des heiligen Berges der Cernagorzen, erstiegen war.

Inzwischen hatte die Gruppe Lottspeich nach harten Kämpfen die Höhen beiderseits von Vališta genommen und mit einer Abteilung von Westen her Ml. Zalesi erreicht. Vor der Brigade Zhuber wurde der feindliche Widerstand auf den Grenzrücken durch Artilleriewirkung und Flankenbedrohung zwar geschwächt, der Angriff kam aber in Schnee und Kälte nur mühsam vorwärts.

Nach dem Verluste ihrer Hauptstellungen auf den Randhöhen hatten sich die durch das gegnerische Artilleriefeuer tief erschütterten Kern-^truppen der Lovcen Verteidigung schon während der Nacht auf den 10. Jänner gegen die Linie Stirovnik—Dolovi—Trestanik zurückgezogen. Im Laufe des Tages gaben dann auch die letzten Verteidiger des Krstač-sattels unter dem verheerenden Feuer der Schiffsgeschütze den nutzlos gewordenen Widerstand auf. Damit war dem nachdrängenden Gegner aber nicht nur die wichtigste Nachschublinie erschlossen, sondern zugleich auch die bedeutendste Straßenverbindung bis auf einen Tagmarsch zur Landeshauptstadt geöffnet.

Aus dieser bedrängten Lage versuchte sich die montenegrinische Heeresleitung durch einen nächtlichen Gegenschlag zu befreien. Die Durchführung ihrer Weisungen wurde jedoch von den kampfmüden Truppen verweigert. Vergebens bemühten sich beherzte Führer mit den Prinzen Mirko und Petar, die bereits meuternden Streiter noch ein letztes Mal zum befreienden Kampfe aufzurufen *). Nur träge und zögernd näherten sich die aus dem Innern herangeführten Verstärkungen dem Kampffelde und kein Ansporn konnte die Hilfe beschleunigen. Dagegen ließen die vorderen Kampftruppen verlauten, daß sie nach mehrtägigem Hungern, „nackt und barfuß“2), nicht einmal den Unbilden des Winters, geschweige denn einem übermächtigen Gegner zu trotzen vermöchten und daher den Kampf aufgeben müßten; wirkungslos verhallten selbst die durch die Prinzen übermittelten königlichen Befehle und Mahnungen.

Vor' der Gruppe FML. Braun (S. 44), die am 8. Jänner aus der Linie Höhe Lisac—Dorf Skozji Grm—Trebinjčica in mehreren Angriffssäulen vorbrach, hielten starke Verbände der feindlichen Herzegowinagruppe die Grenzhöhen. Im Angriffsraume der Gruppe Lörinczy entwickelte sich bald ein lebhafter Kampf um den Kordonposten Kozmač

1)    Serb. Gstb. W., XIV, 76.

2)    Ebenda, 76.

und die Höhe Vucija, die wichtigsten Stützpunkte des Feindes. Auch am folgenden Tage vereitelten die Montenegriner in zäher Abwehr jeden taktischen Erfolg, trotzdem ihre Artillerie bereits zum Schweigen gebracht war. Erst am 10. Jänner konnten nach mehrstündigem erbittertem Ringen die Höhen erstürmt werden; die zerütteten feindlichen Scharen wichen fluchtartig gegen Dugi Do. Inzwischen hatten auch die Flügelgruppen im Süden die Höhe Omutić erstritten und im Norden den feindlichen Widerstand auf der Hercegova und östlich davon gebrochen.

Weiter im Norden entrissen am 8. Jänner die mobilen Streitkräfte der Festung Bileća dem rechten Flügel der montenegrinischen Westfront den Grenzraum Kovčeg—Vardar, in dem sie sich die nächsten Tage über behaupteten. Auch die Gruppe Avtovac verdrängte am 8. die feindlichen*. Vortruppen über die Grenzhöhen, räumte diese jedoch wieder und führte bis zum 10. nur mehr Scheinangriffe.

Die k. u. k. 3. Armee stand am 11. Jänner begreiflicherweise ganz unter dem Eindruck der Einnahme des Lovcen1) und des Ortes Berane, der wichtigsten Stützpunkte des Feindes auf beiden operativen Hauptrichtungen gegen die Landesmitte. In gehobener Kampfstimmung strebten die siegreichen Truppen trotz physischer Übermüdung und großer Entbehrungen ihren Zielen zu. Während die Montenegriner an ihrer ganzen Nordfront und an den nordwestlichen Grenzen noch erfolgreichen Widerstand leisteten, zeigten sich vor dem XIX. Korps bereits allgemein Rückmärsche, so daß die Vortruppen der 47. ID. vormittags bis in die Linie Blatište—Jezerski vrh—Golobrdo nachrücken konnten und Cetinje schon unmittelbar bedrohten.

In dieser gefährdeten und wegen des Zusammenbruchs der Lovcenver-teidigung aussichtslosen Lage hatte die montenegrinische Regierung ihrem Könige bereits am Vorabend den Abschluß eines Waffenstillstandes zwecks weiterer Verhandlungen über den Abbruch der Feindseligkeiten vorgeschlagen2). Wohl im Vertrauen auf die zur Stunde vom russischen Zaren versprochene Hilfe und in der Hoffnung auf die Macht seines persönlichen Einflusses lehnte der König noch jedwedes Zugeständnis ab und forderte die Fortführung des Krieges mit allen Mitteln. Erst als am folgenden Morgen seine letzten Aufrufe an die zurückflutenden Truppen unbeachtet verhallten, fügte sich Nikola den Vorschlägen seiner Rex) FML. Ignaz Trollmann und FML. Viktor Weber Edl. v. Webenau wurden für die Eroberung des Lovcen mit dem Ritterkreuz des Militär-Maria Theresien-Ordens ausgezeichnet.

2) Serb. Gstb. W., XIV, 76.

Bitte der Montenegriner um Waffenstillstand    53

gierung. Die Landeshauptstadt zeigte bereits das Bild der Auflösung der staatlichen Ordnung und allgemeiner Verwirrung. In wilder Hast rollten die Wagen der königlichen Familie und die der Gesandtschaften gegen Rijeka. Während sich die hungernden Flüchlinge schon drohend um die staatlichen Magazine stauten, wurden von der Regierung die bevollmächtigten Parlamentäre zu ihrem Canossagang abgefertigt.

Beginn der Verhandlungen

Kaum eine Stunde später übergaben die Abgesandten der montenegrinischen Regierung bei den Vortruppen der 47. ID. auf dem Golobrdo ein vom Ministerpräsidenten Mijuškovič gefertigtes Schriftstück, in dem um einen sechstägigen Waffenstillstand und um die Einleitung von Friedensverhandlungen angesucht wurde. Die Heeresleitung in Teschen, der das 3. Armeekmdo. das Angebot sofort übermittelte, antwortete jedoch, daß nur bedingungslose Waffenstreckung der gesamten montenegrinischen Armee und die Auslieferung aller noch im Lande stehenden serbischen Truppen die Einstellung der Feindseligkeiten herbeiführen könne. Vorläufig seien die Kampfhandlungen ohne Unterbrechung bis zum völligen Vollzug dieser Bedingungen fortzuführen.

Dieser Mahnung hätte es kaum bedurft, da weder das 3. Armeekmdo. eine Verzögerung des Vormarsches auch nur im entferntesten erwogen hatte, noch derTatendrang derTruppen, geschweige denn der ihrer Führer, irgendwie erlahmt war. Wohl hatten einige Verbände durch übermäßige blutige Verluste und mangelhafte Versorgung, wie die Brigaden Schwarz und Reinöhl (S. 41), oder durch zahlreiche Erfrierungen, wie die Gruppe Zhuber1), zumindest für die nächste Kampfperiode ihre bisherige Schlagkraft eingebüßt und bedurften der Erholung; im großen Ganzen ließ aber der Zustand der Kampftruppen wenig zu wünschen übrig. Der ursprünglich so gefürchtete Schneefall hatte auf dem westmontenegrinischen Hochkarst die Wassernot behoben und dadurch den Nachschub entlastet, während das seit dem 10. Jänner herrschende sonnige Winterwetter trotz der durch eine heftige Bora empfindlicher gewordenen Kälte der Mannschaft eher zuträglich wurde.

Am 12. Jänner stießen die Kampftruppen des Kommandierenden Generals an der montenegrinischen Westfront allenthalben noch auf Widerstand, tags darauf aber fanden sie das Vorgelände im allgemeinen vom Feinde frei.

*) Allein das k. k. LstlBaon. 6 verzeichnete 327 Fälle von Erfrierungen.

Im Küstenstreifen führte FML. Sorsich seine Truppen auf die Höhen bei Martinovic. Anschließend erreichten die Brigaden der 47. ID. die Straßenhöhen westlich von Bjeloši und Bajce. Nachdem eine Nachrichtenabteilung der 14. GbBrig. bereits am 13. Jänner nachmittags kampflos in Cetinje eingerückt war, wurde die Gruppe Törk noch in der folgenden Nacht in die königliche Hauptstadt verschoben. Auf dem nördlichen Flügel des XIX. Korps besetzten die Vortruppen Lottspeichs den Ort Ubli, während die Gruppe Zhuber den Raum Grahovo—Nanove sicherte. Im Abschnitte des FML. Braun war die Gegend bis über die Höhen östlich von Spila frei vom Feinde; auch vor den mobilen Gruppen Bileća und Avtovac waren die Montenegriner abgezogen.

An der Tara dagegen und auf den Höhen südlich von Mojkovac, gegenüber der Gruppe Reinöhl, hielt der Feind nach wie vor seine Stellungen; auch im Kampfraume des VIII. Korps fanden die Brigaden der 59. ID. auf den Talhöhen beiderseits des Lim südlich von Berane noch erheblichen Widerstand, und den vorgeschobenen Abteilungen der 9. GbBrig. blieben die Übergänge nach Andrijevica versperrt.

Inzwischen konnte die Masse der 57. ID. bis in den Raum von Prizren vorgeführt werden; ihre Nachrichtenabteilungen hatten bereits die an der Drinstrecke von Firza bis Kula Lums stehenden Sicherungen der bulgarischen 3. ID. abgelöst, deren Hauptkraft nunmehr nach Monastir (Bitolj) in den Verband der bulgarischen 1. Armee abrückte. Im neueroberten nordalbanischen Gebiete verblieben nur einzelne Abteilungen der 3. Bulgarendivision, während in der Westflanke der 1. Armee Verbände der 8. ID. bei Dibra und östlich von Elbasan sicherten.

Bei allen bisherigen Erfolgen der k.u.k. 3. Armee vermißte aber die öst.-ung. Heeresleitung den nach der operativen Lage gebotenen Druck auf die montenegrinische Nordfront, wobei der Schwerpunkt über Kolašin und gegen die Landesmitte, den Raum von Šavnik, zu legen gewesen wäre. Wegen der zur Zeit so trostlosen Nachschublage war aber ein Vormarsch stärkerer Verbände der 62. und der 53. ID. erst anfangs Februar zu gewärtigen, wobei überdies die an die mittlere Piva vorgeführten Kräfte nur von Nikšič aus zu versorgen gewesen wären. Selbst bei einem Rückzug des Feindes aus dem Taraabschnitte war wegen des körperlichen Zustandes der notleidenden Landsturmtruppen auch zur Stunde nur eine Verfolgung mit schwächeren Kampftruppen und nur ohne Rücksicht auf deren Versorgung möglich.

Soweit die allgemeine Lage des montenegrinischen Heeres nach Kampf und Aufklärung zu beurteilen war, konnte das 3. Armeekmdo., abgesehen von dem Raumverlust der feindlichen Kampftruppen, nur eine geringe Veränderung der ursprünglichen Verteilung der montenegrinischen Streitkräfte annehmen, die sich wahrscheinlich auf eine mäßige Verstärkung der Südwestfront beschränkte. Höher als die Verluste an Mann und Gerät mußte jedoch die zermürbende Wirkung der überlegenen Streitmittel und der als schmachvoll empfundenen Preisgabe des Lovcen auf den Kampfwillen der Montenegriner eingeschätzt werden. Obwohl das bedrängte Heer ebenso wie das darbende Volk einem Friedensschluß gewiß nicht abgeneigt sein konnten, war bei der Entschlossenheit des Königs ein Aufleben des allgemeinen Widerstandes immerhin noch denkbar.

Aus diesem Grunde mußte alles darangesetzt werden, die Offensive zu voller Reife zu bringen. Da sich der aus Nordosten erwünschte Druck wegen mannigfacher unüberwindlicher Hindernisse verzögern mußte, lag das Schwergewicht in der Folge hauptsächlich doch wieder bei den aus Südwesten und Westen vorzuführenden Kräften, die Podgorica und Nikšič voraussichtlich früher erreichen mußten, als dies von der 62. ID. und vom VIII. Korps zu erwarten war. Das Armeekmdo. beabsichtigte daher, erst nach der Besitznahme dieser Orte durch die Truppen des GdI. Sarkotić beträchtliche Teile aus dem Nordosten nachzuziehen und die Reste über Sarajevo an die montenegrinische Westfront zu verschieben.

Dort konnte bereits von den zurückgebliebenen Verbänden des XIX. Korps die 20. LstGbBrig. auf den Krstač und die Gruppe Hausser in den Raum südwestlich von Cattaro nachgeführt werden, während die Reserve des Kommandierenden Generals, die 21. LstGbBrig., wegen der geringen Leistungsfähigkeit der Nachschublinie noch immer in Sarajevo zurückgehalten werden mußte.

Inzwischen hatte sich die militärische Lage Montenegros bedeutend verschlechtert, da das ursprünglich nur auf den Lovcenabschnitt beschränkte Abfluten der Streitscharen nunmehr an der ganzen Westfront einsetzte, wobei jeder geräumte Gau seine Söhne zurückhielt, und ein Großteil der Weiterziehenden wieder nur seiner heimatlichen Scholle zustrebte. Die wenigen, die noch bei den Fahnen blieben, sollten unter dem Serdar Vukotic auf dem Taraboš (westlich von Skutari) und dem rechten Ufer der Bojana neuerlich zum Widerstande rüsten.

Unter den untrüglichen Zeichen allgemein drohender Auflösung mußte sich auch der König, der seiner Umgebung noch geschickt starke Entschlußkraft vortäuschte, den nachdrücklich wiederholten Friedensforderungen seiner bereits zurückgetretenen Minister fügen und in neuerliehe Verhandlungen mit dem Gegner einwilligen. Die Serben hatten unterdessen ihre noch auf montenegrinischem Boden stehende Artilleriemannschaft ^S. 39) ohne Geschütze und Bespannungen nach Skutari abgezogen. König Nikola wollte diese Maßnahme noch verzögern, bis die Antwort des Kaisers Franz Joseph I. auf einen Brief eingetroffen sein würde, in dem der König um einen „ehrenvollen Frieden“ gebeten hatte. Gleichzeitig mit diesem Handschreiben des Königs war beim Kmdo. der 47. ID. in Njeguši am 13. Jänner abends ein neuerliches Friedensangebot der montenegrinischen Regierung eingelangt. Sowohl der Kaiser Franz Joseph wie auch das Ministerium des Äußern machten in ihren Antwortschreiben die Einleitung der Friedensverhandlungen von der Erfüllung der bereits von der Heeresleitung gestellten Bedingungen (S. 53) abhängig; diese wurden aus Teschen am 15. Jänner nochmals und unverändert im Wege des 3. Armeekmdos. dem montenegrinischen Oberbefehlshaber übermittelt.

Bis zu diesem Tage erfuhr die allgemeine Lage keine wesentliche Veränderung. Die einzelnen Kampftruppen des Kommandierenden Generals rückten in die bereits am 13. von ihren Vortruppen erreichten Räume und schoben ihre Aufklärer ohne nennenswerten Widerstand auf einen Tagmarsch vor.

Im nordöstlichen Montenegro dagegen hielt die feindliche Abwehr noch ungebrochen an. Während die Höhen im Mündungswinkel der Bi-strica südwestlich von Berane von einem Bataillon der 18. GbBrig. erst am 14. erstürmt werden konnten, hatten sich die vorgeschobenen Abteilungen der 9. GbBrig. im Quellgebiete der Bistrica Pejs noch immer feindlicher Angriff zu erwehren. Auch der Vertreter Serbiens bei der montenegrinische Heeresleitung, Gen. Jankovic, meldete am 15. Jänner1) seiner Regierung, daß eine sichtliche Besserung der Lage der verbündeten Streitkräfte eingetreten sei; er hielt bei entsprechender Versorgung der Truppen sogar noch einen Gegenangriff für durchaus möglich und erfolgversprechend.

Die Ereignisse bis zur Waffenstreckung des montenegrinischen Heeres

Auf Grund der Beurteilung der beiderseitigen Lage stimmte die Heeresleitung auch den weiteren Absichten des 3. Armeekmdos. vollkommen zu. Darnach war anzustreben, tunlichst starke Kräfte von der

!) Serb. Gstb. W., XIV, 113.

Nordfront auf Podgorica vorzuführen und die zwecks Entlastung des Nachschubes zurückbleibenden Teile an die bosnische Bahn zu verschieben, um sie ehest an der Westfront oder im Küstengebiet einzusetzen.

In diesem Sinne verfügte GdI. Kövess am 14. Jänner die Wiederaufnahme des Vormarsches seiner Hauptkräfte und befahl auch, die Brigaden der 53. ID. zur Verschiebung an die bosnische Bahnlinie herauszuziehen. Die Masse des XIX. Korps sollte über Rijeka gegen Podgorica und je eine Brigade gegen Virpazar und Danilovgrad vorgeführt werden, während im Küstengebiet nur schwächere Kräfte anzusetzen waren. Die Brigade Zhuber konnte erst nach gründlicher Erholung herangezogen werden. Am 16. sollte der Vormarsch gegen die montenegrinische Westfront angetreten werden. Beim Korps Trollmann waren die materiellen Grundlagen hiefür wohl gegeben, hingegen lagen bei der Gruppe Braun die Verhältnisse weniger günstig, da die Straße Dragalj— Podbožur nur streckenweise ausgebaut war.

Die zweifelhafte Haltung Montenegros forderte sowohl Erwägungen über Weiterführung des Krieges als auch für den Fall einer Unterwerfung. Bei notwendiger Fortsetzung der Operationen beabsichtigte GdI. Kövess mit den Kampftruppen der Westfront zunächst die Linie Virpazar—Podgorica—Danilovgrad—Nikšič zu erreichen und Reserven bei Rijeka und Cetinje bereitzustellen. Die 59. ID. sollte bei ihrer Vorrückung auf Podgorica anfänglich von der 205. LstlBrig. unterstützt und diese erst später nachgezogen werden. Der aus der Nordfront ausgesparten 53. ID. hatte auch die 209. LstlBrig. der 62. ID. zu folgen, wobei zu berücksichtigen war, daß für ihre Verschiebung an die Westfront die derzeit noch überlastete bosnische Bahn erst nach drei Wochen frei werden konnte.

Für den Fall einer Unterwerfung Montenegros gedachte GdI. Kövess, vom XIX. Korps je zwei Brigaden nach Rijeka und Podgorica und je eine Brigade nach Virpazar und Danilovgrad vorzuführen und die anderen in Cetinje und Njeguši zu gruppieren; die Masse der Gruppe Braun hätte nach Nikšič zu gelangen, eine schwache Brigade als Reserve des Küstenschutzes bei Trebinje Aufstellung zu nehmen gehabt. Auch das XIX. Korps hatte eine Brigade in das Kriegshafengebiet (Zupa) auszuscheiden. Von den Kampftruppen im Nordosten hatte die 59. ID. mit der 205. LstlBrig. staffelweise über Mateševo in den Raum von Podgorica zu rücken, wo für sie Verpflegung bereitgestellt werden mußte, bis ihre wahrscheinlich leer folgenden Staffel in den Nachschub von Cattaro eingereiht werden konnten. Zur Verbindung mit Ipek war die 17. GbBrig. im Raume Berane—Andrijevica—Kolašin zu gruppieren, während sich die Brigade Schwarz und die 209. LstlBrig. zunächst bei Plevlje zu sammeln hatten.

Die zum Vormarsch aus der Linie Ipek—Prizren gegen Skutari und Alessio bestimmte 57. ID. und die 9. GbBrig. sollten vorläufig bis zur Regelung des Nachschubes das bisher eroberte serbische Gebiet nach dieser Richtung hin sichern.

Um die Befehlverhältnisse zu vereinfachen, wurden das XIX. Korps, die Gruppe Braun und die 5. Schiffsdivision am 15. Jänner dem 3. Armeekmdo. auf dessen Anregung unmittelbar unterstellt. Diese Befehlsregelung entsprach auch der Auffassung des Kommandierenden Generals, der sich dann als militärischer und politischer Landeschef wieder ausschließlich seinen umfangreichen Aufgaben widmen konnte.

Nach der das montenegrinische Friedensangebot ablehnenden Antwort der Wiener Regierung, mußte sich schließlich unter dem Eindrücke revolutionärer Sturmzeichen auch König Nikola den Anschein geben, als wollte er sich den Forderungen seiner Minister nach bedingungsloser Waffenstreckung beugen.

Mit der am 16. Jänner mittags in Cetinje überreichten Note an die k. u. k. Regierung wurde die Unterwerfung der montenegrinischen Armee als Voraussetzung der Friedensverhandlungen angenommen, was das Ministerium des Äußern in seiner tags darauf übermittelten Antwort nochmals als Grundbedingung forderte. Gleichzeitig wurde das k. u. k. 3. Armeekmdo. von Teschen über die Art der Entwaffnung angewiesen und die Einstellung der Feindseligkeiten befohlen. Am 17. Jänner reisten die montenegrinischen Unterhändler aber plötzlich ab. Auf diese Unterbrechung der Verhandlungen stellte das AOK. Zwangsmaßregeln in Aussicht und drohte auf einen vom Serdar Vukotic gezeichneten Vorbehalt gegen die inzwischen übermittelten Bestimmungen der Waffenstreckung mit der Wiederaufnahme der Feindseligkeiten am 21. Jänner. Da diese auf Wunsch der Wiener Regierung um einen Tag hinausgeschoben wurde, konnte am 23. auch der Vertrag über die Waffenstreckung abgeschlossen werden; zur Unterzeichnung derselben kam es aber erst am 25. Jänner, obwohl die Unterwerfung tatsächlich bereits seit Tagen in vollem Gange war.

Diese Verzögerung der Verhandlungen ist wohl zweifellos auf die schwankende Haltung des Königs Nikola zurückzuführen. Noch am 17. erfuhren die Serben aus dem Munde der Königin *), daß der montenegrinische Hof in Erwartung günstigerer Friedensbedingungen seine von

!) Serb. Gstb W., XIV, 127.

den. ausländischen Vertretern angeregte Abreise verschoben habe. Aber schon drei Tage später landete der von den Vertretern der Entente umgestimmte König mit seinem Ministerpräsidenten Mijuškovič auf einem italienischen Torpedoboote in Brindisi, wo er erklärte, alle Bedingungen abzulehnen und den Kampf weiterzuführen. Die Wiederaufnahme der Verhandlungen hatte er einem Rumpfministerium überlassen.

Die Ereignisse bis Ende Jänner

Auf den Gang der militärischen Ereignisse übten diese politischen Schachzüge des Königs jedoch keinen wesentlichen Einfluß mehr aus, da die Entwaffnung inzwischen rasche Fortschritte machte. Das montenegrinische Heer hörte auf zu bestehen. Der k.u.k. 3.Armee waren die Wege in die nordalbanische Küstenebene offen, wo in den Hafenräumen von S. Giovanni di Medua und Durazzo die Trümmer des serbischen Heeres und zahlreiche Flüchtlinge schon seit Monatsfrist vergebens der versprochenen Hilfe harrten. Nur zögernd hatten sich innerhalb dieser bangen Wochen einzelne italienische Schiffe der Küste genähert und kaum nennenswerte Mengen von Lebensmitteln3) gelandet. Die Überschiffung der Truppen war um diese Zeit noch immer nicht im Gange, und immer eindringlicher erhoben sich die verzweifelten Hilferufe der bedrängten Serben gegenüber ihren säumigen Verbündeten, wobei sie den Italienern „Schikanen“4) unterschoben, Vorwürfe, die besonders in der französischen Presse ihren Widerhall fanden. Tatsächlich waren aber neben der allgemeinen Unschlüssigkeit der Entente in erster Linie die äußerst ungünstigen Hafenverhältnisse an der nordalbanischen Küste sowie deren unmittelbare Bedrohung durch die öst.-ung. Flotte aus dem nahen Kriegshafen von Cattaro an dem Zögern der Italiener schuld. Zumal der offene Hafen von Medua war stark gefährdet, und es ist verständlich, daß die italienischen Schiffe zunächst den von Durazzo vorzogen. Aber erst als durch die Erfolge der Armee Kövess Skutari bedroht zu sein schien, entschloß sich auch Paris zu beschleunigter Hilfe durch die französische Flotte3). Konnte die serbische Heeresleitung in Skutari damals noch hoffen, daß die endlich zugesicherte Überschiffung von Medua und Durazzo aus nach Korfu4) nunmehr zeitgerecht einsetzen werde, so entschieden sich ihre Verbündeten wegen der drohenden Lage in Montenegro und der äußerst mißlichen Hafenverhältnisse bei S. Giovanni di Medua am 17. aber doch zur ausschließlichen Einschiffung der Serben in Durazzo und Valona.

Die hiezu notwendigen Verschiebungen bedeuteten für die wegen Erschöpfung kaum beweglichen serbischen Heeresteile einen neuen Leidensweg. Unbeschreibliche Not ließ Verzweiflungsausbrüche besorgen, die schon bisher nur mit Mühe niedergehalten worden waren. Mit geballter Faust, tiefen Groll im Herzen hörten die hungernden und darbenden Haufen von der Einschiffung des serbischen Hofes und von der Flucht des Königs von Montenegro. Auch bei den Führern stieg die Erregung; als der italienische Gen. Guerrini in Durazzo am 19. verlauten ließ, daß ein Teil der Truppen wahrscheinlich bis Santi Quaranta verschoben werden müsse, stellte der serbische Heerführer, Gen. Bojovic, den bereits befohlenen Abmarsch nach Valona ein und bat die in Korfu weilende Regierung, dem „plangemäßen Zugrunderichten“1) der serbischen Soldaten endlich Einhalt zu gebieten.

Da die dadurch entstandene Ratlosigkeit dem Hauptquartier Teschen nicht verborgen blieb, regte GO. Conrad am 16. Jänner beim 3. Armeekmdo. an, ehestens eine gemischte Abteilung im Küstengebiet südlich vom Skutarisee über die Bojana vorzutreiben. Daraufhin befahl GdI. Kövess, womöglich schon am folgenden Tage zwei Bataillone mit einer Gebirgsbatterie der 14. GbBrig. über Virpazar und Stari Bar zu entsenden, Skutari überraschend zu nehmen und weiter gegen Alessio— S. Giovanni di Medua vorzurücken, um Verwirrung hervorzurufen und den Feind empfindlich zu schädigen. Als Rückhalt hatte eine Abteilung der Brigade Schiess über Stari Bar an die Bojana zu rücken und den Fluß zu überschreiten; auch sollte baldigst eine Gebirgsbrigade folgen, damit in diesem Küstenraume über eine stärkere Kraftgruppe verfügt werden konnte.

Schon Ende 1915 hatte GO. Conrad in einem Gedankenaustausch über die allgemeinen politischen Kriegsziele gegenüber dem Minister des Äußern, Freih. v. Burián, die Meinung vertreten, Serbien, Montenegro und Albanien als selbständige Staaten vollkommen verschwinden zu lassen, und die nicht an Bulgarien fallenden Teile Serbiens, ganz Montenegro und Nordalbanien bis zum Mati der Monarchie einzuverleiben. GO. Conrad vertrat auch die Ansicht, daß für die Waffenhilfe zur Vertreibung der Italiener von der Ostküste der Adria den Bulgaren MittelSerb. GstbW., XIV, 148.

albanien mit Durazzo und den Griechen das Gebiet von Valona zugesprochen werde. Die bisherigen Erfolge der Armee Kövess und die mißliche Lage der Serben reiften nun den Entschluß, das Gebiet Nordalbaniens bis an die Linie Mati—Dibra militärisch in Besitz zu nehmen und vom Feinde zu säubern.

Um diese Absicht durchzuführen, hatte die 3. Armee nach den Weisungen vom 17. Jänner zunächst mit etwa acht Brigaden und angemessener schwerer Artillerie den Raum von Skutari zu erreichen. Hiezu waren vom Korps Trollmann vier Brigaden südlich des Skutari-sees und eine nördlich davon vorzuführen, während die 59. ID. und eine Brigade der 62. ID. über Matesevo-Podgoxica vorrücken sollten; Skutari war ehestens zu nehmen.

Die 57. ID. und die 9. GbBrig. sollten nach Bedarf entweder in südwestlicher oder in südlicher Richtung angesetzt werden. Die Masse dieser Kraftgruppe war inzwischen an der Linie Ipek—Djakova—Prizren reichlich mit Nachschubmitteln auszustatten und ihre Versorgung sicherzustellen. Gemischte Abteilungen und Albanerlegionen sollten baldigst in die Linie Skutari—Kruja vorgetrieben werden.

Aus der Nordfront waren drei Brigaden über Plevlje herauszuziehen und mit der 21. LstGbBrig. im Raume von Sarajevo, eine fünfte Brigade bei Cattaro oder Trebinje zur Verfügung der Heeresleitung bereitzustellen. Das Abziehen von fünf Brigaden war nur der Beginn einer allmählichen Verringerung der Balkantruppen, die durch die schon in Aussicht stehende Operation gegen Italien bedingt war. Die

21. LstGbBrig. wurde aber zunächst zur Verstärkung der 7. Armee in die Bukowina gefahren (S. 25).

Die von der 14. GbBrig. vorgetriebene Abteilung unter Obstlt. Krammer besetzte am 23. Jänner abends kampflos Skutari und erhielt tags darauf zunächst den Befehl, alle dort befindlichen Schifffahrtsmittel zu beschlagnahmen, da solche für den Nachschub über den See sehr von nöten waren.

Beim Korps Trollmann hatten die Vortruppen der Gruppe Sorsich bei Katrkol die Flußebene der Bojana erreicht, während Teile der 47. ID. in Podgorica J) einrückten und dort von der Bevölkerung freudig begrüßt wurden. In Nikšič dagegen, das von den Vortruppen der

ł) Auf dem Wege dahin erschien der königliche Prinz Mirko und berichtete von Greueltaten in der von ihm verlassenen Stadt. Es handelte sich aber nur um ein Scharmützel mit Arnauten, bei dem deren bedeutendster Führer und ältester Freiheitskämpfer, Issa Boletini, zugleich mit seinem Sohne getötet wurde.

Gruppe Braun besetzt wurde, zeigten sich die Bewohner sehr ablehnend, ja geradezu feindlich.

Dennoch machte die Unterwerfung der Montenegriner im allgemeinen rasche Fortschritte. Auch im Nordosten des Landes, wo der Widerstand bisher allenthalben noch angedauert hatte, begannen die feindlichen Verbände vor der 62. ID. mit der Waffenstreckung, während eine Abteilung der 59. ID. von Berane aus Andrijevica erreichte, so daß die nach dieser Richtung vorgeschobenen Teile der 9. GbBrig. nach Ipek eingezogen werden konnten. Diese Brigade sollte nunmehr der 57. ID. angegliedert und mit dieser dem 3. Armeekmdo. unmittelbar unterstellt werden.

Zum Vormarsch nach Nordalbanien wurden im Sinne der Weisungen der Heeresleitung vom XIX. Korps die 14. GbBrig., die 20. LstGbBrig., die FslBrig. und die Brigaden Schiess und Streith bestimmt, während vom VIII. Korps die 59. und die 57. ID. sowie die 9. GbBrig. und von der 62. ID. die 205. LstlBrig. teilzunehmen hatten.

Im Kampfraum des Korps Trollmann waren nach Maßgabe der Nachschubmittel die Truppen in Skutari zunächst auf zwei und später auf drei Brigaden zu verstärken und brückenkopfartige Stellungen auszubauen. Virpazar und Podgorica sollten vorläufig noch stärker besetzt, in Rijeka oder Cattaro Reserven zurückgehalten werden. Die 59. ID. mit der 205. LstlBrig. konnte man, da es an Verpflegung gebrach, nach Podgorica erst dann vorrücken lassen, sobald die Straßenunterbrechung zwischen Cattaro und dem Krstač behoben war. Die 57. ID. und die 9. GbBrig. hatten nach Bedarf und dann wahrscheinlich in südlicher Richtung vorzugehen. Die endgültige Regelung der Befehlsverhältnisse mußte für alle Gruppen vorläufig noch in Schwebe gelassen werden. Die nicht für den Vormarsch bestimmten Verbände wurden als Besatzung für den Kriegshafeoi Cattaro und des eroberten Landes sowie zum Küstenschutz bestimmt.

Ein rasches Vorführen stärkerer Verbände in die nordalbanische Küstenebene war aber wegen Nachschubschwierigkeiten noch nicht möglich, obwohl militärische und politische Gründe dazu drängten. Glaubwürdigen Nachrichten zufolge sollten die Italiener Durazzo bereits verlassen haben, was den Abzug der serbischen Heeresteile gegen Süden bedingt hätte. Flottes Zugreifen war daher um so mehr angezeigt, als auch bei den Bulgaren dieselbe Absicht angenommen werden mußte. Aus diesen Gründen befahl die Heeresleitung, zunächst eine gutausgerüstete gemischte Abteilung in den Raum von Durazzo vorzusenden und die Gewinnung dieses wichtigen Hafenortes womöglich durch eine Albanerabteilung einzuleiten.

Die letztangeführte Maßregel verfolgte den Zweck, die noch unter italienischem Einflüsse stehenden Albaner durch eigene Landesbrüder rechtzeitig zur Waffenhilfe für die Monarchie aufzubieten, was bei der allgemein herrschenden, ererbten Feindschaft gegen Serben und Montenegriner nicht erfolglos bleiben mochte. In den bisher von serbischen und montenegrischen Truppen besetzten albanischen Gebieten hatte nach deren Abzug die von drückender Fremdherrschaft befreite Bevölkerung allenthalben zu den Waffen gegriffen, um sich an den weiteren Unternehmungen des k. u. k. Heeres zu beteiligen. Die in den befreiten arnautischen Gauen organisierten Aufgebote waren bereits unter Führung ortskundiger öst.-ung. Offiziere von Prizren her gegen die Küste im Anmarsche.

Vor diesen albanischen Gruppen erreichte aber eine Nachrichtenabteilung der 2. GbBrig. von Prizren aus schon am 31. Jänner Nerfusa am Zusammenflusse der Quelladern des Fani, während das Detachement Krammer (vier Bataillone, zwei Gebirgsbatterien) Alessio und Medua besetzte und Sicherungen bis an den Mati vortrieb. Die Serben waren bereits am 24. Jänner von Medua nach Durazzo abgezogen; ihre Nachhuten hielten am Išmi. Nach den Befehlen vom 28. Jänner hatte sich die Masse des Korps Trollmann bei Aufrechterhaltung des Küstenschutzes und sobald es die Nachschubverhältnisse zuließen, im Raume von Skutari zu vereinigen und dem Armeekmdo. eine Brigade bei Rijeka zur Verfügung zu stellen. Von den Verbänden des VIII. Korps war nur die

2. GbBrig. von Prizren über Dibra auf Durazzo vorzuführen, während alle anderen Truppen auf den italienischen Kriegsschauplatz abzuschieben waren: die 59. ID. (10. und 18. GbBrig.) über Podgorica—Zele-nika und die 57. ID. (6. und 9. GbBrig.) über Belgrad; auch die 205. LstlBrig. hatte im Verbände der 62. ID. über Plevlje zu folgen.

Die Lage des nunmehr ausschließlich auf Durazzo basierten serbischen Heeres hatte sich inzwischen wirtschaftlich kaum gebessert und militärisch noch bedeutend verschlechtert, da in Rom große Meinungsverschiedenheiten über die Art der Hilfeleistung herrschten.

GLt. conte Cadorna, der von Haus aus jedem Unternehmen in Albanien widerraten hatte, wollte auch jetzt noch Durazzo auf dem Landwege räumen und sich auf Valona stützen, während der Minister für Auswärtige Angelegenheiten, Baron Sonnino, auch jenen Platz als politisches Unterpfand zu halten wünschte. Obwohl der italienische Heerführer am

22. Jänner betonte, daß diese politischen Forderungen den militärischen Möglichkeiten unterzuordnen seien, und sogar seinen Rücktritt anbot1), beschlossen die politischen Kreise dennoch, das Expeditionskorps in Albanien um eine Division zu verstärken und die Truppen in Durazzo dem Kriegsminister unmittelbar zu unterstellen.

Während König Nikola mit seinem Ministerpräsidenten Mijuškovič bereits in Rom weilte, leitete der öst.-ung. Gesandte Otto am 28. Jänner mit dem montenegrinischen Rumpfkabinett in Cetinje die politischen Verhandlungen ein, forderte aber die Rückkehr des Regierungschefs oder die schriftliche Bevollmächtigung der im Lande zurückgebliebenen Minister. Die Friedensverhandlungen selbst wollte das Wiener Kabinett jedoch nur mit Unterhändlern führen, die vom Könige persönlich bevollmächtigt waren, mit dem die Verbindung durch eine neutrale Macht hergestellt werden sollte.

Schon am 2. Februar überreichten die montenegrinischen Vertreter in Cetinje einen Vortrag zur Weiterleitung an den König, worin dieser aufgefordert wurde, die Friedensunterhändler binnen zwei Tagen namhaft zu machen. Da jedoch die spanische Vermittlung durch Frankreich erschwert und schließlich vereitelt wurde, beendete der Ballhausplatz die diplomatischen Verhandlungen und veröffentlichte seinen bisherigen Notenwechsel mit Montenegro; auch dem Drängen der Heeresleitung, im Lande der Schwarzen Berge die Militärverwaltung einzuführen, wurde nachgegeben.

Inzwischen hatte Mijuškovič die Tätigkeit der im Lande verbliebenen Minister als eigenmächtig bezeichnet, worauf diese mit dem Prinzen Mirko erwiderten, daß der König ohne Wissen seiner Regierung abgereist sei, was nicht nur niederschmetternd gewirkt, sondern auch die Gefahr innerer Unruhen heraufbeschworen habe.

Da zur Zeit auch die gesamte deutsche Presse lebhaft für möglichst günstige Friedensbedingungen eintrat, verwahrte sich das Wiener Außenamt in Berlin gegen die öffentliche Erörterung der Kriegsziele, was von den Mittelmächten vertragsmäßig verboten war. Aber auch im diplomatischen Gedankenaustausch sprach sich Reichskanzler v. Bethmann-Hollweg gegen harte Friedensbedingungen aus und befürwortete eine Vergrößerung Montenegros auf Kosten Serbiens, das der Ballhausplatz, wie der Reichskanzler aus vertraulichen Berichten erfahren hatte, als selbständigen Staat (S. 60) ohnehin verschwinden zu lassen beabsichtige. Burián dagegen bezeichnete eine milde Behandlung Montenegros als einen schweren Fehler und wollte es durch Abtrennung aller albanischen Gebiete dauernd unschädlich machen; was Serbien betraf, eröffnete er, daß noch keine endgültigen Entschlüsse gefaßt worden seien. Bethmann betonte aber auch in der Folge die werbende Kraft eines milden Friedensschlusses auf die Kleinstaaten, dessen günstige kriegspolitische Folgen für die Mittelmächte zur Zeit von ihren Feinden nicht nur vielfach erörtert, sondern sogar ernstlich befürchtet wurden. Wien dagegen verschloß sich diesen sicherlich nicht unbegründeten Erwägungen; es beabsichtigte, Montenegro zwar unter der dermaligen Dynastie, aber nur als Binnenstaat, beiläufig mit den Grenzen, die im Berliner Vertrage von 1878 festgesetzt worden waren, fortbestehen zu lassen; eine geheime Militärkonvention, eine Zollunion, sowie gleiches Münz- und Währungssystem sollten es jedoch politisch, militärisch und wirtschaftlich an die Donaumonarchie binden.

Die Eroberung von Nordalbanien

Die Vorrückung bis an den Škumbi Anmarsch und Bereitstellung

Während die Flieger in den ersten Februartagen ein Zusammenschieben der serbischen Kräfte im engeren Hafengebiete von Durazzo und deren Verladung bei Tag und Nacht sowie ein Ab fluten feindlicher Kolonnen über Kavaja gegen Valona meldeten, verdichteten sich die Nachrichten, daß Nordalbanien auch von den Italienern geräumt werde.

In der Tat war die von den Serben eingestellte Verschiebung nach Valona (S. 60) am 22. Jänner doch wieder in Fluß gekommen; sie wurde von der Timokarmeegruppe gesichert, während die 1. Armee Durazzo deckte, wo zuerst die 3. und die 2. Armee eingeschifft werden sollten. Erst als die serbischen Nachhuten in der Nacht auf den 9. Februar über den Arsen setzten, übernahmen die Italiener die bisher verweigerte Sicherung5) des Hafenraumes von Durazzo. Auch von Elbasan rückte die KombD. als Nachhut der serbischen Südgruppe erst am 9. gegen Valona, wo die Einschiffung schon am 28. Jänner begonnen hatte.

Um den vor Durazzo stehenden Feind noch rechtzeitig fassen zu können, forderte die k.u.k. Heeresleitung am 5. Februar das 3. Armee-

!) Serb. Gstb. W., XIV, 257.

kmdo. auf, möglichst starke Teile des XIX. Korps und der 2. GbBrig. dorthin vorzuführen und alle diese Kampftruppen unter einheitlichen Befehl zu stellen. Zur Vermeidung der ständig notwendigen Neubezeichnungen der bisher nach ihren Führern benannten Verbände waren mittlerweile das Gruppenkmdo. Sorsich in das 63. IDKmdo., die Brigade Schiess in die 210. LstlBrig., die Brigade Streith in die 211. LstlBrig., die FsIBrig. in die 22. LstGbBrig., die Gruppe Zhuber in die 24. LstGbBrig., die Brigade Obst. Rudolf Löbl (früher Haustein) in die k. u. 212. LstlBrig. und die Brigade Schwarz in die 23. LstGbBrig. umgewandelt worden.

Der Vormarsch gegen Süden hatte unterdessen langsame Fortschritte gemacht. Die vom Mati südwärts vordringende Abteilung Krammer (S. 63) erreichte über Miloti und Mamuras am 3. Februar Teke Fuša Krujs, von wo aus Kruja, die Stadt Skanderbegs, besetzt wurde. Erst vor Preza wechselten die Aufklärer die ersten Schüsse mit Nachhuten der serbischen 1. Armee1), die in vorbereiteten Stellungen auf den südlichen Talhängen des Ismi vorläufig noch jedweden weiteren Raumgewinn verwehrten, so daß unterdessen der Rest der 211. LstlBrig. bis zum 5. nach Mamuras, die 210. LstlBrig. aber nach Alessio nachrücken konnten. Die übrigen Kampfgruppen des XIX. Korps (47. ID. mit der 14. GbBrig. und der 20. LstGbBrig.) standen noch im Raume von Skutari. Von der auf Prizren basierten 2. GbBrig. war ein Detachement unter Obstlt. Zloch (11/2 Baone., 1/2 Batterie) von Kula Lums über Oroši bis an den mittleren Mati gelangt und sollte, wie nunmehr auch die Masse dieser Brigade, über Kruja und Durazzo vorstoßen, wohin auch die bereits flott gewordenen Albanergruppen gewiesen waren.

Schon beim Vormarsch bis an den Ismi lernten die Truppen ihren neuen Feind kennen: die albanische Küstenebene, mit ihren gewaltigen, ungezähmten Flußläufen, mit ihren ausgedehnten Lagunen und Sumpfgebieten, in denen undurchdringliche Wälder und trügerische Rieden abwechseln. Das Hauptmerkmal des Kriegsschauplatzes war jedoch in den bereits unter subtropischem Einfluß stehenden klimatischen Verhältnissen und ihren Folgeerscheinungen zu erblicken: der strengen Scheidung von Trocken- und Regenzeit und dem davon abhängigen Auftreten der Malaria2).

Mit der durchschnittlich im Oktober einsetzenden und mit kurzer Unterbrechung oft bis April andauernden Regenzeit schwindet die

Serb. Gstb. W., XIV, 242.

2, V e i t h, der Feldzug in Albanien (Schwarte, V, 512 ff.).

Albanien als Operationsgebiet

Gangbarkeit wenigstens in den Niederungen fast vollständig. Immer größere Flächen treten unter Wasser, und auch die nicht überschwemmten Teile werden derart aufgeweicht, daß ein dauerndes Freilager unmöglich wird. Der Verkehr ist dann hauptsächlich nur mehr auf die sandigen und vielfach überhöhten Flußufer beschränkt, indes die meisten Wegstrecken des Tieflandes geradezu kaum überwindbare Hindernisse werden.

67


Diesen Wegverhältnissen entsprach auch die gegenwärtige Gruppierung der 63. ID. mit je einer Brigade bei Kruja und bei Alessio. Beide Brigaden waren notgedrungen auf die einzige durchlaufende Marschlinie gesetzt, die bald einem grundlosen Schlammstreifen glich, teilweise ganz unter Wasser stand und, meist zwischen Sümpfen und steilen Bergfüßen dahinführend, jede Entfaltung, ja selbst die Entsendung von Seitenhuten ausschloß. Von selbst ergab sich die Nötigung, auch die nachfolgenden Brigaden der 47. ID. auf diese Marschlinie zu weisen, die sich sogar die Übersetzung des hochangeschwollenen Mati immer wieder von neuem erzwingen mußten, abgesehen von den Schwierigkeiten, die der Nachschub auch schon bisher zu überwinden hatte.

Als nun der vorerwähnte Befehl der Heeresleitung beim 3. Armeekmdo. einlangte, wies dieses den FML. Sorsich an, mit der 210. und der 211. LstlBrig., der 20. LstGbBrig., der 14. GbBrig. und den Albanergruppen Durazzo zu nehmen und hiezu die Letztgenannten über Kruja gegen Tirana und Kavaja umfassend anzusetzen.

Die italienische Besatzung von Durazzo bestand zur Zeit aus der Brigade Savona, einem Bataillon Territorialmiliz, zwei Gebirgsbatte-rien, 14 Feldkanonen und vier 12 cm-Geschützen!). Nach den Weisungen vom 30. Jänner (S. 64) sollte die Räumung zunächst wohl vorbereitet, aber erst unter drohendem Druck des Gegners vollzogen werden; mit der schwierigen Aufgabe, den richtigen Zeitpunkt für das Aufgeben des Hafens wahrzunehmen, wurde Gen. Ferrero betraut. Jedenfalls waren Einschiffung und Abschub der serbischen Heeresreste zu decken, was unter großen Schwierigkeiten bis 9. Februar gelang.

Mittlerweile hatten die Vortruppen der 63. ID., FML. Sorsich, die Höhen im Küstengebiet zwischen Išmi und Arsen kampflos erreicht und am 9. Februar Tirana besetzt, das von Abteilungen der Timok-armeegruppe erst zwei Tage zuvor geräumt worden war2). Dazwischen wandte sich die Masse der 211. LstlBrig. aus dem Raume Preza—Vorra gegen Durazzo und gewann die das Gebiet beherrschende Höhe Mali

*) Cadorna, Altre pagine, 162.

2) Serb. Gstb. W., XIV, 286.

Barzes, wo am 11. ein italienischer Angriff mühelos abgewiesen werden konnte. Bis 14. Februar hatten alle Teile dieser durch Abteilungen der 14. GbBrig. verstärkten Brigade aufgeschlossen und standen in breiter Front auf den rechten Talhöhen des Arsen von Ruškuli bis Mali Barzes den Italienern gegenüber, während die vordersten Truppen der 210. LstlBrig. bis Larušku nachgerückt waren. Von den nachfolgenden Verbänden der 47. ID. erreichten an diesem Tage die 20. LstGbBrig. Alessio und die Masse der 14. GbBrig. Skutari. Die von Prizren über Fani—Oroši auf Kruja anrückende 2. GbBrig. stand mit ihrem vorgeschobenen Detachement bereits an der Kampflinie bei Preza. Auch die erste kampffähige, bei’ läufig sechshundert Mann starke Albanergruppe konnte, von Hptm. Hässler befehligt, über Tirana bis auf die Höhen nördlich von Kavaja vorgeführt werden; als sich dieser Ort am 16. Februar ergab, war die italienische Stellung vor Durazzo zu Land vollkommen umschlossen.

Die feindliche Hauptwiderstandslinie1) verlief vom linken Mündungsufer des Arsen flußaufwärts bis an die Hügel von Bazar Šjak, dann, über diese als Brückenkopf beiderseits der Straße nach Tirana vorspringend, bis gegenüber Res und wieder vom linken Flußufer über Teke Aleksit bis auf den Strandfelsen Škam (Sasso Bianco). Hier hatte auch eine Rückhaltstellung auf den Bodenwellen zwischen dem Arsen und den Lagunen Flügelanlehnung. Außerdem waren die schmalen Landverbindungen der Halbinsel Durazzo beiderseits der Lagune Kneta Durcit durch Schanzen gesichert.

Die Lage der italienischen Besatzung von Durazzo war sicherlich iiicht günstig, da die Brigade Savona nur einen so beschränkten Raum festhalten konnte, daß der von der Seeseite ohnehin schon gefährdete Hafen nunmehr auch vom Festlande bedroht bleiben mußte und andererseits ein rechtzeitiger Entsatz zu Lande, von Valona aus, wegen der drohenden Flankenstellung der bulgarischen Streitkräfte am oberen Śkumbi kaum in Betracht kam. Überdies konnte der gewagte militärische Einsatz mit den erhofften politischen Erfolgen in Albanien nicht mehr in Einklang gebracht werden, da sich die Scharen Essad Paschas bis auf geringe Reste verlaufen hatten, dieser eigennützige, bei seinen Landsleuten unbeliebte Großgrundbesitzer sein Spiel selbst verloren gab und bereits am 12. Februar um rasche Einschiffung2) bat.

Gerade dieser Umschwung war es, der den italienischen Konsul in

x) R a v e n n i, Cenni sull’azione italiana in Albania dal 1914 al 1918 (Revista militare italiana, 1931, Heft 7 und 8).

2) Cadorna, Altre pagine, 163 ff.

Durazzo bewog, schon tags darauf von Rom die schleunige Räumung des Hafens zu fordern. Aber weder diese Forderung noch die neuerliche Mahnung Cadornas veranlaßten die politischen Kreise zur freiwilligen Preisgabe der Stadt, da man nicht nur um die künftige Stellung in Albanien besorgt war, sondern sogar ungünstige Rückwirkungen auf das Mutterland befürchtete. Dessenungeachtet entschloß sich der von den politischen Stellen mit der nachhaltigen Verteidigung betraute Gen. Fer-rero zur unverzüglichen Räumung, nachdem ihn der Kommandant der adriatischen Flotte, Vizeadmiral Herzog der Abruzzen, am 14. Februar auf die Gefahren einer Verzögerung der vorgesehenen Einschiffung aufmerksam gemacht hatte. Dennoch mußte die Durchführung unterbleiben, da vom Befehlshaber des Expeditionskorps in Valona, Gen. Ber-totti, ein weiteres Ausharren im Sinne der Anweisung und der Dienstvorschriften gefordert wurde, zumal nach den letzten Nachrichten eine ernste Bedrohung weder durch österreichische noch durch bulgarische Kräfte zu erwarten war. Aber erst nachdem neuerliche Vorstellungen gegen ein weiteres Verbleiben in Durazzo erfolglos geblieben waren, beschloß Gen. Ferrero, äußersten Widerstand zu leisten; schließlich war er sogar gezwungen, die im andauernd hohen Wellengang auf offener Reede in Seenot geratenen leeren Transportschiffe abdampfen zu lassen.

Diese eindeutigen Schiffsbewegungen im Hafen von Durazzo waren den vorgeschobenen Truppen des Angreifers natürlich nicht verborgen geblieben und konnten, zusammen mit den untrüglichen Wahrnehmungen an der italienischen Landfront, nur auf nachhaltigen feindlichen Widerstand schließen lassen. Im Gegensatz hiezu war das XIX. Korpskmdo. auf Grund überholter Nachrichten noch überzeugt, daß nach dem bereits vollzogenen Abtransport der Serben auch die italienische Besatzung den Hafen räumen werde, und beabsichtigte daher, diesenAbschub durch rasches Zugreifen zu stören. Als nun am 17.Februar der Angriff schon für den folgenden Tag anbefohlen wurde, konnte das 63. IDKmdo. auf die inzwischen veränderte Lage beim Feinde hinweisen, die eine Verstärkung der zur Stelle befindlichen Angriffskräfte forderte. Hiefür waren zunächst neben Teilen der 210. LstlBrig. die Vortruppen der 2. GbBrig. (Detachement Zloch), sowie die vorgezogene Artillerie der zurückgebliebenen 20. LstGbBrig. in Aussicht genommen.

Die jüngsten über Teschen eingelangten Nachrichten, die den letzten Entschluß Ferreros außer Zweifel stellten, bestimmten nun FML. Trollmann, den bevorstehenden Stoß auf Durazzo so lange aufzuschieben, bis außer der gesamten 210. LstlBrig. auch noch die der 63. ID. unterstellte 20. LstGbBrig. dabei mitwirken konnte. Da sich auch die Heeresleitung dieser Ansicht anschloß, wurde der Angriff auf den 21. festgesetzt, mußte aber wegen unvermeidlicher Verzögerungen im Anmarsche schließlich bis zum 23. Februar hinausgeschoben werden.

Mit diesem Vortreiben von drei Brigaden in den künftigen Kampfraum von Durazzo, wohin als vierte noch die 14. GbBrig. folgen sollte, war deren operative Schlagweite bereits bedenklich überschritten. Die Heeresleitung, die die Armee Kövess ursprünglich mit Nachschubmitteln derart ausrüsten wollte, daß die Versorgung von sechs Gebirgsbrigaden bis an den Škumbi dauernd gewährleistet blieb, mußte sich, um die Erfordernisse für den südwestlichen Kriegsschauplatz nicht zu beeinträchtigen, vorläufig auf geringere Zuwendungen beschränken.

Gegenwärtig war die Straße nach Skutari kaum halben Weges gegen Alessio fahrbar und dann nur mehr für Tragtiere benützbar. Die Brigaden konnten daher höchstens im Raume nördlich davon bis einschließlich Alessio klaglos versorgt werden. Erst nach gründlicher Ausgestaltung der Etappenlinie1) war eine weitere Vorrückung möglich; Zeit und Umstände ließen sich aber noch nicht übersehen.

Bei alldem sei nochmals daran erinnert, daß die Kampftruppen vor Durazzo mit dem Ende der fahrbaren Straße südlich von Skutari bloß durch eine saumbare, beinahe schon bis hundert Kilometer gestreckte Nachschublinie verbunden waren, auf der die Tragtiertrains wegen Selbstverbrauches nur ungenügende Nutzlasten vorbrachten. Der Mangel an ausreichender Verpflegung verminderte bereits die Leistungsfähigkeit der Truppen.

Allen diesen Mängeln gegenüber konnte aber FML. Sorsich seine Truppen nicht nur auf die äußerst verzweifelte Lage der italienischen Besatzung, sondern auch auf ihre zahlenmäßige Unterlegenheit hinweisen und überdies auch noch die große Bedeutung der bevorstehenden Kampfhandlung in dem Sinne erläutern, daß mit einem Siege auch das Ende der bisherigen Leiden in Albanien zu erhoffen war.

Solcherart angespornt, gelangten die Truppen bis 23. Februar in ihre Angriffsgruppierung. Als rechte Flügelgruppe standen Teile der

Geplant %var: Drahtseilbahn von Cattaro nach Njeguši, Autoverkehr bis zum Skutari-See, Schiffsverkehr von Virpazar nach Skutari, von dort Feldbahn und später auch Autoverkehr nach Alessio; anschließend Drahtseilbahn bis Preza. Außerdem sollte der Seeverkehr bis San Giovanni di Medua ausgedehnt und schließlich auch eine zweite Etappenlinie von Ferizovic über Prizren—Kula Lums—Oroši bis Pezana angelegt werden.

210. LstlBrig. unter Obstlt. Juriševič im Raume um Ruškuli am unteren Arsen. In der Mitte, um die feindliche Brückenkopfstellung, hatten sich beiderseits der Straße das Detachement Krammer und anschließend die nunmehr vom Obst. Lörinczy befehligte 211. LstlBrig. bereitgestellt. In den südlichen Küstenstreifen, westlich vom Arsen, schob sich die 20. LstGbBrig. unter Obst v. Farkas, während das Detachement Zloch und zu äußerst die Albanergruppe Hässler den linken Flügel abschlossen. Die nicht eingesetzten Teile der 210. LstlBrig. wurden teils als Reserve, teils zu dringenden Wegarbeiten verwendet.

Gegen Süden schien der Raum bis zum Semeni im allgemeinen frei vom Feinde, da die freundlich gesinnten Albaner, den geringen Widerstand der Anhänger Essad Paschas brechend, bereits bis Berat vorgedrungen waren. Elbasan war schon am 13. Februar von einem öst.-ung. Nachrichtendetachement erreicht worden; auch die Bulgaren hatten dorthin ihre Sicherungen vorgetrieben.

Mittlerweile war auch die von den Italienern am Semeni zurückgehaltene serbische KD. nach Valona herangezogen worden; sie hätte ursprünglich über Tepeleni nach Santi Quaranta rücken sollen, um die Einschiffung in Valona zu entlasten. Aber die Serben hatten Einspruch erhoben, wie sie überhaupt alle doch lediglich aus taktischen oder rein nautischen Gründen angeordneten Verschiebungen als überflüssige Quälereien empfanden und nur zögernd durchführten.

Es steht jedoch außer Zweifel, daß für die durch den italienischen Oberbefehl geregelte Überschiffung nur maritime Erwägungen maßgebend sein konnten. Waren doch hiezu weit über tausend Fahrten der beteiligten Kriegsschiffe notwendig, die 81 Dampfer mit 223.000 Tonnen Rauminhalt auf 322 Transporten zu sichern hatten1). Die bei diesem Manöver erlittenen, kaum nennenswerten Verluste stellen der italienischen Flottenführung das beste Zeugnis aus.

Die Eroberung vo?i Durazzo (23. bis 26. Feber)

Nach den letzten Befehlen des 63. IDKmdos. sollte die bereitgestellte Infanterie am 23. Februar noch vor Anbruch der Morgendämmerung so weit vorgehen, daß sie in einem Zuge in die feindlichen

*) Kriegsarchiv (Marinearchiv), Österreich-Ungarns Seekrieg 1914—18, 271 ff. — Nach italienischen Quellen wurden aus den albanischen Häfen insgesamt 260.895 Menschen, 10.153 Pferde und 68 Geschütze abtransportiert, von denen 193.514 Mann auf das Heer und die Behörden der Serben entfielen. Die Serben selbst geben

Stellungen einbrechen könne. Die artilleristische Vorbereitung hatte um 6 h, die Vorrückung der Infanterie um 7 h 30 vorm. zu beginnen, wobei die einzelnen Angriffsgruppen konzentrisch auf Durazzo vorzuführen waren. Auf die Mitwirkung der in Cattaro befindlichen Kriegsschiffe mußte nach einem Berichte der Flottenabteilung über schweren Seegang verzichtet werden, so daß der Angriff vom Hafenbereiche her gefährdet blieb, wo die Flieger bisher dreizehn feindliche Kriegsschiffe1) zählten.

Da die meisten Vorgänge zur See auch vom Lande aus beobachtet werden konnten, war dem lauernden Angreifer auch die am 19. erfolgte Landung von feindlichen Truppen nicht verborgen geblieben. Es handelte sich um die Ausschiffung von zwei Kompagnien aus Valona, durch die Gen. Bertotti auf Grund alarmierender Nachrichten2) die Besatzung von Durazzo verstärkte. Für Gen. Ferrero aber bildete dieser Zuschub nur mehi einen äußerst dürftigen Ersatz der inzwischen durch Krankheiten hervorgerufenen starken Verluste. Sein Entschluß zum äußersten Widerstand blieb bei dem hohen Seegang die einzig mögliche Lösung der ihm im Gegensatz zur Heeresleitung von Rom aus gestellten Aufgabe.

Vor der Gruppe Juriševič, am unteren Arsen, leisteten die schütteren italienischen Sicherungen im Vertrauen auf das Flußhindernis kaum nennenswerten Widerstand. Sie taten recht daran, denn in der Tat hatten bis zum 23. Februar abends nur wenige Leute das linke Ufer auf schwimmenden Balken gewonnen.

Im Brückenkopf um Bazar Šjak dagegen verteidigten sich die Italiener wider den einheitlichen Angriff der Gruppe Krammer und der 211. LstlBrig. recht hartnäckig. Den Schlüsselpunkt der Verteidigung bildeten die Stellungen auf der beherrschenden Höhe Kodra Šjak und vor Djepale, die mittags erstürmt wurden, worauf sich der Verteidiger über den Arsen zurückzog und die Straßenbrücke in Brand steckte. Damit war aber der rasch eingeleiteten Verfolgung ein so entschiedenes Halt geboten, daß auch die Absicht des Divisionärs, den Hauptstoß

152.000 Mann und 10.153 Pferde an. (Bogdanovic, Der Rückzug des serbischen Heeres an das Meer [in serbischer Sprache, Agram 1927], Blge. B.). Außerdem wurden von den Italienern gegen 23.000 öst.-ung. Kriegsgefangene überschifft, die als Rest von 70.000 Mann den unbeschreiblichen Leidensweg von Niš bis an die Adria überstanden hatten.

J) Kriegsarchiv (Marinearchiv), Österreich-Ungarns Seekrieg 1914—18, 278. Tatsächlich wurde die Räumung Durazzos von 15 italienischen und 3 englischen größeren und 19 kleineren Einheiten unterstützt und gesichert. Überdies lag das italienische Schlachtschiffgeschwader in Brindisi zum Auslaufen bereit.

2) Cadorna, Altre pagine, 167.

auf Durazzo längs der Straße weiterzuführen, zunichte wurde. Auch war der Schwerpunkt des weiteren Angriffes nunmehr auf die im Küstenstreifen westlich vom Arsen unter Obst. Farkas angesetzten Kräfte übergegangen. Auf dem äußersten Flügel dieser Kampfgruppe hatte Hptm. Hässler mit seinen Albanern schon frühzeitig und ganz überraschend den Škam erstürmt. Bald darauf mußte der Feind auch seine anschließenden Stellungen auf Skalnjuri der Gruppe Zloch überlassen. Weiter östlich, bis an den Arsen, gerieten die Italiener aber erst kurz nach Mittag ins Wanken, worauf sie sich vor den anstürmenden Gruppen der 20. LstGbBrig. überraschend schnell loslösten.

Da zur Stunde der Hauptangriff der Nachbargruppen am Arsen bereits zum Stehen gekommen war, entschloß sich Obst. Farkas, die ganze Last des weiteren Angriffes auf sich zu nehmen und unverzüglich auf Durazzo nachzustoßen.

Obwohl die Verfolgung ungesäumt aufgenommen wurde, konnten die abflutenden Italiener von den im unübersichtlichen Gelände bald zerrissenen Verbänden nirgends mehr gefaßt werden; auch der lockende Versuch, die erst halbverbrannte Knetabrücke zu überschreiten, scheiterte am feindlichen Maschinengewehrfeuer.

Die italienischen Truppen, die beim allgemeinen Rückzug auch über die bei Raštbul-Sinavlaš vorbereiteten Rückhaltstellungen hinaus gewichen waren, standen schon abends an der inneren Uferlinie der Halbinsel von Durazzo und schanzten auf den schmalen Landverbindungen beiderseits des Strandsees Kneta Durcit. In dieser fast isolierten Lage konnte die Verteidigung wenigstens noch mit der abstoßenden Wirkung der überlegenen Schiffsartillerie rechnen, wogegen ein weiterer Widerstand auf dem Festlande die bereits unvermeidlich gewordene Einschiffung nur gefährdet hätte. Zum erlösenden Befehle hiezu mußte sich die römische Regierung noch am 23. Februar entschließen, worauf Gen. Ferrero bereits in der folgenden Nacht von der geschützten Westküste der Halbinsel aus die Räumung einleitete.

Bei der 63. ID. hatte sich die Lage während der Nacht auf den 24. nur unwesentlich geändert, da sämtliche am rechten Ufer des Arsen angesetzten Kräfte durch dieses Flußhindernis aufgehalten wurden. Erst am Morgen konnte die Mittelgruppe auf dem linken Ufer gesammelt werden. Sie wurde aber vom Divisionär als Reserve zurückbehalten; nur ihre Artillerie wurde dem Obst. Farkas zur Verfügung gestellt, der sich bis Mittag auf der Geländewelle von Raštbul-Sinavlaš zum gewaltsamen Nachstoß bereitstellte.

Während zunächst auch noch das 63. IDKmdo. an dieser Absicht festhielt, wurde ihre Verwirklichung durch die feindliche Schiffsartillerie vereitelt, die mit andauerndem Sperrfeuer jeden Vorstoß über die Knetabrücke unmöglich machte. So wurde es bald klar, daß die mittlerweile schon in vollen Gang gekommene Einschiffung der Brigade Savona augenblicklich nur mehr durch Fernwaffen gestört werden konnte, wozu überdies auch die Verhältnisse trotz erdrückender Überlegenheit der feindlichen Artillerie einluden, da die ohnehin ungeschützte Reede fast gänzlich in Sicht und Wirkung des Angreifers lag. Als nun die vereinigten Batterien der 20. LstGb.- und der 211. LstlBrig. um 1 h nachm. überfallsartig das Feuer eröffneten, begannen die Italiener aus Mehlsäcken einen Schutzwall vor dem offenen Hafenplatz zu errichten, um wenigstens den Verkehr zur Landungsbrücke zu decken. Freilich war vorläufig damit nur das Einschiffen von Mannschaft und tragbaren Gegenständen ermöglicht.

Ähnlich wie der Angreifer vor der Knetabrücke, lag nun auch die Gruppe Juriševič bis zum 25., diesen mitinbegriffen, untätig vor der nördlichen Landzunge, denn nach wie vor mußte mit dem schweren Feuer der feindlichen Schiffsartillerie gerechnet werden, zumal eine Entlastung durch die eigene Flotte kaum zu erwarten war. Alle ihre jüngsten Versuche, den Angriff auf Durazzo zu unterstützen, mußten wegen „schweren Seeganges“x) abgebrochen werden. Die Gründe der auffallend geringen Tätigkeit der 5. Schiffsdivision während der Über-schiffung der serbischen Heeresreste sind aktenmäßig nicht festgelegt. Panzerkreuzer und Schlachtsschiffe traten überhaupt nicht in Verwendung. Es ist nach allem anzunehmen, daß man über den Umfang der Aktionen des Feindes zur See nicht im klaren war und daher kampfkräftige Typen gegen scheinbar überlegene Seestreitkräfte nicht auszuspielen wagte.

So war ein Handstreich gegen die im Augenblicke uneinnehmbare Hafenstadt wohl ausgeschlossen. FML. Sorsich entschloß sich, die inzwischen bei Vorra eingetroffene 14. GbBrig. zum Vorstoß über die nördliche Landverbindung anzusetzen. Sie sollte die dorthin vorgeschobenen Kräfte ablösen, während die 210. und die 211. LstlBrig. mit Ausnahme ihrer Batterien als Reserve hinter dem Arsen zu vereinigen waren. Diese Neugruppierung kam in der Folge aber nicht mehr zur Geltung, da die angestrebte gewaltsame Lösung durch die unterdessen eingetretenen Ereignisse schon überholt war.

J) Kriegsarchiv (Marinearchiv), Österreich-Ungarns Seekrieg 1914—18, 277.

Die abzulösende Gruppe Jurševič hatte am 26. früh über die unbesetzten Hügel von Pala vorgefühlt. Die Grenzjägerkompagnie 3 war dem abgezogenen Feinde bis Portes nachgerückt. Als die italienische Nachhut bei einbrechender Dunkelheit auch diese Stellung räumte, folgten die Grenzjäger und erreichten noch vor Mitternacht die bereits vom Feinde verlassene Hafenstadt.

Gen. Ferrero hatte nach dem Feuerüberfall am 24. die Einschiffung zwar auf die Nachtzeit beschränken und aus Mangel an genügenden Schiffen vorübergehend sogar unterbrechen müssen, konnte sie aber unter großen Schwierigkeiten und mit anerkennenswertem Geschick dennoch bis zum 26. abends vollenden. Das gesamte fahrbare Geschütz sowie ein Großteil der Verpflegsvorräte mußten zurückgelassen werden, fast tausend Pferde wurden erschossen. Aber trotz dieser Entlastung ging die Einschiffung am Schlüsse in größter Hast vor sich.

Kaum hatten die letzten italienischen Nachhuten die durch das treffsichere Feuer der öst.-ung. Batterien bereits unhaltbar gemachten Schanzen auf Kneta verlassen, traten auch schon die Vortruppen der Gruppe Farkas ihre inzwischen gut vorbereitete Vorrückung an.

Wohl donnerten noch die schweren Schiffsgeschütze, aber die in der Stadt auflodernden Brände verrieten mit gewaltigen Explosionen die vollzogene Räumung, und mit den letzten Schüssen der Flotte hatten die Italiener Durazzo preisgegeben.

Doch sogar ohne feindliche Gegenwirkung erforderte es noch geraume Zeit und größte Vorsicht, bis das tückische Hindernis der Lagunen im Dunkel der Nacht überwunden werden konnte. Durch eine tags vorher von einer Büffelherde verratene Furt und auf Flößen erreichten die Vortruppen der Gruppe Farkas das Stadtgebiet, wo sie von den Grenzjägern in ein Gefecht verwickelt und dabei auch noch von den eigenen Fliegern mit Bomben beworfen wurden. Erst in der Morgendämmerung klärte sich die Lage, worauf Obst. Farkas vom griechischen Konsul die Stadt übernahm.

Damit endete das Unternehmen gegen Durazzo, bei dem die Angreifer 4 Offiziere und 69 Mann (darunter 10 Albaner) durch Tod einbüßten und gegen 300 Verwundete und 50 Vermißte verzeichneten, während ihnen am 23. Februar allein 17 Offiziere und 742 Mann als Gefangene in die Hand fielen. Außerdem erbeuteten sie 34 Geschütze, 1 Maschinengewehr, 14.000 Gewehre, große Mengen von Munition und Schanzzeug, 8 Munitionswagen, beiläufig die einwöchige Verpflegung für den damaligen Stand der 63. ID. und dazu 17 Wasserfahrzeuge.

Gerade diese Einbußen der fluchtartig abgezogenen Besatzung verstärkten bei den berechnenden Albanern nicht nur den Eindruck der italienischen Niederlage, sondern vergrößerten auch den des kriegerischen Erfolges des Angreifers, was zunächst in recht lebhafter Teilnahme der Bevölkerung an den Siegesfeiern zum Ausdruck kam und zweifellos auch den politischen Erfolg der Donaumonarchie gegenüber seinem Rivalen ganz allgemein besiegelte. Kein Wunder, daß die schuldbewußten römischen Kreise diese vornehmlich politischen Mißerfolge nunmehr durch das Schlagwort von der „glorreichen Räumung“ von Durazzo zu verschleiern suchten.

Ein schwerer Fehler überhaupt aber war es, „Ziele von internationaler Bedeutung mit ungenügenden Mitteln erreichen zu wollen“ L) und die Einschiffung noch hinauszuschieben, nachdem ein Erfolg mit derartigem Einsatz nicht mehr erzielt, ein Mißerfolg aber wohl noch verhindert werden konnte.

Die Ereignisse bis Mitte März Neugruppierung, Weisungen und Operationsstillstand

Schon am 24. Februar beabsichtigte FML. Trollmann eine Neugruppierung, die nach der bevorstehenden Einnahme von Durazzo notwendig wurde, da alle hiezu eingesetzten Kampftruppen allmählich der 63. ID. unterstellt worden waren, während das in Skutari zurückgebliebene 47. IDKmdo. dadurch ausgeschaltet wurde. Was von der

3. Armee noch außerhalb des nordalbanischen Kampfraumes stand, war größtenteils schon für anderweitige Verwendungen im Abtransport. Eine baldige Entwirrung der zurückbleibenden Truppenverbände und die Ordnung der Kommandoverhältnisse waren geboten.

Das 3. Armeekmdo. befahl daher ebenfalls schon am 24., nach der Gewinnung von Durazzo die Masse des XIX. Korps im Raume dieses Hafens und bei Tirana zu gruppieren, Kavaja und Elbasan zu besetzen, mit Vortruppen an den Škumbi zu rücken und darüber hinaus vorläufig nur zu sichern und aufzuklären, da nach der Säuberung Nordalbaniens bis zu dieser Flußlinie die Aufgabe der Armee zunächst schon erfüllt war. Mit diesen Maßnahmen erklärte sich auch das AOK.

*) Cadorna, Altre pagine, 166; V e i t h, Der Angriff auf Durazzo (Mil. wiss. u. techn. Mitt., Wien, Jhrg. 1922, Separatdruck 2).

einverstanden, ohne jedoch neue Weisungen zu geben; gleichzeitig wurde aber der Abmarsch der 2. GbBrig. und der 22. LstGbBrig. anbefohlen, die womöglich im Anschluß an die 59. ID. und das VIII. Korpskmdo. über die Bocche abzuschieben waren (Beilage 5.). Falls es die innere Lage Montenegros zuließ, sollte an Stelle der 22. die 24. LstGbBrig. nach Skutari rücken, während eine Brigade des XIX. Korps aus dem Raume Durazzo—Tirana nach Alessio zu verlegen war. Schließlich verfügte die Heeresleitung, daß die Befehlsgewalt in Albanien an das XIX. Korpskmdo. übergehen sollte, da auch das 3. Armeekmdo. unter seinem am 26. Februar zum Generalobersten ernannten Führer auf einen anderen Kriegsschauplatz abzugehen hatte.

Im Sinne dieser Befehle erfolgte nunmehr die Neuordnung. Während die 2. GbBrig., das Detachement Zloch mitinbegriffen, die 22. LstGbBrig. und mehrere inzwischen meist zu Brigaden umgewandelte Gruppen nordwärts über die Bocche und über Trebinje abgingen, um aus dem Armeebereiche abzurollen, strebten die Befehlsstellen und Verbände des Korps Trollmann in die am 3. März anbefohlene Gruppierung. Danach hatte das 63. IDKmdo. mit der 210. LstlBrig. nach Alessio zu gelangen, die

211. LstlBrig. wurde in die Gegend Mamuras—Kruja verlegt; nach Tirana sollte das 47. IDKmdo. mit der Masse der 14. GbBrig. kommen, von der Teile Kavaja und Elbasan besetzten, während sich die 20. LstGbBrig. im Raume Durazzo—Bazar Šjak ausbreitete.

Alle diese Bewegungen verzögerten sich jedoch durch neuerliches Hochwasser, das nicht nur sämtliche Brücken zerstörte, sondern auch die wichtigsten Wegstrecken überschwemmte. So war der Mati um fast vier Meter gestiegen und mußte von den Verpflegsstaffeln und den nordwärts ziehenden Kolonnen auf Kähnen und Einbäumen überschifft werden, während der hochgehende Drin den Verkehr zwischen Alessio und Skutari unterband, wo auch die Straße streckenweise tief unter Wasser stand. Da eine baldige Verbesserung der Nachschublinie nicht zu erwarten war, hatte das XIX. Korps in seiner gegenwärtigen Lage vorläufig seine größte Schlagweite erreicht.

Dieser Beschränkung entsprachen auch die letzten Weisungen aus Teschen, die zwar die Befehlsverhältnisse regelten, aber keine neuen Angriffsaufgaben stellten. Nach dem für Mitte März angesetzten Abgehen des 3. Armeekmdos. hatte der Führer des XIX. Korps den Befehl in Nordalbanien weiterzuführen und dieses Gebiet bis an die Linie Škumbi—Rapon—Dibra und an der Küstenstrecke Bojana— Škumbi gegen feindliche Einbrüche und Landungen zu sichern; die

Masse des Korps war unter ausreichender Besetzung von Skutari zunächst im Raume Durazzo—Tirana bereitzuhalten.

Der durch diese Weisungen nunmehr auch von der Heeresleitung geduldete Stillstand am Škumbi entsprach zur Zeit aber weder der allgemeinen militärischen, noch der politischen Lage, da sich die Italiener nach dem Falle von Durazzo vollständig auf Valona zurückgezogen hatten und das vom Feinde freie Gebiet bis zur Vojusa somit den Bulgaren offen stand, deren Vortruppen bereits Berat besetzt hielten.

Trotz alledem war aber an eine Fortsetzung der Kriegshandlung noch während der Regenzeit nicht zu denken, so daß die zunächst dringendste Forderung, wenigstens bis an die italienische Front vorzufühlen, vorläufig den albanischen Freischaren überantwortet werden mußte, denen man auch noch die Selbstversorgung zumuten konnte.

Diese Aufgabe fiel damit an den Freischarenführer Kapitän v. Ghilardi *), der mit seinen in Nordalbanien großzügig aufgebotenen Verbänden hiezu schon Ende Februar verwendungsfähig am Škumbi bereitstand und Streifscharen sogar bis an den Semeni vorgetrieben hatte.

Die Italiener in Valona

Diese Bewegung war es, die bei den Italienern den Eindruck hervorrief, daß starke feindliche Kräfte — Gen. Bertotti meldete am 1. März zwei öst.-ung. Korps und bulgarische Truppen2)—hinter einem dichten Schleier von albanischen Freischaren gegen Valona im Vorrücken begriffen seien.

Obwohl das italienische Expeditionskorps seit 29. Februar wieder der obersten Heeresleitung unterstellt war, konnte die von der römischen Regierung bereits eingeleitete Verstärkung auf drei Divisionen rieht mehr verhindert werden. Für die nachdrücklichst gestellte politische Forderung, Valona auch gegen einen überlegenen Feind bis aufs äußerste zu halten, war Cadorna aber noch immer nicht zu gewinnen; ihn dünkte das dort stehende Aufgebot nicht nur überhaupt schon als zu großer Einsatz, sondern auch noch als Schwächung der nationalen Hauptfront, gegen die er einen öst.-ung. Angriff befürchtete.

*) Als ehemaliger öst.-ung. Offizier hatte sich Ghilardi bereits zur Zeit der provisorischen Regierung Ismail Kemals und später unter dem Fürsten Wied an den Freiheitskämpfen der Skipetaren hervorragend beteiligt; während der ententefreundlichen Herrschaft Essad Paschas stand er in bulgarischen Bandendiensten.

2) C a d o r n a, Altre pagine, 169-

Dieser Einstellung des italienischen Generalstabes entsprachen denn auch die am 2. März erlassenen Weisungen. Danach hatte die bisherige, 130 km lange Front an der Vojusa bloß als vorgeschobene. Sicherungslinie zu gelten, während die bedeutend verkürzte Hauptstellung nunmehr auf den inneren Randhöhen der Bucht' von Valona zu errichten war und im Verein mit der Flotte in reiner Abwehr gehalten werden sollte. Nun aber bangte der Marineminister um den Besitz des Hafens, der als östlicher Stützpunkt der Adriasperre mit allen Mitteln, zu Wasser und zu Lande, behauptet werden mußte. Trotz Unterstützung dieser Forderung durch den Außenminister verharrte Cadorna nach wie vor auf seiner Weigerung und drohte sogar mit der Räumung Valonas, falls das Verlangen der Flotte nach artilleristischer Verstärkung des Hafens nicht von dieser selbst erfüllt werden könnte. Der Marineminister bot auf diese Drohung hin fünf Batterien mittleren Kalibers an, mit denen sich GLt. Settimio Piacentini, der neuernannte Kommandant in Valona, zufriedengab. Mitte März formierte man aus den Verbänden der dortigen Besatzung die 38., die 43. und die 44. ID. als XVI. Korps, dem auch noch das 10. Bersaglieriregiment und drei Regimenter Territorialmiliz unmittelbar unterstellt wurden. Damit war die Zahl der von der Politik gegen den Willen der Heeresleitung für Albanien ausgespielten Truppen innerhalb der letzten Monate von drei auf achtundvierzig Bataillone hinaufgeschnellt, also auf einen Sollstand von zwei italienischen Armeekorps. Cadorna verharrte auch weiterhin bei der Auffassung, daß diese Entsendung auf einen so entlegenen Nebenkriegsschauplatz umsoweniger zu rechtfertigen sei, als es dem Gegner, der von seinen Kraftquellen durch einen 300 km tiefen, unwirtlichen, von der Seeseite her bedrohten Raum getrennt war, bei etwaigen Kriegshandlungen gegen die Stadt Valona ohnehin an der ausreichenden Stoßkraft gebrechen mußte.

In der Tat konnten die erholungsbedürftigen Kampftruppen des k. u. k. XIX. Korps nur dadurch mit dem notdürftigsten Nachschub versehen werden, daß sie 100 km tief gegliedert blieben (S. 77); hätte man sie gegen Süden hin aufschließen lassen, dann wäre der Troß jeweils ohne Verpflegung und Futter bei ihnen eingelangt, da er alle Lasten für sich selbst verbrauchen hätte müssen. Versorgungsschwierigkeiten verboten es den schwachen Vortruppen sogar, über den Škumbi hinauszugehen. Nur die Albanerfreischar unter Ghilardi konnte, da sie sich des von den Italienern freiwillig preisgegebenen fruchtbaren Gebietes von Muzakja bemächtigte, bis an die Vojusa vorgehen, deren

Nordufer sie von der Mündung bis zum Knie bei Kjosa in der ersten Märzhälfte besetzte.

Damit verebbte der denkwürdige Feldzug der öst.-ung. Streitkräfte auf dem Westbalkan. Mochte auch dieses Geschehen, an der Macht der feindlichen Waffen gemessen, nicht mit einer der großen Schlachten am Isonzo oder im Westen zu vergleichen gewesen sein, so hatten die Kämpfer, deren Weg über den Lovcen und durch die von menschlicher Kultur vielfach fast unberührte Wildnis Montenegros und Nordalbaniens gegangen war, körperlich und seelisch außerordentliches zu leisten. Dies ist namentlich deshalb hervorzuheben, da die auf dem Westbalkan aufgebotene Streitmacht zum weitaus größten Teil aus milizartigen Verbänden mit verhältnismäßig bejahrten Soldaten und einem sehr dürftigen Rahmen von Berufsoffizieren bestand. Es spricht für die hervorragenden soldatischen Eigenschaften aller Völker, die einst Österreich-Ungarn ausmachten, daß diese Landstürmer alle Beschwernisse dieses „Kolonialfeldzuges“ willig auf sich nahmen: die gewaltigen körperlichen Leistungen, die das Gelände, angefangen von der Ersteigung des Lovcen, immer wieder aufzwang, wie die Gefahren, von denen Leib und Leben durch einen im Kleinkrieg trefLich bewanderten Feind, noch mehr aber durch Hunger, Entbehrung und Krankheit bedroht waren. So gehört denn auch dieser Krieg zu den erstaunlichen Taten, die das Schicksal noch in die Geschichte des habsburgischen Heeres eintrug, ehe es das inhaltsreiche Buch für immei zuschlug.

Die deutsch-bulgarische Front bis Mitte März 1916

An der mazedonisch-griechischen Grenze war das Jahr 1915 zur Neige gegangen, ohne daß es zu der grundsätzlich geplanten Offensive der Verbündeten gegen Saloniki gekommen wäre (Bd. III, S. 567). Auch in den folgenden Wochen blieb es ruhig. Die Generalstäbe Deutschlands und Bulgariens gaben ihren Plan zwar noch nicht auf, aber politische und militärische Notwendigkeiten führten immer wieder zu neuen Fristerstreckungen. Vor allem war es geboten, sich der Neutralität oder der Freundschaft der Griechen zu versichern, deren Armee in zwei Gruppen zu beiden Seiten des von den Verbündeten in Aussicht genommenen Vorrückungsraumes versammelt war. Nicht minder schwer wogen die technischen Hemmnisse, die sich einem größeren Angriffsunternehmen in einem unwirtlichen Gebirgslande entgegenstellten, wo das Ochsenfuhrwerk der Bulgaren das Hauptbeförderungsmittel für Schießbedarf, Kriegsgerät und Nahrung bildete. So kam man Mitte Februar überein, den Angriffsbeginn noch bis zum 15. März hinauszuschieben. Aber auch die Ausführung dieser Absicht sollte unterbleiben.

Am 21. Februar brach vor Verdun der große Sturm los. Dem deutschen Generalstab widerstrebte es begreiflicherweise, sich in ein zweites Unternehmen auf einem entlegenen Kriegstheater verstricken zu lassen, ehe die Entwicklung auf dem französischen Schauplatz einigermaßen abzusehen war. Zudem ließen die Meldungen über die Lage bei Saloniki nicht verkennen, daß sich der Feind dort häuslich einrichtete und seinen Widerstand von Tag zu Tag verstärkte. Drei französische und fünf britische Divisionen — die den Mittelmächten zugekommenen Nachrichten wußten irrtümlicherweise sogar von mehr — standen bereit, die letzte Machtstellung der Entente auf dem Balkan entschlossen zu behaupten1). Sie konnten, dank der uneingeschränkten Beherrschung der See durch die Alliierten, jeden Augenblick verstärkt werden, zumal von Ägypten her. Nach allem vermochte gegen diese Streitmacht ein Angreifer nur dann aufzukommen, wenn er über mindestens gleich starke und nicht erheblich weniger gut ausgerüstete und versorgte Kräfte verfügte.

Inzwischen hatte aber schon der Verlauf der ersten Kampfwoche auf der Walstatt von Verdun deutlich genug dargetan, daß eine einigermaßen erfolgreiche Fortführung dieses Unternehmens die Leistungsfähigkeit des deutschen Heeres stark genug in Anspruch nehmen werde. So sprachen die verschiedensten Gründe dafür, auf den Angriff gegen Saloniki bis auf weiteres überhaupt zu verzichten. Man beschloß, sich auf möglichst starke Abwehrmaßnahmen an der griechischen Grenze zu beschränken.

Im Gedankenaustausch zwischen Conrad und Falkenhayn scheinen die Angriffspläne gegen Saloniki seit Mitte Dezember 1915 keinerlei Rolle mehr gespielt zu haben. Dies mag auffallen, wenn man erwägt, welch großen Wert noch kurz zuvor der k. u. k. Generalstabschef auf die völlige Vertreibung der Alliierten von der Balkanhalbinsel gelegt hatte. Wie sein reichsaeutscher Amtskollege war wohl auch er vor allem durch andere Ereignisse und Absichten abgelenkt worden: durch den Feldzug auf dem Westbalkan, durch die Pläne gegen Italien, durch die

*) G a 11 w i t z, Meine Führertätigkeit im Weltkrieg 1914/16 (Berlin 1929), 514f.; Jochim, Der Feldzug in Serbien (Schwarte, II, 416ff.); Ministěre de la guerre, Les armées franęaises dans la grande guerre (Paris 1923), VIII, Big. 53, weiterhin angeführt als „Franz. Gstb. W.“.

IV politischen Auseinandersetzungen mit Bulgarien, die noch zu streifen sein werden. Außerdem ist es doch nicht ausgeschlossen, daß auch Conrad allmählich an der Ausführbarkeit des an sich gewiß bedeutsamen Gedankens zu zweifeln begann. War es doch kaum zu verkennen, daß jeder bescheidene Fortschritt, den die Verbündeten bei ihren Angriffsvorbereitungen erzielten, durch die Abwehrmaßnahmen des Feindes ungesäumt überholt wurde. So begnügte sich das Teschener Hauptquartier von der Jahreswende an, die Meldungen zur Kenntnis zu nehmen, die von ihren Verbindungsoffizieren beim GFM. Mackensen und bei den Bulgaren kamen. Irgendein Versuch, die Entschlüsse der zwei Verbündeten zu beeinflussen — eine Mitwirkung des dritten, der Türken stellte Conrad nicht hoch in Rechnung — ist in den Akten nicht wahrzunehmen.

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Im Einzelnen auf die Frage einzugehen, ob ein Angriff der Verbündeten auf Saloniki je Aussicht auf Erfolg gehabt hätte, fiele aus dem Rahmen dieser nur den Ereignissen an den öst.-ung. Fronten zugewandten Darstellung6). Die Geschichte ist die Probe aufs Exempel schuldig geblieben und sie hat damit auch andere Fragen unbeantwortet gelassen, so die, wie sich das Geschick der vornehmlich doch auf die Zufuhr vom Meere angewiesenen Griechen politisch und wirtschaftlich weiterhin gestaltet hätte. Militärischer Erfolg hätte wohl am ehesten gewinkt, wenn man die Bulgaren zu Anfang Dezember den schwachen Divisionen Sarrails hätte nachstoßen lassen. Daß Falkenhayn dies aus Rücksicht auf Griechenland untersagte, veranlaßte den französischen Schriftsteller de Civrieux zu dem scharfen Urteil 7): „In dem unbegreiflichen Entschlüsse, eine siegreiche Armee an einer Linie halten zu lassen, hinter der sich der geschlagene Feind wieder kampfbereit aufstellen konnte, lag der Keim zu dem Zusammenbruch der bulgarischen Front im September 1918“ 8).

Ob man nun ein Versäumnis zu erblicken hat oder nicht — es gehört jedenfalls zur Tragik der Mittelmächte, daß auch hier, wie im Herbst zuvor in Rußland, der Degen gesenkt wurde oder gesenkt werden mußte, ehe strategisch ganze Arbeit geleistet worden war.

ÖSTERREICH-UNGARNS HEER

VOM KARPATHEN WINTER BIS ZUM FRÜHJAHR 1916

IV

6


Der Ausbau der Wehrmacht

Verbrauch und Ersatz der Menschenkräfte

An der Schwelle eines neuen Kriegssommers, der das Ringen der beiden feindlichen Mächtegruppen im Jahre 1916 — wie man meinte: das Ringen um die Entscheidung —, einleiten sollte, ist es am Platze, in der Schilderung der Ereignisse innezuhalten und auf die Entwicklung zurückzublicken, die sowohl Verfassung und Ausgestaltung der k. u. k. Armee als auch ihre Kampfweise und ihre seelischen Kräfte in der Zeit zwischen den beiden Kriegswintern genommen haben. Zutiefst erschüttert und mit schwerer Einbuße an Kraft war die Wehrmacht der Donaumonarchie in das Jahr 1915 eingetreten. Der über alle Maßen harte Karpathenwinter hatte ihr keine Erholung gegönnt, sondern in einem Kreislauf von atembeklemmender Schnelligkeit den größten Teil der eiligst zusammengerafften, nur notdürftig ausgebildeten Ersätze verbraucht. Man lebte in dieser Zeit höchster Not wahrhaft von einem Marschbataillon zum ändern. Vermochte man damit wenigstens den Rahmen des Heeres zu erhalten, so mußte es der Zukunft Vorbehalten bleiben, ihn mit den ja noch ansehnlichen Reserven der Monarchie wieder aufzufüllen.

Aber dann trat — eher als man zu hoffen gewagt hatte — ein langsamer, jedoch unverkennbarer Umschwung ein. In dem Maße, als die Karpathenkämpfe abflauten, fanden vom April an immer größere Teile der Front Beruhigung und eine gewisse Stetigkeit der Lage. Die wärmenden Strahlen der Frühlingssonne, die die Schrecken des Winters verjagten, taten ein übriges. Die Verluste durch Kampf nahmen ebenso ab, wie jene durch Erkrankungen. Die Kampfstände besserten sich; Anfang Mai 1915 zählten viele Divisionen schon wieder 8000 bis

10.000 und mehr Feuergewehre, und wenn auch noch in gar mancher Einheit weniger als 5000 Streiter marschierten, so war das doch mit den Ständen der vergangenen Monate nicht zu vergleichen. Sichtlich erholte sich die Truppe körperlich und seelisch. Die bald nach Gorlice einsetzende Periode des Aufschwunges förderte diese Entwicklung. Mit den Erfolgen wuchsen Erfahrung und Können, damit auch Zuversicht und Selbstbewußtsein. An ihren schweren Aufgaben festigten sich die Reste der Armee von 1914 und verschmolzen mit den frischen Kämpfern zu einem neuen, schlagkräftigen Kriegswerkzeug.

Daran änderte sich auch nichts, als die erfolgreichen Operationen im Norden neue beträchtliche Opfer kosteten und einen monatlichen Abgang von 160.000 bis 180.000 Mann verursachten, als ferner vom Juni an die Südwestfront dazukam, wo die Abgänge bald von 14.000 auf 60.000 Streiter im Monat anwuchsen. Bedenklicher war es schon, als sie in den Septemberkämpfen in Galizien allein die Ziffer 200.000 überschritten. Nur auf dem Balkankriegsschauplatze blieb der Menschenverbrauch das ganze Jahr hindurch, auch während der Offensive im Herbst, wirklich gering1).

Gewiß hatten die Verluste auch recht erhebliche Schwankungen der Kampfstände im Gefolge. Im Sommer und im Herbst kam es immer wieder vor, daß Divisionen vom vollen Stande bis auf 5000 Kämpfer und noch weniger zusammenschmolzen; im Großen hielt die einmal gewonnene Besserung jedoch an. Es gab ja immer wieder Zeiten der Erholung; besonders die über ein halbes Jahr währende Winterruhe 1915/16, die nur durch die Neujahrskämpfe in Bessarabien und in Galizien unterbrochen wurde, blieb nicht ohne Rückwirkung auf die Kampfstände. Da sich die Abgänge in dieser Zeit — übrigens hauptsächlich durch Erkrankungen hervorgerufen, — in mäßigen Grenzen hielten, betrug der Durchschnittsstand aller Divisionen Ende Dezember

1915 im Nordosten mehr als 11.000, im Südwesten 9000 Feuergewehre; er stieg bis zum Mai 1916 hier auf 11.000, dort sogar auf 15.000.

An sich betrachtet waren die Verluste seit dem Mai 1915 sicherlich nicht mehr ganz so hart wie im Herbst 1914 und in den schweren Karpathenmonaten; auch kennzeichnete es deutlich die zunehmende Festigung der Verbände und des Kampfgeistes, daß sich nun im Norden

Über die Verluste auf allen drei Kriegsschauplätzen nach den Meldungen der Armeen siehe Blge. 4, Tabelle 1. Diese Meldungen bedürfen jedoch insofern einer Richtigstellung, als dort unter den Vermißten auch alle nicht verläßlich festgestellten Toten sowie eine gewisse Zahl von Verwundeten und Kranken enthalten sind, über deren Verbleib im Augenblicke der Meldung Unsicherheit bestand. Auch eine Anzahl Versprengter, die wieder zu ihren Truppen zurückkehrten, ist in den als vermißt Gemeldeten inbegriffen. Ein nach diesen Gesichtspunkten berichtigtes Bild über die go-samten Abgänge seit Kriegsbeginn stellt die Tabelle 2 dar. Näheres hierüber siehe Franek, Die Entwicklung der öst.-ung. Wehrmacht in den ersten zwei Kriegsjahren. (Mil. wiss. Mitt., Wien, Jhrg. 1933). Vgl. auch Rai zenhofe r, Verlustkalkül für den Karpathenwinter 1915 (Mil. wiss. Mitt., Wien, Jhrg. 1930, 991 ff.) auch die Art der Abgänge änderte. War doch der Anteil der Gefangenen und Kranken an dem gemeldeten Gesamtabgang in den ersten vier Monaten des Jahres 1915 derart gestiegen, daß auf 10 Tote und Verwundete ebensoviele Gefangene und 12 Kranke kamen. Seit dem Mai verschob sich dieses Verhältnis so, daß auf 10 Mann blutigen Verlustes nur mehr 8 Gefangene und 6 Kranke entfielen. Diese Zahlen müssen freilich als Durchschnitt aufgefaßt werden, und der auch in dieser Hinsicht so ungünstige September hatte auf 10 Tote und Verwundete zwar nur 4 Kranke, aber schon wieder 15 Gefangene und Vermißte aufzuweisen. Sprach es in diesem Zusammenhange zwar für die Truppenmoral, daß sich auf dem südwestlichen Kriegsschauplätze das ganze Jahr hindurch unter 10 aus der Reihe der Kämpfer Ausscheidenden nur 1 Gefangener und 4 Kranke befanden, so konnte andererseits nicht übersehen werden, welch starke Steigerung gerade der blutigen Verluste darin zum Ausdruck kam. Schon bei der Darstellung der Isonzoschlachten ist wiederholt darauf hingewiesen worden, wie sehr die Steinsplitterung des Karstbodens die Zahl der Verwundungen vervielfachte und die Vorteile nahezu aufhob, die die straff eingerichtete Abwehr mit ihren stets nur geringen örtlichen Veränderungen zu bringen vermochte.

In seiner Gesamtheit war daher der Menschenverbrauch auch im Jahre 1915 sehr bedeutend. Es schieden insgesamt 2,118.000 Männer aus den Reihen der Feldarmeen. Seit Kriegsbeginn waren 3,368.000 Kämpfer dauernd oder vorübergehend von der Walstatt abgegangen, mehr als im August 1914 eingerückt waren; 756.000 Männer waren entweder gefallen, ihren Verletzungen erlegen oder gänzlich undienstbar geworden und somit als bleibende unwiederbringliche Opfer zu beklagen. Da sich etwa 775.000 Streiter in der Gewalt des Feindes befanden, so fehlten zusammen bereits 1,531.000 Männer, mit denen nicht mehr gerechnet werden durfte, mehr als der vierte Teil aller, die seit August 1914 das Soldatenkleid angezogen hatten.

Denn um die Lücken in den Verbänden der Kampftruppen zu füllen, hatte man ihnen in den ersten 17 Kriegsmonaten ebensoviele Marschbataillone zuführen müssen; das waren jedesmal 220.000 bis

280.000, im ganzen Jahr 1915 2,953.000 Kämpfer gewesen, zu denen noch etwa 360.000 Mann für Neuformationen kamen. Besonders wertvoll erwies sich dabei, daß nahezu die Hälfte aller Verwundeten und Kranken verhältnismäßig rasch volle Genesung fand und einen trefflichen Grundstock für die Ersätze zu bilden vermochte. Tatsächlich enthielten die Marschbataillone bis zu 80 v. H., im Durchschnitt 54 v. H., kriegserfahrene Offiziere und 20 bis 40 v. H. Soldaten, die den Krieg bereits kennen gelernt hatten. Bis Ende 1915 kehrten insgesamt 37.693 Offiziere und 1,032.554 Mann — ein gutes Drittel der gesamten Ersätze

— zum zweiten Male oder öfter ins Feld zurück.

Der weitaus überwiegende Teil der notwendigen Kräfte mußte jedoch ohne Unterlaß aus den Menschenreserven der Heimat geschöpft werden. Die Zwanzigjährigen und die Neunzehnjährigen zogen in den Kampf, die Dienstpflichtigen aller Jahrgänge bis zum 42. Lebensjahre wurden neuerlich gemustert oder, wie es hieß, „durchgekämmt“. Doch schon im Frühjahr war klar geworden, daß all dies nicht ausreichen werde, den Ersatz an Kämpfern auch nur bis Jahresende, geschweige denn darüber hinaus zu sichern. In dieser Lage entschloß man sich anfangs Mai, die Wehrgesetze abzuändern und die Landsturmpflicht nach oben um sieben Jahre bis zum 50., nach unten um ein Jahr bis zum 18. Lebensjahr auszudehnen. Wurde damit auch gewiß nur sehr verspätet nachgeholt, was im Frieden an der vollen Ausnützung der Wehrkräfte versäumt worden war, so bedeutete es im gegebenen Augenblicke doch einen tiefen und schmerzlichen Eingriff in das Wirtschaftsleben.

Die Achtzehnjährigen mochten noch leichter entbehrt werden; sie rückten im Oktober ein und Anfang Jänner 1916 mit den XVIII. Marschbataillonen an die Front. Mit diesen jungen Leuten waren nun seit Beendigung der Mobilisierung nicht weniger als 2,409.000, insgesamt also 5,693.000 Männer, zu den Fahnen gerufen, überdies fast 300.000 nicht dienstpflichtige Arbeiter herangezogen worden.

So viele Arbeitshände entbehrte die heimatliche Kriegswirtschaft schwer genug. Schon bisher hatte man ihrem steigenden Menschenbedarf dadurch Rechnung tragen müssen, daß man etwa 953.000 bei der Musterung als „tauglich“ befundene Männer von der Einrückung zum Waffendienste enthob. Um die Ernährung von Heimat und Heer zu sichern, arbeiteten zur Anbau- und Erntezeit zusammen überdies an die

718.000 beurlaubte und mehr als 62.000 in Arbeitspartien kommandierte Soldaten auf den Feldern und in den landwirtschaftlichen Betrieben der Heimat. Etwa 25.000 landwirtschaftliche Maschinisten, Bergarbeiter und Eisenbahner, die schon eingerückt waren, hatte man gleichfalls zu ihrer Arbeit zurückgeschickt. Mit Recht trachtete man deshalb, die sieben ältesten Jahrgänge so lange wie möglich in der Wirtschaft zu belassen; aber in der zweiten Hälfte des Jahres kam auch an sie die Reihe. Da vorauszusehen war, daß eine größere Zahl von ihnen den körperlichen Anforderungen des Frontdienstes weniger gewachsen sein werde, ging man gegen Ende des Jahres daran, den Kampftruppen eine neue Kraftquelle dadurch zu erschließen, daß man bei den Etappentruppen, dem Troß, und bei den anderen nicht zum Kampf bestimmten Abteilungen alle Volltauglichen durch Mindertaugliche ersetzte1).

Nun waren ja die gewaltigen Anstrengungen der Heimat gewiß nicht ohne Erfolg geblieben. Seit dem Frühjahr hatte die Führung wahrnehmen können, daß sich die Abgänge nunmehr mit dem jeweiligen Ersatz die Waage hielten, ja in guten Monaten niedriger blieben als dieser. Deutlich spiegelten die gebesserten Kampfstände (S. 86) diese Lage wieder. Insgesamt standen um die Wende 1915/16 an allen drei Kampffronten 2,700.000 öst.-ung. Krieger, eine Million mehr als ein Jahr zuvor, und in der Heimat gab es noch immer 1,736.000 Soldaten 2).

Allein, wie befriedigend diese Lage auch scheinen mochte, so durften sich die verantwortlichen Stellen doch keiner Täuschung darüber hingeben, wie schwer künftig der Ersatz der Menschenkräfte fallen würde. Wußten sie doch, daß an dem Tage, an dem die XVIII. Marschbataillone ihre Kaderstationen verließen, dort nur mehr 75.000 gesunde Männer Zurückbleiben würden. Noch durfte in absehbarer Zeit auf einen Teil der genesenen Verwundeten und Kranken gerechnet werden, auch waren etwa 600.000 Männer schon gemustert und harrten noch der Einberufung, aber damit waren die Reserven der Monarchie fast bis zur Neige ausgeschöpft.

Als die Heeresleitung Ende Oktober diese Lage überblickte, entschloß sie sich, den bisherigen Vorgang der Ersatzleistung insoweit zu ändern, daß sie die Marschbataillone vom Jänner 1916 an nur mehr in Zwischenräumen von sechs Wochen bereitstellen ließ. Auf diese Art konnten im Laufe eines Jahres drei Reihen von Ersätzen erspart werden. Bei den im Augenblick überaus günstigen Standesverhältnissen war eine solche Maßnahme ohne weiteres zulässig. Jedoch selbst sie schien, so weit man zu dieser Zeit urteilen konnte, den Menschenersatz nur knapp bis zum Herbst 1916 zu gewährleisten. Ernstlich mußte der Gedanke erwogen werden, auch die Siebzehnjährigen zu den Fahnen zu rufen.

x) Diese „Austauschaktion“ wirkte sich erst im Laufe des Jahres 1916 aus, machte dann aber immerhin bis zum Mai 1916 etwa 4600 Offiziere und 300.000 Mann für die Verwendung an der Front frei. Man durfte damit rechnen, daß in der Folge noch weitere 2000 Offiziere und 68.000 Mann dazukommen würden.

2) Blge. 4, Tabellen 3 und 4 geben ein Bild über die gesamte Menschenbewegung im Felde sowie zwischen Heimat und Heer im Jahre 1915.

Ausbau der Fußtruppen und Wandlungen bei der

Reiterei

Die so weitgehende Inanspruchnahme der Menschenreserven hatte indessen auch schon einen Ausbau der Streitkräfte gestattet, der über die bloße Erhaltung der Kampfkraft einigermaßen hinausreichte. Freilich, nach vorausbedachten Plänen war das — mit Ausnahme von der Artillerie — nicht vor sich gegangen; vielmehr hatte die Not des Augenblicks immer wieder zu Aushilfslösungen gedrängt, und die Neigung zu solchen ist in organisatorischer Hinsicht gewissermaßen kennzeichnen für das Jahr 1915.

Ein treffendes Bild davon gibt die Entwicklung der Fußtruppen1). Große Veränderungen in ihrem Aufbau und in ihrer Gliederung können bis zum Frühjahr 1916 nicht verzeichnet werden; aber es verriet doch eine fühlbare Kraftverstärkung — diese betrug beispielsweise anfangs Mai 1916 70 Bataillone —, daß gar manche Regimenter nicht alle Ersätze zum Ausfüllen der Lücken in ihren Reihen brauchten, sondern damit neue Bataillone zusammenstellten.

In der Not des Karpathenwinters sowie zur Aufrichtung der Südwestfront waren überdies zahlreiche eilig zusammengeraffte Marschformationen in den Kampf geworfen worden. Da sich dabei manche ganz vorzüglich bewährten, führten sie oft in bunt zusammengewürfelten, aber durch blutiges Erleben zusammengeschweißten Verbänden ihr selbständiges Dasein fort, das aufrechtzuerhalten sie mit dem Stolz einer wenn auch noch so jungen Tradition eifrig bemüht waren. So erfreulich solche Erscheinungen vermerkt werden konnten, mußte ihnen die Heeresleitung, die auf diese Art nur die Zahl der Ersätze fordernden Einheiten wachsen sah, dennoch bald enge Schranken setzen. Immerhin entstanden aus selbständigen Marschverbänden und aus anderen Notschöpfungen auch neue Truppenkörper, die dauernd in die Kriegsgliederung eingingen und im Frühjahr 1916 schon 60 Bataillone ausmachten.

Womöglich noch deutlicher tritt zu Tage, wie sehr die Kunst der Aushilfen immer wieder neue Kräfte hervorzuzaubern vermochte, wenn man die Entwicklung des Landsturmes, besonders die seiner im Kampf verwendeten Abteilungen betrachtet. Den 233 Landsturmbataillonen, die bei Kriegsbeginn mit den Feldarmeen auf die Walstatt geeilt waren, hatten sich noch im Herbst 1914 30 Landsturmmarschbataillone und nahezu

*) Vgl. Blge. 4, Tabelle 5.

200 Landsturmbataillone 2. Aufgebotes1) zugesellt, gar manche von ihnen bei der Armeegruppe Pflanzer-Baltin als Kampftruppen. Da gar nicht daran gedacht werden konnte, allen diesen Verbänden, denen der Karpathenwinter hart zusetzte, dauernd Ersätze zuzuführen, verfiel eine erhebliche Anzahl der Auflösung. Im Frühjahr 1915 gab es daher kaum 300 Landsturmbataillone, von denen etwa ein Drittel im Kampf, an die 80 im Sicherungsdienste an den Flußläufen der Balkanfront, der Rest in Festungen, in Etappenverwendungen und in den Donaubrückenköpfen standen. Schon aus dieser Zeit hatten sich jedoch einzelne bewährte Landsturmverbände als sehr wertvolle Bereicherung der Kriegsgliederung erhalten. So vor allem die deutsch-erbländische 1. LstlBrig., die sudeten-ländisch-westgalizische 106. LstlD. sowie einige kleinere Gruppen im Bereiche der 7. Armee. Auch eine große Zahl anderer Heereskörper hatte Landsturmtruppen in ihrem Verbände.

An die von einem neuen Feinde bedrohte Grenze im Südwesten eilten neuerlich zahlreiche Abteilungen des Landsturmes. Zusammen mit den schon erwähnten selbständigen Marschbataillonen und mit den Standschützenabteilungen, von denen noch die Rede sein wird, ergab sich hieraus in bedrängter Stunde ein ansehnliches Aufgebot von 13 Brigaden und 7 Halbbrigaden, zum Teil in 6 neue Divisionen zusammengefaßt. Die Mehrzahl dieser Einheiten, 10 Brigaden und 4 Halbbrigaden (4 Divisionen) hatte dauernden Bestand.

Als es dann zur Offensive gegen Serbien an aktiven Truppen fehlte, zeigte sich zum dritten Male, welch wertvolle Kräfte die öst.-ung. Armee in ihrem Landsturm besaß. In der Tat bildeten auf dem Balkankriegsschauplatze die im Flußsicherungsdienste und in den Festungen stehenden Landstürmer eine höchst erwünschte Reserve. Ihr tatkräftiger Führer, GdK. v. Tersztyánsky, zögerte nicht, sie in ebenso großzügiger wie kühnerWeise zu verwerten. Eine schon anfangs Juli 1915 aus Abteilungen der Savesicherung und aus einem der Festung Sarajevo entnommenen Bataillon formierte Gebirgsbrigade (19. Lst.) hatte noch im selben Monate an die Südwestfront abgegeben werden müssen. Nun aber setzte in den folgenden Wochen eine rege Organisationstätigkeit ein, als deren Ergebnis im September nahezu die gesamten Kräfte der Flußsicherungen und de^ Festungsbesatzungen, in 13 mobile Brigaden gegliedert, zum Vormarsch nach Serbien bereit standen. Die Heimat hatte eine weitere Brigade (die 205. LstlBrig.) schon im Juli für den gleichen Zweck aufgebracht.

*) Es waren 130 k. k. Landsturmterritorial- und 97 k. u. Landsturmetappenbataillone gebildet worden; 30 Bataillone verblieben in den Donaubrückenköpfen.

Die meisten dieser neuen, außerordentlich rasch gefestigten und bewährten Verbände hatten dann auch an der Eroberung von Montenegro hervorragenden Anteil. Ohne Übertreibung kann man von einer neuen Landsturmarmee sprechen, die da förmlich aus dem Boden gestampft wurde. Es war sicherlich in der erfreulichsten Weise überraschend, welch außergewöhnliche Leistungen diese nicht mehr in den jüngsten Mannesjahren stehenden Kämpfer gerade unter den beschwerlichsten Verhältnissen zu vollbringen wußten, wie sie die Gebirgsländer Serbien, Montenegro und der Südwestfront boten. Die mannigfachen Wandlungen in der Verwendung des unter den verschiedensten Bezeichnungen auftretenden Landsturmes machten es anfangs November 1915 nötig, seine Gliederung zu vereinfachen und die im Kampf stehenden Einheiten Landsturminfanteriebataillone zu benennen, zum Unterschiede von den andere Dienste versehenen Landsturmetappenbataillonen. Bei dieser Gelegenheit zeigte sich, daß von insgesamt 382 Bataillonen 210 als Kampftruppen in Verwendung standen x).

Nicht weniger wichtig erwies sich die mit Ausbruch des italienischen Krieges eintretende Vermehrung der Freiwilligenformationen. Die Tiroler ließen es sich nicht nehmen, ihren stolzen Überlieferungen zu folgen und — vom Jüngling bis zum Greise — an die bedrohte Grenze ihrer Heimat zu eilen. Es ist schon ausführlich dargelegt worden (Bd. II, S. 292), wie ihre Standschützenabteilungen2) eine feste Stütze der ausgedehnten Front in der Region des ewigen Schnees und Eises bildeten, und wie den Tirolern auch die Männer jener Alpenländer nacheiferten, in denen — wie in Kärnten, Oberösterreich und Salzburg — gesetzliche Grundlagen dafür noch nicht bestanden hatten. Allerdings durften alle diese neugeschaffenen Verbände aus Freiwilligen ebenso wie die schon früher aufgestellte, inzwischen verstärkte Polenlegion sowie die Abteilungen der Rumänen und Ruthenen nur insoweit als

x) Im Frühjahr 1916 gab es 201 Landsturminfanterie- und 192 Landsturmetappenbataillone. Außer den letztgenannten bestand zu dieser Zeit noch eine größere Zahl von inzwischen geschaffenen Wach- und Sicherungsformationen sowie Arbeiterabteilungen, die teils in der Etappe und in den besetzten Gebieten, teils in der Heimat Verwendung fanden. Nach durchgeführter Austauschaktion waren sie ausschließlich aus Mindertauglichen aller Jahrgänge zusammengesetzt. Eine Übersicht über diese Verbände, deren Zahl übrigens starken Schwankungen unterlag, zeigt Blge. 4, Tabelle 6.

2) Vgl. auch Pfersmann, Vom stillen Heldentum eines Volkes (in dem von Kerchnawe herausgegebenen III. Band der Sammlung „Im Felde unbesiegt“ [München 1923], 282 ff.); von demselben, Das Werden des Tiroler Standschützenkorps (Mil. wiss. Mitt., Wien, Jhrg. 1932, 257 ff., 449 ff.).

wirkliche Kraftverstärkung betrachtet werden, als sie Personen dem Heere zuführten, die nicht ohnehin der Dienstpflicht unterlagen. Sie vermehrten gleichwohl die Kriegsgliederung um 42 Bataillone und 48 Standschützenabteilungen.

An dem inneren Aufbau der Fußtruppen änderte sich nichts Wesentliches. Nur langsam schritt die schon längst als dringend erkannte Vermehrung der Maschinengewehre vorwärts. Wohl hob die einzige für deren Erzeugung in Betracht kommende Waffenfabrik in Steyr ihre Monatsleistung von 180 auf 320 und vermochte dadurch bis zur Wende 1915/16 schon 4084, bis Ende April 1916 weitere 1420 Maschinengewehre zu liefern9); mehr als 1500 beschädigte wurden überdies in den großen Werkstätten der Heimat wiederhergestellt. Aber der größte Teil dieser Waffen wurde lange Zeit beim Ersatz der Verluste sowie bei der Ausrüstung der Neuformationen und der Ersatzkörper aufgebraucht. Im Dezember 1915 hatten erst 251 Bataillone, Ende April 1916 immerhin schon 487 Bataillone eine zweite Maschinengewehrabteilung zu zwei Gewehren erhalten, wobei die italienische Front in erster Linie10) berücksichtigt worden war. Es sollte noch bis in die zweite Hälfte des Jahres

1916 dauern, bevor man überall so weit war. Die zwei Abteilungen waren übrigens schon im Jänner zu einer solchen mit 4 Gewehren verschmolzen.

Unterdessen fand mit Beginn 1916 auch ein neues Kampfmittel bei der Infanterie Eingang. Damit sie gut eingenistete und hinter Schutzschilden stehende Maschinengewehre mit eigenen Mitteln wirksamer bekämpfen konnte, war ein eigenes kleines Geschütz von 37 mm Kaliber geschaffen worden, das nun in Abteilungen zu zwei Stücken an die Front kam. Im Mai besaßen 158 Truppenkörper schon 168 Infanteriegeschützabteilungen. Verhältnismäßig geringen Aufschwung nahm hingegen bis zum Frühjahr 1916 das Minen werferwesen; zwar erhielt die Infanterie nach und nach schon einige 9 cm-Minenwerfer, und kamen auch solche größerer Kaliber an die Front1), aber im Vergleich zu den Massen dieser Waffen beim Feinde, besonders auf dem italienischen Kriegsschauplätze, fiel das alles kaum ins Gewicht.

Recht augenfällig wandelte sich die äußere Erscheinung des Kriegers. Die alte hechtgraue Uniform verschwand nicht so schnell vom Schlachtfelde, und je mehi' Marschbataillone mit dem neuen feldgrauen, einen Stich ins Grüne enthaltenden Kleide in den Kampftruppen aufgingen, desto bunter wurde ihr Aussehen. Auf dem Karst blieb übrigens da,s „Hechtgrau“ noch recht lange geschätzt. Rascher wich der schöne Kalbfelltornister dem viel billigeren und leichter in großen Massen herstellbaren Rucksacke. Trug dieser auch nicht dazu bei, den soldatischen Eindruck der Krieger zu erhöhen, so ließ sich in ihm doch viel mehr von den kleinen Notwendigkeiten unterbringen, die dem Manne bei der langen Dauer seiner Abwesenheit von der Heimat und von geordneten Lebensverhältnissen unentbehrlich wurden oder zu sein schienen. Solche Bedürfnisse waren es nicht zuletzt, die oft neben der unvermeidlichen Mehrbelastung durch Winterwäsche und Lagerdecken, durch Handgranaten und Werkzeug für den Stellungsbau das Gewicht beträchtlich steigerten, das der Infanterist auf seinen Schultern zu tragen hatte. Dabei ertönte, besonders von der unter Steinsplitterungen arg leidenden Karstfront, bereits der Ruf nach einem weiteren Ausrüstungsstücke, dem Stahlhelm, der in Zukunft einen neuen bestimmenden Zug in das Gepräge des Kriegers bringen sollte.

Inzwischen machte die unabwendbare organisatorische Angleichung der in ihrem äußeren Bilde ohnehin schon verwandelten Kavallerie (Bd. II, S. 18 f.) an die Fußtruppen bedeutende Fortschritte. Äußerst selten nur hatten die Reiter während des ganzen Jahres Gelegenheit gefunden, ihrer ursprünglichen Eigenart gemäß verwendet zu werden2). Besonders seit wieder der Schützengrabenkrieg aufgelebt war, kam fast nur mehr der Fußsoldat zur Geltung. Aber selbst wenn das Bedürfnis eingetreten wäre, die Reiterkräfte stärker auszubauen, so hätten sich solchen Wünschen schon sehr entscheidende Hindernisse in den Weg gestellt. Zu Beginn des Jahres 1915 hatte die Honvéd noch zwei Landsturmhusarenregimenter aufzustellen vermocht, allerdings auch dies zum größten Teil nur auf Kosten schon bestehender Landsturmhusarendivisionen. Schon längst hatte die Erhaltung der Reiterstände darunter

a) Diese wurden meist von Sappeuren bedient. Vgl. Blge. 4, Tabelle 10.

2) Vgl. C z e g k a, Die Wandlungen in der Verwendung und Organisation der Kavalleriedivisionen während des Weltkrieges. (Mil. wis3. Mitt. Wien, Jhrg. 1928, lff.) gelitten, daß es ebensosehr an zugerittenen Pferden gebrach, wie an der Möglichkeit, Reiter in genügender Zahl auszubilden. Die ursprünglich nur vorübergehend aus pferdelosen Reitern gebildeten Fußabteilungen waren daher mit der Zeit bis zu Bataillonsstärke angewachsen und machten als Schützenschwadronen und -divisionen schon einen bleibenden Bestandteil der Kavalleriedivisionen aus.

Als nun in den ersten Monaten des Jahres 1916, vor allem zur Bespannung neuer Batterien, ein großer Bedarf an Pferden eintrat, kam es zu entscheidenden Eingriffen in die Zusammensetzung der Reiterei. Im Februar beschränkte man die Kavallerieregimenter auf vier Schwadronen zu je 150 Reitern, mußte jedoch schon im April auf einen Stand von 120 Reitern herabgehen. Dafür sollten die Kavalleriedivisionen eine zweite, wenn nötig auch eine dritte Schützendivision auf stellen. Tatsächlich gab es im Mai 1916 schon 31 Schützendivisionen. Demnach hatte die Reiterei ihren großen Rahmen nur um den Preis eines bedeutenden Wandels in ihrem inneren Gefüge aufrechthalten können11). Die Kavalleriedivisionen und -brigaden, die noch im Dezember 1915 durchschnittlich zu zwei Dritteln aus Reitern bestanden hatten, mußten nun bereits mehr Feuergewehre als Reiter angeben, wenn sie ihre Standesmeldungen erstatteten. Schon seit dem Frühjahr 1915 waren zur Erhöhung ihrer Feuerkraft auch jene Reiterregimenter, die noch keine Maschinengewehre hatten, mit solchen ausgestattet worden. Anfangs Mai 1916 besaßen 49 Regimenter, mehr als doppelt so viele als zu Kriegsbeginn, je eine Kavallerie-Maschinengewehrabteilung zu vier Gewehren.

So hatte also die Wehrmacht der Monarchie, ungeachtet aller Hindernisse und trotz des gewaltigen Menschenverbrauches in einundzwanzig blutigen Kriegsmonaten, vor allem ihre Streitkräfte zu Fuß um mehr als 140 Bataillone zu verstärken vermocht12). Das drückte sich nicht zuletzt auch in der Zahl höherer Führungseinheiten aus: in 26 Korps und 1 Kavalleriekorps waren jetzt 69 Infanteriedivisionen, 20 Brigaden außer Divisionsverband, sowie 11 Kavalleriedivisionen und 3 Kavalleriebrigaden außer Divisionsverband zusammengefaßt. Im

Vergleich zum Kriegsbeginn bedeutete dies eine Vermehrung um 8 Korps mit 19 Infanteriebrigaden oder 28 Brigaden und 4 Kavalleriebrigaden1).

Der Ausbau der Artillerie

Den größten Ausbau erfuhr im Jahre 1915 die Artillerie. Anfangs hielt wohl die bittere Not noch an. Ja sie verschlimmerte sich sogar zum Teil. Das Geschützmaterial hatte arg gelitten. Besonders bei den Haubitzen M 99 häuften sich die Schäden so sehr, daß die Besorgnis aufstieg, das alte Kampfgerät könnte zusammenbrechen, bevor das neue in größerem Umfange fertig war. Gerade in dieser schweren Zeit mußte noch dazu die neue italienische Front mit verstärkten Artilleriekräften bedacht werden.

Es erforderte das Aufgebot aller Nervenkraft und der bewährten österreichischen Kunst im Improvisieren, um diese Krise zu überwinden. Zunächst mußten alte Kanonen aus dem Jahre 1875 die empfindlichsten Lücken füllen. Nach und nach wurden an siebzig solcher Batterien oder Züge, von Landsturmmännern bedient, eingestellt, und zwar vorwiegend an der Südwestfront. An ihrer Stelle traten Geschütze verschiedenster Art, die in Rußland und in Belgien erbeutet worden waren. Auch die Marine half aus, indem sie der Isonzofront einige Kanonen abgab. Vor allem aber war die Friedensreserve von 900 Geschützen, darunter 800 neue Kanonen noch nicht verbraucht. Im Sommer und Herbst wuchs daher zunächst vorübergehend die Zahl der Feldkanonenbatterien um 88 auf 357 Einheiten.

Auf ihnen und den anfänglich nur vereinzelt eintreffenden neuen Haubitzbatterien ruhte lange Zeit die Hauptlast des Artilleriekampfes. Aber während neben ihnen die Masse der veralteten Geschütze, so gut und so lang es eben ging, ihren letzten Dienst tat, erstanden in den unter Anspannung aller Kräfte arbeitenden Fabriken ihre modernen Nachfolger. Mit dem großzügigen Ausbauplane, den die Heeresleitung zu Beginn des Jahres aufgestellt hatte (Bd. II, S. 17 f.), war der Industrie die Richtung gewiesen worden. Es gelang zuerst den Skodawerken und dem Arsenal, dann später auch den Böhlerwerken, die Geschützerzeugung

x) Vgl. Blge. 4, Tabelle 8. Das Kavalleriekorps stellt ebenso wie drei von den vier Kavalleriebrigaden außer Divisionsverband lediglich eine veränderte taktische Zusammenfassung schon bestehender Einheiten dar. Eine wirkliche Vermehrung ist nur durch die Bildung einer ungarischen Landsturmhusarenbrigade eingetreten.

kräftig in Schwung zu bringen. Bis Ende 1915 wurden 1847 Geschütze aller Kaliber erzeugt; in der ersten Hälfte 1916 kamen weitere 1428 dazu. Zusammen mit dem ursprünglichen Friedensvorrat von 900 verfügte die Heeresleitung somit in dieser und in der nächsten Zeit über 4175 Geschütze aller Kaliber für Ersätze und für Neuaufstellungen.

Vor allem kam es — das bestätigten die Kämpfe des Jahres 1915 immer wieder aufs neue — darauf an, die Steilfeuergeschütze ausgiebig zu vermehren. Aber erst in der zweiten Hälfte des Jahres tauchten die so sehr ersehnten neuen leichten und schweren Haubitzen in größerer Zahl an der Front auf. Neue Gebirgskanonen und die weittragenden 10.4 cm-Kanonen folgten ihnen. Jetzt konnte man daran gehen, nicht nur die Abgänge zu ersetzen1), sondern auch alte Haubitzbatterien sowie überzählige Kanonenbatterien mit dem neuen 10 cm- und 15 cm-Haubitzgerät auszustatten. Um rascher möglichst viele neue Einheiten aufstellen zu können, rüstete man einzelne der grundsätzlich sechspiecig gedachten Feldbatterien mit nur vier Geschützen aus. In den ersten Monaten des Jahres 1916 traten die Umrisse der geplanten Neugliederung schon deutlich hervor: neugebildete 10 cm-Haubitzbatterien wurden zu Feldhaubitzregimentern, die schweren Feldhaubitz- und die 10.4 cm-Kanonenbatterien zu schweren Feldartillerieregimentern vereinigt. Schließlich sollte eine allgemeine Umnumerierung die Bezeichnung der Artillerietruppenkörper (Feldkanonenregimenter, Feldhaubitzregimenter und schwere Feldartillerieregimenter) mit den Nummern der zuständigen Infanteriedivisionen in Übereinstimmung bringen.

Für die Gebirgsartillerie hatte die Ergänzung auf volle 14 Regimenter zu sechs Kanonenbatterien mit neuem Material und zwei Haubitzbatterien als erstes Ausbauziel gegolten. Es war Ende 1915 nahezu ganz erfüllt. Aber schon viel früher, im März, hatte sich gezeigt, daß diese Vermehrung bei weitem nicht genügte, daher wurde beschlossen, die Gebirgsartillerie auf 36 Regimenter zu je sechs Gebirgskanonen- und 3 Gebirgshaubitzbatterien zu erhöhen. Auch damit war im Frühjahr 1916 schon der Anfang gemacht.

Alles in allem konnte um diese Zeit die schwerste Artillerienot wohl als überwunden gelten. Anfangs Mai waren bei der Feld- und Gebirgsartillerie 804 Batterien mit 4018 Geschützen vorhanden2). Das bedeutete eine Vermehrung seit Kriegsbeginn um 1408 Geschütze oder

x) Die gesamten Abgänge bis Ende 1915 betrugen — das unbrauchbar gewordene Material der alten Modelle eingerechnet — rund 1000 Geschütze.

2) Vgl. Blge. 4, Tabelle 9.

IV um 54 v. H. Nicht weniger wichtig war es, daß damit zugleich auch das Artilleriegerät entscheidend erneuert worden war. Ein gutes Drittel

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— und wenn man die durchaus modernen Feldkanonen dazurechnet, sogar zwei Drittel — des gesamten Materials bestand jetzt aus neuen Geschützen modernster Art. Im Durchschnitt kamen nun 52 Rohre auf jede Division, vier auf jedes Kampfbataillon. Wenn diese Zahlen auch noch empfindlich hinter dem angestrebten Ziele zurückblieben13), so stellten sie doch einen gewaltigen Fortschritt gegenüber dem Kriegsbeginn dar, zu dem der Durchschnitt 42 Geschütze bei der Division, 2.8 für das Bataillon betragen hatte, und es wurde sicherlich schon als Erleichterung empfunden, daß dabei die Zahl der Haubitzen von 24 auf 37 unter 100 Geschützen gestiegen war.

Da der Feldkrieg in überwiegendem Maße zum Kampf um befestigte Stellungen wurde, gewann — in Ermangelung einer eigentlichen schweren Artillerie des Feldheeres — die Festungsartillerie besondere Bedeutung. Auch die von ihr bedienten mobilen Batterien hatten eine ansehnliche Vermehrung von 76 auf 123 (von 280 auf 420 Geschütze) erfahren14), wobei die mit Recht zu einer vielbegehrten Waffe gewordenen 30.5 cm-Mörser, deren es nun 21 Batterien gab, eine wichtige Rolle spielten.

So war denn die Artillerieausrüstung bedeutend verbessert, es war mitten im Kriege eine organisatorische und industrielle Leistung vollbracht worden und noch im Zuge, wie sie in solchem Umfange in Österreich-Ungarn wohl ohne Vorbild war. Die oberste Führung stand von nun an nicht mehr unter dem lähmenden Drucke, sich den Feinden artilleristisch unterlegen zu wissen, was in der Folge auch auf ihre Entschlußfreiheit zurückwirkte. Unternehmungen, wie der Angriff auf Montenegro im Jänner und die Offensive gegen Italien im Mai 1916 wären noch wenige Monate zuvor wegen Mangels an Artillerie wenig aussichtsreich gewesen.

Ein ganz hervorragender Anteil an diesem Erfolge mußte der heimischen Industrie zugeschrieben werden. Die Leistung war ihr um so höher anzurechnen, als sich dabei schon frühzeitig ein neues Übel hemmend in den Weg stellte: die Knappheit an Rohstoffen. Schon anfangs 1915 hatte der Mangel an Kupfer, Nickel und Blei die Errichtung einer „Metallzentrale“ erfordert, der ersten einer Reihe ähnlicher Schöpfungen, die in der Folge notwendig werden sollten. Da die Vorräte an den genannten Metallen im Lande bald erschöpft waren, und die immer wirksamer werdende Blokadę Bezüge aus dem Auslande verhinderte, schritt man daran, Kupferdächer und Kirchenglocken einzuschmelzen; die verschiedensten Betriebsgeräte aus Gewerbe und Landwirtschaft, ja selbst aus den Küchen des bürgerlichen Haushaltes sollten den gleichen Weg gehen. Nur schwer entschloß sich die Heeresleitung um die Mitte des Jahres 1915, das Bronzerohr — den Hauptverbraucher des wertvollen Kupfers — aufzugeben und ent-gültig und allgemein zum Stahlrohr überzugehen. Dabei spielte aber wieder das Nickel eine sehr wichtige Rolle, an dem es gleichfalls fehlte. Man zog die alten, noch nach soliden Friedensgrundsätzen erzeugten Kessel der Fahrküchen und Kochkisten ein und gewann aus ihnen 500 Tonnen Nickel. Mannigfache Geräte der Privatwirtschaft folgten ihnen. Noch sträubte man sich aus psychologischen Gründen, die Nickelmünzen einzuziehen, aus denen 1900 Tonnen Nickel zu gewinnen waren. Um Blei zu ersparen, wurden die Schrapnells mit Kugeln aus Eisen gefüllt.

Aber so störend alle diese Schwierigkeiten mit den „Sparmetallen“, wie sie nun hießen, auch wirkten, so konnten sie durch fortgesetzte Aushilfen, später auch durch Ausnützung von Rohstoffvorkommen in den besetzten Gebieten noch verhältnismäßig leicht überwunden werden. Zu einer wahrhaft ernsten Gefahr wurde hingegen lange Zeit hindurch der Mangel an den zur Erzeugung von Pulver und Sprengstoffen erforderlichen chemischen Grundstoffen. So lange nicht die für ihre Erzeugung notwendigen, gänzlich unzureichenden industriellen Anlagen der Monarchie durch Erweiterungen und Neubauten ausgestaltet waren,

— was im großen das erste Halbjahr 1915 beanspruchte — konnte den daraus entstehenden Nöten nur durch ein kompliziertes System von Aushilfen sowie durch meist viel zu geringe Lieferungen aus Deutschland begegnet werden. Zeitweise war es nötig gewesen, die Erzeugung der schwersten Geschosse und der Infanteriemunition stark einzuschränken, um wenigstens den Schießbedarf für die leichten und mittleren Geschütze fertigstellen zu können.

Hemmungen anderer Art kamen dazu. So stieg die Produktionsziffer der Granaten erst, als auch ihre Erzeugung aus Gußeisen zugelassen und dadurch die Zahl der hiefür in Betracht kommenden Betriebe vergrößert wurde. Aber die nur wenig leistungsfähigen Unternehmungen befriedigten dann auch wieder nicht. Unter allen diesen Umständen ist es nicht zu verwundern, daß die Bemühungen, gleichzeitig mit dem Ausbau der Artillerie auch mehr Munition für sie zu erzeugen, nur mühsam erkämpfte Erfolge brachten, und daß die schon geschilderte Munitionsnot (Bd. II, S. 18) noch lange anhielt. Der beengende Zwang, oft mehr mit Munition sparen zu müssen, als für die Unterstützung der hart kämpfenden Infanterie gut war, schwand das ganze Jahr 1915 hindurch nicht. Noch im Juli mußte z. B. bei der 7. Armee der Angriff einer größeren Kampfgruppe eingestellt werden, weil es an Geschossen fehlte.

Freilich, im Vergleich zu der katastrophalen Lage um die Jahreswende 1914/15 hatte sich vieles gebessert. Von den militärischen Stellen unablässig angeeifert, steigerte die Industrie ihre Produktion sichtlich von Woche zu Woche. Erzeugte sie zu Anfang des Krieges in jeder Woche noch etwa 55.000, im Dezember 1914 schon über 100.000 Artilleriegeschosse, so vermochte sie jetzt bald durchschnittlich 200.000 bis

250.000, eine Zeitlang sogar 300.000 Geschosse wöchentlich zu liefern. Das war eine gewaltige, höchst anerkennenswerte Leistung, entsprach aber trotz allem nicht dem Bedarf. Hoben doch die Forderungen der Südwestfront die kaum gewonnene Erleichterung alsbald wieder auf. Überdies mußten ja auch erst beträchtliche Munitionsmengen für die neuen Geschütztypen angesammelt werden, bevor man diese in die Front stellen konnte. Daß dabei auch die Zahl der Geschoßgattungen wuchs, wurde zu einer weiteren Schwierigkeit, die auch sonst nicht wenig zu schaffen machte. Erforderte doch beispielsweise die Tiroler Front Vorsorge für nicht weniger als 45 Geschoßgattungen. Insgesamt waren an die 100 verschiedenen Munitionssorten zu erzeugen.

So mußte man sich denn zufrieden geben, wenn seit der zweiten Hälfte 1915 für jedes Gewehr etwa 200, für jedes Feld- und Gebirgs-geschütz 200 bis 300 Schuß im Bereiche der Armeen vorhanden waren, und die Heeresleitung noch über eine kleine Reserve verfügte. Im Norden erlaubten übrigens die winterliche Kampfruhe und der Sparsinn der Truppe, diesen Stand bis zum Frühjahr 1916 noch erheblich zu verbessern; auch kennzeichnete es die zunehmende Besserung der Lage, daß man beispielsweise die in Tirol stehende 11. Armee zur beabsichtigten Offensive für jede Feldkanone mit 2160, für die Feldhaubitzen und die 15 cm-Haubitzen mit rund 600 und die Gebirgsgeschütze mit 1000 bis 1400 Schuß auszustatten vermochte.

Ausgestaltung und Tätigkeit der Hilfswaffen und der

Heeresanstalten1)

Gemessen an dem Aufschwung der Artillerie, blieb die Entwicklung der anderen noch nicht besprochenen Waffen und Truppen nur in geringen Grenzen. Gewiß war die jüngste Waffe, das Flugzeug, längst schon zu einem unentbehrlichen Instrumente der Führung geworden. Nicht nur im Bewegungskrieg an der russischen Front, wo es galt, tief hinter die Schlachtlinien des Feindes zu schauen, sondern vor allem auch in der taktischen Aufklärung an Fronten, die im Stellungskampfe festgeklammert lagen, hatte es außerordentliche Bedeutung erlangt2). Dabei gewann die Erkundung durch das Lichtbild, zu dessen einfachen Formen auch schon der „Reihenbildner“ getreten war, zusehends an Wichtigkeit. Auch die Artillerie bediente sich beim Einschießen immer häufiger des Fliegers als Beobachter.

In der Luft war es allmählich bewegter geworden. Die Feinde hatten ihre Luftkräfte sichtlich vermehrt; schon waren die Flieger mit Maschinengewehren versehen und warfen da oder dort Bomben auf Bahnhöfe und sonstige Anlagen hinter der Front ab. Was bei Ausbruch des Krieges noch wenig über dürftige Anfänge hinaus war, drängte nun überall stürmisch nach Vermehrung und Ausbau. Im Juli 1915 wurde die Stelle eines „Kommandanten der Luftfahrtruppen“ geschaffen und dem Obersten Uzelac übertragen. Er sollte über die Feldformationen im Wege von „Stabsoffizieren der Fliegertruppe“, denen alle auf einem Kriegsschauplätze befindlichen Fliegerkompagnien unterstanden (mehrere von diesen gegebenenfalls zu „Fliegergruppen“ zusammengefaßt) verfügen, gleichzeitig aber in allen Fragen, die Neuanschaffungen betrafen, an das Kriegsministerium gewiesen sein.

Allerdings setzte beim Flugwesen mehr noch als auf anderen Gebieten die Leistungsfähigkeit der Rüstwerkstätten dem organisatorischen Wollen eine Grenze. Anfänglich fast ganz auf Aushilfe aus Deutschland angewiesen, setzte die Monarchie bis Ende 1915 schon sieben Flugzeug-und sechs Motorenfabriken in Betrieb; sie erzeugten bis dahin jedoch nur 408 Flugzeuge und 512 Motoren3), wenig mehr, als zum Ersatz der Abgänge sowie für die Schulung von Flugzeugführern und Beobach-

x) Siehe hiezu auch Blge. 4, Tabelle 10.

2)    Vgl. B a u r, Wir Flieger (Wien 1928).

3)    M a d a r á s z, Die k. u. k. Luftfahrtruppen im Weltkriege (Mil. wiss. Mitt., Wien, Jhrg. 1928, Sonderheft Luftflotten, 552ff.).

teni nötig war. Zu den 15 Fliegerkompagnien, die im August 1914 bestanden hatten, kamen daher vorerst bei Eintritt Italiens in den Krieg nur noch drei von ungefähr zusammengestellte Kompagnien dazu. Erst das Jahr 1916 sollte auch hier einen kräftigeren Aufschwung bringen. Anfangs Mai gab es 25 Fliegerkompagnien, zwölf auf dem nördlichen, ebensoviele auf dem südwestlichen Kriegsschauplätze und eine in Castel-nuovo; eine weitere Vermehrung stand in kurzer Frist zu erwarten.

Um die zunehmende feindliche Fliegertätigkeit von der Erde aus bekämpfen zu können, hatten sich manche Frontteile schon seit dem Frühjahr 1915 mit Improvisationen aus Feldkanonen beholfen; die Versuche, für diesen Zweck ein eigenes Geschütz zu schaffen, brachten jedoch noch lange kein annähernd befriedigendes Ergebnis. Tatsächlich kamen bis Mai 1916 nur 7 Luftfahrzeugabwehrbatterien und 23 -züge an die Front.

Nur unwesentlich hatte sich das Ballonwesen entwickelt. Den zwölf Festungsballonabteilungen von 1914 hatten sich lediglich drei in den ersten Kriegsmonaten aufgestellte Feldballonabteilungen zugesellt. Da aber diese wie jene außerhalb der Festungen bei den Armeen Verwendung fanden, wurden im Jänner 1916 alle einheitlich in Feldballonabteilungen umbenannt. Auch ihre Zahl sollte erst im Laufe dieses Jahres vergrößert werden.

Ein überaus reiches Betätigungsfeld fanden die technischen Truppen. In den schwierigsten Phasen des Angriffes standen die Sappeure inmitten der vordersten Infanterie, wo sie gemeinsam mit ihr die feindlichen Drahthindernisse zu zerstören hatten. Sie bedienten auch alle neuen besonderen Kampfmittel, wie Minenwerfer, Granatwerfer, Landtorpedos und Flammenwerfer und wirkten damit gleichfalls als unmittelbare Kämpfer. Schließlich leiteten und beaufsichtigten sie die schier unermeßlichen Arbeiten beim Bau und bei der Instandhaltung von Wegen und Brücken, von Unterkünften und Stellungen. Die letztangeführte Aufgabe trat besonders im Südwesten hervor, wo der Stellungsbau im Karst und Fels unendliche Mühe bereitete und nur durch die Anwendung von pneumatischen Bohrmaschinen entscheidend gefördert werden konnte1). Der ungemein bedeutungsvollen technischen Arbeiten zur Wasserversorgung auf dem Karste ist schon an anderer Stelle gedacht worden. (Bd. III, S. 360.) Ein neuer Wirkungskreis erschloß sich den Sappeuren dadurch, daß die elektrische Kraft für Zwecke des Krieges Verwertung fand. So hatten besondere Abteilungen elektrischen Strom zum Betriebe von

1) Im Frühjahr 1916 gab es 14 mobile Gesteinsbohrzüge.

Wasserpumpen, für die Zufuhr von Luft in tiefgelegene Unterkünfte sowie zur Beleuchtung zu erzeugen. Geringere Bedeutung erlangten die sogenannten Hochspannungshindernisse, mit Starkstrom geladene Drahtverhaue, die zuerst im Südwesten (Bd. III, S. 354), und im Winter 1915/16 auch an einzelnen Stellen der russischen Front eingerichtet wurden.

Obwohl man die Zahl der Sappeurkompagnien — vornehmlich durch Heranziehen bewährter Landsturmsappeurabteilungen — auf 100 Kompagnien vermehrte, reichten sie doch für die mannigfaltigen Arbeiten bei weitem nicht aus. Die Hilfe zahlreicher Bau- und Arbeiterabteilungen, darunter auch solcher, die man aus Kriegsgefangenen bildete, kam ihnen daher sehr zustatten.

Nicht so günstig stand es mit den Pionieren. Gab es für sie schon beim Vormarsch in Rußland eine Fülle von Arbeit, so erwiesen sie aufs neue ihren altbewährten Heldenmut wie ihr fachliches Können, als es galt, im Sommer die Weichsel bei Iwangorod, im Herbst die Donau vor Belgrad zu bezwingen. Bei keiner Truppe war aber die Sorge um den Ersatz der Menschenverluste so brennend, wie bei den Pionieren. Der Wasserdienst erfordert lange Schulung, eine viel längere, als die drängenden Ersatzforderungen oft zuließen. War demnach an einen Ausbau der Pioniertruppe nicht zu denken — es gab im Frühjahr 1916 sogar um fünf Pionierkompagnien weniger als zu Kriegsbeginn —, so erwies es sich bis weit ins zweite Kriegsjahr als unschätzbarer Vorteil, daß Sappeure und Pioniere erst kurz vor dem Kriege organisatorisch getrennt worden waren und daher, wenn es sein mußte, gleichartig verwendet werden konnten. Aber der Leute aus dieser Zeit wurden immer weniger, die Scheidung der Techniker zu Wasser und zu Lande immer augenfälliger.

Die Einrichtungen, die dem Nachrichtenverkehr dienten, waren von Haus aus so beschaffen gewesen, daß sie höchstens in dem Maße des Ausbaues bedurften, als neugeschaffene höhere Befehlsstellen und die ausgedehnten Landstriche, die die Armeen hinter sich brachten, mit Verbindungsmitteln ausgestattet werden mußten. Daß das freilich nicht wenig war, geht schon aus einer erheblichen Zunahme der Zahl von Telegraphen-, Telephonabteilungen und Feldradiostationen hervor. Wesentliche Neuerungen waren jedoch nicht zu verzeichnen. Nach wie vor dienten die Einrichtungen für drahtlose Telegraphie weniger dem eigenen Nachrichten verkehr, als dem Abhorchen des feindlichen; nur zur Verständigung zwischen dem Flieger und seinen Auftraggebern, namentlich der Artillerie, kam das Funkgerät auch aktiv mehr in Gebrauch. Die höchsten Befehlsstellen nahmen mit um so größerer Vorliebe den Fernschreiber in Anspruch, als er auch das bald beliebt gewordene „Hughesgespräch“ ermöglichte, das nicht nur vom Feinde nicht abgehorcht werden konnte, sondern überdies den Sachverhalt und die darüber gepflogene Aussprache gewissermaßen dokumentarisch festhielt. Hingegen blieb für die mittlere Führung der Fernsprecher dauernd das herrschende Mittel zur Übermittlung von Befehlen und Meldungen. Zu ruhigen Zeiten des Stellungskrieges gewöhnte sich auch die Truppe daran, den Fernsprecher bis in die vordersten Gräben ausgiebig zu benützen. Da Freund und Feind bereits ein gut entwickeltes Verfahren kannten, Telephongespräche mitzuhören, lag darin manche Gefahr, der man durch ein weitverzweigtes System von Decknamen, allerdings nur unvollkommen, entgegenzuwirken suchte.

Schon bei der Schilderung der Operationen konnte wiederholt die wahrhaft ausschlaggebende Rolle angedeutet werden, die in wachsendem Maße wieder den Bahnen zufiel1). Das zeigte sich am sinnfälligsten bei den Truppenbewegungen. Vielleicht noch größere Anforderungen an die Verkehrsmittel der Donaumonarchie stellten die zur Erhaltung der Kampfkraft erforderlichen regelmäßigen Zuschübe. Bloß zum Ersatz der Menschenkräfte rollten im Jahre 1915 schätzungsweise an die

100.000 Waggons an die Front; die Zufuhr von Verpflegung forderte annähernd die gleiche Menge von Wagen, jene von Kriegsgerät aller Art sogar noch viel mehr. Dazu kam eine kaum geringere Bewegung innerhalb der Armeebereiche, dann aber auch in der Heimat, wo nicht nur Ersatzkörper zu verlegen, Verwundete und Kriegsgefangene Waffen und Kriegsrüstung im ganzen Lande zu verteilen waren, sondern ganz besonders auch der Förderbedarf der Kriegswirtschaft zusehends anschwoll. Man gewinnt eine Vorstellung von der Größe der in dieser Beziehung vollbrachten Arbeit, wenn man ermißt, daß im Jahre 1915 lediglich von der Transportleitung der Heimat 111.526 Transporte in Bewegung gesetzt wurden, die neben der Menge nach nicht mehr feststellbarem Kriegsgerät 66.408 Offiziere, 8,068.405 Mann, 466.907 Pferde und 49.461 Fuhrwerke beförderten. Dabei ist selbst dieses eindrucksvolle Bild noch unvollständig, da darin zahlreiche Transporte von Truppen und Heeresgütern nicht enthalten sind, die nur inner-

x) Vgl. hiezu Ratzenhofer, Eisenbahn- und Schiffahrtswesen (in Verkehrswesen im Kriege [Carnegiestiftung], Wien 1931, 149ff.); von demselben, die Aufsätze in den Mil. wiss. Mitt., Jhrg. 1927, 301 ff., 433ff., 692ff.; Jhrg. 1928, 56ff., 149ff.; Jhrg. 1930, 231 ff., 594ff.; Jhrg. 1931, 1031 ff.

halb der Bereiche der Armeen und in den von den Verbündeten besetzten Gebieten liefen.

Die Voraussetzungen für solche Leistungen waren keineswegs überall gegeben. Auf ihrem Siegesmarsche nach Brest-Litowsk fanden die Verbündeten das Bahnnetz von den Russen allenthalben gründlich zerstört vor. Den öst.-ung. Truppen fielen mehr als 6000 Kilometer Bahnstrecke zur Wiederherstellung zu, auf denen viele Hunderte von Anlagen schwer beschädigt waren1); ungezählte Unterbrechungen des Oberbaues, sowie die Notwendigkeit, 2500 Kilometer breitspuriger Geleise auf Normalspur umzunageln, verursachten viel zeitraubende Arbeit.

Noch größere Schwierigkeiten erwuchsen den Heeren der Mittelmächte daraus, daß in den Räumen, die sie zu durchschreiten hatten, auf russischem Boden vom Frieden her ein nur sehr unzulängliches Vollbahnnetz bestand. Mit Absicht hatte das Zarenreich von Granica bis Brody nirgends an das österreichische Bahnnetz angeschlossen und dadurch eine 450 Kilometer lange und 100 Kilometer tiefe Zone ohne jede Bahnverbindung bestehen lassen. Wohl hatten die Russen dann zur Zeit der Besetzung Galiziens Kriegsbahnen von Władimir-Wołyński nach Sokal, von Lublin nach Rozwadów vorgetrieben und eine Verbindung von Ostrowiec nach Nadbrzesie begonnen. Aber bis diese nur flüchtig ausgeführten und dann wieder gründlich zerstörten Neubauten uns zu gute kommen konnten, sollte noch kostbare Zeit verstreichen. Da auch auf den anderen Strecken die Kopfstationen nur langsam den Armeen folgten, hatte sich schon beim Vormarsch auf Brest-Litowsk manches Hemmnis eingestellt2). Als die Heere der Verbündeten dann, den bahnarmen Raum im Rücken, ihre Dauerstellungen bezogen, wuchsen die Schwierigkeiten des Nachschubes, der nun auf wenige, weitab gelegene Bahnstationen basiert und — auf polnischem Boden — über Strecken geführt werden mußte, auf denen der Betrieb noch lange mit schweren Hindernissen rang. So diente für die Zufuhr nach Kowel, dem Bahnknoten zur Versorgung der 4. Armee, die Linie, die über Iwangorod

*) Allein auf den 1240 Kilometern des Bahnnetzes der Staatsbahndirektion Lemberg waren es 291 Objekte. Die Zerstörung war so gründlich, daß bis Ende Juni 1917 erst 192 dieser Objekte wieder gänzlich hergestellt werden konnten.

2) Vgl. Bd. II, S. 621 f. Besondere Schwierigkeiten erwuchsen dem Nachschubdienste. Es gab Zeiten, wo öst.-ung. Truppen bis zu 150 km Luftlinie von ihren Bahnendpunkten entfernt waren. Ende August hatte z. B. das nördlich von Brest-Litowsk kämpfende k. u. k. XII. Korps seine nächste Fassungsstelle bei Iwangorod, westlich der Weichsel.

heranführte. Hier aber unterbrachen Hochwasser und Eisstöße zweimal, darunter einmal viereinhalb Monate lang, die notdürftig wiederhergestellte Brücke; man mußte hemmungsreiche Umwege über die neugebauten Russenbahnen wählen, die überdies erst allmählich zu stärkeren Leistungen befähigt wurden. Es fehlte auch nicht an Reibungen anderer Art. Fröste verminderten die Leistungsfähigkeit der Lokomotiven; im Dezember wurden binnen wenigen Tagen 30 Maschinen undienstbar. Schneeverwehungen, unzulängliche Stationseinrichtungen, Personalmangel führten in dieser Zeit zu derart ungünstigen Förderleistungen, daß die 4. Armee in eine schlimme Verpflegskrise geriet.

Die schwersten Bedenken verursachte es jedoch, daß unter den herrschenden Umständen ein rasches Heranbringen von Verstärkungen unmöglich, eine Verschiebung von Kräften nur auf zeitraubenden Umwegen durchführbar war und daher gegebenenfalls jeder Versuch, ernsten russischen Angriffen durch größere Truppenverschiebungen zu begegnen, an den Verkehrsverhältnissen hätte scheitern müssen.

Diese wahrhaft kritische Lage wurde nun bis zum Frühjahr 1916 durch eine Reihe von großzügigen Arbeiten in einer Weise überwunden, daß man ohne Übertreibung von einem „Aufbau des Rückgrates der Ostfront“1) sprechen kann. Man erhöhte auf einer Länge von 1500 Kilometern die Leistungsfähigkeit der wichtigsten Linien, darunter besonders auch jene der drei östlichsten Karpathenbahnen, stellte 234 Kilometer russischer Kriegsneubauten wieder her und richtete 14 neue Rangier-und Absteilanlagen ein. Größte Bedeutung gewann jedoch der Bau einer neuen 130 km langen Vollbahn von Bełżec nach Rejowiec, die in harter, winterlicher Arbeit binnen acht Monaten fertiggestellt und schon im April 1916 mit einer Leistungsfähigkeit von 30 Hundertachsern in Betrieb genommen werden konnte. Zur Erleichterung des Nachschubes wurden rund 1000 Kilometer verschiedener Feld- und Rollbahnen von den Endpunkten des Vollbahn Verkehrs in den Truppenbereich vorgetrieben. Ungemein wertvoll für die Versorgung des äußersten Südflügels der Front war schließlich eine Benzinelektrobahn, die, schon seit dem Februar 1915 vollendet, von Borgoprund über den Magurapaß nach Dorna Watra führte und, in ihrer Art sehr leistungsfähig, Siebenbürgen mit der Bukowina verband. Sie wurde überdies durch eine Schmalspurbahn von Borsa über den Prisloppaß nach Jakobeny unterstützt.

Weitaus geringer waren die Arbeiten, die die stabile Front im Süd*) Vgl. Ratzenhofer, Das Rückgrat der Dauerfront im Osten (Mil. wiss. Mitt., Wien, Jhrg. 1932, 974).

westen erforderte. Außer — allerdings sehr umfangreichen — Verbesserungen von Stationseinrichtungen im ganzen Kriegsgebiete ist vor allem der Bau der Gailtalbahn, der Ausbau des zweiten Geleises auf den Strek-ken Salzburg—Wörgl und Branzoll—Calliano, sowie die Benzinelektro-bahn Duttoule—Kostanjevica hervorzuheben. Außerordentlichen Umfang nahmen jedoch hier die Seilbahnen an, ohne die es auf die Dauer kaum möglich gewesen wäre, die Truppen in den Hochgebirgsabschnitten zu versorgen1).

Auf dem Balkankriegsschauplatze machte neben der Wiederherstellung zerstörter Anlagen vor allem der Bahnanschluß an das Heimatnetz wegen der Übergänge über Save und Donau viel zu schaffen. Sehr bald stellten Trajekte bei Semendria und bei Belgrad die Verbindung mit dem serbischen Netze her. Ende Dezember 1915 war die 380 Meter lange Savebrücke bei Belgrad mit Kohn- und Roth-Wagnermaterial fertiggestellt2). Um dieselbe Zeit konnte auch schon eine neu gebaute Vollbahn von Batajnica nach Boljevci in Betrieb genommen werden, die zuerst mit Überschiffungen und einer Straßenbrücke, später durch ein Schmalspurtrajekt an die serbische Linie Zabrež—Valjevo anschloß. Da die Hauptstrecke Belgrad—Nis—Skoplje—Veles samt dem Flügel Semendria—Vk. Plana unter der Leitung der deutschen Militär-Eisenbahndirektion 7 stand3), konzentrierten sich die öst.-ung. Bahninteressen vornehmlich auf die miteinander nicht zusammenhängenden Schmalspurstrecken des Landes, zu deren Betrieb das Heeresbahnkommando Süd errichtet wurde. Das Bestreben, diese Strecken miteinander zu verbinden, verursachte in der Folge noch viel Arbeit und führte erst sehr spät zu teilweisem Erfolg.

Der sonst noch zur Versorgung der Truppen mit Verpflegung, Munition und Kriegsmaterial aller Art aufgebotene Apparat erwies sich in der Regel auch den größten Anforderungen gewachsen. Schon lange hatte man darauf verzichten müssen, das Heer vornehmlich aus den Vorräten derjenigen Länder zu erhalten, in denen es operierte. Statt dessen war eher noch für die Ernährung der meist in größter Armut lebenden Landesbewohner vorzusorgen gewesen. Es war schon viel gewonnen, wenn es trotzdem dann und wann gelang, die ohnehin schon auf Brotkarten gesetzte Heimat wenigstens teilweise zu entlasten. Tatsächlich

*) Vgl. Brunner und Prohaska, Die Seilbahnen und ihre Verwendung im Kriege (Mil. wiss. Mitt., Wien, Jhrg. 1932, 104 ff.).

2)    Vgl. Ehrenbuch der Feldeisenbahner (Berlin 1930), 304 und 335.

3)    Die Strecke Belgrad—Vk. Plana wurde jedoch unter deutscher Leitung von öst.-ung. Personal betrieben.

waren Verpflegskrisen wie jene bei der 4. Armee im Dezember 1915 seltene Ausnahmen. Und selbst in diesem Falle litt weniger die Ernährung der Kämpfer als die der Pferde. Die Tiere kamen dann bald bedenklich von Kräften; viele gingen zugrunde. War das vorläufig noch eine nach Ort und Zeit begrenzte Erscheinung, so bot sie doch Anlaß zu berechtigter Besorgnis. Denn viele Pferde waren schon den Strapazen der Einleitungskämpfe im Herbst 1914 sowie besonders des Karpathenwinters zum Opfer gefallen. Bis zur Jahreswende 1915/16 betrug der Abgang etwa 320.000 Pferde. Während der Bedarf der Heeresverwaltung ständig wuchs, nahm die Gesamtzahl der in der Monarchie vorhandenen Pferde sichtlich ab1). Um so entschiedener mußte man sich dem Ausbau des Kraftfahrwesens zuwenden. Schon war aus der unbedeutenden Improvisation von 58 Autotrainkolonnen der ersten Kriegszeit eine neue „Autotruppe“ geworden, die anfangs Mai 1916, abgesehen von zahlreichen Spezial- und Personenfahrzeugen, 227 Autokolonnen umfaßte.

Der Sanitätsdienst hatte durch umsichtige Maßnahmen nicht nur die große Choleragefahr im Winter 1914/15 völlig überwunden, sondern auch die Wiederkehr solcher Schrecken zu verhindern gewußt2). Daß trotz aller Vorbeugungsmittel, unter denen die Impfungen gegen Cholera und Typhus die erste Stelle einnahmen, Erkrankungen an Typhus und Ruhr nicht ausblieben, manchmal selbst größeren Umfang annehmen konnten, war bei den wechselvollen klimatischen Verhältnissen, unter denen sich das Leben der Kämpfer abspielte, nicht zu vermeiden. Leider fehlte es noch an Anstalten, um die Läuseplage zu bekämpfen, die besonders den Typhus zu verbreiten half. Kriegsseuchen größeren Umfanges konnten jedoch dauernd abgewehrt werden.

In großzügiger Weise waren die Einrichtungen für die Aufnahme der Verwundeten und Kranken sowie für ihren Abtransport in die Heimat ausgestaltet und verbessert, die Spitäler im Armeebereiche vermehrt,

Nach einem im Kriegsarchiv erliegenden Manuskript des Staatsarchivars Major a. D. Dr. S t ö 1 1 e r, Österreich-Ungarns Pferdeverbrauch im Weltkriege, betrug der Stand an Pferden in militärischer Verwendung in Feld und Heimat bei Kriegsbeginn 704.000, Ende 1915 944.000. Eine Pferdezählung im Jahre 1915 ergab, daß die Zahl der Pferde in der Monarchie von 3,900.000 vor dem Kriege auf 2,100.000 zurückgegangen war. Wenn diese große Differenz auch zum Teil darin ihre Erklärung findet, daß sich pferdereiche Gebiete zur Zeit der Zählung in Feindesgewalt befanden und daher nicht erfaßt werden konnten, so war doch der Rückgang des gesamten Pferdebestandes unverkennbar.

2) Im August 1915 waren in Ostgalizien bei den IR. 27 und 42 vereinzelte Cholerafälle aufgetreten; die Ausbreitung der Seuche konnte jedoch hintangehalten werden.

zahlreiche Krankenzüge eingerichtet worden, Anstalten, an denen sich nach wie vor das Rote Kreuz, der Deutsche Ritterorden und der MalteserRitterorden auf das verdienstvollste beteiligten.

Die Militärverwaltung in den besetzten Gebieten

ln Polen

Organisatorische Aufgaben ganz besonderer Art ergaben sich für die verbündeten Heere, sobald der in Feindesland vorgetragene Bewegungskrieg fremden Boden in größerem Umfange unter ihre Herrschaft brachte und die anfänglich nur von den Etappenbehörden ausgeübte staatliche Verwaltungstätigkeit auf breiterer Grundlage eingerichtet werden mußte. Bei der Verteilung des Gebietes sowie bei den Grundsätzen der Verwaltung spielten neben wirtschaftlichen Erwägungen begreiflicherweise auch politische Absichten und Wünsche eine große, nicht immer erfreuliche Rolle. Mit einem Schlage war das Polenproblem1) wieder aufgerollt, das während des ganzen 19. Jahrhunderts keine Lösung gefunden hatte, zu dem aber die Donaumonarchie aus innen- wie außenpolitischen Gründen ganz anders eingestellt sein mußte, als das Deutsche Reich.

Vorerst traten übrigens besondere Pläne über die künftige politische Gestaltung Polens beim deutschen Bundesgenossen nicht hervor. Um so größere Hoffnungen hegte man in maßgebenden österreichischen Kreisen. Zwar hatte eine zu Kriegsbeginn vorbereitete Proklamation, die eine — zumindest von den österreichischen Polen einstimmig gebilligte — „austropol-nische Lösung“ zum Ziele erhob, auf Einspruch Tiszas unveröffentlicht bleiben müssen; doch hatte wenigstens das AOK. an die Bewohner von Russisch-Polen einen Aufruf erlassen, darin es ihnen die Befreiung vom mos-kowitischen Joche verhieß. Auch der russische Oberbefehlshaber hatte nicht versäumt, um die Herzen der Polen zu werben, indem er ihnen in

x) Aus der umfangreichen Literatur über die Polenfrage vgl. u. a. Biliński, Wspomienia i dokumenty (Warszawa 1925); Burián, Drei Jahre meiner Amtsführung im Kriege (Berlin 1923), 62ff.; Bethmann-Hollweg, Betrachtungen zum Weltkriege (Berlin 1921), II, 25ff.; Conrad, Aus meiner Dienstzeit 1906—1918 (Wien 1921—1925), IV, 206ff.; Dmowski, Polityka polska i odbudowanie państwa (Warszawa 1925); Fisher, America and the new Poland (New York 1928); Gratz und Schüller, Die äußere Wirtschaftspolitik Österreich-Ungarns (Carnegie-Stiftung, öst.-ung. Serie, Wien 1925), 261 ff.; P a i ć, Das austropolnische Problem im Weltkriege (Manuskript, Kriegsarchiv); Piłsudski, Mes premiers Combats (Paris 1931); Roth, Die Entstehung des polnischen Staates (Berlin 1926).

einem Manifest volle Autonomie im Rahmen des russischen Reiches zusicherte, ein Versprechen, das freilich ebensowenig Widerhall erweckte, wie es ernst gemeint war1).

Die weitgesteckten Ziele Österreichs stellten sich zunächst noch als verfrüht heraus. Immerhin waren die Zentralmächte nach ihren im Dezember 1914 erfochtenen Siegen doch schon bemüßigt, ansehnliche Landstrecken in Verwaltung zu nehmen2). Durch ein am 10. Jänner 1915 beschlossenes, Conrad auch wirtschaftlich keineswegs befriedigendes3) Abkommen zu Posen (Bd. II, S. 56) wurde das Gebiet derart aufgeteilt, daß der Donaumonarchie der Raum südlich der Pilica, jedoch mit Ausschluß von Czenstochau sowie des Kohlen- und Industriebeckens von Bendzin-Dąbrowa, zufiel. Demnach nahmen unter Leitung der Etappenkommandos der 1. und der 2. Armee alsbald sieben Kreiskommandos die Verwaltungstätigkeit auf.

Als sich dann im Mai 1915 die Armeefronten nördlich der Weichsel vorwärts schoben, wuchs sofort die Zahl dieser Kreisämter, denen schon am 17. Mai die Militärgouvernements Kielce und Piotrków übergeordnet wurden. Bis Ende August hatten die Verbündeten ganz Russisch-Polen in ihre Gewalt gebracht; die Regelung des Verhältnisses zwischen den beiden Mächten in dem gemeinsam eroberten Gebiete wurde nicht leicht. Schon seit der Einnahme von Warschau wuchs das Interesse im Deutschen Reiche für Polen. In der Frage der politischen Zukunft des Landes gingen die Auffassungen und Ziele der siegreichen Befreier bald auseinander. War der deutsche Reichskanzler Dr. v. Bethmann-Hollweg der „austro-polnischen“ Lösung bisher nicht abgeneigt gewesen, so gewann nun in weiten deutschen Kreisen die Idee, einen polnischen Pufferstaat unter starker Anlehnung an Deutschland zu gründen, eine solche Bedeutung, daß sich ihr auch der Reichskanzler nicht zu entziehen vermochte4).

Bei solchen widerstreitenden Absichten, die sich zudem vielfach mit besonderen, gleichfalls nicht einheitlichen Bestrebungen polnischer Kreise kreuzten, war es fürs erste sicherlich am vorteilhaftesten, die Teilung des besetzten Landes in zwei gesonderte Verwaltungsgebiete, ein deutsches

*) Vgl. Glaise-Horstenau, Die Katastrophe — Die Zertrümmerung Österreich-Ungarns und das Werden der Nachfolgestaaten (Wien 1929), 31 f., 69 f.

2)    Für das Folgende vgl. M i t z k a, Die k. u. k. Militärverwaltung in RussischPolen, bei Kerchnawe, Die Militärverwaltung in den von den öst.-ung. Truppen besetzten Gebieten (Carnegie-Stiftung, öst.-ung. Serie, Wien 1928), 8 ff.

3)    C o n r a d, V, 823.

4)    G r a t z und Schüller, 267 ff.

und ein österreichisch-ungarisches, beizubehalten. Als Grenze zwischen ihnen wurde eine Linie bestimmt, die von der alten „Dreikaiserecke“ längs der nach Nord führenden Bahn, dann an Czenstochau östlich vorbei über Wręczyca an die Warthe bis in die Nähe von Sieradz verlief. Von hier wendete sie sich nach Osten, folgte dem Lauf der Pilica und der-Weichsel bis Iwangorod, ging den Wieprz und die Tyśmienica entlang weiter und erreichte bei Opalin den Bug, der zugleich den Bereich der Militärverwaltung gegen den Etappenraum der Armeen schied.

Der öst.-ung. Rechtsauffassung hätte es entsprochen, daß wenigstens die zentrale Leitung der Administrativgewalt gemeinsam in der Landeshauptstadt ausgeübt werde1). Da Warschau, von den deutschen Truppen eingenommen, mitten im deutschen Verwaltungsgebiet lag, war das nicht zu erreichen und gewiß auch aus praktisch-technischen Gründen kaum durchführbar. So wurde denn am 25. August 1915 gleichzeitig mit der Schaffung des deutschen Generalgouvernements Warschau, bei Auflassung der Militärgouvernements Kielce und Piotrków das k. u. k. Militär-generalgouvemement errichtet, das seinen Sitz zuerst in Kielce, dann von Oktober an in Lublin hatte, und an dessen Spitze der GM. Freih. v. Diller berufen wurde. In Warschau sollte die Monarchie nach langwierigen Verhandlungen, die erst im Dezember mit dem Teschener Abkommen ihren Abschluß fanden, durch einen Verbindungsoffizier des AOK. und durch einen Delegierten des k. u. k. Außenministeriums vertreten sein2). Mannigfache Fragen anderer, vornehmlich wirtschaftlicher Art waren schon vorher durch Vereinbarungen im Juni (Kattowitzer Abkommen) und im September (Berliner Abkommen) bereinigt worden.

Vielseitige Aufgaben gab es in dem alsbald eine Fläche von 45.000 Geviertkilometer umfassenden, von etwa viereinhalb Millionen Menschen bewohnten und in 22 Kreise geteilten Lande zu bewältigen. Für ihre Durchführung hatten neben fallweisen grundsätzlichen Entscheidungen der Heeresleitung allgemeine Grundzüge zu gelten, die von derselben Stelle schon im Februar 1915 erlassen worden waren. Den verantwortlichen militärischen Kommandanten standen für die fachliche Bearbeitung der verschiedenen Geschäftszweige Zivilkommissäre und Fachorgane, die vorwiegend dem mit der Landessprache und der Volkspsyche vertrauten Beamtenkörper des Kronlandes Galizien entnommen waren, zur Seite. Zunächst galt es, Ruhe, Ordnung und öffentliche Sicherheit aufrechtzu-

^Burián, 66.

2) Zum Verbindungsoffizier wurde der GstbsObst. Ritt. v. Paić, zum Vertreter des Außenministeriums der Legationsrat Freih. v. A n d r i a n bestimmt.

halten. Es zeigte sich, daß die Russen Agenten und selbst Soldaten zu Zwecken von Spionage, Stimmungsmache gegen die Siegerund zur Verübung von Sabotageakten im Lande verstreut zurückgelassen hatten. Die Bevölkerung stand vielfach unter dem geheimen, aber empfindlichen Drucke solcher Individuen und sogar ganzer Banden, die ihre Tätigkeit zum Teil unter Ausnützung nationaler Gegensätze zwischen Polen und Ukrainern auszuüben suchten. Solchen Erscheinungen mußte mit aller Entschiedenheit entgegengetreten werden.

Besonders wichtig war die Sorge für die rasche Einrichtung und sichere Abwicklung des Eisenbahnverkehrs, vor allem für die Versorgung der Kampffront. Für den Betrieb auf den wieder instand gesetzten, vielfach ausgestalteten und ergänzten russischen Linien wurde Ende August

1915 in Radom ein eigenes Kommando der „Heeresbahn Nord“ eingerichtet; die Weichselschiffahrt hatte die Vollbahnen zu entlasten. An Brücken-und Straßenbauten hatten die rasch fortschreitenden Armeen und die Etappenbehörden noch manches zu tun übrig gelassen. Post und Telegraph vermittelten — natürlich mit gewissen, aus militärischen Gründen unerläßlichen Beschränkungen — den Verkehr.

Größte Bedeutung für die bereits an Lebensmitteln und Rohstoffen Mangel leidende Monarchie kam aber der wirtschaftlichen Ausnützung des besetzten Gebietes zu. Das Jahr 1915 hatte in Russisch Polen eine nur mittelmäßige Ernte gebracht, ihre von Etappe und Militärverwaltung nach Möglichkeit betriebene Einbringung überdies unter dem Mangel an Menschen und an Fuhrwerken gelitten. Nun war die stärkste Ausnützung des fruchtbaren Landes für das kommende Jahr vorzubereiten und auch der beträchtliche Viehstand zu erfassen. In dem besetzten Gebiete lagen wertvolle Berg- und Hüttenwerke, aus denen Kohle, Blei, Kupfer und Zink zu gewinnen waren. Die Produktion dieser Rohstoffe in Gang zu bringen, an denen es in der Heimat bereits stark fehlte, war dringendes Bedürfnis. Gab es schon dabei große Hemmungen zu überwinden, so erwies es sich wegen der Furcht der beteiligten Kreise vor einem Wechsel der Lage, aber auch wegen Kapitals- und Rohstoffmangel als noch schwieriger, die Industrie wieder in Betrieb zu setzen. Nur Unternehmungen, die zur Verarbeitung von Lebensmitteln in Betracht kamen, konnten entscheidend gefördert und wieder in Schwung gebracht werden.

Schließlich eröffnete sich der Verwaltung auch beim Wiederaufbau der zerstörten Ortschaften und auf dem Gebiete humanitärer Fürsorge für die zahlreichen Flüchtlinge ein weites Betätigungsfeld.

Die militärische Durchdringung des Landes sowie die in diesem sich entwickelnde gewaltige Arbeitsleistung fanden äußerlich sinnfälligen Ausdruck in den Besatzungstruppen und Arbeiterabteilungen, die es alsbald belebten. Um die Jahreswende 1915/16 standen den Kreiskommandos und dem Gouvernement 16 Landsturmetappenbataillone und vier Landsturmhusareneskadronen zur Verfügung; 21 Eisenbahnsicherungsabteilungen sorgten für den Schutz der Bahnlinien, 24 Telegraphenbau-undBetriebsabteilungen für den Telegraphendienst, 18 Arbeiterabteilungen, darunter 11 aus Kriegsgefangenen gebildete, arbeiteten an den Straßen und Brücken. In den ersten Monaten des Jahres 1916 wuchs die Zahl der Arbeitsformationen auf 35, darunter 19 aus Kriegsgefangenen. Schon im Herbst 1915 war damit begonnen worden, die zum größten Teil arbeitslose Zivilbevölkerung zum Straßen- und Eisenbahnbau anzuwerben. Da russische Agenten die Nachricht verbreiteten, daß es sich um Rekrutenanwerbungen handle, war es dabei anfänglich zu Unruhen gekommen. Aber bis Ende April gab es dann doch schon mehr als hundert polnischrussische Zivilarbeiterabteilungen. Schließlich verlegte man auch eine Anzahl von Ersatzkörpern in das besetzte Gebiet, entlastete damit die Heimat, und gab zugleich dem Gouvernement Mittel in die Hand, um im Notfälle Ruhe und Ordnung aufrecht erhalten zu können.

ln Serbien, Montenegro und, Albanien

Vielleicht noch schwieriger als im Norden ließ sich die Regelung der Verwaltungsbefugnisse in dem eroberten Serbien an. Es war nur natürlich, daß die Monarchie, deren Interessen schon seit Jahrzehnten nach dem Balkan wiesen, und deren weitere Entwicklung nicht zuletzt von der Gestaltung bedingt sein mußte, die das südslawische Problem bekam, bestrebt war, in diesem Lande entscheidenden Einfluß zu gewinnen, welchen Weg immer auch in Zukunft die Bereinigung dieser Fragen nehmen mochte. Aber auch die Bulgaren hatten hier wichtige Interessen. Die DOHL. schob abschließende Vereinbarungen über die Verteilung der Machtbefugnisse in dem zu erobernden Gebiete möglichst hinaus, vielleicht in der Absicht, den Ereignissen nicht vorzugreifen, vielleicht auch von dem Bemühen geleitet, den neuen bulgarischen Bundesgenossen bei guter Laune zu erhalten. Die operativen Armeegrenzen, jeweils auf Antrag des GFM. Mackensen von den verbündeten Heeresleitungen festgesetzt, bildeten daher zunächst, nicht anders als überall, die Grenzen auch der Verwaltungs- und Einflußgebiete.

Als die Operationen zum Stillstand gekommen waren, wurde aber eine dauernde Regelung bald unaufschiebbar. Abgesehen von unvermeidlichen Reibungen zwischen untergeordneten Organen bei Beitreibungen und bei ähnlichen Anlässen, drängten auch politische Gründe zur Entscheidung. Die Bulgaren begannen bereits, sich als Herren von ganz Mazedonien und eines großen Teiles von Serbien zu betrachten. Schon Ende November hatte Conrad seinen Einfluß dahin geltend machen müssen, daß der Monarchie das Gebiet entlang der Linie Mitrovica—Ipek—Skutari und nördlich davon als Interessensphäre gewahrt blieb (Bd. III, S. 334).

Aber erst Ende Dezember kam eine Vereinbarung zustande, derzu-folgc den Deutschen — solange ihre Truppen unter deutschem Oberbefehl auf dem westlichen Balkan operierten — nur der schon erwähnte Bahnbetrieb (S. 107) sowie die Besetzung einiger Etappenorte an diesen Strek-ken Vorbehalten wurde, im übrigen aber die Donaumonarchie das Land westlich, Bulgarien jenes östlich der Morawa und der bei Kruševac in diese mündenden Rasina in ihre Verwaltung zu nehmen hatten. Südlich der Rasina sollten weiter die Armeegrenzen maßgebend bleiben.

Auch damit waren noch keineswegs alle Schwierigkeiten beseitigt; denn die genannten Wasserläufe bildeten zwar eine deutliche, aber im wirtschaftlich-praktischen Sinne durchaus keine geeignete Grenze1), und beiden Teilen war jedenfalls der ungeteilte Besitz der selir fruchtbaren, dichtbevölkerten Täler der genannten Flüsse vorgeschwebt. Als dann die Bulgaren auch noch über den zugewiesenen Raum vordrangen, sich in den Becken von Priština, Prizren, Djakova und Elbasan festsetzten und gegen die Adria strebten, kam es zu erheblichen Meinungsverschiedenheiten zwischen Sofia und Teschen2). Bei deren Beilegung mußte sich GdI. Falkenhayn als Vermittler bemühen, da vornehmlich er es gewesen war, der Bulgarien als Bundesgenossen herangezogen hatte und jetzt die Verpflichtung in sich fühlte, die Interessen des neuen Freundes zu vertreten. Dies um so mehr, als Bulgarien den geraden Verhandlungsweg mit der Donaumonarchie meist vermied. Es währte aber noch bis zum Frühjahr 1916 bis eine Einigung erzielt werden konnte.

Jmmerhin hatten die Ende Dezember 1915 abgeschlossenen Verhandlungen dazu geführt, daß am 1. Jänner das Militärgeneralgouvernement Serbien aufgestellt wurde, das seine Wirksamkeit allmählich auf ein Ge-

x) Vgl.’ Kerchnawe, Militärverwaltung, 4 und 53 ff.; K i r c h, Krieg und Verwaltung in Serbien und Mazedonien 1916—1918 (Stuttgart 1928).

2) Cramon, Unser österreichisch-ungarischer Bundesgenosse im Weltkriege (2. Aufl., Berlin 1922), 49 f.

biet von 29.664 Quadratkilometer mit 1,373.500 Einwohnern erstreckte und sich in 13 Kreise und ein selbständiges Bezirkskommando (Belgrad) gliederte. Zum Gouverneur wurde FML. Gf. Salis-Seewis, ein genauer Kenner des Balkans und Freund der Südslawen, bestimmt.

Die Aufgaben der Militärverwaltung waren im Wesen dieselben wie in Polen. Auch hier spielte neben der administrativen Tätigkeit im engeren Sinne der Betrieb und die Instandhaltung der Bahnen, Verbesserung der Straßen, Bekämpfung der bis dahin besonders stark aufgetretenen Seuchen, Einrichtung von Schulen u. dgl. m. eine große Rolle.

Aus dem selbst notleidenden, vom Kriege stark heimgesuchten Lande konnte fürs erste wohl kaum irgendein nennenswerter wirtschaftlicher Nutzen gezogen werden. Da die Verwaltung überdies mehr auf Fürsorge und auf die optimistische Hoffnung eingestellt war, den Serben eine öst.-ung. Herrschaft wünschenswert erscheinen zu lassen, mochte es vielleicht auch an der unumgänglichen Härte gefehlt haben, die notwendig gewesen wäre, um die trotz allem vorhandenen sowie die noch erschließbaren Hilfsquellen des Landes schärfer zu erfassen. Tatsächlich blieben die Truppen, auch die zur Besetzung des Landes in diesem verteilten, nicht ohne Entbehrungen ganz auf den Nachschub aus der Heimat angewiesen. Einzig die Hoffnung blieb, daß sich diese Lage durch die inzwischen eingeleitete planmäßige Bewirtschaftung in der Zukunft bessern würde.

Nicht geringen Hindernissen begegnete die Befriedung des Landes, dessen Bevölkerung, an den Besitz von Waffen seit jeher gewöhnt, von fanatischer Vaterlandsliebe und von großem Selbstgefühl durchdrungen, nicht darauf verzichtete, den Siegern Schaden zuzufügen, wo es nur anging. In gefährlicherem Ausmaße noch als in Polen waren hier von der geschlagenen serbischen Armee Nachzügler zurückgeblieben, die entweder als unverdächtige Bauern in ihren Dörfern lebten oder in verborgenen Schlupfwinkeln ihrer unwegsamen Bergwildnis Zuflucht fanden. Wagten sie sich vorerst auch noch nicht mit größeren Unternehmungen hervor, so machten doch häufige Sabotageakte den Sicherungstruppen und den Verwaltungsbehörden genug zu schaffen.

Die militärischen Kräfte, deren die Verwaltung in diesem unruhigen Lande zu ihrem Rückhalt bedurfte, mußten mit der Zeit ansehnlich verstärkt werden. Bei der Errichtung des Gouvernements standen hiezu nur 13 Landsturmetappenbataillone und je ein Reservebataillon zweier Infanterieregimenter (IR. 23 und 33) Zur Verfügung. Sie waren Mitte März auf 23, bald nachher auf 44 Bataillone angewachsen. Dazu kamen 17 Gendarmerie-Streifzüge, 21/2 Eskadronen, 1 Brückenkompagnie, 3 Flußminen-

s*

züge und 19 Arbeiterabteilungen. Mit der Verlegung von Ersatzformationen wurde, nicht zuletzt offenbar wegen der zunächst noch gering eingeschätzten wirtschaftlichen Ergiebigkeit des Landes, zurückgehalten. Ende März befanden sich erst die Ersatzkörper eines Infanterieregiments und zweier Kavallerieregimenter im besetzten Gebiet.

Die im Februar 1916 vollendete Bezwingung Montenegros erforderte schließlich auch die Einrichtung einer Verwaltung in diesem Lande, wobei das am 1. März ins Leben gerufene, dem bisherigen Kommandanten der 47. ID., FML. Weber, anvertraute Militärgeneralgouvernement Ce-tinje in dem wirtschaftlich kümmerlichen, einer unwirtlichen Steinwüste gleichenden Lande noch weit schwierigeren Verhältnissen zu begegnen hatte1). Die Besetzung des in sieben Verwaltungskreise geteilten Gebietes beanspruchte schon von den ersten Märzwochen an 22 Bataillone, 21 Gendarmeriestreifzüge und einige Arbeiterabteilungen.

Die Verwaltung der besetzten Teile Albaniens wurde in ähnlicher Weise dem XIX. Korpskommando übertragen (S. 77).

Wandlungen der Heer- und Kampffiihrung

Der Weg zu einem neuen Angriffsverfahren

In der Entwicklung der Kampfführung wie der Heerführung stellte der Frühling des Jahres 1915 einen unverkennbaren Wendepunkt dar. Die winterlichen Kämpfe, die in den Karpathen einen großen Teil des öst.-ung. Heeres gefesselt hatten, waren durch einen rastlosen Wechsel von Angriff und Verteidigung gekennzeichnet gewesen, durch ein an Leiden und Opfern unerhört reiches Ringen, das unter den auflösenden und zersetzenden Einflüssen eines rauhen Winters auf unwirtlichen, vereisten, kaum gangbaren Bergeshöhen (Bd. II, S. 125, 141), notgedrungen fast ohne Artillerieunterstützung, in schier unbegreiflicher Beweglichkeit hin und her gewogt war2).

Als diese Kämpfe zum Abschluß kamen, waren alle anderen Teile der Front vom Nordrand der Karpathen bis an Ostpreußens Grenze längst im Stellungskampf erstarrt gewesen. Wer aus dieser Lage entscheidende Wendungen herbeiführen wollte, sah sich mit neuen Opera*) K e r c h n a w e, Militärverwaltung, 270 f.

2) Vgl. auch: Anton P i t r e i c h, Der österreichisch-ungarische Bundesgenosse im Sperrfeuer (Klagenfurt 1930), 163 f., 183ff.

tionen auch vor neuen Aufgaben der Kampfführung. Überall standen geschlossene Fronten einander gegenüber, weithin sichtbare Linien von Erdverschanzungen und Stacheldraht schlängelten sich durch die Landschaft, verteidigungsbereite Stellungen hüben und drüben, die erst überwunden werden mußten, bevor an einen Bewegungskrieg gedacht werden konnte.

Gewiß, der Gedanke weit ausholender Umfassung hatte unausgesetzt Conrads Tatendrang beschäftigt (Bd. II, S. 301, 724); aber es gab nirgends mehr offene Flanken, gegen die man zur Umfassung hätte ansetzen können. Und da es umstritten war, ob das gleiche Ergebnis auch durch ein Zusammenwirken von Kräften aus so weit entfernten Räumen wie Ostgalizien und Ostpreußen herbeigeführt werden könne, rückte der Gedanke des Durchbruches von selbst in den Vordergrund.

Nun hatte es ja schon in den ersten Kriegsjahren nicht an Versuchen gefehlt, feindliche Fronten zu durchbrechen1). Dabei waren aber große strategische Entscheidungen weder gesucht noch erreicht worden. Auch dem Durchbruche, der bei Gorlice ins Werk gesetzt wurde, waren aus mannigfachen Gründen verhältnismäßig enge Grenzen gesteckt worden (Bd. II, S. 297 ff.). Der Erfolg übertraf jedoch alle Erwartungen, erweiterte sich zum ersten Male zu einem strategischen Durchbruch, führte aber dennoch nicht zur Vernichtung des Feindes. Freilich brachte ja auch die Durchführung der Idee einer doppelseitigen Umfassung nur ein einziges Mal — bei Tannenberg — eine solche Vernichtung, d. h. in diesem Falle ein „Cannae“ hervor.

So mußten den siegreichen Heeren der Mittelmächte schrittweise neue Ziele gegeben werden. Dabei ergab es sich, daß der immer wieder in Szene gesetzte Durchbruch eigentlich gar nicht als Mittel betrachtet wurde, einer geschlossenen, erstarrten Front offene Flanken abzugewinnen, sondern vielmehr als wuchtiger Stoß, der den Feind aus seinen Stellungen zum Weichen bringen sollte. Es ist schon gezeigt worden, (Bd. II, S. 726 f.), wie daraus jenes „abwechselnde Vorwärtsstampfen der schweren Kriegsmaschine“ im „Stirnkampf mit jeweilig zusammengezogenen, sozusagen fluktuierenden Stoßgruppen“ wurde, bei dem große Pläne auf weite Sicht zurücktreten mußten vor dem Bestreben, jedesmal dort vorwärtszukommen, wo im Augenblick die Bedingungen Erfolg versprachen.

Den viel weiter gesteckten Wünschen Conrads mochte dieses Verfahren trotz der großen Ergebnisse, die es mit sich brachte, nur wenig

!) So in der Mačva im Oktober 1914 (Bd. I, S. 661 ff.), dann während der Schlacht in Masuren im Februar 1915; auch die Operation zum Entsatz von Przemyśl war als Durchbruch gedacht (Bd. II, S. 196 ff.).

genügen; die Armee jedoch befreundete sich gar schnell damit. Ohnehin hatte die Idee der Umfassung schon dadurch einigermaßen an Wertschätzung eingebüßt, daß die Truppe, wann immer sie gegen feindliche Flanken vorging, stets auf eine schnell genug entgegengestellte Front getroffen war. Nun aber überwog selbst dann, wenn — wie im Feldzug von Rowno — unverkennbare Möglichkeiten zu einer Umfassung im großen Stil schon aus dem Anmarsche heraus gegen die Tiefe der feindlichen Flanken Vorlagen, das Bestreben, lieber die Flügel frontal anzugreifen und zugleich auf die Möglichkeit eines Durchbruches auch in der Front nicht ganz zu verzichten. Wohl oder übel mußte es in Kauf genommen werden, daß dabei ein wirksames Zusammenfassen von überlegenen Kräften an einer Stelle sehr erschwert wurde. Solche Angriffe gediehen dann freilich trotz aller heldenmütigen Anstrengungen nicht bis zum vollen Durchbruch der Front. Wenn dann auch die Flügeloperationen den Ausschlag gaben, so führten sie doch — zur geringen Befriedigung Conrads — nur zu schrittweisem Zurückdrängen des Feindes, dem es dabei immer gelang, seine Kräfte einem vernichtenden Schlage zu entziehen.

Aber das beeinträchtigte kaum den erwiesenen Sieg des Durchbruchgedankens, der sich als taktische Handlung von Gorlice angefangen rasch überragende Geltung errang. Fortan sprachen alle Befehle bis weit in die Truppe hinein nur mehr vom „Durchbruch“. Bei seiner Ausführung setzten sich die Erfahrungen der ersten zehn Kriegsmonate am deutlichsten in die Praxis um; der Begriff der „Artillerievorbereitung“ sowie die Vorstellung des Zusammenwirkens zwischen den beiden Hauptwaffen, damit die Idee des planmäßigen, systematischen Angriffes gewannen feste Formen. Es wurde erkannt, daß darin nichts dem Zufall überlassen bleiben dürfe, sondern daß der Erfolg organisiert werden müsse.

Traf die Infanterie auf eine vorbereitete feindliche Stellung, so erschöpfte sie sich nicht mehr so oft wie früher in nutzlosen blutigen Opfern, sondern klammerte sich zunächst an dem erreichten Gelände fest. Jetzt galt es, in aller Eile, aber ohne Hast die Artillerie in Stellung zu bringen, ausreichenden Schießbedarf für sie herbeizuschaffen und ihre Wirkung nach Ort, Zeit und Munitionsaufwand festzulegen; Einzelheiten der feindlichen Stellung mußten erkundet und die Angriffsräume für die einzelnen Kampfverbände — gewöhnlich in der Form von „Gefechtsstreifen“, die bis weit hinter die feindliche Schlachtfront reichten — genau bestimmt werden. Dort, wo man sich die Zeit nahm, den Angriff in dieser Weise vorzubereiten — zuweilen genügten hiezu ein bis zwei

Tage —, und wo die als nötig erachteten Mengen an Artillerie und Schießbedarf, wie fast immer bei den deutschen Truppen, auch tatsächlich zur Verfügung standen, ließ der Erfolg nicht auf sich warten. Während das Feuer der Artillerie manche Bresche in die feindlichen Verteidigungsanlagen riß und die Widerstandskraft ihrer Besatzung zermürbte, arbeitete sich die Infanterie aus den seichten Gräben, die sie in der. vorangegangenen Nächten mit dem Spaten vorgetrieben hatte, ganz nahe an den Feind heran. Zur bestimmten Minute verlegte die Artillerie ihr Feuer hinter die Kampflinie des Feindes und dann drangen die Sturmwellen durch die zerschossenen Hindernisse in die Gräben des Verteidigers ein. War dieser schon genügend erschüttert, so gab es bald Scharen von Gefangenen. Zuweilen flackerte da oder dort das blutige Handgemenge auf und erst sein Ausgang schuf die Möglichkeit, den Angriff weiter vorwärts zu tragen.

Obgleich diese Art, befestigte Stellungen anzugreifen, im Wesen schon den Vorkriegsvorschriften nicht fremd gewesen war, wurde sie tatsächlich doch als etwas neues empfunden und setzte sich an den verschiedenen Teilen der Front nur allmählich und nur in dem Maße durch, als größere Verbände in den Siegeszug auf Brest-Litowsk mitgerissen wurden. Auch dann noch keineswegs gleichmäßig. Nicht leicht ließ sich die festgewurzelte Friedensvorstellung von der entscheidenden Gewalt des freien Angriffs im offenen Felde durch die Erkenntnis verdrängen, daß man es eigentlich immer mit mehr oder weniger befestigten Stellungen zu tun hatte. Noch gar oft überwog der „gute Glaube, daß Schnelligkeit den Erfolg erleichtere, daß man hasardieren müsse, um den Feind noch unvorbereitet zu treffen, oder günstige Gelegenheiten nicht zu versäumen“1). Aber man traf ihn in Wahrheit kaum jemals mehr unvorbereitet. Nur ein gründlichst vorbereiteter Angriff hatte noch Aussicht auf Gelingen.

Oft aber fehlte es an der hiezu unentbehrlichen Stoßkraft; daß Infanteriedivisionen mit 5000 bis 7000 Feuergewehren auf Abschnitten von 20 bis 30 Kilometer Breite anzugreifen hatten, war keine Seltenheit. Noch weniger konnte das neue Angriffsverfahren auf die Mitwirkung einer dem Feinde überlegenen Artillerie mit zahlreichen Steilfeuergeschützen und mit viel Munition verzichten. Aber gerade darin wurde es, wie schon ausgeführt (S. 97) nur langsam etwas besser. So manche Division machte den ganzen Vormarsch im Sommer 1915 mit 40, ja selbst

1) Schön, Die deutschböhmische 29. Infanterietruppendivision am Stochod (Reichenberg 1926), 11.

mit noch weniger, zum Teil veralteten Geschützen mit. Auch diese bahnten oft und oft der stürmenden Infanterie den Weg zum Siege, aber sie hatten es dabei wesentlich schwerer als ihre Waffengefährten im verbündeten deutschen Heere, wo auf eine Division meist 70 Geschütze und mehr entfielen. Dabei konnte es Vorkommen, daß öst.-ung. Heereskörper gerade ihre wirksamsten Geschütze an andere Frontteile abgeben, aber gleichwohl angreifen mußten.

Vor allem erforderte der planmäßige Angriff Zeit zur Vorbereitung und Durchführung, mehr Zeit, als man oft glaubte, aufwenden zu dürfen und als man manchmal in bedrängten Lagen wirklich zuwarten durfte. Nicht selten mußte die Infanterie auch deshalb ohne zureichende Unterstützung durch Artillerie angreifen, weil das Heranbringen einer größeren Zahl von Batterien mehr Zeit in Anspruch genommen hätte, als man zur Verfügung hatte oder zu haben glaubte. Der Angriff ging dann aber gar nicht so schnell von statten als man gehofft hatte. Im unbehinderten feindlichen Artilleriefeuer lichteten sich die vorgehenden Linien. Bald sprachen feindliche Maschinengewehre aus versteckten Gräben mit; der Angriff stockte; fieberhaft wurde zum Spaten gegriffen. Tapfere Unterführer rissen da und dort Teile der Linien ein wenig vor, bis der Geschoßhagel so vernichtend wurde, daß das Schicksal des Angriffes besiegelt war.

Oft kam die brave Infanterie trotz allem an die feindlichen Drahthindernisse heran. Aber diese waren unversehrt, der Feind dahinter unerschüttert. Wagten die Kämpfer dann in vielleicht allzu gehorsamer Bravour den Sturm doch, so blieben sie in den Hindernissen hängen oder mußten unter empfindlichen Verlusten zurück. Dann wurden die Angriffe aus nächster Entfernung wiederholt, Reserven eingesetzt; Blut mußte die fehlende Artilleriewirkung ersetzen. Jetzt spielten Stunden keine Rolle mehr, Tage gingen darüber hin. Nächtliche Stürme suchten zu erringen, was bei Tag nicht gelungen war. Zuweilen mit Erfolg, aber nicht selten auch vergeblich. Die Regimentsgeschichten wissen von zahllosen Kämpfen zu erzählen, die so verliefen und schwerste Opfer kosteten.

Doch auch dort, wo der vorderste russische Graben im ersten Anlauf genommen wurde, war damit das schwere Ringen erst eingeleitet. Die eroberte Stellung wurde meist sofort „umgedreht“, zur Verteidigung 'wider zu erwartende Gegenangriffe eingerichtet. Das weitere Verfahren hing dann stark vom Verhalten des Feindes ab. Bei Einbrüchen auf schmaler Front trachtete man, den gewonnenen Raum durch Aufrollen einer oder beider Flanken zu erweitern, ein Kampf übrigens, der in seiner besonderen Eigenart (fast durchwegs in dem verwickelten

Grabengewirre mit Handgranate und Bajonett geführt) sich erst später schärfer herausbilden sollte.

Wohl drängte in der Regel nach geglücktem Einbrüche alles geradeaus vorwärts; allein es fehlte — der Führung nicht minder als der Truppe

— noch lange an der Erkenntnis, daß es jetzt vor allem darauf ankam, die zweite und die dritte Linie des Feindes rasch zu bezwingen, um möglichst bald die Räume seiner Artillerieaufstellung zu überwinden. Wo nur dünne Linien mit wenig Reserven, durch Artillerie unzureichend unterstützt, den Angriff führten, wäre das übrigens auch meist eine schier unlösbare Aufgabe gewesen. Blieb jedoch die feindliche Artillerie als Rückgrat der Stellung unversehrt, so waren auch nach den schönsten Anfangserfolgen Rückschläge durch Gegenangriffe kaum zu vermeiden.

War jedoch der Bereich der vorbereiteten russischen Stellungen trotz allem überwunden, dann gab es einige Tage lang wieder den eigentlichen lebhaften Bewegungskrieg mit seinen weiten Märschen zahlreicher Parallelkolonnen durch den Sand oder den polnischen und galizischen Morast, durch weite Wälder, an brennenden Ortschaften, zerstörten Bahnanlagen vorbei, von gesprengten oder verbrannten Stegen und Brücken, künstlich angestauten Flußläufen oder versumpften, stehenden Wässern mehr oder weniger lang aufgehalten. Diese Vormärsche waren vielfach eingeleitet und unterbrochen durch örtliche Gefechte von verschiedenem Umfange, in die auch ganze Regimenter und größere Verbände verwickelt wurden, und in denen es nicht so genau geregelt zuging, wie in der wohlorganisierten Durchbruchsschlacht. Hier herrschte wieder beträchtliche Ungewißheit und Unübersichtlichkeit über rasch wechselnde Lagen, hier wurde von vermengten Verbänden mit großer Wildheit und Erbitterung um Ortschaften und Gehöfte, Wasserläufe und Waldstücke gerungen, hier gab es Überraschungen auf beiden Seiten und Gelegenheiten in Hülle und Fülle, bei denen sich die Tatkraft der Unterkommandanten und die tapfere Haltung des einzelnen Soldaten bewährte. Auch von solchen Kämpfen gibt die Geschichte der Truppenkörper reiche Kunde.

Meist handelte es sich dabei um Gefechte mit russischen Nachhuten, die den zähen Kampf um Zeitgewinn mit nicht geringerem Geschick führten, als ihre obersten Führer ausgreifende Rückzüge anzulegen wußten. Gar oft mußten unsere Truppen den ganzen Tag lang blutig um eine Stellung ringen, die von ihren Verteidigern dann noch am selben Abend preisgegeben wurde. Der tatsächlich erfolgte Rückzug der Russen konnte gewöhnlich erst am nächsten Morgen erkannt werden.

Die Leistungen, welche die Kämpfer in diesen Monaten vollbrachten, erscheinen aber erst im rechten Lichte, wenn man ermißt, daß bei der k. u. k. Wehrmacht damals eine Vorbereitung von nur acht Wochen für die jungen und alten Rekruten genügen mußte, bevor sie in die hin- und herwogenden Kämpfe geworfen wurden. Dabei litt selbst diese kurze Ausbildung in der Heimat sehr unter mannigfachen Hemmungen, unter denen der Mangel an Gewehren noch immer die größte Rolle spielte. Erst knapp vor ihrem Abgehen ins Feld vermochte man die Marschformationen mit Schußwaffen zu beteilen, und konnte der Soldat noch in aller Eile ein paar scharfe Übungsschüsse abgeben. Man hoffte zu einem günstigeren Ergebnis zu gelangen, indem man seit dem Juni 1915 die Ersätze nur mehr vier Wochen in der Heimat, vier weitere Wochen aber im Bereiche der Armeen, durch ein mehr kriegserfahrenes Personal und auch sonst unter besseren Bedingungen schulen ließ. Aber da gingen wieder durch Bahntransport und durch Märsche hinter der Front kostbare Tage verloren; die Klagen über unzulängliche Ausbildung der Ersätze verstummten nicht, und die rauhe Wirklichkeit wurde dann wohl immer zu einem harten Lehrmeister. Erst vom Herbst angefangen wurde der Mann drei Monate lang, davon vier Wochen im Etappenraume, unterwiesen, bevor er in die Kampftruppe eingereiht werden durfte.

Der Reiterei kam in all den vielen Schlachten und Gefechten kaum je eine Sonderstellung zu. Maschinengewehr, Karabiner und Spaten waren ihre vertrauten Hauptwaffen geworden, die sie in einer Schlachtfront mit der Infanterie gebrauchte. Es ist eigentlich zu verwundern, daß ihr der vier Monate lang über weite Strecken dahinrollende Bewegungskrieg keine rechte Gelegenheit brachte, im Sinne der Vorkriegsansichten zu wirken. Höchstens für rasche Verschiebungen wurde ihre größere Beweglichkeit verwertet. Erst als am Rande der Polesie die russische Front entzweigerissen worden war und unsere Armeen sich gegen den südlichen Teil, gegen Rowno, wandten, ergab sich noch einmal die echte Reiteraufgabe, die Flanke dieses Angriffes zu schützen. Tatsächlich wurden hier nach und nach sieben öst.-ung. Kavalleriedivisionen neben einei deutschen gegen starke russische Reiterei eingesetzt1).

Neue Leitgedanken und Erfahrungen über die Abwehr im S t e 11 u n g s k r i e g e

In einer Zeit, die völlig im Zeichen siegreichen Vormarsches stand, gab es natürlich weder Anlaß noch Gelegenheit, sich viel mit den Pro-

J) C z e g k a, Wandlungen, 10.

blemen der Verteidigung zu befassen. Feindlichen Gegenangriffen wurde entweder in dem hiezu rasch hergerichteten Grabengewirre entgegengetreten, das man eben in Besitz genommen hatte, oder man schlug sie in der schon geschilderten hin- und herwogenden Form des Bewegungskampfes ab, die kaum eine Möglichkeit zu einem planmäßigeren Abwehrverfahren bot.

Kamen die Operationen vorübergehend zum Stillstand, sei es infolge größerer Gegenstöße des Feindes, oder aus anderen Gründen, so verschwanden die Schwarmlinien sofort in der weichen Erde. Längst schon war das Graben nicht mehr scheel angesehen, sondern zu einer wohlgeübten Fertigkeit geworden. Währte der Aufenthalt länger, so lebte bald wieder der mehr oder weniger ruhige Stellungskrieg auf, mit seiner emsigen Arbeit am Ausbau der Stellungen, dem Geplänkel zwischen Patrouillen und Feldwachen, aber auch mit der bescheidenen Wohnlichkeit, die rasch entstehende Unterstände und die armseligen Dächer der noch stehengebliebenen Dörferreste boten, mit seinen lang entbehrten Möglichkeiten zur Körperpflege und zu flüchtiger Ruhe. Gar bald gingen solche Idyllen zu Ende, wenn ein eigener Angriff oder der Rückzug der Russen wieder nach vorne rief.

Mit dem Ausklingen des Herbstfeldzuges von Rowno vor die Aufgabe gestellt, sich für einen neuen Kriegswinter bereitzumachen und nunmehr planmäßig eine Dauerstellung zu schaffenL), knüpfte die Truppe zunächst an die bisherige Gewohnheit an. Sie ließ dort, wo sie in den eben abflauenden Kämpfen zuletzt gestanden war, möglichst schnell einen durchlaufenden Schützengraben erstehen und wandte alle Mühe und Sorgfalt darauf an, ihn ebenso für längeren Aufenthalt wie für den Kampf einzurichten. Tief in die Erde gegraben, oder — wo Sumpfland es gebot — hoch aufgezogen, alle acht bis zehn Meter durch Traversen (Schulterwehren) geteilt, schmiegten sich seine Linien an das Gelände. Davor wuchs ein Hindernis aus Stacheldraht von Nacht zu Nacht in die Breite, nach und nach verstärkt durch selbsttätig entzündbare Handgranaten, eingebaute Minenfelder, Stolperdrähte und Fußangeln. Der Kampfgraben erhielt wieder seine Schrapnelldächer und Schießscharten. An vielen Orten zog sich wenige Schritte dahinter ein zweiter, dem Verkehr dienender tiefer Graben hin. Verbindungsgräben liefen im Zickzack nach rückwärts. Unterstände, im vordersten Graben oder in seiner

x) Über die Entwicklung der Feldbefestigung in dieser Phase des Weltkrieges vgl. auch die Aufsätze von Obst. Ing. Brosch-Aarenau in den Techn. Mitt., Wien, Jhrg. 1920, 112, und Obst. Ing. Schneck in den Mil. wiss. Mitt., Wien, Jhrg. 1927, 54.

unmittelbaren Nähe, sollten angesichts des bevorstehenden zweiten Kriegswinters vor allem den Kämpfern einen heizbaren Raum bieten. Mit wenig Aufwand — Häuser und Zäune der Umgebung mußten das erforderliche Material liefern — und so rasch wie möglich fertiggestellt, boten sie in der Regel höchstens gegen Schrapnellfeuer Schutz.

In diese anfangs fast ganz aus der Praxis der Truppen hervorgehenden Arbeiten griff alsbald auch die Führung ein. Der begründete Wunsch, den Stellungsbau, der ja voraussichtlich die nächsten Monate ausfüllen mußte, auch schon einem bestimmten Abwehrverfahren anzupassen, lenkte begreiflicherweise den Blick nach dem Westen und nach der italienischen Front, wo darin inzwischen reiche Erfahrungen gesammelt worden waren. Gewiß ließen sich diese Erfahrungen nicht ohne weiteres auf den russischen Kriegsschauplatz übertragen. Standen an jenen Fronten den Mittelmächten auf verhältnismäßig engen Räumen die maschinenreichen Industriemächte gegenüber, so hatten sie es hier mit einem mehr an Menschen als an Kampfmitteln reichen Feinde zu tun, der aber zur Kampfführung über unermeßliche Gebiete verfügte. Auch so lange man noch glaubte, im Osten mit einer schwächeren Artilleriewirkung beim Feinde rechnen zu dürfen, ein Glaube, der übrigens schon im November

1915 nicht mehr allgemein galt, war der Zwang, die eigene Kraft auf so große Ausdehnungen erstrecken zu müssen, bitter genug empfunden worden. Und wenn hier der Preisgabe selbst ansehnlicher Geländeteile bei weitem nicht jene entscheidende Bedeutung zukam, wie im Westen oder gar am Isonzo, soferne nur das Kampfwerkzeug, die Truppe nicht allzusehr hergenommen wurde, so hatte es doch als bittere Erfahrung des Karpathenwinters und des Herbstfeldzuges 1915 gebucht werden müssen (Bd. II, S. 254, Bd. III, S. 80), daß oft ein geringfügiger Einbruch des Feindes den Verteidiger zur Zurücknahme ausgedehnter Frontabschnitte veranlaßte. Die Ursache dafür lag zum Teil sicherlich in einer besonders ausgesprochenen Empfindlichkeit gegen offene Flanken, eine Erscheinung, die sich übrigens — bei der Führung zuweilen noch mehr als bei der Truppe — auch im Angriff zeigte. Manchmal mochten wohl auch noch andere Gründe, wie örtliche Führungsfehler, die gleichmäßige und schüttere Besetzung allzu stark gestreckter Fronten, Überanstrengung und in selteneren Fällen auch die Unzuverlässigkeit einzelner Truppen, mitspielen, um eine unverhältnismäßig große Auswirkung feindlicher Teilerfolge herbeizuführen. Wie dem immer gewesen sein mochte, es schien jedenfalls nicht länger anzugehen, die Verteidigung auf eine einzige Stellung, die im Wesen selbst nur aus einer Linie bestand, zu stützen.

Schon Ende November 1915 hatte das AOK. „Anhaltspunkte für die Ausführung von Feldbefestigungen“ hinausgegeben, in denen die Anlage von zweiten und dritten Stellungen hinter der ersten in Entfernungen von zwei bis drei Kilometern voneinander gefordert war, mit dem Grundgedanken, daß die gleichzeitige Niederkämpfung zweier Stellungen durch die feindliche Artillerie ausgeschlossen sein sollte. Jede Stellung hatte aus zwei bis drei durchlaufenden, verteidigungsfähigen Linien zu bestehen; auch sollten einzelne Stützpunkte in deren Rücken einem feindlichen Einbrüche die Stirne bieten und Riegelstellungen, zu denen vor allem die Verbindungsgräben auszubauen waren, ein Aufrollen nach der Flanke verhindern.

Für den Verlauf der einzelnen Linien trat die Forderung nach weitem Ausschuß so sehr zurück, daß selbst ihre Anlage auf feindab gelegenen, der feindlichen Beobachtung weniger offen liegenden Hängen empfohlen wurde (Hinterhangstellungen), eine Lösung, die freilich bei unseren Truppen nie recht Anklang fand. Größter Wert wurde auf die gegenseitige Flankierung aller Teile des Kampfgrabens gelegt, wobei den entweder offen über Bank feuernden oder in eigene Nischen kofferartig vor den Graben gestellten Maschinengewehren eine große Rolle zugedacht war.

Ganz eingedeckte Schützengräben, die sich vielfach noch großer, aber unverdienter Beliebtheit erfreuten, wurden verboten und sogar die Nachteile der durchlaufenden, festen Schrapnelldächer bereits voll erkannt. Höchstens als Schutz gegen Regen und Schnee sollten für kleinere Teile des Grabens leicht abwerfbare Dächer zugelassen werden. Dafür war verlangt, daß die gesamte Besatzung Schutz gegen Massenfeuer der Artillerie in granatsicheren Unterständen finden müsse, die teils unter der Kammlinie des vordersten Grabens, teils in hinteren Linien vier Meter tief bergmännisch unter die Erde miniert (sogenannte „Fuchslöcher“) oder mit der Zeit als Eisenbetonbauten geschaffen werden sollten. Die Artillerie, die sich im übrigen in ähnlicher Weise durch schußsichere Deckungen zu schützen hatte, sollte so nahe wie möglich an die vorderste Infanterie heranrücken und Stellungen wählen, aus denen sie flankierend wirken konnte.

Das waren sehr voraussehende Weisungen, aber bis sich ihre Gedanken an der ganzen Front durchsetzten, hatte es natürlich noch seine guten Wege. Zu der schier unendlichen Vielfalt der Arbeiten fehlten die Kräfte. Die Truppe hatte wahrlich Tag und Nacht zu schaffen und zu graben. Die vielen Anlagen mußten nicht nur gebaut, sondern auch instandgehalten werden. Da waren die Wände gegen Nachrutschen des Erdreiches mit allerlei Geflecht, seltener mit Brettern zu verkleiden, bei

Schneefall die tiefen Gräben, die Unterstände und Schießscharten freizulegen. Setzte Tauwetter ein, so standen trotz aller Vorsorgen für den Wasserablauf große Teile der Gräben unter Wasser, Holzbauten, wie Schrapnelldächer, Unterstände u.dgl. m., zu Zeiten gefrorenen Bodens gebaut, sanken ein und mußten erneuert werden. Kein Wunder, daß hinteren Stellungen nur geringere Aufmerksamkeit zugewandt blieb, und daß sie mehr angedeutet als wirklich ausgeführt wurden. Da sie nicht dauernd instandgehalten werden konnten, verfielen sie nicht selten nach kurzer Zeit.

Dazu kam, daß sowohl örtliche Gelände- und Bodenverhältnisse, wie auch verschiedenartige Auffassungen der höheren Befehlsstellen und schließlich die unterschiedliche Neigung der Truppen zur Abwehr und zur Erdarbeit, eine gleichmäßige Anwendung der Neuerungen an allen Teilen der Front ausschlossen. Die Weisungen für den Stellungsbau wuchsen an; teilweise widersprachen sie einander. Schon ausgeführte Arbeiten mußten wieder zugeschüttet werden. Nach neueren Erfahrungen der Westfront wurde der Ausbau einer „Hundertmeterlinie“ verlangt. „Niemand verstand wozu“1). Später kam eine „Fünfhundertmeterlinie“ dazu. Obwohl das alles ja nichts anderes bedeutete, als die längst in Angriff genommenen zweiten und dritten Linien, gab es doch manches Mißverständnis. Mit den Schrapnelldächern blieb es nicht bei der strengen Auffassung der „Anhaltspunkte“. Manche Vorteile schienen für sie zu sprechen. An vielen Orten war das zwischen Kampf- und Verkehrsgraben aufgeworfene Erdreich dazu benützt worden, in Form hoher Wälle sogenannte „Überbankstellungen“, auch „Nacht-“ oder „Schneestellungen“ genannt, auszubauen. Über ihren Wert gingen die Meinungen auseinander; bei Tauwetter begannen die durch viele Gräben zerschnittenen, geschwächten Erdblöcke zu rutschen, was neuerliche Arbeit verursachte. Die Truppen, die ja auch noch den aufreibenden Sicherungsund Patrouillendienst zu besorgen hatten, fanden kaum die spärlichste Ruhe, selbst dann nicht, wenn sie an der Front abgelöst wurden und als Reserve ins Hintergelände kamen. Denn dort gab es gleichfalls Reservestellungen und Wege anzulegen und instandzuhalten, des nachts außerdem Bau- und Hindernismaterial den Stellungskompagnien zuzutragen. Schließlich konnte auch auf die mindestens zur Wahrung der Manneszucht unentbehrliche Ausbildung nicht ganz verzichtet werden. Zu der womöglich noch wichtigeren gründlichen Kampfschulung, besonders für den

Max P i t r e i c h, Die Schlacht bei Okna (Wien 1926), 43.

Angriff, blieb der Truppe keine Zeit übrig; auch fehlte es noch fast überall an entschiedener Anregung hiezu durch die höheren Stellen.

Allenthalben vereinigten Führung und Truppe ihre ganze Aufmerksamkeit eigentlich auf die — freilich nicht zu unterschätzenden — Einzelheiten des Baues der Stellungen; darüber jedoch, wie man in diesen Stellungen den Abwehrkampf zu führen gedachte, gab es kaum eine einheitliche, jedenfalls keine geregelte Vorstellung. Fest stand nur, daß die vorderste Linie unbedingt zu halten war, und alle Vorbereitungen zielten darauf hin, den Kampf um diese Linie, und zwar in ihr zu führen.

In dieser Lage trafen die russischen Angriffe um die Jahreswende unsere Truppen und Stellungen östlich von Czernowitz und an der Strypa. Die Truppen bestanden diese Probe auf das glänzendste. Obgleich das nun von den Russen zum ersten Male angewendete mächtige Artilleriemassenfeuer die Gräben verschüttete, gelang es überall, die heftigen, bis zu 16 Sturmwellen tiefen, mit großer Zähigkeit immer wieder versuchten Angriffe blutig abzuwehren. Die Fuchslöcher hatten der Beschießung gut widerstanden und bald das anfänglich schwankende Vertrauen der Kämpfer gewonnen. Brach der feindliche Angriff nicht schon im Artilleriefeuer des Verteidigers zusammen, was aber oft der Fall war, so gelang es doch der Besatzung fast immer — wenn nicht anders, so durch das Verlegen des feindlichen Artilleriefeuers alarmiert — rechtzeitig aus den Unterständen zum Nahkampfe mit dem durch das zerschossene Hindernis eingedrungenen Feind hervorzubrechen. Aber selbst wenn der Feind ein Grabenstück in seinen Besitz bekam, verhinderte der Widerstand in hinteren Linien und in rasch besetzten Riegelstellungen jedes Vertiefen oder Erweitern des feindlichen Einbruches und die Gegenstöße der ganz nahe bereitgestellten kleinen Reserven genügten fast immer, das Verlorene wieder in Besitz zu nehmen.

Bisher hatten in der Abwehr stets zwei widerstreitende Grundsätze unentschieden um Geltung gerungen: die Erkenntnis, daß einem eingebrochenen Feinde am besten durch den einheitlichen, artilleristisch gut vorbereiteten, durch starke Truppen ausgeführten Gegenangriff Halt geboten werde, und die Hoffnung, durch zwar vereinzeltes, aber rasches Stopfen entstandener Lücken feindliche Anfangserfolge an der weiteren Ausbreitung zu hindern. Nun war das letztgenannte Verfahren im großen sicherlich auch ein Sinnbild der immer unzureichenden Mittel; wenn es diesmal in schmäleren Räumen unzweifelhaft Erfolg gebracht hatte, so nicht zuletzt deshalb, weil das Gelände — eine langgestreckte Bodenstufe hatte die nahe Bereitstellung der Reserven verlangt — den sofort einsetzenden Gegenstoß begünstigte. Es war die Frage, ob das gleiche Verfahren auf anderer Walstatt nicht zur Zersplitterung der Kräfte führen und wirkungslos bleiben würde; dieser Zwiespalt bildete zusammen mit der Vorstellung, daß der entscheidende Kampf jedenfalls in der vordersten Linie zu führen sein werde, so recht eigentlich das Kernproblem der bis weit in das Jahr 1917 hinein geübten starren Verteidigung.

Auch sonst ließen die Erfahrungen keine einheitlichen Schlüsse zu. Wie weit die einzelnen Linien von einander entfernt sein sollten, wurde ebenso wie der Wert hinterer Linien verschieden beurteilt1). Die Fuchslöcher gewannen wohl höchste Wertschätzung, aber es war nicht leicht, zu entscheiden, wie groß sie am zweckmäßigsten angelegt werden sollten. Dem Wunsche, möglichst rasch die ganze Besatzung unterzubringen, entsprach es, große Deckungen für 30 bis 50 Mann herzustellen; dem stand wieder die Tatsache entgegen, daß die Sicherheit mit der Größe abnahm. In waldreichen Gebieten war — besonders zur Verkleidung von Erdwänden und für die Schrapnelldächer — viel Holz in die Stellung eingebaut worden. Das hatte sich im schweren Artilleriefeuer der Neujahrsschlacht als verhängnisvoll erwiesen; die herumfliegenden Baumstämme und Balken erschlugen viele Leute, die Trümmer verrammelten die Gräben und behinderten den Verkehr. Jetzt erscholl der Ruf ,,fort mit den Schrapnelldächern!“ — aber er drang noch immer nicht bis zu allen Teilen der Front durch. Auf die Verkleidung der Wände mit Holz konnte man, wo nichts anderes zur Verfügung stand, trotz der Erkenntnis ihrer Gefährlichkeit, nicht verzichten.

Sicherlich sprachen sich in all den schon vor der Neujahrsschlacht angebahnten und dann nachher entschieden betriebenen Neuerungen des Stellungsbaues bereits die ersten Ansätze der zukünftigen Flächenverteidigung aus. Aber bis zu ihrer Durchführung bedurfte es doch auch einer wesentlichen geistigen Umstellung. Schließlich, wieviele Linien und Stellungen man auch plante und — mit der Zeit — sogar baute, das Ideal blieb doch, den feindlichen Ansturm an dem vordersten Graben zerschellen zu lassen. Die Truppe selbst drängte dorthin, wo sie mit ihrer unausgesetzten Arbeit nicht nur die erträglichsten Lebensbedingungen, sondern auch die besten Voraussetzungen für den Kampf geschaffen hatte, wo sie alle ihre Waffen — und es kamen allmählich zu den vermehrten Maschinengewehren auch Infanteriegeschütze, Granatwerfer, Minenwerfer, da und dort selbst einzelne Feldgeschütze hinzu — bereitgestellt hatte. Wenn die Führung auch das Gefährliche solcher Anhäufung erkannte, so trat

!) Max P i t r e i c h, Okna, 43 f.

sie doch nur zögernd dagegen auf, weil am Ende auch sie in der Behauptung der vordersten Linie die sicherste Gewähr des Erfolges sah.

Am wenigsten Grund, ihre Kampfweise zu überprüfen, hatte — so glaubte man — die Artillerie. In der Tat durfte sie sich außerordentlichen Anteil an den bisherigen Erfolgen zuschreiben. Das wohlvorbereitete Sperrfeuer hatte sich auch in der Neujahrsschlacht als sehr wirksam erwiesen. In einzelnen Fällen war es gelungen, mehr als 40 Batterien von einer Stelle aus einheitlich zu leiten. Da die Batterien sehr weit vorne aufgefahren waren, konnten sie die Reichweite ihrer Geschütze gut zur Geltung bringen und — was so sehr erstrebt wurde — überall flankierend wirken. Dabei hatte die Erfahrung etwaige Bedenken Lügen gestraft, daß die Batterien auf diese Art allzu leicht den Wechselfällen der jeweiligen Infanterielage ausgesetzt sein könnten. Die in solchen Fällen gerade in kritischen Augenblicken unvermeidliche Frage, „ausharren oder Geschütze retten“, war tatsächlich an die braven Artilleristen gar nicht herangetreten. Es war natürlich, daß die in den Neujahrskämpfen bewährten Grundsätze beibehalten und weiter ausgebaut wurden.

Es sollten noch Monate vergehen, bis die mehr oder minder glückliche Lösung aller dieser Fragen neuerlich auf die Probe gestellt wurde. Einstweilen gab es auch im Stellungskriege manche Abwechslung. Die schon Ende Jänner wieder eintretende Kampfruhe war weder gleichmäßig noch andauernd. An manchen Stellen lagen die feindlichen Gräben ganz nahe; da ruhte das Geplänkel zwischen Scharfschützen und Handgranatenwerfern nie und eine unvorsichtige Wendung des Kopfes aus dem Deckungsbereich des Schutzschildes mußte blutig bezahlt werden. Gleichwie an der italienischen Front entbrannte an mehreren Stellen der bukowinaisch-bessarabischen Front, dann bei Cebrów nordwestlich von Tarnopol der ebenso mühsame wie nervenzermürbende Minenkrieg. Wo die Entfernung der Linien aber sehr groß war, entwickelte sich bald ein Kampf um die Vorherrschaft im „Niemandsland“. Hiefür hatten viele Truppenkörper schon 1915 eigene „Jagdkommandos“ aus besonders geschickten und unternehmungslustigen Leuten gebildet. Im zweiten Kriegswinter bestanden sie schon fast überall und lieferten bei ihrer ebenso romantischen wie gefährlichen Aufgabe manches Scharmützel mit ähnlichen Abteilungen der Russen und mit deren Feldwachen. Da wurde dann die Stille der Nächte, in denen sonst nur das Schauspiel der von beiden Seiten in farbigen Lichtbogen aufzischenden Leuchtraketen, sowie der hin und wieder aufblitzenden Scheinwerfer Zeugnis einer kampfbereiten Wachsamkeit gab, durch ein plötzlich aufflackerndes und ebenso rasch verstummendes Ge-IV    9 wehrgeknatter zerrissen. Wenn der Morgen graute, kehrten die in ihren weißen Schneemänteln fast unsichtbaren Gestalten durch das Hindernis wieder zurück. Gar oft brachten sie überwundene Feinde, aber auch manch einen Kameraden mit, der seinen Heldenmut mit dem Leben oder mit schwerer Verwundung bezahlt hatte.

Bei Tag unterbrach gewöhnlich nur für kurze Zeit das mit einer gewissen Regelmäßigkeit einsetzende „Störungsfeuer“ der einen oder der anderen Artillerie die Ruhe. Überstieg es das gewohnte Maß, so antwortete die Gegenseite mit einem schärferen „Vergeltungs'feuer“ und nicht selten entwickelte sich daraus ein förmliches Artillerieduell. Manchmal aber entbrannten auch kleinere oder größere örtliche Gefechte; bald mußten aus Erkundungsgründen Gefangene eingebracht, bald die Lage eines ungünstig verlaufenden Stellungsteiles verbessert werden. Zuweilen wurden „besondere Unternehmungen mit begrenzten Zielen“ auch nur durchgeführt, um den Angriffsgeist nicht allzusehr verkümmern zu lassen. Solche Anlässe, die dann immer Gelegenheit gaben, planmäßige Artilleriewirkung mit einem genau geregelten Verhalten der Infanterie zu verbinden, waren gar nicht selten. Nicht immer stand ihr Ergebnis im Einklang mit den Opfern, die sie gekostet hatten.

Schon mußten auch Vorsorgen gegen eine neue Waffe getroffen werden, gegen das Gas. Sie blieben vorerst noch recht primitiv. Wollappen oder Werg, später eigens hergerichtete Schutzpäckchen sollten mit einer in den Gräben bereitgestellten Kalklösung getränkt, vor Mund und Nase gehalten werden und die Atmungsorgane gegen das Gas schützen. Erst um die Jahreswende 1915/16 kamen die ersten Gasschutzmasken aus Deutschland. Ein besonderer Beobachtungsdienst wurde eingerichtet, und der „Gasalarm“ mit Glocken und ähnlichen Vorrichtungen sollte die Besatzung rechtzeitig warnen, wenn aus den feindlichen Gräben abgeblasene Gasschwaden sich vorwälzen würden. Es kam indessen im Bereiche öst.-ung. Truppen vorerst nirgends dazu. Obwohl auch bei uns schon Granaten mit einer Füllung aus sogenanntem „T-Stoffe“ erzeugt wurden, einer Flüssigkeit, die ein Tränen hervorrufendes, übelriechendes Gas entwickelte, widersetzte sich der ritterliche Kaiser Franz Joseph auf das entschiedenste ihrer Verwendung. Noch im Oktober 1915 fand sich auf einem über Gaskämpfe erstatteten Berichte die Bemerkung, daß daran bei k. u. k. Truppen nicht gedacht werden dürfe.

Inmitten seiner vielfältigen Arbeit bot der Stellungskrieg den Truppen, namentlich nach Neujahr 1916, doch auch wieder ein zwar bescheidenes, aber doch beglückt empfundenes Behagen. Wochen des Grabendienstes wechselten mit dem Aufenthalt in Reservestellungen. Unter geschickten Händen wuchsen zahlreiche Waldlager, ganze Blockhäuserkolonien aus dem Boden, von Gartenanlagen umgebene kleine „Villen“, die mit dürftigem, aus zerschossenen Dörfern zusammengetragenem Hausrat wohnlich gemacht wurden. Bald hatten Ansiedlungen, Wege und bedeutsame Punkte in der Landschaft ihre besonderen Namen, die meist an heimatliche Bezeichnungen oder an die Namen beliebter Führer anknüpften. Feldpost, „Liebesgaben“ und die nun gleichfalls in Übung gekommenen kurzen Urlaube stellten den Kontakt mit einer Welt her, in die man noch lange nicht dauernd zurückkehren sollte. Gute und wenigstens zeitweise reichlichere Verpflegung entschädigte jetzt für so manche Entbehrung der verflossenen Monate; noch höher wog es, wenn ein erbeutetes Huhn oder Wild Gelegenheit gab, die eigenen Kochkünste an solcher Zubuße zu entfalten.

Aus wärmedurchfluteten Blockhäusern klangen dann wohl auch heimische Lieder in die dunkle Nacht. Manch ein poetischer Erguß brachte ebenso urwüchsigen Volks- und Soldatenhumor wie gemütvolles Empfinden zum Ausdruck. Und am Tage des Herrn standen in den vom glitzernden Rauhreif überhangenen Wäldern Hunderte von erlebnisgereiften Männern um einen einfachen Feldaltar, neigten in Demut ihr Haupt vor dem Walter des Geschicks und gedachten der vielen guten Kameraden, die die Kugel schon von ihrer Seite gerafft hatte, sowie des Friedens, den sie sich wohl erst noch erkämpfen müßten.

Die Kampfweise auf dem italienischen Kriegs-

sch auplatze

Aus der besonderen Lage an der Südwestfront entwickelte sich eine Kampfweise nach eigenen Gesetzen. Von Haus aus war ihr — im großen betrachtet — die Aufgabe striktester Verteidigung zwingend vorgeschrieben (Bd. III, S. 8, 347). Da selbst zu einzelnen begrenzten Entlastungsstößen die Kräfte fehlten (Bd. III, S.347 f.), blieb auch darin keine Wahl, wie die Abwehr geführt werden solle. Die politischen Ziele des Feindes: Görz, Triest, Trient lagen in unmittelbarer Nähe der Kampflinien oder hart an der Grenze des Wirkungsbereiches der feindlichen Geschütze. Unter diesen Umständen war das Festhalten von jedem Fußbreit Boden mit hartem Willen dringendes Gebot.

Bei den völlig unzureichenden Mitteln gegenüber einem zahlen-

9*

mäßig und nach Ausrüstung weit überlegenen Feind mochten anfangs die Aussichten selbst solcher Kampfweise zweifelhaft gewesen sein. Alsbald aber wurde daraus jene „starre Verteidigung“, die mit nur geringen Wandlungen das Kennzeichen aller Isonzoschlachten blieb (Bd. III, S. 349). Unter welch mühevollem Ringen mit dem widerspenstigen Boden die Truppe allenthalben ihr Kampffeld zurechtrichten mußte, wie sehr die Lebensbedingungen des öden, lebenslosen Karstgebietes, sowie der nicht minder unwirtlichen, verkarsteten Höhen bis hinauf zum karnischen Hauptkamm ihr dabei das Dasein erschwerten, ist schon ausführlich geschildert worden (Bd. III, S. 352 ff., 359 ff.).

Lange Monate hindurch blieben dort Steinriegel und im besten Falle knietiefe Gräben die Stätte, wo die vordersten Kompagnien lebten und kämpften, seichte Dolinen der Aufenthalt der unteren Befehlsstellen und der Reserven sowie die Brennpunkte des täglichen Lebens und Leidens. Mit einer Regelmäßigkeit, die um nichts die Größe der Opfer und des Heldenmutes der Kämpfer verminderte, spielte sich die Abwehr ab. Stunden- und tagelang waren die Streiter dem mörderischen Feuer der feindlichen Geschütze und Minenwerfer in der deckungslosen Steinwüste sozusagen schutzlos preisgegeben. Von Stunde zu Stunde verringerte sich die Zahl derjenigen, die noch — Handgranate am Leibriemen und Gewehr in der Hand — des feindlichen Sturmes harrten. Aber wenn er endlich losbrach, was geradezu als Erlösung empfunden wurde, weil dann wenigstens der Hagel von Eisen und Steinsplittern aussetzte, hielten die zusammengeschmolzenen Reste des Verteidigers trotz allem an den durcheinandergeworfenen Steinhaufen unerschüttert und abwehrbereit fest. Und schon schlug, durch die rote Leuchtrakete ausgelöst, wirksames Sperrfeuer in den Angreifer, dessen Sturm zu zerflattern, sich in zahlreiche Einzelhandlungen aufzulösen begann. Gegen die wohl tapfer aber zusammenhanglos vordringenden Gruppen flogen jetzt im Bogen die Handgranaten, pfiffen die Garben der Maschinengewehre. Ungezählte Angriffe wurden so im Keime erstickt. Da und dort ging ein gänzlich verschüttetes, von Kämpfern entblößtes Grabenstück verloren. Aber hinter einem Felsblock knatterte ein Maschinengewehr, aus einer Doline sprangen Reserven heraus, bald tobte blutiges Handgemenge. Der Italiener warf neue Regimenter in den Kampf; aber auch der Verteidiger erhielt Verstärkung. Von beiden Seiten heulten wieder Artilleriegeschosse heran, rissen Erde und Felsstücke in die Luft und tiefe Lücken in das Kampfgewühl von Freund und Feind. Leuchtkugeln flogen als Hilferufe an die Schwesterwaffe durch den dichten Nebel von Staub und Rauch gegen den. Himmel. Heiß und blutig wurde Schritt um Schritt zurückgewonnen, bis die Gegend, wo wirre Drahtknäuel und Steinhaufen die frühere Linie bezeichneten, wieder im Besitz der Verteidiger war. Sie bildeten freilich nur mehr ein kleines Häuflein, das in einer der nächsten Nächte abgelöst werden mußte. Die neuen Bataillone, schon beim Marsche in die Stellung durch Verluste geschwächt, führten hinter den flüchtig wieder hergestellten Steinriegeln den gleichen Kampf; bis der erschöpfte Angreifer in seine Ausgangsstellungen zurückkehrte, oder hinter von ihm neu errichteten Steinriegeln Ruhe suchte1).

Ohne Pause, ohne Rast hub sogleich die Vorbereitung für die nächste Schlacht an. Wieder erstanden die Mauerriegel aus übereinandergeschlichteten Brocken des grauen, scharfkantigen Kalkgesteins und aus den mit solchen Trümmern angefüllten Sandsäcken, wieder wurden die Lücken im Hindernis mit frischem Stacheldraht und eisernen spanischen Reitern geschlossen, neue Hindernisreihen geschaffen. Weiter ging die harte Plage mit dem schwer bearbeitbaren Boden, dem jeder Zoll Deckung mit Brecheisen und Krampen abgerungen werden mußte; nur wenn einige Sprengpatronen kamen, ging es nach mühsamer Arbeit mit dem Handbohrer etwas rascher in die Tiefe. Nach wie vor mußten Wellblech und Pappe als Dach dienen bei Borastürmen wie bei Schirokkoregen. Richtige granatsichere Unterstände, hier Kavernen genannt, konnten nur äußerst langsam in mühsamer Bohr- und Sprengarbeit fertiggebracht werden. Noch im Dezember 1915 waren sie höchst selten anzutreffen.

An der Front konzentrierte sich alles Leben auf die wenigen Nachtstunden. Die Regimentsgeschichte des IR. 47 sagt darüber folgendes 2): „Regsam wie in einem Ameisenbau ging es im Stellungsbereich nach Einbruch der Dunkelheit zu. Ablösende Abteilungen kamen und gingen. Sappeurpartien übernahmen von ihren Kameraden die Fortsetzung des Kavernenbaues, Arbeiterabteilungen brachten spanische Reiter und technisches Material, Pfosten und Bretter. Nun erst war es möglich, Verwundete zum Regimentshilfsplatz zu bringen, Gefallene, falls ihre Beerdigung nicht in einer nahen Doline erfolgte, zurückzuschaffen und die Schäden der tagsüber erfolgten Beschießung zu überblicken und zu beheben. Zerstörte Telephonlinien, deren Instandsetzung den aufopfernd braven Telephonisten am Tage nicht möglich war, wurden ausgebessert. Auf

x) Überaus packende Schilderungen solcher Isonzokämpfe bringen Kalten-boeck in seinem Kriegsbuche „Armee im Schatten“ (Innsbruck [1932]), 147ff. und Weber, Menschenmauer am Isonzo (Wien 1932).

2) Vogelsang, Das steirische IR. 47 im Weltkrieg (Graz 1932), 330 f.

den wenigen Anmarschwegen herrschte ein geradezu lebensgefährliches Gedränge. Endlose Tragtierkolonnen, Artilleriemunitionsstaffel, Verwundetentransporte, mitten hindurch wieder Truppenkolonnen, alles in größter Eile zu oder aus den Stellungen marschierend. Sorgfältig werden die Feuerpausen der italienischen Artillerie ausgenützt, um heil und rasch über die gefährdeten Strecken zu kommen.

Der Jubelruf: Die Menage ist da! kündete den Licht- und Höhepunkt des endlosen Stellungstages an. Von den Tragtieren soweit als möglich vorgebracht und von den Leuten der Kompagnie in die Stellung getragen, wurden die Kochkisten in Windeseile ihres ersehnten Inhaltes entleert. Dann gelangten als heiß ersehnte Beigabe Briefe und Zeitungen zur Ausgabe. Dabei hieß es stets auf der Hut sein, denn krachend und steinesplitternd fielen dazwischen italienische Granaten ein, platzten einem Feuerball gleich Schrapnelle, pfiffen verirrte Infanteriegeschosse, dann wieder tastete der Lichtkegel eines italienischen Scheinwerfers grellweiß das Gelände ab, oder es beleuchteten blitzartig die Raketen der des Nachts sehr nervösen Welschen das Vorterrain.“

Es war ein stilles, manchmal viel zu wenig gewürdigtes Heldentum, das da von Rechnungsunteroffizieren und Köchen, Fahrsoldaten und Tragtierführern allnächtlich vollbracht wurde. Neben den Erfordernissen des täglichen Bedarfes mußten in den Bereich der Kampfbataillone auch noch die sogenannten „Trommelfeuervorräte“ geschafft werden, eine zur Not für drei Tage ausreichende Verpflegsmenge, die aus Fleisch- und Kaffeekonserven, Zwieback und Rauchmaterial und etwa einem Liter Wasser für jeden Mann bestand, und die als eiserne Reserve diente für den Fall, daß schweres Artilleriefeuer den Zuschub vorübergehend ausschließen sollte.

Inzwischen arbeiteten im Rücken der kämpfenden Truppen Sappeure und Arbeiterabteilungen an einer ganzen Reihe planmäßig ermittelter Stellungen. Sie waren keineswegs als Anlagen einer beweglichen Flächenverteidigung gedacht; auch wenn nach und nach die Hundertmeter- und die Fünfhundertmeterlinie dazukamen (man nannte sie hier „b“- und „c“-LinienJ, sollten sie lediglich als Rückhalt und Aufnahmsstellungen dienen. Als dann später Gesteinsbohrmaschinen in wachsender Zahl herangebracht wurden, konnte der Ausbau hinterer Stellungen und der Kavernen einigermaßen beschleunigt werden.

Wie sich in den Grenzgebirgen Kärntens und in der Fels- und Gletscherwelt Tirols der Kampf mit dem Feinde und den kaum weniger gefährlichen Naturgewalten abspielte, ist in groben Strichen (Bd. III

S. 361 ff.) schon geschildert worden1). Daß man im Hochgebirge auch angreifen konnte, hatte eine ganze Reihe erfolgreicher Angriffe bewiesen. Man hatte gelernt, sie gut zu organisieren. War einmal ein solcher Vorstoß nicht geglückt, so hatte er doch meist wertvolle Erfahrungen für spätere Unternehmungen gebracht.

Noch augenfälliger war die Gewöhnung an den Krieg und an seine neuzeitliche Form dort, wo in dem unwegsamen, außergewöhnlich schwierigen Gebirgsgelände des Balkans ein zäher, kampfgewohnter, verschlagener Feind bezwungen worden war.

Kein Zweifel, die Armee hatte in diesen nahezu zwei Jahren gelernt, sich den neuen, bisher nicht einmal geahnten Forderungen dieses so ganz anders gearteten Krieges anzupassen: anzugreifen und dabei, soweit es die immer noch geringen Kampfmittel zuließen, Blut zu sparen, zu verteidigen und dabei mit einem Mindestmaß von Kräften auszukommen. Das Vertrauen in die Wirksamkeit dieser Erfahrungen war gewiß eine Voraussetzung für die Pläne, die die Heeresleitung nun im Frühjahr

1916 verwirklichen wollte. Wenn sie jetzt das Schwergewicht des Krieges zur ersten Offensive nach dem Südwesten verlegte, so hatte sie in der Tat allen Grund, fest auf die Abwehrkraft der anderen Teile der Armee zu bauen. Dem rückschauenden Beobachter stellt sich freilich das Kampfverfahren der Verteidigungsschlacht im Nordosten und im Südwesten grundverschieden dar. Auf dem italienischen Schlachtfelde hatte vieles zusammengewirkt, um der Abwehr äußerst feste Formen zu geben. Wohl widersetzte sich das Gelände dem Ausbau widerstandsfähiger Kampfanlagen, bot aber dafür auch außerhalb der dürftig ausgestalteten Linien, die als Stellung galten, auf Schritt und Tritt dem einzelnen Kämpfer wenigstens notdürftige Deckung, und kleineren Gruppen die Möglichkeit zu verdeckter Aufstellung und zu überraschenden Gegenstößen. Gerade im schwierigen Gelände wurde so die auch hier grundsätzlich starre Abwehr im Rahmen der niederen Taktik aus

x) Außer der dort angeführten Literatur seien noch hervorgehoben: B a x a, Alpen im Feuer. Mit den Kärntner Achterjägern an der italienischen Front (Klagenfurt 1931); C z a n t, Alpinismus und die Gebirgsfronten im Weltkrieg (Berlin 1926); Fröhlich, Der Kampf um die Berge Tirols (Bregenz 1932); J a k o n c i g, Tiroler Kaiserjäger im Weltkrieg (Innsbruck 1931); Krug, Alpcnkrieg (Graz 1918); Langes, Front in Fels und Eis ^München 1933); Ompteda, Bergkrieg (Berlin 1932); P i chler, Der Krieg in Tirol 1915—16 (Innsbruck 1924); Weber, Feuer auf den Gipfeln, Südtiroler Alpenkrieg (Regensburg 1932); ein reicher Schriftennachweis findet sich bei M eil, Österreichische Literatur über den Gebirgskrieg (Mil. will. Mitt., Wien, Jhrg. 1927, 640ff.).

der Truppe heraus beweglich und zu einem Kampfe um die vorderste Linie, aber nicht in ihr.

Anders im Nordosten. Wohl waren die Erfolge der Jännerschlacht einem ähnlichen Verfahren, wie es am Isonzo seit längerem erfolgreich geübt wurde, zu danken gewesen. Aber die Bodengestaltung erlaubte nicht, die Lehren dieses Beispiels zu verallgemeinern. Hier, im Hügel-und Flachland Ostgaliziens und Wolhyniens, ging, sobald die auf das stärkste befestigte erste Linie in die Gewalt des Feindes geriet, die wesentliche Grundlage des gesamten Widerstandes verloren. Die hinteren Stellungen waren meist schwach und kein Ersatz für die im Gelände fehlenden natürlichen Widerstandslinien, wie solche sich im Südwesten überall rasch und leicht finden ließen.

Dazu kam, daß die Truppen auf den beiden Kriegsschauplätzen sehr verschieden große Räume zu verteidigen hatten. Zwar kämpften auch im Südwesten manche Divisionen — so die 18. ID. bei Görz — in Ausdehnungen von 20 Kilometern, streckten sich andere an weniger bedrohten Frontstücken bis auf 36 Kilometer (48.ID. auf dem Karni-schen Kamm); wo aber die heftigsten Angriffe tobten, so bei Doberdö, standen auf 16 Kilometer Breite sechs bis sieben Divisionen mit 60.000 Feuergewehren und mit einer Artillerie, die immerhin auf jeden Kilometer etwa 20 leichte und 6 schwere Geschütze wirken lassen konnte.

Auf dem russischen Kriegsschauplätze war die Kräfteverteilung nur in der siegreichen Neujahrsschlacht ähnlich, sogar noch etwas günstiger gewesen, wo beispielsweise in dem viereinhalb Kilometer breiten angegriffenen Abschnitte Toporoutz—Rarancze 15.000 Feuergewehre in der Front und ebenso viele dahinter zur Ablösung bereit standen, und 180 Geschütze den Kampf unterstützten. In der Regel mußte man sich auf diesem Kriegsschauplätze jedoch mit viel geringeren Kräften zufrieden geben. Kam doch anfangs Mai 1916 bei der 7. Armee, der Deutschen Südarmee und bei der 4. Armee unter Einrechnung aller Reserven nur eine Division auf je 10 Kilometer, im ganzen Raume zwischen Sereth und Pripiatj eine gar nur auf je 25 Kilometer. Wenn dabei auch die Besetzung der russischen Linien meist von ähnlicher Dichte war, so blieb die Größe der Frontabschnitte doch immer von bedeutendem Einfluß auf die Kampfführung. Nicht unberücksicht darf bleiben, daß allmählich die erprobtesten Einheiten an die Kampffront gegen Italien gezogen worden waren. Schließlich scheint es sogar, als ob die Kämpfer selbst unter sehr verschiedenen seelischen Eindrücken gestanden wären, wenn sie sich an der einen oder der anderen Front befanden.

Die seelischen Kräfte

In den vorhergehenden Abschnitten ist der Aufschwung geschildert worden, den die Wehrmacht Österreich-Ungarns vom Frühjahr 1915 bis zum Frühjahr 1916 auf dem Gebiete der Kampfstärken und in der Ausrüstung genommen hatte. Stand hinter diesen Fortschritten auch das Gespenst drohenden Menschenmangels und der wachsenden Knappheit an Rohstoffen, so konnte fürs erste den kommenden Kämpfen doch mit Ruhe und Zuversicht entgegengesehen werden. Dies galt für den Körper des Heeres und — mit gewissen Einschränkungen auch für dessen Geist. Diesem hatte der Mai 1915, der Mai von Gorlice, in doppeltem Sinne-einen Frühling gebracht. Und daß im gleichen Monat im Südwesten des Reiches ein neuer, gefährlicher Feind sein frisches Schwert erhob, hat nur noch mehr Entschlossenheit in die Herzen getragen. Unter den kaiserlichen Fahnen, die am Isonzo und in den Grenzgebirgen Südtirols gehißt wurden, erlebte — in seiner ehrwürdigen Armee — das bunte Völkerreich an der Donau nachgerade seine letzte Wiedergeburt. Zugleich machte im Norden das Heer den großen Siegeszug mit, der es gemeinsam mit dem deutschen Bundesgenossen von Gorlice und Tarnow über Lemberg und Iwangorod bis Brest-Litowsk und an den Rand der großen Sümpfe führte, und es schöpfte aus der Niederlage der russischen Millionenarmee, der es sich eben noch in den Karpathen mit dem Aufgebot der letzten Kraft erwehrt hatte, neues, den Tag überdauerndes Selbstbewußtsein.

Gegenüber diesen Ergebnissen brachte dann freilich im Kriege gegen Rußland das Leben in der „Dauerstellung“ gewisse Schatten mit sich. Durch die aufreibende Arbeit am Stellungsbau in der Unbill des kontinentalen Winters blieb den Truppen wirkliche körperliche Erholung versagt. Dafür aber hatte für sie der Feind seinen Nimbus gefürchteter Überlegenheit zum guten Teil verloren. Das darauffolgende Versanden •der Kämpfe durch lange Zeitfristen und an breiten Frontabschnitten •schädigte nicht nur die Kampfvertrautheit, sondern ließ im Herzen des einfachen Mannes auch etwas von der Vorstellung heranreifen, als ob man den Friedensschluß in den mühselig hergestellten und erhaltenen Gräben erleben könnte, ohne sie noch einmal ernsthaft verteidigen zu müssen. Dergleichen Empfindungen konnten im Südwesten, wo der Kampf die Nerven unausgesetzt in Spannung hielt, nicht aufkommen. Zudem kämpfte hier die Masse der Soldaten mit einem weit stärkeren Gefühle der Heimatnähe als im fernen Nordosten und der Slawe war überdies von dem Drucke befreit, gegen verwandtes Blut kämpfen zu müssen.

Die Kraftprobe, auf die Reich und Heer im Frühjahr 1915 zurückblicken konnten, wirkte selbstverständlich am stärksten auf die führenden Völker des Reiches. Es wurde zu einem geschichtlichem Symbol, daß die letzte Truppe, die der greise Kaiser Franz Joseph vor seinem Heimgang an sich vorüberziehen ließ, ein Tiroler Jägerregiment gewesen ist1). Die deutschen Regimenter hatten nicht eine Stunde lang aufgehört, sich als Garde des um Sein und Nichtsein ringenden Reiches zu fühlen, und sie hatten nur den einen Wunsch, nun auch gegenüber dem neuen Feind an der Verteidigung heimatlichen Bodens unmittelbar mitwirken zu dürfen

— ein Wunsch, der den meisten unter ihnen spätestens im Frühjahr 1916 erfüllt werden sollte. Nicht minder gehobenen Sinnes hatten die Magyaren das Zurückweichen der Russen von den Karpathen miterlebt, und mit begreiflichem Stolz wurden ihre Führer, an der Spitze Stephan Graf Tisza, nimmer müde, den Ruhm ihrer Truppen mit dem Schwung des nationalen Temperaments in aller Welt zu verkünden, wobei freilich auch immer wieder eine Forderung durchklang, die die anderen Reichsgenossen nachdenklich stimmen mußte: das heiße Begehren nach einem weiteren Ausbau des ungarischen „Nationalstaates“ und insonderheit der „Nationalarmee“.

Unerschütterlich standen nach wie vor auch die Kroaten, die Slowenen und die Slowaken zum Reich. Aber auch die im Feldgrau steckenden Söhne anderer slawischer Stämme vermochten sich dem allgemeinen Seelenaufschwung keineswegs ganz zu entziehen. Stellte der Politiker in der Heimat unter dem Eindruck der neuen. Bestandsprobe des Reiches sein oppositionelles Denken doch mindestens erheblich zurück, so mußte es •dem Volksgenossen an der Front schon gar unmöglich sein, gegenüber dem nach dem schweren Karpathenwinter so stark wiedererwachten Lebenswillen des Heeres unempfindlich zu bleiben; wobei noch bei den Südslawen, wie schon berührt, die unmittelbare Bedrohung durch den welschen Erbfeind, bei den Polen die Befreiung ihres Landes von den Russen, bei den Ruthenen die Wiedergewinnung großer Teile der Heimat mehr oder minder starke Impulse boten.

Zwar fand namentlich die k. u. k. 4. Armee in den ersten Wochen der „Gorlice-Offensive“ noch mancherlei Anlaß, über die geringe Widerstandsfähigkeit slawischer Truppenteile Klage zu führen (Bd. II, S. 429), und das Jungbunzlauer IR. 36 mußte sogar, wie zwei Monate zuvor die 28er aus Prag, aus den Listen der Wehrmacht gestrichen werden. Aber

*) Das 1. KJR. unter Obst. v. Soós im Schönbrunner Park auf der Durchreise von Rußland auf den italienischen Kriegsschauplatz.

bald darauf kam vom Isonzo die Kunde, daß sich das noch nicht aufgelöste XI. Marschbataillon des IR. 28 unter der Führung von Offizieren, denen die Maßregelung ihres Truppenkörpers schwer auf der Seele brannte, in den ersten Karstschlachten hervorragend geschlagen habe15), und die Heeresleitung sollte sich ein halbes Jahr später veranlaßt sehen, das Prager Regiment neu aufzustellen. Bald langten auch vom russischen Kriegstheater in wachsender Zahl Meldungen über lobenswerte Leistungen dieser oder jener Truppe mit slawischer Mannschaft ein.

Sogar reichsdeutsche Befehlshaber ließen ab und zu Lob solchen Sinnes hören. Gleiches galt für die siebenbürgisch-rumänischen Regimenter, die in den Reihen des XII. Korps den Zug über Iwangorod bis Baranowicze zurücklegten. Bei den Söhnen kulturell zurückgebliebener Völker spielte auch die Besserung der Lebensbedingungen, wie sie sich seit dem Karpathenwinter vielfach eingestellt hatte, keine unwichtige Rolle. Neben tüchtigen, durch Wort und Beispiel anfeuernden Offizieren bewährte sich die rauchende „Gulaschkanone“, wie die Fahrküche im Soldatenmunde hieß, nach wie vor als Bindemittel verläßlichster Art.

Allerdings blieben, zumal dann, wenn sich wieder kritische Lagen einstellten, mehr oder minder krasse Rückfälle nicht aus. So kamen während der schweren Kämpfe im Herbst 1915 wieder zusehends mehr Klagen, die mit der nationalen Buntheit des Heeres zusammenhingen. Mitunter handelte es sich dabei um Truppenteile, die eben noch belobt worden waren. Den schweren Rückschlag im Feldzug von Rowno schrieb GO. Conrad in seinen Berichten an die Militärkanzlei des Kaisers und Königs teilweise auch dem Versagen verschiedener Truppen aus nationaler Ursache zu. In derselben Zeit wies in Ostgalizien eine böhmische Division nach einem kaum 48stündigen Kampfe in ihren Standesmeldungen fast 5000 Vermißte aus, die hauptsächlich ein tschechisches und ein bosnisches Regiment belasteten. Im Oktober erlitten im Bereiche der Heeresgruppe GdI. Linsingen eine ostgalizische Division und ein tschechisches Schützenregiment empfindliche Schlappen, die gleichfalls auf Rechnung der nationalen Zusammensetzung gesetzt wurden. Solcher Beispiele ließen sich eine ganze Reihe anführen. Sicherlich gab es auch manchen Kommandanten, der irgendeine, auch den besten Truppen nicht erspart bleibende Panik dann, wenn es sich um ein Regiment „unverläßlicher“ Mannschaft handelte, grundsätzlich der nationalen Zusammensetzung ankreidete, mochten die Ursachen auch anderwärts zu suchen gewesen sein. Ebensowenig wäre es richtig, das Versagen slawischer und rumänischer Regimenter — wegen der italienischen Soldaten vergl. Bd. I, S. 46 — ausschließlich politischen Impulsen im engeren Sinne zuzuschreiben. Solche Impulse spielten doch wohl nur in den intellektuelleren Schichten eine größere Rolle. Gewiß aber erleichterten nationalpolitische Einflüsse dem seelisch erschütterten, des Kampfes überdrüssigen Krieger genug oft den Entschluß, sein Heil darin zu suchen, daß er sich gefangen gab oder gar zum Feinde überlief.

Dabei hatte die Erfahrung längst ergeben, daß die Moral der in Betracht kommenden Truppenteile stets beim Einreihen von aus der Heimat eingelangten Marschverbänden den schwersten Proben ausgesetzt war. Der Zustand der Ersatz- und Marschbataillone hatte in den politisch und national schwierigeren Gegenden, zumal in den böhmischen Ländern, in der Tat seit Längerem viel zu wünschen übrig gelassen. Wiederholt kam es bei der Einberufung frisch Gemusterter oder bei ihrem Abmarsch ins Feld zu gröblichen Ausschreitungen, an denen selbstverständlich auch die Bevölkerung Teil hatte, und auch zu schweren Meutereien. Die Militärverwaltung in der Heimat suchte diesen beklagenswerten Übelständen zunächst dadurch beizukommen, daß es die gefährdeten Ersatzkörper in deutsche und magyarische Gegenden verlegte, und so die für das Feld bestimmten Soldaten wenigstens für die letzten Wochen vor ihrem Abgehen an die Front den Einflüssen ihrer bürgerlichen Umgebung entriß. Bei der Feldarmee wurden zeitweilig slawische, rumänische und italienische Ersätze auf andere Truppen aufgeteilt. So begreiflich solche Aushilfsmittel waren, so mannigfach waren die Nachteile, da das Sprachen-wirrsal noch erhöht, die Einwirkung des Offiziers auf den Mann noch erschwert und auch das Gefüge von politisch unberührten Truppenteilen bedroht wurde.

Gewiß war es zu verstehen, daß sich die Heeresleitung auch mühte, das Übel an der Wurzel zu fassen, das ist auf dem Boden der inneren Politik und der Verwaltung. So weit sie, in den weit nach hinten erstreckten Armeebereichen, Herr im Hause war, griff sie selbst, zumal im Anfänge, scharf durch. Standrecht, Freiheitsbeschränkungen, Abschub in Interniertenlagertraten in ihre Rechte. „Dabei kann nicht verschwiegen werden, daß neben Schuldigen manchmal auch Unschuldige getroffen wurden. Sogar Söhne des deutschösterreichischen Stammes entgingen demSchicksale nicht. Manch Gutgesinnter ist durch Unverstand und Übereifer geradezu mit Gewalt in die Reihen der Gegner des Systems getrieben worden“1). Mi*- dem Durchgreifen im Armeebereich betrachtete die Heeresleitung ihre Pflichten aber noch nicht für abgeschlossen. Der Kriegsausnahmezustand und die Ausdehnung der Militärjustiz auf Hochverrat und verwandte Delikte2) bot ihr, zumal im westlichen Staatsteile der Monarchie

— inUngarn widersetzte sich Tisza — die Möglichkeit, auch in das Leben und Treiben der Heimat tief einzugreifen. So wurden auf militärisches Drängen hin in den böhmischen Ländern zahlreiche politische Führer verhaftet, die — was man damals allerdings noch nicht wußte — durchwegs der ,,Maffia“, einer Verschwörerorganisation, angehörten3), und es wurde auch eine ganze Reihe politischer Prozesse abgeführt. Sicherlich unterliefen auch hiebei mehr oder minder schwere Fehlgriffe. Grundsätzlich muß aber doch gesagt werden, daß diese von der Heeresleitung betriebenen Maßnahmen durchaus dem an sich berechtigten Gefühle der Notwehr gegenüber Bewegungen entsprangen, durch die die Kriegführung auf das Empfindlichste beengt und beeinträchtigt wurde.

Aus den gleichen Gefühlsquellen leiteten sich die zahlreichen innerpolitischen Reformvorschläge her, „die der Generalstabschef, hierin nicht selten dem Drängen tatendurstiger Ratgeber nachgebend, durchzusetzen sich bemühte. Der alte Kaiser legte sie meistens zu den Akten. Auch der Ajitrag, an die Spitze Böhmens, Kroatiens und Galiziens militärische Statthalter zu stellen, wurde nur für Galizien angenommen4), da es Kriegsgebiet war, während sich die Heeresleitung in Böhmen mit dem Ersatz des tschechenfreundlichen Fürsten Thun durch den deutschgesinnten Grafen Coudenhove begnügen mußte5).“

Daß der Kampf, der im Heere und in der Heimat gegen staatsfeindliche Strömungen geführt wurde, dem neutralen und dem feindlichen Auslande nicht verborgen blieb, dafür sorgten schon die zahlreichen Auswanderer, Kolonisten und Emigranten aus dem Lager der betreffenden Nationen. Ihre Führung hatte, soweit sie dem Habsburgerreich feindlich gesinnt waren, im Sommer 1915 unbestritten der tschechische Professor

x) Glaise-Horstenau, Die Katastrophe, 65.

2)    Redlich, Österreichische Regierung und Verwaltung im Weltkriege (Wien 1925), 120 f.

3)    Vergleiche aus der großen Literatur Masaryk, Die Weltrevolution, Erinnerungen und Betrachtungen (Berlin 1925); Beneš, Der Aufstand der Nationen (Berlin 1928); R o n g e, Kriegs- und Industriespionage (Wien 1930).

*) Zum Statthalter von Galizien wurde GdI. v. Colard ernannt, dem nach seinem Tode im Frühjahr 1916 GM. Freih. v. Diller und 1917 GO. Graf Huyn folgten.

5) Glaise-Horstenau, Die Katastrophe, 66.

Masaryk übernommen, der im Dezember 1914 mit einem Passe der Regierung sein Vaterland verlassen hatte und bei den Hußfeiem in Zürich nnd Genf, Juni 1915, der „Auslandsrevolution“ ihr Programm gab: Vereinigung aller politischen und propagandistischen Kräfte unter besonderen „Nationalräten“, finanzielle Unabhängigkeit der Bewegung von den Mächten und Aufstellung von „Legionen“, die als Kampftruppen an der Seite der Entente die „Befreiung“ ihrer Völker auch durch Blutopfer erkaufen sollten1).

Was im besonderen die Bildung von Legionen anbelangte, so kamen dafür teilweise Auswanderer und Kolonisten, vor allem aber Kriegsgefangene in Betracht. Bis tief ins Jahr 1916 machte sich nur eine tschechoslowakische Legion an der russischen Front bemerkbar. Gleich zu Beginn des Krieges hatten Kolonisten, zum größten Teil russische Staatsbürger tschechischen Stammes, eine tschechische „Druschine“ aufgestellt; den Kriegsgefangenen wurde der Eintritt erst zu Neujahr 1915 gestattet. In der Front durfte die Druschine nicht als Kampfverband, sondern nur im Erkundungs- und Werbedienst verwendet werden. Trotz der Hunderttausende von Gefangenen wurde erst Ende 1915 ein tschechoslowakisches Regiment und im Sommer darauf ein zweites aufgestellt. Zar und Staatsregierung widerstrebten der Aufstellung von Freiwilligenverbänden immer wieder aus völkerrechtlichen Gründen. Dies hatten auch die Südslawen erfahren müssen, denen die Aufstellung einer aus österreichischen und ungarischen Serben zusammengesetzten Freiwilligendivision gleichfalls erst zu Anfang 1916 bewilligt wurde. Viel früher war in Amerika aus Auswanderern und Kolonisten eine südslawische Legion von einigen tausend Mann entstanden, denen jedoch die Union und Großbritannien die Überfahrt nach Europa verwehrten.

Konnte sich solcherart die „Auslandsrevolution“ vorläufig nur in sehr umgrenztem Ausmaße zur Geltung bringen, so war sich das AOK. ihrer Bedenklichkeit für den Geist der Truppen wie für den Staat überhaupt doch von Haus aus bewußt, womit es in der Folge Recht behalten sollte.

Nach allem lasteten auf der Kriegführung Österreich-Ungarns manche Bürden, von denen sich die Führer national einheitlicher Heere nur eine sehr geringe Vorstellung machen konnten. Daß die Armee trotzdem, auch als es schon tief ins zweite Kriegs jahr ging, noch immer ein höchst achtunggebietendes Kriegswerkzeug war, zeugt für die Kraft einer vieljährigen Staats- und Soldatentradition, der die schwersten Bedrohungen bisher nur sehr wenig anzuhaben vermocht hatten,

lj Glaise-Horstenau, Die Katastrophe, 174 f.

DIE DREI KRIEGSTHEATER BIS MITTE MAI 1916

Der Winter an der Südwestfront

Plan der Italien e rund Verteilung ihrer Kräfte für den

weiteren Kampf

Hiezu Beilage 28 des III. Bandes und Skizze 1

Die am Isonzo erst an der Schwelle des Winters abgebrochenen Kämpfe hatten trotz des größten Aufgebotes an Kräften und schwersten Blutopfern abermals nicht zu dem vom italienischen Volk und Heer erwarteten Siege geführt. Die Eroberung von Görz war nicht geglückt; statt dessen mußte man sich mit der Einnahme des bisher unbekannten Dorfes Oslavija bescheiden.

Der militärische Mißerfolg erschütterte nicht nur das Vertrauen der Öffentlichkeit zur Wehrmacht, er wurde auch im italienischen Heere selbst überaus schwer empfunden, und in der Obersten Heeresleitung war die Siegeszuversicht, mit der die Kriegshandlungen Mitte Oktober aufgenommen worden waren, einer düsteren Stimmung gewichen1). Die Herbstoffensive Italiens hatte jedoch auch keinem der Alliierten eine Entlastung gebracht. Denn gerade zu jener Zeit konnten die Mittelmächte nicht bloß den heranbrandenden Stürmen der Franzosen und Briten in der Champagne und im Artois, jenen der Russen in Wolhynien und in Ostgalizien unerschüttert standhalten, sondern sie vermochten auch planmäßig ihre Absichten auf dem Balkan — die Niederwerfung des serbischen Königreichs und die Öffnung des Landweges zu ihren bulgarischen und türkischen Verbündeten — mit sehr bedeutenden militärischen Erfolgen zu verwirklichen2).

*) Die offizielle italienische Darstellung der Kriegsereignisse kennzeichnet diese Bedrücktheit in der Einleitung zum III. Bande mit den Worten: „Im Dezember 1915 ging die für uns härteste Periode des Krieges zu Ende.“ (M inistero della guerra, L’esercito italiano nella grande guerra (1915—1918) — weiterhin als „Ital. Gstb. W.“ zitiert — [Rom 1927]). Auch Cadorna nennt die eben beendeten Kämpfe den „schwierigsten Zeitabschnitt des ganzen Krieges“ (Cadorna, La guerra alla fronte italiana [Mailand 1917], I, 156).

2) Die Angabe bei Cadorna, La guerra, I, 155, daß Italien durch seine Offensive die Operationen seiner Alliierten wesentlich entlastet habe, ist daher, so weit sie das Jahr 1915 betrifft, nicht zutreffend.

IV

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Nach dem Abschlüsse der Herbstschlachten hatte das italienische Heer überdies eine vorübergehende Krise in der Mannschaftsergänzung zu überwinden. Wegen versäumter Vorsorgen waren schon in der zweiten Novemberhälfte nahezu alle Ersätze für die durch Verluste und Krankheiten geschwächten Kampftruppen ausgeblieben. Trotz der vergleichsweise noch immer etwa doppelten zahlenmäßigen Überlegenheit an Kämpfern und Geschützen gegenüber der öst.-ung. Front am Isonzo dauerte diese verhältnismäßige Schwäche der beiden italienischen Armeen noch einige Zeit an; erst durch die im Dezember 1915 begonnene und sich teilweise schon im Frühjahr 1916 auswirkende großzügige Heeresverstärkung konnte sie vollständig überwunden werden.

Die italienische Heeresleitung hatte noch während der vierten Isonzo-schlacht gegen Ende November 1915 Richtlinien für das Verhalten in den Wintermonaten an ihre Armeen erlassen. Sie hielt in diesen Befehlen an dem bisherigen Grundsätze der Kriegführung fest, „den Widerstand an der Gebirgsfront mit einem Mindestmaß an Kräften fortzusetzen, dafür den Druck gegen die öst.-ung. Stellungen am mittleren und unteren Isonzo mit der Hauptkraft aufs Höchste zu steigern und Breschen durch die feindlichen Linien zu schlagen, um Bewegungsfreiheit und Manövrierfähigkeit gegen die angestrebten Ziele zu erreichen“1). Es war demnach während des Winters vor allem die Wegnahme jener Teile der öst.-ung. Stellungen mit den Mitteln des belagerungsmäßigen Angriffes beabsichtigt, die günstige Ausgangspunkte für die allgemeine Frühjahrsoffensive darstellten.

Diesem Plane entsprechend wurde der Aufgabe der 3. Armee ein besonderes Gewicht beigemessen. Sie sollte spätestens von Mitte Jänner an trachten, sich in den Besitz des Mt. S. Michele und der Höhen am Südrande des Karstes bei Monfalcone zu setzen, um dann bei Beginn des allgemeinen Angriffes sich leichter der Hochfläche von Doberdö bemächtigen zu können.

Die italienische 2. Armee wurde angewiesen, noch im Dezember 1915 Teilangriffe gegen die westlich vom Isonzo befindlichen öst.-ung. Stellungen bei Tolmein, sowie auf dem Mrzli vrh und gegen den Vodil-rücken zu beginnen. Mit Rücksicht auf die am oberen Isonzo in dieser Jahreszeit herrschende schlechte Witterung hatte das italienische Oberkommando diesen Befehl später dahin abgeändert, daß die Angriffe von Mitte Jänner 1916 an vor allem gegen den Brückenkopf von Görz zu richten seien.

!) Ital. Gstb. W., III, Text, 141.

Die Kartusche Gruppe hatte die ihr gegenüberstehenden Kräfte bloß festzuhalten, sonst aber jegliches Unternehmen zu unterlassen.

Bis zum Frühjahr 1916 wollte Cadorna die Masse der italienischen Streitkräfte, soweit sie nicht unbedingt an den ändern Fronten festgelegt waren, nach gründlicher Auffüllung, Erholung und Ausbildung am Isonzo zusammenziehen und, verstärkt durch die während der Wintermonate aufgestellten neuen Heereskörper, den Angriff im Sinne des im Dezember 1915 zu Chantilly abgehaltenen Kriegsrates (Bd. III, S. 582ff.) möglichst gleichzeitig mit der Generaloffensive der Ententeheere an den übrigen Fronten beginnen.

Tatsächlich aber hatte die italienische Heeresleitung, gezwungen durch die vollständige Erschöpfung ihrer Truppen, zunächst doch auf die Freiheit des Handelns verzichten müssen und beschränkte sich von Mitte Dezember bis Anfang März auf die reine Abwehr. Außerdem war es auch die damals gewiß noch ganz unbegründete Sorge wegen angeblicher Truppenansammlungen des Gegners am Isonzo und eines befürchteten, baldigen Angriffs öst.-ung. und deutscher Kräfte aus Tirol1), die der italienischen Führung Anlaß gab, in die Verteidigung zu fallen. Ja es stiegen im italienischen Hauptquartier sogar in der ersten Dezemberhälfte ernste Bedenken auf, ob die Truppen in den erreichten Kampfstellungen am Isonzo überhaupt einem öst.-ung. Angriff verläßlich standhalten würden. Deshalb forderte Cadorna jetzt sehr entschieden den beschleunigten Ausbau aller Stellungen in und hinter dem Truppenbereiche, vor allem den der „Hauptverteidigungslinie“. Diese Kampfanlage, deren Ausbau schon zu Beginn des Krieges beschlossen worden war, sollte als Rückhalt- und Aufnahmsteilung im Falle eines überlegenen feindlichen Angriffes dienen. Sie lag auf dem Hauptkamme der den Isonzo begleitenden Höhen des Mt. Matajur, des Kolovratrückens und der Korada, überquerte dann etwa fünf Kilometer westlich vom Görzer Brückenkopf das Hügelland des Coglio auf den Höhen von S. Martino—Bigliana— Medana und Spessa und verlief längs des Westufers der Versa, des Torre und des Isonzo bis an die Küste.

Gestützt auf die im Ausbau vorgeschrittenen Abwehranlagen des Truppenbereiches, auf die eben erwähnte, aus zwei, stellenweise aus mehreren Linien bestehende Hauptverteidigungsanlage und auf vier weitere bis ans Westufer des Tagliamento zurückliegende Stellungen2),

x) Cadorna, La guerra, I, 157.

2) Das 50 bis 60 Kilometer tiefe Gebiet zwischen der Front und dem Tagliamento war in eine befestigte Zone verwandelt worden. Von den drei vorderen Stellungen

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konnte die italienische Führung hoffen, den um den Preis so hoher Opfer gewonnenen kargen Geländegewinn auch gegen einen überlegenen öst.-ung. Angriff zu behaupten (siehe Skizze 1).

Die Verteilung der italienischen Kräfte blieb im Großen zunächst fast unverändert (Bd. III, Beilage 28). Die im Verlaufe derHerbstschlach-ten am stärksten hergenommenen Verbände wurden aus der Front gezogen; die in der ersten Linie verbleibenden Divisionen hielten ihre Stellungen zumeist nur mit einer Brigade besetzt, während die anderen Brigaden mitunter ziemlich weit hinter der Front in bequemen Rast-und Erholungslagern überwintern sollten. Zur Verfügung des italienischen Oberkommandos wurde bis Ende Dezember im Raume Codroipo —Udine—Cervignano eine Heeresreserve in der Stärke von etwa sieben Divisionen gebildet1).

Den Schutz der Südflanke der italienischen Landfront gegen allfällige Landungsversuche besorgten Truppen des VII. Korps im Verein mit kleinen Marineeinheiten (Motor- und Torpedoboote sowie Wasserflugzeuge), die in den Lagunen von Grado günstige Stützpunkte fanden. Westlich der Aussamündung wurde für die ganze italienische Küste ein eigener Küstenschutz aus Truppenverbänden dritter Linie gebildet2).

An der Gebirgsfront in den Julischen und Kamischen Alpen war alles unverändert geblieben; der harte Alpenwinter hemmte dort fast jede Kampftätigkeit.

Gegen das Ende der Herbstkämpfe, im Dezember, begann die Aufstellung und sodann die allmähliche Überführung des „königlich italienischen Spezialkorps für Albanien“ nach Valona, das am 20. März die Bezeichnung XVI. Korps erhielt (S. 79). Diese Maßnahme bedeutete für die Hauptfront eine Verminderung um rund drei Infanteriedivisionen.

gliederte sich jede in mehrere Linien, die vielfach aus betonierten Schützengräben, Stützpunkten, Unterständen, Maschinengewehr- und Beobachtungsständen mit starken Hindernissen bestanden. Die Tagliamentolinie war schon vor dem Kriege zum Schutze der Flußübergänge ausgebaut worden und hatte in den beiden Brückenköpfen von Codroipo und Latisana, sowie im befestigten Raume von S. Daniele—Gemona permanente Befestigungsanlagen mit Panzerwerken. Am Unterlauf der Flüsse waren Stauanlagen für beabsichtigte Überschwemmungen vorbereitet. Die Stellung auf dem westlichen Ufer des Tagliamento war im Ausbau und erhielt besonders starke Anlagen im Abschnitte Mt. Simeone—Cornino—Pinzano.

!) X. Korps (19. und 20. ID.), XIV. Korps (28. und 30. ID.), 9. ID., 10. ID., Grenadierbrigade, Brigade Caltanisetta und noch ein Infanterieregiment.

2) Das Kavalleriekorps, von dem Teile bis zum Herbst im Küstensicherungsdienst gestanden waren, wurde im Oktober 1915 zum Überwintern ins Hinterland, teilweise sogar in die Friedensgarnisonen verlegt.

Der Ausbau des italienischen Heeres im Jahre 1916

Im Sinne der Abmachungen des Kriegsrates zu Chantilly hatte die italienische Heeresleitung auf die von Cadorna schon im Mai 1915 festgelegten Richtlinien für den Ausbau des Heeres zurückgegriffen und der Regierung im Herbst dieses Jahres das Programm für eine großzügige Heeresverstärkung übermittelt, deren Durchführung bis zum Frühjahr

1916 gefordert wurde. Aber nicht nur eine sehr bedeutende Vermehrung der Streitkräfte durch zahlreiche Neuaufstellungen von Truppen- und höheren Verbänden, sondern auch ganz außergewöhnliche Vorsorgen auf materiellem Gebiet mit reichster Unterstützung durch die Westmächte sollten Italien bis zum Frühjahr verläßlich in den Stand setzen, seinen Verpflichtungen voll nachzukommen.

Die ursprüngliche Forderung Cadornas, das Heer bis zum Frühjahr um 270.000 Mann und 440 Geschütze zu vermehren und derart auf einen Kriegsstand von 1,340.000 Mann und 2344 Geschützen zu bringen, stieß bei der Regierung auf heftigen Widerstand, da die Durchführung „die Mittel des Landes überstiegen und böses Blut gemacht hätte“1). In der Folge mußte sich aber das Kabinett bald den ehernen Forderungen des Krieges beugen und, auch unter dem Drucke Frankreichs, seine Genehmigung zu noch weit größeren Opfern erteilen.

Der nach langen Verhandlungen angenommene Rüstungsplan sah bedeutende Neuaufstellungen vor, die schon in den Kämpfen des Frühsommers 1916 an die Front gelangen sollten. Zunächst wurden im Dezember 1915 die Dienstpflichtigen des Geburtsjahres 1896 einberufen, die mit den Zurückgestellten aus den Jahrgängen 1892 bis 1895 ein Aufgebot von etwa 300.000 Mann ergaben. Die im folgenden angeführten neugeschaffenen Einheiten waren zum größten Teile schon in der ersten Hälfte des Jahres 1916 schlagfertig zum Einsatz bereit.

Die Vermehrung der Infanterie betrug 38 Regimenter (mit 114 Bataillonen), die in 19 Brigaden formiert wurden2). Die Bersaglieritruppe wurde um 14 Bataillone vermehrt, die Alpini erhielten einen Zuwachs von 26 Bataillonen. Außerdem waren 72 Bersaglieri- und 34 Alpinikom-pagnien zur Ergänzung der schon bestehenden Bataillone neu aufgestellt worden.

1)    Ital. Gstb. W., III, Text, 5; vgl. auch Mémoires du maréchal Joffre (Paris 1932), II, 178, 285 f.

2)    Am 1. August 1916 standen bei der Armee im Felde 92 Infanteriebrigaden mit rund 184 Regimentern. Jedes Regiment hatte zu dieser Zeit bereits 3 bis 6 Maschinengewehrsektionen.

Überaus umfangreich war der Ausbau der Maschinengewehrformationen. Die Erzeugung dieser wichtigsten Waffe der Infanterie, die bisher vernachlässigt gewesen war, wurde in größtem Stile von der italienischen Industrie aufgenommen. Trotzdem reichte die Inlandserzeugung nicht aus. Es mußten umfangreiche Bestellungen an Frankreich, England und Amerika vergeben werden. Während das italienische Heer bei Kriegsbeginn nur über 309 Sektionen mit 618 Maschinengewehren verfügt hatte, waren bis Ende 1916 schon 4478 Gewehre vorhanden und die Aufstellung von Maschinengewehrkompagnien bei jedem Bataillon durchgeführt. Weiters wurden bis zum August 1916 etwa 500 Sektionen, bis Ende 1916 rund 1000 Sektionen leichter Maschinengewehre (Maschinenpistolen) eingeführt. Auch bei der Kavallerie wurden 11 Maschinengewehrschwadronen aufgestellt. Neu war die Schaffung von 6 Abteilungen Panzerkraftwagen, die mit Maschinengewehren bewaffnet waren.

Nicht minder eifrig wurde der Ausbau der Artillerie betrieben. Die Vermehrung an Feldbatterien blieb zwar mit nur 19 neuaufgestellten leichten Batterien unter dem Maß des Notwendigen, was aber durch den starken Ausbau der schweren Feldartillerie und des Belagerungsartillerieparkes weit aufgewogen wurde. Durch den Verlust von 8 leichten Feldbatterien, die Abgabe von 6 Feldbatterien nach Lybien und von 36 Batterien für die Fliegerabwehr verminderte sich die Zahl dieser Artillerieverbände derart, daß bei Vermehrung der Anzahl der Infanteriedivisionen im Jahre 1916 nur mehr 28 leichte Feldgeschütze auf jede Division, gegenüber 41 Geschützen im Jahre 1915, entfielen.

Die Gebirgsartillerie erhielt im Jahre 1916 einen Zuwachs von 25 neuen Batterien. Die tragbare Feldartillerie, die sich auf dem schwierigen Gelände des Kriegsschauplatzes besonders bewährt hatte und gegenüber der Gebirgsartillerie weniger Tragtiere benötigte, was bei dem Pferdemangel sehr ins Gewicht fiel, wurde um 56 neue Batterien vermehrt.

Stark fiel der Ausbau der schweren Artillerie des Feldheeres ins Gewicht. Ihr Stand erhöhte sich von 28 Batterien mit 112 Geschützen bei Kriegsausbruch bis zum Sommer des Jahres 1916 auf 98 Batterien mit 392 Geschützen.1) Den größten Zuwachs hatte die Belagerungsartillerie aufzuweisen. Von 46 Batterien mit 158 Geschützen (Kaliber 149 bis 305 mm) bei Kriegsbeginn stieg die Anzahl der Batterien bis zum Ende des Jahres 1915 auf 333, bis zum August 1916 auf 663 (64 schwere, 399 mittlere und 200 leichte) Batterien. Die Zahl der Geschütze hatte sich

x) 40 Batterien 149 mm-Haubitzen, 42 Batterien 105 mm-Kanonen und 16 Batterien 102 mm-Kanonen.

etwa verzehnfacht. Die Vermehrung der Belagerungsartillerie erfolgte nicht bloß durch Neuerzeugungen und Lieferungen der Verbündeten, sondern auch durch weitestgehende Heranziehung der Armierung aller festen Plätze und überzähliger Geschütze der Marine. Für die Bedienung der vielen schweren Batterien wurde auch die Festungsartillerietruppe um rund 250 Kompagnien vermehrt.

Die Formen, die der Krieg gegen den zähen Verteidiger dem angreifenden italienischen Heere aufgezwungen hatte, erforderten den Ausbau der für den neuzeitlichen Stellungskampf unentbehrlichen Minenwerferformationen. Italien war mit 200 improvisierten Minenwerfern in den Krieg getreten. Die Heeresleitung nahm deshalb im Winter 1915/16 einen umfassenden Ausbau des „Bombardierkorps“ vor und verfügte bis zum Ende des Jahres 1916 über 2062 Minenwerfer (von 58 bis 240 mm Kaliber), die in Sektionen und gemischte Gruppen gegliedert waren.

Die über den Winter ins Hinterland verlegte Kavallerie, von der in der Front nur die Maschinengewehrabteilungen und bei jedem Korps eine Schwadron verblieben waren, wurde um 22 Schwadronen vermindert; im Februar ließ die Heeresleitung alle vier Kavalleriedivisionen für den künftig beabsichtigten Einsatz in der Front zu Fuß formieren. Aber schon gegen Ende des Monats Mai wurden zwei der Reiterdivisionen wieder beritten gemacht.

Neben den Kampftruppen wurden bei der großen Ausgestaltung des Heeres auch alle technischen Truppen und Sonderdienste erheblich vermehrt, manche überhaupt erst neu geschaffen. Unter anderem wurden 161 neue Sappeurkompagnien aufgestellt. Die Kraftfahrtruppe des Heeres hatte 10.000 Lastkraftwagen, 900 Personenwagen, 4000 Krafträder und 570 Traktoren in Verwendung.

Das erste Ausbauprogramm für das zu Kriegsbeginn 15 Fliegerstaffeln mit zusammen 75 Flugzeugen zählende italienische Fliegerkorps sah bis Juni 1916 eine Vermehrung auf 45 Staffeln vor. Ende Mai standen bereits 279 neue Flugzeuge an der Front. Bei Ablauf des Jahres 1916 sollte die Gesamtzahl aller Flugzeuge nach dem zweiten Ausbauprogramm 1195 Maschinen betragen, von denen 370 im Dienst zu stehen hatten. Neun Fliegerschulen vermittelten die Ausbildung der Fliegertruppen.

Die Zahl der Lenkluftschiffe stieg im Jahre 1916 auf 10, von denen jedoch nahezu die Hälfte abgeschossen wurde, worauf man den Rest nur mehr im Hinterland verwendete.

Ganz ausgezeichnet wurde die Fliegerabwehr eingerichtet. Ihr standen im Jahre 1916 22 Fliegerabwehrbatterien, 315 einzelne Geschütze, an die 400 Maschinengewehre und 4 Panzerzüge, überdies 9 Jagdstaffeln und 37 einzelne Jagdflugzeuge zur Verfügung.

Für die Versorgung dieser starken Streitkräfte mit Schießbedarf und Kampfgeräten aller Art hielten die Erzeugung durch die italienische Industrie und die Einfuhr aus dem Ausland gleichen Schritt. Im Mai 1916 war die Tageserzeugung auf 50.000 Artilleriegeschosse gegenüber ihrer

14.000 bei Kriegsbeginn gestiegen; zu dieser Zeit waren bei den Armeen an der Front sieben Millionen Geschosse für 4075 Geschütze aller Kaliber vorhanden.

Mit der Aufstellung neuer Truppenverbände war die Bildung höherer Befehlseinheiten notwendig geworden. Als Ersatz für das in Albanien aufgestellte XVI. Korps wurden in der Heimat die 46. und die

47.    ID. aus Neuformationen gebildet. Aus überzähligen Truppen entstand Ende April vor dem Brückenkopf von Görz die 45. ID., die mit der 4. ID. des bisher drei Divisionen starken VI. Korps das neue XX. Korps bildete. Aus den im Mai aus Lybien herangezogenen Truppen wurde die

48.    ID. geschaffen und beim VIII. Korps eingeteilt. Im Juni wurden bei der 3. Armee zum Teil aus von Albanien herangezogenen Truppen, zum Teil durch Umstellungen und Wechsel in den Verbänden die 49. ID., bei der 1. Armee im Etschabschnitte die 37. ID. gebildet. Die Bersaglieri-division der 2. Armee hatte schon im März die Bezeichnung 36. ID. erhalten. Während der Junikämpfe in Südtirol entstand im Abschnitt Brenta —Cismon das XVIII. Korps. Im Mai bildete die italienische Heeresleitung aus dem VIII. und dem XX. Korps der 3. Armee, aus der 2. und der 3. KD. und aus den neu aufgestellten Korps XXII., XXIV. und XXVI. im Raume Padua—Vicenza—Cittadella eine neue 5. Armee. Somit waren im ersten Halbjahr 1916 ein Armeekommando, fünf Korpskommandos und acht Infanteriedivisionen neu geschaffen worden.

Die Wintermonate an der Gebirgsfront Die Kämpfe in ’Cirol Hiezu Beilage 6

Der Führer der italienischen 1. Armee, die seit Kriegsbeginn im weiten Bogen Tirol vom Stilfserjoch bis zum Rollepaß umspannte, ohne auch nur an einer einzigen Stelle die stählerne Kette der Verteidiger durchbrochen zu haben, hatte, von der Heeresleitung aufgefordert, anfangs November 1915 seine nächsten Absichten gemeldet. Er wollte in den Judicarien die Sperre von Lardaro angreifen und die Val dei Concei gewinnen, im Etschtal das Becken von Rovereto besetzen und dieses durch Eroberung der Berggipfel Biaena, Creino und Finocchio sichern, schließlich in der Val Sugana gegen die Befestigungen von Levico und Panarotta vorstoßen. Diesen Vorstoß empfahl er besonders für den Fall, als das bereits eingeleitete Unternehmen zur Besetzung des Cadinjoches und des Rollepasses in den Fassaneralpen einen günstigen Verlauf nehmen sollte. Kaum zwei Wochen später mußte der Armeeführer, GLt. Brusati, melden, daß die starken Schneefälle in den Bergen das gegen die Fassaneralpen vorbereitete Unternehmen wie auch einen auf den Hochflächen von Folgaria und Lavarone geplanten Angriff verbieten. Damit fielen auch die übrigen Pläne schon in sich zusammen, bevor beim Armeekmdo. die allgemeinen Weisungen für den Winter eintrafen. Diesen Weisungen gemäß sollte die 1. Armee weiterhin in der Abwehr verharren, ihre Stellungen bestens ausbauen, den Gegner in Atem halten, aber nur solche örtliche Unternehmen durchführen, die ihr gestatteten, den Zug der vordersten Linie zu verbessern. In seltsamen Widerspruch zu dieser bescheidenen Aufgabe wurde die Armee jedoch zugleich aufgemuntert, die Linie Borgo—Cadinjoch—Cavalese zu gewinnen, da nach Meinung des Oberkommandos in den Fassaneralpen und im Fleimstale nur vier gegnerische Bataillone mit etwa zehn Geschützen ständen. Außerstande diesem Wunsche zu entsprechen, überließ das Armeekmdo. seinen Unterführern freie Wahl in ihrer weiteren Tätigkeit.

Demzufolge herrschte schon von Ende November an den ganzen Winter über und bis ins Frühjahr hinein an der Westfront von Tirol winterliche Ruhe. Wohl gab es da und dort zeitweise Artilleriekämpfe; doch der Kanonendonner verhallte in den verschneiten Bergen ebenso rasch wie das Gewehrgeknatter ausschwärmender Erkundungsabteilungen.

In den Judicarien versuchte die italienische 6. ID. die Eroberung des Mt. Nozzolo und des Mt. Cadria. Nach mehrtägiger kräftiger Beschießung der übrigens zum größten Teil nicht mehr armierten Sperrwerke von Lardaro und der über die vorgenannten Berge gezogenen Verteidigungsstellung griffen am 9. Dezember etwa zwei Bataillone den der österreichischen Hauptstellung vorgelegten Stützpunkt auf dem Mt. Vies umfassend an. Sie erreichten ihr Ziel nicht, erlitten aber starke Verluste. Da jedoch die Möglichkeit nahelag, daß die schwache Besatzung der Vorstellung abgeschnitten werden könnte, ließ der Abschnittskommandant, Obst. Spiegel, den Mt. Vies in der Nacht auf den 10., unbemerkt vom Feinde, räumen. Tags darauf setzten sich die Italiener ohne Kampf in den Besitz dieser Bergrippe. Sie mochten später wenig Freude damit erleben. Außerstande, trotz fortgesetzter Angriffe in den nächsten Tagen die Hauptstellung auf dem Mt. Nozzolo zu erobern, fanden sie sich schließlich in der Zwangslage, angesichts des auf der Kammlinie fest eingenisteten Gegners, förmlich an den Berghang angeklammert, überwintern zu müssen, wollten sie den Geländeteil, dessen Eroberung sie mit so großen Worten verkündet hatten, nicht wieder preisgeben.

Auch östlich vom Gardasee, vor den Verteidigungsabschnitten Riva und Rovereto, verbesserten sich die Italiener ihre Lage dadurch nicht, daß sie im Dezember von den Höhen nordwärts hinabstiegen, an die Furche Lopio—Mori sowie an Rovereto näher herangingen und das Terra-gnolotal sogar überschritten1). Sie blieben dann am Hang unterhalb der österreichischen Stellung liegen, die sie nicht anzugreifen vermochten. Bei dieser allgemeinen Vorrückung des italienischen V. Korps kam es unter zeitweise recht lebhaftem Kanonendonner der beiden Artillerien nur zu kleineren Scharmützeln im weiteren Vorfelde der Verteidiger. Ein in der Ortschaft Manzano (3 km östlich vom Loppiosee) hinter der österreichischen Stellung ausgebrochener Brand erweckte beim italienischen Korpskmdo. die kühne Hoffnung, der Gegner bereite sich zum Rückzug vor. Also trieb es mit aller Schärfe den linken Flügel gegen die Scharrzen bei Mga. Zurez südöstlich von Torbole vor. Aber der Führer des 6. Alpiniregiments vermochte nicht, den verheißenen Lorbeer zu gewinnen. Wohl drangen einige Alpiniabteilungen am 30. Dezember in die Schanzen ein, aber die tapfere Landsturmbesatzung warf sie rasch hinaus. Die Verluste der Italiener, die auch zwei Dutzend Gefangene zurückließen, waren sehr empfindlich; jene der Besatzung betrugen 18 Tote und 54 Verwundete.

Von Neujahr an trat auch im südlichsten Teile der Tiroler Front winterliche Ruhe ein, die nur durch die üblichen Kanonaden zeitweise unterbrochen wurde. So schleuderten die Italiener am 19. Februar eine reichliche Menge 28 cm-Bomben auf das Werk Carriola (Por), der einzigen noch armierten Feste der Sperrgruppe Lardaro. Trotz einiger Treffer blieb der Schaden gering. Die umliegenden Ortschaften des Chiesetales aber fielen im fortgesetzten Feuer der feindlichen Artillerie in Trümmer.

Im Suganatal ging es den Winter über etwas lebhafter zu. Hier offenbarte sich deutlich der Zwiespalt, in den das italienische

i) Ital. Gstb. W., II, Text, 604 f. und III, Text, 511.

1. Armeekmdo. durch die allgemeinen Richtlinien (S. 153) gesetzt worden war. Überschritt die 15. ID. die schon im Herbst erreichte und dann emsig ausgebaute Linie Salubio—Borgo—Armenterra, so fand sie vorwärts keine im Gelände vorteilhaft gelegene Abwehrstellung mehr. Blieb sie mit der Hauptkraft stehen, 6 bis 8 km von der Front ihres Gegners entfernt, so konnte sie ihn wohl kaum „belästigen und in Atem halten“ oder gar, wie das Korpskmdo. es für wünschenswert hielt, ihm den Verkehr auf der Straße Caldonazzo—Folgaria unterbinden. Die Folge war, daß nur Halbheiten zustande kamen. Am 23. Dezember griff ein verstärktes Alpinibataillon den Mt. Carbonile an und erlitt durch die Kaiserjägerstreifkompagnie, die den Berg besetzt hielt, eine gründliche Abfuhr. Die rührigen Verteidiger des Grenzabschnittes stießen im Jänner mehrmals mit Streifabteilungen und starken Patrouillen über die Vorpostenlinie Collo—Novaledo—Mt. Carbonile vor und bedrängten die feindliche Sicherung. Dies reizte die Italiener, die genannte Linie dem Gegner zu entreißen. Die 15. ID. bekam am 1. Februar den Befehl zum Angriff. Aber wieder kam es zu keiner entschlossenen Handlung. Am. 9. stiegen einige Kompagnien den Collo hinan und blieben im Abwehrfeuer liegen. Die schwache Besatzung wehrte sich tapfer; trotz neuerlicher Angriffe blieb der Berggipfel in ihrem Besitz. Auch die in der ersten Hälfte Februar gegen S. Osvaldo und Mt. Carbonile geführten italienischen Vorstöße scheiterten. Mit den dann eintretenden starken Schneefällen schliefen die Kämpfe auch in der Val Sugana ein.

Während die Verteidiger der Fassaneralpen den ganzen Winter über mit Gelassenheit auf den außer Schußweite verharrenden Feind hinüberblicken konnten, sahen sich jene der Dolomiten wiederholt angegriffen. Hier war es vor allem der Col di Lana, der die Italiener nicht zur Ruhe kommen ließ, als fordere ein Fluch über das viele um diesen Berg vergossene Blut immer wieder neue Opfer. Mit harter Hand schrieb das italienische 4. Armeekmdo. dem IX. Korps vor, den Mt. Sief und den Col di Lana unter allen Umständen zu erobern. Am 11. Dezember sollte der Angriff erneuert werden, aber es dauerte fünf mit starkem Artilleriefeuer ausgefüllte Tage, bis die Angriffsgruppen bereitgestellt waren. Drei Kolonnen: links sieben Kompagnien, in der Mitte fünfeinhalb und rechts viereinhalb, stiegen von Süden, von Osten und Nordosten aufwärts. Das 2. Bataillon des KSchR. III stand mit stolzem Trotz bereit, den Heldenberg unter allen Umständen zu halten. In seinem rasenden Feuer, das durch jenes der trefflich geleiteten Verteidigungsartillerie noch übertönt wurde, zersplitterten die Angreifer vollständig; getarnt durch einen nachmittags einsetzenden Schneesturm kehrten sie in die Ausgangsstellung zurück. Unfreundlich war der Neujahrsgruß der Italiener; zuerst wurde der Col di Lana heftig beschossen, dann die ganze Dolomitenfront. Diese Beschießungen wiederholten sich im Jänner und Februar hier wie dort des öfteren. Was den Italienern im offenen Angriff bisher nicht gelungen war, versuchten sie fortan unter der Erde. Sie gruben tiefe Minengänge in die Felsen.

Als der Winter zur Neige ging und GdK. Dankl, zu größerer Aufgabe berufen, die Landesverteidigung von Tirol dem GdI. Roth übertrug, konnte er mit Befriedigung darauf verweisen, daß die Tiroler Abwehrfront unversehrt geblieben war.

Die Begebenheiten an der Kärntner Front (Mitte Dezember 1915 bis Ende März 1916)

Hiezu Beilage 21 des III. Bandes und Skizze 2

Die Armeegruppe GdK. Rohr hatte nach der Unterstellung des XV. Korps eine Frontausdehnung von über 140 Kilometer. Sie zählte um die Jahreswende 73 Bataillone mit 60.800 Feuergewehren. Das XV. Korps wurde als neuer Abschnitt V angegliedert.

Gleich wie in Tirol beschränkte sich die Kampftätigkeit an dieser Front, die, bis auf die beiden Beckenlandschaften am oberen Isonzo und im Fellatale bei Malborgeth, fast durchwegs auf hohen Alpengebirgsketten und Hochgebirgsstöcken verlief, in den Wintermonaten auf verwegene Vorstöße kleiner Infanterie- und Skiabteilungen, die zu Aufklärungszwecken und zu Frontverbesserungen unternommen wurden. Im übrigen störte nur das Feuer der Geschütze und sehr häufig auch das Donnern der Lawinen die winterliche Ruhe der Alpen.

Von den im Dezember durchgeführten Kampfhandlungen war die bedeutendste die Erstürmung der im September verlorenen Gräben südwestlich von Dolje (21/2km nordwestlich von Tolmein) durch das Infanteriebataillon 11/72, das seinen Gewinn gegen alle späteren Rückeroberungsversuche des stark überlegenen Feindes behauptete. Eine Reihe von kleinen, stets erfolgreichen Vorstößen, die mit der Einbringung zahlreicher Gefangener verbunden waren, vollführten die gebirgsgewohnten, tüchtigen Truppen des XV. Korps und der 44. Schützendivision.

Im Jänner und im Februar brachen bei Tolmein, auf den Hängen des Javorček und des Rombon sowie im Gebiete des Plöckenpasses immer wieder kleine Abteilungen des Verteidigers vor, hoben feindliche Sicherungen aus, fielen in die feindlichen Kampfstellungen ein, holten sich mit festem Zugriff da und dort Gefangene heraus und zerstörten Deckungen und Unterkünfte. Ein solches Unternehmen führte am 3. Jänner zur Wegnahme eines italienischen Grabens nördlich von Dolje und am 4. zu heftigen Gegenstößen des Feindes, die im Handgranatenkampf und durch Artilleriefeuer zurückgeschlagen wurden. Auf dem Rombonhang wurde am 18. Jänner eine kleine feindliche Vorstellung genommen und am 22. und 23. gegen Angriffe behauptet.

Anfangs Februar war es der 8. GbBrig. geglückt, das im August 1915 bei Tolmein auf dem Westhang der Höhe A 588 verlorene Gelände zurückzugewinnen. Durch wochenlanges Vortreiben von Sappen gegen die Flügel der Einbruchsstelle war die Hangstellung der Italiener unhaltbar geworden. Der Feind räumte deshalb in den Nächten um die Monatswende unauffällig diese Stellung und ging bis über die Straße Ciginj— Selo zurück. Die 8. GbBrig. schob ihre vorderste Linie zunächst bis nahe an das genannte Straßenstück vor. Die auf diese Art erzwungene Preisgabe des vom Feinde in vielen schweren Kämpfen seinerzeit eroberten Geländes ersparte den Truppen der k. u. k. 1. ID. den schon seit langem geplanten Angriff zur Wiederherstellung der ursprünglichen Lage. Die Vorteile der neuen vordersten Linie lagen vor allem in der Verkürzung der Front und in der Möglichkeit günstiger Flankierung durch die eigene Artillerie x).

Wenige Tage später, am 12. Februar, konnte auch bei der 44. SchD. auf dem Südhange des Rombon eine im August in Feindeshand gefallene Vorstellung durch ein kühnes Unternehmen von Teilen des GbSchR. 1 zurückgewonnen werden. Hier hatten Alpinitruppen (ein Bataillon und eine Gebirgsbatterie) auf der etwa einen Kilometer südwestlich vom Rombongipfel aufragenden Felskuppe, der Cuklahöhe (1776 m), eine stark besetzte vorgeschobene Stellung geschaffen. Sie bildete eine dauernde Bedrohung unserer schwachen Kräfte in diesem schwierigen Hochgebirgs-abschnitte, beherrschte die Hangstellungen vollkommen und machte dadurch jede Bewegung nahezu unmöglich. Überdies bot sie der feindlichen Artillerie einen vortrefflichen Beobachtungspunkt nach der Flanke und hinter die Kampflinien der 44. Schützendivision. Zur Beseitigung dieser

x) In dem vom Feinde verlassenen Raume wurden über 3000 Gewehre mit 300.000 Gewehrpatronen, ferner große Mengen von Werkzeugen und Ausrüstungsgegenständen verschiedentlicher Art eingesammelt, aber auch an die achthundert Leichen gefallener Italiener bestattet.

Nachteile plante der Kommandant des Unterabschnittes von Flitsch, Obst. Edl. v. Schuschnigg, die Höhe im nächtlichen Handstreich zu besetzen.

Zur Durchführung des Vorstoßes hatten am 12. Februar nach Einbruch der Dunkelheit zwei Kompagnien des GbSchR. 1 den Vormarsch in mannstiefem Schnee angetreten und sich unterhalb der feindlichen Stellung zum Angriff bereitgestellt. Um 3h früh wurden die Sicherungen lautlos überwältigt, die Hänge der Felsenstellung erstiegen und die überraschten Italiener nach kurzem Handgemenge zurückgeworfen16). Gegenangriffe, die sofort einsetzten und sich am 13., 14. und 20. Februar nach jedesmal gründlicher Artillerievorbereitung wiederholten, konnten abgewehrt werden. Bei der Säuberung der anschließenden Stellungsteile wurden am 17. Februar einige Dutzend Gefangene und ein Maschinengewehr eingebracht.

Die zahlreichen sonstigen Unternehmungen, die am oberen Isonzo im Februar durchgeführt wurden, waren fast alle erfolgreich. So vermochten Stoßtrupps von der Besatzung des Javorček die feindlichen Sicherungen wiederholt auszuheben, an einer Stelle sogar neunmal. Am 10. Februar stieß eine kleine Abteilung der 8. GbBrig. auf den von den Italienern besetzten Calvarienberg von Woltschach vor und zerstörte dort die Stellungen und Unterkünfte. Schließlich besetzte ein Bataillon der 3. GbBrig. am 22. Februar die Gräben der Italiener auf dem Westhange des Mrzli vrh, es mußte jedoch am nächsten Tage seinen Gewinn vor umfassenden Gegenangriffen preisgeben. Diese kleinen Kampfhandlungen ließen deutlich erkennen, daß der Angriffsgeist der k. u. k. Ti'uppen trotz des langen Stellungskrieges ungebrochen war.

Starke Schneefälle in den Bergen erzwangen dann einen längeren völligen Stillstand jeder Gefechtstätigkeit. Indessen war es im Küstengebiet und am mittleren Isonzo wieder lebhafter geworden. In den ersten Märztagen schwoll der Artilleriekampf auf dem Karst und im Görzischen mächtig an. Vom 11. März an entwickelten sich an der ganzen Front der k. u. k. 5. Armee neue Kämpfe. Zur selben Zeit hatte der Führer der italienischen 2. Armee, GLt. Frugoni, seinen linken Flügel am oberen Isonzo im Sinne der für die Winterkämpfe ausgegebenen Richtlinien zum Vorgehen angewiesen und dem IV. Korps als erstes Ziel die Wegnahme des Mrzli vrh, dem VIII. Korps die Besetzung der noch auf dem linken Isonzoufer von den öst.-ung. Truppen gehaltenen Hügel im Tolmeiner Becken befohlen. Aber in den folgenden Tagen kam es bloß zu starken Beschießungen der Stellungen und zu schwächlichen Annäherungsversuchen in den genannten Abschnitten, die, ohne Kraft und Schwung geführt, nirgends Erfolge erzielten. Schließlich brachen beide Korps der Italiener um die Monatsmitte alle Kampfhandlungen mit Rücksicht auf das schlechte Wetter ab.

Durch den Verzicht auf halbwegs energische Angriffe am oberen Isonzo versäumte der Feind eine sehr günstige Gelegenheit zu billigen Erfolgen. Denn die zum Teil schon durchgeführten und teilweise noch im Zuge befindlichen Ablösungen hatten gerade damals die Kampfkraft des Verteidigers nicht unwesentlich geschwächt und weniger gebirgs-tüchtige Truppen mit älteren Leuten in die Front gebracht.

Die Armeegruppe GdK. Rohr, die vom 25. Jänner an die Bezeichnung k. u. k. 10. Armee führte, war seit den letzten größeren Kämpfen im Oktober 1915 zu einem willkommenen Kraftspeicher für die oberste Führung geworden. Die geringen Gefechtsverluste während der langen Winterruhe und die fortgesetzte Einreihung der laufenden Ersätze hatten die Aufstellung überzähliger Kompagnien und Bataillone bei den Heerestruppen und den Schützenregimentern ermöglicht. Noch im Jänner erhielt die Armeegruppe für ein abgegebenes Honvédbataillon einen Zuwachs von drei Landsturmbataillonen1). Zu Ende dieses Monates begann die Abgabe von Kräften für die inzwischen von der Heeresleitung beschlossene Offensive in Südtirol. Sie hatte nicht unbeträchtliche Truppenverschiebungen im Armeebereiche zur Folge, die erst mit Ende März abgeschlossen wurden.

Zunächst hatte das Kommando der Südwestfront die Vorbereitungen zum Herausziehen von etwa dem fünften Teile aller vorhandenen Feldbatterien und schweren Feldhaubitzbatterien anbefohlen, um diese für einen Einsatz an anderen bedrohten Frontteilen seines Bereiches verfügbar zu machen. Schon am 9. Februar folgte der Befehl zur Abgabe der 48. ID., die bis zum 1. März im Raume Oberdrauburg—Greifenburg bereitgestellt sein sollte. Das Kommando der Südwestfront begründete diese Maßnahme dem bis dahin über die Pläne der Heeresleitung noch nicht eingeweihten Armeekmdo. gegenüber damit, daß „die Gesamtlage es notwendig mache, für die Behauptung der Kärntner—Julischen Front mit

!) Es war dies das IBaon. I/IIIR. 13, das an die k. u. k. 4. Armee abgegeben wurde; dafür wurden die k. k. LstIBaone. IV/10, IV/34 und das k. u. LstlBaon. 17 zugewiesen.

einem Mindestmaß an Truppen vorzusorgen und hiedurch freiwerdende Kräfte für eine Verwendung auf einem anderen Kriegsschauplätze verfügbar zu machen“. Das 10. Armeekmdo. konnte somit auf keinen Ersatz für die abzugebenden Truppen rechnen und mußte für den wichtigen Plöckenraum aus den anderen Abschnitten die besten Truppen frei machen. Es beschloß, den Abschnitt I aus der zurückbleibenden Gruppe Obst. Joseph Fässer, aus der zur 25. GbBrig. ausgestalteten Gruppe Obst. Ritt. v. Wasserthal des XV. Korps, aus drei Bataillonen der 44. SchD. und aus der 57. GbBrig. der 92. ID. zu bilden. Das Kommando über die Truppen im Abschnitt I übernahm am 28. Februar das bisher im Abschnitt II befehligende 94. IDKmdo., FML. Kuczera. Den Befehl über den Abschnitt II, dessen Truppen mit 1. April zur 26. GbBrig. zusammengefaßt wurden, übernahm GM. Globočnik1).

Kaum waren die Ablösungen im Abschnitte I beendet, als das 10. Armeekmdo. den Befehl erhielt, für die vom Balkan in den Armeebereich anrollende und schon früher angekündigte 22. LstGbBrig. eine Gebirgsbrigade des XV. Korps abzugeben sowie die 44. SchD. bis zum 20. Marz aus der Front zu nehmen und für eine Verlegung bereitzustellen.

Die Ablösung der zur Abgabe bestimmten 8. GbBrig. des XV. Korps durch die 22. LstGbBrig. konnte in den letzten Märztagen ohne Bedenken durchgeführt werden, da in dem vom Feinde preisgegebenen Raume vor dem Südflügel des Tolmeiner Brückenkopfes zunächst kaum mit einem neuerlichen Angriff zu rechnen war. Weit schwieriger gestaltete sich die Einrichtung des wichtigen und schwer abzulösenden Hoch-gebirgsabschnittes der 44. SchD. mit neuen gebirgsungewohnten und mit den Kampfverhältnissen unvertrautenTruppen und Führern. Es mußte hier eine ganze Abschnittsbesatzung samt Kommandostellen improvisiert werden. Vom Kommando der Südwestfront wurde dem Armeekmdo. für diesen Abschnitt, der unter Befehl des GM. Greiner zu treten hatte, das bh. IR. 4 zugewiesen, das bisher auf dem russischen Kriegsschauplätze gekämpft hatte und für den Gebirgskrieg erst ausgerüstet werden mußte. Ferner sollten aus dem Abschnitt II das k.k. Landsturmbataillon 41, aus dem Abschnitt III das FJB. 20 und aus dem Abschnitt V das Bataillon 1/91 sowie zwei Bataillone des k. k. LstlR. 26 für den Abschnitt IV freigemacht werden, in dem überdies einige Kompagnien der 44. SchD. als Rückgrat für die neuen, im Abschnitte noch unvertrauten Truppen vor-

a) Die k. u. k. 10. Armee hatte im Laufe der Monate Jänner und Februar insgesamt 16 Baone. mit 15.000 Feuergewehren, 40 MG., ferner 5 GbKnBt., 2 GbllbBt., 2 FHbBt., 2 schwere FHbBt. und 1 schwere MsBt. aus der Front gezogen.

übergehend zurückblieben. Das XV. Korps hatte außerdem seinen rechten Flügel nach Norden auszudehnen und den bisher von der 44. SchD. gehaltenen Teil auf dem Krn zu übernehmen. Die Ablösung der 44. SchD. wurde in der Zeit vom 16. bis 24. März durchgeführt. Ihr Abtransport erfolgte aus dem Raume von Tarvis—Kronau bis zum Ende des Monates, jener der 8. GbBrig. aus dem Raume von Aßling bis zum 4. April. Die Truppen im Abschnitte IV bildeten vom 1. April an die 27. GbBrig.

Die Kampfkraft der 10. Armee war durch die Abgabe der besten Truppenverbände und zahlreicher Batterien ganz bedeutend vermindert worden. Sie zählte anfangs April nur mehr 13 aktive Bataillone, sonst lauter Landsturmtruppen. Dieser Schwächezustand mußte bis zum Zeitpunkt des Wirksamwerdens der anderwärts angesetzten Kräfte überwunden werden. Die Kärntner Front war allerdings noch durch die schwere Zugänglichkeit der tiefverschneiten Berge geschützt, hingegen konnten die Talstellungen bei Malborgeth, Flitsch und Tolmein stündlich wieder angegriffen werden.

Der Winter, der der Abwehr in mehrfacher Hinsicht zustatten kam, forderte aber auch seine Opfer. So hatte die 10. Armee bis Mitte März durch Lawinenstürze allein 600 Mann an Toten verloren, obwohl alle Skiabteilungen, Lawinenbereitschaften und die gesamten alpinen Fachleute der Divisionen ständig im Dienste standen und stets sofort bei allen Rettungsunternehmen zur Stelle waren. Trotz aller vordenkenden Sorge, trotz der Anwesenheit und Beratung durch zahlreiche bewährte Alpinisten stand man dieser „weißen Pest“, wie sich der bekannte Skimeister und Alpinist Mathias Zdarsky in einem Briefe von der Front an den Armeegeneralstabschef ausdrückte, völlig machtlos gegenüber. Selbstverständlich hatte der Feind mit der gleichen Unbill zu kämpfen.

Auch der Nachschub bis in die Kampfstellungen wurde durch den Winter sehr erschwert. Wohl bildete die Eröffnung der Gailtalbahn bis Kötschach-Mauthen im Dezember für den Abschnitt I eine ebenso fühlbare Erleichterung der Versorgung und des Verkehrs, wie der Durchschlag des Tunnels der Winterstraße am Predil für den Abschnitt IV. Der Vorteil für diesen war um so bedeutungsvoller, als die im Herbst ausgebaute Straße und die Seilbahn über den Mojstrovkasattel in den Wintermonaten oft durch viele Wochen durch Lawinen verschüttet waren. Und als Ende Februar langandauernder Schneefall auch die genannte Winterstraße unbenützbar machte, sicherte der schon im Herbst für den Verkehr eingerichtete Raibler Bergwerksstollen allein den Nachschub zu den Stellungen bei Flitsch.

Die Ereignisse bei der k.u.k. 5. Armee von der Jahreswende bis Anfang März

Hiezu Beilage 28 des III. Bandes

Das Kommando der Südwestfront war sich darüber klar, daß in den W'intermonaten kaum, wohl aber zeitlich im Frühjahr mit der Wiederaufnahme der italienischen Angriffe an den gleichen Frontabschnitten wie bisher, vornehmlich aber am Isonzo zu rechnen sein werde. Nachrichten bestätigten bald, daß in Italien die Zurüstungen für den künftigen Waffengang in größtem Maße begonnen hatten.

Die Aufgaben der nächsten Zeit waren daher für den Verteidiger am Isonzo vorgezeichnet. In Unkenntnis der noch geheim gehaltenen Absichten, die bei der Heeresleitung für das Jahr 1916 bestanden, konnte es sich nur darum handeln, die in den Herbstkämpfen allenthalben schwer beschädigten Stellungen mit allen erlangbaren Mitteln und Kräften so stark wie möglich auszugestalten, den für die künftigen Kämpfe erforderlichen Schießbedarf aufzustapeln und die Truppen schlagfertig zu erhalten. Der letzten Forderung konnte am besten dadurch entsprochen werden, daß man die im nahen Vorfelde der Stellungen festgesetzten Italiener, besonders vor dem Brückenkopf von Tolmein, bei Görz und auf dem Karst, durch gut vorbereitete kleine Vorstöße und Unternehmen zurückdrängte. Dies war auch aus dem Grunde nötig geworden, weil der Feind offenbar daranging, die an den Brennpunkten seiner bisherigen Angriffe befindlichen Bollwerke des Verteidigers, die trotz größten Aufwandes an Zerstörungsmitteln und Kämpfermassen nicht hatten bezwungen werden können, nunmehr durch den Minenkrieg zu bekämpfen. Besonders vor dem engen und zusammengedrückten Görzer Brückenkopf hatten die Führer den Eindruck gewonnnen, daß hier ehestens wenigstens in beschränktem Ausmaße Wandel geschaffen werden müsse.

Die Verteilung der öst.-ung. Truppen am Isonzo blieb zunächst im großen unverändert. Die 5. Armee umfaßte nach der Abgabe des XV. Korps an die Armeegruppe Rohr die Kampffront von Auzza bis zum Meere mit drei Abschnitten:

der Abschnitt I (bisher II) — XVI. Korps mit der 18., der 58. ID., der 9. und der 60. IBrig. — reichte von Auzza bis zur Wippach;

der Abschnitt II (bisher III a) — III. Korps mit der 6., der 28. ID., der 106. LstlD., der 22. SchD. und dem Großteil der 187. LstlBrig. — von der Wippach bis zum Mt. dei sei Busi, diesen mitinbegriffen;

der Abschnitt III (bisher III b) — 61. IDKmdo., 9. ID., 19. LstGb-Brig. — anschließend bis Duino.

Der Küstenabschnitt IV, dessen Bereich seit Mitte Dezember auch die vorher zum Abschnitt III gehörende Bucht von Sistiana umfaßte, erhielt zur bisherigen Besatzung die noch verbliebenen zwei Bataillone der 187. LstlBrig.; das Abschnittskmdo. wurde auf Anordnung des Kommandos der Südwestfront zur einheitlichen Leitung aller Land- und Seestreitmittel dem Konteradmiral Freih. v. Koudelka übertragen1).

Der Küstenabschnitt V (Fiume) blieb unverändert.

Als Verfügungstruppen des 5. Armeekmdos. standen zu Ende 1915 das VII. Korps mit der 17. ID. bei Ranziano und Selo, mit der 20. HID. um Comen; ferner die 16. LstGbBrig. bei Schönpass.

Am 20. Dezember hatte die Heeresleitung den Abtransport der 9. IBrig. nach Südostgalizien befohlen (S. 7), wo die Russen zu einem neuen Schlage gegen die öst.-ung. Front am Dnjester ausholten. Die Brigade. die dem XVI. Korps zugewiesen war, wurde aus der Front gelöst und rollte zwischen dem 22. und dem 29. Dezember nach dem Osten ab. An ihrer Stelle wurde die 16. LstGbBrig. dem XVI. Korpskmdo. unterstellt.

Kurz darauf heischten die Vorbereitungen zum Angriff auf Montenegro (S. 35) auch die Abgabe der 14. GbBrig., die als Reserve des AOK. bei Haidenschaft versammelt wurde und in den letzten Dezembertagen abrollte.

Vom Beginn der Herbstkämpfe an war die Isonzofront wohl durch zwei Infanteriedivisionen (6. und 9.) und zwei Infanteriebrigaden (206. Lst. und 9.) verstärkt worden. In der gleichen Zeit aber mußten drei Brigaden (10. und 14. GbBrig., 9. IBrig.) abgegeben und eine (206. Lst.-IBrig.) aufgelöst werden. So waren anfangs Jänner 1916 zwar zwei Brigaden mehr vorhanden als zu Beginn der Herbstschlachten; doch wurde dieser Zuwachs durch Verluste und Erkrankungen weit aufgehoben2).

0 Diese Kommandoregelung war durch die erhöhte Tätigkeit des Feindes im Golf von Triest bedingt, wo anfangs Dezember italienische Zerstörer wiederholt unsere Minenleger und andere Fahrzeuge angegriffen und die Bucht von Sistiana beschossen hatten. Der Kommandant der 187. LstlBrig., Konteradmiral Koudelka, war gleichzeitig Seebezirkskommandant von Triest, wo jedoch GM. Ritt. v. Wasserthal als Kommandant des Abschnittes IV befehligte. Es war daher eine Klärung der Befehlsverhältnisse nötig geworden. GM. Wasserthal blieb Stadtkommandant von Triest. Zur besseren Verteidigung des Hafens wurden dem Abschnitt IV schwere Geschütze zugewiesen; beim Flottenkommando wurde eine Erweiterung und Ergänzung der Minensperre erwirkt.

2) Der Frontfeuergewehrstand der 5. Armee, einschließlich jenes des vorübergehend abgetrennten XV. Korps, war zu Beginn des Jahres 1916 trotz der Truppenvermehrung der gleiche geblieben wie zu Beginn der Ilerbstkämpfe.

Die Wiedereroberung der Höhen von Oslavija

Von den in der Zeit nach Beendigung der Herbstschlachten bis zum Beginn des Monates März 1916 am mittleren und unteren Isonzo von den k. u. k. Truppen durchgeführten Unternehmen gewann vor allem die Erstürmung der Höhen von Oslavija größere Bedeutung.

Der dort vom Feinde in den letzten Novembertagen erkämpfte Raum rittlings der von St. Florian nach Pevma führenden Straße reichte bis knapp auf einen Kilometer Entfernung an den Fluß heran. Er bildete eine unmittelbare und dauernde Bedrohung der gerade in diesem Abschnitte leicht verwundbaren Verteidigung und konnte vom Italiener jederzeit zum Ausgangspunkt für einen Durchbruch des ohnehin äußerst ungünstig angelegten Brückenkopfes ausersehen werden.

Das trübe, vornehmlich die Tätigkeit der Artillerie behindernde Wetter und die andauernde Nässe, die das ganze Vorfeld in einen tiefen Morast verwandelt hatte, verzögerten die vom Kommandanten des Brük-kenkopfes, GM. Zeidler, geplante Verbesserung der Kampfverhältnisse. Trotzdem war es kleinen Abteilungen und Sturmtrupps noch im Dezember gelungen, den Feind auf der Podgora um etwa 200 Schritte zurückzudrängen. Bei Oslavija konnte das bis ins einzelne vorbereitete Unternehmen aber erst gegen Mitte Jänner durchgeführt werden.

Nach planmäßiger Beschießung des von den Italienern besetzten Einbruchsraumes stießen am 14. abends bei hellem Mondlicht sieben Kompagnien vor und nahmen, wie es beabsichtigt war, innerhalb einer Stunde alle feindlichen Stellungen von der Höhe -c^- 188 bis einschließlich des Kirchenrückens von Oslavija in Besitz1).

Der kühne Vorstoß dieser schwachen Kräfte wirkte wie ein Griff ins Wespennest. Die gesamte übermächtige Artillerie des italienischen

VI. Korps und des Nordflügels der Armee Aosta setzte alsbald mit einem Feuerwirbel von unerhörter Wucht gegen die zurückgewonnenen Stellungen, die Isonzobrücken und die Stadt Görz ein; aus allen Richtungen zog GLt. Capello, der Führer des vom Stoß betroffenen VI. Korps, seine Reserven gegen Oslavija zusammen. Die in Erwartung des feindlichen Massenfeuers nur mit wenigen Zügen besetzte Höhe -<J>-188 mußte am 15. Jänner vor starken Gegenangriffen geräumt werden. Als ein Versuch, sie wiederzugewinnen, mißlang, und auch der Kirchenrücken am 16. nach wechselvollen Kämpfen, in die der Italiener bedeutende Verstärkun-

x) Über 1000 Gefangene, darunter 34 Offiziere; mehrere Maschinengewehre und Minenwerfer wurden eingebracht.

gen geworfen hatte1), wieder verlorengegangen war, mußte das Unternehmen abgebrochen werden. Die Verluste der 58. ID. in den dreitägigen Kämpfen betrugen rund 600 Mann, darunter 14 Offiziere; beim Feind hatten die 27. ID. 68 Offiziere und 1440 Mann, die 11. ID. 43 Offiziere und 741 Mann verloren2).

Am 20. Jänner hatte die italienische Heeresleitung von ihren Verfügungstruppen eine Brigade und von der 1. Armee drei Brigaden für die Ablösung der 11. und der 27. ID. befohlen. Von diesen Truppen gelangten die Grenadierbrigade bis zum 24. Jänner, die von der Tiroler Front herangeführten Verbände erst im Februar in den Bereich des VI. Korps. Mit diesen Maßnahmen sollte dem VI. Korps die Fortsetzung des belagerungsmäßigen Angriffes ermöglicht werden.

Schon am 19. Jänner legte GM. Zeidler dem XVI. Korpskmdo. den Plan zur zweiten und endgültigen Wiedereroberung der Höhen von Oslavija vor. Diesmal sollte der Infanterieangriff nach kurzer Artillerievorbereitung bei Tage erfolgen. Die Durchführung des Unternehmens wurde für den 24. Jänner festgelegt. Die für den Vorstoß bereitgestellten Truppen3), insgesamt 31/2 Bataillone, bezogen bis zum 24. früh die Angriffsgruppierung in den Kavernen und Unterständen in einem Bogen von etwa 1 km Länge, der sich um den etwas vorspringenden feindlichen Abschnitt zwischen der Höhe 188 und dem Südwesthang des Kirchenrückens legte. Nach dem Einschießen der vierundzwanzig an dem Unternehmen beteiligten Batterien begann am 24. nachm. das zweistündige Wirkungsschießen. Um 5 h schritt, durch einfallenden Nebel begünstigt, die Infanterie zum Sturmangriff. Im ersten Anlauf entriß das auf dem rechten Flügel der Angriffsgruppe vorgehende Halbbataillon des ungarischen IR. 69 dem Feinde die Höhe -<>- 188; auch auf dem linken Flügel warfen die Dalmatiner Schützen den Italiener ohne besondere Mühe den Kirchenrücken herab. Nur auf dem Sattel zwischen den beiden Höhen kam es zu einem schweren Ringen. Erst als die beigegebenen Sappeure mit Ekrasit und Flammenwerfern dem Mittelbataillon Lücken durch die starken Hindernisse gebahnt hatten, wurde auch hier der Feind überwunden. Das sorgfältig vorbereitete Unternehmen war völlig geglückt.

*) Bis zum 16. Jänner waren bei Oslavija Teile von sechs Infanterieregimentern und drei Radfahrerbataillone festgestellt worden. Überdies waren bis zum Abend dieses Tages vom links benachbarten II. Korps zwei Bataillone, von den Heeresreserven vier Bataillone im Kampfraum eingelangt.

2)    Ital. Gstb. W., III, Text, 167.

3)    IBaone. 11/52, x/2 111/69, III/SchR. 37, zusammen 10 Kompagnien in erster Linie, IBaon. I/SchR. 37 als Reserve.

Um 7 h abends waren alle in der vierten Isonzoschlacht verlorenen Stellungsteile in unserer Hand, überdies 1200 Gefangene x) und 6 Maschinengewehre eingebracht.

Starke Gegenangriffe2) in der Nacht auf den 25. Jänner veranlaßten jedoch die vorübergehende Räumung des Kirchenrückens, den aber auch der Feind wegen unseres dauernd dahin abgegebenen Artilleriefeuers nicht zu besetzen vermochte. Die dort angelegten Gräben wurden zunächst nur als vorgeschobene Nachtstellung gesichert und erst im März auch als Tagesstellung dauernd eingerichtet.

Obwohl der Italiener bis zum 25. abends vor dem Nordflügel des Brückenkopfes etwa 20 bis 23 Bataillone versammelt hatte, wagte er keinen weiteren Gegenangriff, so daß schon nach zwei Tagen die neue Front notdürftig ausgestaltet war und die Lage in dem Kampfabschnitt von Oslavija als gesichert gelten konnte. Die Verluste, die die Angriffsgruppe am 24. und 25. Jänner erlitten hatte, betrugen 9 Offiziere und 325 Mann, jene der Italiener 120 Offiziere und 2200 Mann3).

Der Kampflärm bei Görz löste auf dem Karst Ablenkungsangriffe der italienischen 3. Armee gegen den Abschnitt des III. Korps aus. Am

24. Jänner begann die ganze italienische Artillerie die Karsthochfläche und den Görzer Abschnitt unter schweres Feuer zu nehmen. Am 25. wurde vom Morgengrauen an das Feuer gesteigert. Um 10 h vorm. griffen das italienische XI. Korps und eine Brigade des XIII. den Mt. S. Michele an. Der wenig entschieden geführte Angriff erreichte kaum die Hindernisse.

Um bei den künftigen Anstürmen gegen den Brückenkopf von Görz und gegen den Karst durch eine einheitliche Leitung gewisse Wechselwirkungen zu erzielen, hatte die italienische Heeresleitung am 30. Jänner das VI. Korps und die 4. ID. von der 2. Armee abgetrennt und dem Herzog von Aosta unterstellt, so daß dessen Armee nunmehr bis zum Mt. Sa-botino reichte4). Ende Jänner begann ein Austausch von Brigaden zwischen der Tiroler- und der Isonzofront, offenbar zu dem Zwecke, um die an der Hauptfront fechtenden Truppen durch weniger verbrauchte

!) Darunter 2 Stabs- und 43 sonstige Offiziere. Die Gefangenen stammten von fünf verschiedenen Regimentern, der Großteil von der 27. ID.

2)    Nach dem Ital. Gstb. W., III, Text, 171 griffen zehn Bataillone an.

3)    Ital. Gstb. W., III, 172.

4)    Das italienische VI. Korps bestand nun aus der 4. und der 11. ID. mit je drei Brigaden und aus der 12. ID. mit 2 Brigaden. Ihm stand nach wie vor die k. u. k. 58. ID. mit einer Infanterie- und zwei Gebirgsbrigaden gegenüber.

zu ersetzen. Im Februar wurden zunächst drei Brigaden aus Tirol vor Görz in die Front gestellt, im März noch zwei Brigaden herangezogen; von einem weiteren Austausch wurde wegen der späteren Entwicklung der Lage abgesehen.

Um den 1. Februar steigerte sich die Tätigkeit des Feindes besonders in jenen Frontabschnitten, wo sich beide Kampflinien sehr nahe gegenüber lagen, so bei Plava, bei Oslavija, auf der Podgora und im nördlichen Teil des Karstes. Fast täglich wiederkehrende Artilleriekämpfe, nächtliche Patrouillenscharmützel, Handgranaten- und Minenwerferkämpfe unterbrachen die winterliche Ruhe des Stellungskrieges. So mißglückte unter anderem am 13. Februar ein Angriffsversuch einiger feindlicher Kompagnien westlich von S. Martino. Vom 25. Februar an führte der Italiener an der ganzen Front demonstrative Beschießungen unserer Stellungen durch. Vorfühlende Abteilungen wurden durchwegs durch Feuer zurückgewiesen; nur am 27. vermochte ein nach starker Artillerievorbereitung zweimal vorstoßendes Bataillon südöstlich von Peteano vorübergehend in unseren Gräben Fuß zu fassen. Im Gegenstoß zurückgeschlagen, verlor es etwa 130 Mann durch Gefangennahme und 100 Mann durch Tod und Verwundung.

Die fünfte Isonzoschlacht (11. bis 16. März)

Hiezu Beilage 8

Die k. u. k. 5. Armee bis zum Beginn der Schlacht

Die Änderungen in der Kräftegruppierung bei der 5. Armee betrafen seit der Jahreswende die Abgabe von Kerntruppen und Artillerie zur Verfügung der Heeresleitung und den nur teilweisen Ersatz der Heeresund Schützenregimenter durch mit der Kampfweise am Isonzo wenig vertraute Landsturmverbände.

Am 8. Februar erließ das AOK. den ersten Versammlungsbefehl, nach dem das III. Korps mit der 6., der 22. und der 28. ID. für den Abtransport auf einen „anderen Kriegsschauplatz“ bereitzustellen war; auch wurde das voraussichtliche Abgehen der 18. ID. angekündigt. Außerdem sollte eine Anzahl von Batterien, besonders neuer schweren Kalibers, abgegeben werden. Als teil weisen Ersatz erhielt die 5. Armee bis Mitte

März zugewiesen: die 62. ID., die 21. LstGbBrig., eine Gruppe von vier Bataillonen und das k. k. LstlR. 11, zusammen 23 Bataillone1). Da für diese Landsturmtruppen keine regelmäßigen Ersätze vorgesehen waren, sollte die 21.LstGbBrig. nach und nach in der 62. ID. aufgehen, damit wenigstens diese Division durch einige Zeit gefechtsstark erhalten werden könnte. Alle neu zugewiesenen Kräfte verlegte das Armeekmdo. in den Bereich des XVI. Korps und nahm die 62. ID. als Ersatz für die abzugehende 18. ID. in Aussicht. Die übrigen Truppen waren als Armeereserve und für Ablösungen bestimmt.

Auf der Karsthochfläche mußte zunächst das III. Korps durch das

VII. abgelöst werden. Die 20. HID. trat an die Stelle der 6. ID., die

17. ID. löste die 28. ID. ab. Der Truppenwechsel wurde zwischen dem

14. und 18. Februar durchgeführt. Das VII. Korpskmdo. übernahm an diesem Tage wieder den Befehl im Abschnitt II. Die 106. LstlD. welcher die 187. LstlBrig. unterstellt wurde, hatte schon am 11. und 12. mit dieser Brigade den Bereich der 22. SchD. übernommen und stand wieder in der Front von der Ruine -<>-143 bis zum Mt. dei sei Busi. Nachträglich hatte das Armeekmdo. noch angeordnet, aus der Front elf Feldkanonenbatterien und eine Feldhaubitzbatterie als leichte Feldartillerie des III. Korps herauszuziehen; diesen Batterien folgte dann die schwere Artillerie des Korps. Weitere schwere Batterien sollten noch abgegeben werden.

Die 22. SchD. war aus der 43. SchBrig. und aus der bisher zur 9. ID. gehörenden 18. IBrig. gebildet worden. Als Ersatz für die letztgenannte Brigade erhielt der Abschnitt III die 16. LstGbBrig. vom XVI. Korps zugewiesen. Die 61. ID. hatte weiterhin aus der 16. und der 19. LstGbBrig., die 9. ID. aus der 17. IBrig. und aus der im Görzer Brückenkopf eingesetzten 60. IBrig. zu bestehen.

Das III. Korps wurde bis zum 1. März für die ihm zugedachte Verlegung bereitgestellt, und zwar die 28. ID. bei Oberlaibach—Loitsch, die

22.    SchD. bei Opčina und die 6.ID. bei Ranziano. Die drei Divisionen rollten dann in der Zeit zwischen dem 12. und 26. März ab. Die 18. ID. wurde bis zum 3. März durch die vom Balkankriegsschauplatz im Bereiche des

XVI. Korps eingelangte 62. ID. abgelöst und vollzog vom 13. bis zum

23.    März den Abtransport.

Durch die Abgabe dieser vier vorzüglich bewährten Divisionen und

*) Hievon waren vom Balkan die 62. ID. vom 17. Februar an und die vier Bataillone Gruppe Obstlt. Maderspach) am 18. März, vom russischen Kriegsschauplatz die 21. LstGbBrig. am 20. Februar und das LstlR. 11 am 2. März eingetroffen.

der schweren Artillerie 1) verminderte sich um die Mitte des Monates März, gerade zur Zeit als die Kämpfe der fünften Isonzoschlacht aufflammten, die Zahl der Bataillone der 5. Armee von 147 auf rund 100, hievon mehr als die Hälfte Landsturmbataillone; die Zahl der Geschütze von 693 auf 467. Da die Pläne der Heeresleitung den Unterführern erst später bekannt gegeben wurden, stiegen bei diesen wohl manche Bedenken auf. Auf einen Bericht des GdI. v. Boroevic vom 15. Februar, in welchem der Armeeführer aufmerksam machte, daß die äußerste Grenze der noch zulässigen Schwächung seiner Front erreicht sei, und Bedenken für den Fall eines möglichen italienischen Angriffes äußerte, bemerkte die Heeresleitung, daß sie sich der durch ihren Entschluß entstandenen vorübergehend schwierigen Lage der 5. Armee bewußt wäre, und daher die aus dem Bericht sprechende ruhige und zuversichtliche Auffassung voll zu würdigen wisse. Übrigens werde sie trachten, das Kräfteverhältnis an der Isonzofront, wenigstens der Zahl nach und artilleristisch wieder zu bessern, für den Fall eines neuerlichen großen italienischen Angriffes aber helfend eingreifen2). Erst am 3. März wurde das Armeekmdo. über die Offensivpläne der Heeresleitung unterrichtet.

Plan und Durchführung des italienischen Angriffes

In den ersten Märztagen setzte ein außerordentlich reger Verkehr auf den italienischen Bahnen in Venetien ein, der bis gegen die Mitte des Monates anhielt. Der eigentliche Grund konnte von uns nicht erkannt werden; ein Teil der Transporte bestand wahrscheinlich aus den schon erwähnten Au stau sch truppen und aus Ersätzen. Anzeichen für ein Abziehen von Kräften lagen nicht vor. Auch die schwere Artillerie schien vor der Front der 5. Armee bisher nicht wesentlich vermindert worden zu sein3).

*) Insgesamt waren von der Isonzofront bis Ende des Monats abgegeben worden: 12 FKn-, 8 GbKn-, 8 EHb-, 2 GbHb-, 6 schwere Kn-, 8 schwere Hb-, 2-15 cm-Ms-, 2-24 cm-Ms- und 3-30.5 cm-MsBatterien (vgl. auch Blge. 2).

2)    Für Mitte März stellte das AOK. auf Grund der über den Feind eingelangten Nachrichten folgenden schätzungsweisen Vergleich der beiderseitigen Kräfte auf:

Verhältnis der k. u. k. 5. Armee zur italienischen 3. Armee und zum italienischen II. Korps wie 1 : 2.6; Verhältnis der k. u. k. 10. Armee zur Karnischen Gruppe, zum IV. und zum VIII. Korps der Italiener wie 1:1.7; Verhältnis der k.u.k. Streitkräfte in Tirol zu der 1. und der 4. Armee der Italiener wie 1.9 : 1.

3)    Die Gruppierung der italienischen Streitkräfte anfangs März zeigt die Big. 8.

Warum der Kampf am Isonzo im März trotz der Ungunst des Wetters und bevor noch die Vorbereitungen für die geplante allgemeine Offensive beendet waren, wieder aufgenommen wurde, ist aus dem Einleitungssatz zum Befehl des italienischen Oberkmdos. zu entnehmen, in dem es heißt: „Die allgemeine Lage macht aus Gründen der Bündnispflicht nötig, mit größter Tatkraft die uns gegenüberstehenden feindlichen Kräfte festzuhalten und ihre Verschiebung auf andere Kriegsschauplätze zu verhindern1).“

Cadorna war mit Rücksicht auf die ihm nicht verborgen gebliebene bedrohliche Ansammlung starker öst.-ung. Kräfte in Südtirol durchaus nicht für ein vorzeitiges Losschlagen an der küstenländischen Front eingenommen; aber zwei Gründe hatten seinen Entschluß zum Angriff im März wesentlich beeinflußt. Der eine lag in der Notwendigkeit, sich durch den Kampf Einblick und Gewißheit über die gar nicht geklärte Lage und die Absichten beim Gegner zu verschaffen; der zweite, viel schwerer wiegende, war die durch die Ereignisse bei Verdun bedingte Aufforderung der französischen Heeresleitung zu einem Entlastungsangriff gemäß den noch im Dezember 1915 getroffenen Vereinbarungen von Chantilly.

Einen festen Plan für die Durchführung dieser Entlastungsoffensive hatte sich die italienische Heeresleitung nicht zurechtgelegt; auch die Wahl der Operationsziele hatte Cadorna seinen Armeeführern mehr oder weniger freigestellt. Sie sollten die Ziele auf Grund der im bisherigen Stellungskampf erreichten Ergebnisse und nach der Lage in ihren Abschnitten selbst bestimmen, aber sich dabei die Hauptziele aller bisherigen Schlachten, die Eroberung von Görz und die Wegnahme von Tolmein, vor Augen halten. Bei der Gleichgültigkeit, die anscheinend dieser Entlastungsoffensive entgegengebracht wurde, und bei dem Mangel eines leitenden Gedankens zerfiel die Schlacht in eine Reihe unzusammenhängender Teilangriffe, die ohne jedes Ergebnis blieben. Der Zweck, die öst.-ung. Truppen an der Isonzofront festzuhalten, wurde nicht erreicht, denn gerade als die italienischen Angriffe gipfelten, war auch die Verlegung der abzugehenden Divisionen im vollsten Zuge.

Da das Wetter größere Kampfhandlungen am oberen Isonzo noch nicht zuließ, hatte die italienische 3. Armee die Hauptlast des Kampfes zu tragen. Der Herzog von Aosta hatte dem starken VI. Korps die Eroberung der Podgora als Ziel gesetzt; das XI. Korps hatte im Abschnitt Mt. S. Michele—S. Martino anzugreifen und gleichzeitig bei Mainizza einen

r Ital. Gstb. W., III, Text 178; Dokumente, 172.

Übergang über den Isonzo zu versuchen oder wenigstens die kleine Schotterinsel bei dem eben genannten Orte zu besetzen. Das XIII. Korps sollte einzelne, im Angriffsbefehl näher bezeichnete Grabenstücke nehmen und das VII. Korps die vorspringenden Teile der öst.-ung. Stellungen östlich von Selz und an der großen Straße bei Bagni (östlich von den Adriawerken) gewinnen. Zu Täuschungszwecken sollte der Kampf mit kleinen Vorstößen und Unternehmungen am 8. März eingeleitet werden.

Am 11. März begann die italienische Artillerie an der ganzen Front ein lebhaftes Feuer aller Kaliber gegen die öst.-ung. Kampfstellungen und die Anmarschstraßen zu richten, das trotz unsichtigen Wetters nachtsüber und am folgenden Tage fortgesetzt wurde, während Stoßtrupps die Hindernisse vor unseren Gräben zu zerstören versuchten. Erst am 13. kam es zu örtlich begrenzten, mitunter heftigen und bis zum Handgemenge geführten Teilangriffen der italienischen Infanterie an den altgewohnten Brennpunkten der Front.

Während es beim VI. Korps nur einem einzigen Bataillon gelang, am 14. in einem schmalen Grabenstück auf der Höhe -<>- 184 beiLucinico vorübergehend einzudringen, griff das XI. Korps auf der Karsthochfläche zäher an. Den stärksten Angriff führten am 13. März etwa sechs bis acht Bataillone der 21. ID. bei S. Martino, wo sich das erprobte k. u. k. IR. 46 gegenüber sechs durchgeführten Sturmangriffen siegreich behauptete. Am gleichen Tage griffen die Italiener noch bei Selz, am 14. bei der Wegkote 111 östlich von Polazzo, am 15. nächst der Höhe -<>• 197 westlich von S. Martino und am 16. südöstlich von Peteano mit Gruppen von Bataillons- bis Regimentsstärke an. Sämtliche Vorstöße scheiterten völlig und mögen dem Feinde namhafte Opfer gekostet haben.

Bei der italienischen 2. Armee führten die vom Armeekmdo. befohlenen Angriffe zu keinem Erfolg (S. 159).

Mit dem 16. März kann das von den Italienern unter bedeutendem Aufwand von Schießbedarf ins Werk gesetzte Unternehmen als beendet betrachtet werden1). Diese Angriffe wurden, obwohl sie an keiner Stelle den Charakter eines einheitlichen Großkampfes annahmen, als „fünfte Isonzoschlacht“ bezeichnet, wohl hauptsächlich aus dem Grunde, um dem Feinde die eigene Auffassung der Märzkämpfe als eine ernst zu nehmende „Schlacht“ vorzutäuschen und damit im Zusammenhange das Abgehen der eigenen Kräfte vom Isonzo unglaubwürdig zu machen.

Als weitere Verschleierungsmaßnahme wurde ein Zuzug von Trup*) Die Verluste der italienischen 3. Armee in dieser Zeit betrugen 83 Offiziere und 1800 Mann; die Verluste der k. u. k. 5. Armee 485 Tote und 1500 Verwundete.

pen durch entsprechende Marsch- und Lagerübungen der Marschformationen, Errichtung von Unterkünften, Ausladeübungen und dergleichen vorgetäuscht. Schließlich war eine Reihe von Angriffsuntemehmen vorgesehen, die zugleich auch zur Verbesserung der Kampfverhältnisse an geeigneten Frontstellen führen sollten.

Am 14. März wies die Heeresleitung in der Erwartung größerer Kämpfe der 5. Armee die 34. ID. zu, die bis zum 25. vom russischen Kriegsschauplatz eintraf und bei Ranziano als Armeereserve versammelt wurde. Mit dieser Division erreichte die Armee wieder einen Stand von 113 Bataillonen; die mit dem Abgehen des III. Korps und der 18. ID. vorübergehend eingetretene Spannung durfte damit als überwunden angesehen werden. Die Division konnte indessen, da die Lage am Isonzo wieder ruhig geworden war, bald darauf zur Verfügung des AOK. gestellt werden und ging vom 2. April an nach Tirol ab.

Die Einleitung der Frühjahrsoffensive gegen Italien

Conrads endgültiger Entschluß zur Offensive

Der ernste persönliche Zwist zwischen den Generalstabschefs der beiden verbündeten Mittelmächte, der aus der Meinungsverschiedenheit über die Kriegführung auf dem Balkan entstanden war, fand nicht zuletzt dank der Vermittlung durch die Generale Metzger und v. Cramon Ende Jänner 1916 einen versöhnlichen Abschluß. Das weithin sichtbare günstige Ergebnis des Unternehmens gegen Montenegro und Albanien mochte Conrad den Entschluß erleichtert haben, an Falkenhayn den ausbedungenen Entschuldigungsbrief zu schreiben; den tieferen Antrieb zu diesem Schritte fühlte er jedoch gewiß in dem unausweichlichen Gebot der Stunde, die eine Verständigung über die nächsten Ziele des Krieges dringend erheischte. Der wohldurchdachte, aussichtsreiche, aber durch Falkenhayn im Dezember 1915 abgelehnte Plan einer gemeinschaftlichen Offensive gegen Italien lag Conrad am Herzen.

Am 27. Jänner sah man die beiden Generalstabschefs an der Geburtstagstafel des Deutschen Kaisers wieder in freundschaftlichem Gespräch nebeneinander sitzen1). Die Brücke war geschlagen, und Conrad bat den deutschen Militärbevollmächtigten, er möge bei Falkenhayn für seinen Vorschlag Stimmung machen. GM. Cramon läßt uns wissen, daß

x) Cramon, Bundesgenosse, 46.

Conrad ihm hiebei ausdrücklich erklärte, die Offensive „nur unter Mitwirkung deutscher Kräfte durchführen zu können“1). Die Mission führte nicht zu dem von Conrad erwünschten Ergebnis. Am 3. Februar fuhr der Generalstabschef selbst nach Pleß und schilderte Falkenhayn die Erfolgsmöglichkeiten in beredten Worten. Vergebliche Mühe! Zu dieser Zeit waren die deutschen Geschütze schon vor Verdun aufgefahren und die Angriffsdivisionen stellten sich zu dem gigantischen Ringen bereit, das am 12. Februar beginnen sollte und nur der schlechten Witterung wegen erst am 21. einsetzte.

Aber auch Conrad ging von seinen Absichten nicht mehr ab. Er war gewillt, gegen Italien unter allen Umständen die Offensive zu ergreifen, wenn nötig auch ohne den Bundesgenossen. Allerdings war in den ersten Richtlinien für den Angriff im Südwesten, die am 6. Februar, dem historischen Stichtage der Entschlußfassung, ausgegeben wurden, die Zusammensetzung der „Marschstaffel“ (Bd. III, S. 587, 593) noch nicht angegeben. Es mußte eben noch nach den öst.-ung. Streitkräften Ausschau gehalten werden, die an Stelle der für diese Staffel vorgesehenen deutschen Truppen einzusetzen waren.

In diesen dem Kommandanten der Südwestfront erteilten Richtlinien sprach das AOK. die Absicht aus, „nunmehr Italien anzugreifen“. Den entscheidungsuchenden Stoß werde GO. Erzherzog Eugen „mit einer Heeresgruppe aus Südtirol, wenn möglich in den Rücken der feindlichen Hauptkraft zu führen haben“. Die sich fortwährend ändernde allgemeine Lage erlaube noch nicht, die Gliederung der Heeresgruppe im einzelnen festzulegen. Es sei geplant, sie auf eine Stärke von 14 Divisionen mit 60 schweren Batterien zu bringen. Aus dem Landesverteidigungskmdo. in Tirol werde das 11. Armeekmdo. mit dem GdK. Dankl an der Spitze hervorgehen. In der beabsichtigten Kriegsgliederung der 11. Armee waren aufgenommen: das III. Korps mit den ihm zugehörenden drei Divisionen, das VIII. Korps mit der 57. und der 59. ID., das XVI. Korps mit zwei Divisionen2), und ein Korps, das XX., das durch Wiedervereinigung der beiden Divisionen des ehemaligen XIV. Korps entstehen sollte, und zu dessen Führung der mittlerweile zum Feldmarschalleutnant beförderte Thronfolger Erzherzog Karl Franz Joseph ausersehen war.

Fest umrissen war die Aufgabe dieser Armee: „zwischen Etsch und Suganatal, mit gut zusammengehaltener Hauptkraft über die Hoch-

x) Cramon, Bundesgenosse, 47.

2) Später wurde statt des XVI. Korpskmdos. das XVII. bestimmt und diesem die 18. und die 48. ID. unterstellt.

flächen von Folgaria—Lavarone auf Thiene—Bassano vorzustoßen.“ Hingegen war die Zusammensetzung und Bestimmung „einer weiteren Armee, die hinter der elften herangebracht und je nach der Lage, wenn möglich aber zur Ausnützung des Erfolges beim Austritt aus dem Gebirge, verwendet werden sollte“, nur angedeutet.

Weiters wurde dem GO. Erzherzog Eugen eröffnet, daß die nicht in den Angriffsabschnitt eingeschlossenen Teile der Landesverteidigung von Tirol unter den Befehl des GdI. Roth (XIV. Korpskmdo.) treten würden, ferner daß die materielle Vorbereitung wie auch die Versammlung der „Heeresgruppe Erzherzog Eugen“ vom AOK. geleitet und etwa acht Wochen dauern werde.

Pläne des Heeresgru-ppenkommandos Erzherzog Eugen imd des 11. Armeekommandos

Hiezu Beilagen 6 und 9

GO. Erzherzog Eugen wie auch sein Generalstabschef, FML. Alfred Krauss, hatten schon seit Jahr und Tag darüber Gedanken gesponnen, wie dem kräftezehrenden, unfruchtbaren Stellungskrieg an der Südwestfront ein Ende bereitet werden könnte. Die günstige Entwicklung der Gesamtlage Ende 1915 ließ auch in Marburg, dem Hauptquartier des Erzherzogs Eugen, die Hoffnung aufkeimen, daß die Zeit nicht mehr ferne sei, in der man den an der Südwestfront nagenden Feind mit einem kräftigen Schlage abzuschütteln vermöchte. Doch die Heeresleitung vermied den vom Erzherzog hierüber gewünschten Gedankenaustausch. So kamen die Richtlinien des Oberkommandos vom 6. Februar dem Kommando der Südwestfront zwar nicht unerwartet, aber sie überraschten doch durch die gemessene Form, in der der vollendete Beschluß zur Offensive allein aus Südtirol ausgeprägt war1).

Ungesäumt legte es dem Armeeoberkommando seine Auffassung über die Durchführung der Weisungen dar und gab seiner Meinung freimütig darüber Ausdruck, daß mit dem Erreichen der Linie Thiene—Bas-sano nur der erste Schritt getan sei. Die in Aussicht genommene Wirkung in den Rücken der feindlichen Hauptkraft könne es erfordern, daß die 11. Armee nach Erreichen dieser Linie die Offensive ohne wesentlichen Aufenthalt fortsetze. Durch diese Forderung träte die Frage der Ver-

*) Krauss, Die Ursachen unserer Niederlage (3. Auflage, München 1923), 185.

sorgung in den Vordergrund. Die drei Straßen über das Gebirge würden nicht hinreichen; die 11. Armee bedürfe zur Erhaltung ihrer Operationsfähigkeit nach dem Heraustreten in die Ebene einer Bahnlinie. Diese Forderung bedinge, schon beim ersten Ansetzen der Kräfte auf möglichst frühzeitige Besitznahme des Brentatales Bedacht zu nehmen.

„Aber auch die taktischen Rücksichten“, berichtete das Kommando der Südwestfront, „verweisen auf eine breitere Gliederung der Angriffsgruppe unter Einbeziehung der Val Sugana. In dem für das Ansetzen der Hauptkraft gegebenen Angriffsraum von nur 20 km wird die große Überlegenheit an Kraft nicht zur Geltung kommen. Anderseits wird durch die geringe Frontbreite die Gefahr feindlicher Einwirkung gegen die Flanke, besonders beim Heraustreten aus dem Gebirge, wesentlich erhöht. Die neue Armee, welche erst hinter der 11. das Gebirge durchziehen soll, wird nur unter großen Schwierigkeiten helfend eingreifen können. Vermischungen der Verbände, Änderungen in den Befehlsverhältnissen werden unvermeidlich.“ Erzherzog Eugen schlug daher vor, beide Armeen von Haus aus nebeneinander einzusetzen; die eine, sieben Divisionen stark, im Raume von der Etsch bis zum Suganatal, dieses ausgenommen, die andere, zunächst aus zwei Divisionen gebildet, durch das Tal und dessen nördliches Anland etwa bis zur Linie Castel Tesino—Fonzaso. Das Gelände, durch den Steilabfall südlich der Brenta deutlich in zwei Teile geschieden, spräche für diese Teilung der Armeebereiche. Des weiteren wurde betont, daß sich für den sehr wesentlichen Anfangserfolg bei der Suganagruppe der große Vorteil eines Flankenstoßes aus dem Fleimstal ergäbe, der große Wirkung auf die feindlichen Kräfte bei Borgo erwarten ließe. Die später eintreffenden fünf Divisionen würden je nach der Kampflage und je nach Bedarf vom Heeresgruppenkmdo. entweder der Suganaarmee oder der 11. Armee zugewiesen werden. Das Heeresgruppenkmdo. könne durch einheitliche Leitung beider Armeen seinen Einfluß auf die Führung des Durchbruches ausüben. Im Falle nur die 11. Armee den Durchbruch ausführe, müsse die Durchführung dem Armeekmdo. überlassen bleiben. Das Heeresgruppenkmdo. wäre dann nur eine unnütze Zwischenstelle zwischen der Heeresleitung und der 11. Armee.

Das AOK. nahm diesen vom lebhaften Eifer des Kommandos der Südwestfront Zeugnis gebenden Bericht zur Kenntnis und antwortete ausweichend, es würde jetzt durch eine Ergänzung seiner für die Durchführung der Aufgabe volle Freiheit lassenden ersten Weisungen der weiteren Entwicklung der Dinge nur vorgreifen. Die im großen gegebene Raumbegrenzung für die 11. Armee schließe nicht aus, daß auch nördlich des Suganatales die notwendigen Kräfte vorgehen. Die übrigen Darlegungen des Kommandos der Südwestfront, wonach dieses mit größter Beschleunigung die Auslösung der für Tirol bestimmten Kräfte durchführen und hiebei sogar über den gestellten Rahmen hinausgehen werde, fanden in Teschen die vollste Zustimmung. GO. Conrad genehmigte auch den Antrag, daß das als zukünftiger engerer Stab des 11. Armeekmdos. in Aussicht genommene Landesverteidigungskommando über die Absichten der Heeresleitung in vollem Umfange unterrichtet werde.

Dem Landesverteidigungskommandanten, GdK. Dankl, wurde nunmehr durch die ihm am 11. Februar von Marburg erteilte ausführliche Anweisung „Gelegenheit gegeben, bereits auf die ganze Anlage (besonders die Aufstellung der schweren Artillerie) in dem Sinne Einfluß zu nehmen, wie es der vom Armeekommandanten beabsichtigten Lösung der Aufgabe der 11. Armee am besten entspricht“.

Einige Tage später erfuhren jedoch die von der Heeresleitung festumschriebenen Raumgrenzen der 11. Armee eine Lockerung. Das Kommando der Südwestfront teilte dem GdK. Dankl die Hauptzüge seiner dem AOK. dargelegten Auffassung sowie dessen Antwort mit und befahl ihm, einen Plan für das Ansetzen der Kräfte der 11. Armee bei Berücksichtigung der Absichten des Kommandos der Südwestfront zu entwer-fen.Nach Studium und Prüfung mehrerer Möglichkeiten legte GdK.Dankl den Entwurf am 18. Februar vor. Er gedachte, das XX. Korps über die Hochfläche von Folgaria, das III. (drei ID.) über jene von Vezzena anzusetzen, das VIII. zunächst im Raume Calliano-Matarello als Armeereserve bereitzustellen, in der Absicht, mit dem III. Korps den Raum von Asiago, mit dem XX. die Höhen nördlich des Posinatales, den Borcolapaß mitinbegriffen, zu gewinnen. Das XVII. Korps sollte vorerst das Becken Borgo—Strigno, dann den Raum Castel Tesino—Brocon— Canale S. Bovo gewinnen, und hiezu mit je einer Division in der Val Sugana und über die Fassaner Alpen, die Sforc. di Sadole eingeschlossen, vorbrechen. Zur Sicherung des Hauptstoßes in der Südflanke beabsichtigte GdK. Dankl von einer aus Truppen der Tiroler Landesverteidigung zu bildenden Division die Hauptkraft (88. KSchBrig.) zwischen dem Gardasee und der Etsch in die Linie Altissimo—Vignola verstoßen zu lassen, während die 181. IBrig. ihre Stellung Mori—Rovereto—Ser-rada halten sollte.

Ein vom Erzherzog Eugen beabsichtigter Besuch in Tirol zur Besprechung mit dem GdK. Dankl unterblieb auf Wunsch des AOK., damit kein Aufsehen erregt werde. Hingegen fand sich der Generalstabs

chef der 11. Armee, GM. Pichler, beim Kommando der Südwestfront ein, wo am 27. Februar der Plan eingehend erörtert wurde. Auf Grund dieser Besprechung, die allerdings nicht zu einem vollen Einverständnis der beiden Generalstabschefs führte, formte das Heeresgruppenkmdo. am 28. den Auftrag für die 11. Armee:

„Angriff zwischen Etsch und dem nördlichen Steilrand, des Plateau von Vezzena. Ziel: die Linie Thiene—Bassano. Die Hauptkraft hat über die Hochfläche von Folgaria und Lavarone vorzugehen. Eine rechte Nebengruppe hat über den Piano della Fugazza vorzurücken, die Befestigungen der Val Leogragruppe zu nehmen und über Schio vorzudringen. Flankensicherung in der Linie Mori—C. Levante—Mt. Zevola. Ueberdies hat eine Val Suganagruppe teils aus der Richtung Pergine, teils mit Ausnützung der flankierenden Angriffsrichtung aus dem Fleimstal vorzugehen, die Befestigungen um Primolano und sodann die Bahnlinie bis Bassano in Besitz zu nehmen. Flankensicherung in der Linie Cima d’Asta—Brocon—Fonzaso. Die Ausscheidung einer Armeereserve wird nicht nötig sein, da zurZeit, wo der Angriff der 11. Armee beginnt, bereits zwei bis drei Divisionen der 3. Armee zur Stelle sein dürften, die im Bedarfsfalle vom Heeresgruppenkmdo. eingesetzt werden könnten, um Stockungen im Vorwärtsdringen der 11. Armee zu beheben. Es diene Euer Exzellenz zur Kenntnis, daß ich vorläufig beabsichtige, die 3. Armee links der 11. einzusetzen.“

Fast zur selben Stunde, als dieser Auftrag nach Bozen abgesandt wurde, traf in Marburg der Befehl des AOK. ein, es möge berichtet werden, welche Befehle dem Landesverteidigungskmdo. für die Durchführung der Aufgabe der 11. Armee und für den ihrem Angriff vorangehenden Aufmarsch der gesamten schweren Artillerie erteilt wurden und welche Verwendungsmöglichkeiten für die 3. Armee in Erwägung gezogen werden.

Am 1. März meldete das Kommando der Südwestfront den vorerwähnten, dem 11. Armeekmdo. erteilten Auftrag. Es fügte erklärend bei, daß es die 3. Armee deshalb links der 11. Armee einsetzen wolle, weil hauptsächlich im Osten mit dem Auftreten starker, von der Isonzofront gegen den Angriffsraum der Heeresgruppe herangeführter feindlicher Kräfte zu rechnen sei.

Diese Absichten fanden bei GO. Conrad entschiedene Ablehnung. Er ordnete am 3. März an: „Das AOK. muß nach den reichen Erfahrungen auf den verschiedenen Kriegsschauplätzen fordern, für das erste und entscheidende Ziel des Durchbruches die gesamte geschlossene, tiefgegliederte 11. Armee und die gesamte Artilleriekraft, ohne nach rechts oder links auszugreifen, mit voller Wucht einzusetzen. Daher kann von einem gleichzeitigen Durchstoßen in der Sugana keine Rede sein. Die dortige italienische Front ist nach gelungenem Durchbruche über Arsiero—Asiago nicht länger haltbar; dann erst kann der Zeitpunkt für ein Zusammenschießen der Werke von Primolano gekommen sein, vor allem deshalb, weil erst dann die hiezu erforderliche Artillerie verfügbar sein könnte. Ein Vorgehen im Simie dieser Forderungen läßt erhoffen, daß die 11. Armee ihre Aufgabe, auf Bassano und Thiene vorzustoßen, aus eigener Kraft erfüllt, die 3. aber nicht vorzeitig verausgabt wird, sondern für die noch nicht abzusehenden Möglichkeiten in der Hand des Heeresgruppenkmdos. bleibt.“

Gegen diesen bestimmten Befehl gab es keine Einwendung mehr. Das Kommando der Südwestfront setzte daher den am 28. Februar der 11. Armee erteilten Auftrag außer Kraft; nur die ersten Weisungen der Heeresleitung und ihr Befehl vom 3. März blieben gültig.

Waren derart von der Heeresleitung die Aufgaben der Angriffsgruppe neuerlich fest umschrieben worden, so hatte inzwischen die Frage des Krafteinsatzes auf dem rechten Flügel der 11. Armee geschwankt. GdK. Dankl hatte gegen den Auftrag, mit einer rechten Nebengruppe über den Piano della Fugazza und Schio vorzudringen, telegraphisch Bedenken erhoben. Mit einem Erfolg sei dort anfangs April des hohen Schnees wegen keinesfalls zu rechnen. Würden demnach dort zwei Divisionen vorgehen, so wären dann alle Kräfte der Armee gleichmäßig verteilt, demnach der Befehl, „mit gut zusammengehaltener Hauptkraft über die Hochflächen von Folgaria—Lavarone vorzustoßen“, nicht erfüllbar. Das Kommando der Südwestfront hatte diese Bedenken zu zerstreuen versucht und bezüglich der Kraftverteilung darauf hingewiesen, daß auf den Hochflächen beim Angriff anfänglich höchstens fünf Divisionen Raum finden könnten.

Auch dieser Meinungsaustausch fand nun durch das Eingreifen der Heeresleitung ein Ende. Ihren Befehl vom 3. März ergänzend, verfügte das Kommando der Südwestfront, um allen Zweifeln vorzubeugen, daß die Suganagruppe, von der die 48. ID. zu dieser Zeit bereits im Fleimstal einzutreffen begann, samt der ihr zugedachten Artillerie dem 11. Armeekommando auf den Hochflächen zur Verfügung stehe, und daß die beabsichtigte Ablösung der Landesverteidigungstruppen des Grenzabschnittes Val Sugana durch Teile des XVII. Korps zu unterlassen sei. Dadurch konnte das 11. Armeekmdo. das VIII. Korps für die vom Heeresgruppenkommando so nachdrücklich gewünschten Angriff über den Piano della Fugazza in Aussicht nehmen.

Der Angriffsplan der 11. Armee, der für die materielle Vorbereitung, für die Versammlung und für den Aufmarsch der Artillerie maßgebend war, spiegelt sich in der am 31. März vom GdK. Dankl erlassenen und vom Heeresgruppenkmdo. gutgeheißenen Angriffsweisung wider. Dieser gemäß sollte die Armee zwischen Etsch und dem zur Brenta abstürzenden Nordrand der Hochflächen durchbrechen, das XX. Korps in der Mitte, Richtung Arsiero, das VIII. rechts mit dem nächsten Ziel Coni Zugna— Col Santo—Borcolapaß, das III. Korps links, Richtung Asiago, wobei vorgesehen wurde, den Kempeirücken durch eine besonders ausgewählte Abteilung dieses Korps überraschend in Besitz zu nehmen. Das XVII. Korps sollte bei Pergine und südlich von Trient die Armeereserve bilden.

Diesen Plan nahm die Heeresleitung mit der Bemerkung zur Kenntnis, „daß bei der Disponierung des Angriffes die ersten Ziele nicht zu weit, das heißt nicht über mehrere befestigte Linien des Feindes hinweg, gesteckt werden, da hierunter die Wucht des Stoßes und die Ordnung erfahrungsgemäß“ zu Schaden kämen. „Auch auf das Zusammenhalten der Hauptkraft der 11. Armee gegen die Mitte“, betonte das AOK., „wird dauernd hinzuwirken sein, um zu vermeiden, daß die Flügelkorps zu breit werden.“

Vorbereitungen und Versammlung der Streitkräfte Die Grundlagen der Vorbereitung Hiezu Beilagen 7 und 9

Die Vorsorgen zur Offensive stellten den Generalstab vor Aufgaben, wie sie selbst dieser allumfassende Krieg noch nicht aufgeworfen hatte. Es galt, eine gewaltige Truppenmasse zunächst in dem lang hingestreckten, aber drückend engen Etschtale zu versammeln.

Fürs erste bot schon das Heranführen der Infanteriedivisionen und der schweren Artillerie vom Balkan, vom russischen Kriegsschauplatz, von Kärnten und vom Isonzo sowie der Zuschub ungeheurer Mengen an Munition, Verpflegung und vielartigem Kriegsgerät auf der zweigeleisigen Westbahn Wien—Innsbruck1), dann über den verschneiten Brenner,

!) Der Ausbau des zweiten Geleises auf den Westbahnteilstrecken Schwarzach-

S. Veit—Saalfelden und Kitzbühel—Wörg] war erst am 25. August 1915 vollendet. An diesem Tage wurde der durchlaufende doppelgeleisige Betrieb aufgenommen.

sowie auf der sehr ungünstig bei Franzensfeste einmündenden, bei Sillian im feindlichen Feuer stehenden eingeleisigen Pustertalbahn beträchtliche Schwierigkeiten.. Des weiteren forderte die Regelung der Ausladung in den hintereinanderliegenden, infolge der Talenge vielfach beschränkten Bahnhöfen und der Übergang auf die einzige immer neben der Bahnlinie dahinlaufende Reichsstraße, über die schließlich alle Truppenteile marschieren mußten, dann die Unterbringung von Mann und Gerät bis zur Zeit ihrer Verwendung größte Sorgfalt. Nebst anderem war die Vermeidung von Stauungen und Anschoppungen mit ein Grund gewesen, der die Verfasser des ersten Operationsplanes auf den an sich nicht alltäglichen, aber doch wohl folgerichtigen Gedanken gebracht hatte, die Kräfte in zwei Armeen zu teilen: in eine für den Durchbruch besonders ausgestattete und in eine zweite für den Nachstoß, die im schmalen Etschtale notwendigerweise hinter der ersten aufmarschieren sollte. Mochte man auch die Heereskörper nach einem Antrage des Landesverteidigungs-kmdos. vorübergehend in die höher gelegenen Seitentäler verschieben, dies auch, um sie der Sicht und Schädigung durch feindliche Flieger zu entziehen, so verminderte das nur wenig das Truppengedränge im Etschtale, mußte aber vielfach Umwege hervorrufen, die das AOK. vermieden wissen wollte.

Die materielle Vorbereitung an Ort und Stelle und die Regelung der Unterkünfte übertrug die Heeresleitung dem Gstbsobst. Ziller, der mit außerordentlichen Vollmachten ausgestattet und nur an die Anordnungen des AOK. gebunden, am 10. Februar in Trient eintraf.

Aus dem durch mildes Klima ausgezeichneten Etschtale, das zwischen Bozen und Trient eine durchschnittliche Seehöhe von 200 m aufweist, mußten die Truppen durch die Enge von Trient durchgezogen und hinaufgeführt werden zum Kampfe in den Lessinischen Alpen, die zwischen Etsch und Brenta wie ein gewaltiger, rund 2000 m hoher und etwa 30 km breiter Schutzdamm den Zutritt in die oberitalienische Tiefebene sperren.

Dieser Gebirgswall, der üblicherweise, aber nicht ganz zutreffend, in seinen verschiedenen Teilen als „Hochfläche“ bezeichnet wird, kann mit einer ungeheuren Kalksteinplatte verglichen werden, die eine Naturgewalt zerschlagen hat. Kreuz und quer liegen die Trümmer, durch tiefe Täler und Schluchten getrennt. Ganz selten bilden sie wirkliche Flächen. Manchmal scheinen sie völlig auf die Kante gestellt zu sein; so der schmale Rücken zwischen Etsch und Vallarsa, der die Coni Zugna (1865 m) und die Cima Levante ('2021m) trägt. Auch der von ihm durch die Vallarsa getrennte Koloß mit dem Col Santo (2114 m) und dem Pasubio (2236 m) geht ostwärts in einen schmalen Rücken über, auf dem die kleine Platte des Mt. Novegno (1552 m) und des Mt. Priaforä (1653 m) sitzt. Zackig abgerissen ist der Block, der zwischen den tief eingeschnittenen Tälern des Terragnolo- und des Posinabaches einerseits und der Val d’Astico anderseits liegt. Nur in dem Gegenüberhalt zu den felsigen, schroff abstürzenden Rändern mag für seinen Nordwestteil, der in unregelmäßig geformten Stufen gegen Folgaria (1163 m) abfällt, um jenseits die mächtigen Pyramiden Cornetto (Hornberg, 2052 m) und Filadonna (2150 m) aufzubauen, die Bezeichnung „Hochfläche“ Geltung haben. Im Südteil dieses Blockes türmen sich ohne richtigen Zusammenhang der Mt. Coston (1753 m), der Laste alte (1821m), der Coston d’Arsiero (1779 m), der Mt. Campomolon (1855 m) und der Mt. Toraro (1899 m) auf. Der Mt. Maggio (1857 m) und die Cima Malingo (1874 m) krönen die Südwestkante, die eine schmale Rippe südwärts zum zerklüfteten Mt. Majo (1500 m) sendet. Östlich führt ein Übergang bei dem Sp. Tonezza (1696 m) abwärts zur To-nezzaplatte, die mit dem Mt. Cimone (1230 m) plötzlich abbricht.

Zutreffender ist der Begriff Hochfläche für jenen Block, auf dem sich die Gemeinde Lavarone ausbreitet. Zwischen 1150 m und 1400 m schwanken hier die Höhenmarken. Nur der Hochleiten (1528 m) am Nordrand überragt sie. Auch der Gebirgsteil östlich davon zwischen dem Rio Torto und der Reichsgrenze wurde vielfach Hochfläche von Vezzena genannt. Ihr Nordrand mit der Cima di Vezzena (1908 m) und der Cost’ alta (2051m) steht am höchsten.

Jenseits der Grenze und östlich vom Astico breiten sich die „Sieben Gemeinden“ (sette comuni) aus. Von der Ferne besehen, liegen hier zwei mächtige, regellos gewellte Platten. Die eine, mit ihrer Bruchkante, Mt. Kempel (2310 m)—Cima Dodici (2338 m)—Cima Maora (2125 m), steil von der Val Sugana aufragend, ist im allgemeinen gegen Süden und Südosten schief geneigt. Durch einen klaffenden Sprung, die Assaschlucht, ist ein mächtiges Stück, das den Mt. Verena (2019 m) und die Cima di Campolongo (1710 m) trägt, von ihr abgetrennt. Im Nordteil ist sie besonders stark verkarstet und zeigt ein Gewirr von Spitzen und Löchern, aus dem der vom Mt. Kempel (2310 m) gegen den Mt. Meata (1845 m) sowie der durch den Corno di Campoverde (2129 m) gekennzeichnete, gratartige Felskamm deutlich hervortreten. Ihr östlicher Teil trägt die isolierte kahle Berggruppe mit dem Mt. Meletta (1827 m), der auch Mt. Fior heißt, und den Kegel des Mt. Lisser (1636 m), bevor er in die Brentaschlucht abstürzt.

Die zweite große Platte liegt umgekehrt, gegen Norden abgedacht, und zeigt die höherstehende Bruchkante mit dem Mt. Cengio (1351 m), dem Mt. Paü (1420 m), der Cima di Fonte (1519 m) und dem Mt. Bertiaga (1358 m) mehr oder weniger deutlich im Süden. Das untere Assatal, die Yalle dei Ronchi und die Frenzellaschlucht trennen die beiden Platten; nur an der Senke von Asiago (1000m) hängen sie zusammen.

In seiner Gesamtheit wie auch im einzelnen bildete somit das zu überschreitende Kampfgebiet eine keineswegs leicht gangbare Hochfläche. Steil aufragende Höhen, tief eingerissene Talfurchen und unzugängliche Felswände formten ein in vielen Teilen verkarstetes und wasserarmes Gelände, das die Italiener in mehreren hintereinanderliegenden Stellungen zu einem schier unüberwindlichen Festungsgürtel ausgebaut hatten.

Um die Angriffstruppen für den Kampf und für die Bewegung in diesem äußerst schwierigen Berglande zu befähigen, bedurften sie wenigstens eines Teiles jener besonderen Ausstattung, die man schlechthin „Gebirgsausrüstung“ zu nennen pflegte. Nicht alle der hiefür gewählten Divisionen brachten diese mit. Auch das war ein Grund zur erwähnten Gliederung der Heeresgruppe in zwei Armeen.

Nur ein ganz kleines Stück des Gebirgswalles, die Hochflächen von Folgaria und Lavarone, befand sich, dank der noch im Frieden durch GO. Conrad veranlaßten gründlichen Befestigung, in öst.-ung. Besitz. Es bildete gewissermaßen ein Sprungbrett für die Offensive und bekam nun größte Bedeutung für die Aufstellung der mächtigen Geschützmassen, die notwendig waren, um den durch Natur und Kunstbauten so begünstigten Feind niederzuringen. Zur Leitung des Aufmarsches der Artillerie, die möglichst ohne Aufenthalt von den Ausladeorten weg in Stellung zu gehen hatte, wurden unter den hervorragendsten Offizieren des Artilleriestabes zunächst Obst. Janečka und Obst. Franz Portenschlag berufen. Ihrem Vorschläge gemäß drang das AOK. darauf, daß auch möglichst viel schwerste Batterien zu dem etwa für Ende März in Aussicht genommenen Beginn der Offensive in Höhenstellungen feuerbereit stünden. Übermenschliche Leistungen mußten gefordert werden, um die vielen schweren Geschütze und ihren gewichtigen Schießbedarf auf den Bergstraßen hinaufzufahren. Zur Instandhaltung der Aufmarschstraßen, zum Bau von Drahtseilbahnen und zur Errichtung von Notunterkünften und Lagerstätten wurden zahlreiche Arbeiterabteilungen aufgeboten.

Der geschützte Raum von Folgaria—Lavarone war zugleich als Nachschubbasis für jene fernere Zeit vorbestimmt, in der die Masse der Heeresgruppe die feindlichen Stellungen durchbrochen und den Ge-birgsrand erreicht haben werde. Durch drei Straßen mit der Eisenbahn verbunden, war er auch dank der Drahtseilbahnen, die mit aller Tatkraft ausgebaut wurden und schließlich über 300 t Nutzlast täglich förderten, ein Stapelplatz für allerlei Kriegsgüter, die dann auf den Straßen über die Sieben Gemeinden und Arsiero den Truppen zugefahren werden sollten. Kam die von Rovereto beiderseits der Vallarsa eingesetzte Flügelgruppe vorwärts, so öffnete sie ferner noch die Nachschubstraße über den Piano della Fugazza nach Schio und zugleich auch den Weg über den Borcolapaß. Zur ersten, raschesten Wiederherstellung der gewonnenen, vom Feinde wahrscheinlich unterbrochenen Straßen und zur Verknüpfung der beiderseits jetzt bis zu den Kampfstellen gebauten Wegstücke waren zunächst die technischen Truppen der Heereskörper berufen. Die Bereitstellung von Brückengerät und von besonderen Bauabteilungen war jedoch eine Aufgabe der Vorbereitung, in deren Rahmen auch die Beschaffung von Lastkraftwagen für den gedachten Nachschub fiel.

Das Kommando der Südwestfront hatte schon in seiner Stellungnahme zu den ersten Weisungen des AOK. sein Augenmerk stark auf die von diesem angedeuteten ferneren Ziele der Offensive gelenkt und die baldige Gewinnung der Suganabahn als notwendig bezeichnet und auch in seinem Wirkungskreis gleich Anordnungen getroffen, die der Verwendung dieser Bahn gelten sollten. Die Heeresleitung war aber auf eine Erörterung dieser Frage nicht eingegangen; offenbar deshalb, weil die Bahn, die abwärts der Feste Primolano auf einer großen Brücke den Cismon übersetzt, im Canale dei Brenta in den Felswänden eingehauen ist und nicht weniger als elfmal durch Tunnels führt, bevor sie bei Bassano die Ebene erreicht, allzuleicht so gründlich zerstört werden konnte, daß ihre Wiederherstellung unabsehbar lange Zeit beansprucht hätte.

Die Versorgung der Truppen in jener ferneren Zeit mußte auf eine sicherere Grundlage gestellt werden, auf den Nachschub mit Kraftwagen und Fuhrwerk über die Straßen. In Beilage 7 sind die Straßenverbindungen, die man für den Nachschub in Aussicht nehmen konnte, ersichtlich.

Das Aufgebot der Kräfte Hiezu Beilage 2

In den ersten Weisungen zeichnete das k. u. k. AOK. die beabsichtigte Kriegsgliederung der Heeresgruppe Erzherzog Eugen nur in groben Umrissen. Die Masse der 11. Armee war vom Südwestheer zu stellen, und zwar von der 5. Armee das III. Korps mit der 6. und der

2S. ID. sowie der 22. SchD.1), dann die 18. ID., weiters von der 10. Armee die 4S. ID. und endlich aus Tirol die 8. ID., die später den Namen ,,Kaiserjägerdivision“ erhielt. Vom Balkan wurde ihr das VIII. Korps mit der 57. und der 59. ID., vom russischen Kriegsschauplätze die 3. ID.2), die mit der 8.ID. das XX. Korps bilden sollte, und das XVII. Korpskmdo. zugewiesen, das an Stelle des XVI. zur Führung der 18. und der 48. ID. berufen wurde. Über die Zusammensetzung der 3. Armee konnte das AOK. im Februar nicht mehr sagen, als daß geplant sei, aus den in Tirol stehenden Kaiserschützenregimentern eine neue Division zu formieren, aus der 10. Armee auch noch die 44. SchD. und die 8. GbBrig. herauszuschälen (S. 161), vom Balkan die 2. GbBrig. heranzuholen, und drei, vielleicht vier Divisionen der Nordostfront zu entnehmen. Das Abziehen von Truppen dieser Front bildete deshalb den Gegenstand besonderer Erwägung, weil mit der DOHL. Bindungen bestanden, und diese Anfang Mär: zwei deutsche Divisionen aus Wolhynien abzog. Schließlich entschied man sich, das I. Korpskmdo, die 10. ID., die aus der 20. und der ursprünglich zur 11. ID. gehörenden 21. IBrig. zusammengesetzt wurde, die 34. ID. und die 43. SchD. von dort zu holen, ferner das bh. IR. 4, und später das Bataillon IV/96, die nach Kärnten zum teilweisen Ersatz der 44. SchD. gefahren wurden.

Ebenso wie das AOK. darauf bedacht war, die Schwächung der Nordostfront durch Zuschub von Neuaufstellungen und Einreihung von Ersätzen nach Möglichkeit wettzumachen, sah es auch vor, eine ernsthafte Schwächung der Isonzofront durch Zuweisung von zwei bis drei Divisionen anderer Fronten hintanzuhalten. Das Kommando der Südwestfront, das mit größtem Eifer an die neuen Aufgaben herantrat, berichtete indessen, es könne das III. Korps auch ohne Ersatz abgeben, nur zur Ablösung der 18. ID. bedürfe die 5. Armee eines anderen Armeekörpers. Das AOK. wies ihr die auf dem Balkan freigemachte, zum größeren Teil aus Landsturm bestehende 62. ID. und zu deren Ergänzung die Gruppe Obstlt. Maderspach (k. u. LstlR. 2 und FsIBaon. 6) zu (S. 168), ferner vom Nordosten die 21. LstGbBrig., die erst Ende Jänner

J) Die 22. SchD. bestand aus der 43. SchBrig. und aus der ursprünglich zur

9. ID. gehörenden 18. IBrig. (IR. 11 und 73).

2) Die 3. ID. zählte zurZeit nur drei Infanterieregimenter; als viertes erhielt sie später von der 7. Armee das IR. 50. Auch das FJB. 22 zur Vervollständigung der

6. ID. und das FJB. 11 für die 28. ID., sowie das IBaon. IV/3 für die 48. ID. wurden der Nordostfront entnommen.

vom Balkan nach Ostgalizien verlegt worden war (S. 25), und das k. k. LstlR. 11 der 46. SchD., das in diese Brigade eingereiht wurde.

Das 5. Armeekmdo., das übrigens über Ziel und Zweck der Verminderung seiner Streitkräfte nicht eingeweiht worden war, hatte allerdings eine andere Meinung als das Kommando in Marburg. Die Abgabe von vier der besten Divisionen und von zwanzig schweren Batterien erschien ihm bedenklich. „Besonders muß“, schrieb GdI. Boroevic am 20. Februar, „auf die empfindliche Schwächung hingewiesen werden, die durch das Abgehen der 18. ID. hervorgerufen wird. Diese Division, welche seit Beginn des Krieges ihren Abschnitt hält, ist mit diesem derart zusammengewachsen, daß sie die doppelte Kraft jeder, auch der besten anderen Division repräsentiert. Die Festhaltung ihres Abschnittes ist aber für die Festhaltung von Görz geradezu Vorbedingung.“ In Teschen war man sich der vorübergehend schwierigen Lage der 5. Armee bewußt; man würdigte die dennoch ruhige und zuversichtliche Auffassung des Armeekmdos. und versprach Hilfe für den Fall eines neuerlichen großen italienischer Angriffes an der Isonzofront. Die 18. ID. aber ging nach Tirol.

Bei der 10. Armee verursachten die Abgaben keine nennenswerte Schwächung der Kampffront, da diese Armee bis Mitte Februar bereits 42 Kompagnien aus Marschformationen hatte neu aufstellen können.

Nach den Verfügungen der Heeresleitung hatten an der Offensive außer den 20 schweren Batterien der 5. Armee noch 4 der 10. Armee, dann 7 aus Tirol teilzunehmen, insgesamt also 31 schwere Batterien der Südwestfront, während der Nordosten 15, der Südosten 2 beizustellen hatte und 16 schwere Batterien aus dem Hinterlande sowie aus Pola und Krakau zugeschoben werden sollten. Überdies wurden drei 42 cm-Hau-bitzen, zwei ganz neuartige 38 cm-Haubitzen und eine 35 cm-Kanone bereitgestellt1). Zugleich legte das AOK. Wert darauf, daß die nach

!) Die 38cm-Haubitzen schleuderten 740 kg schwere Geschoße bis auf 16 km Entfernung. Sie verließen erst im März die Skodawerke in Pilsen und waren vielseitiger verwendbar als die etwas schwerfälligen, ursprünglich für den festen Einbau in Küstenbefestigungen konstruierten 42 cm-Haubitzen, die Granaten im Gewicht von 800 und 1000 kg auf 15 und 13 km Entfernung schossen. Die 35 cm-Kanone wurde erst Mitte März durch Umbau eines Schiffsgeschützes fertiggestellt. Sie konnte nur auf der Vollbahn fortbewegt werden und mußte daher nahe an dieser in Stellung gehen. Ihre Tragweite war 31km; die Geschoße wogen 700 kg. Als sich der Beginn der Offensive verzögerte, konnten auch noch vier neueste, selbstfahrende 15 cm-Haubitzen ihre erhöhte Tragweite und Wirkung zum ersten Male erweisen. Vgl. P a d i a u r, Die schwere Fernkampf-Artillerie in der alten österr.-ung. Armee. (Mil. wiss. u. techn. Mitt., Wien, Jhrg. 1923, 52 ff.).

Südtirol gehenden Heereskörper mit der ihnen nach der neuesten Organisation zukommenden Artillerie ausgestattet wurden (S. 97). Zu ihrer Vervollständigung wurden 51 Gebirgsbatterien nach Tirol geschoben.

Durch die Vereinigung von 14 Infanteriedivisionen und 64 schweren Batterien in Südtirol erfuhr jedoch das gesamte Kraftaufgebot gegen Italien bis Anfang April bloß eine Vermehrung von rund 8 Divisionen und 39 schweren Batterien über den Stand von 23i/o Divisionen zu Ende der vierten Abwehrschlacht am Isonzo (Ende November 1915). Später, aber noch vor Beginn der Offensive, wurde nur noch die 24. LstGbBrig. vom Balkan zur 5. Armee herangeführt, während diese Armee die neugebildete 21. GbBrig. an die Heeresgruppe Erzherzog Eugen abgab.

Am 21. März erteilte die Heeresleitung der 5. und der 10. Armee Richtlinien für den Fall, daß ihnen eine Auswirkung der Südtiroler Offensive erlaubte, aus der Abwehr herauszutreten. Die 5. Armee sollte dann je eine operationsfähige Division an den Bahnen bei Görz und bei Tolmein bereitstellen.

Maßnahmen zur Geheimhaltung und zur Täuschung des Feindes

Um dem Feinde die geplante Operation zu verbergen, seine Aufmerksamkeit abzulenken und ihn damit von Gegenmaßnahmen abzuhalten, wurden alle erdenklichen Vorkehrungen getroffen. Der Geheimhaltung der Vorbereitungen legte das AOK. so große Bedeutung bei, daß es dem Kommando der Südwestfront ausdrücklich auftrug, auch gegenüber den unterstehenden Armeeführern Stillschweigen zu bewahren, die Gründe der Truppenverschiebungen unter dem Titel einer geplanten Offensive gegen Rußland zu verschleiern, und sogar dem Landesverteidigungs-kmdo. in Tirol, in dessen Bereich der Aufmarsch der 11. Armee erfolgte, nur das jeweilig unbedingt Notwendige bekanntzugeben. Diese Einschränkung wurde allerdings bald aufgehoben, da GdK. Dankl als zukünftiger Führer der 11. Armee Einblick gewinnen und Einfluß auf den Aufmarsch nehmen mußte. Für die Kommandanten der 5. und der 10. Armee wurde der Schleier des Geheimnisses jedoch erst Mitte März gehoben, zu welcher Zeit auch das Kriegsministerium soweit als nötig unterrichtet wurde. Auch gegenüber den deutschen Verbindungsoffizieren, die sich in Marburg und Bozen befanden, sollte zunächst Stillschweigen bewahrt werden. Diensteifrig wußten sie sich jedoch frühzeitig

Einblick zu verschaffen und ihrer obersten Befehlsstelle Meldung zu erstatten, was in Teschen um so mehr unliebsames Ärgernis erregte, als hier alle Vorbereitungen nur im engsten Kreise besprochen worden waren und auch der deutsche Militärbevollmächtigte vorerst nur in bescheidenem Umfange unterrichtet wurde.

Die ersten großen Artillerie- und Munitionstransporte wurden als „zur Neuarmierung der Festung Trient nötig“ abgelassen. Die Batterien erhielten je nach Geschützart eigene Decknamen, die in dem sehr eingeschränkten Telegraphen verkehr verwendet wurden. Der ganze Privatverkehr aus dem engeren Kriegsgebiete wurde am 1. März eingestellt, ein Urlaub dorthin nicht mehr gewährt. Leider unterblieb die Grenzsperre gegen die Schweiz, weil im Fürstentum Liechtenstein zwar österreichische Zollbeamten standen, eine strenge militärische Überwachung des Grenzübertrittes aus der Schweiz in das Fürstentum aber nicht platzgriff. Erst Ende März wurde zwischen Österreich und Liechtenstein die Grenze vollständig abgedichtet.

Auch das Kommando der Südwestfront blieb in diesen Belangen nicht müßig. So wurden die Vorbereitungen für die möglichst späte Übersiedlung dieses Kommandos nach Bozen unter dem Titel „Verlegung nach Laibach“ getroffen und in dieser Stadt Unterkünfte auch besorgt. In Klagenfurt wurden zudem geräuschvoll Quartiere für ein Armeekommando vorbereitet und GO. Kövess, dem erst sehr spät seine Berufung zum Führer der neu zusammengestellten 3. Armee bekanntgegeben wurde, veranlaßt, bis 17. März in Cattaro zu bleiben und dann einige Tage am Wörthersee Aufenthalt zu nehmen.

Eine am 20. März in Szene gesetzte Besichtigungsreise des ErzherzogThronfolgers an der Isonzo- und Kärntnerfront hatte ebenso der Irreführung feindlicher Kundschafter zu dienen, wie die Ausstreuung falscher, jedoch glaubhafter Nachrichten durch die eigene und die neutrale Presse. Selbst in manche Blätter der Feindesstaaten wußte man derartigen Täuschungen Eingang zu verschaffen. Der Funkdienst strahlte irreführende Depeschen aus.

Scheinuntemehmen, die der Hauptsache nach in zeitweise erhöhter Feuertätigkeit und aus mehrfachen örtlichen Vorstößen an der Kärntner-und küstenländischen Front sowie aus Geschwaderflügen bestehen sollten, wurden vorbereitet.

Bei der 10. Armee begann das XV. Korps das Hauptuntemehmen am

17. März abends. Am 19. und in den nächsten Tagen wurde auch in den anderen Frontabschnitten dieser Armee demonstriert. Die bei der

5. Armee für den 24. geplanten Täuschungsversuche mußten des schlechten Wetter wegen aufgeschoben werden. Im Rahmen dieser Ablenkungsmanöver sollte auch ein Gasangriff unternommen werden. Eingehende Studien hierüber führten bis Anfang März zu dem Ergebnis, daß ein solcher in der Gegend südwestlich von Görz wohl möglich wäre. Die unvermeidliche, wenn auch durch zweckvoUe Vorkehnangen sehr ein-schränkbare Gefährdung eigener Truppen rief jedoch ernste Bedenken bei einzelnen Unterführern wach, so daß im Streite der Meinungen das AOK schließlich entgegen dem Kommando der Südwestfront entschied: „Es wäre nicht ratsam, Kommandanten, die nicht mit vollem Herzen bei einer Sache sind, zur Anwendung eines so gefährlichen und auch noch nicht erprobten Kampfmittels, wie es der Gasangriff ist, zu zwingen.“ Die Vorbereitungen wurden jedoch fortgesetzt, da sie als Täuschungsmaßnahme immerhin von Wert waren.

Um die feindlichen Beobachter irrezuführen, ließ man bei günstigem Wetter Truppenkolonnen tagsüber zur Front, während der Nacht zurück marschieren. Der italienische Tagesbericht vom 11. April bewies, daß diese Bewegungen ihren Zweck erfüllten.

Auch die Kriegsmarine sollte entsprechend mitwirken. GO. Conrad orientierte das Flottenkommando über die bevorstehende Offensive in allgemeinen Zügen und sprach die Erwartung aus, daß die Flotte in der zweiten Märzhälfte einen größeren, auf ernste Schädigung des Feindes abzielenden Vorstoß unternehmen werde. Das Flottenkommando wähnte, daß die Heeresleitung ein unmittelbares Zusammenwirken mit den Landstreitkräften an der Küste verlange, und erklärte sich auf Grund der bisherigen Erfahrungen dazu außerstande. Auch auf den deutlicheren Hinweis Conrads, die Heeresleitung erwarte „eine möglichst große, rücksichtslose Unternehmung der Flotte nach Art des so wirkungsvollen, unmittelbar nach der Kriegserklärung durchgeführten Angriffes auf die italienische Ostküste“, sah sich Admiral Haus unter eingehender Darstellung der Gründe zu der Bitte genötigt, von der ihm zugedachten Aufgabe abzusehen. Conrad antwortete verstimmt, er nehme den Bericht, „insbesondere die für die Zukunft wichtigen Ausführungen über den Wert der Schlachtschiffe“, zur Kenntnis.

An den Geschwaderflügen beteiligten sich indessen auch Marineflieger. Ein solcher Flug wurde am 14. Februar von 11 Flugzeugen nach Mailand ausgeführt, wo das Elektrizitätswerk mit 47 Bomben belegt wurde. Hingegen brachten mehrere Ende März unternommene Bombenflüge gegen Bahnanlagen in Venetien keinen großen Erfolg.

Auch die Bildung einer sogenannten Lagunenflottille wurde befohlen, die aus kleinen, flachgehenden Kanonenbooten, bewaffneten Motorbarkassen, Schleppern und Schleppschiffen bestehen und gegebenenfalls durch die seichten Kanäle der Lagunen in die Flachlandsflüsse Vordringen sollte. Waren die Erfolgsaussichten auch gering, so erweckten die Vorbereitungen in Triest und in den benachbarten Küstenorten doch ablenkende Aufmerksamkeit. Die Lagunenflottille war Ende März auslaufbereit, trat aber nicht in Verwendung.

Die öst.-ung. Ablenkungsangriffe am Isonzo und an der Kärntner Front

(17. März bis 7. April)

Hiezu Beilage 8 sowie Skizze 2

Um die bis Ende März fortlaufende Abbeförderung der von der Kärntner- und küstenländischen Front ausgelösten sechseinhalb Divisionen und zahlreichen Batterien zu verschleiern und den Feind über die eigenen Absichten an der Südwestfront irrezuführen, hatte das AOK. schon am

7.    März Ablenkungsangriffe bei der 5. und der 10. Armee angeordnet, deren erster am 19. März einsetzen sollte.

Als die fünfte Isonzoschlacht schon nach wenigen Tagen erlosch, schien der günstige Augenblick gekommen zu sein, um mit den geplanten Vorstößen einzusetzen und dem Feinde den Beginn von breit angelegten Gegenangriffen vorzutäuschen. Im einzelnen bezweckten die gut vorbereiteten Unternehmen vornehmlich auch die Beseitigung der im Verlaufe der letzten Schlachten entstandenen lästigen italienischen Nester und Sappen im Vorfelde der am meisten umstrittenen Abschnitte. Da man hiebei auf die Mitwirkung der demnächst abzugebenden bewährten

8.    GbBrig. nicht verzichten wollte und eine längere Dauer der Täuschungsangriffstätigkeit den Gesamteindruck einer sich vorbereitenden Offensive nur erhöhen mußte, wurde das erste Unternehmen, entgegen dem Befehl des AOK., beim XV. Korps schon für den 17. März festgesetzt (S. 187).

Am Abend dieses Tages erstürmte das bh.FJB. 6 im Abschnitt der 8. GbBrig., unterstützt von den sich dem Angriffe anschließenden Nachbarbataillonen, auf dem Nordwesthange der Höhe Sv. Maria bei Tolmein die italienische erste Stellung, wobei 16 Offiziere und 542 Mann der 7. ID. als Gefangene, 3 Maschinengewehre und 1 Minenwerfer als Beute eingebracht wurden. Am folgenden Tage konnte das von der Artillerie des XV. Korps vortrefflich eingeleitete und besonders von den Batterien auf der Hochfläche von Lom bestens unterstützte Unternehmen aus dem Brückenköpfe erfolgreich fortgesetzt werden. Bataillone der k. u. k. 1. ID. drangen in die feindlichen Gräben bei Ciginj und südlich davon ein, nahmen neuerlich zahlreiche Italiener gefangen und räumten nach Zerstörung der Deckungen planmäßig die ungünstig in der Tiefe verlaufenden italienischen Linien. Die zur Ablenkung von diesem Angriffe gleichzeitig über die Straße Čiginj—Selo westwärts gegen die italienischen Stellungen auf dem Cemponirücken und gegen den Hrad vrh vorgeschobenen Aufklärungsabteilungen und Stoßtrupps setzten sich auf den Berghängen vor dem Feinde fest und beunruhigten dadurch die ganze Front des italienischen VIII. Korps. Die feindliche Artillerie nahm, scheinbar in der Annahme, daß ein allgemeiner Angriff begonnen habe, die Stellungen der 3. und der 8. GbBrig. vom Sleme bis Selo unter kräftiges Feuer; Gegenstöße des Feindes wurden überall zurückgeschlagen 1). Da die italienische

7. ID. die ursprüngliche Lage auf Sv. Maria nicht wiederherzustellen vermocht hatte, verfügte das VIII. Korpskmdo. die Zurücknahme der Division in die zweite Stellung. Der Erfolg dieses Tages wurde schließlich durch die überraschende Erstürmung der durch Truppen der italienischen 8. ID. verteidigten wichtigen Höhe <>- 854 südlich vom Mrzli vrh gekrönt, wobei das Bataillon 111/46 der 3. GbBrig. dem Feinde 5 Offiziere. 120 Mann und 3 Maschinengewehre abnahm. Die ungesäumt einsetzenden Gegenangriffe des Feindes wurden abgewehrt.

Ähnlich wie bei Tolmein wurden auch bei Flitsch am 19. und

20. März bei hohem Schnee, trotz der im Zuge befindlichen Ablösungen und der vorangegangenen Verminderung der Artillerie, zwei Vorstöße zur Verbesserung des Linienverlaufes auf dem Rombonhange von Teilen des GbSchR. 1 unternommen. Es gelang, in der italienischen Stellung festen Fuß zu fassen, dem Feind zahlreiche Gefangene abzunehmen und alle Gegenangriffe abzuweisen 2). In diesen Kämpfen wurde die Anwesenheit der ganzen 24. ID. der Italiener im Flitscher Becken festgestellt.

In den anderen Abschnitten der k. u. k. 10. Armee konnte es sich mit Rücksicht auf die Schneeverhältnisse nur darum handeln, durch

x) Biz zum 19. März mittags wurden vor dem Tolmeiner Brückenkopf 19 Offiziere und 760 Mann gefangen, 4 Maschinengewehre erbeutet.

2) Der Feind verlor insgesamt 17 Offiziere, 542 Mann und 2 Maschinengewehre, davon 3 Offiziere und 221 Mann an Gefangenen; auffallend gering waren die Verluste der Angreifer, die nur 3 Tote und 8 Verwundete einbüßten.

kräftiges Artilleriefeuer und lebhafte Aufklärungstätigkeit den Feind zu beunruhigen, ihm Verluste beizubringen und dadurch seine Kräfte zu binden. Beobachtungen aus der Front und die Ergebnisse des Abhorchdienstes verrieten, daß dieser Zweck auch erreicht worden war. Insbesondere scheint die Verfügung, daß bei Truppenverschiebungen und Ablösungen die Vormärsche in den vom Feinde eingesehenen Räumen bei Tage, die Rückmärsche bei Nacht oder Nebel zu erfolgen hatten, tatsächlich den Eindruck einer Verstärkung der Kärntner Front hervorgerufen zu haben. Der in der Nacht auf den 21.März eingetretene Wetterumschwung ermöglichte ein unauffälliges Einstellen aller Täuschungsmaßnahmen und Kampfhandlungen. Diese sollten im Plöckenabschnitt und bei Tolmein zu günstigerer Zeit fortgesetzt werden.

Bei der k. u. k. 5. Armee hatte das XVI. Korps beantragt, im Rahmen der befohlenen Ablenkungsangriffe den der Höhe -<>-188 nördlich vorgelagerten Rücken zu nehmen und die Höhen nordwestlich der Pod-gora zu besetzen. Das VII. Korps wollte seine vorderste Kampfstellung zwischen S. Martino und der Wegmarke -<>111 nach vorne verbessern. Das 61. IDKmdo. plante, den La Roccarücken in Besitz zu nehmen (Beilage 8). Vor dem Beginn der Kämpfe wurde dem Brückenkopfkmdo. von Görz am 19. März das kurz vorher eingetroffene k. u. LstlR. 2 und am

21. von der Armeereserve die Infanterie der k. k. 21. LstGbBrig.1) für Ablösungszwecke zugewiesen.

Nach mehreren kleineren Sturmtruppunternehmen am 19. und 20. März wurde der durch äußerst ungünstiges Wetter verzögerte Angriff im nördlichen Abschnitte der Podgora am 26. nachmittags durchgeführt. Zwei Bataillone des SchR. 37 erstürmten nach zweieinhalbstündigen Artillerievorbereitung die italienischen Gräben auf dem Grojna-rücken, wobei 24 Offiziere und 632 Mann der italienischen 11. ID. gefangen sowie 2 Maschinengewehre erbeutet wurden. Nach Abweisung von fünf Gegenangriffen der Italiener, die von Plava bis Cormons alle verfügbaren Verstärkungen herangeführt hatten, wurde der Kampf in der Nacht auf den 28. planmäßig abgebrochen, die gewonnenen Stellungen wurden zerstört und die Dalmatiner Schützen in voller Ordnung in ihre Ausgangsstellungen zurückgenommen2).

Kurz darauf kam es, am 29. abends, zum Angriff auf den Fahrwegrücker nördlich der Höhe -<J>- 188, an dem zwei Bataillone des IR. 80 be

i) K. k. LstlR. 11, 27 und das k. k. LstlBaon. 75.

2) Die Gesamtverluste des Verteidigers beliefen sich auf 69 Offiziere und 1200 Mann, die der Angreifer auf 9 Offiziere und 250 Mann.

teiligl waren. Auch sie erreichten das gegebene Ziel, warfen den Feind zurück, nahmen 9 Offiziere und 350 Mann der Grenadierbrigade gefangen, doch konnte auch dieser Gewinn nicht behauptet werden1).

Der erste Vorstoß aus dem Brückenkopf von Görz löste schon am 27. März einen Befehl der italienischen Heeresleitung aus, nach welchem der Herzog von Aosta mit der Hauptkraft seiner Armee sofort Entlastungsvorstöße auf der Karsthochfläche zur Unterstützung des zum Gegenangriffe schreitenden VI. Korps beginnen sollte. Während die daraufhin auf dem Mt. S. Michele, bei S. Martino und an anderen Stellen der Front einsetzenden Angriffe erfolglos blieben, vermochte sich in der Nacht auf den 28. ein Bataillon der italienischen 14. ID. in der Stellung der 16. LstGbBrig. auf der Höhe 70 östlich von Selz festzusetzen und am 29. die Einbruchstelle auf etwa 400 Schritte zu erweitern. In den folgenden Tagen entwickelten sich langwierige und verlustreiche Kämpfe um das vom Feinde zähe behauptete Grabenstück. Andauernde starke Beschießung der benachbarten Räume durch die italienische Artillerie erschwerte die Säuberung des Einbruchsraumes. Nachdem der Gegenangriff der 16. LstGbBrig. am 29. nicht durchgedrungen war, erbat das Abschnittskmdo. III (61. IDKmdo.) vom VII. Korps die Unterstützung durch die Reserven der nördlich benachbarten 106. Landsturmdivision. Unter dem Eindruck der hierüber vom VII. Korpskmdo. erstatteten Meldung und auf dessen Antrag sah sich das 5. Armeekmdo. veranlaßt, den Abschnitt III dem GdK. Erzherzog Joseph zu unterstellen und diesen mit der Leitung des Gegenangriffes bei Selz zu beauftragen. Die hiezu notwendigen Maßnahmen, besonders die für die entsprechende Artillerievorbereitung, benötigten längere Zeit, so daß es erst in der Nacht auf den

6. April zum Angriffe kam. Das Bataillon IV/91 der 17. IBrig., ausgezeichnet unterstützt durch die Artillerie der 9. ID. und die schweren Batterien der beiden Abschnitte, konnte einen großen Teil der ursprünglichen vordersten Kampflinie zurückgewinnen und behaupten. Die anderen angegriffenen Grabenteile wurden, planmäßig und gründlich zerstört, dem Feinde überlassen. Nun herrschte bei Selz bis Mitte April ziemliche Ruhe.

Kaum hatte sich in den Karnischen und Julischen Alpen das wieder winterlich gewordene Wetter gebessert, als auch bei der k. u. k. 10. Armee die Angriffshandlungen von neuem aufgenommen wurden. Am 26. März entriß im Abschnitte der 94. ID. das Kärntner FJB. 8 dem Italiener in prächtigem Vorstoß die Stellungen auf dem zerklüfteten Gipfel des

x) Der Feind verlor insgesamt 38 Offiziere und 629 Mann; die angreifenden Bataillone büßten 13 Offiziere und 409 Mann ein.

Kleinen Pal. Was von der feindlichen Besatzung dem Tode oder der Gefangennahme entging, suchte sein Heil in der Flucht1).

Da der Erfolg auf dem Kleinen Pal eine Bedrohung der italienischen Front auf dem Karnischen Kamm östlich des Plöckenpasses bedeutete, die von dort aus aufgerollt werden konnte, setzten sofort starke Gegenangriffe ein. In den folgenden Tagen tobten heftige Kämpfe im ganzen Plöckengebiet. Nach einer mehrstündigen Beschießung der Höhenstellungen durch die italienische Artillerie wurden zunächst die Angriffe des Feindes nach erbitterten Nahkämpfen abgewehrt. Als der Italiener nach Heranführung von Verstärkungen und neuerlicher Artillerievorbereitung die ganze Front vom Plöckenpaß über den Freikofel bis zum Großen Pal mit Übermacht bestürmte, mußten die gewonnenen Stellungen auf dem Kleinen Pal wieder geräumt werden; doch vermochte der Feind bei den bis zum 31. März fortgesetzten Angriffen keinen weiteren Erfolg zu erzielen.

Einem am 27. März früh auf Befehl der k. u. k. Heeresleitung durchgeführten Fliegerunternehmen zur Zerstörung der Piavebrücken, an dem sich je ein Geschwader aus Tirol, vom Isonzo und die Marineflieger beteiligten, war wegen widriger Witterung wenig Glück beschieden. Von den 27 aufgestiegenen Fliegern der 5. Armee gingen zwei verloren. Dies hatte zur Folge, daß in Hinkunft größere und leichter zu zerstörende Anlagen als Ziel der Fliegerunternehmen gewählt wurden; so am 7. April die Bahnhofanlagen von Casarsa und S. Giorgio di Nogara, die erfolgreich mit Bomben beworfen wurden.

Wenn auch der mitunter nicht unbeträchtliche Geländegewinn in den geschilderten Kämpfen nur an einzelnen Stellen dauernd behauptet werden konnte, so war doch der eigentliche Zweck der Unternehmen, die Truppenverlegungen zu verschleiern, die italienischen Kräfte an den beiden Armeefronten zu binden und den Feind aus dem nahen Vorfelde an allen gewünschten Punkten zu vertreiben, voll erreicht worden.

Der Aufmarsch in Südtirol Hiezu Beilagen 5 und 7

Soweit sich die Lage Mitte Februar überblicken ließ, konnte die erste Versammlung der 11. Armee gegen den 20. März vollendet sein;

x) Zur Erinnerung an diese Waffentat feiert im öst. Bundesheer das FJB. zu Rad Nr. 5, das, den gleichen Gegenden wie das k.u.k.FJB. Nr. 8 entstammend, dessen Überlieferungen übernommen hat, den 26. März als Truppengedenktag.

die materielle Vorbereitung der ganzen Kriegshandlung, der Artillerieaufmarsch und die Versammlung der 3. Armee mochten wohl den Zeitraum bis etwa Ende März in Anspruch nehmen. Als Grundbedingung für den Erfolg und daher auch für den Beginn des Angriffes erachtete das AOK. die volle Feuerfähigkeit der Artillerie und mindestens die volle Operationsbereitschaft der 11. Armee.

Plangemäß sollten zuerst alle Gerät- und Artillerietransporte anrollen. Da jedoch das Einreihen dieser zu verschiedenen Zeiten marschbereiten und von den mannigfaltigsten Ausgangspunkten kommenden Züge Lücken in der Kette ließ, wurden alsbald auch Truppen und Trains der 11. Armee herangefahren. Diese zur zweckvollen Ausnützung der Aufmarschkraft getroffene Ordnung brachte jedoch den Nachteil mit sich, daß die derart eingeschobenen Heereskörper, Befehlsstellen und Anstalten (57., 3. und 59. ID., VIII. Korpskmdo., Korpstrain VIII und III sowie die 48. ID.) nicht geschlossen eintrafen, und daß ihre Ausladung in den Raum nördlich von S. Michele verlegt werden mußte, von wo sie später zu Fuß in die ihnen zugewiesenen, südlicher gelegenen Räume abrückten, um der 3. Armee Platz zu machen. Die ersten Teile der 48. ID. sammelten sich hiebei gemäß den Entschlüssen des 11. Armeekmdos. (S. 180) imFleimstal. Der Transport der Masse des vom Isonzc anrollenden III. Korps und der 18. ID. sollte erst nach Abwicklung der eben geschilderten Bewegung, etwa vom 10. März an, unmittelbar in den Sammelraum der 11. Armee südlich von S. Michele erfolgen. Daran anschließend wollte man die 3. Armee in den nördlich dieses Ortes gelegenen Räumen versammeln. Auf diese Art hoffte man, die auftretenden Reibungen zu überwinden und den im räumlich sehr beschränkten Etschtale außerordentlich schwierigen Aufmarsch doch zeitgerecht durchführen zu können.

Da trat ein Hindernis auf, dessen man nicht Herr zu werden vermochte — schlechtes Wetter. Gerade Mitte Februar, mitten im Beginn der Vorbereitungen, setzte der bis dahin außergewöhnlich milde Winter mit allen Unbilden ein; unablässig, insbesonders vom 1. März an, fiel dichter Schnee. Dies verursachte Störungen und Unfälle auf den Eisenbahnen und setzte ihre Leistung wesentlich herab. Bis zum 10. März waren von den errechneten 1500 Transportzügen erst 500 in Südtirol eingelaufen. Jede Tätigkeit in den Ausladestationen war sehr erschwert; Güter verdarben in der Nässe. Ein andauernder Kampf mit den Elementen mußte geführt werden, um die Straßen für den Artillerieaufmarsch freizulegen. In tiefem Schnee stapften auf den Hochflächen die Artillerie-

Offiziere, um die erst auszuschaufelnden Plätze für die Aufstellung der Batterien zu ermitteln. Bezeichnend ist ein Bericht des Obst. Portenschlag, Artilleriechefs der 11. Armee, aus dieser Zeit: „Zwei Kilometer vor Mezzomonte (an der Straße Calliano—Folgaria) war am 9. März ein Fortkommen mit Kraftwagen nicht mehr möglich ... Carbonare kann nur mit Schlitten erreicht werden; der fortwährende Schneefall verlegt die ausgeschaufelten Stellen immer wieder. In den Mulden liegt der Schnee 4 Meter hoch; von einer Vornahme von Batteriebauarbeiten, an ein Instellunggehen der Geschütze usw. ist unter diesen Umständen nicht zu denken. Nebel und Schneetreiben behindern jede Aussicht. Die Aufstellung eines Kalküls über die Beendigung des Artillerieaufmarsches ist unter diesen Umständen nicht möglich.“

Die Geschütze blieben stecken. Die zu dieser Zeit zum größten Teil nur mehr mit Eisenreifen versehenen Lastkraftwagen glitten. Nur leichte Pferdefuhrwerke konnten die Höhen erklimmen. Die Förderung von Munition wie aller Lasten auf die Hochflächen, in einer Summe von rund 18.000 Tonnen, war äußerst erschwert. Am 10. März mußte Obst. Ziller melden, daß „bisher nur kaum nennenswerte Mengen hinaufgeschafft wurden“ und, „daß die Vorbereitungen für den Artillerieaufmarsch schon jetzt und selbst wenn keine weiteren Schneefälle eintreten verzögert sind.“ Auch die Ablösung der zur Bildung der 8. ID. und der KSchD. bestimmten Jäger und Schützen auf den verschneiten Alpenketten der Tiroler Westfront und auf den Dolomiten war äußerst gefährlich, zeitweise unmöglich. Lawinen gingen nieder und verschütteten die Bergstraßen. Tag und Nacht wurde unter der drohenden Gefahr neuer Schneestürze gearbeitet. Dennoch blieben die von Caldonazzo nach Carbonare führende Centastraße bis zum 15., die Friccastraße (Matarello—Carbonare), in de rem Zuge eine große Brücke durch eine Lawine abgerissen war, bis zum 22. März verrammelt. Der weiße Tod holte sich hier, wie überall in den Bergen seine Opfer. In der Zeit vom 20. Februar bis

18. März wurden in ganz Tirol 1050 Menschen verschüttet, hievon die Hälfte lebend geborgen und 220 tot ausgeschaufelt.

Mitte März heiterte sich das Wetter endlich auf. Jetzt kam die ins Stocken geratene Maschine wieder in vollen Gang. Die zurückgebliebenen Gerättransporte mußten jedoch gestoppt werden, um der Massenbeförderung der Truppen Raum zu geben. Vom 16. März an trafen nun in dichter Folge ein: die 18. ID., das III. Korps, Reste der 48. und der 57. ID., die 44. ID., die 8. und die 2. GbBrig., das I. Korpskmdo., die 43. SchD. und die 10. ID.; schließlich das 3. Armeekmdo., das sein Hauptquartier Ende März in Bozen aufschlug, wo am 25. März auch das Heeresgruppenkmdo. eintraf, während das 11. Armeekmdo. am 20. März von Bozen nach Trient übersiedelt war.

Die früher nördlich von S. Michele ausgeladenen Heereskörper der

11. Armee rückten indessen südwärts. Aber erst Ende März wurde das Straßenstück Zambana—Trient und damit eine zweite durchlaufende Straßenverbindung im Etschtale fertiggestellt. Auch der unterbrochene Ausbau der Seilbahnen machte jetzt wieder gute Fortschritte (Beilage 7). Mit Aufbietung aller Kraft suchte man nun die Verzögerungen im Artillerieaufmarsch wettzumachen. So unlieb es den Führern auch sein mochte, sie mußten neben den zahlreichen angestellten Arbeiterabteilungen und den Frontreserven auch ganze Kampfbataillone anweisen, auf den Hochflächen Schnee zu schaufeln und den Kanonieren zu helfen. Eine gewaltige Leistung wurde vollbracht1).

Am 20. März übernahmen das VIII. Korps den Grenzabschnitt vom Biaenarücken bis Serrada, dieses inbegriffen, das XX. Korps den Abschnitt östlich davon bis zum Torrente Astico, das III. Korps den anschließenden bis zur C. di Vezzena. Der Grenzabschnitt 6, der über die Val Sugana hinweg bis hinauf zum Kreuzspitz reichte, trat unter den unmittelbaren Befehl des 11. Armeekmdos.

Die Ablösungen in den übernommenen Frontteilen verzögerten sich durch Schneeverwehungen. Sie wurden zum Teil auch absichtlich hinausgeschoben, weil man vermeiden wollte, daß der Feind die Veränderungen frühzeitig wahrnehme. Aus dem gleichen Grunde sollte auch die Bereitstellung der Stoßkräfte auf den Hochflächen erst möglich kurz vor Beginn der Schlacht erfolgen. Nun war aber dieser Zeitpunkt sehr in

!) Bis zum 17. März waren erst sechs schwere und eine Gebirgsbatterie neu in Stellung gegangen; am 10. April waren es 68 schwere, SO Feld- und 47 Gebirgsbatterien, weiters eine 38 cm-Haubitze, die über Calliano und Folgaria auf ihren 1400 m hoch gelegenen Standplatz nahe dem Werk Lusern gebracht worden war, und eine 42 cm-Haubitze, die nicht ohne Fährnisse über die Friccastraße in einer Stellung etwa 2 km südlich vom Mt. Rover in einer Seehöhe von 1250 m auffuhr. Ein besonderes Glanzstück war auch der Transport einer schweren 10.4 cm-Kanone auf den steilen Vezzenagipfel (1900 m) zu dieser Jahreszeit. In den nächsten Tagen wurden dann rasch hintereinander je eine 42 cm-Haubitze bei Calliano und bei Levico sowie die 35 cm-Kanone bei Calceranica eingebaut. Mitte April waren auf die Hochflächen rund 10.0001 Munition und mehr als 30001 technisches Material befördert. An Verpflegung waren in Calceranica, Folgaria, Lavarone, Pergine und Trient über 270 Divisionsverpflegstage bereitgestellt, das heißt der Lebensunterhalt für Mann und Pferd von 9 Divisionen für 30 Tage.

Frage gestellt. Am 10. März hatte GdK. Dankl berichtet, daß nach Ansicht langjähriger Kenner der Hochflächen „die dort liegenden enormen Schneemassen vor vier Wochen nicht soweit zusammengeschmolzen sein dürften, um mit der Infanterie in Gefechtsformation vorwärts kommen zu können“. Gegen Ende März, als der Artillerieaufmarsch wieder in flotten Gang gekommen war, meldete der General die Absicht, am 10. April zu beginnen, soferne die Witterung, besonders die Schneelage, den Angriff zu diesem Zeitpunkte zulasse, und gab dementsprechend am 31. März dem III., dem VIII. und dem XX. Korps Befehl, sich für den 10. April zum Angriff bereitzustellen. Doch die in die Frühlingssonne gesetzten Erwartungen erfüllten sich nicht. Kurz vor der zuletzt in Aussicht genommenen Frist zeigten Versuche ein höchst ungünstiges Ergebnis, und die Korpskommandanten sprachen sich einhellig für eine weitere Verschiebung aus. Erzherzog Karl Franz Joseph berichtete: „Der Schnee ist so tief und so weich, daß der schwer bepackte Infanterist vielfach bis über die Hüfte in den Schnee einsinkt, sich daher im feindlichen Feuer weder rasch bewegen noch decken kann... Die Aussichten für einen erfolgversprechenden Angriff sind demnach derzeit gleich Null.“ GdK. Dankl ließ daher alle Truppenverschiebungen zur Annahme der Angriffsgruppierung am 6. April einstellen und berichtete dem Heeresgruppenkmdo.: „Die Schneeverhältnisse im Angriffsraume, besonders auf der C. di Vezzena, dem ganzen Plateau von Folgaria und dem Col Santo sind sowohl wegen der Schneehöhe als auch dadurch, daß der Schnee nur nachts zum Teile trägt, derartige, daß der Infanterieangriff nur äußerst langsam vorgetragen werden könnte und Erschöpfung der Mannschaft bald eintreten müßte.“ Dies würde hohe Verluste hervorrufen und den Erfolg in Frage stellen. Da sich eine gründliche Besserung der Verhältnisse nicht im voraus feststellen ließ und auch in wenigen Tagen nicht zu erwarten war, beantragte GdK. Dankl, die endgültige Bestimmung des Angriffsbeginnes ihm zu überlassen, und gab die Versicherung, daß er sich aller Folgen wohl bewußt sei. Ungern, aber doch auch aus eigener Überzeugung, mußte das Heeresgruppenkmdo. diesem Antrag zustimmen.

Die Gegenmaßnahmen der Italiener Hiezu Beilage 9

Am 20. Februar legte das italienische 1. Armeekmdo. einen ausführlichen Bericht über die Lage an der Trienter Front vor. Anlaß hiezu gab

ihm eine vom Nachrichtendienst der Heeresleitung verlautbarte Mitteilung, die am 28. Jänner — dieses Datum ist merkenswert — ankündigte, Österreich plane im kommenden Frühjahre eine Offensive an der ganzen italienischen Front und insbesondere aus Tirol, um von hier aus das italienische Isonzoheer in Flanke und Rücken zu treffen und abzuschneiden1).

Der Bericht gab eine erschöpfende Darstellung aller vorhandenen und in Bau befindlichen Befestigungen, zeigte die Unzulänglichkeit der Kräfte auf und schloß mit der Bitte um Verstärkungen, insbesonders um mittlere Artillerie sowie um Bereitstellung von Reserven. Cadorna lehnte die Bitte ab. Er gab zu bedenken, daß das unveränderliche Ziel der Kriegführung Italiens nach wie vor strengstes Zusammenhalten der Kräfte an der Julischen Front erheische und infolgedessen äußerste Beschränkung jener vor Tirol fordere. Die Aufgabe der 1. Armee sei geradezu die, dank der anerkennenswerten Verkürzung ihrer Front von 380 auf 213 km und dem lobenswerten Ausbau ihrer Stellungen Kräfte freizugeben. Die Befürchtungen des Armeekmdos., daß im Falle eines österreichischen Angriffes die Zeit fehlen könne, um Verstärkungen zuzuführen, teilte der Chef des Generalstabes nicht. Er wies vielmehr auf die Erfahrung hin, daß gut ausgebaute Stellungen eine sehr viel längere Zeit zu widerstehen vermöchten, als die neun bis vierzehn Tage, die nach Meinung des Armeekmdos. zur Überführung der gewünschten Reserven etwa notwendig wären. Die Abwehr müsse mit allen zu Gebote stehenden Mitteln in der ersten Linie erfolgen, weshalb diese vor allem stärkstens zu befestigen sei. Unter „erste Linie“ werde jedoch nicht die am weitesten vorgetriebene Besetzung zu verstehen sein, sondern die über Hauptpfeiler des Gebirges gezogene, leichter zu verteidigende vorderste Stellung. Eine Vermehrung der Bestückung der weiter zurückliegenden Linien könne nicht erfolgen. Dessenungeachtet wären auch diese Stellungen bestens auszubauen.

Das Armeekmdo. mußte sich mit diesen Mahnungen wohl oder übel begnügen. Seiner Sache selbst nicht sicher, wies es die Unterführer abermals an, alle Mittel zum Ausbau der Befestigungen aufzuwenden. Doch zu einer tiefergreifenden Maßnahme, wie etwa zur Preisgabe der in manchen Frontteilen höchst ungünstig gelegenen ersten Linie entschloß es sich nicht.

Das Befestigungssystem im Raume östlich vom Gardasee bis zum Cismon, dem linken Nebenfluß der Brenta, war im allgemeinen durch drei hintereinander liegende befestigte Zonen gebildet. Im Abschnitte zwi-

») Ital. Gstb. W., III, Dokumente, 383 sehen dem See und der Furche Terragnolo—Borcolapaß—Posina bestand die erste Zone aus mehreren Linien, von denen die über den Altissimo, die Coni Zugna und den Col Santo verlaufende die Hauptstellung bildete. Die weiter vorgezogenen Stellungen waren feldmäßig ausgebaut und weder gut gelegen, noch besonders widerstandsfähig. Die zweite Zone war entlang der Reichsgrenze errichtet worden; die dritte bestand aus den Festungswerken von Rivoli—Verona.

Im Abschnitt von der genannten Furche bis zum Asticotale waren die erste und die zweite Zone ineinander verschmolzen. Mehrere Ketten äußerst starker, zum großen Teil schon vor dem Kriege begonnener Befestigungen, wie die Werksgruppe Mt. Toraro—Mt. Campomolon, konnten dauernden Widerstand verbürgen. Im folgenden Abschnitte bis zum Steilabfalle zur Brenta lösten sich wieder die Zonen in eine erste Reihe starker Anlagen, die über den Costesin- und Marcairücken gelegt war, und in eine zweite, sehr feste Stellung, die durch die Panzerwerke Cima di Campolongo1) und Mt. Verena sowie durch die Befestigungen bei der Porta di Manazzo gekennzeichnet wurde. In den beiden zuletzt genannten Abschnitten ergaben die Sperrgruppe ,,Agno—Posina“ und die Bauten älterer Zeit südlich und östlich der Assaschlucht die dritte Zone, die, beim Mt. Kempel östlich abbiegend, einer unüberwindlichen Festungsmauer glich. Sollte sie dennoch überwunden werden, so gab eine Flügelstellung, die in der Gegend von Asiago von der dritten Linie abzweigte und östlich an die Sperrgruppe „Brenta—Cismon“ anschloß, neuen Halt.

Im Suganaabschnitt, der bis über den Cismonfluß reichte, sollten gemäß den Berichten des 1. Armeekmdos „sieben“ Linien hintereinander bestehen. Über die Linienführung, die technische Ausgestaltung und die Besetzung dieser Stellungen herrschten ernste Meinungsverschiedenheiten unter den Führern. Cadorna war damit nicht einverstanden, daß man den Hauptwiderstand in der Linie Armenterra—Borgo—Salubio einrichtete; es sollte vielmehr die Linie Ospedaletto—Cimon Rava gewählt und nachdrücklich befestigt werden. Als er jedoch im April zum ersten Male Gelegenheit fand, das Suganatal zu besuchen, mußte er feststellen, daß in Wirklichkeit außer den vordersten Stellungen nicht viel mehr vorhanden war, als die buntfarbigen Linien in der vorgelegten Karte2). Ein Blick auf die Beilage 9, die in großen Zügen jenes Bild wiedergibt, das von österreichischer Seite dank der Erkundung und der mit Scharfsinn be!) Beilage 11 bringt ein Lichtbild dieses Werkes und als Beispiel für eine Talsperre auch jenes von Casa Ratti.

2) C a d o r n a, La guerra, I, 187.

triebenen Erd- und Luftaufklärung im Frühjahr 1916 gewonnen worden war, zeigt, daß auch im Suganaabschnitte drei mehr oder weniger vollendete Befestigungszonen bestanden haben.

Inmitten der Vorkehrungen, die das 1. Armeekmdo. in Voraussicht einer öst.-ung. Offensive betrieb, erhielt es den kurzen Drahtbefehl des Oberkommandos, „am 11. März werde die Offensive an der Front der

2.    und der 3. Armee wieder aufgenommen, damit der Vorteil, daß der Gegner keine Verstärkungen gegen Italien heranführen könne, entsprechend ausgenützt und den Alliierten durch Bindung des Gegners beigesprungen werde. Die 1. Armee habe gleichzeitig und ähnlich wie im Oktober 1915 tatkräftige Unternehmen durchzuführen“. Dieser Befehl erschien wie ein lauter Weckruf zur Wiederaufnahme der über den Winter unterbrochenen Kriegshandlungen. Rasch flüchtete die Sorge wegen einer gegnerischen Offensive und mancher kühne Plan trat an ihre Stelle. Das V. Korpskmdo. gab sofort die Absicht kund, im Etschtale auf Calliano und in der Val Sugana über Caldonazzo bis nach Vattaro vorzustoßen, um mit diesem Doppelgriff die ganze gegnerische Verteidigung der Hochflächen von Folgaria und Lavarone zu Fall zu bringen. Gemäßigtere Absichten hatte der Führer des III. Korps. Er wollte die im Herbst und im Winter ergebnislos gebliebenen Angriffe in den Judicarien nicht wieder erneuern, sondern diesmal an seinem rechten Flügel, nahe beim Gardasee, eine Bresche schlagen. Das rauhe Wetter verhinderte jedoch hier wie dort die Ausführung, und auch die 4. Armee, die den gleichen Befehl erhalten hatte, und deren linker Flügel den Col di Lana anbohrte, mußte noch in winterlicher Ruhe verharren. Indessen schlief die Offensive der 2. und der

3.    Armee — fünfte Isonzoschlacht genannt — wieder ein.

Am 22. März erhielten die Italiener die ersten zuverlässigen Nachrichten über die Versammlung starker öst.-ung. Kräfte in Tirol und von ihrer Absicht, über die Hochflächen anzugreifen1). Die italienische Heeresleitung widerrief jetzt den kurz vorher dem 1. Armeekmdo. gegebenen Befehl zur Abgabe von zwei Brigaden, beschleunigte die Überführung der Brigade Valtellina von der Isonzo- an die Tiroler Front und wies der

1. Armee überdies sechs neuerrichtete Infanterieregimenter sowie einige schwere Batterien zu. Cadorna, der sich zur Zeit in London befand, drahtete dem GLt. Brusati, daß im 'Falle eines gegnerischen Angriffes die vordersten Truppen in die wohlvorbereitete Hauptverteidigungsstellung zurückzunehmen seien und daselbst hartnäckigster Widerstand geleistet werden müsse.

x) Cadorna, La guerra, I, 192

In den ersten Apriltagen meldete das 1. Armeekmdo., daß die beunruhigenden Nachrichten neuerlich volle Bestätigung fänden. Auch der Heeresleitung kam gleichlautende Kunde aus anderen Quellen zu. So entschloß sie sich nunmehr, von der im Friaul versammelten Heeresreservc die 9. und die 10. ID. in den Raum von Thiene—Bassano zu verlegen und stellte weiters dem 1. Armeekmdo. die Zuführung einer aus lOAlpini-bataillonen und 6 Gebirgsbatterien zu bildenden Gruppe in Aussicht. Zugleich sprach Cadorna dem besorgten Armeeführer beruhigend zu, wobei er auf die Zuversicht hinwies, mit der im Hauptquartier zu Udinc die Lage beurteilt werde. In einem einige Tage später, am 8. April, verfaßten Schreiben fand diese Gelassenheit Cadornas ihre Erklärung. Er schrieb dem Armeekommandanten, die beiden eben in Marsch gesetzten Divisionen würden Heeresreserve bleiben; ihre Verlegung in den Bereich der 1. Armee geschehe nur zu dem Zwecke, um jeder, auch der entferntesten Möglichkeit Rechnung zu tragen. Er sei jedoch „überzeugt, daß ein gegnerischer Durchbruchversuch nicht stattfinden werde und die Vorkehrungen des Gegners vor allem den Zweck hätten, andere Bewegungen zu verschleiern1).“

Inzwischen berichtete der Führer der 1. Armee, die vom Oberkmdo. zuletzt getroffenen Maßnahmen böten ihm Gewähr dafür, daß selbst in jenem ungünstigsten Falle, wenn der Gegner über die Hochflächen vorbrechen sollte, die angegriffene Front standhalten werde. Aus eigenen Mitteln hatte er allerdings keine nennenswerte Stärkung des bedrohten V. Korps vorzunehmen vermocht. Nur zwei Alpinibataillone und einige Batterien konnte er vom III. Korps herüberziehen. Doch wies er dieses Korps an, so rasch wie möglich in Tätigkeit zu treten und dadurch den Gegner zum Ablenken seiner Kräfte zu veranlassen. Im gleichen Sinne eiferte er auch das V. Korps an, das geplante Unternehmen im Suganatal ehestens durchzuführen; hingegen sollte es den aussichtslosen Angriff aus dem Terragnolotale gegen Calliano (S. 200) unterlassen.

Da auch die italienische 4. Armee nur auf günstigeres Wetter wartete, um ihr Unternehmen gegen den Col di Lana ins Werk zu setzen, kam es im April, als das Wetter auch in den Bergen zeitweise besser wurde, an mehreren Stellen der Tiroler Front zu lebhaften Kämpfen.

Den Ort des gegnerischen Hauptstoßes richtig voraussehend, forderte GLt. Brusati zugleich den Kmdten. des V. Korps auf, ihm die Versicherung zu geben, ob in jedem Abschnitt der Hochflächen die Befestigungen höchste Widerstandskraft verbürgen.

*) Cadorna, La guerra, I, 195.

Die Ereignisse an der Tiroler Front von Anfang April

bis Mitte Mai

Die Kämpfe im Raume westlich der Etsch Hiezu Skizze 4

Bei Frühlingsbeginn nahmen die Verteidiger im Ortlergebiet (Rayon I) wieder die sogenannte Sommergruppierung an. Auch die Italiener stiegen wieder in die Höhenstellungen hinauf. Am 13. April griffen etwa zwei Alpinikompagnien den Mt. Scorluzzo (3094 m) an, holten sich aber im Angesichte der von der Dreisprachenspitze zusehenden Schweizer eine empfindliche Schlappe. Weiterhin wechselten Patrouillenscharmützel mit Schneestürmen ab.

Im Tonale-Abschnitt (Rayon II) übernahm nach dem Abgehen der 88. KSchBrig. GM. Steinhart die Führung. Nur ein kombiniertes (später

4.) Bataillon des KSchR. I, ein Landsturm- und zwei Reservebataillone sowie 770 Standschützen bildeten im April die Besatzung. Dennoch wurde die Sicherungslinie auf dem Tonalepaß verstärkt und als Hauptwiderstandsstellung vor die Sperrwerke vorverlegt.

In der Meinung, daß ein frontaler Angriff gegen die Paßhöhen aussichtslos sei, hatte der Führer der italienischen 5. ID. schon im Dezember 1915 beschlossen, bei Wiederaufnahme der Kriegshandlungen im Frühjahre über die Gletscher der Adamelloalpen zunächst den Grenzkamm am Ursprung der Val di Genova zu gewinnen, um dann über die Gletscherteichstufe bei der Mandronhütte nordwärts vorgehend, in den Rücken der Verteidiger des Tonalepasses zu gelangen. Das Unternehmen wurde mit Umsicht vorbereitet. Man baute Straßen, Wege, Seilbahnen, stellte alpine Kriegsmittel aller Art bereit, wählte berggewohnte Leute aus und schulte sie für den genannten Zweck. Zahlreiche Patrouillen gingen hinaus, um Pfade über die Gletscher und Schneefelder zu erkunden und zu bezeichnen.

Diese Tätigkeit blieb jedoch den Verteidigern nicht verborgen. Obst. Spiegel, der Kommandant im rechten Abschnitte des Rayons III ließ am 3. April die inmitten der großen Adamellogletscher hervorragende Felsrippe Dosson di Genova durch fünf kleine Wachen, zusammen 57 Mann, besetzen. Zugleich mußte er melden, daß der Feind auch aus der Val Daone und in den Judikarien rührig werde. Ähnliches berichtete GM. Schiesser vom Abschnitt Riva, der jetzt den linken Flügel des verkürzten, jedoch weiterhin von FML. Edl. v. Koennen-Horák befehligten Rayons

III bildete. Neun Bataillone, zumeist Landstürmer, und 1760 Standschützen, sowie 128 Geschütze waren anfangs April die ganzen Abwehrkräfte dieses über rund 60 km ausgedehnten Westteiles der Tiroler Landesverteidigung, und das Heeresgruppenkmdo. war nicht gesonnen, von seinem für die Offensive bereitgestellten Kräften Truppen ohne zwingenden Grund für Nebenzwecke abzusplittern.

Bald wurde man gewahr, daß die lärmenden Kanonaden und die Vorstöße kleinerer Einheiten aus der Val Daone und im Gebiete des Mt. Vies Scheinmanöver waren, daß hingegen die zwischen Ledro- und Gardasee vom Feinde begonnene Tätigkeit ein bestimmtes Ziel verfolge. Tatsächlich begann die italienische 6. ID. mit sieben an ihrem rechten Flügel vereinigten Bataillonen, unterstützt durch reichliche Artillerie, den geplanten Durchbruch gegen Riva (S. 200). Einige 30.5 cm-Bomben, die auf diese liebliche Seestadt niedersausten, kündeten den Sturm an. Die ersten Angriffe wurden am 5. April gegen Costa di Salö und Cima d’Oro geführt. Sie zerschellten an der tapferen Abwehr eines halben Reservebataillons des IR. 29 und einer Kaiserjägerstreifkompagnie. Den gleichen Mißerfolg erlitt der Feind am nächsten Tage, als er hier, den Angriff wiederholend, nun auch die Höhen Passumer und Capi berannte. Am 7. drang er in eine Sappe bei der Cima della Rocca ein. Kaiserjäger und Landsturmmänner, die mit der Seilbahn einzeln heranbefördert wurden, warfen ihn am Abend wieder hinaus. Der Kampf um die Höhenstellungen flaute nun merklich ab. Um so heftiger entbrannte er jedoch am Gestade des Gardasees. Den Brennpunkt bildete die sogenannte Defensionsmauer, ein von nur 110 Mann mit 2 Maschinengewehren verteidigtes kleines Sperrwerk. Trotz mehrtägiger Beschießung, an der auch einige Batterien vom Ostufer des Sees teilnahmen, wies die tapfere Besatzung den ersten, am 8. April geführten, kräftigen Sturm glatt ab. Auch am folgenden Tag holten sich die Italiener nur blutige Köpfe. Erst am 10. abends, als das unablässig einschlagende schwere Geschützfeuer die inzwischen verstärkte Besatzung förmlich dezimiert hatte, fiel die zerschlagene Defensionsmauer in Feindeshand.

Das Heeresgruppenkmdo. gewährte jetzt Verstärkung, indem es zwei Bataillone des IR. 50 dem Rayonskmdo. zur Verfügung stellte. Zwei Kompagnien dieses Regimentes eroberten am 11. die Defensionsmauer zurück. Mit Hartnäckigkeit versuchte der Feind am folgenden Tage nochmals sein Glück. Es war vergeblich. Doch die Erkenntnis, daß die nun völlig zusammengeschossene Sperre den Verteidigern keinen rechten Schutz mehr biete, veranlaßte den Abschnittskommandanten, sie in der

Nacht auf den 14. räumen und eine um etwa 100 m zurückliegende Stellung besetzen zu lassen. Die Italiener gaben sich zufrieden und überließen von nun an ihrer Artillerie allein das Wort. FML. Koennen-Horák konnte die beiden Bataillone des IR. 50 wieder zurückstellen. Seine Aufmerksamkeit wandte sich jetzt in erhöhtem Maße dem rechten Flügel zu. Dort, im Gebiete der über 3000 m hohen Adamellogletscher war die italienische

5. ID. an die Ausführung des durch mehrere Monate gründlich vorbereiteten Unternehmens geschritten.

In der Nacht auf den 12. April stiegen, in mehrere Gruppen geordnet, aber zunächst noch vereint, rund 400 wohlausgerüstete, vor allem mit Skiern versehene Alpini von der Garibaldihütte zum Briziosattel hinauf und überquerten dann den großen Adamellogletscher. Von Süden her sollten zwei weitere Gruppen (120 Mann) aus der Val Adame und aus der Val Salarno hinzukommen, und aus nördlicher Richtung hatten die Besatzungen des Mt. Mandron und des Mt. Venezia sowie vier unter großen Mühen auf die genannten Höhen gebrachte Geschütze den Angreifern beizustehen. Die Überraschung gelang. Die österreichischen Wachen auf dem Dosson di Genova wurden überwältigt. Nur jene auf dem Mt. Fumo vermochte sich noch bis zum 17. zu wehren. Allein die Italiener sahen sich außerstande, den Erfolg auszunützen und gleich die nächste vom Crozzon di Fargorida über den Crozzon ’di Lares zum Corno di Cavento ziehende Felsrippe, die den Ostrand des großen Gletschers bildet und die sie stark besetzt wähnten, in Besitz zu nehmen. Schneestürme taten ein Weiteres. Sie kamen den Verteidigern diesmal gelegen, denn sie konnten jetzt den genannten Rücken doch noch notdürftig besetzen. Auf der anderen Seite regte der erste geglückte Vorstoß das italienische Divisionskmdo. zu neuen Taten an. Es wollte durch sehr bedeutende Verstärkung der Angriffskräfte den Sperriegel überwinden und in die Val di Genova eindringen. Dabei unterschätzte es aber die Schwierigkeiten, die in diesen großen Höhen die Natur allem Beginnen entgegenstellt.

Vierzehn Tage vergingen, ehe neue Vorbereitungen halbwegs getroffen und vier Alpinibataillone versammelt waren, und bis das Wetter sich besserte. Endlich, in der Nacht auf den 29. April, überschritt die erste Angriffswelle den Gletscher und näherte sich bei Morgengrauen der von rund 150 Landstürmern mit 4 Maschinengewehren verteidigten Felsrippe Crozzon di Fargorida—Corno di Cavento. Die Besatzung des Crozzon di Lares sah sich überrascht und ergab sich nach kurzem Kampfe; 50 Mann und zwei Maschinengewehre fielen in Feindeshand. Tapfer wehrte sich die 20 Mann starke Wache auf dem Passo di Cavento bis zum Nachmittage, dann war auch sie überwunden. Um den Fargoridapaß und jenen von Topete — diese Pässe waren das Hauptziel des Angreifers— entspann sich ein erbitterter Kampf .Zwei Kompagnien, die hier nacheinander anrannten, wurden blutig abgeschlagen. Der Führer des 4. Alpini-regimentes, der das Unternehmen leitete, wollte in der Nacht den Angriff erneuern. Es gelang ihm nicht. Indessen hatte Obst. Spiegel alle Reserven seines ausgedehnten Abschnittes in Bewegung gesetzt, so daß bei Anbruch des neuen Tages die Zahl der Verteidiger etwa 300 Mann vom Salzburger Landsturmbataillen 161 betrug. Zugleich rief er die Vorgesetzten Stellen um Unterstützung an, woraufhin das Bataillon X/14 vom Heeresgruppenkmdo. zugestanden und mit Kraftwagen herangebracht wurde. Doch trat es am 30. noch nicht in Tätigkeit, als die Italiener bei Morgengrauen neuerlich vorgingen und abermals zurückgeschlagen wurden. Zu Mittag erreichten die mit bemerkenswerter Zähigkeit wiederholten Angriffe ihren Gipfel. Mit welchem heldenmütigen Opfermut die Verteidiger standhielten, geht aus der italienischen Literatur hervor, nach der von einem dem Fargoridapaß vorgeschobenen Posten 18 Mann tot zusammensinken mußten, ehe die übrigen 11 den Kampf aufgaben1). Die immer mehr zersplitternden Stöße der sichtlich erlahmenden Italiener, die schließlich auch noch 90 Gefangene einbüßten, dauerten bis zum Abend an. Als sich die Nacht über die schimmernden Gletscher senkte, waren die beiden Pässe im sicheren Besitze der Österreicher. Auf dem Crozzon di Lares stand aber seit dem Vortage unangefochten der Feind, und nun erfuhr man, daß er sich auf dem unbesetzt gelassenen Crozzon di Fargorida, nördlich der umstrittenen Übergänge, eingenistet habe. Das Rayonskommando wünschte die Wiederbesetzung dieser beiden Punkte und erbat zu diesem Zwecke weitere Unterstützung. Es erhielt zum Bataillon X/14 noch das Bataillon X/59 dazu.

Hinziehende eiskalte Bergnebel ließen in den ersten Maitagen die Kämpfe verstummen und ermöglichten den Italienern, die völlig erschöpften Angriffstruppen teilweise abzulösen. Das Wetter und der von Osten her überaus schwierige Aufstieg zu den Gletschern verzögerte die Durchführung des in Eile beschlossenen, aber ohne gründlichen und zeitraubenden Aufbau kaum ausführbaren Gegenangriffes. Ein von Teilen des Bataillons X/14 beabsichtigter Versuch, den Crozzon di Lares zurückzugewinnen, mißlang. Vergeblich bemühten sich auch Gruppen vom X/59 und eine Hochgebirgskompagnie die Hindernisse der Natur zu überwinden und den Feind vom Crozzon di Fargorida zu vertreiben. Ein Schnee-

i) Ital. Gstb. W., III, Text, 308.

sturm am 5. Mai forderte große Opfer1). Nördlich der Presanellaalpen unternahmen am 2. Mai Truppen des Rayons II einen Angriff, den Castellacio2) in Besitz zu nehmen. Sie drangen aber nicht durch. Am 7. Mai wurde der Adamellobereich als selbständiger Rayonsabschnitt dem Obst. Seyfried unterstellt. Am 10. nahm der Feind eine günstige Gelegenheit wahr, um vom Crozzon di Lares aus den 1 km östlich davon liegenden Passo dei Diavolo zu besetzen. Dieser Zwischenfall brachte mit sich, daß die ohnedies sehr ausgesetzte Besatzung der so tapfer verteidigten Hauptpässe nun auch im Rücken gefährdet war, und ließ den Entschluß zu ihrer schon in Erwägung gestandenen Rücknahme reifen. Sie erfolgte am 11.Mai unbemerkt vom Feinde, der erst drei Tage später die verlassenen Sättel erstieg. Mit der Besetzung der weit zurückgebogenen Linie Mt. Care alto —Mt. Covel—Stavel—C. dei Tamala—C. delle Ciere—C. delle Rocchette —C. Presena, vor der eine Postenkette stehen blieb, darunter eine den Italienern sehr lästige Wache auf dem Crozzon di Cavento, fanden die Kämpfe im Adamellogebiete ein Ende. Die beiden zuletzt zugeschobenen Infanteriebataillone, die durch die Landsturminfanteriebataillone 160 und 164 ersetzt wurden, konnten alsbald wieder zur 11. Armee zurückkehren 3).

Die Eroberung der Adamellogletscher ist, gemessen an der Zahl der eingesetzten Truppen, die größte Kampfhandlung, die jemals in der Schnee- und Eisregion des Hochgebirges durchgeführt wurde. Das Unternehmen war ein Meisterstück hochtouristischer Massenleistung. Die den gleichen Unbilden der Natur ausgesetzte Abwehr zeigte, neben einzelnen Mängeln, bewundernswerte Standhaftigkeit. Die Verluste waren auf beiden Seiten annähernd gleich4). Wenn die Italiener nach dem Zeugnis des Kommandanten der 5. ID., Gen. Cavaciocchi, ,,die vorgenommenen Ziele nicht erreichten“5), so lag der Grund nicht zuletzt in der unüberwindlichen Schwierigkeit der Lebenshaltung und Versorgung zahlreicher Menschen in der Zone des ewigen Eises. Es trat alsbald Erschöpfung ein, die

!) E h n 1, Das X. Bataillon des oberösterreichischen Infanterieregimentes Ernst Ludwig, Großherzog von Hessen und bei Rhein Nr. 14 (Wien 1932), 46 ff. und H o e n, Geschichte des salzburgisch-oberösterreichischen k. u. k. Infanterieregimentes Erzherzog Rainer Nr. 59 für den Zeitraum des Weltkrieges 1914—1918 (Salzburg 1931), 410 ff.

2)    Dieser Gipfel liegt beim Grenzbug, 1 km nördlich der C. Lago scuro. Siehe Beilage 13 des Bandes II, in der auch die folgenden Örtlichkeiten zu finden sind.

3)    Vgl. auch Fahr ner, Salzburger Landsturm im Hochgebirgskrieg (Salzburg 1924).

4)    Die Verteidiger verloren 68 Tote, 176 Verwundete und 163 Vermißte, die Angreifer 62 Tote, 177 Verwundete und 124 Vermißte.

5)    Cavaciocchi, L’impresa deH’Adamello (Turin 1923), 61.

an den Rand der Verzweiflung führte und sich nach den Aussagen italienischer Gefangener sogar in Auflehnung gegen die Führer äußerte.

Die Sprengung des Col di Lana Hiezu Skizze 12 des III. Bandes

Ähnlich wie den Rayon III griffen die Italiener auch die Südtiroler Ostfront an zwei weit voneinander abstehenden Stellen an, in der Val Sugana und in den Dolomiten. Die Angriffe in der Val Sugana zeitigten bedeutende Folgewirkungen auf die Gestaltung der österreichischen Offensive aus Südtirol. Ihrer wird im Zusammenhang mit dieser zu gedenken sein. Jene in den Dolomiten stießen auf die Verteidiger des Rayons V, der vom FML. Ludwig Goiginger, dem Kommandanten der „komb. Division Pustertal“ (96. IBrig., Obst. Vonbank und 56. GbBrig., GM. Eccher ab Echo) befehligt wurde. Im März hatte diese Division eine wesentliche Umstellung und eine erhebliche Verminderung der Kräfte erfahren. Von den Kaiserjägern, deren Masse zum XX. Korps abging, blieben nur drei Bataillone und einige Streifkompagnien. An Stelle des KSchR. III kam das SchR. 36, doch verzögerte sich die Ablösung wegen der Lawinengefahr17). Einen keineswegs vollwertigen Ersatz boten drei sogenannte „Trachombataillone“, in deren Reihen alle mit der gefährlichen Augenkrankheit behafteten Leute des ganzen Heeres zusammengezogen worden waren. Landsturm, dem 3000 tapfere Standschützen zur Seite standen, bildete die Mehrheit der Besatzung in dem rund 70 km ausgedehnten Rayon, dessen wichtigste Bastionen von den zurückgelassenen Kaiserjägern besetzt blieben. Erschien die Verminderung der Zahl nach wohl nicht auffallend — man meldete in der Kriegsgliederung vom 1. April 20 Bataillone —, so war doch eine nicht unerhebliche Minderung der physischen und moralischen Widerstandsfähigkeit eingetreten. Zudem hatte die Abgabe mehrerer leichter und fast aller schwerer Batterien zu einer empfindlichen Schwächung geführt.

Das Ziel des italienischen IX. Korps, das unverändert, links mit der 18., rechts mit der 17. ID., in der Front stand, war nach wie vor die

Eroberung des Col di Lana. Den ersten Pfeil schoß jedoch das I. Korps, das dem Ostflügel der Pustertaldivision gegenüberstand, gegen den Rauchkofi ab. Diesen vom Mt. Cristallo nordostwärts abstreifenden Grenzrücken, der gemeinsam mit dem Mt. Piano den Zutritt und Einblick in das Gemärk bei Schluderbach verwehrte, hatte die italienische 2. ID. im Herbst 1915 mehrmals vergeblich zu gewinnen versucht. Wohlüberlegt und seit Februar in allen Einzelheiten gründlich vorbereitet, begann am Abend des 30. März durch ausgesuchte Abteilungen die Ausführung eines wahrhaft kühnen nächtlichen Unternehmens. Durch eine enge, äußerst steile, verschneite Felsrinne stieg eine durch geübte Bergführer verstärkte Kompagnie mühsam aufwärts. Da kündete der Morgen den neuen Tag. Im toten Winkel wurde die nächste Nacht abgewartet, dann der schwierige Aufstieg fortgesetzt und am 1. April bei Tagesanbruch die Scharte erklommen, wo eine schlaftrunkene Wache und alsbald auch der nahe Hauptposten überrumpelt und überwunden wurden. Vergeblich bemühten sich die nächststehenden Abteilungen des SchR. 36, dem auch die Wache angehört hatte, die von den Italienern rasch besetzten Sattelhöhen des Rauchkofis wiederzugewinnen. Auch an den folgenden Tagen mißlangen alle Versuche der bergfremden ostgalizischen Schützen, von denen drei Kompagnien nacheinander, wenig geschickt, immer wieder über die gleichen, nun von feindlichen Maschinengewehren bestrichenen Schneepfade aufwärts zu kommen hofften1). Immerhin fesselten und ermüdeten sie den stärker werdenden Feind, der sich dadurch nicht weiter auszudehnen vermochte. Die Geduld des FML. Goiginger war auf eine harte Probe gestellt. Der verlorene Posten mußte wieder gewonnen werden; ging es nicht mit dem SchR. 36, dann mußten berggewohnte, ortskundige Männer eingreifen. Er formte kleine Abteilungen aus den Landsturmbataillonen 171 und IV/2, aus den Silzer Standschützen und aus ausgewählten Leuten des SchR. 36. Auch ein alpines Detachement vom KSchR. III wurde herbeigezogen. Diese tüchtigen Scharen, unter einheitliche Führung gestellt, griffen nach verstärkter Artillerievorbereitung am 7. morgens an. Nach dreistündigem Kampfe war der Feind vom Berge hinabgeworfen. Außer zahlreichen Toten und Verwundeten verlor er 100 Gefangene und 2 Maschinengewehre. Damit war die vorübergehend beunruhigende Episode vom Rauchkofi beendet. Sie hatte allerdings weitere Verzögerung des Abmarsches der noch nicht abgelösten Teile des KSchR. III zur Folge.

1) Das Ital. Gstb. W., III, Text, 345 sagt, daß die Gegenangriffe viermal wiederholt und zum Schlüsse mit dem Bajonett abgewiesen wurden.

Noch eine Woche verging, ausgefüllt durch belanglose Patrouillengefechte und ablenkende, über die ganze Pustertalfront ausgedehnte Artilleriegefechte. Dann schritt die italienische 18. ID. an die Ausführung des großangelegten, entscheidungsuchenden Angriffes, zur Eroberung des Bergstockes Col di Lana—Mt. Sief. Beim Aussprengen von Unterständen und Galerien hatte sich den Italienern der Gedanke aufgedrängt, einen Minengang unterhalb der öst.-ung. Stellung vorzutreiben. Fast den ganzen Winter über wurde an der Ausführung gearbeitet. Anfangs April wurde die Arbeit eingestellt, da man den Bau einer Gegenmine wahrnahm, die auch tatsächlich am 5. April aufflog, ohne allerdings eine Wirkung hervorzurufen. Nach einer Pause wurde die Bohrung wieder aufgenommen und am 12. April beendet. Zwei Minenkammern nahmen 5500 kg Nitroglyzerin auf. Die so gelegte gewaltige Mine bildete den Schwerpunkt, um den die Angriffsordnung einer Infanteriebrigade gelegt wurde. Nach der Sprengung sollten zuerst neun Kompagnien die Bergspitze erstürmen und ohne Aufenthalt sogleich gegen den Mt. Sief vorstoßen. Starke Artillerie, 84 leichte und 25 schwere Geschütze, hatten vom

15. April an den Col di Lana und dessen Umgebung unter Zerstörungsfeuer zu nehmen.

Beim Verteidiger hatte man schon im Jänner Verdacht geschöpft und einen Horchdienst eingerichtet. Die Besorgnisse zerstreuten sich aber wieder, da man geneigt war, die zeitweilig verstummenden Bohrgeräusche auf Kavernenbauten zurückzuführen. Mitte März tauchten jedoch die Befürchtungen neuerlich auf; sie steigerten sich rasch. Man begann kleine Gegenstollen zu bohren, erlangte aber noch keine Gewißheit. So schwankte die Meinung und bedrückte jeden Einzelnen, mochte er an die Gefahr glauben oder nicht. Die Verteidigung des Col di Lanaabschnittes, der auch den Mt. Sief und die Stellung am Südwesthange des Col di Lana, die sogenannte Bergsappe und die Rothschanze sowie die Stellung im Sattel nördlich des Mt. Sief, in sich schloß, war seit Anfang Februar dem

2. Bataillon des 2. KJR. anvertraut. Eine Kompagnie, ein Sappeurzug, einige Kanoniere und Artilleriebeobachter standen Mitte April auf der Spitze des Berges, als die Italiener mit heftigem Geschützfeuer ihre Angriffsabsicht zu erkennen gaben. Am 16. und 17. trommelte die feindliche Artillerie mit ganzer Kraft. Schweres mußte die Besatzung erdulden. Die Drahtverbindung war zerstört. Am späten Abend brachte ein Verwundeter eine schriftliche Meldung des Kompagniekommandanten vom Col di Lana zurück:    .. Die Stellung ist total zerschossen, ... die Sappe,

die Alarmstiege, der Weg zum Tunnel ein Trümmerhaufen. Der Aufent-iv    14

halt in der Kaverne wird langsam unmöglich, die Lage furchtbar. Ich weiß mir keinen Rat mehr. Im Falle eines feindlichen Angriffes werden wir Möglichstes leisten, aber alle Zugangswege sind nahezu unpassierbar ..Diesen abgerissenen Sätzen war die Versicherung beigefügt, die Meldung sei nicht im Zustande großer Aufregung verfaßt, sie entspreche vielmehr „traurigst den Tatsachen“. Eiligst machte sich der Regiments-feldkurat Professor Dr. Blumenschein auf, den sichtlich schwer Bedrückten beizustehen. Eine Granate riß ihn unterwegs nieder. In der Nacht zum IS. entschied sich das Schicksal der Besatzung. Kurz vor Mitternacht entzündete ein elektrischer Funke die gewaltige Mine. „Mit dumpfem Schalle spaltete sich der Berggipfel, mächtige Steinblöcke schnellten in die Höhe, die Brustwehren stürzten in einer Ausdehnung von 25 Meter zusammen und begruben die Verteidiger“1). Unmittelbar darauf überschüttete die Artillerie die vorbestimmten Ziele mit Massenfeuer, während die Infanterie sich in Bewegung setzte. Der gesprengte Hauptgipfel war bald besetzt, die nordöstliche Kuppe erst nach scharfem Kampfe. Die über den Südwesthang vorstoßenden Kompagnien wurden aber durch die Kaiserjäger zur Umkehr gezwungen. Als der Morgen anbrach, waren die Angreifer noch nicht über die eben genannte, zuerst eroberte Stellung hinausgekommen. 170 Gefangene, 4 Maschinengewehre, 2 Minenwerfer und ein Gebirgsgeschütz fielen in ihre Hände; was von den 280 Verteidigern darüber zählte, war tot und verschüttet.

Mehrere Stunden war das Ereignis selbst den nahestehenden Abschnittskommandanten unbekannt geblieben. Indessen stellten sich kleine Gruppen, wo sie eben hielten oder sich zusammenfanden, zur Abwehr. So blieb der Grat zwischen Col di Lana und Mt. Sief, dank dem Mute und der Unerschrockenheit eines Oberjägers und seiner Leute im Besitze der Verteidiger. Als sich die Lage nach und nach aufhellte, waren die Führer entschlossen, die Stellung wiederzugewinnen. In der kommenden Nacht sollte der Gegenangriff erfolgen. Ebenfalls nach Einbruch der Dunkelheit wollten aber auch die Italiener ihr Unternehmen gegen den Mt. Sief fortsetzen und schoben zwei frische Bataillone in die Angriffsgruppe ein. Diese kamen gerade zurecht, um dem nach 11 h nachts von zwei Kaiserjägerkompagnien begonnenen Gegenangriff entgegenzutreten. Die Kaiserjäger drangen in solcher Lage nicht durch; sie lähmten aber den Feind,

x) Ital. Gstb. W., III, Text, 336. Aus der zahlreichen Literatur über die Kämpfe um den Col di Lana seien als besonders bemerkenswert hervorgehoben: P e n g o v, Die Kämpfe um den Col di Lana 1915/16. (Mil. wiss. Mitt., Wien, Jhrg. 1923, 393 ff., 450 ff.); Langes, Front in Fels und Eis, 6.

der den letzten günstigen Augenblick versäumte. Schneetreiben verhinderte sein Vorhaben auch am 19. April. Einstweilen ließ die italienische

18. ID. ein drittes Regiment heranrücken, um so mit aller Gewalt ihr Ziel zu erreichen. Abermals sollte der Sturm bei Dunkelheit, in der Nacht auf den 21. erfolgen und zugleich auch der linke Flügel der 17. ID. angreifen.

FML. Goiginger, der am 20. abends im Kampfabschnitt beim Mt. Sief eintraf, überzeugte sich, daß die von ihm gewollte Wiedereroberung des Col di Lana ohne kräftige Artilleriehilfe1) nur zur vollständigen Aufopferung der stark hergenommenen Kaiserjäger führen mußte, die dann zum Teil durch einzelne rasch herangebrachte Landsturmkompagnien abgelöst wurden. Man beschränkte sich auf die Abwehr. Auf dem Grate, in der Bergsappe und in der Rothschanze stemmten sich die Verteidiger dem nächtlichen feindlichen Angriff entgegen. Die beiden letztgenannten Punkte gingen nach erbittertem Kampfe verloren. Nicht überwunden war bei Tagesanbruch die Besatzung des wichtigen Gratstützpunktes, und auch auf dem Siefsattel hielten die Kaiserjäger und Enneberger Standschützen. An den nächsten Tagen stürmten die Italiener neuerlich vor. Schwer waren ihre Verluste, vergeblich ihr Bemühen. Im Sperrfeuer der Verteidigungsartillerie2) kamen die Angreifer gar nicht recht zur Entwicklung; im Gratstützpunkt, den sie besonders opfermutig immer wieder angingen, trotzte ihnen eine kleine Heldenschar, Männer vom Landsturmbataillon 162. Endlich, am Ostermontag, den 24., ließen die Italiener, durch Kampf, Kälte und den Verlust von 2000 Mann erschöpft, die Waffen sinken. Was ihr Kommandant hatte verhindern wollen, daß „der Mt. Sief ein zweiter Col di Lana werde“, war eingetreten3).

Die Kämpfe dieser letzten Tage hatten den Einsatz aller ursprünglich zum Gegenangriff herangeführten Reserven erfordert. Insgesamt standen im Raum um den Col di Lana 8 Kaiserjäger- und 51/2 Landsturmkompagnien, dazu 3 Standschützenabteilungen. Die überwältigende Übermacht der Italiener war offenbar geworden. Zudem war diesen am

16. April im Drei Zinnengebiet die Besetzung der Sentinellascharte durch Handstreich gelungen. Der immer auch die Gesamtlage verständnisvoll berücksichtigende Rayonskommandant hoffte dennoch, die vom Obst.

*) Die in den Kampfraum wirkende Artillerie zählte 18 moderne und 40 veraltete Geschütze verschiedener Kaliber.

2)    Die Erinnerung an die erfolgreiche Mitwirkung des Festungsartilleriebaons. 1 wird im österreichischen Bundesheere durch die Vorarlberger Minenwerferbatterie der Brigadeartillerieabteilung 6 wachgehalten, die den 23. April als Gedenktag feiert.

3)    Ital. Gstb. W., III, Text, 340.

Vonbank dringlich erbetenen Reserven aus eigener Kraft aufbringen zu können. Dessenungeachtet hielt es das Landesverteidigungskmdo. für nötig, der durch die Verzögerung der großen Offensive entstandenen Lage Rechnung tragen zu müssen und zur Sicherung der geschwächten Landesverteidigung Reserven zu beschaffen. Das Heeresgruppenkmdo. willfahrte der Bitte und befahl am 27. die Überführung der eben für die

3. Armee nordwestlich Bozen ausgeladenen k.u.k. 21. GbBrig.1) in das Pustertal; doch kam es hier erst in der zweiten Hälfte des Mai wieder zu Kämpfen.

Im entfernteren Zusammenhange mit den Kämpfen um den Col di Lana stiegen am 30. April etwa zwei Alpinikompagnien zum Marmolata-gletscher hinauf und brachten einen kleinen Posten auf dem linken Flügel des Rayons IV zu Fall. Da sich die Italiener damit zufrieden gaben, konnte FML. Edl. v. Scholz die beabsichtigten Gegenmaßnahmen unterlassen. Die ihm zu Gebote stehenden Kräfte — Anfang April waren es 71/2 Landsturmbataillone und 2470 Standschützen — reichten gerade noch hin, um die wichtigsten Sättel in den Fassaner Alpen besetzt zu halten. Aber die den Italienern wahrscheinlich nicht verborgen gebliebene Anwesenheit der 48. ID. im Fleimstale hielt sie davon ab, jenes Unternehmen zu beginnen, das Cadorna im Winter eindringlich empfohlen hatte (S. 153).

Das Gesamtergebnis der von den Italienern im Frühjahr gegen die Abwehrfronten der Tiroler Landesverteidigung unternommenen Angriffe war nicht bedeutend. Das Heeresgruppenkmdo. hatte frühzeitig den Zweck der Unternehmungen erkannt, so daß nur fünf Bataillone von ihrer ursprünglichen Bestimmung dauernd abgelenkt worden waren.

Die Ereignisse am Isonzo und an der Kärntner Front

bis Mitte Mai

Hiezu Beilage 8 sowie Skizze 2

Die seit dem 25. März unmittelbar der Heeresleitung unterstellten Führer der 5. und der 10. Armee waren vier Tage vorher von der Bildung der Angriffsgruppe in Kenntnis gesetzt worden. Als zu Ende des Monats der Beginn der großen Unternehmung für Anfang April in Aussicht genommen wurde, hatten die beiden Armeeführer den Auftrag

*) Die 21. GbBrig. bestand aus den Bataillonen: V/bh. 1, V/bh.2, II/SchR. 5, V/Sch-R. 37 und dem bh. FJB. 3, sowie aus der 1/4 5. Schw. DR. 6. Das Rayonskmdo. stellte sie geteilt den beiden Frontbrigadieren zur Verfügung.

erhalten, Vorbereitungen für den Fall zu treffen, daß der Feind bei einem rasch fortschreitenden Erfolge der Heeresgruppe Erzherzog Eugen möglicherweise sich veranlaßt sehen könnte, seine Ostfront wesentlich zu schwächen oder sie gar unter einer Verschleierung zu räumen. Diesen Augenblick rechtzeitig zu erkennen und entschlossen auszunützen, war als die Hauptaufgabe der 5. und der 10. Armee bezeichnet worden.

Nach dem Kräfteverhältnis konnte der Anstoß zu einem solchen angriffsweisen Handeln nur aus der Front kommen; die höhere Führung hatte es bloß in die richtigen Bahnen zu lenken. Hiebei galt als Richtschnur, daß die 5. Armee, die sich nach der am 1. April erfolgten Rücküberweisung des XV. Korps wieder in vier Abschnitte (I, II, III a und III b) gliederte, gegebenenfalls südlich der Linie Krn—Monte Maggiore— Gemona an die befestigte Tagliamentolinie vorgehen sollte, während die

10. Armee dem etwa abziehenden Feinde an den Oberlauf des Taglia-mento zu folgen hatte. Damit der richtige Augenblick zur Aufnahme der Vorrückung nicht versäumt werde, ordnete das 5. Armeekmdo. die Durchführung eindringlicher Erkundung an; dann schuf es sich durch die Ablösung der 9. ID., die mit der 17. IBrig. bei Selo, mit der 60. IBrig. bei Dörnberg versammelt wurde, eine Reserve aus marschfähigen und schlagkräftigen Heerestruppen, an deren Stelle die k. k. 21. LstGbBrig. und das k. u. LstlR. 2 in die Front gelangten. In der ersten Aprilhälfte hatte die 5. Armee außer der 34. ID. (S. 172) noch eine Gebirgsbrigade nach Tirol abgeben müssen. Hiezu wurde aus fünf verschiedenen Abschnitten entnommenen Bataillonen die k. u. k. 21. GbBrig. neu aufgestellt, die am 10. aus dem Wippachtale nach Tirol abbefördert wurde (S. 212). Hingegen wurde der 5. Armee anfangs Mai die 24. LstGbBrig. vom Balkan zugewiesen1), die als Reserve nach Comen gelangte.

Die 10. Armee hatte im Sinne der vorangeführten Richtlinien ein Vorgehen ihrer Hauptkraft, der 94. und der östlich anschließenden 92. ID., über den Karnischen Kamm zwischen dem Plöckenpaß und dem Fella-tale, der 27. GbBrig. im Isonzotale über Saga vorbereitet, während zwischen der Fella und dem Becken von Flitsch schwache Kräfte den Feind festhalten sollten. Im unteren Gailtal stand bei Nötsch eine Reserve von fünf Bataillonen.

Auch bei den der k. u. k. 10. Armee gegenüberstehenden italienischen Kräften — dem XII. und IV. Korps — waren im März und im April einige Veränderungen eingetreten. Im Wesen bestanden sie darin, daß

!) 24. LstGbBrig.: Kmdt. Obst. v. Zhuber, FJB. 2, k. k. LstIBaone. 6, IV/39, 83, k. u. LstlBaon. VII/17; 6. KnBt. GbAR. 12, 1. KnBt. GbAR. 21.

die 36. ID. des IV. Korps bei Flitsch mit der 24. ID. des XII. Korps im Fellaabschnitt wechselte. Nach der bei beiden Gegnern durchgeführten Neugruppierung waren die vom Mt. Peralba bis zum Krn eingenisteten zwei italienischen Korps der Armee Rohr der Zahl nach doppelt überlegen1).

Dem zunächst noch für den Anfang April beabsichtigten Beginn des Angriffes aus Tirol hatten bei der 5. und der 10. Armee abermals Täuschungsmaßnahmen voranzugehen. Als das für den 10. April bei Görz, für den 11. bei Tolmein und für den 12. im Plöckenabschnitt vorbereitete Einschießen der Artillerie in ein ansehnliches Wirkungsschießen überging, sollten Marschbewegungen hinter der Front, Infanterievorstöße und Fliegerunternehmen die Einleitungskämpfe für einen Angriff aus Kärnten und am Isonzo vortäuschen. Schlechtes Wetter und höhere Befehle unterbrachen diese Tätigkeit.    ■

Hingegen wurden nun die Italiener im südlichen Küstenland wieder rührig. Sie wiederholten vom 15. April an die Angriffe gegen die Höhe -<>- 70 östlich von Selz. Da die vom k. u. k. 61. IDKmdo. schon im März beabsichtigte Wegnahme des La Roccarückens auch jetzt aus Mangel an Kräften und wegen des jetzt mehr denn je gebotenen Haushaltens mit den Kampftruppen unterblieben war, vermochte der Feind hier vorübergehend kleine Erfolge zu erringen. Das k. u. k. VII. Korpskmdo. ließ bis Ende April die 61. ID. mit der 106. LstlD. tauschen und erwartete, daß diese Division die Lage bei 4- 70 wieder hersteilen werde. Noch bevor aber diese Maßnahme durchgeführt werden konnte, kam es am 22. zu neuen feindlichen Angriffen, die zu wechselvollen Kämpfen führten, bis am 25. April nach einem blutig zurückgeschlagenen italienischen Vorstoß Abteilungen der 19. LstGbBrig. dem Feinde nachdrängten und ihm fast seinen ganzen bisherigen Gewinn entrissen. Damit endeten die seit dem 28. März immer wieder aufgeflammten Kämpfe um die Höhe -<> 70; doch blieb diese auch fernerhin eine die volle Aufmerksamkeit erheischende Frontstelle. Am 1. Mai wurde das Abschnittskmdo. Illb aufgelassen. Dem VII. Korpskmdo. fiel damit der Befehl über alle vier auf der Karsthochfläche stehenden Divisionen des nunmehrigen Abschnittes III zu.

-1) Die Armee Rohr zählte um diese Zeit nur mehr 38 Baone. (davon 13 des Heeres;, 24 Feld- und Gebirgsbatterien, 11 mittlere und schwere Batterien mit 37.000 Feuergewehren, 150 Feld- und Gebirgs-, 88 mittleren und schweren Geschützen. Das italienische XII. und die Teile des IV. Korps bis zum Krn zählten 71 Baone., 54 Feld-und Gebirgs-, 35 mittlere und schwere Batterien mit etwa 70.000 Feuergewehren, 232 leichten und 95 mittleren und schweren Geschützen.

Während nördlich der Wippach im allgemeinen Ruhe herrschte, entwickelte der Italiener im Abschnitte des Mt. S. Michele eine zunehmende Gefechtstätigkeit; auch unsere Truppen begannen den fortgeschrittenen feindlichen Sappenarbeiten wirksam zu begegnen. Der Sappen- und Minenkrieg führte zu ständig wiederkehrenden, meist in die Nacht fallenden Unternehmen und vielerlei Nahkämpfen. Vom 24. April an kam es zu größeren Kämpfen bei S. Martino. Bei dieser Gelegenheit wurden Anzeichen wahrgenommen, die auf eine ausgedehnte Minentätigkeit im Abschnitt Mt. S. Michele—Höhe -<J>- 197 hindeuteten. Das VII. Korpskmdo. beschloß hierauf, dem Feinde zuvorzukommen. Schon am

8. Mai glückten nach kaum dreiwöchiger Minierarbeit der 17. ID. westlich von S. Martino und bei der 20. HID. nächst -<>- 124 am Westhange des Mt. S. Michele zwei durch Minensprengungen eingeleitete Angriffe, wobei unsere Stellung durch Besetzung des Minentrichters und eines stützpunktartigen feindlichen Sappenkopfes nach vorne wesentlich verbessert wurde1). In den folgenden Tagen und Nächten machte der Italiener vergebliche Anstrengungen zur Wiedergewinnung des verlorenen Bodens. Gleichzeitig ließ er in Überhastung seine zahlreichen Minenstollen vorzeitig und ohne Schaden für unsere Kampfanlagen sprengen, wodurch die drohenden Gefahren seines Minennetzes bei S. Martino beseitigt wurden.

Im Abschnitte des XVI. Korps kam es bis Mitte Mai nur zu belanglosen Kämpfen im Vorfelde. Am 4. schossen bei Görz Abwehrbatterien und Jagdflieger ein italienisches Lenkluftschiff in Brand. Beim XV. Korps glückten bis Mitte April noch kleinere Angriffsunternehmen der 3.GbBrig. auf dem Mrzli vrh und bei Dolje. Das Korpskmdo. plante sogar einen größeren Angriff zur Gewinnung der Ježahohe auf dem Kolovratrücken, die das Isonzotal und das Becken von Tolmein beherrschte. Die Abgabe von Truppen nötigte aber, auf das Unternehmen zu verzichten. Bis zum

10.    Mai kam es zu keinen bedeutenden Kampfhandlungen. Erst am

11.    Mai begannen Artilleriegefechte und Plänkeleien, die um die Mitte des Monats zu größeren Unternehmen ausreiften.

An der Kärntner Front verlief der April zunächst unter kleineren Kämpfen, die nur örtliche Bedeutung hatten. Der Wetterumschwung am

12.    und der am 23. April verhinderten jede größere Kampfhandlung im Gebirge; ja es kam sogar noch gegen Ende des Monats zu Verkehrsstörungen und Lawinenstürzen, die ihre Opfer forderten. Von den

1) Dem Führer des nach der Minensprengung bei S. Martino ausgezeichnet durchgeführten Unternehmens, Oberleutnant Géza Heim des IR. 46, wurde das Ritterkreuz des Militär-Maria Theresien-Ordens verliehen.

größeren Unternehmen im Bereiche der 10. Armee sei die Besetzung des Mt. Ciadenis in der Peralbagruppe am 21. April und eine Reihe erfolgreicher Vorstöße am 26. April, am 2. und 4. Mai durch die Besatzung auf dem Rombon1) erwähnt. Daraufhin entschloß sich der Kommandant der italienischen 24. ID. die Cuklahöhe als den Ausgangspunkt der öst.-ung. Unternehmen wiederzugewinnen. Nach stärkster Artillerievorbereitung griffen am 10. Mai vier Alpinibataillone die drei auf der Čukla stehenden Bosniakenkompagnien an und überwältigten sie in erbitterten Nahkämpfen 2).

Die Aprilkämpfe im Suganatal Hiezu Beilage 9

Das italienische V. Korpskmdo. hatte schon im Dezember 1915 der in der Val Sugana stehenden 15. Division nahegelegt, zu gegebener Zeit Levico und Caldonazzo zu besetzen und wenn möglich bis Vattaro vorzustoßen. Zunächst sollte sie sich raschestens des Mt. Broi, der Höhe von S. Osvaldo und des Collo bemächtigen3). Nach den im Jänner und zu Anfang Februar mißglückten Versuchen, diese Ziele zu erreichen, unterbrach das Mitte Februar einsetzende schlechte Wetter jede Tätigkeit. Erst nach vier Wochen, als der überaus reich gefallene Schnee an den südwärts geneigten Hängen nach und nach abschmolz, gingen italienische Abteilungen näher an die österreichische Vorpostenkette heran, die, vom Mt. Car-bonile südlich der Brenta ausgehend, über die eben genannten Berge gelegt war. Am 22. März griffen sie die Feldwachen bei S. Maria und auf dem Mt. Broi, in der Nacht auf den 25. auch die auf dem Mt. Carbonile an. Sie wurden allerorts abgewiesen. In den nächsten Tagen brachten Frühlingsstürme neuen Schnee auf den Bergen, Regenschauer in den Tälern. Das Vorpostengeplänkel verstummte. Nur die Artillerie setzte beiderseits das seit Mitte März kräftiger gewordene Feuer fort. Die Beobachter nahmen wahr, daß beim Feinde mehrere neue Batterien aufgetaucht waren. Auf der Sellahochfläche bei Marter, Roncegno und vor dem Collo schanzte er fleißig und erhielt offenbar Verstärkungen. Auch italienischerseits er-

x) Teile des k. k. LstlBaon. 41 und des bh. IR. 4.

2)    Die Verluste der drei Kompagnien des bh. IR. 4 betrugen rund 250 Mann, davon etwa zur Hälfte Gefangene. Der Feind verlor in den Kämpfen um die Cuklahöhe vom

10. bis zum 12. Mai 18 Offiziere und 516 Mann.

3)    Ital. Gstb. W., III, Text, 313 f.

kannte man stärkere Bewegungen bei Caldonazzo, obwohl dort die Straßen mit Schilfmatten gut maskiert waren. Zur Vergeltung für das dorthin gerichtete Artilleriefeuer schossen die öst.-ung. Batterien auf Borgo und Marter.

Obst. v. Sloninka, der Kommandant des Grenzabschnittes 6, verfügte Ende März über das KSchR. I, das Radfahrbataillon Mjr. Edl. v.Schönner, das k.k.LstlBaon. 164 und eine Kaiserjägerstreifkompagnie, dann überetwa 2000 Standschützen, die den Bataillonen von Kaltem, Zillertal, Reutte II, Meran, Bludenz und Rattenberg angehörten, endlich über zwei selbständige Maschinengewehrkompagnien und neun Batterien. Weiters hatten in diesem Abschnitt in jüngster Zeit sechs Gebirgsbatterien und vier 10.4 cm-Kanonen der 11. Armee Stellung genommen. Am 25. März wurde der Grenzabschnitt, der von der Cima Vezzena bis zur Kreuzspitze reichte, dem XVII. Korps mit dem Bemerken unterstellt, daß die seinerzeitige Verwendung des Korps nicht in diesem Raume gedacht sei. Die Truppen der um Pergine versammelten 18. ID. hatten dem Feinde verborgen zu bleiben. Die zur Formierung der Kaiserschützendivision geplante Ablösung des KSchR. I. sollte durch andere der Tiroler Verteidigung entnommene Einheiten erfolgen. Hiezu wurden das Reservebataillon 111/37 sowie 4 Landsturmkompagnien und das oberösterreichische freiwillige Schützenregiment, das allerdings nur aus 6 Kompagnien bestand, nach Pergine dirigiert.

In den ersten Apriltagen schickte sich die italienische 15. ID. wieder zur Gewinnung der Zone Glockenturm—S. Osvaldo—Mt. Broi an. Nach kräftigem Artilleriefeuer griffen am 4. vormittags etwa drei Bataillone die Feldwachen auf dem Mt. Broi und bei Votto an und drückten sie um ein Geringes zurück. Alsbald warfen die Kaiserschützen den Feind wieder aus den Vorpostenschanzen hinaus. Starke Truppenanhäufungen bei Ron-cegno, der Anmarsch von Verstärkungen gegen Votto, das vereinigte schwere Artilleriefeuer gegen den Mt. Broi sowie die am 5. wiederholten Angriffe des Feindes ließen sein Vorhaben nicht mehr bezweifeln. Die in Aussicht genommene Ablösung der Kaiserschützen wurde aufgeschoben, Teile der 18. ID. in Bereitschaft gehalten. Die feindliche Artillerie verdichtete ihr Feuer gegen den Rücken von S. Osvaldo bis zur Larganzaschlucht, in den Morgenstunden des 6. April trommelte sie unablässig, dann griffen etwa zwei Bataillone an. Die Vorposten, zwei Kaiserschützenkompagnien, durch die Artillerie kräftigst unterstützt, hielten sich wacker trotz ernster Verluste. Sie wiesen vier Stürme ab und besetzten dann, eine Feldwache bei S. Osvaldo zurücklassend, die etwas höher liegende Stellung auf der Fratasecca. Zugleich schoß die feindliche Artillerie unausgesetzt auf den Mt. Broi, gegen Novaledo und bis nach Calceranica hinein. Der Eindruck dieser Kampfhandlungen auf die höheren Führer spiegelten sich in dem vom XVII. Korpskmdo. am Abend gegebenen Befehl wieder: „Um dem Gegner den Einblick in den Raum südlich Caldonazzo—Calceranica zu verwehren, muß auf Befehl des Armeekommandos die Linie Novaledo—Mt. Broi—S. Osvaldo—Glockenturm— Collo—Mt. Cola unbedingt gehalten werden.“ Das 18. IDKmdo., das schon das Bataillon 1/63 auf die Panarotta gewiesen hatte, ließ am 7. März noch die Bataillone IV/4 und 1/1 gegen diese Höhe nach Brennstall aufsteigen und unterstelle sie gemäß dem Aufträge des Korpskmdos. dem Obst. Sloninka, mit der Einschränkung allerdings, sie als Reserve zurückzubehalten und nur nach vorheriger Meldung einzusetzen. Weiters hatten noch sechs Batterien in Stellung zu gehen.

Gegen alle Erwartung begnügten sich die Italiener in den nächsten Tagen damit, sich auf Gewehrschußentfernung vor den öst.-ung. Vorposten einzugraben. Nur ihre Artillerie donnerte weiter. Am 9. April fielen 150 schwere Granaten auf Caldonazzo, das zu brennen anfing und geräumt werden mußte. Die Ablösung von Teilen des KSchR. I konnte durchgeführt werden. An ihre Stelle traten bei Glockenturm—Collo das Reservebataillon 111/37 und im Raume Garollo—Mt. Broi die oberösterreichischen freiwilligen Schützen.

Eine am 10. April abgehorchte Radiodepesche, wie auch lebhafte Bewegung auf der Sella, bei Borgo und bei Roncegno ließen erkennen, daß neue italienische Angriffe nahe bevorstanden. Am 12. brachen sie los. Vier Gruppen zu je zwei Bataillonen mit Begleitbatterien hatten die Ziele Glockenturm, Spigolo—Fratasecca, Mt. Broi—Novaledo und den Mt. Carbonile. Vier Bataillone bildeten die Reserve im Raume um Borgo.

Die Vorposten in der Linie der genannten Höhen waren immer noch überaus schwach, da man die Bataillone der 18. ID. dem Feinde nicht zeigen wollte und hinter der befestigten Hauptverteidigungsstellung zurückhielt; doch fand die Besatzung eine kräftige Stütze in der Artillerie. Nicht weniger als 112 Geschütze waren zur Stelle und auch ein Teil der Batterien des III. Korps konnte nötigenfalls eingreifen.

Die andauernde Unruhe im Suganatal, durch die das KSchR. I immer wieder im Grenzabschnitt 6 festgehalten worden war, hatte das 11. Armeekommando schon auf den Gedanken gebracht, die Kaiserschützendivision, deren Bildung sich wegen der örtlichen Schwierigkeiten bei der Ablösung der anderen Kaiserschützen ohnedies verzögerte, hinter diesem

Abschnitt zu versammeln und ihr dessen Sicherung zu übertragen, damit die 18. ID., die voll für den bevorstehenden großen Angriff verfügbar bleiben mußte, nicht in die Sugana-Kämpfe hineingeriete.

Das Heeresgruppenkmdo. sah in den feindlichen Vorstößen im Brentatale gar keine Gefahr. „Nach den bisherigen Erfahrungen über die Stoßkraft der Italiener im allgemeinen und in der Val Sugana im besonderen“ sei ein rascher Raumgewinn des Feindes in dieser Richtung nicht zu befürchten, selbst wenn nur die normale Grenzbesatzung sich dort befinden sollte. Den Vorschlag wegen der Umgruppierung der Kaiserschützendivision, die der 3. Armee zugedacht war, lehnte es ab, weil dadurch Verwicklungen im Aufmarsch entstehen müßten.

Tatsächlich kamen die Italiener auch bei ihren letzten Angriffen am 12. und 13. April nur wenig vorwärts. Wohl drückten sie nach kräftiger Artillerievorbereitung im ersten Anlauf die verstärkten Feldwachen beim Glockenturm und östlich von Fratasecca zurück, aber im Sperrfeuer der zahlreichen Batterien blieben die Angreifer vor den Hauptposten liegen. Nicht besser erging es dem von den Italienern mutig vorgetragenen Angriffe gegen Novaledo, der nach Vertreibung der Feldwachen aus dem in Brand geschossenen S. Maria bis an die Dämme des Torrente Rosa heranbrandete, dann aber im Abwehrfeuer der Radfahrer ■und der Artillerie zurückflutete und allgemach versandete. Am Hange des Mt. Broi führten die Kaiserschützen am 13. April einen Gegenstoß und nahmen zwei Dutzend Italiener gefangen. Die schwersten Verluste erlitt der Feind im Kampfe um den Mt. Carbonile. Hier gelang es ihm, der halben Kaiserschützenstreifkompagnie drei kleine, opfervoll verteidigte Stützpunkte zu entreißen. Aus einem dieser Stützpunkte wurde er durch richtig zusammengefaßtes Feuer der Artilleriegruppen Obstlt. Schmidt und Obst. Janečka förmlich herausgeschossen, doch erst am

13. abends vermochten eine herbeigeholte Kaiserschützenkompagnie und die Streifkompagnie diesen wichtigen Gipfel wieder vollständig zurückzuerobern. Die eigenen Verluste waren bei diesen Kämpfen allerdings auch beträchtlich. GM. Kindl, der das Kommando im Grenzabschnitt 6 übernommen hatte, bat am 12. abends, die dem Abschnitt zur beschränkten Verfügung gestellten drei Bataillone der 18. ID. noch näher an die Kampflinie der PanarottaVerteidigung heranziehen zu dürfen. Das

XVII. Korpskmdo. stellte weitere zwei Bataillone dieser Division im Brentatal bereit und wies darauf hin, daß der Besitz des Mt. Carbonile für eine Offensive über die Sellahochfläche von besonderer Wichtigkeit, und •dieser daher unbedingt zu behaupten sei.

Der Gegenangriff der k. u. k. IS. Infanteriedivision

Da es Mitte April noch nicht abzusehen war, wann die Offensive über die Hochflächen beginnen konnte, entschloß sich das 11. Armeekmdo., dem fortgesetzten feindlichen Druck im Suganatal ein Ende zu bereiten und befahl am 13. zu Mittag dem XVII. Korps „einen kurzen Offensivstoß mit möglichst starken Kräften zu führen und den Feind auf Marter—Roncegno —S. Anna zurückzuwerfen“. Dem Heeresgruppenkmdo. gegenüber begründete GdK. Dankl diesen Entschluß mit dem Hinweis, daß „besondere Maßnahmen zur Sicherung der Val Sugana umso notwendiger sind, als beim Vortragen der Offensive über die Hochflächen eine Gefährdung der linken Flanke besonders unangenehm wäre“. Zugleich gab er der Meinung Ausdruck: „Die Tätigkeit und Stärke des Feindes in der Val Sugana wird immer beträchtlichere Kräfte — seien sie von der 3. oder 11. Armee

— binden, die Anwesenheit der Italiener im Raume um Borgo während der Offensive stets unangenehm sein und ein Gefahrenmoment bilden“; er beantrage daher neuerlich, „höheren Ortes erwirken zu wollen, daß Teile der 3. Armee — wenigstens zur Gewinnung des Raumes um Borgo — angesetzt werden, was die Lage und die feindliche Tätigkeit immer ge>-bieterischer fordern“. In diesem Vorschläge tauchte der ursprüngliche Plan zum Ansatz einer Nebenkraft in der Val Sugana in veränderter Form wieder auf. Das Heeresgruppenkmdo. erinnerte in seiner Antwort an den ausdrücklichen Befehl der Heeresleitung, nach welchem von einem gleichzeitigen Durchstoßen im Suganatal keine Rede sein könne und die

3. Armee nicht vorzeitig verausgabt werden dürfe. Die Besorgnisse wegen der nördlichen Armeeflanke teilte das Heeresgruppenkmdo. keineswegs. „Der vom 11. Armeekmdo. in Aussicht genommene Gegenstoß der 18. ID. dürfte übrigens bald seine Wirkung gegen den vom Armeekmdo. so unangenehm empfundenen steten Druck des Feindes in der Val Sugana äußern.“ In der Anwesenheit der Italiener um Borgo während der Offensive über die Hochflächen vermöge aber das Heeresgruppenkmdo. keine Gefahr zu erblicken. Vielmehr sei der Feind im Suganatal gefährdet, wenn die eigene Offensive auf den beherrschenden Höhen südlich des Tales fortschreiten werde.

Gemäß den Weisungen des XVII. Korpskmdos. hatte GM. Stracker mit der Masse der 18. ID. und den zur Zeit in der Stellung Mt. JBroi— Fratasecca—Glockenturm—Collo kämpfenden Truppen des Grenzabschnittes 6 vorzustoßen, um die etwa ein bis zwei Kilometer vorwärts liegende ehemalige Feldwachenlinie wiederzugewinnen. Im Brentatale und über die Südhänge des Mt. Broi sollte GM. Kindl mit dem hier stehenden Radfahrbataillon und zwei Halbbataillonen der 18. ID. den Angriff begleiten. Ein Halbbataillon des KSchR. I hatte den Mt. Carbonile festzuhalten.

Die Bereitstellung war schwierig und zeitraubend. Meterhoch lag noch Schnee auf den Bergen; festgebannt stand die Artillerie. Deswegen sollte der Angriff erst am 16. April beginnen, und waren auch die Angriffsziele kurz gesteckt.

Indessen versuchten die Italiener durch zornige Kanonaden und durch Vorstöße kleiner Abteilungen, so am 14. gegen die Fratasecca und den Mt. Broi, am 14. und 15. gegen den Mt. Carbonile, vergeblich, das mangelhafte Ergebnis ihrer Angriffe vom 12. und 13. zu verbessern. Rasch und geschickt schanzten sie aber an ihrer jetzt stark besetzten vordersten Linia.

Nach Anordnung des 18. IDKmdos. führte Obst. Edl. v. Barza, Kommandant der 13. GbBrig., die Bataillone III/bh. 4,1 V/22 und 1/2III/KSchR.I über die Portelia zum Angriff beiderseits vom Glockenturm; Obst. Teuš, Kommandant der 1. GbBrig., rückte mit den Bataillonen 1/63, 111/64 und IV/4 über das Weitjoch, nahm das 1. Bataillon des KSchR. I auf und hatte südlich der Larganzaschlucht den ’Hauptsto'ß über S. Osvaldo zu führen. Die südlichste Gruppe, die Bataillone 1/1 und II/KSchR. I, führte Mjr. Hildebrand über Garollo ostwärts, um den Feind vom Mt. Broi völlig hinabzuwerfen. Drei Bataillone der Division blieben als Reserve, die Standschützen und die oberösterreichischen freiwilligen Schützen in der Hauptstellung zurück.

Noch bevor der Morgennebel am 16. April die Sicht freigab, ging die Gruppe Obst. Barza ohne Artillerievorbereitung vor. Sie überraschte den Feind vollkommen und überschritt die ihr als Ziel gesetzte Linie. Aber ihr bis nahe an Postoi vorgeprellter rechter Flügel mußte unter dem Drucke starker Gegenangriffe gegen Tezzel zurückweichen.

Bei der Gruppe Obst. Teuš waren bei Tagesanbruch das Bataillon IV/4 nahe der Kammlinie, das Bataillon 1/63 am Nordhang der Fratasecca bereitgestellt. Drei Stunden hämmerte die Artillerie. Um 10 h stießen die Bataillone vor und nahmen die feindlichen Stellungen, die Deutschmeister voran jene bei S. Osvaldo1). Die Deutschmeister wandten sich dann gegen Valcanai, die Dreiundsechziger nach Votto. Bedeutend waren die Verluste der Angreifer, aber noch größer jene des Feindes, der an dieser Stelle überdies 300 Gefangene und 4 Maschinengewehre einbüßte.

x) Hoen, Waldstätten-Zipperer und Seifert, Die Deutschmeister (Wien 1928), 693. Für tapferes Verhalten auch bei diesem Angriffe wurde dem Hptm. Emil Fey das Ritterkreuz des Militär-Maria Theresien-Ordens (Bd. III, 438) zuerkannt.

Dennoch hielten sich die Italiener zäh in der gründlich ausgebauten zweiten Stellung, die um die Rückfallskuppen von Votto und A 1213 gelegt war. Um weitere Verluste zu vermeiden, ließ Obst. Teuš die gegen diese Punkte gerichteten Angriffe am Abend einstellen. Die Nacht reichte nicht hin, daß neue Vorbereitungen getroffen und Geschütze vorgebracht werden konnten. Am 17. konnte wohl Valcanai besetzt werden; doch den im Wald verborgenen Schanzen bei Votto vermochte die öst.-ung. Artillerie nicht beizukommen, wogegen die feindliche den ungeschützt am Hang liegenden Schwarmlinien erhebliche Verluste zufügte. Bei dem am folgenden Morgen unternommenen Sturm der Bataillone 1/63 und 111/64 wurde ein kurzes Grabenstück genommen. Aber der Feind, der zwei Bataillone zur Verstärkung herangezogen hatte, wich auch jetzt nicht.

Schon am 16. war das Ringen der Gruppe Mjr. Hildebrand auf dem Mt. Broi entschieden, das etwas später als der Angriff gegen S. Osvaldo begonnen hatte. In sehr geschickter Gefechtsführung umfaßten die Schlesier und die Kaiserschützen den durch wuchtiges Artilleriefeuer zermürbten Feind und nahmen ihn zum großen Teil gefangen. Der Rest flüchtete nach Marter. Bei der Gruppe GM. Kindl hatten die durch ein halbes Bataillon des IR. 52 unterstützten Radfahrer schon vor Tagesanbruch den Torrente Rosa überschritten und waren dann am Südhang des Mt. Broi anschließend an die ,,Einser“ vorgestoßen. Sie nahmen ebenfalls fast eine ganze Kompagnie gefangen.

Das 18. IDKmdo. konnte aus den einlaufenden Meldungen schon am 16. abends feststellen, daß die vorgesehenen Ziele erreicht waren. Nur bei Votto hielt der Feind noch über den 19. April hinaus hartnäckig stand. Während die wiedergewonnene Feldwachenstellung zur Hauptwiderstandslinie erklärt und technisch ausgebaut wurde, erneuerte die Gruppe auf dem Rücken von S. Osvaldo am 21., nunmehr durch zwei nahe herangebrachte Gebirgsbatterien unterstützt, den Angriff. Ungeachtet starker Verluste entrissen die Bataillone 1/63 und 111/64 dem Feinde den Stützpunkt auf der Rückfallskuppe A 1213. Dadurch war sein ganzes Grabennetz bei Votto unhaltbar geworden. Kalter Regen und Schneetreiben setzten ein. Hüben und drüben läuteten die Osterglocken. Der Erfolg der 18. ID. war abgeschlossen1).

x) Ihre sechs in den Kampf getretenen Bataillone hatten seit dem 16. April verloren: 279 Tote, 1069 Verwundete und 247 Vermißte; am schwersten hatte das siebenbürgische Bataillon 1/63 gelitten, das allein 126 Tote und 392 Verwundete zählte. Das KSchR. I, das jetzt nun endlich abrücken konnte, betrauerte neuerlich 26 Tote und 115 Verwundete. Auch die Verluste der Italiener waren überaus schwer.

Hatten die italienischen Angriffe in der ersten Hälfte des Monats April beim 11. Armeekmdo. einen tieferen Eindruck hervorgerufen als bei der unmittelbar betroffenen Besatzung des Grenzabschnittes und schließlich zum Ausspielen einer ganzen Division geführt, so rief, in merkwürdiger Wiederholung gleichen Geschehens, der Gegenangriff der 18. ID. bei den höheren und auch höchsten Führern der Gegenseite weit größere Unruhe hervor als bei den nächststehenden Kommandos. Das italienische Oberkommando telegraphierte am 20. April: „Die Zahl der Verluste der Truppen in der Val Sugana am 16. April, die an einen vollständigen Niederbruch gemahnen könnte, läßt erkennen, daß starke Kräfte in der vorgeschobene Linie eingesetzt waren.“ Dies widersprach den wiederholten Weisungen der Heeresleitung, weshalb sie Rechenschaft forderte1). Die abgerufenen Unterführer waren bemüht, ihre Handlungsweise zu rechtfertigen, und suchten in ihren Berichten die Bedeutung des „geringfügigen“ Rückschlages von S. Osvaldo zu bemänteln. Dennoch wurden die Hauptkräfte der 15. ID. nun zurückgenommen.

Als am 25. April öst.-ung. Patrouillen gegen Votto vorgingen, fanden sie die Schanzen verlassen. Hier wie auch in den geräumten Stellungen nordwestlich von Roncegno wurden 700 Gewehre, viel Munition und Verpflegung aufgelesen, ein Zeichen, daß der Rückzug des Feindes nicht in voller Ordnung erfolgt war. Bald erkannte man, daß die Italiener eine neue Stellung auf den Bergrücken zwischen Borgo und Torcegno ausgebaut hatten, die offenbar im Norden zum Salubio, im Südwesten zum Armenterra Anschluß hatte; in der Linie Osthang Collo—S. Anna—Roncegno lag ihr eine Postenkette vor.

Cadorna gab sich mit den Berichten der 1. Armee nicht zufrieden. Am 29. April kam er selbst in das Suganatal. Er gewann den Eindruck, daß die gewählte Hauptwiderstandslinie Salubio—Borgo—Armenterra mangelhaft sei, und verfügte nachdrücklich, daß im Falle eines überlegenen feindlichen Angriffes die Hauptverteidigung in die Stellung von Ospedaletto verlegt werden müsse. Doch willigte er ein, daß die von Borgo auch zu erstem Widerstand eingerichtet werde, weil sie aus moralischen Gründen nicht aufgegeben werden könnte.

Der kurz bemessene Stoß der 18. ID., durch welchen der in der Val Sugana lästig gewordene Feind nur abgeschüttelt werden sollte, wurde von den Italienern als das angesehen, was GdK. Dankl vorgeschlagen hatte, als ein Auftakt zur Offensive aus Südtirol. Diese sollte aber noch lange auf sich warten lassen.

i) Ital. Gstb. W., III, Text, 317 ff.

Die Zeit des Wartens Die Ursachen für das Auf schieben des Angriffes

Von dem Augenblicke an, da der Angriffsbeginn wegen des Wetters und der Schneeverhältnisse aufgeschoben worden war, begann für die öst.-ung. Führung eine höchst qualvolle Wartezeit. Der ewig wiederkehrende Kampf, den die Frühlingssonne gegen den widerstrebend zurückweichenden Winter führt, schwankte auch im April 1916 durch lange bange Tage hin und her. Damit zugleich schwankten die Meinungen, ob die Truppe über die verwünschten Schneefelder, deren Dichte und Tragfähigkeit von Tag zu Tag wechselte, vorwärts schreiten werde können.

Unruhig eilten die Blicke von den Schnee- und Wetterberichten hin zu den Meldungen und Nachrichten über den Feind. Gewiß wandten die Italiener schon anfangs April ihre gesteigerte Aufmerksamkeit Südtirol zu. Am 31. März war ein im österreichischen Landsturmdienst auf den Hochflächen tätiger Baumeister italienischer Nationalität zum Feinde übergegangen18). Es bestand kein Zweifel, daß er den Italienern allerlei Mitteilungen machte; denn ihre schwere Artillerie beschoß seither lebhafter und sichtlich zweckvoller den Bereitstellungsraum. Mit Mißbehagen mußte man Tag für Tag sehen, wie der Feind eifrig seine in die Felsen gehauenen Stellungen erweiterte, neue Hindernisse vorlegte und offenbar Verstärkungen erhielt. Die Artillerie ließ ihn freilich nicht in Ruhe, aber an den immer wieder hörbaren Sprengschüssen merkte man, daß er mit der Arbeit dennoch fortfahre.

Mit allen Mitteln wurde versucht, seine Aufmerksamkeit wieder auf die anderen Fronten zu lenken. Vom 10. April an erfolgten neue Demonstrationen und Täuschungsmanöver. So wurde auch das Bataillon 1/27 des III. Korps an die Isonzofront zurückgefahren. Zur Unterbindung des gemeldeten lebhaften Bahnverkehrs in Venetien, der bewies, daß bedeutende feindliche Verschiebungen gegen Südtirol in Gang waren, flogen abermals Bombengeschwader los. Immerhin hatte das Heeresgruppen-kmdo. wie auch das AOK. noch am 21. April den Eindruck, „daß der Feind im allgemeinen auf die Offensive gefaßt, aber über die Richtung noch nicht ganz im Klaren“ sei.

Als Richtlinie galt jetzt, durch die Kraft des Stoßes die verlorengehende Überraschung wettzumachen. Teile der Artillerie der 3. Armee wurden vorgezogen, und der schon einmal aufgetauchte Gedanke gewann Boden, dem Angriff des XX. Korps Artillerieunterstützung durch das III. Korps zu leihen, das infolgedessen später als jenes anzugreifen haben mochte. Das ungünstige Wetter erschwerte auch die Tätigkeit der Flieger. Den Gefahren trotzend, stiegen sie dennoch hoch und brachten zahlreiche Aufnahmen mit, nach denen mit Genauigkeit die feindlichen Verteidigungsstellungen festgestellt und der Artillerie die Ziele bezeichnet werden konnten. Mit ihrer Hilfe wurde auch das Einschießen mancher Batterie bewirkt.

Indessen wurden immer wieder Versuche und Prüfungen vorgenommen, um die Angriffsmöglichkeiten über die Schneefelder zu ergründen. Die Kämpfe in der Val Sugana wie auch an der Dolomitenfront und bei Riva, bei denen es sich stets nur um örtlich begrenzte Ziele handelte und die meist auf den tieferen, der Sonne zugekehrten und daher schon schneefreien Berghängen ausgefochten wurden, gaben keine Vergleichsmöglichkeit ab. Die Versuche auf den Hochflächen zeigten, daß man das einemal über den verharschten Schnee leicht hinwegkam, dann aber wieder bis zur Hüfte einsank, je nach Temperatur und Tageszeit. Am 15. April setzten Nordwinde ein und härteten den Schnee.'Einige Führer glaubten, der Zeitpunkt sei gekommen, andere bestritten dies. Auch bei den Truppen und selbst innerhalb der Kommandos gab es verschiedene Meinungen. Aber ein paar Tage später taute es wieder. Nun mußte man warten, bis die noch immer mächtige weiche Schneedecke abgeschmolzen sein würde. Täglich maß man die Schneehöhe und zeichnete ihre Abnahme an. Das bot einen, wenn auch unsicheren Schlüssel. Das 11. Armeekmdo. meldete nun, es glaube, falls kein neuer Witterungsumschlag eintrete, in den ersten Maitagen mit dem Angriff beginnen zu können. Das Heeresgruppenkmdo. mußte, auch aus eigener Überzeugung, dem neuerlichen Aufschub zustimmen, wiewohl auch ihm die ganze Tragweite der Verzögerung vor Augen stand. Schwer empfand das AOK. den Aufschub; es gab neuerlich zu bedenken: „Beim Entschluß zum Angriffsbeginn muß als sicher festgestellt werden, daß jeder Tag Verzögerung ein Nachteil für uns und ein Vorteil für den bereits gut unterrichteten Feind ist. Die allgemeine Lage fordert gleichfalls einen baldigen Beginn, aber auch eine erfolgreiche Durchführung des Angriffes, da alles auf diese Karte gesetzt ist. Innerhalb dieser Grenzen ist der Angriffsbeginn zu bestimmen, sobald es die Schneeverhältnisse irgend gestatten.“

Tag für Tag wurden von den höheren Kommandos Generalstabsoffiziere ausgesandt, die eingelaufenen Schneeberichte zu überprüfen. Auch GO. Erzherzog Eugen und FML. Krauss überzeugten sich persönlich von der Richtigkeit aller Angaben der Unterführer und meldeten dem AOK. ihre Eindrücke. Dennoch stieg die Ungeduld. Sie trieb zu überflüssigen Anfragen und Rechtfertigungen und führte sogar zu Vertrauenskrisen. Nicht leicht ertrugen auch die im auf blühenden Tale zusammengepfercht stehenden Truppen die Wartezeit. Wohl nützte man gelegentlich die Tage zur Schulung und zu Gelände- und Schießübungen, aber oftmals brach man sie wieder ab, gewärtig der Vormarschbefehle.

Um die Ostertage herrschte Regenwetter. Auf den Bergen fiel frischer Schnee. Eine neuerliche, groß angelegte Angriffsübung in gleicher Höhenlage wie das Gelände vor der 11. Armee brachte am 26. April felgendes Ergebnis: „Nach dem eingetretenen Föhnwetter und Schneesturm trägt die Schneedecke im allgemeinen überhaupt nicht mehr. Die einzige Zeit, zu der ein nicht belasteter Mann noch halbwegs ohne besondere Erschöpfung vorwärts kommt, liegt zwischen drei und sechs Uhr morgens. Zur Zurücklegung einer Strecke von 2000 Schritten waren drei Stunden erforderlich. Die Sprünge konnten nicht größer als 25 und 30 Schritte gemacht werden. Auf Sturmdistanz langten die Leute in allen Fällen sehr ermüdet an . .. nach dem Sturm waren sie ausgepumpt. Ein Handgemenge könnte sehr leicht zu unserem Ungunsten ausfallen . .. Vor einer Verfolgung mußte überhaupt abgesehen werden. Das Nachschieben von Munition in die Schwarmlinie ist nur mit großem Kraftaufwand möglich, das Zurückschaffen von Verwundeten beinahe ausgeschlossen. Tragtiere kommen selbst im festgefrorenen Schnee nicht vorwärts, da sie bei einer Schneehöhe von 50 cm bis zum Bauche einsinken.“ Bei anhaltend günstigem Wetter mochte der Schnee innerhalb von vierzehn Tagen, also etwa gegen Mitte Mai, so weit abgetaut sein, daß er kein ernstes Hindernis mehr bildete.

Wieder stand das 11. Armeekmdo. vor der Entscheidung. Es entschloß sich zu warten. Die drückende Rücksicht auf das dahinschwindende Überraschungsmoment wurde fallen gelassen. Abermals war ein Verräter diesmal ein tschechischer Reserveoffizier, am 24. April übergelaufen. Mochte der Feind sich vorbereiten wie er wollte; das von den Elementen gestellte Hindernis war nicht wegzuräumen, der zu erwartende, stärkere feindliche Widerstand aber konnte durch größere Kraftentfaltung gebrochen werden.

Änderungen der Angriffsordnung

Der bisherige Angriffsplan, der ein gutes Stück auf Überraschung des Feindes und somit auf die Schnelligkeit des ersten Erfolges aufgebaut war, wurde überprüft und abgeändert. Eine neue, im wesentlichen der Zeit nach gestaffelte Angriffsordnung wurde festgesetzt und durch den Armeegeneralstabschef, GM. Pichler, dem Heeresgruppenkmdo. vorgelegt und erläutert. Dieses berichtete hierüber nach Teschen. Es legte die Beweggründe der Änderung dar und fuhr dann fort:

„Von den drei großen Abschnitten des Angriffsraumes — Hochfläche von Vezzena, Hochfläche von Folgaria, Hochfläche des Col Santo mit Vallarsa — hat der Feind im letztgenannten die geringsten Widerstandsvorsorgen getroffen. Um dies auszunützen und entsprechend der nunmehr erhöhten Bedeutung dieser Angriffsrichtung entlang der Straße Rovereto—Thiene verläßlich durchzudringen, beabsichtigt das 11. Armeekmdo. das für diesen Raum bestimmte VIII. Korps noch durch die 48. ID. zu verstärken, so daß für den etwa 12 Kilometer breiten Abschnitt Coni Zugna bis einschließlich Terragnolotal nunmehr 31 Bataillone entfallen. Anschließend und gleichzeitig wird auf der etwa 8 Kilometer breiten Hochfläche von Folgaria, wie bisher beabsichtigt, das XX. Korps mit 34 Bataillonen angreifen, hingegen soll das III. Korps unter Ausnützung seines vorgeschobenen Verhältnisses zuerst mit seiner mächtigen Artillerie durch flankierende Wirkung von Nord her das Vordringen des XX. Korps erleichtern.“ Erst wenn dieses Korps durch Erreichen des Mt. Toraro und des Sp. Tonezza auf gleiche Höhe gelangt war, sollte auch das III. Korps angreifen, und zwar auf der 8 bis 10 Kilometer breiten Hochfläche von Vezzena mit der 28. und der 22. ID., das ist mit 26 Bataillonen. Die 6. ID. (12 Bataillone) gedenke das 11. Armeekmdo. noch zu seiner Verfügung zu behalten. Von der weiteren Entwicklung der Lage würde es dann abhängen, ob die 18. ID. in der Val Sugana bleiben müsse, oder ob sie auf die Hochflächen vorgezogen werden könne. Des weiteren meldete das Heeresgruppenkmdo, daß es diesen Absichten des 11. Armeekmdo. vollkommen beistimme, und fügte hinzu: „Sobald die Korps der

11. Armee den Vormarsch in die Angriffsräume angetreten haben, wird die 3. Armee mit der Tete bis an Trient herangeschoben werden.“

Die auf Grund dieses Berichtes bei der Heeresleitung verfaßte graphische Darstellung ist ihrem wesentlichen Inhalte nach in Beilage 12 wiedergegeben. Das Schwergewicht der 11. Armee erschien gegen ihren rechten Flügel verschoben. Dessenungeachtet bemerkte GO. Conrad: „Mit dem Zuschlag der 48. ID. zum VIII. Korps einverstanden; habe darauf gerechnet, da ich stets auch mit leichterem Vorwärtskommen über Campo grosso rechnete“. Auf Grund dessen verfaßte Obstlt. Schneller die Antwortdepesche: „Das AOK. sieht sich nicht veranlaßt, in die vom 11. Armeekmdo. zur Lösung seiner Aufgabe gewählte Kraftverteilung einzugreifen. Es setzt aber voraus, daß der Angriff des verstärkten VIII. Korps und des XX. Korps gleichzeitig erfolgt, und gibt weiters zu bedenken, daß das Zurückhalten mit dem Angriffe des III. Korps nicht nur das XX.

— ungeachtet der sehr zweckmäßigen flankierenden Artillerieunterstützung — in eine schwierige Lage bringen, sondern auch die Größe des Erfolges beeinträchtigen kann. Das AOK. erblickt sicherste Gewähr dieses Erfolges, auch angesichts des vorbereiteten Feindes, in gleichzeitigem wuchtigen Krafteinsatz mit nächstem Ziel, überall die erste feindliche Hauptstellung zu nehmen.“ Diesem Entwurf fügte GO. Conrad, von der ursprünglichen Idee (S. 173) nicht unerheblich abweichend, noch die Worte bei: „Hauptsächlich würde ein Erfolg der Flügelgruppen, das ist das VIII. Korps und insbesonders das III., den dem XX. Korps gegenüberstehenden Feind in eine schwierige Lage bringen.“

Am 8. Mai begann die Verschiebung der 48. ID. aus der Gegend von Cavalese ins Etschtal. Mit Rücksicht auf die starken feindlichen Truppenansammlungen in der Val Sugana sah sich das Heeresgruppenkmdo. veranlaßt, Teile der 3. Armee vorzuschieben, um sie im Bedarfsfalle als Rückhalt für den Grenzabschnitt 6, der nun bis über die Höhe Val piana ausgedehnt wurde, zur Hand zu haben. So wurde die 2. GbBrig. bis 9. Mai nach Cavalese verlegt, wo sie alle Angaben über die Übergangsverhältnisse in den Fassaner Alpen von der abgehenden 48. ID. zu übernehmen und deren vorgeschobene Abteilungen abzulösen hatte, während die 8. GbBrig. in die Gegend nordwestlich von Pergine rückte, wo sie am

11. eintreffen und sich im Grenzabschnitt zur etwaigen späteren Ablösung der 18. ID. umsehen sollte. Beide Brigaden wurden dem XVII. Korpskmdo. unterstellt. Dieses trat am 10. Mai samt der 18. ID. und der ehemaligen Grenzabschnittsbesatzung (181. IBrig.) in den Verband der

3. Armee. Damit tat das Heeresgruppenkmdo. noch vor Beginn der Offensive den ersten Schritt zur Teilung der Angriffsfront und zu der seinerzeit vom AOK. nachdrücklich abgelehnten Nebeneinanderordnung der beiden Armeen.

Inzwischen hatte sich GO. Dankl nach neuerlicher, eingehender Prüfung aller Gegebenheiten entschieden, den 17. Mai als Angriffstag festzusetzen. So unliebsam diese neuerliche Verzögerung auch dem Heeresgruppenkmdo. sein mochte, fand es doch einen gewissen Trost darin, daß sich Anzeichen für eine nahe bevorstehende Offensive des Feindes mehrten. Ein vorangehender italienischer Angriff aber „könnte geradezu als ein ungeahnter Glücksfall“ bezeichnet werden. Die Heeresleitung war über diesen dritten Aufschub äußerst ungehalten. Sie nahm die Meldung mit Mißtrauen auf und verlangte Auskunft, ob das Heeresgruppenkmdo. „noch die feste Zuversicht“ habe, seine Aufgabe „ungeachtet der feindlichen Gegenmaßnahmen mit den zugewiesenen Kräften und Führern erfolgreich zu lösen“; das AOK. erwartete hiebei „offene Aussprache, falls die Schwierigkeiten nicht allein in den Schneeverhältnissen .... erblickt werden sollten“. Das Heeresgruppenkmdo. antwortete kurz, die Gründe lägen allein nur in den Schneeverhältnissen, und wiederholte, es sei mit der Absicht des 11. Armeekmdos. einverstanden. Das AOK. gab sich mit dieser Erwiderung nicht zufrieden. Es forderte ausführliche Angaben und kündete an: „Zwingende Gründe können dazu nötigen, den Angriff vor dem vom 11. Armeekmdo. in Aussicht genommenen Zeitpunkt anzuordnen.“ Die 11. Armee habe sich derart bereitzustellen, daß sie vier Tage nach Erhalt des Befehls hiezu losschlagen könne. Zugleich verlangte es Drahtantwort, ob das 11. Armeekmdo. seinen Plan im Sinne der vom AOK. dargelegten Anschauung, daß der gleichzeitige Angriff in der ganzen Front zweckmäßig sei, geändert habe.

Anfang Mai trat der deutsche Militärbevollmächtigte, GM. Cramon, im Aufträge des GdI. Falkenhayn an Conrad mit der Anregung heran, auf die den Feind nicht mehr überraschende, daher wenig aussichtsreiche Offensive ganz zu verzichten und einen Teil der in Südtirol stehenden Heereskörper für die deutsche Westfront zur Verfügung zu stellen. Conrad lehnte mit der Begründung ab, daß die bis ins einzelne vorbereitete Offensive nicht mehr aufgegeben und im besonderen die eingebaute Angriffsartillerie nicht wieder herausgezogen werden könne1).

GO. Dankl setzte nun endgültig den 15. Mai für den Angriffsbeginn fest, blieb aber bei seinem Entschlüsse, den Angriff in Staffeln durchzuführen, wobei er in voller Übereinstimmung mit den Ansichten des Heeresgruppenkmdos. der Meinung des AOK. mit der Begründung entgegentrat, eine mächtige durch Flankenfeuer erhöhte Artillerievorbereitung sei unerläßlich und nur möglich, wenn der Angriff des VIII. und

x) Cramon, Bundesgenosse, 56 f.

des XX. Korps jenem des III. Korps vorangehe. Das XX. Korps habe zunächst nur frontal vorzustoßen. In eine schwierige Lage käme es nur dann wenn der Feind alle seine Reserven gegen dieses Korps heranführe. Dies könne aber sicherlich nicht rasch geschehen. Geschähe es dennoch, dann werde der folgende Angriff des III. Korps um so leichter sein. Widerstrebend gab GO. Conrad schließlich seine Zustimmung. Am

10. Mai erteilte Dankl die endgültigen Angriffsbefehle. Zur selben Zeit wies das AOK. die 5. und die 10. Armee zu neuen Demonstrationen an.

Die Abwehrbereitschaft der Italiener

Als der öst.-ung. Angriff in den ersten Aprilwochen nicht losbrach und die Italiener sahen, daß ihre Vorstöße an der Tiroler Front keine deutliche Gegenwirkung hervorriefen, gewannen diejenigen, die an die Gefahr nicht recht glauben wollten, wieder die Oberhand. Zu diesen gehörte vor allem Gen. Cadorna. Da rüttelte der Schlag in der Val Sugana die Zweifelnden auf.

Am 18. April forderte die italienische Heeresleitung die Generalintendanz auf, die ihr aufgetragenen Maßnahmen, insbesonders den Zuschub an Schießbedarf, zu beschleunigen, denn „die eingelangten Nachrichten und die eben in Gang gekommenen Kämpfe in der Val Sugana lassen große, bedeutende Kriegshandlungen in diesem Tale, auf den Hochflächen und in der Val Lagarina nicht nur möglich, sondern sogar wahrscheinlich werden“1). Die 1. Armee bekam in der Folge die gewünschten modernen schweren Batterien und auch mehrere Feld- und Gebirgs-geschütze. Im übrigen schien die Front auf den Hochflächen hinreichend gewappnet, um jedem Angriffe standhalten zu können. An den starken, mit rastlosem Fleiße vervollkommneten Werken und Stellungen mußte hier jeder Durchbruchsversuch mißlingen.    Man blickte    zurück    auf    die

Unüberwindbarkeit der Befestigungen des    Gegners am    Isonzo;    aber    im

gegebenen Falle wies Cadorna auf den ausdauernden Widerstand der Werke von Verdun hin und ließ in einem Rundschreiben, die bei der Verteidigung dieser Festung von den Franzosen geschöpften Erfahrungen den Unterführern bekanntgeben2). Nicht so gut gesichert erschien der

*) Cadorna, La guerra, I, 197 und 204.

2) Es ist bemerkenswert, daß eine kurze Zeitspanne vorher    das k. u.    k. AOK.

eine Schrift ausgab, in der Erfahrungssätze sowohl aus der Durchbruchsschlacht von Gorlice—Tarnów, als auch jener von Soissons gesammelt waren.

Frontteil im Gebiete des Col Santo; das 1. Armeekmdo. gedachte ihn durch eine Brigade der 9. ID. zu verstärken. Der italienischen Heeresleitung war eine Teilung dieser noch in Reserve bei Thiene—Schio stehender Division nicht genehm. Sie sandte eine frische Brigade. Der weiteren Bitte des GLt. Brusati um Bereitstellung einer neuen Division bei Vicenza willfahrte Cadorna in der Weise, daß er die 27. ID. der am Tagliamento versammelten Hauptreserve anwies, sich zum Abtransport bereitzuhalten. Aus eigenem Antriebe ließ er des weiteren Ende April die 44. ID. aus Albanien heimkehren und in Desenzano am Gardasee ausladen, dann die Heeresreserven schleunigst auf vollem Stand bringen. Schließlich wies er anfangs Mai der 1. Armee abermals einige Batterien und alle verfügbaren Maschinengewehrabteilungen zu. Dank der angeführten Maßnahmen verfügte nach Angaben des Gen. Cadorna1) die 1. Armee am 15. Mai an der Front zwischen dem Gardasee und der Brenta, die Val Sugana inbegriffen, über 176 Bataillone, wovon 45 der Miliz und 7 der Finanzwache angehörten. Überdies standen 18 Bataillone der 44. ID. und der Brigade Sicilia bei Desenzano und Brescia bereit. Weiters hatte die Heeresleitung sechs Divisionen (X. und XIV. Korps sowie die 27. und die 32. ID.) mit zusammen 72 Bataillonen am Tagliamento zur Verfügung, die im Bedarfsfalle jederzeit rasch an die Tiroler Front geworfen werden konnten. An Artillerie standen im genannten Abschnitt der 1. Armee 503 leichte und 348 schwere und schwerste Geschütze.

Trotz alledem, sagt Cadorna, „ist es vollkommen wahr, daß ich bis zum Beginn der Schlacht einen Durchbruchsangriff großen Stiles mit dem weiten strategischen Ziele, das am Isonzo und im Cadore stehende Hauptheer abzuschneiden, nicht für wahrscheinlich gehalten habe“2). Es scheint, daß dieser andauernde Zweifel zum Mißverständnis zwischen dem Chef des Generalstabes und dem Kommandanten der 1. Armee geführt hat. Schroff verschiedene Meinungen waren schon Mitte April nach dem Rückschläge in der Val Sugana zu Tage getreten (S. 223). Am 8. Mai übernahm GLt. conte Pecori-Giraldi das Kommando der 1. Armee. Zu dieser Zeit wurde auf dem rechten Flügel des V. Korps die etwa 24 Ba!) Cadorna, La guerra, I, 200. Diese Angaben stimmen im großen und ganzen mit der vom k. u. k. AOK. im Mai 1916 gemachten Aufstellung überein. Doch sei bemerkt, daß in den Ausführungen des zitierten Werkes das Bestreben des Marschalls zu erkennen ist, dem Vorwurfe entgegenzutreten, er habe die 1. Armee zu spät und nicht hinreichend unterstützt. Dadurch erscheint die Darstellung getrübt, wenn nicht sogar verzerrt.

2) C a d o r n a, La guerra, I, 204.

taillone starke 15. ID., die zu Ostern überdies eine Brigade dazu bekommen hatte, als XVIII. Korps dem 1. Armeekmdo. unmittelbar unterstellt. Auch der linke Flügel des V. Korps, die 37. ID., wurde losgelöst und dem Armeekmdo. direkt untergeordnet.

Die Ostfront und der Balkan bis Mitte Mai 1916

Kräfteabgaben der dem k. u. k. AOK. unterstehenden Ostfront und Stellungsbau

Hiezu Beilagen 1 und 4

Nach dem Verklingen der Winterkämpfe in der Bukowina und in Ostgalizien herrschte an der Ostfront südlich vom Pripiatj monatelang verhältnismäßige Ruhe. Die Ursache dieser Kampfpause war zunächst die von den Russen nach der langwierigen und opferreichen Neujahrsschlacht gewonnene Erkenntnis, daß einer Fortsetzung ihrer Bemühungen kein Erfolg mehr winke. Zum anderen kam der öst.-ung. Heeresleitung die Einstellung der russischen Anstürme außerordentlich gelegen, weil sie nun ihre ganze Aufmerksamkeit auf die ungestörte Vorbereitung der Offensive gegen Italien richten konnte. Da überdies im Nordosten gegen Ende März der Eintritt der Schneeschmelze zu erwarten war, die namentlich in der Ebene größere Heeresbewegungen ausschloß, somit bis in das Frühjahr hinein keine neue russische Offensive zu besorgen war, konnte die Abgabe der beim öst.-ung. Nordheer entbehrlich erscheinenden Kräfte ins Auge gefaßt werden.

Aus der Besprechung mit GdI. Falkenhayn am 3. Februar hatte GO. Conrad die Gewißheit gewonnen, daß auf eine Teilnahme deutscher Truppen an der Offensive gegen Italien nicht zu rechnen war. Er nahm daher in Aussicht, der öst.-ung. Ostfront vier bewährte Divisionen und auch einzelne Truppenkörper, überdies schwere Batterien zu entziehen, welche Schwächung er aber zum Teil durch die in Siebenbürgen stehende 70. HID. und allenfalls durch Teile der Balkanstreitkräfte wettmachen wollte. Auch konnte in Rechnung gestellt werden, daß der Ostfront monatlich ungefähr 100.000 Mann an Ersätzen zuflossen, woraus sich bei der zu erhoffenden geringen Kampftätigkeit ein Überschuß über die sonst regelmäßigen Abgänge erhoffen ließ; allerdings mußte bedacht werden, daß auch der Russe, und zwar in viel reichlicherem Ausmaß seine Verbände aufzufüllen vermochte. Um so wichtiger war es, der Ostfront durch nachdrücklich betriebenen Stellungsbau jenen Grad an Widerstandskraft zu verleihen, dessen sie bedurfte, um allfällige, zugunsten der Italiener unternommene Entlastungsangriffe verläßlich abwehren zu können.

Bei der schon oben erwähnten Besprechung zwischen Conrad und Falkenhayn war auch vereinbart worden, daß mit Rücksicht auf die Möglichkeit russischer Entlastungsangriffe zugunsten der Franzosen oder der Italiener gegen den Südflügel der öst.-ung. Ostfront die deutschen Truppen der Armee Bothmer in Ostgalizien zu verbleiben hätten. Dagegen wurde unter Hinweis auf die Unmöglichkeit, bei dem bevorstehenden Tauwetter in den vielfach versumpften Gebieten Wolhyniens größere Operationen zu unternehmen, die Entbehrlichkeit des vom GdI. v. Gerok befehligten XXIV. RKorps (deutsche l.u.22. ID.) in Erwägung gezogen.

Bereits am 6. Februar, eine Woche vor Verlegung der DOHL. von Pleß nach Meziěres, bat Falkenhayn um Rückgabe des Korps Gerok. Da wegen der in Ostgalizien und in der Bukowina noch bestehenden Spannung keine Truppen der Ostfront für die Ablösung verfügbar waren, wurde am 7. die eben aus Serbien an der Save angelangte k.u.k. 53. ID. (17. GbBrig. und 23. LstGbBrig.) über Kowel zur Heeresgruppe Linsingen geführt. Die Truppen dieser Division mußten die in der Ebene nicht benötigte Gebirgsausrüstung auf dem Balkan zurücklassen; die beiden Brigaden hatten daher in Hinkunft die Bezeichnung 128. und k.u. 127. LstlBrig. anzunehmen. Am 3. März begann der Abtransport der deutschen 1. ID. an die Westfront, dem Mitte des Monats auf neuerliches Ansuchen Falkenhayns auch jener der 22. ID. und des General-kmdos. des XXIV. RKorps folgte. Das k. u. k. Korps GdI. Fath und das Kavalleriekorps des GdK. Freih. v. Hauer traten nunmehr unter den unmittelbaren Befehl des Heeresgruppenkmdos. Linsingen.

In diesen Tagen wurde zwischen den beiden Heeresleitungen auch die Verwendung türkischer Truppen an den mitteleuropäischen Fronten erörtert. Der Vizegeneralissimus Enver Pascha hatte der DOHL. vier Divisionen angeboten, denen später noch zwei weitere folgen sollten. GO. Conrad, am 14. März von Falkenhayn um seine Meinung befragt, hielt die türkischen Kräfte für den Fall eines Beitrittes Rumäniens zur Entente für eine sehr begrüßenswerte Verstärkung der Bulgaren. Hiezu sollten die Türken in Thrazien verbleiben. Conrad konnte um so eher bei seinem die Verwendung der ottomanischen Divisionen in Mitteleuropa ablehnenden Vorschläge bleiben, als wenige Tage später das deutsche Alpenkorps aus Mazedonien auf den französischen Kriegsschauplatz abbefördert wurde Beilage 4), gerade zu einer Zeit, in der die Divisionen Sarrails sich allmählich aus dem verschanzten Lager von Saloniki gegen die jetzt geschwächte bulgarisch-deutsche Balkanfront heranzuschieben begannen1). Alsbald stellte sich überdies heraus, daß nur eine türkische Division verfügbar und auch diese höchst mangelhaft ausgerüstet war.

Ende Februar begann das Abgehen der von der öst.-ung. Ostfront für die Offensive gegen Italien bestimmten Heereskörper und höheren Kommandos (S. 184). Den Anfang machte die 21. LstGbBrig., die von der 7. Armee zunächst an die Isonzofront rollte. Am 1. Marz folgte die 3. ID., die östlich von Łuck durch die in Reserve stehende 2. ID. abgelöst wurde. Knapp südlich davon wurde in der letzten Märzwoche die 10. ID. durch die 70. HID. ersetzt, die in der zweiten Hälfte Februar aus Siebenbürgen über Brody in den Bereich der 4. Armee geleitet worden war. Die 10. ID., die Ende Marz unter Zurücklassung der 19. IBrig. abrollte, wurde in Südtirol durch die von der 2. Armee abgehende 21. IBrig. der 11. ID. auf eine volle Division ergänzt. Von der 2. Armee ging weiters vom 16. März an die 34. ID. auf dem Umwege über das Küstenland, und von der Südarmee vom 22. an die 43. SchD. geradewegs nach Südtirol ab. Beide Divisionen waren bei ihren Armeen in Reserve gestanden und wurden nicht ersetzt. Schließlich wurden noch das XVII. und das I. Korpskmdo., sowie von verschiedenen Divisionen 12 Bataillone und 15 Batterien an die Südwestfront abbefördert.

Am 8. April ersuchte die DOHL. doch um die Absendung der bei der Südarmee in der Front verbliebenen 3. GID. und des Generalkmdos. des Korps Marschall. Die erstgenannte wurde durch die in Reserve stehende k.u.k. 32. ID. abgelöst. Als Ersatz wurden der Südarmee die 38. HID. der 7. Armee, weiters das IX. Korpskmdo. der 4. Armee zugewiesen. Die

4. Armee erhielt hiefür das Kommando des Korps Szurmay, das samt der 7. ID. von der 1. zur 4. Armee übertrat und hier noch die 70. HID. in seinen Verband eingliederte. Zur 1. Armee, die dann nur mehr aus der 25. ID. und der 46. SchD. bestanden hätte, trat noch das XVIII. Korps der 2. Armee.

Im ganzen wurden dem der öst.-ung. Heeresleitung unterstehenden Kampfraum zwischen Pripiatj und Czernowitz von Anfang Februar bis Anfang April zwei Landsturmdivisionen zugeführt und viereinhalb Divisionen, zwölf einzelne Infanteriebataillone und fünfzehn Batterien (S. 233) zugunsten der Südwestfront entzogen. Außerdem rollten im März und

a) N é d e f f. Les opérations en Macédoine. L’epopee de Doiran 1915—1918 (Sofia 1927), 43 f.

im April drei deutsche Divisionen, für die kein Ersatz kam, an die Westfront. Die Schwächung betrug demnach insgesamt — die einzelnen Truppenkörper als eine Division gerechnet — sechseinhalb Infanteriedivisionen. Der Kampfstand hatte sich jedoch wegen des die Abgänge übersteigenden Zuschusses an Marschformationen und der fortschreitenden Artillerieausgestaltung sogar stetig vermehrt; er war am 1. Juni um

60.000 Feuergewehre und 255 Geschütze höher als am 1. Februar, an dem er mit 560.000 Gewehren und 2604 Geschützen ausgewiesen wurde.

Nach Ablauf der großen Transportbewegung standen hinter der 38 Infanterie-1) und 12yo Kavalleriedivisionen starken öst.-ung. Ostfront an Heeres- und größeren Armeereserven zur Verfügung: bei der 7. Armee südlich vom Dniester die 30. ID., die 3. KD. und je eine Brigade der 5. und der 36. ID., nördlich des Flusses die 2. KD.; bei der Südarmee die 38. HID.; bei der 2. Armee die Masse der 29. ID. (Reserve des IV. Korps) und die zum Teil mit Anbauarbeiten beschäftigte 4. KD.; bei der 1. Armee nur je ein Regiment der 46. SchD. und der 25.ID.; bei der 4. Armee hinter dem Südflügel die 11. ID., hinter dem Nordflügel die 13. SchD. und weit hinten bei Cholm und Hrubieszów die 10. KD. im Anbaudienst2); schließlich hinter der Mitte der Heeresgruppe Linsingen die Masse der 45. SchD. und eine Polenbrigade.

Der öst.-ung. Ostfront standen nach den sehr zutreffenden Evidenzen unseres Nachrichtendienstes 36 bis 39 Infanterie- und etwa 15 Kavalleriedivisionen, dazu 3 Reichswehrbrigaden der Russen gegenüber. Die vom Pripiatj bis zum Rigaischen Meerbusen sich erstreckende deutsche Ostfront hielt mit ihren 48 Infanterie-3) und IO1/2 Kavalleriedivisionen 85 bis 88 russische Infanterie- und 25 bis 26 Kavalleriedivisionen, überdies etwa 12 Reichswehrbrigaden in Schach. Über den Aufenthalt von ungefähr 14 Infanteriedivisionen, darunter der Garde, von 4 Schützenbrigaden und etlichen Grenzwach- und Reichswehrformationen, die sich zum Teil im Inneren Rußlands befunden haben mochten, herrschte Unklarheit. Tatsächlich zählte die russische Ostfront im Mai 1916, ohne sieben in Aufstellung begriffene Infanteriedivisionen, 130 Infanteriedivisionen mit 1969 Bataillonen, rund 36 Kavalleriedivisionen mit 1283 Schwadronen (einschließlich der Korpskavallerie), 7449 Geschütze und 7129 Maschinengewehre. Der Kampfstand belief sich auf 1,800.000 Gewehre und 142.000

x) Darunter nur noch eine deutsche Infanteriedivision.

2)    Die Artillerie, die Fuß- und Maschinengewehrabteilungen der 10. KD. standen in Łuck.

3)    Darunter 2 öst.-ung. Infanteriedivisionen.

Säbel; an Reichswehrtruppen, Festungsbesatzungen und Ersätzen waren insgesamt 3,145.000 Mann vorhanden1) (Vergleiche hiemit Bd. I, S. 173).

Abgesehen von den geschilderten Kräfteverschiebungen waren all die Wochen und Monate von rastloser Arbeit am Ausbau der Stellungen erfüllt (S. 123). Man begann auch den hinteren Stellungen, sowie Befestigungsanlagen, die an wichtigen Geländeabschnitten lagen (Brückenköpfe), größeres Augenmerk zuzuwenden. Diese hinteren Stellungen stammten zum Teil aus früheren Kampfepochen und wurden instandgehalten, teilweise wurden sie auch, durch eigene Baugruppen unter Heranziehung von Zivilarbeitern und Kriegsgefangenen neu hergestellt. An der dritten und der zweiten Stellung arbeiteten meist die Reserven und militärische Arbeiterabteilungen, der Ausbau der vordersten Verteidigungsanlagen war Aufgabe der Stellungsbesatzungen. Wie gewöhnlich reichten die Baukräfte für diese gigantischen Projekte nicht aus. Daher blieb den Reserven für die wirkliche Erholung und — was am wichtigsten gewesen wäre — für die taktische Schulung, namentlich im Gegenangriff, viel zu wenig Zeit (S. 127). Dies sollte sich später noch als sehr folgenschwererweisen.

Pläne und Beschlüsse der West machte und der Stawka i m e r s t e n J a hr e s vi e r t e 1 1916

Trotz des für die russische Südwestfront sehr unbefriedigenden Ausganges der Neujahrsschlacht nahm das Pläneschmieden im Hauptquartier des Zaren zu Mohilew seinen Fortgang. Nachdem der von Alexejew schon im Oktober gefaßte Plan, durch doppelseitigen Angriff vom Balkan und von Ostgalizien her die Donaumonarchie niederzuwerfen, in der zweiten Konferenz zu Chantilly (6. bis 8. Dezember 1915) keinen Anklang gefunden hatte (Bd. III, S. 582f.), entschloß sich der russische Generalstabschef, nunmehr die Entscheidung im Raume nördlich des Polesie zu suchen, wo auch die Masse des Zarenheeres stand. Die Erwägung, daß die Deutschen sich für das Jahr 1916 das Ziel setzen konnten, die im Vorjahr eingeleitete Niederlage der russischen Streitkräfte zu vollenden, ließ es Alexejew wünschenswert erscheinen, dem etwaigen deutschen Angriff zuvorzukommen. Der russische Ansturm sollte daher einsetzen, solange der Winter*) Klembowski, Beilagen 1 und 2; Zajontschkowski, Strategische Studie über den Weltkrieg 1914—1918, VI. Teil (in russ. Sprache, Moskau 1923), 15 f.; P a r s k i j, Archivmaterial: Stärke, Bewaffnung und Munitionsverbrauch der Verbündeten 1916 (in Wojenno Istoritscheskij Sbornik [Moskau 1919], II. Teil).

frost die Straßen und Wege benützbar, sowie das Gelände für Truppen betretbar machte.

Mit diesem Entschlüsse eilte Alexejew den Plänen der militärischen Führer der beiden Westmächte voraus. Denn diese, die Generale Joffre und Haig, hatten sich am 14. Februar 1916 geeinigt, die Franzosen und die Engländer, falls früher kein deutscher Angriff erfolgen und der Entente die Initiattive überlassen bleiben sollte, am 1. Juli beiderseits der Somme angreifen zu lassen1). Die Offensive der Russen sollte um zwei Wochen vorangehen. Diese Fristen wurden deshalb so spät angesetzt, weil man in Chantilly annahm, daß die Russen bei der Rückständigkeit ihrer Rüstungen nicht früher zu einer großen Offensive befähigt sein würden.

Doch unbekümmert um diesen Konferenzbeschluß schritt Alexejew an die Vorbereitung seiner Winteroffensive. Der am 21. Februar einsetzende Angriff der Deutschen gegen Verdun mochte ihn in seinem Vorhaben noch bestärkt haben. Er berief daher für den 27. Februar die Kommandanten der drei Fronten, ihre Stabschefs und den dem Staatsrat angehörenden Gen. Plehwe nach Mohilew zu einer Besprechung2). In dieser ging er von dem zur Zeit bestehenden Stärkeverhältnis aus. Zwischen dem Pripiatj und Riga wurden gegenüber den 900.000 russischen Gewehren 495.000 deutsche angenommen, was einer Überlegenheit von

400.000    Streitern gleichzuhalten war3). Südlich der großen Sumpfzone hielten sich nach russischer Berechnung die russischen und die öst.-ung. Streitkräfte mit ungefähr je einer halben Million Gewehren die Waage. Da auf die so dringend nötige Auffüllung des Kriegsgerätes wegen der den Zuschub hemmenden Vereisung der Nordhäfen in kurzer Frist nicht zu rechnen war4), ging Alexejews Plan nun dahin, die Überlegenheit von

400.000    Mann auszunützen und mit den inneren Flügeln der Nord- und der Westfront aus dem Raume zwischen Naroczsee und Widsy über Swenzjany gegen Wilkomir durchzubrechen. War diesem Unternehmen Erfolg beschieden, dann sollte sich die Südwestfront über Łuck—Kowel dem Angriff anschließen.

Unterdessen hatte ein reger Meinungsaustausch zwischen Mohilew und Chantilly stattgefunden. Die Generalstäbe der Westmächte hielten Angriffe der Zentralstaaten gegen Italien oder auf dem Balkan nicht für ausschlaggebend; eher besorgten sie eine neue Offensive gegen Rußland,

1)    Kuhl, Weltkrieg, I, 384.

2)    Zajontschkowski, VI. Teil, 10.

3)    Klembowski, V. Teil, Beilage 5.

4)    Oehmichen, Essai sur la doctrine de guerre des coalitions (Paris 1927).

namentlich dann, wenn sich Rumänien und Schweden auf die Seite des Vierbundes schlugen. Daher waren Joffre und Alexejew darin einig, daß die Mittelmächte von allen Ententeheeren gemeinsam angefallen werden sollten; fraglich blieb in diesen Erörterungen nur, wann dies zu erfolgen habe. Joffre wünschte, es möge die Ausrüstung des Russenheeres mit Kriegsgerät berücksichtigt werden, was aber wegen des langwierigen Zuschubweges über Archangelsk bis Anfang Juli dauern konnte. So lange wollte Alexejew keinesfalls warten, weil er stets besorgte, daß Deutschland bis dahin mit einem Angriff zuvorkommen könnte1). Er blieb daher dabei, noch vor der Schneeschmelze anzugreifen.

Mittlerweile hatten die durch die Deutschen vor Verdun errungenen Anfangserfolge in Frankreich ernste Besorgnisse ausgelöst. Unter dem Zeichen dieser neugeschaffenen strategischen Lage stand auch die von langer Hand vorbereitete dritte Konferenz zu Chantilly, die am 12. März zusammentrat. Der geänderten Lage Rechnung tragend, hatte der französische Generalstab eine neue Denkschrift ausgearbeitet. Nach eingehender Würdigung aller Fronten wurde der mutmaßliche gegnerische Angriffsplan erörtert. Man war der Ansicht, daß der Angriff auf Verdun, dessen Zweck man sich nicht so recht erklären konnte, nur der Auftakt zu einer noch größeren deutschen Offensive an irgendeinem anderen Abschnitte der französischen Front sein mochte. Frankreich sei aber stark genug, den Angriff durchzustehen. Sobald sich der deutsche Angriff am französischen Widerstand erschöpft haben werde, könne zum allgemeinen Gegenangriff geschritten werden, dem die schon am 1. Mai erreichte Schlagbereitschaft Rußlands besonders zustatten komme. Darnach konnten die Russen eben am 1. Mai, die anderen Verbündeten am 15. Mai mit dem Angriff beginnen. Sollte aber Frankreich dem deutschen Ansturm nicht widerstehen können, so hätten im Sinne der zu Chantilly im Dezember gefaßten Beschlüsse (Bd. III, S. 582) alle Armeen der Entente sofort zum Entlastungsangriff zu schreiten2).

Den französischen Vorschlägen stimmten die Teilnehmer der dritten Konferenz im allgemeinen zu, aber die Festsetzung des Angriffstermins rief eine lebhafte Auseinandersetzung hervor. General Schilinski, der Vertreter Rußlands, trat für einen möglichst frühzeitigen Beginn des Angriffes aller Verbündeten ein. Joffre wußte dem Meinungsstreit die Spitze

x) Walentinow, Die Beziehungen zu unseren Verbündeten in militärischen Fragen in der Zeit des Krieges 1914—1918 (in russischer Sprache, Moskau 1920), I. Teil, 61 ff.

2) Walentinow, Beziehungen, 62; Oehmichen, Essai, 45f.

abzubrechen, indem er eröffnete, daß zwischen ihm und Alexejew zwei Angriffe vereinbart worden seien1), einer im März und ein zweiter im Mai. Nach Klarlegung der Verhältnisse auf dem Balkan einigte sich die Konferenz dann auf folgende Beschlüsse: „Die Verbündeten streben einen allgemeinen Angriff in möglichst naher Zeit an. Den genauen Zeitpunkt hiefür werden die Höchstkommandierenden unter sich vereinbaren. Die serbische Armee muß ehestens nach Soloniki überführt werden. Die alliierten Streitkräfte auf dem Balkan, auch die italienischen, werden die Gegner unter dauernder Bedrohung halten. Die dort zu unternehmenden Operationen werden je nach den Umständen angeordnet werden“2).

Die in Chantilly gefaßten Beschlüsse wurden zwei Wochen später, am 27. und 28. März zu Paris, in einer großen Konferenz der Heerführer und der Staatsmänner der Alliierten bestätigt. „Einheitliches Handeln auf allen Kriegsschauplätzen, Einigkeit in der Führung des Wirtschaftskrieges sowie auf politischem Gebiete“ waren, kurz gesagt, der Sinn der Vereinbarungen 3).

Die K a m p f e r e i g ni s s e an der Ostfront von Anfang Februar bis Mitte Mai 1916

Hiezu Beilage 1 und Skizze 3

Alexejew scheint aber entschlossen gewesen zu sein, der Konferenz keinen ausschlaggebenden Einfluß auf die Kriegführung Rußlands einzuräumen. Denn schon am 13. März, also einen Tag nach der Beratung, befahl er der West- und der Nordfront, am 18. März den schon am 27. Februar zu Mohilew beschlossenen Angriff zu beginnen. Doch just am 15. März, für die russische Berechnung viel zu früh, trat Tauwetter ein. Dessenungeachtet hatte es bei der Durchführung des in allen Einzelheiten vorbereiteten Angriffes, der als Voraussetzung festgefrorenen Boden gehabt hatte, zu verbleiben.

Den Hauptstoß gegen die Mitte und den Nordflügel der deutschen

10. Armee beiderseits des Naroczsees hatte eine unter dem General Ragosa zusammengefaßte, etwa 370 Bataillone starke Angriffsgruppe auszuführen. Zur gleichen Zeit, zu der bei der Westfront des Gen. Ewert Sturm gelaufen wurde, hatte auch GdI. Kuropatkin, der Führer der Nordfront, von Jakobstadt gegen Poniewiez kräftig vorzustoßen und von der unteren Düna gegen Bausk Ablenkungsangriffe auszuführen.

*) Walentinow, Beziehungen, 70. — 2) Ebenda, 71.

3) Ital. Gstb. W., III., Text, 261.

Der Hauptangriff, der nur auf vier Infanteriedivisionen und eine Kavalleriedivision traf, scheiterte an der Standhaftigkeit der deutschen Truppen, obwohl Gen. Ragosa seine Regimenter bis zum 28. März unentwegt bei Tag und oft auch bei Nacht vorgetrieben hatte. Die Anstürme erstickten in einem Meer von Blut und Schlamm. Etwa 100.000 Mann dürfte den Russen die „Sumpfschlacht am Naroczsee“ gekostet haben. Nicht besser schnitt die Nordfront unter Kuropatkin ab, die vom 19. bis zum 27. zwischen Friedrichstadt und Jakobstadt, dann bei Dünaburg vergeblich anstürmte. Desgleichen war einem schon am 4. bei Riga ausgeführten russischen Überfall nur vorübergehender Raumgewinn beschert gewesen1).

So endete die zugunsten der Franzosen unternommene russische Entlastungsoffensive mit einem vollen Mißerfolge; doch dies hinderte Alexejew nicht, sich schon kurze Zeit nachher wieder mit Angriffsplänen großen Stils zu beschäftigen. Da die Schlacht am Naroczsee, abgesehen von der Ungunst des Wetters, an der unzweckmäßigen Angriffsmethode gescheitert war, wurde den russischen Truppen das Angriffsverfahren des französischen Generals Nivelle zur Nachahmung empfohlen. Dagegen bestärkten die von den Deutschen am Naroczsee errungenen Abwehrerfolge die Heeresleitungen der Mittelmächte, das starre Verteidigungsverfahren, das sich auch    in der Neujahrsschlacht    bewährt    hatte, beizubehalten. Es wird noch    Gelegenheit sein,    sowohl auf diese,    am Kampf

um die vorderste Linie festhaltende Abwehrtaktik als auch auf das den Franzosen nachgeahmte Annäherungsverfahren näher einzugehen.

Südlich vom Pripiatj war die Ostfront in der Zeit vom Verklingen der Neujahrsschlacht bis tief in den Frühling hinein der Schauplatz von Gefechten bloß untergeordneter Bedeutung. Meist spielten sie sich in Räumen ab, in denen von früheren Kämpfen her noch eine Spannung verblieben war.

Bei der k. u. k. 7. Armee war es ihr südlichster Eckpfeiler, die Höhe Dołżok (5 km nördlich    von Bojan), den    ihr die    Russen    namentlich

Mitte Februar und Mitte    März streitig zu    machen    versuchten. Weiter

nördlich davon bildeten die waldige Grenzhöhe Obczyna (2 km östlich von Dobronoutz) und die Dniesterschlinge bei Szamuszyn die Schauplätze hitziger Vorfeldgefechte. Da bei allen drei genannten Orten die Stellungen der beiden Gegner sehr nahe voneinander verliefen, kam es vielfach auch zu für uns erfolgreichen Minenkämpfen, wodurch allerdings technische Truppen dem Stellungsbau entzogen wurden.

1) Schwarte, Der deutsche Landkrieg, II, 430 f.; Kuhl, Weltkrieg, 1, 425 f.

Besonders rühmlich — obgleich am Schlüsse die Russen erfolgreich blieben — ragt unter all den örtlichen Kämpfen, die die öst.-ung. Truppen in dieser Zeit im Osten zu bestehen hatten, die Verteidigung der auf dem nördlichen Dniesterufer gelegenen Brückenschanze bei Uscieczko hervor. Sie wurde von abgesessenen Reitern der 6. KD. verteidigt. Schon anfangs Februar, dann von Anfang März an fast täglich bemühten sich Teile des aus transamurischen Grenzwachtruppen gebildeten russischen XXXIII. Korps, den kleinen Brückenkopf zu erstürmen, der eigentlich nur mehr ehrenhalber gehalten wurde. Die wackeren Verteidiger machten dem Feinde jeden Fußbreit Bodens streitig. Erst als die Verteidigungsanlagen durch eine Minensprengung und durch überwältigende Artilleriewirkung in einen Schutthaufen verwandelt worden waren, räumte die dezimierte Besatzung am 19. März den unhaltbaren Posten. Von den tapferen Verteidigern — dem zu Fuß formierten DR. 11, dann je einer Kompagnie der SB. 8 und 12 und einer Landsturmbatterie — wurde ein Teil auf das Südufer überschifft; die Masse unter dem Kommandanten des DR. 11, Obst. Plankh, schlug sich auf dem Nordufer zur 21. SchD. nach Zaleszczyki durch19).

Bei der Südarmee wurde im Februar und im März um die auf dem östlichen Strypaufer bei Burkanów und Sokołów gelegenen Stellungsteile, dann bei Kozłów und namentlich bei Cebrów (an der Bahn halben Weges zwischen Tarnopol und Zborów), wo auch der Minenkrieg in seine Rechte trat, gekämpft, ohne daß es an irgendeiner Stelle zu nennenswerten Veränderungen gekommen wäre.

Die 2. Armee, namentlich aber die 1., deren Front durch den versumpften Talgrund der Ikwa geschützt war, erfreuten sich fast völliger Ruhe und konnten sich ungestört dem Stellungsbau widmen. Nur bei Sapanow (nordwestlich von Kremieniec), wo eine Dammstraße über das versumpfte Anland der Ikwa führt, und die Russen auf dem Westufer in einer kleinen Brückenschanze festsaßen, gab es häufig Plänkeleien, die schließlich in Minenkämpfe übergingen.

Lebhafter ging es bei der 4. Armee zu, namentlich vor Olyka und bei Karpilowka. Die vor Olyka bestehende Spannung veranlaßte Ende März das k. u. k. AOK., die bei der 1. Armee als Reserve entbehrlich erscheinende 11. ID. (12. IBrig. und Divisionsartillerie) zur 4. Armee in den Raum südöstlich von Łuck zu verschieben.

In den letzten Märztagen wurde der Oberbefehlshaber der russischen Südwestfront, GdK. Iwanow, seines Amtes enthoben, weil er — wie man in Teschen durch Kundschafter erfahren hatte — sich geweigert haben soll, zur selben Zeit wie Ewert und Kuropatkin mit seiner nur mehr 37 Infanteriedivisionen starken Heeresmacht in den Richtungen auf Lemberg und Czernowitz anzugreifen. In der russischen Kriegsliteratur findet sich hierüber kein Hinweis. Iwanows Verabschiedung erfolgte übrigens mit allen Ehren: er wurde Mitglied des Staatsrates und der Person des Zaren zugeteilt. Sein Nachfolger wurde GdK. Brussilow1), der bei Freund und Feind wegen der tatkräftigen Führung der 8. Armee rühmlich bekannt war. Zum neuen Führer dieser Armee wurde Gen. Kaledin bestellt.

Zu gleicher Zeit liefen in Teschen Nachrichten über eine bevorstehende Offensive der Russen in Kurland ein, die von einem verstärkten Druck auf Czernowitz und gegen Lemberg begleitet sein werde. Das AOK. erhielt aber auch Berichte über starke Truppensendungen nach dem Kaukasus, wo die Russen seit dem 14. Jänner gegen die türkische Ostfront eine Offensive führten, der am 15. Februar die Festung Erzerum und Mitte April Trapezunt zum Opfer fielen2). Des weiteren erfuhr die k. u. k. Heeresleitung von der allmählichen Aufstellung einer neuen 13. und einer

14. Armee im Raume Kiew—Tula—Kasan, ohne daß Anhaltspunkte über ihre geplante Verwendung Vorlagen. Es schwirrten somit damals verschiedene bedrohliche Gerüchte durch die Luft, aus denen die nächsten Absichten der Russen noch nicht erkannt werden konnten. Dazu lebte jetzt auch die Gefechtstätigkeit an der Ostfront auf, was zum Teil der energischen Kommandoführung Brussilows zugeschrieben wurde, wohl aber auch mit den durch das Frühlingswetter gebesserten Geländeverhältnissen zusammenhing.

Einen kräftigen Ausdruck fand die gesteigerte Angriffslust der Russen am 13. April bei Beremiany (knapp nördlich vom Dniester), wo starke Kräfte eine nur von einer Kompagnie besetzte Vorfeldstellung der k. u. k. 15. ID. eroberten. Ein noch während der Nacht angesetzter Gegenangriff drang nicht durch. Da sich angesichts der Stärke des Feindes größere Kämpfe zu entwickeln drohten, setzte das AOK. am 16. April die bei der Heeresgruppe Linsingen als Reserve entbehrlich erscheinende

1 j Mémoires du General Broussilov, Guerre 1914—1918 (Paris 1929), 177.

~j Liman v. Sanders, Fünf Jahre Türkei (Berlin 1919), 158 ff.

13. SchD. auf die Bahn und führte sie nach Monasterzyska hinter den Nordflügel der 7. Armee. Doch GdK. Pflanzer-Baltin verzichtete auf die Rückeroberung der verlorenen, ihm unwichtig erscheinenden Vorposition, die die Russen in ihre Hauptstellung einbezogen hatten. Zu Ostern, die auf den 23. und 24. April fielen, herrschte an der ganzen Ostfront völlige Waffenruhe. Nicht weniger als 650 Überläufer von allen russischen Divisionen fanden sich in unseren Gräben ein, was eine sehr willkommene Möglichkeit bot, die von uns zusammengestellte russische Kriegsgliederung zu überprüfen.

Nun begannen Meldungen über eine im Mai bevorstehende russische Offensive gegen die galizische Front einzulangen. Wohl meldete das

7. Armeekmdo. am 23. April, daß es eine Offensive lediglich mit den bisnun festgestellten Feindkräften nicht für wahrscheinlich halte. Doch die Nachrichten, die vornehmlich über Bukarest einliefen, verdichteten sich. Jetzt begann auch ein planmäßiges Vorarbeiten der Russen mittels paralleler Schützengräben, die nach hinten mit den bisherigen Stellungen durch Laufgräben verbunden waren. Die Versuche unserer Truppen, diese meist während der Nacht durchgeführten Arbeiten zu stören, blieben fruchtlos. Am emsigsten schufen die Russen diese „Wabengräben“ im Nordteil der bessarabischen Front, dann östlich von Łuck, weshalb diese Abschnitte als künftige Angriffsräume des Feindes am ehesten in Betracht kamen.

Als am 12. Mai bekannt wurde, daß das aus den besonders kampftüchtigen Schützendivisionen 2 und 4 zusammengesetzte XXXX. Russenkorps in einem Ausbildungslager bei Rowno vereinigt und neu ausgerüstet werden solle, und daß der Zar dort demnächst diese Truppen besichtigen werde, befragte das AOK. am 13. Mai das 4. und das 7. Armeekmdo. um die Beurteilung der Lage. Es sah sich umsomehr hiezu veranlaßt, als zwei Tage später in Südtirol dieOffensive beginnen sollte. Der Chef des Generalstabes wollte klar sehen, ob und wo russische Entlastungsangriffe zu gewärtigen und ob die von den Befehlsstellen getroffenen Abwehrmaßnahmen ausreichend seien.

Das 4. Armeekmdo. hob in seinem Bericht die auffallende Vermehrung der schweren Artillerie, namentlich zwischen Cuman (12 km nordöstlich von Olyka) und Koryto (15 km südwestlich von Olyka), hervor; es seien auch Geschütze von 18, 28 und 35 cm Kaliber (letzgenannte nur durch Gefangenenaussagen) festgestellt worden. Weiters berichtete es über „das hartnäckige, keine Verluste scheuende Bestreben der Russen, immer neue Gräben auszuheben (westlich Olyka bereits fünf

Parallelen)“, von den vielen Gefangenenaussagen über eine bevorstehende Offensive, auch solchen von Gasangriffsabsichten bei Cuman und über den aneekündieten Zarenbesuch in Rowno. All dies lasse schließen, ,,daß

O    O

gegen die 4. Armee ein Angriff großen Stiles geplant ist. Er steht augenscheinlich nicht unmittelbar bevor, kann aber in der zweiten Hälfte des Monats zur Tat werden. Soweit bis jetzt zu urteilen ist,“ so hieß es in der Meldung weiter, „dürfte der Angriff in der Front Karpilowka— Koryto angesetzt werden. Hauptstoß westlich Olyka und südlich Pełża— Ujezdey, vielleicht mit Demonstration gegen 7. ID. und II. Korps ... Für den Hauptangriff wäre vorläufig mit dem VIII. und XXXX. Korps nebeneinander, Divisionen hintereinander, zu rechnen. Ob noch weitere Kräfte herangezogen werden, steht dahin.“ Es wird sich noch zeigen, in welch zutreffender Weise das 4. Armeekommando die russischen Maßnahmen voraussah.

Das 7. Armeekmdo. war der Ansicht, daß gegen den Nordflügel des XI. Korps zwischen der Waldzone, die sich östlich von Dobronoutz hinzog, und dem Dniester ein Angriff „nicht ausgeschlossen“ sei. Als Anzeichen hiefür hob es außer Gefangenenaussagen gleichfalls das Heranarbeiten mit Sappen, die Vermehrung der Artillerie in diesem Raum um etwa zwölf Batterien und Truppenansammlungen östlich von Dobronoutz hervor. GdK. Pflanzer-Baltin berichtete aber auch, daß er durch Bereitstellen von starken Reserven entsprechende Vorbereitungen zur Abwehr getroffen habe.

Nach diesen Berichten mußte die Heeresleitung in naher Zeit mit einem russischen Angriff gegen den Nordabschnitt der bessarabischen Front und mit einem starken Durchbruchsversuch von Olyka gegen Łuck rechnen. Um gegen die zweite, ihr größer dünkende Gefahr geschützt zu sein, verfügte sie am 14. Mai die Verschiebung der 13. SchD. von Monasterzyska zur 4. Armee, deren Kommando diese Division hinter dem X. Korps, die 11. ID. hinter dem Korps Szurmay aufzustellen plante. Überdies wurde dem Kommandanten der 4. Armee, GO. Erzherzog Joseph Ferdinand, das freie Verfügungsrecht über die im Anbaudienste stehende

10. KD. eingeräumt.

Mitte Mai standen an der technisch stark ausgebauten öst.-ung. Ostfront 573.300 Feuergewehre (die Fußabteilungen der Kavalleriedivisionen mitinbegriffen), 20.000 Reiter (ohne Divisionskavallerie), 2690 Geschütze und 2258 Maschinengewehre. Hievon waren an größeren Reserven ausgeschieden: hinter dem rechten Flügel der 7. Armee vier Infanteriebrigaden, bei der Südarmee die 38. HID., bei der 2. die 29. ID. und die

4. KD., hinter der 1. Armee zwei Infanterieregimenter, bei der 4. die

11. ID., die 13. SchD. und die 10. KD., hinter dem Korps Fath die Masse der 45. SchD. und beim Kavalleriekorps Hauer eine Brigade der polnischen Legion (S. 235). Überdies befanden sich noch 56.000 Mann einreihungsfähiger Ersätze in den Ausbildungslagern der Armeen. Die Stärke der gegenüberstehenden Heeresmacht Brussilows konnte in Teschen auf

640.000 Mann, 58.000 Reiter und rund 2000 Geschütze errechnet werden. Die Kopf stärke der hinter der Front bereitstehenden Ersätze vermochte man zahlenmäßig wohl nicht zu erfassen, doch wußte man, daß sie aus Mangel an Gewehren größtenteils imbewaffnet waren. Jedenfalls durfte die k. u. k. Heeresleitung sich der Auffassung hingeben, daß ihre Ostfront stark genug sei, um einem russischen Ansturm zu widerstehen. Erklärte doch der Stabschef der Heeresgruppe Linsingen, GM. v. Stolzmann, am 27. Mai bei einem Besuche in Teschen über den Angriffsraum bei Łuck, er halte ,,es für ausgeschlossen, daß die Russen reüssieren“. Und was einen Angriff gegen die Bukowina betraf, glaubte man, der oft erprobten Tatkraft Pflanzer-Baltins voll vertrauen zu können.

Die Begebenheiten auf dem Balkan im Frühjahr 1916

Hiezu Beilage 31 des III. und Beilage 3 des IV. Bandes

Auf dem albanischen Kriegsschauplätze hatte sich die Lage des

XIX. Korps auch seit dem Abschlüsse der Kriegshandlungen nicht gebessert, da der geplante Ausbau der Nachschublinie (S. 70) auf kaum überwindbare Schwierigkeiten stieß. So mußte von der Anlage einer Kraftwagenstraße von Kula Lums über Oroši nach Alessio-Miloti abgesehen werden, da selbst der Bau eines einfachen Weges für Fuhrwerke auf der 150 km langen Strecke Ende April erst 6 km weit gediehen war. In solcher Lage konnte an einen Vormarsch über den Škumbi auch weiterhin noch nicht gedacht werden und es mußten daher vorläufig noch jene Weisungen (S. 77) aufrecht bleiben, die sich auf den Ausbau einer Hauptkampfstellung am Arsen und der wichtigsten Übergangsstellen über den Škumbi beschränkten. Erst in der zweiten Aprilhälfte konnte die Masse der 14. GbBrig. nach Elbasan vorgeschoben werden, während ein Bataillon Ljušna besetzte. Nachrichtenabteilungen in Fjeri und Berat vermittelten die Verbindung mit den albanischen Freischaren, denen auch weiterhin die Sicherung an der Vojusa überlassen blieb.

An der Front herrschte Ruhe, da auch das italienische Expeditionskorps nach den letzten Weisungen Cadornas jede Kampfhandlung über die Vojusa hinweg zu vermeiden (S. 79) hatte1). Die Italiener hatten daher nur ein sehr unklares Bild über den Gegner. Lediglich auf Kundschafternachrichten angewiesen, vermuteten sie zunächst sogar einen Angriff2), bis ihnen Ende April endlich klar wurde, daß sie nur einem dünnen Schleier albanischer Banden gegenüberstanden.

Während dieser Kampfpause wurde in den von den k. u. k. Truppen besetzten Gebieten Albaniens die militärische und politische Organisation des Landes in Angriff genommen und am 29. April durch die Verkündigung eines allgemeinen Landfriedens, der ,,Besa“, und der hiezu erforderlichen Waffenabfuhr eingeleitet. Anschließend wurde die männliche Bevölkerung zur freiwilligen Stellung zum Waffendienste aufgefordert, die nur als Übergang zur zwangsweisen Ausbildung aller Wehrfähigen und Schaffung einer allgemeinen Miliz gedacht war. Verwaltung, Rechtsprechung und Finanzdienst sollten im wesentlichen durch einheimische Behörden unter Aufsicht der k. u. k. Kommandos ausgeübt werden, wobei grundsätzlich daran festzuhalten war, daß Albanien nicht als besetztes Feindesland zu betrachten sei. Als Befreier ins Land gekommen, wollte man der Bevölkerung möglichst wenig zur Last fallen. Trotz alledem wurde die Lage wegen drohender Hungersnot in einzelnen Gebieten recht bedenklich und, anstatt vom Lande zu leben, mußten die k. u. k. Truppen den notleidenden Bewohnern noch mit solchen Einfuhrwaren aushelfen, an welchen das Mutterland bereits selbst Mangel litt. Große Schwierigkeiten bereitete auch der Geldverkehr. Es dauerte lange, bis sich bei den an vollwertige Metallwährung gewöhnten Albanern österreichisches Silber- und vor allem Papiergeld durchsetzte. Vielfach konnte der wirtschaftliche Verkehr aber nur im Tauschhandel aufrechterhalten werden.

Mitte Mai war auch die Behauptung der Vojusalinie ernstlich gefährdet, da die albanischen Freischaren, nachdem ihr bisheriger Führer Ghilardi durch Achmed Bei Mati ersetzt worden war, rasch verlotterten. Meuterei und Verrat zwangen zu harten standrechtlichen Urteilen und zur Auflösung einiger Abteilungen. Solcherart mußte sich das

XIX. Korpskmdo. entschließen, allmählich reguläre Truppen bis an die Vojusa vorzuschieben, zumal sich auch der Nachschub mit der fortschreitenden Jahreszeit besserte. Für die Vorrückung war die 14. GbBrig. ausersehen. Sie hatte sich aber im Falle einer Offensive der Italiener auf

vj Cadorna, Altre pagine, 172. - R a v e n n i, 1184.

den Škumbi zurückzuziehen, wo nunmehr unter Heranziehung sämtlicher mobiler Verbände nachhaltiger Widerstand geplant war. Hiezu stand jedoch außer der 63. ID. nur mehr die mittlerweile in Montenegro neugebildete 28. LstGbBrig.1) zur Verfügung, da die 24. LstGbBrig. schon im April auf den südwestlichen Kriegsschauplatz abgegangen war. Doch selbst das Festhalten der Škumbilinie war erst nach dem Ausbau der vom Mati südwärts führenden Verbindungen gewährleistet, weil auf den stets gefährdeten Zuschub zur See nicht mit Sicherheit gerechnet werden durfte.

Zur Zeit war demnach das XIX. Korps noch unbeweglich und daher auch nicht befähigt, die den öst.-ung. Truppen auf dem Westbalkan ursprünglich zugedachte Aufgabe eines Flankenschutzes der gegen Saloniki operierenden Verbündeten offensiv (Bd. III, S. 600) zu lösen. Diese Lage wurde aber nicht nur von der deutschen2), sondern auch von der öst.-ung. Heeresleitung als Mangel empfunden. GO. Conrad wollte einen Feldzug gegen Albanien von Haus aus überhaupt nur dann wagen, wenn mindestens das Gebiet bis zum Mati der Monarchie einverleibt würde; Mittel- und Südalbanien sollte unter Waffenhilfe der Bulgaren und der Griechen gesäubert und jenen dafür das Küstengebiet von Durazzo, den Hellenen das von Valona zugesprochen werden. Diese Lösung bedingte aber eine endgültige Aufteilung des Landes, wogegen der Minister des Äußern Burián nach wie vor für ein selbständiges und ethnographisch scharf abgegrenztes Albanien eintrat und zumindest vor Abschluß des Weltkrieges auf keinen Teil der adriatischen Ostküste verzichten wollte. Obwohl die Heeresleitung nachdrücklich darauf hinwies, daß der Monarchie in ihrem Existenzkämpfe zur Erfüllung eines Nebenzweckes — wie es die Schaffung eines selbständigen Albaniens gewesen wäre — nicht genügend Kräfte zur Verfügung stünden, beharrte der Ballhausplatz auf seinen politischen Forderungen; ein gemeinsames Vorgehen mit Bulgarien gegen Valona sollte einem rein militärischen Übereinkommen zwischen den beiden Heeresleitungen anheimgestellt werden, während man die Griechen an einer von ihnen selbst vorgeschlagenen, zwischen dem Südende des Ochridasees und dem Südzipfel der Bucht von Valona verlaufenden nordepirotischen Grenzlinie vom eigentlichen Albanien und vor allem vom Hafengebiet von Valona fernhalten wollte. Da Burián

*) 28. LstGbBrig.: Kmdt. Obst. Schutte, GrzJKomp. 1 und 4, k. u. LstIBaone. V/2, VIII/17, VIII/19, II1/20, 111/25; i/i imp. Schwd.; 6. KnBt. GAR. 5, 3. KnBt. GAR. 6.

2) Falkenhayn, Die Oberste Heeresleitung 1914—1916 in ihren wichtigsten Entscheidungen (Berlin 1929), 155.

vom arnautischnationalen Besitzstand möglichst viel für ein selbständiges Albanien retten zu müssen glaubte, unterließ es die Donaumonarchie, den interessierten Balkanstaaten Bulgarien und Griechenland politisch verlockende Zugeständnisse zu machen. Diese Einstellung der Wiener Regierung bewirkte zunächst die politische Zurückhaltung Sofias in der Adriafrage und förderte auch noch die militärische Abkehr Bulgariens vom albanischen Kriegsschauplätze.

Die Beziehungen zwischen der öst.-ung. und der bulgarischen Heeresleitung erfuhren aber auch wegen eines leidigen Besitzstreites eine bedenkliche Trübung. Bulgarien forderte die Beckenlandschaften des Kosovopolje und der Metoja für sich. GO. Conrad war jedoch nicht gewillt, den ihm zu weitreichend erscheinenden Wünschen zuzustimmen, und gelegentlich eines anfangs Februar erfolgten Besuches des Zaren Ferdinand in Teschen bestritt der k. u. k. Generalstabschef das Anrecht der Bulgaren auf Prizren und Priština, die beide westlich der im September 1915 festgesetzten Vertragsgrenze (Bd. III, S. 6 und Beilage 1) lagen. Der darob ausgebrochene Zwiespalt konnte nach einigen Wochen durch Vermittlung Falkenhayns dadurch beigelegt werden, daß den Bulgaren vorläufig nur das Recht, Priština und Prizren zu besetzen, zugesprochen wurde, während sie die westlich der beiden Städte gelegenen Gebiete zu räumen hatten. Die anfangs April festgelegte Grenzlinie der beiden Interessengebiete verlief über die Gebirgsstöcke des Jastrebac und des Kopaonik, weiter zwischen Mitrovica und Priština bis an den Drini barz, dann längs der montenegrinischen und albanischen Grenze bis westlich von Dibra und von dort an den Škumbi bis Elbasan.

Bis Mitte April hatten die bulgarischen Truppen die Orte Djakova, Dibra und Elbasan geräumt, und seither klaffte vom Knie der Vojusa bis zum Ochridasee eine fast 100 km breite Lücke, die feindlichen Maßnahmen aller Art Tür und Tor öffnete. Als sich Mitte Mai vor der deutsch-bulgarischen Front die Anzeichen einer bevorstehenden französischen Offensive im Vardartale verdichteten und auch Nachrichten über eine Teilnahme der Italiener an diesem Angriffe einliefen, warf GM. v. Seeckt, der Stabschef der Heeresgruppe GFM. Mackensen, in Teschen die Frage auf, ob im Falle eines italienischen Vorstoßes von Valona gegen Osten, die in Albanien befindlichen k. u. k. Kräfte eine feindliche Operation gegen den Rücken der zwischen Ochridasee und Vardar stehenden bulgarischen 1. Armee stören könnten oder wenigstens die Straße von Elbasan nach Struga sperren würden. Dem französischen Angriffe sollte voraussichtlich durch ein Vorgehen der bei Monastir stehenden bulgari-sehen Kräfte in der Richtung auf Vodena entgegengetreten werden. GO. Conrad antwortete, daß die öst.-ung. Kräfte eine italienische Operation von Valona in geradewegs östlicher Richtung gegenwärtig nicht verwehren könnten; dagegen würde das XIX. Korpskmdo. im Falle eines Vorgehens der Italiener über Berat—Elbasan—Struga angewiesen werden, dem Feinde diese Vorrückungslinie zu unterbinden und im Vereine mit bulgarischen Truppen auch eine feindliche Offensive westlich vom Ochridasee abzuweisen.

In Wirklichkeit lag der italienischen Heeresleitung zur Zeit aber jedweder Gedanke an eine Offensive von Valona aus vollkommen ferne *). Die dortigen Kräfte mußten sich auch weiterhin nur auf das Festhalten des engeren Hafengebietes beschränken, da Cadorna aus Besorgnis vor einer öst.-ung. Offensive aus dem Trentino schon am 29. April die Verlegung der 44. ID. an den Gardasee angeordnet hatte.

Dagegen befaßte sich der französische Oberbefehlshaber, Gen. Joffre, schon seit der dritten Konferenz von Chantilly 2) ernsthaft mit dem Plan einer großangelegten Offensive auf dem Balkan, die durch das — wie man in Ententekreisen annahm — voraussichtliche Eingreifen Rumäniens auf Seite der Entente schon in absehbarer Zeit notwendig werden konnte. Man rechnete hiebei auf italienische und möglicherweise auch auf griechische Waffenhilfe, jedenfalls aber auf die Mitwirkung der Serben.

Die nach Korfu überführten Reste des Serbenheeres waren nämlich in überraschend kurzer Zeit wieder zu einem beachtenswerten Kriegswerkzeug zusammengeschweißt worden. Sechs Infanteriedivisionen und eine Kavalleriedivision von gleicher Ausrüstung wie jene der Westmächte, wurden, in drei kleine Armeen3) gegliedert, zwischen dem 18. April und dem 27. Mai auf die Halbinsel Chalkidike befördert und standen dort dem Führer der Orientarmee, Gen. Sarrail, zur Verfügung. Dieser beabsichtigte nach einem anfangs Mai der französischen Heeresleitung vorgelegten Entwurf 4) mit drei englischen Divisionen gegen den Raum westlich von Doiran zu demonstrieren, während am rechten Flügel drei französische Divisionen unter starkem Flankenschutz (eine französische ID. und die serbische KD.) gegen die Strumica vorstoßen sollten; beiderseits des Vardar hatte eine französische Division anzugreifen und

!) Cadorna, Altre pagine, 181.

2)    Franz. Gstb. W., VIII, 494 ff.

3)    1. Armee: MorD., VarD.; 2. Armee: TimD., ŠumD.; 3. Armee: DonD., DrinD. und die KD.

±) Franz. Gstb. W., VIII, 498.

die Verbindung mit den 110.000 Mann starken serbischen Kräften herzustellen, die mit ihrem linken Flügel das Becken von Bitolj (Monastir) zu nehmen hatten. Die Offensive sollte bis in die Linie Džumaja—Stru-mica—Štip—Veles vorgetragen und mit mindestens 15 Divisionen durchgeführt werden.

Mit dem Eintreffen der Serben bei Saloniki hatten die Ententestreitkräfte, die sich seit anfangs April wieder planmäßig gegen die griechische Nordgrenze vorschoben, mit ihren 15 Infanteriedivisionen und 1 Kavalleriedivision x) gegenüber den 10 Infanteriedivisionen und 1 Kavalleriedivision der Heeresgruppe Mackensen2) die zahlenmäßige Überlegenheit erlangt. Über dem künftigen Verhalten der im Osten und im Westen der Armee Sarrail versammelten Teile des 15 Divisionen starken Griechenheeres stand nach wie vor ein Fragezeichen. Immerhin waren der k. u. k. Heeresleitung Mitte Mai noch keinerlei Anzeichen über eine knapp bevorstehende Offensive der Feinde auf dem Balkan zur Kenntnis gekommen, so daß sie auch, um die Südflanke unbesorgt, an die Durchführung des Angriffes gegen Italien schreiten konnte.

a) Vier französische, fünf englische, sechs serbische Infanteriedivisionen und eine serbische Kavalleriedivision.

2) Neun bulgarische Infanteriedivisionen und eine Kavalleriedivision; eine deutsche Infanteriedivision. Drei bulgarische Infanteriedivisionen und kleinere deutsche Verbände standen an der rumänischen Grenze.

DIE FRÜHJAHRSOFFENSIVE 1916 GEGEN ITALIEN

Die Schlacht bei Folgaria und Lavarone

Hiezu Beilagen 10, 11, 12, 13 und 14 Der Durchbruchsangriff der k. u. k. 11. Armee (15. bis 19. Mai)

Mehr als drei Monate waren dahingegangen, seitdem die k.u.k. Heeresleitung die ersten Weisungen für die Offensive erlassen hatte (S. 173), und fast fünf Wochen waren seit dem 10. April verstrichen, da die Masse der Heeresgruppe Erzherzog Eugen schlagbereit in Südtirol bereitstand1). In der Zeit des Wartens (S. 227 ff.) war unter dem Eindruck, daß der gut unterrichtete Feind sich mit Nachdruck zur Wehr setzen werde, nach und nach eine scheinbar unwesentliche, tatsächlich aber sehr tiefgehende Änderung der Angriffsordnung vorgenommen worden.

Der wuchtige Keil, das Sinnbild des von der Heeresleitung seinerzeit festumschriebenen Angriffsplanes: „mit gut zusammengehaltener Kraft von den Hochflächen von Lavarone und Folgaria auf Thiene und Bassano vorzustoßen“, war abgestumpft. Der letzte, vom Heeresgruppenkmdo. gebilligte Durchführungsbefphl des 11. Armeekmdos., dem schließlich auch GO. Conrad seine Zustimmung gab, rief zunächst nur das XX. und das um ein bedeutendes Stück rechts hinter ihm bereitstehende VIII. Korps zum Angriff auf. Das III. Korps hingegen hatte fürs erste mit seiner starken Artillerie das XX. Korps zu unterstützen, ohne selbst vorzugehen. Im Suganatal sollte das XVII. Korps feindliche Kräfte binden.

Kurz vor Beginn der Schlacht war das VIII. Korps durch die 48. ID. verstärkt worden. Es sollte befähigt werden, nicht nur die Westflanke der 11. Armee zu sichern, sondern auch kraftvoll gegen Schio— Recoaro vorzugehen. Diese Absicht fand allerdings erst einige Tage nach Beginn der Kriegshandlungen in vom 11. Armeekmdo. erlassenen Anordnungen vollen Ausdruck. Auf dem anderen Flügel war hingegen die in den ersten Weisungen der Heeresleitung gewollte Bereitstellung einer starken Reserve von zwei Divisionen um Pergine, die offenbar zur späteren Verstärkung des III. Korps auf den Hochflächen dienen sollten,

x) Ratzenhofer, Militärische Bahnauswertung im 1. Halbjahr 1916 (Mil. wiss. Mitt., Wien, Jhrg. 1933, Heft 4).

nach dem Ausspielen der 18. ID. im Suganatal unterblieben. Nur die S. GbBrig. war im Mai nach Pergine verlegt worden. Sie sollte der IS. ID. als Rückhalt, allenfalls auch zu ihrer Ablösung dienen.

Die stufenweise erfolgte Wandlung des gesamten Angriffsplanes hatte jedoch im kleinen Rahmen, in den Anordnungen des VIII. und des XX. Korps, keine wesentlichen Änderungen mit sich gebracht. Man war sich darüber im Klaren, daß in dem äußerst zerklüfteten Gebirge (S. 180) der Erfolg der ganzen Kriegshandlung vor allem von der Geschicklichkeit und Tüchtigkeit der Führer kleiner, selbsttätiger Einheiten abhängen werde..Zum zweckvollen Zusammenspiel dieser kleinen Gefechtsgruppen mit der mächtigen, aber festgebannten schweren Artillerie war der Angriff in eine Reihe von Einzelakten zerlegt worden, die weit mehr als in der Feldschlacht in der Besitznahme bestimmter, im Gebirge besonders bedeutsamer, ja nicht zu umgehender Pfeiler der feindlichen Stellungen bestehen mußten. So entstand eine nach Tagen und sogar nach Stunden geordnete Einteilung der ganzen Kampfhandlung in Teilangriffe. Mochte auch ein derartiges systematisches Verfahren einige Starrheit in sich schließen, so schien es doch die beste Art, die Tätigkeit der beiden Hauptwaffen gegeneinander abzustimmen und dadurch den im reich gegliederten Gebirge stark befestigten Feind niederzuringen. Insbesonders beim XX. Korps sollte der Durchbruch in planmäßig, nach Zeit geordneten Angriffen gegen die einzelnen Bergspitzen erfolgen, die Bastionen der italienischen Befestigungen waren.

Die scharf abgegrenzte Hochfläche, über die das XX. Korps vorzugehen hatte, zeigte im Abschnitte der 8. ID. zwei in der Angriffsrichtung streichende Höhenzüge. Der eine mit dem Mt.1) Maronia bildete die Westkante der Hochfläche und war schütter bewaldet, der zweite, der über die Pioverna zur Costa d’Agra führte, war kahl. Hier fand die Artillerie ein vortreffliches Schußfeld. Im Angriffsraume der 3. ID. hingegen zogen sich Wälder hin, aus denen eine Reihe hintereinander quer zur Angriffsrichtung liegende Bergrücken mit markanten Kuppen hervorragten. In diesen Raum vermochte die Artillerie des III. Korps von der Flanke her vorteilhaft zu wirken. Nach Erwägung verschiedener Möglichkeiten hatte schließlich das XX. Korpskmdo. ent-

Mt. monte) heißt Berg; C. oder Cm. (cima), Sp. (Spitz), Col bezeichnen Gipfel, Spitzen, Kuppen; C. bei der Signatur Haus bedeutet casa; Cn. (eorno) heißt Horn; Pta. (porta; bezeichnet einen engen Gebirgsübergang („Törl“); Mga. (malga) und Cra. (casara) bezeichnen Sennhütten und Weiler; Baito(-i) bedeutet Almhütte(-n); Trt. (torrento) heißt Wildbach.

schieden, daß der erste Angriff gegen die vor der Mitte des Korps aufragenden Höhen Costa d’Agra und Mt. Coston zu erfolgen habe. Zugleich sollte der linke Flügel den Soglio d’Aspio nehmen. Der rechte Flügel hatte hingegen zu warten.

Bedeutend größere Schwierigkeiten stellte das Gelände der Führung des Angriffes beim VIII. Korps entgegen. Hier mußte die Kampfhandlung von allem Anfang an in mehrere von einander unabhängige Gefechte zerfallen. Die 59. ID. hatte zunächst aus ihrer Stellung steil hinab zu gehen, um den am Nordhang in der Linie Noriglio—Piazza verschanzten Feind zu vertreiben. Dann mußte sie, wo es eben ging, den tief ins Tal eingerissenen Terragnolobach überschreiten und aufwärts steigend, mit ihrem rechten Flügel den Feind auf der Platte von Moscheri angreifen. Ihr linker Flügel aber sollte im Einklang mit dem XX. Korps anfänglich nur langsam vorrücken und sozusagen den Drehpunkt der ganzen Angriffsbewegung des VIII. Korps bilden. In der Folge mußte diese Division, wollte sie den Col santo erobern, einen Höhenunterschied von rund 1800 m kämpfend überwinden. Die 57. ID. hinwieder mußte sich von Rovereto aus den schweren Anstieg zur Zugna Torta erzwingen und in der Folge auf dem schmalen Rücken zur Coni Zugna vorwärtsarbeiten. Die inneren Flügel der beiden Divisionen trennte die Vallarsa. Später wurde die bei Bocaldo mündende Furche als Grenzlinie bestimmt.

Die beiden ersten Schlachttage (15. und 16. Mai)

Hiezu Beilagen 13 und 14

Am 15. Mai begann gegen 6h früh bei gut sichtigem Wetter die Schlacht. Blitz auf Blitz zuckte aus den Rohren. Den ohrenbetäubenden Donner der Geschütze rasch überholend, schossen die Bomben und Granaten heulend dahin — bald knapp hinweg über die eigenen Stellungen, bald hoch in den Lüften — ihren Zielen entgegen. Mit Spannung konnte man verfolgen, wie sich die Geschoßbahnen immer enger um die deutlich erkennbaren Ziele legten. Bald waren alle Geschütze eingeschossen und um 9h setzte das Vernichtungsfeuer ein. Ein Orkan brauste über die Berge. Die Rohre liefen heiß. Zu vielen hunderten peitschten Geschosse die Luft, sausten zischend nieder und barsten mit dröhnend kreischendem Getöse über dem tief beklommenen Feind. Felsen fielen in Trümmer. Feuer und Qualm schossen in die Höhe, dazwischen Stahlstücke, Steinblöcke, zersplitterte Bäume und auch Fetzen zerrissener Menschen.

Ein erschütterndes Schauspiel rollte vor den Augen der angriffsbereit harrenden Infanterie ab. Staunend sahen es die jungen Mannschaften, die erst in den letzten Monaten in die so oft gelichteten Reihen der alterprobten Regimenter getreten waren1). Die kriegsgehärteten Veteranen des XX. Korps mochten sich an den vor einem Jahr erfolgten Durchbruch von Gorlice—Tarnów erinnern, die des VIII. Korps an den Sturm auf Belgrad, und die Männer des III. Korps gedachten der erst kürzlich bei Doberdö erlebten Hölle.

In den 6 km breiten Angriffsabschnitt des XX. Korps feuerten 176 leichte, 54 schwere und 20 schwerste Geschütze des eigenen sowie 73 leichte, 33 schwere und 13 schwerste Geschütze des benachbarten

III. Korps.

Schon um 10h vorm. überschritten Vortrupps die in der Nacht durch Sappeure geöffneten Drahthindernisse. Bleich und verstört, mit erhobenen Händen, kamen ihnen Gruppen von Italienern entgegen, die offenbar den Zeitpunkt verpaßt hatten, um aus den Vorgräben in die Hauptstellung auf der Costa d’Agra und beim Coston zurückzugehen, über die jetzt schwerer Eisenhagel hinfegte. Diese vor der Mitte des XX. Korps gelegenen Höhen waren das Ziel des ersten Angriffstages. Zu Mittag erhoben sich kraftbewußt die Haupttruppen: von der

8. ID. das 3. KJR. und eng angeschlossen von der 3. ID. die Oberösterreicher des IR. 14; weiter links die Salzburger des IR. 59. Gegen 3h nachm. näherte sich die Infanterie der 3. ID. dem Soglio d’Aspiound dem Mt. Coston, das Kaiserjägerregiment der Costa d’Agra. Die Feuerwalze der Artillerie rollte vor ihnen her und zermalmte den Feind. Wenig und meist zu hoch schossen hingegen dessen Batterien. Vergeblich rief der Kommandant der italienischen 35. ID. die Truppen auf, den Mt. Coston um jeden Preis zu halten. Die voreilenden Reserven zersplitterten und wichen zurück. Nur an einzelnen Stellen fanden sich wenige beherzte Abteilungen, die trotz aller schon erduldeten Qual noch den Mut aufbrachten, die Gewehre zu erheben. Auch einige Kavernen-

x) Augenzeugen berichteten, daß an sehr vielen Stellen Leute auf die Brustwehren stiegen und, alle Gefahr mißachtend, mit lebhaften Gebärden dem überwältigenden Eindruck des Geschauten Ausdruck gaben.

batterien feuerten noch. Doch unaufhaltsam gingen die Angreifer weiter. Gegen 5h nachm. erstiegen die Kaiserjäger die völlig zerschlagenen Schanzen auf der Costa d’Agra und überwältigten die noch bis zuletzt ausharrenden Italiener der Brigade Ancona. Als es Abend wurde, erreichte auch das IR. 14 sein Ziel, den Mt. Coston. Fast ein ganzes Bataillon der Brigade Cagliari ergab sich nach kurzer Gegenwehr den stürmenden Oberösterreichern. Bei einem hier gefangenen Obersten wurden die Anordnungen für die Verteidigung der Hochflächen vorgefunden. Es bestätigte sich, daß es die erste Hauptwiderstandslinie der Italiener war, die der vom XX. Korps vorgetriebene Keil durchstoßen hatte. Nur dem linken Flügel der 3. ID. war die Bezwingung des Soglio d’Aspio nicht gelungen. Diese Felsenburg blieb links hinter dem bis nahe an die Osteria Fiorentini vorgedrungenen IR. 59 abgeschnürt stehen. Ein im Asticotal eingesetztes Bataillon des IR. 50 hatte Patrouillen gegen Scal-zeri vorgetrieben, wohin auch Aufklärungsabteilungen des III. Korps gelangten x).

Mit Genugtuung konnte Erzherzog Karl Franz Joseph, der mit seinem Generalstabschef, Obst. Alfred Freih. v. Waldstätten, auf dem Hange des Mt. Cornetto die Vorgänge beobachtete, am Abend feststellen, daß der Erfolg des ersten Schlachttages nur geringe Opfer gefordert hatte. Dies war vor allem der vom Oberst Baumann trefflich geleiteten Artillerie des XX. Korps sowie der überaus kräftigen Beihilfe jener des

III. Korps zu danken.

Am nächsten Tage hatte bei Festhaltung der Costa d’Agra und des Mt. Coston die 3. ID., FML. Edl. v. Horsetzky, sich zum Angriff auf den Coston d’Arsiero und zur Säuberung der Platte Baiti Monari zu gruppieren. Die 8. ID., FML. v. Fabini, sollte hingegen ohne weiteres den vorbereiteten Angriff gegen den Mt. Maronia durchführen und sodann möglichst bis zur Linie Mt. Maggio—Reichsgrenze Vordringen. Diese Aufgabe fiel der 180. IBrig., FML. Edl. v. Verdross, zu, die gleichzeitig durch flankierendes Eingreifen die 59. ID. des VIII. Korps zu unterstützen hatte.

x) Einzelheiten über die spannungsvollen Kämpfe der Infanterieregimenter 14 und 59 schildern in anschaulicher Weise die Regimentsgeschichten dieser Truppenkörper (IR. 14: Ein Buch der Erinnerung an große Zeiten 1914—1918 [Linz 1919], 73 ff. — H o e n, Geschichte des IR. 59, 417 ff.). Der Nachfolgetruppenkörper des IR. 59 im österreichischen Bundesheer, das Alpenjägerbataillon Nr. 3, dann die Brigadeartillerieabteilungen Nr. 4, 5 und 6, die Letztgenannten in Erinnerung an die hervorragende Tätigkeit der Artillerie des III. und des XX. Korps, feiern den 15. Mai als Gedenktag.

Auch beim VIII. Korps entsprach die Einleitung der Schlacht den Erwartungen. Das Hauptgewicht der ersten Angriffshandlung war auf den rechten Korpsflügel knapp südlich von Rovereto gelegt worden. Es war die 6. GbBrig. der vom FML. Heinrich Goiginger befehligten 57. ID., die schon am Vormittag den ersten Vorstoß auf den Nordfuß der Zugna Torta ausführte, im ersten Anprall Bataillone der italienischen 37. ID. aus ihren Vorstellungen warf und, bis zum Abend scharf kämpfend, schließlich das Castello Dante und in der Nacht die Höhe -Ą- 751 nördlich von Albaredo erstürmte. Indessen war das der 48. ID. entnommene Bataillon III/bh. 3, das als Kern einer aus Standschützen gebildeten und vom Obstlt. Lehár geführten Gruppe diente, im Etschtal bis Lizanella vorgedrungen. Die im Bereich des VIII. Korps stehenden Landsturmtruppen der Front jenseits der Etsch verhielten sich befehlsgemäß zuwartend.

Die 59. ID., GM. Kroupa, deren Aufgabe es war, in breiter Front vorzugehen und den Feind von der Bergstufe Noriglio—Piazza zu vertreiben, hatte ihre Ziele nicht vollständig zu erreichen vermocht. Nachdem ein am Morgen beabsichtigter Überfall zur Gewinnung der Brücke

S. Colombano mißglückt war, mußte der Angriff der 18. GbBrig. planmäßig durch die Artillerie vorbereitet werden. Der zähe Feind konnte erst am Nachmittag vom Nordufer des Terragnolo zurückgeschlagen werden. Der 10. GbBrig. leisteten bei Potrich und bei Piazza Alpini und Teile der Brigade Roma noch am 16. Mai hartnäckigen Widerstand. Dennoch zollte der Erzherzog Eugen, der seit frühem Morgen von der Höhe bei Castellano, nahe dem Beobachtungsstandpunkte des Korpskommandanten FZM. Scheuchenstuel, das Gefecht verfolgt hatte, den Truppen und den Führern für ihre opfervollen Leistungen schon jetzt seine vollste Anerkennung.

Mit gleicher Entschlossenheit setzten die Truppen des VIII. Korps am 16. Mai die Angriffe fort. Sie wurden wieder durch die Divisionsartilleriegruppen Obst. Rotter und Obstlt. Gnigler sowie durch die schwere Artilleriegruppe Obstlt. Firbas trefflich unterstützt. Insgesamt verfügte das Korps über 158 leichte, 42 schwere und 16 schwerste Geschütze. Bei der 57. ID. erstürmten die den rechten Flügel der 6. GbBrig. bildenden Bataillone 1/6 und IV/50, an die sich das Bataillon III/bh. 3 anschloß, in den ersten Nachmittagsstunden den äußerst stark unterkellerten Stützpunkt auf der Costa Violina. Die Bataillone III/38 und IV 42 der Mittelgruppe kletterten durch „ein Labyrinth von Felsblöcken, Schluchten und Spalten im intensivsten feindlichen Feuer“ den

Rücken zur Zugna Torta hinauf und kamen, nachdem sie in hartem Kampfe mehrere feindliche Schanzen überwunden hatten, bis nahe an den Gipfel heran. Unterdessen besetzte ein halbes Bataillon IV/81 den Ort Albaredo.

Von der 59. ID. überschritt die 18. GbBrig. den Terragnolobach bei

S. Colombano und bei S. Nicolo. Sie warf den Feind aus mehreren Vorwerken nächst Moscheri und stand am Abend vor Spino und Pozza sowie mit dem FJB. 15 nahe bei Plache. Der 10. GbBrig. setzten die Italiener abermals entschlossenen Widerstand entgegen. Sie wurden dennoch überwunden und behaupteten sich am Abend nur mehr im Südteil von Piazza. Es war ein verlorener Posten, denn zu dieser Zeit hatte der rechte Flügel des XX. Korps bereits weit über den Mt. Maro-nia hinaus Raum gewonnen und Vorkehrungen getroffen, um in den Rücken der Verteidiger von Piazza zu wirken.

Die Wucht des Artilleriemassenfeuers kam beim XX. Korps auch am 16. zur vollen Geltung. Unter seiner zermalmenden Wirkung blieben alle Versuche der Italiener zu Gegenangriffen oder auch nur zur Behauptung der am 15. abends noch in ihrem Besitze gebliebenen Teile der ersten Hauptstellung vergeblich. Als Kaiserjäger vom 2. Regiment dem Mt. Maronia nahe kamen, ergaben sich die Reste der dezimierten Besatzung. Auch das gleichfalls im Verbände der 180. IBrig. fechtende

l.KJR., das in der Mulde gegen Mga. Piovernetta vorging, hatte leichtes Spiel mit dem schwer erschütterten Feind, der in die zweite Linie zurückwich. Am Abend traf das 2. KJR., das an diesem Tage nicht mehr als 50 Mann verloren, hingegen 1200 Gefangene zurückgeschickt hatte, nahe unter dem Mt. Maggio und dem ihm als Ziel gesetzten Grenzrücken ein. Der beabsichtigte Angriff mußte aber auf den nächsten Tag verschoben werden. Die Korpsmitte (3. KJR. und IR. 14) war befehlgemäß stehengeblieben. Indessen hatte der linke Flügel, die Gruppe GM. Richard Müller (5. IBrig.), ihre tags vorher nicht ganz vollendete Aufgabe nun erfüllt. Die „Rainer“ zwangen die Verteidiger der Felsenburg Soglio d’Aspio zur Übergabe. Auch die von FML. Hor-setzky angeordnete Wegnahme der Befestigungen bei Osteria Fiorentini gelang. Der Feind, der hier noch am Vorabend Reserven eingesetzt hatte, räumte, insbesondere infolge eines mißglückten Gegenangriffes, diese Örtlichkeit.

Die Beobachtung der Vorgänge bei den Italienern ließ erkennen, daß sie am Nachmittag darangingen, die zweite Linie mit frischen Kräften zu besetzen. Diese war durch die starken Stützpfeiler Mt. Maggio,

C. di Campoluzzo und Coston d’Arsiero gekennzeichnet. Wie man später erfuhr, gehörten Truppenkolonnen, die am späten Abend im Vormarsch über den Passo della Vena und in der Gegend der C. Valbona beobachtet wurden, der anrückenden 9. ID. an, die als Armeereserve um Thiene gestanden war. Am 16. Mai abends befahl das XX. Korpskmdo.:

,,Die 3. ID. greift den Coston d’Arsiero umfassend an, sie wird hiebei flankierend von der Artilleriegruppe Janečka, frontal von der schweren Artilleriegruppe Obstlt. Hanzu unterstützt. Anzustreben ist das Erreichen der Linie Coston d’Arsiero—Baiti delle Fratte—Oststeilhänge der Baiti Monariplatte. Die 8. ID. greift die C. di Campoluzzo umfassend an und wird hiebei flankierend von der schweren Artillerie des VIII. Korps, frontal von der schweren Artilleriegruppe Obstlt. Wach unterstützt. Anzustreben ist das Erreichen der Linie Rücken der C. di Campoluzzo—Mt. Gusella. Der Reichsgrenzrücken des Mt. Maggio ist festzuhalten. Über C. Malingo gegen den Borcola ist mit einer Abteilung vorzugehen.“

Zugleich ersuchte FML. Erzherzog Karl Franz Joseph das VIII. Korps um kräftigste Artilleriehilfe, insbesonders mit den schwersten Haubitzen, und stellte an das 11. Armeekmdo. die Bitte, in den Raum Folgaria eine Brigade oder besser eine Division zu verschieben. Das schien dem GO. Dankl verfrüht. Sein Bescheid lautete: „Das XX. Korps verfügt über zwei noch nicht im Kampf gestandene Regimenter, ein drittes — IR. 50 — ist kaum ins Gefecht getreten; auch die übrigen Regimenter haben dank der vorzüglichen Disponierung durch das Korpskmdo. und des musterhaften Zusammenarbeitens mit der ausgezeichnet wirkenden Artillerie keine nennenswerten Verluste erlitten. Die Gefechtskraft des Korps ist somit eine ungeschwächte und bedarf vorläufig keiner Unterstützung“ x).

In der Tat sah sich das VIII. Korpskmdo. schon am 16. abends genötigt, die 9. GbBrig. einzusetzen. Sie sollte am rechten Flügel der 18. GbBrig. über Vanza gegen Pozzacchio und den Mt. Spil vorgehen, „so bald genügend Entwicklungsraum vorhanden“. Zugleich war die 6. Gb-

x) Von den Truppen des XX. Korps hatten in den ersten beiden Tagen an Toten und Verwundeten verloren: Das IR. 14 etwa 80, das IR. 50 nur 5 Mann, das IR. 59, dessen Angriff am schwierigsten war, 310 Mann. Das IR. 21 war noch nicht in den Kampf getreten. Ebenso stand von der 8. ID. das 4. KJR. noch in Reserve, während das 3. KJR. rund 100, die beiden Regimenter der 180. IBrig. je 50 Mann verloren hatten. Vom VIII. Korps wurden folgende Verlustziffern gemeldet: 6. GbBrig.: 23 Tote, 611 Verwundete; 10. GbBrig.: 100 Tote, 346 Verwundete; 18. GbBrig.: 110 Tote und Verwundete.

Brig. durch zwei Bataillone der 48. ID. zu verstärken und damit die spätere Übernahme der Flankensicherung durch diese Division anzubahnen. Man war sich darüber im Klaren, daß das Vordringen der 57. ID., mit der 6. GbBrig. rechts und der 9. GbBrig. links, rittlings der tief unten in der Vallarsa hinlaufenden Straße ungemein schwierig sein werde. Dem rechten Flügel der 59. ID., der 18. GbBrig., wurde der Mt. Pazul als Ziel gesetzt. Von der Hauptkraft der 48. ID. blieben die 12. GbBrig. bei Volano und zwei Bataillone der 11. bei Castellano zunächst noch in Reserve.

Das Ringen um die Entscheidung (17. bis 19. Mai)

Am 17. steigerte sich der Kampf zum erbitterten Ringen, erklomm am 18. den Gipfel und endete dann im raschen Ablauf mit einer völligen Niederlage des Feindes. Die Schlacht spaltete sich, bedingt durch die Unübersichtlichkeit des zerklüfteten Geländes, in eine Reihe von Einzelkämpfen.

Das XX. Korps befand sich mitten in einer kunstvoll angelegten Befestigungszone, in der sich jede Bewegung in ein verwirrendes Netz von Lauf- und Schützengräben verfing. Die Gefechtsführung war über alle Maßen schwierig. Zunächst führte die 180. IBrig. den Angriff gegen den Mt. Maggio und den Grenzrücken durch. Bataillone der Brigade Sesia trafen hier zur Verstärkung der zurückgegangenen Teile der 35. ID. ein und setzten dem angreifenden 2. KJR. entschlossenen Widerstand entgegen. Erst nach mehrmals wiederholtem Vernichtungsfeuer konnte am 17. gegen 4h nachm. der Mt. Maggio erstürmt werden. Um die anderen Gipfel des Grenzrückens wurde bis in die Nacht hinein auf beiden Seiten zähe und opfervoll gerungen. Doch am 18. konnte FML. Verdross melden, daß das Ziel erreicht sei.

In ähnlich harter Art spielte sich der Kampf auf dem linken Flügel des Korps ab, wo GM. Richard Müller sechs Bataillone der Regimenter 59 und 50 vorführte, um dem vom GM. Phleps geleiteten Hauptangriff des IR. 14 gegen den Coston d’Arsiero Raum zu schaffen. Um einem Frontalangriff gegen den 200 Meter über das Lanzetal steil emporragenden Berg auszuweichen, wurde eine Umgruppierung vorgenommen, durch die eine Umfassung der stark besetzten Schanzen eingeleitet werden sollte. Diese Umgruppierung benötigte aber Zeit.

Daher mußte die gegen 'den Coston d’Arsiero pünktlich und zielsicher wirkende Artillerie — es waren dies vor allem die Gruppen Obstlt. Hanzu der 3. ID. und Obst. Rath des III. Korps — mehrmals verständigt werden, das Trommelfeuer zu stoppen und in einem späteren Zeitpunkte wieder zu beginnen1). Indessen stürmten die Bataillone des GM. Müller vor, nahmen die Stellungen bei Baito Casalena, stießen auf starken Widerstand, wehrten Gegenstöße ab, durchbrachen dann eine zweite feindliche Stellung und erreichten am Abend die Linie Mga. Fratte d’Arsiero—Baiti delle Fratte—Baiti Bosco Scuro. Einzelne Kompagnien „Rainer“ waren gegen den Coston d’Arsiero nach Süden eingeschwenkt und hatten in sehr geschickter Gefechtsführung den überlegenen Feind in Schach gehalten, bis nachmittags die „Hessen“ herankamen. Aber der Feind wehrte sich zähe, und am folgenden Morgen war er noch immer im Besitze des Hauptwerkes auf der Spitze des Felsenberges.

Am 18. versuchten die Italiener ein letztesmal, durch einen allgemeinen Angriff das Unheil abzuwenden. Beherzt gingen Bataillone der Brigade Novara sowohl gegen die Gruppe Müller als auch gegen die 14er vor; aber im Sperrfeuer blieben sie alsbald verzagend stehen. Um 2h nachm. erstürmten die Oberösterreicher die hart umstrittenen Schanzen auf der Spitze des Coston d’Arsiero und nahmen die schwer erschütterten Italiener gefangen. Nochmals wollten herbeieilende Alpini diesen wichtigen Pfeiler zurückgewinnen. Sie wurden zum Umkehren gezwungen. Indessen hatten die schweren Batterien der Artilleriegruppe Obstlt. Wach die feindlichen Bastionen vor dem 3. KJR. sturmreif geschossen. Nun erstürmten die Kaiserjäger im raschen Anlauf zuerst die Höhe -<J>- 1804 und dann, nach Abweisung eines Gegenangriffes, die C. di Campoluzzo 2).

So war am 18. nachmittags der Feind vor dem XX. Korps aus der ganzen zweiten Linie geworfen, zu deren Verteidigung er außer den zur Stelle befindlichen Reserven der 35. ID. auch die Masse der 9. ID. eingesetzt hatte. Von nun an versiegte sein Kampfeswille rasch. Die

1)    Dieses Geschehen veranlaßte das Korpskmdo. zur Ermahnung: „Es ist ausgeschlossen, täglich für ein vielstündiges Wirkungsschießen, wie es heute von der Angriffsgruppe der 3. Division verlangt wurde, die erforderliche Munition beizustellen. Wenn in den nächsten Tagen ebensoviel Munition verschossen wird wie heute, müssen wir in kürzester Zeit die Offensive einstellen!“ — Angaben über den Munitionsverbrauch bringt die Beilage 13.

2)    S c h e m f i 1, Das k. u. k. 3. Regiment der Tiroler Kaiserjäger im Weltkriege 1914—1918 (Bregenz 1926), 352 ff.

Besatzung des Mt. Gusella ergab sich nach kurzem Ringen den Kaiserjägern vom 1. Regiment, die im Campoluzzotale noch ein gutes Stück vorwärts gingen, ehe die einbrechende Nacht den Kampf auch hier verstummen ließ.

Auch beim VIII. Korps brachte der 18. Mai die erwartete entscheidende Wendung. Bis dahin hatten sich die Italiener unter äußerster Anspannung ihrer Kräfte zur Wehr gesetzt. Am 17. beschoß ihre Artillerie seit Tagesanbruch von Brentonico her über das Etschtal hinweg heftig die Costa Violina und den Rücken zur Zugna Torta. Die 6. GbBrig. wartete den Feind ab, der zum Gegenangriff überging. Ein schneidiger Vorstoß des deutschböhmischen Bataillons IV/4220), unterstützt durch Gebirgbatterien, trieb ihn zurück. Am Abend und in der Nacht gingen die Italiener neuerlich vor, wurden aber immer wieder zurückgeschlagen 21). Als es Tag wurde, nahm die Angriffsartillerie ihr Zerstörungswerk wieder auf und zwang den Feind, der sehr schwere Verluste erlitten hatte, schließlich zum Rückzug. Die jetzt vom GM. Edl. v.Luxardo, dem nunmehrigen Kommandanten der 11. GbBrig., geführte Etschtalgruppe (3 Bataillone dieser Brigade und Standschützen) eroberte die sogenannte Lawinenstellung südöstlich der Eisenbahnstation Mori. Die 6. GbBrig. nahm von den Schanzen auf der Zugna Torta Besitz und preßte sich auf dem immer schmäler werdenden Zugnarücken vorwärts.

Die 18. GbBrig. hielt sich am 17. zunächst zum Angriff gegen Bocaldo bereit und wartete das Herankommen der 9. GbBrig. ab, deren Masse sich am Nachmittage nahe von Spino gruppierte, um gegen Vanza vorzustoßen. Indessen führten die Italiener trotz des schwer auf ihnen lastenden Artilleriefeuers einen Gegenangriff, der jedoch zusammenbrach. Bei Einbruch der Dunkelheit wiederholten sie die Angriffe, die sie insbesonders gegen die 18. GbBrig. richteten. Sie wurden nach erbittertem Handgemenge abgewiesen. Am Morgen zählte man bei dieser Brigade 51 Tote und 230 Verwundete. Zu Mittag begann das Ringen um die Entscheidung. Das Bataillon 11/60 eroberte Pozza. Trotz mehrstündigen Eisenhagels leistete der Feind anfangs noch hartnäckigen

Widerstand, plötzlich brach er aber zusammen. Am 18. um 5h nachm. meldete das VIII. Korpskmdo.: „Die 9. und die 18. GbBrig. haben nach mächtiger Feuervereinigung der Artillerie und dank besonders geschickter Führung den Stützpunkt bei -<^856 erstürmt, dann Bocaldo und Giacera genommen. Das FJB. 15 umzingelte die ihm bei Plache gegenübergestandene, weit überlegene Abteilung und nahm sie gefangen. Der Feind ist nach schweren Verlusten in vollem Rückzug.“ Es mag sein, daß die in diesem Abschnitte gestandenen Teile der Brigade Roma auch deshalb zum eiligen Räumen des Schlachtfeldes bewogen wurden, weil zur Zeit die 10. GbBrig. bereits weit im Terra-gnolotale aufwärts gedrungen war und das Massiv des Col santo von Osten her bedrohte. Diese Brigade hatte nach den schweren Kämpfen der ersten beiden Tage Piazza genommen. Hierüber berichtet ihr Kommandant, Obst. v. Hranilovic: „Kampf um Ortschaften im Terragnolotal war trotz gründlicher Artillerievorbereitung äußerst hartnäckig. In den Häusern und Kavernen mußte jedes Objekt mit Handgranaten genommen werden.“ Die tapferen Bataillone hatten dann noch am 17. vormittags die Verfolgung aufgenommen. Am Abend stieg das Bataillon 1/48 bereits die Costabella hinan, von wo es eine feindliche Nachhut vertrieb. Am 18. brachte es in erneuertem Gefechte bei der Mga. Sarta etwa 400 Gefangene ein, die zumeist der Territorialmiliz angehörten. Andere Bataillone und Kompagniegruppen der 10. GbBrig. erklommen im Laufe dieses Tages die Ost- und Nordränder des Bergklotzes bei der Mga. Pezzi und beim Costoncino, während Vortruppen der 18. GbBrig. den Mt. Pazul erreichten, und Verfolgungsdetachements der 9. GbBrig. sich der Höhe -<J>- 1364 nordöstlich von Pozzacchio und dieses Ortes selbst bemächtigten.

Es winkte die Möglichkeit zu einer Einkreisung der auf dem Col santo befindlichen feindlichen Kräfte. Das VIII. Korpskmdo. unterstellte daher am 18. abends die zur 48. ID. gehörende, bei Volano in Reserve gehaltene 12. GbBrig. dem GM. Kroupa und gab ihm die Aufgabe, den Borcolapaß in Besitz zu nehmen, gegen den Pasubio vorzustoßen und den auf dem Col santo stehenden Italienern den Rückzug abzuschneiden. Die 18. GbBrig. hingegen sollte unter den Befehl des FML. Goiginger treten, der den Auftrag bekam, „gegen die Coni Zugna möglichst Raum zu gewinnen“ und „in der Vallarsa nur insoweit vorzudrücken, als es ohne schweren Angriff möglich ist“. Der Kommandant der 48. ID., FML. Gabriel, hatte die Führung des ganzen rechten Korpsflügels beiderseits der Etsch bis nahe zur Zugna Torta zu übernehmen. In dieser zuletzt genannten Anordnung wirkte sich bereits eine vom Heeresgruppenkmdo. am 17. Mai eingeleitete und vom

11. Armeekmdo. fortgesetzte Umstellung der Kräfte aus.

Der 19. Mai brachte das VIII. Korps, früher als erwartet, in den Besitz des Col santo, dessen Bezwingung als eine der schwersten Aufgaben dieses Korps angesehen worden war. Dieser Hauptpfeiler der zwischen der Vallarsa und dem oberen Terragnolotal hinziehenden zweiten befestigten Linie war durch einige Milizbataillone besetzt. „Als diese nach der mehr als dreitägigen schrecklichen Schlacht ihre Kameraden von der Infanterie in der Vallarsa und im Terragnolotale zurückweichen sahen, mußten sie den Eindruck haben, umgangen und eingekreist zu sein. Beim Auftauchen gegnerischer Patrouillen wurden sie von einer Panik erfaßt, die von den Artilleristen der bei der Mga. Corona stehenden Batterien ausging und sich rasch in ihren Reihen ausbreitete1).“ So kam es, daß die vom Costoncino weiter vorrückenden Kompagnien der 10. GbBrig. am 19. zu Mittag nach wenigen Gewehrschüssen den Col santo besetzen konnten. Unabhängig von ihnen erstiegen andere Gefechtsgruppen dieser Brigade die Höhe -<f>- 2125 südöstlich vom Col santo, während Vortruppen der 18. GbBrig. nach einem kurzem Gefechte bei PascoloStě gegen den Mt. Testo vorgingen, dem auch zwei Bataillone der 9. GbBrig. nach kampflosem Überschreiten der Schanzen auf dem Mt. Spil zustrebten. Als sich diese Bataillone zum Angriff gegen den Mt. Testo entwickelten, räumte der Feind auch diese Höhe, die wie ein Wachtturm dem Schlangenweg aus der Vallarsa durch die Val dei Foxi zum Col santo vorlag. Durch den Verlust dieses Gipfels, den die Italiener kurz vorher durch Bataillone der Brigade Volturno besetzt hatten, sahen sich die Verteidiger der Befestigungen von Valmorbia und Mattassone im Rücken bedroht; sie zogen in der Nacht ab2).

Auf dem Grate der Zugna hatte indessen die Artillerie die Schanzen bei -<>-1515 zerschlagen, die von der 6. GbBrig. am späten Abend erstürmt wurden. Der äußerste rechte Flügel des VIII. Korps blieb auch am 19. unverändert. An seinem linken Flügel war die Eroberung des Borcolapasses im besten Gange. GM. Kroupa hatte in der Meinung, daß die C. Malingo südlich vom Mt. Maggio schon im Besitze der Kaiserjäger sei, das Bataillon 1/93 der ihm zuletzt zugewiesenen 12. Gb-

x) Schiarini, V offensiva austriaca nel Trentino (Rom 1929), 39.

2) In der Nähe dieser Ortschaften befanden sich unvollendet gelassene neuzeitliche österreichische Festungswerke, die die Italiener verwertet und umgebaut hatten.

Brig. von Serrada aus im Bereiche der 8. ID. vorrücken lassen, damit es, über die C. Malingo vorstoßend, dem Feind auf dem Borcolapasse die Flanke abgewinne und dem von der Tiefe des Terragnoloursprun-ges angesetzten Bataillon 11/92 der 10. GbBrig. den Angriff erleichtere1). Hinter dem Bataillon 11/92 rückte die Masse der 12. GbBrig. heran. Als es sich im Laufe des Tages erwies, daß die C. Malingo noch vom Feinde besetzt sei, wurde zwar der Angriff auf den 20. verschoben; dann aber gelang er dank der gründlichen Vorarbeit der Artillerie und der eingeleiteten Umfassung ohne ernste Verluste. Die Erfolge des VIII. Korps fanden auch in der Zahl der bis zum 19. abends eingebrachten Gefangenen und in der Beute Ausdruck. Das Korps meldete an Gefangenen: 83 Offiziere und 5955 Mann, an Beute: 46 Geschütze und 34 Maschinengewehre.

Ein Tag beglückender Siegesfreude wurde der 19. Mai für das

XX. Korps. Am Vorabend stellten sich die Truppen befehlsgemäß zum nächsten Angriff gegen die gewaltigen Stellungen bereit, die im Mt. Toraro, Mt. Campomolon und Mt. Melignone gipfelten. Mit Spannung blickte man dem neuen Tage entgegen. Da sah man im ersten Morgenlicht schwere Rauchwolken über dem Mt. Campomolon aufsteigen, und der dumpfe Schall großer Sprengungen tönte herüber. Patrouillen gingen vor. Um etwa 10h sah man sie auf den Höhen, die alle bisher eroberten noch um ein gutes Stück überragten, mit den kleinen gelben Fähnchen winken, zum Zeichen, daß die Artillerie nicht etwa auf sie schieße. Bald folgten ganze Bataillone nach, und zu Mittag war auch der Passo della Vena besetzt. Etwa drei italienische Bataillone, die die in der Nacht von ihren Kameraden verlassenen Stellungen auf diesem Passe und auf dem Mt. Campomolon wieder besetzen sollten, waren zu spät gekommen. Sie wurden zurückgeworfen. Am Nachmittag wurden auch der Mt. Toraro und die Sp. Tonezza besetzt. Damit war der Durchbruch des XX. Korps vollendet. In den eroberten Stellungen wurden viele verlassene und zum Teil gesprengte Geschütze vorgefunden. Diese mitinbegriffen, zählte man beim XX. Korps seit dem

15. Mai an Beute 27 schwere und 34 leichte Geschütze sowie 33 Maschinengewehre. Die Zahl der Gefangenen belief sich auf 164 Offiziere und 6637 Mann.

Der Heimat Söhne im Weltkrieg. Der 92er, Juniheft 1926.

'    Die    Neuordnung

der Heeresgruppe Erzherzog Eugen

Am 17. Mai hatte das Heeresgruppenkmdo. eine bedeutungsvolle Neuordnung getroffen. Es unterstellte das neuaufgestellte XXI. Korps dem GO. Dankl und spaltete vom linken Flügel der 11. Armee das

III. Korps ab, das vom 20. Mai mittags an dem 3. Armeekmdo. zu unterstehen hatte. Der Heeresleitung gegenüber begründete Erzherzog Eugen diesen Entschluß folgendermaßen: ,,Nach Beurteilung des 11. Armee-kmdos. wird sich in naher Zeit die Notwendigkeit ergeben, auf dem rechten Flügel, abgesehen von der 48. ID., eine weitere Division einzusetzen. Gründe: Bei weiterem Vordringen müssen immer mehr Teile des VIII. Korps zur Flankensicherung verwendet werden. Fallweise Zuführung frischer Kräfte an diesen Flügel wird erforderlich, um bei den andauernden Kämpfen... im schwierigen Gelände einzelnen Kampfgruppen vorübergehend Erholung gewähren und trotzdem das Vordringen im Fluß erhalten zu können. Für diese Aufgabe ist eine vollwertige Gebirgsdivision erwünscht. Da das 11. Armeekmdo. nur über die 6. ID. verfügt, wurde, um obiger Forderung zu entsprechen, und gleichzeitig die Kriegsverbände nicht zu zerreißen, das ganze

XXI. Korps dem 11. Armeekmdo. unterstellt. Es erreicht heute [18./5.] Aldeno, Matarello, Trient. Durch diese Maßnahme ist der Wunsch dringend geworden, die bisherige Gliederung der Heeresgruppe mit zwei Armeekmdos. hintereinander, die bei längerer Beibehaltung zu einem allmählichen Aufzehren der 3. Armee durch die 11. Armee führen müßte, aufzugeben und durch Verwendung beider Armeekmdos. nebeneinander eine dauernde Grundlage der taktischen und materiellen Befehlsverhältnisse für den Verlauf der Operation zu schaffen. Dementsprechend wurde das Asticotal als neue Armeebereichsgrenze festgesetzt. Sie tritt am 20. Mai in Kraft: 11. Armee westlich des Astico besteht sodann aus VIII. Korps (samt 48. ID.), XX. Korps und XXI. Korps; 3. Armee östlich des Astico aus III. Korps (samt 6. ID.), XVII. Korps (hält weiterhin Valsuganaabschnitt) und I. Korps. Verfügung über letzteres hat sich die Heeresgruppe noch Vorbehalten. 3. Armeekmdo. gelangt am 19. Mai nach Trient. Für die Orientierung des 3. Armeekmdos. im Abschnitte des III. Korps, Zusammenwirken der beiden großen Artilleriegruppen beiderseits des Astico, dann für Angriffsbeginn beim III. Korps je nach taktischer Lage, unbeeinflußt durch

bevorstehenden Wechsel seiner Armeezugehörigkeit, wurde vorgesorgt“1).    0

Die k. u. k. Heeresleitung widersprach diesen Verfügungen nicht. In ihrer Antwort vom 19. bemerkte sie lediglich, daß es insbesondere in den Vorsorgen für das Zusammenwirken der beiden großen Artilleriegruppen und im Zurückhalten des I. Korps zur Verfügung der Heeresgruppe die Gewähr für die Fortführung der Operationen im Geiste der seinerzeit von Teschen gegebenen „ersten Direktiven“ erblicke. Zugleich teilte sie mit, daß sie hoffe, zur weiteren Kräftigung des „entscheidungsuchenden Stoßes“ der Heeresgruppe noch eine Division zuschieben zu können.

Der Verlauf der ersten Kämpfe hatte nicht Grund zu der besprochenen Neuordnung gegeben. In dieser reiften vielmehr ältere, schon vor dem 15. Mai gehegte Absichten zum Entschlüsse aus. Der unmittelbare Anlaß ergab sich aus dem wiederholten Wunsche, den rechten Flügel der Heeresgruppe zu kräftigem Vorwärtsgehen zu befähigen.

Gleich nach erfolgter Zuteilung des XXI. Korps verfügte das

11. Armeekmdo. am 18. Mai, daß die 44. SchD. dieses Korps als Armeereserve auszuscheiden sei. An ihrer Stelle hatte die 48. ID. in den Verband des XXI. Korps zu treten, was jedoch erst nach der Eroberung der Coni Zugna geschehen sollte. Darnach sollte der Verrückungsraum des VIII. Korps (57. und 59. ID.) durch den Trt. Leno di Vallarsa, durch die Val di Frenche und von da durch eine Linie zum Mt. Bafe-lant von jenem des XXI. Korps (48. ID. und KSchD.) getrennt werden x).

Tags darauf, am 19. Mai, gab das 11. Armeekmdo. allgemein, auch dem XX. Korps, den Befehl, daß nach Erreichen der Linie Cm. Posta— Piano della Fugazza—Borcolapaß—Mt. Maggio—Tonezzaplatte, der Angriff gegen die dritte Befestigungszone vorzubereiten sein werde. Aus diesem Befehlsschreiben, das auf die wirkliche Lage vom 19. morgens jedoch noch nicht Bezug nahm, kann man rückschauend erkennen, daß die Durchführung der Kriegshandlung von allem Anfang an in zwei Phasen geplant war. In einer ersten Phase gedachte das 11. Armeekmdo. den linken - Armeeflügel, das ihm damals noch unterstandene

*) Mehrere Fachschriftsteller haben zu dieser Neuordnung der Heeresgruppe Stellung genommen. So auch der ehemalige Generalstabschef der 11. Armee, FML. Pichler (Der Krieg in Tirol 1915/1916, 117). Er ist der Meinung, daß durch Teilung der Angriffsfront „die Führung der vordersten Korps auf den Hochflächen und deren Zusammenwirken in drei Hände gelegt wurde“ und dadurch die an und für sich schwierige Einheitlichkeit der Kriegshandlung beiderseits des Asticotales leiden mußte.

III. Korps anfänglich stehen zu lassen, die Mitte, das XX. Korps, nach erfolgtem Durchbruch etwa in der Linie Tonezza—Mt. Majo anzuhalten und den rechten Flügel, das verstärkte VIII. Korps, bis über den Borcolapaß und über den Piano della Fugazza vorzuführen. Der weit auf schwenkende rechte Flügel sollte sich im Vorwärtsgehen zugleich auf dem langhingestreckten Zugnarücken bis hinauf zur Cm. Levante und Cm. Posta in der Flanke fortlaufend sichern. In der zweiten Phase wollte das 11. Armeekmdo., dem nun das III. Korps nicht mehr unterstand, nach einem neuen Aufmarsch der schweren Artillerie, den Angriff gegen die italienische dritte Befestigungszone: Mt. Civillina— Mt. Enna—Mt. Novegno—Mt. Cimone—Casa Ratti durchführen. In einer dem Befehlschreiben beigefügten Karte war die in der ersten Phase zu erreichende und flüchtig zu befestigende Linie sowie die beabsichtigte Aufstellung der schweren Artillerie eingezeichnet. Sie sollte vor allem mit zwei Gruppen am Piano della Fugazza, mit einer vorwärts des Borcolapasses und mit zweien in der Gegend des Mt. Torraro und der Sp. Tonezza aufmarschieren (Beilage 12). Die erforderlichen Wegherstellungen waren mit größter Beschleunigung durchzuführen; die Zeit des Artillerieaufmarsches sollte zum allmählichen Vorschieben der Infanterie an die feindlichen Stellungen ausgenützt" werden.

Der wesentliche Inhalt dieses Planes für die Fortsetzung der Offensive wurde dem Heeresgruppenkmdo. gemeldet. Als der schriftliche Bericht am 19. Mai abends in Bozen eintraf, lagen schon Meldungen vor, die ersehen ließen, daß der starke rechte Armeeflügel noch recht weit entfernt von seinem Ziele war, während die Mitte im großen ganzen das ihre erreicht hatte, und der linke Flügel früher als angenommen in Bewegung gekommen war. So begann die Angriffsfront von selbst, entgegen der ursprünglichen Absicht des 11. Armeekmdos., zu schwenken. Von diesem Zeitpunkt an waren es die Ereignisse an der Front, die von der höheren Führung Anpassung und folgerichtige Entschlüsse verlangten. Seit der Teilung der Front oblag diese Aufgabe vor allem dem Heeresgruppenkommando.

Sogleich antwortete dieses Kmdo. dem GO. Dankl, der vorgelegte Plan sei „durch die Ereignisse der letzten 24 Stunden wohl überholt“. Die sichtlichen Anzeichen eines Zusammenbruches beim Feinde ließen erwarten, daß seine Widerstandskraft schon sehr erschüttert sei. Die Durchführung des geplanten Artillerieaufmarsches sehe unter anderem die Benützbarkeit der Straße über den Piano della Fugazza und einen entsprechenden Raumgewinn in dieser Richtung voraus, womit ermöglicht werden sollte, zwei starke Artilleriegruppen östlich des genannten Passes aufstellen zu können. Demgegenüber weise das Heeresgruppenkmdo. darauf hin, daß ,,in der jetzigen Kampflage ein zu systematisches Verhalten, welches günstige Gelegenheiten zu raschen und jetzt vielleicht noch leicht zu erringenden Erfolgen versäumt, ebenso schädlich sein könne, wie ein leichtsinniges Vorwärtsstürmen“. Dieser durch den Nachsatz allerdings gleich wieder eingeschränkten Aufmunterung folgte die Weisung, die nächste Aufgabe des XX. Korps sei nunmehr, die Tonezzaplatte in Besitz zu nehmen und von dort durch flankierendes Feuer das Vordringen des III. Korps bis an die Assaschlucht und dann auch über diese hinaus zu unterstützen. Außerdem hieß es: „Aus dem gleichen Raume wird auch schon die Bekämpfung der Befestigungen westlich Arsiero und auf dem Mt. Novegno möglich sein. Der rechte Flügel des XX. Korps wird durch sein weiteres Vorgehen das Vordringen des VIII. Korps über den Borcolapaß wesentlich beschleunigen können. Nach dessen Besitznahme kann eine weitere schwere Artilleriegruppe gegen Arsiero, Mt. Novegno in Stellung gebracht werden, die auch Mt. Enna niederhält.“

Das Heeresgruppenkmdo. sah sich also durch die Ereignisse der letzten 24 Stunden wohl angeregt zu rascherem Handeln, fand es aber gleich dem 11. Armeekmdo. für notwendig, daß ein gewaltsamer Angriff gegen die Sperrfront Agno—Posina durch den Vorwärtsaufmarsch der schweren Artillerie eingeleitet werde. Eine Möglichkeit zur Abkürzung dieses langwierigen Verfahrens schien ihm einzig und allein dadurch gegeben zu sein, daß „bei initiativem Vorgehen der Korps und wechselseitiger Unterstützung“, der Durchbruch durch die genannte Sperrfront selbst dann gelingen könnte, „wenn die Cm. Posta und das Leogratal noch in der Hand des Feindes sind“. Das 11. Armeekmdo. konnte in seiner Antwort vom 20. Mai dartun, „daß die Besitznahme des Tonezzaplateaus selbstverständlich als erstes Operationsziel bereits vor Beginn der Operation anbefohlen war“, und daß das XX. Korps von allem Anfang an den Befehl gehabt habe, „das VIII. Korps durch ein Vorgehen über Mt. Maggio gegen den Borcolapaß zu unterstützen“. Es bemerkte weiters, „daß ganz in den Intentionen des Heeresgruppenkmdos. vorgegangen werde“, und daß die in der Kartenbeilage eingezeichnete Artilleriegruppierung keineswegs einen starren Plan darstelle, der vollständig ausgeführt sein müsse, ehe man zum Angriff auf die feindliche dritte Linie schreiten wolle. Das Armeekmdo. werde vielmehr „den Zeitpunkt des Angriffes wahrnehmen und befehlen“.

Auf dieses Schreiben notierte der Generalstabschef des Heeres-gruppenkmdos.: „Antwort nicht nötig, da ja das Armeekmdo. selbst einsieht, daß der Plan nicht zur Durchführung kommen werde“. Das Heeresgruppenkmdo. wandte seine Aufmerksamkeit im erhöhten Maße der 3. Armee zu.

Das Ablenkungsunternehmen des XVII. Korps

In dem Augenblicke, als die Offensive der 11. Armee begann, stand von der 3. Armee bloß das XVII. Korps im Suganatal in Berührung mit dem Feinde. Nördlich der Brenta hielt die 18. ID. mit fünf Bataillonen der 13. GbBrig. die Stellungen auf dem Collorücken und bei dem Gehöft Glockenturm sowie mit drei Bataillonen der

1. GbBrig. und den Oberösterreichischen Freiwilligen jene auf den Berghängen westlich von Roncegno. Vor Marter über das Brentatal hinweg, hinauf zum Mt. Carbonile, dann die Sella sperrend und den rechten Flügel an die Wand der Vezzenahochfläche lehnend, dehnte sich die 181. IBrig. aus. Sie bestand aus zwei Landsturmbataillonen und den Infanteriebataillonen 1/51 und 1/102 der 18. ID. sowie aus dem Bataillon IV/24 der 8. GbBrig., die am 11. Mai bei Pergine eingetroffen war. Die 2. GbBrig. befand sich bei Cavalese im Fassatal und hatte ein Bataillon mit ihren Batterien ins Cadintal vorgeschoben.

Die beiden letztgenannten Gebirgsbrigaden waren vom Heeresgruppenkmdo. in der zweiten Maiwoche deshalb in die angegebenen Räume gewiesen worden, weil man erfahren hatte, daß sich der Feind gegenüber dem XVII. Korps verstärke. Man wußte aber nicht, daß die Italiener in den gut ausgebauten Stellungen auf dem Armen-terrarücken, bei Roncegno, auf dem Mt. Collo und auf dem Salubio nur einen „ersten Widerstand“ leisten wollten, und daß sie die Hauptkräfte sowie die Masse ihrer Artillerie in die Hauptstellung östlich von Borgo zurückgeführt hatten (S. 223).

Dem XVII. Korps war schon am 11. Mai der Befehl gegeben worden, während des Angriffes der 11. Armee die feindlichen Kräfte im Suganatal zu binden. Zu diesem Zwecke war vom Mt. Collo aus ein örtlich begrenzter Angriff in Aussicht zu nehmen, wobei jedoch nach Gewinnung der ersten feindlichen Stellung eine Verfolgung nicht stattfinden sollte. Gleichzeitig hatte die 181. IBrig., vor allem durch Artilleriefeuer, das Bevorstehen eines Angriffes gegen die Sella vorzutäuschen. Ergab sich aus dieser Artilleriewirkung die Möglichkeit, die Infanterielinie ohne schweren Kampf vorzuschieben, so war dies auszunützen (Beilagen 9 und 14).

Am 15. Mai mittags eröffneten die Batterien des XVII. Korps und jene der Artilleriegruppe Obstlt. Johann Schmidt das Feuer. Mit abwechselnder Stärke donnerten die Geschütze bis zum Abend. Dann gingen zwei Bataillone der 13. GbBrig. vom Mt. Collo und auf dessen südlichen Ausläufern vor. In der Dunkelheit der Nacht, im Gewirr der Hindernisse und im aufblitzenden Feuer der ausharrenden Italiener gerieten die Angreifer in Unordnung. Nur an einer Stelle wurde ein Grabenstück erobert; es ging aber bald wieder verloren. Als die beiden angreifenden Bataillone noch vor Morgengrauen in die Ausgangsstellung zurückkehrten, fehlten etwa 400 Mann, von denen — wie es sich später herausstellte — mehr als die Hälfte in Gefangenschaft geraten war.

Völlig anders verlief das Unternehmen gegen die Sella. Hier, wo kein richtiger Angriff beabsichtigt war, stießen auf die erste sich bietende Gelegenheit Infanteriegruppen aus eigenem Entschlüsse vor, und am 16. morgens konnte Oberst Zechbauer, der an Stelle des erkrankten GM. Kindl vorübergehend die 181. IBrig. befehligte, melden, daß nicht nur sein rechter Flügel bis zur Höhe -4- 1691 vorgedrungen war, sondern daß das von Silvestro aufgestiegene Bataillon IV/24 sich wider Erwarten eines Teiles des Armenterrarückens bemächtigt hatte. Die überraschten Italiener setzten gegen dieses tapfere galizische Bataillon, zu dem sich zwei Landsturmkompagnien gesellten, am 16. und 17. mit seltener Ausdauer immer wieder Gegenangriffe an, um die Umfassung unwirksam zu machen. Aber es gelang ihnen nicht. Kühn und geschickt dehnten sich die Eroberer immer weiter gegen den Sasso alto hin aus. In demselben Maße wich der Feind in der Sella schrittweise zurück. Am 18. ging auf Befehl des Korpskmdos. die 181. IBrig., der noch ein Bataillon der 8. GbBrig. unterstellt wurde, zum Angriff über. Von drei Seiten bedrängt, versuchte der Feind — es waren Bataillone der Brigade Siena, — am Abend und in der Nacht sich durch mehrere Angriffe gegen die Armenterragruppe Luft zu machen. Schließlich gab er den Kampf auf und räumte das Gefechtsfeld. Am nächsten Morgen erblickten die Truppen die ihnen wohlbekannten, in Polen und Galizien so oft gesehenen Feuerzeichen des Rückzuges hinter dem Feinde aufflammen und nahmen auf den Straßen ostwärts Borgo „ganze Völkerwanderungen von Menschen und Fuhrwerken“ wahr. Da drängte jedermann vorwärts zur Verfolgung. Oberst Zechbauer, der jetzt schon ein drittes Bataillon der 8. GbBrig. bei sich hatte, setzte alle Truppen in Bewegung.

Am Abend erreichten Vorpatrouillen Albirba im Maggiotal und Roa an der Brenta. Detachements der 1. GbBrig. besetzten Roncegno, während vor der 13. GbBrig. der Feind noch standhielt. Das Korpskmdo. blieb nicht müßig und befahl dem Führer der 8. GbBrig., GM. Wossala, mit den zwei ihm verbliebenen Bataillonen seiner Brigade aufzubrechen, der Gruppe Obst. Zechbauer zu folgen und die Führung zu übernehmen. So war am 19. abends die ganze 8. GbBrig. ins Suganatal ausgespielt. Indessen traf bald darauf der Befehl des 3. Armeekmdos. ein, daß, im Falle der Feind abziehe, die Verfolgung nur mit der 18. ID. und der 181. IBrig. durchzuführen sei. Die 8. und die 2. GbBrig. wären dann „für eine eventuelle Verwendung in anderem Raume bereitzustellen“, und zwar die 8. GbBrig. bei Levico oder östlich davon, die 2. GbBrig. bei Pergine.

Das kleine Unternehmen auf der Sella hatte somit unverhofft zu einem sehr beachtenswerten Erfolg geführt; ob aber die Absicht, den Feind zu täuschen, gelungen war, war nicht zu erkennen. Auf jeden Fall bot jedoch die Besitznahme der Sella und des Maggiotales Gelegenheit zu kleinen Unternehmungen gegen die Nordflanke der nun vom III. Korps auf der Hochfläche angegriffenen Italiener.

Die Gegenmaßnahmen der italienischen Führung

Die im April durch den Vorstoß der k. u. k. 18. ID. in der Val Sugana bei der italienischen Führung hervorgerufene Unruhe, hatte sich nach einiger Zeit, als der Angriff des Gegners nicht fortgesetzt wurde, wieder gelegt. Dennoch hielt man eine gegnerische Offensive weiterhin für wahrscheinlich. Die italienische Heeresleitung blieb aber dauernd im Zweifel, wo der Hauptangriff stattfinden werde. Auf jeden Fall schienen die an der Südtirolerfront getroffenen Abwehrmaßnahmen hinreichend zu sein. Gestützt auf die fortgesetzt verbesserten Befestigungen *) mochte die 1. Armee mit Hilfe der ihr zuletzt gegebenen Verstärkungen (S. 201 und 231) zumindestens solange Widerstand leisten zu können, bis ihr neue Kräfte zugeführt werden konnten. In dieser Überlegung beließ Cadorna die Heeresreserven im Raume östlich des Tagliamento und behielt sich das Verfügungsrecht über die 27. ID. bei Codroipo, über die 44. ID. bei Desenzano und über die Brigade Sicilia bei Brescia wieder vor.

1) Das italienische Befestigungssystem ist im Abschnitt „Die Gegenmaßnahmen der Italiener“ (S. 197) beschrieben; in den Beilagen 9 und 13 ist es graphisch dargestellt. Die Beilage 11 bringt ein typisches Panzerwerk und eine Talsperre im Lichtbild.

IV    18

Das 1. Armeekmdo. hinwieder glaubte aus den Aprilkämpfen im Suganatal folgern zu können, daß vor allem aus diesem Tale Gefahr drohe. Es beließ daher die Ende April dorthin verlegte halbe 10. ID. seiner Armeereserve bei Primolano. Die Truppenverteilung im Raume zwischen Gardasee und dem Cismonflusse zeigte also am 15. Mai eine Anhäufung von Kräften im Gebiete der Val Sugana, gerade dort, wo kein ernster Angriff erfolgte. Es standen im Abschnitte Gardasee— Vallarsa die 37. ID. mit 18 Bataillonen, im Gebiet des Col santo die Gruppe Agno-Posina mit 9 Bataillonen, gegenüber dem k. u. k. XX. Korps die 35. ID. mit 15 Bataillonen, vor dem k. u. k. III. Korps die 34. ID. mit 20 Bataillonen, während im Suganatal und im nördlichen Anlande das XVIII. Korpskmdo. über 37 Bataillone verfügte. Als Armeereserven standen 28 Bataillone bereit, und zwar die 9. ID. im Raume Schio— Thiene, eine Alpinigruppe zu 10 Bataillonen und 6 Gebirgsbatterien westlich von Bassano und die Brigade Volturno der 10. ID. in Bassano.

Auf die ersten alarmierenden Meldungen kam Gen. Cadorna am

16. Mai nach Thiene. Der Führer der 1. Armee, GLt. Pecori-Giraldi (S. 231), im Glauben befangen, daß ein Hauptstoß in der Val Sugana erfolgen werde, ließ sich durch den Scheinangriff des XVII. Korps wirklich täuschen und sandte die Brigade Volturno nach Primolano. Alsbald sah er sich genötigt, die Masse der 9. ID. zur Stützung der 35. einzusetzen. Einige Bataillone eilten in die Vallarsa, doch kamen sie zu spät, um die Niederlage der Brigade Roma abwenden zu können (S. 264). Am 18. verfügte das 1. Armeekmdo. nur mehr über etwa 6 Alpinibataillone als Reserve, als ihm die Meldung vom Verluste des Col santo zukam. Da rief es die Brigade Volturno, wahrscheinlich auch in der Erkenntnis seines früheren Irrtumes, von Primolano zurück und ließ sie mit Kraftwagen auf den Paß Piano della Fugazza fahren, wo sie gerade noch zurecht kam, um in weiterer Folge ungesäumt den Pasubio zu besetzen, der schon verloren zu sein schien. Am 19. warf das Armeekmdo. seine letzte Reserve, die schon genannten Alpinibataillone, dem k.u.k.

XX. Korps entgegen. Erst zu dieser Zeit trafen die Brigade Sicilia und Teile der 44. ID. bei Ala und die Masse der 27. ID. bei Vicenza im Bahntransport ein. Diese Heereskörper hatte die Heeresleitung schon am 16. zur Verfügung gestellt. Bald darauf hatte sie auch die Überführung der ganzen Heeresreserve (XIV. und X. Korps) vom Taglia-mento zur 1. Armee angeordnet. Doch all diese Kräfte kamen zu spät.

Mit Bestürzung sah man den letzten großen Damm Mt. Campomolon—Mt. Toraro zusammenbrechen. Gegen die Wucht des übermächtigen Artilleriefeuers schien jeder Widerstand vergeblich zu sein. „Es war nun dem Gegner möglich, seine an Zahl und Wirkung überaus überlegenen Geschütze gegen die Verteidigung der Hochflächen von Asiago zu richten, weshalb man befürchten mußte, daß auch diese Stellungen alsbald verloren gehen würden1).“ Also eilte Cadorna am 20. Mai nach Udine zurück und berief die Führer der 2. und der 3. Armee zu sich. Er legte ihnen dar, daß mit der Möglichkeit eines Einbruches des Gegners in die vicentinische Ebene gerechnet werden müsse. Es sei daher notwendig, alle Vorkehrungen für einen Rückzug vom Isonzo zu überlegen und zunächst mit aller Beschleunigung eine Armee in der Ebene gegenüber den Ausgängen der Täler aus den Lessinischen Alpen zusammenzuziehen. Nach seinem Dafürhalten könnten die Österreicher mit etwa sechs oder acht Divisionen in das Flachland vorbrechen. Demgegenüber müsse die neuzuformierende 5. Armee (S. 152) aus wenigstens zehn Divisionen zusammengesetzt sein und derart aufgestellt werden, daß sie in jeder Richtung rasch und leicht bewegt werden könne. Mit Befehl vom 21. Mai bestimmte die Heeresleitung als deren Versammlungsraum das Dreieck Vicenza—Padua—Citadella und ordnete an, daß sogleich vier Brücken über die untere Brenta gebaut werden sollten. Den Aufmarsch hatte eine Kavalleriedivision in der Linie Bassano— Breganze zu decken (vgl. Beilagen 6 und 16).

Auf die Frage, warum die Heeresleitung daran dachte, die 5. Armee weit zurück in der Ebene zu versammeln, statt die Kräfte zur Unterstützung der 1. Armee auf die Hochflächen zu senden, gibt Marschall Cadorna selbst Antwort2). Er wendet sich vor allem entschieden gegen die ihm von mancher Seite zugesprochene Absicht, daß er den Gegner ungehindert in die Ebene herabsteigen lassen wollte, um ihn dort zu schlagen. Diese Meinung sei irrig. Seine Überlegungen seien andere gewesen. Die 5. Armee konnte erst am 5. Juni versammelt sein. Hätte man die einzelnen Teile, so wie sie ankamen, in die Schlacht geworfen, so wäre eine neue Niederlage in den Bergen angesichts der starken Überlegenheit der Artillerie des Gegners nicht ausgeschlossen gewesen. Diese hätte in der Folge zu einer vollständigen Katastrophe geführt. Man durfte nicht alles auf eine Karte setzen. Die 1. Armee hatte Kräfte genug, um die Hochflächen zu halten; wurde sie aber geschlagen, so blieb nichts anderes übrig, als der Rückzug aller in Ostvenetien stehenden Armeen zunächst an den Piave und dann wenigstens an den Bac-

x) Cadorna, La guerra, I, 215.

2) Ebenda. I, 219 f.

chilione. Da aber dieser Rückzug 10 bis 12 Tage dauern mochte, mußte die 5. Armee bereit sein, den Gegner über diese Zeit hinweg aufzuhalten. Deshalb wurde auch zugleich mit den Befehlen für die Bildung der Armee angeordnet, daß der Bau neuer Verteidigungsstellungen in mehreren Linien sowohl an den Rändern des Gebirges, als auch weiter hinten in der Ebene begonnen werde. Unter anderem wurde auch die Befestigung der Stadt Treviso in Angriff genommen.

Zur Bildung der 5. Armee wurde am 23. Mai auch die Rückberufung der 43. ID. aus Albanien und die Heimkehr einer Division aus Libyen verfügt. Diese Anordnungen vermehrten die Bestürzung im Hinterlande. Der Ministerpräsident drahtete dem Gen. Cadorna, er möge zu einem Ministerrat kommen, zu dem auch die vier Armeekommandanten sowie GLt. nob. Porro zu berufen seien. Cadorna lehnte jedoch diese Aufforderung ab.

Indessen eilte vom 19. Mai an das XIV. Korps zu Fuß, mit Kraftwagen und mit der Bahn westwärts, um auf die Hochfläche der Sieben Gemeinden zu gelangen, wo GLt. Lequio, der bisherige Befehlshaber der Karnischen Gruppe, am 21. Mai die Führung über sämtliche Truppen auf der Hochfläche zu übernehmen und die dortige Verteidigung einheitlich zu leiten hatte. Zugleich wurden die Brigade Etna von der Kärntnerfront, fünf Radfahrbataillone von der 3. Armee sowie einige Alpinibataillone von verschiedenen Abschnitten an die bedrohte Front in Marsch gesetzt.

In ihrer Bedrängnis hielt die italienische Heeresleitung auch Ausschau um Hilfe von außen. Von den Westmächten war nicht viel zu erhoffen, da sie nicht unmittelbar gegen Österreich-Ungarn wirken konnten. Auch stand das französische Heer noch immer bei Verdun im Zermürbungskampf, der alle verfügbaren Kräfte verschlang. Italien wandte sich daher an Rußland. Die vom 19. Mai an mehrfach gestellten Ansuchen um Entlastungsangriffe *) veranlaßten — wie später noch eingehend dargestellt werden wird — die Stawka, die Vorbereitungen für die im Sinne der dritten Konferenz zu Chantilly zu unternehmende Offensive (S. 238 f.) zu beschleunigen. Auch sah sich der Chef des Generalstabes, Gen. Alexejew, bestimmt, den Beginn der Offensive an der russischen Südwestfront schon für Anfang Juni anzuberaumen2). Bis dahin mußte sich Italien allerdings noch weiter aus eigener Kraft behelfen.

x) Klembowski, 31.

2) Zajontschkowskij, 16.

Der Durchbruchsangriff des III. K o r p s Hiezu Beilagen 11, 13 und 15

Die Vernichtung der italienischen 34. Division

Am 19. Mai kurz nach Mittag erhielt das III. Korpskmdo. vom

II.    Armeekmdo. den Befehl, alle Vorbereitungen für die Durchführung des Angriffes am 21. Mai zu treffen. Bis dahin sei das XX. Korps weiter artilleristisch zu unterstützen. Fast zur selben Stunde wurden beim

III.    Korps aus einem Telephongespräch, das ein italienischer Hauptmann auf dem Hocheck führte, folgende Sätze vernommen: „Neugruppierung im Raume Arsiero—Posina. Die Neugruppierung in der Val Tor-ra wird zugleich durchgeführt werden. Trachten Sie, alles wegzutragen, weil wir heute abends nicht mehr hier sind!“ Dies deutete auf eine Räumung der Lusernaplatte hin. Die Fortschritte des XVII. Korps in der Sella sowie eine allerdings sehr irrige Fliegermeldung, auf der Porta di Manazzo stehe keine Artillerie mehr, ließen es aber auch möglich erscheinen, daß der Feind vor dem ganzen III. Korps abziehen würde.

FML. Krautwald rief nach rasch eingeholter Zustimmung des

11. Armeekmdos. sofort seine Truppen auf. Schon hatte der Korpsartillerieführer, Obst. Janečka, den Befehl zur Eröffnung des Zerstörungsfeuers gegeben1). Die Mehrzahl der Bataillone befand sich augenblicklich noch im gewollten Abstand von der unter feindlichem Feuer stehenden Front. Sie mußten angesichts des Feindes und seiner Artillerie, die übrigens bis Mittag merkwürdig ruhig blieb, mit Vorsicht in die Angriffsräume vorgeführt werden. Hiezu befahl das Korpskmdo.: „Obst. Kliemann beginnt nach Weisungen der 28. ID. mit dem Bataillon 1/47, dem FJB. 7 und den heranzuführenden ,Siebenundvierzigern‘ spätestens 7h nachm. den Angriff gegen die Linie Principi—Hocheck. Gleichzeitig senden die Divisionen starke Detachements auf der ganzen Front vor. Finden diese die Stellungen nur mehr schwach besetzt oder konstatieren sie in der Nacht das Abziehen des Feindes, so ist der Angriff mit den zur Verfügung stehenden Kräften [es waren vier Bataillone der 22. SchD. und fünf Bataillone der 28. ID.] sogleich anzusetzen. Andernfalls stellen sich die Divisionen zum Angriff am 20. Mai, 6h morgens bereit, den die

1) Dem Obersten Joseph Janečka des Artilleriestabes wurde in Anerkennung seiner Tätigkeit als Artillerieführer in dieser Schlacht sowie in der 10. Isonzoschlacht 1917 das Ritterkreuz des Militär-Maria Theresien-Ordens verliehen.

Artillerie um 5h früh einzuleiten hat. Die Levespitze ist durch Überfall zu nehmen.“

Alsbald stellte man fest, daß die Costesinstellungen wie auch jene auf dem Marcairücken bis zur Levespitze hinauf unverändert stark besetzt waren. Bei jedem Annäherungsversuche zeigte der Feind, auch am Abend und in der Nacht, daß er nicht willens sei, seine Gräben aufzugeben. Es mußte hier zum Kampfe kommen. Die Stellungen auf der Lusernaplatte hingegen räumte er. Bereits um 3h nachm. drangen Patrouillen des IR. 47 in die Gräben ein und brachten Gefangene sowie ein Maschinengewehr ein. Das wirkungsvolle Artilleriefeuer beschleunigte den Abzug der Italiener. Nachhuten deckten ihn.

Um 8h abends erhielt Obst. Kliemann den Befehl, das Aufschließen seiner Gruppe nicht abzuwarten, sondern den Angriff mit den augenblicklich verfügbaren Kräften, Bataillon 1/47 und FJB. 7, sofort zu beginnen. Eine Jägerabteilung erreichte alsbald die Höhe Hocheck. In der Nacht wurde schließlich die ganze Lusernaplatte ohne nennenswerte Kämpfe besetzt1). Die Schlucht der Val Torra ließ ein weiteres Vorgehen ostwärts nicht zu. Der Feind hatte es gar nicht nötig, den Steilrand jenseits derselben zu besetzen. Mit der Torraschlucht in der Südflanke, dem Steilhang zum Suganatal im Norden, bildete die nur 5 km breite Abwehrfront der verstärkten italienischen 34. ID. eine nicht umgehbare und nicht umfaßbare Sperrstellung. Sie zu durchbrechen, war die erste Aufgabe des III. Korps. Gelang ihm dies, dann harrte seiner eine vielleicht noch härtere, die Zerstörung des ebenfalls beiderseits von Natur aus geschützten, zwischen den Panzerwerken Verena und Campolongo errichteten, schier unüberwindlichen Schrankens und zugleich die schwierige Besitznahme des scharfzackigen Kempeirückens.

Zur Lösung der ersten Aufgabe stand das Korps am 20. früh bereit. Der 22. SchD. war der Angriffsraum zwischen dem Gefällsbruch zum Suganatal und einer Linie 500 Schritte südlich von Vezzena—Mga. Erate—Mga. Lungolaita gegeben. Er schloß die Val d’Assastraße ein. Südlich dieses Angriffsraumes sollte die 28. ID. vorgehen. Mit besonderem Bedacht war bestimmt worden, daß die Truppen die Hauptstellungen von Marcai und Costesin nach ihrer Gewinnung rasch hinter sich bringen sollten, um der Wirkung des auf diese Linie zu gewärtigenden starken feindlichen Artilleriefeuers zu entgehen. Als Ziel galt der Abschnitt Cosť alta—Costarücken—Mga. Campo Rosato—Bosco di Poselaro. Nach Erfüllung ihrer ersten Kampfhandlung hatten die Feldartillerie-

x) V o g e 1 s a n g, 403 ff.

brigaden wieder unter den unmittelbaren Befehl ihrer Divisionen zu treten, denen dann überdies je drei Gebirgsbatterien unterstehen sollten.

Mit voller Zuversicht sahen FML. Krautwald und sein Generalstabschef, Obstlt. Freih. v. Karg, vom Mt. Rover aus dem in allen Stücken wohl vorbereiteten Kampf entgegen.

Bei klarem Wetter setzte pünktlich die gesamte Artillerie das am Vortage begonnene Zerstörungswerk mit erhöhter Kraft fort. Jene des

XX. Korps konnte nicht mittun, denn es war ihr nicht möglich, über die eroberten feindlichen Gräben hinweg weittragende Geschütze vorzubringen. Wohl aber griff die im Bereiche des XVII. Korps stehende Artilleriegruppe Obstlt. Schmidt ein. Insgesamt 218 leichte, 87 schwere und 28 schwerste Geschütze schleuderten ihren Eisenhagel auf die feindlichen Stellungen. Die Infanterie sollte um 6h früh vorbrechen; doch gab es Verzögerungen.

Die Italiener waren auf den Angriff gefaßt. Ihre Artillerie, die noch in den letzten Tagen neuerlich vermehrt worden war, legte den starken Stellungen und Drahthindernissen kräftiges Sperrfeuer vor. Besonders die in den Hochwäldern Bosco di Poselaro und Mga. Campo Rosato gut verborgenen Batterien, denen man trotz fleißiger Fliegerbeobachtung nicht viel anzuhaben vermochte, machten sich von der Flanke her sehr empfindlich fühlbar; auch die schon einmal totgesagten Geschütze bei Porta di Manazzo erhoben wieder ihre Stimme.

Vom Werk Verle aus, wo GM. Edl. v. Kochanowski, der Führer der 22. SchD., mitten unter seinen Truppen weilte, konnte man den ganzen Angriffsraum der Division übersehen. Er war von links (Levespitze 1857 m) nach rechts (Vezzena 1400m) abgedacht. Am linken Flügel bot das gegen den Feind zu allerorts stark ansteigende Gelände dem an sich rein frontalen Angriffe nicht weniger Schwierigkeiten als im südlichen Abschnitt; doch ein erster Erfolg hier konnte mit Vorteil erweitert werden. Deswegen war im Angriffsraum dieser Division das Schwergewicht auf den linken Flügel gelegt worden.

Der Angriffsstreifen der 28. ID. hatte sich dadurch, daß der Feind seit dem Vorabend die Stellungen diesseits der Val Torra aufgab, zunächst wesentlich eingeengt. Um so deutlicher trat jetzt die Bedeutung des Costesinriegels hervor, der gewissermaßen die schmale Brücke vom Vezzenaplateau zu dem ferneren Ziel der 28. ID., dem breiten Rücken, der den Mt. Verena und die Cima di Campolongo trägt, versperrte. Dies wohl erkennend, hatte FML. Schneider Edl. v. Manns-Au von Haus aus hier seine Hauptkraft, die 55. IBrig., Obst. Rada, mit dem IR. 96 links, dem IR. 87 rechts eingesetzt. Es gab keine andere Möglichkeit, als auch hier den Angriff frontal, mit brutaler Gewalt durchzuführen.

So nahmen die in erster Linie eingesetzten Regimenter des „Eisernen“ Korps in geschlossener Phalanx pflichtbewußt den blutigen Kampf auf.

Der erste Erfolg war am linken Flügel der 22. SchD., dem Grazer SchR. 3 beschieden, dessen 3. Bataillon in den ersten Tagesstunden, noch vor Beginn des allgemeinen Angriffes, die Levespitze eroberte und bei Gefangennahme einiger Dutzend Alpini auch zwei sehr gefährliche Kavernengeschütze erbeutete und unschädlich machte.

Bald darauf bemächtigten sich die Steirer Schützen und an ihrem rechten Flügel zwei Bataillone des Egerländer IR. 73 der oberen Marcaistellung x). Schon sah man hier Italiener flüchten. Doch sie rafften sich bald wieder auf und versuchten Gegenangriffe vom oberen Costarücken her. Der ganze Raum stand fortgesetzt unter schwerstem Feuer der beiderseitigen Artillerie, unter dem auch die Schützen auf der Levespitze sehr stark litten. Die 44. SchBrig., Obst. Ritt. v. Ellison, sollte dann durch Druck von Norden her den äußerst schwierigen Angriff der 18. IBrig., deren Führung Obst. Freih. v. Albori übernommen hatte, gegen die zentrale Marcaistellung erleichtern. Hier erstürmte das böhmische IR. 11 die Schanze bei 4-1548; es hielt aber vor einem mit zahlreichen Maschinengewehren bespickten Wäldchen an. Neuerlich mußte die Artillerie auf dieses Wäldchen loshämmern, bevor die Her nachmittags einzudringen vermochten. Achtenswert war dieser Erfolg. Aber er konnte an diesem Tage nicht ausgebaut werden, weil die gedachte Flankenwirkung der Gruppe Ellison, die weiterhin durch Gegenangriffe und heftiges Feuer vom Costarücken gebunden war, nicht zur vollen Geltung kam. Auch den 73 ern gelang es zunächst nur, zwei italienische Stützpunkte bei den oberen Marcaihütten zu bezwingen.

Bei der 28. ID. eroberten die Kroaten des IR. 96 ungeachtet starker Verluste im ersten Anlauf die betonierten Vorwerke auf der Höhe 4- 1506 südöstlich vom Gehöft Vezzena. Ihnen fielen zwei Geschütze, mehrere Maschinengewehre und viele Gefangene in die Hände. Schwer rangen sich die Südsteirer des IR. 87 durch die feindlichen Drahtzonen und Gräben. Auch hier spielte ein feuerspeiendes Wäldchen, das dem Costesinrücken vorlag, eine wichtige Rolle. Vergeblich brachte insbe-sonders das 3. Bataillon schwere Opfer. Erst nach neuerlicher artil-

Eine Teilschilderung der schweren Kämpfe des IR. 73 siehe in: Der Heimat Söhne im Weltkrieg, Der Egerländer, Novemberheft 1931.

leristischer Vorbereitung konnte um 5h nachm. die Besatzung des Gehölzes überwunden werden. Noch stand jedoch das Hauptwerk auf dem Costesin, eine wahre Festung, flankiert durch zahlreiche Batterien, die im Bosco di Poselaro aufgestellt waren. Jedes weitere Vorgehen bei Tag wäre hier nach Meldung des Führers der 55. IBrig., Obst. Rada, ein nicht zu rechtfertigendes Unternehmen gewesen. Daher setzte er erst am Abend die Brigadereserve ein, und rief neuerlich die ganze Brigade zum Angriff auf. Eintretender Nebel verschleierte die Kampfhandlung. Als die Nacht sich über das Schlachtfeld senkte, war der Costesinriegel noch nicht genommen, und ungewiß blieb es auch, ob der Feind vor der 22. SchD. den unteren Marcairücken noch behaupten wolle. Er hatte tagsüber mit Zähigkeit gekämpft und immer wieder Reserven vorgeführt.

Nach Mittag hatte man auf dem Campo Mandriolo viel feindliche Infanterie in lebhafter Bewegung gesehen. Die Ursache lag im Dunkel. Später stellte es sich heraus, daß ein seinerzeit auf Befehl des 11. Armeekmdos. zweckvoll bereitgestelltes Detachement kühner Tiroler Kaiserschützen auf einem vor Tagen erkundeten Pfade die Nordwand der Cosť alta erklommen hatte und auch bei der Porta di Manazzo aufgetaucht war, wodurch die Italiener in panischen Schrecken versetzt wurden. Am Abend kehrte das Detachement wieder in das Suganatal zurück1).

Den Eindruck, den das Korpskmdo. über den Kampf vom 20. Mai aus eigener Anschauung und durch Meldungen der Divisionäre gewonnen hatte, spiegelte sich in dessen Befehl für den kommenden Tag wieder. „Die Stellungen Costesin und Marcai sind, sobald sie genommen, zur Verteidigung einzurichten. Ein weiteres Vorrücken wird vorderhand nur für die 22. SchD. längs des Plateaurandes angezeigt sein. Die Aufklärung ist jedoch sogleich vorzutreiben. Sollte der Feind die Stellungen am Costesinrücken und bei Bosco di Poselaro nicht halten, so gelten die für den 20. gegebenen Ziele auch für den 21. Mai.“

Zugleich verkündete FML. Krautwald den tapferen Truppen an-

J) Pichler, 119. Die einem damals erstatteten Bericht der 181. IBrig. entnommene Angabe, daß hiebei vier schwere Geschütze erobert wurden, trifft nicht zu. — C a p e 1 1 o, 258. Hier wird dieses Ereignis vom 20. Mai mit dem um drei und vier Tage späteren Auftreten österreichischer Abteilungen bei der Porta Portule, bei der Cima Dodici und der Cima Dieci zu folgender Schilderung verschmolzen: „Die Österreicher ließen einige kühne Patrouillen vorgehen, die durch die Porta Manazzo in unserem Rücken erschienen. Der Eindruck auf die Unsrigen war außergewöhnlich groß. Sie glaubten sich vor der Rückzugslinie abgeschnitten. Der Rückzug wurde hastig und geriet natürlich in Unordnung.“ erkennende Worte des volkstümlichen Heeresgruppenführers Erzherzogs Eugen, der im Gefechtsraum des Korps dem Kampfe beigewohnt hatte.

Die Divisionäre hatten bereits über ihre Reserven verfügt. Bei der

22. SchD. waren zwei Bataillone des SchR. 26 dem Obst. Ellison, die nicht in den Kampf getretenen Teile des IR. 73 dem Obst. Albori unterstellt Avorden. Bei der 28. ID. kam das FJB. 11 an den rechten Flügel der Gruppe Obst. Rada, das selbständige Bataillon IV/SchR. 37 hinter die Divisionsmitte. Hingegen gab der Kommandant des IR. 47, Obst. Kliemann, dessen Gruppe tagsüber mit Maschinengewehren und Gebirgsbatterien die Gruppe Obst. Rada unterstützt, ansonsten aber nicht viel zu tun bekommen hatte, anderthalb Bataillone seines Regimentes als Korpsreserve ab. Das Korpskmdo., dem außerdem nur noch das FJB. 22 zur Verfügung stand, erbat sich vom 3. Armeekmdo. das Spitzenregiment (IR. 17) der 6. ID., das im Laufe des Tages über die Fricca-straße bis Casara vorgerückt war. Es wurde ihm zugewiesen.

Auch die Italiener führten neue Kräfte auf das Schlachtfeld. Flieger hatten das Herankommen von Infanterie und von Kraftwagenkolonnen aus Asiago gemeldet und gefangene Offiziere sprachen vom Anmarsch zweier Brigaden. Bisher waren über 2000 Gefangene eingebracht worden, die den Brigaden Salerno, Ivrea und Lambro sowie einem Alpini- und einem Finanzieribataillon angehörten.

In der unruhigen Nacht unternahm der Feind einen vergeblichen Versuch, die Levespitze zurückzugewinnen. Als der Tag graute, erkannte man, daß er sich allerorts zum neuen Kampfe stelle. Nun begann die 28. ID. als erste den Angriff. Um die Wirkung zu erhöhen, richtete die gesamte Artillerie des Korps Massenfeuer zunächst auf die Costesinwerke, vor denen zwei Bataillone des IR. 87 sowie das FJB. 24 und Kompagnien des FJB. 11, auf Sprungweite herangekommen, lauernd lagen. Gegen 9h vorm. sprangen sie, das Bataillon III/87 allen voran, mitten unter die überraschten Italiener hinein, die nach wildem Handgemenge, um weiterem Gemetzel zu entgehen, in Massen die Waffen streckten. Tatsächlich befanden sich unter der sehr großen Zahl von Gefangenen viele von der neu eingetroffenen, zur 30. ID. gehörenden Brigade Alessandria. Fliehende wurden von starken italienischen Reserven aufgenommen, die eben aus der Grenzschlucht gegen den Costesin-rücken aufstiegen. Mit furchtbarer Wirkung schlug unsere Artillerie in die Masse hinein. Alsbald rettete sich, wer noch konnte, in die Wälder. Ein großes Leichenfeld blieb zurück. Indessen legte die feindliche Artillerie heftiges Feuer auf die verlorenen Stellungen, so daß Teile des

IR. 96, die am linken Flügel der Angriffsgruppe in die Schanzen auf dem Nordende des Costesinrücken eingedrungen waren, sich unter Zurücklassung von Patrouillen zurückzogen. FML. Schneider-MannsAu sprach die Vermutung aus, daß die 28. ID. durch ihren Angriff in den Morgenstunden einem vom Feinde beabsichtigten sehr starken Gegenstoße zuvorgekommen sei. Es schien jetzt nicht ausgeschlossen zu sein, daß der Feind auch den Bosco di Poselaro räumen werde. Starke Aufklärungsabteilungen sollten dies feststellen.

Die 22. SchD. setzte erst gegen Mittag, nach Abweisung eines gegen ihren linken Flügel gerichteten Gegenangriffes, zum Vorstoß an. Auch hier zermürbte die Artillerie den Feind, der nach Verlust eines bestückten Blockhauses bei Marcai di sotto und wohl auch unter dem Eindrücke der Niederlage am Costesin zusehends an Halt verlor. Ein letzter kräftiger Feuerstoß um 2h nachm. trieb ihn zum Rückzuge. Rasch hintereinander wurden jetzt die Gräben überwunden, in denen sich viele entmutigte Italiener ergaben. Bald darauf erstiegen die Schützen den Nordteil des hinter der feindlichen Hauptstellung gelegenen, offenbar als zweite Linie befestigten Costarückens, den der Feind nicht mehr zu besetzen vermochte. Eine Abteilung erklomm die Cost’altaspitze (2050 m).

Bei der Porta di Manazzo und an der Straße vor der Mitte des III. Korps hielten sich noch am Abend feindliche Kräfte. Von der 28. ID. gingen starke Vorhuten in den Bosco di Poselaro vor, indes die Regimenter, die beim Kampf durcheinander geraten waren, geordnet wurden und in der eroberten Stellung nächtigten. Da die Grenadierbrigade angeblich im Antransporte war und die Flieger überdies meldeten, nachmittags starke Kolonnen auf der Straße Asiago—Osteria dei Ghertele erblickt zu haben, schien es nicht ausgeschlossen zu sein, daß der Feind am 22. Mai nochmals sein Glück versuchen werde. Dies und die Ruhebedürftigkeit der seit zwei Tagen im Kampf stehenden Truppen waren der Grund, daß das III. Korpskmdo. für den 22. Mai befahl, nur starke Nachrichtenabteilungen auszusenden und ansonsten die erreichte Linie festzuhalten.

Die Nacht verlief in voller Ruhe. Der neue Tag ließ bald erkennen, daß der Sieg an Vollständigkeit nichts zu wünschen übrig ließ. Die Verfolgungsabteilungen der 28. ID. drangen weiter vor. Sie stießen auf keinen Widerstand. Neben großen Mengen zerstreuten Kriegsgerätes fanden sie viele verlassene Geschütze. FML. Schneider-Manns-Au wartete nicht länger zu und ließ, die Artillerie umgruppierend, nachmittags einige ausgeruhte Bataillone gegen die zweite feindliche Stellung vormarschieren. Da sahen Beobachter, wie sich auf der Krone des Panzerwerkes Verena einzelne Leute zeigten. Was kaum glaublich zu sein schien, fand Bestätigung: dieses moderne, wenn auch durch die schweren Bomben und Granaten arg zugerichtete Werk wie auch das auf dem Mt. Campolongo und alle Zwischenbauten waren vom Feinde verlassen und von den vorgeschickten Patrouillen besetzt worden.

Die Italiener hatten sich bei der mit anerkennenswerter Zähigkeit und unleugbarer Tapferkeit geführten Verteidigung der Marcai—Coste-sinstellung zu viel zugemutet. Der geradezu starrsinnige Entschluß, diese erste, wenn auch am stärksten befestigte Linie, koste es, was es wolle, zu behaupten, wurde ihr Verhängnis und führte zu ihrem vollständigen Zusammenbruch. Die Italiener waren nicht mehr imstande, die zweite Linie Verena—Campolongo auch nur zu besetzen. Ohne Halt flüchteten die dezimierten Brigaden. Dem Kommandanten des XIV. Korps (28. und 30. ID.), GLt. Coardi di Carpenetto, der die Führung während der Schlacht übernommen hatte, blieb am 22. Mai abends nichts anderes übrig, als die Besetzung der dritten Stellung anzuordnen, die vom Mt. Kempel über Camporovere zur Punta Corbin verlief. Wohl gab es in dieser Linie nur wenig Befestigungsbauten, aber sie war von Natur aus überaus stark. Den zur Punta Corbin ausgestreckten linken Arm der rechtwinklig gebrochenen Stellung schützte die vor der Front liegende, tiefeingeschnittene Assaschlucht, den rechten, dessen Faust sich am Mt. Kempel festhielt, bildete die Mauer Cima Portule—Mt. Meata, an deren Fuß, tausend Meter tiefer als ihre Zinnen, die einzige durchlaufend fahrbare Straße gegen Asiago hinführte.

Die Eroberung des Kempeirückens

Stand der Feind auf dem Kempeirücken, so gab es kein Vorbeimarschieren im Assatale. Deshalb waren schon in den ersten Anordnungen, die das 11. Armeekmdo. im März gegeben hatte, besondere Maßnahmen in Aussicht genommen worden, um den Rücken in Besitz zu nehmen.

Diese Aufgabe fiel nun der 22. SchD. zu, die zwar am 22. nur ein kleines Stück vorwärts rückte, aber dessenungeachtet mit ihrem linken Flügel einen höchst wichtigen Erfolg erstritt. Schon am frühen Morgen dieses Tages ging das 3. Bataillon des SchR. 26 den Grenzkamm entlang sowie auf dem Campo Manderiolo vor und stieß noch westlich der Porta di Manazzo auf mehrere italienische Kompagnien. Diese waren am

20. Mai, als die von der Sella aufgestiegene Streifabteilung auf der Cost’alta drohend auftauchte (S. 281), eiligst hieher gesandt worden, um die Nordflanke der 34. ID. und die in diesem Raume stehende zahlreiche Artillerie zu sichern. Jetzt wehrten sie sich sehr zähe durch einige Stunden gegen das entschlossen vordringende Schützenbataillon, das in der Folge durch eine Gebirgskanonenbatterie unterstützt wurde. Schließlich wichen die arg gelichteten italienischen Kompagnien südwärts über die Bergrippen hinab. Die schon vor diesem Kampfe von den Kanonieren verlassenen Geschütze blieben stehen1).

Erscheint dieses Gefecht auch unscheinbar im Vergleiche mit der blutigen Schlacht der letzten Tage, so war es nichtsdestoweniger in der Folgewirkung von außerordentlicher Bedeutung. Die von der Porta di Manazzo hinabgeworfenen italienischen Kompagnien — es waren nach Gefangenenaussagen zwei Bataillone der Brigade Lambro — gaben schließlich jede Hoffnung auf und glitten entlang der Armierungsstraße ganz ins Assatal hinab. Hier erreichte sie am späten Abend der Befehl, die Schlüsselpunkte der dritten Linie, den Mt. Kempel und die Boccheta di Portule zu besetzen. In derselben Stunde gab Obst. Ellison, dessen Bataillone sich über die Porta di Manazzo ausdehnten, seinem Hochge-birgsdetachement gleichfalls den Auftrag, auf den Mt. Kempel vorzugehen. Als die italienischen Kompagnien, wie nicht anders möglich, erst am nächsten Morgen aufstiegen und die Höhe in Sicht bekamen, sahen sie, daß ihr Gegner ihnen zuvorgekommen war2).

Das Hochgebirgsdetachement der 43. SchBrig., dem eine Kompagnie des SchR. 26 unmittelbar folgte, hatte am 23. Mai schon um 10h vorm. den Mt. Kempel erreicht, und, begünstigt durch Nebel, die dort stehende Miliz überrascht, die hilflos sich einige Zeit zu wehren versuchte, aber nach Verlust ihrer Wohnstätten bei der Cra. Trentin die Flucht ergriff. Die schon genannten Truppenteile der Brigaden Lambro und Alessandria, die schwer ermüdet herankamen und die Höhe wieder gewinnen wollten, wurden zurückgeschlagen und dann in die Verwirrung der Milizen

*) Die hier Vorgefundenen verlassenen Batterien mitinbegriffen, betrug die bis 23. Mai vom ganzen III. Korps eingebrachte Beute: 25 schwerste, 33 schwere und etwa 20 leichte Geschütze, dann 28 Maschinengewehre. Gefangen wurden 210 Offiziere und 9400 Mann. Das Korps hatte 21 Offiziere und 329 Mann durch Tod, 48 Offiziere und 1706 Mann durch Verwundung eingebüßt.

2) S c h i a r i n i, 60.

hineingerissen. Unterdessen traf das ganze 2. Bataillon des SchR. 26 ein und erweiterte den Erfolg, während das von Obst. Ellison nachgesandte Bataillon I/SchR. 3 bei einbrechender Dunkelheit nahe den Schneefeldern des Mt. Kempel sich ein recht unbequemes Lager bereiten mußte. Gemäß den Befehlen des Korpskmdos. hatte Obst. Ellison die beiden anderen Bataillone des SchR. 26, die der Regimentskommandant, Obstlt. Passy, führte, am Nachmittag gegen die Bocchetta di Portule (1949 m) steigen lassen, um diese Scharte, die einzige, durch die ein Saumweg zur Karstwüste hinaufführte, zu gewinnen. Es wurde Nacht, ehe Obstlt. Passy das kleine, aber außergewöhnlich schwer zugängliche Sperrwerk erreichte, aus dem im Laufe des Tages vier 12 cm-Kanonen aufgezeigt hatten, daß sie ins obere Assatal sehr empfindlich zu wirken vermochten.

So war schon am 23. Mai von der italienischen dritten Linie der nördliche Eckpfeiler gefallen, den Cadorna als das stärkste Bollwerk der Verteidigung auf den Hochflächen der Sieben Gemeinden bezeich-nete, und am 24. in den Morgenstunden wurde auch die Bocchetta di Portule nach kurzem Kampfe geöffnet und von den Schützen des Obstlt. Passy überschritten. Der günstige Verlauf dieses Ereignisses konnte während des 23. bei der durch Nebel verschleierten Sicht und wegen der im Gebirge so überaus langwierigen Nachrichtenübermittlung nicht voll erkannt werden. Die übrigen beiden Bataillone der Schützenbrigade waren daher auf dem Mt. Paradiso, die beiden Regimenter der 18. IBrig. im Raume Cra. Larici—Mga. Pusterle—Baitle in Bereitschaft geblieben. Von der 18. IBrig. war das Bataillon 111/73 im Assatal nach Süden bis zur Brücke -c^-981 vorgegangen und hatte festgestellt, daß der Feind den Alt. Meata, die Befestigungen der Cra. Meata und den Mt. Interotto sowie die Sperre Val d’Assa, vor der die Straße abgesprengt war, besetzt hielt. Teile der Divisionsartillerie bezogen unter großen Mühen neue, näher zum Kempeirücken gelegene Stellungen.

Von der 28. ID. erreichten befehlsgemäß und ohne Widerstand zu finden die Gruppe Obst. Kliemann (zwei Bataillone IR. 47, FJB. 7,

1. KnBt. GbAR. 1) Castelletto, GM. Hugo Schmid mit dem Rest der

56. IBrig. den Nordrand des westöstlich hinziehenden Unterlaufes der Assaschlucht von Albaredo bis Roana. Die 55. IBrig. ging an der Vormarschstraße bei der Cra. di Campovecchio zur Nächtigung über und die Divisionsartillerie bezog Stellungen im Raume zwischen dem Mt. Verena und dem Mt. Erio. Rascher als vorausgesehen werden konnte, hatte sich der Angriffsraum des III. Korps gewissermaßen aufgebläht. Vom linken

Flügel, dem Mt. Kempel, über Roana zum Asticotal betrug jetzt die Ausdehnung rund 20 km. Die Eroberung des Kempeirückens hatte aber das Korps um einen bedeutenden Schritt näher zu dem ihm vorgezeichneten Ziele Asiago gebracht.

Schon am 22. Mai nachmittags hatte das 3. Armeekmdo. dem III. Korps als nächste Aufgabe die Gewinnung des Raumes Asiago bezeichnet und ihm die 6. ID. unterstellt; ihre Verwendung war jedoch an die Zustimmung des Armeekmdos. gebunden, dem auch die gedachte Durchführung der Vorrückung zu melden war. FML. Krautwald hatte noch am selben Tage geantwortet: „Die weitere Aktion plane ich in der Weise, daß vorerst der Rücken Mt. Kempel—Mt. Meata durch das SchR. 26 besetzt wird, die 22. SchD. sich in den Besitz der Platte bei Cra. Meata setzt. Diese brückenkopfartige Besetzung soll dann auf die Höhen 1451—Mt. Dorole—Mt. Zebio erweitert, die linke Flügelsicherung dementsprechend in die Linie Cm. Dodici—Mt. Zingarella—Mt. Zebio vorgeschoben werden.“ In den „so geschaffenen, gesicherten Raum“ wollte das Korpskmdo. die 6. ID. und eine Brigade der 28. ID. heranziehen, während der Nordrand der unteren Val d’Assa durch die zweite Brigade der 28. ID. besetzt zu halten war. Aus der angegebenen Gruppierung sollte dann der Angriff östlich des Assatales gegen Asiago geführt werden. Weiters bemerkte FML. Krautwald, „die Linie vom Steilrande der Val Sugana bis zum Mt. Zebio ist 8 km lang und wird daher mehr Kräfte als die drei Bataillone des SchR. 26 erfordern. Die sehr geringe Gebirgsausrüstung der Truppen des Korps macht die materielle Versorgung größerer Körper in einem derart unwegsamen Gebiet zu einer großen Schwierigkeit. Ich bitte daher erwägen zu wollen, ob nicht die Besetzung der genannten Linie einer Gebirgsbrigade anvertraut werden soll.“

Ohne zu diesem Berichte Stellung zu nehmen, hatte das 3. Armeekmdo. im Laufe des 23. den ihm vom Heeresgruppenkmdo. erteilten Auftrag weitergegeben, es sei „von höchster Wichtigkeit, daß das III. Korps baldigst feststellt, ob südlich des Assatales (in der Linie Punta Corbin—Asiago) auf einen ernsten Widerstand zu rechnen ist“. Auch von einer Mitteilung der 11. Armee, daß das XX. Korps angewiesen worden sei, zu versuchen, über Pedescala sich des Raumes Cm. Arde— Punta Corbin zu bemächtigen, um dem III. Korps das Überschreiten der Val d’Assa aus dem Raume Castelletto zu erleichtern, wurde FML. Krautwald in Kenntnis gesetzt. Das III. Korps meldete daraufhin, es sei sicher, daß der Feind die Linie Mt. Rasta—Camporovero—Canove—

Stella besetzt halte; er arbeite zwischen der Sperre Val d’Assa und dem Mt. Interrotto fieberhaft am Ausbau seiner Stellungen; die Brücke bei Roana sei gesprengt, ebenso auch ein Teil der Straße nördlich von Rotzo. FML. Krautwald folgte aber dem Wink der höheren Führer, indem er am 23. abends der 22. SchD. auftrug, sich in den Besitz des Raumes Mt. Meata—Cra. Meata zu setzen und die Sicherung am Kempel rücken zu vervollständigen. Die 28. ID. jedoch regte er zum freien Entschluß mit dem Hinweis an, daß es von höchster Bedeutung sei, in die neue feindliche Stellung einzubrechen, bevor der Feind Zeit habe, sich an Truppen, Artillerie und technischer Ausgestaltung zu verstärken. Die Durchführung des Unternehmens, das auch von der Möglichkeit schwerer Artilleriewirkung abhänge, müsse der Initiative des Divisionskmdos. überlassen bleiben. Jedenfalls dürfe sie erst unternommen werden, wenn die Verhältnisse auf dem Mt. Kempel, der Bocchetta di Portule und der Cra. Meata geklärt seien. Die Vortruppen der 28. ID. suchten am Rande der Assaschlucht nach einem Übergang.

Das ernsteste Hemmnis für die Fortführung der Kriegshandlung war aber, daß über das wiederhergestellte schmale Straßenstück Vez-zena—Osteria dei Termine und über den von hier südwärts abzweigenden steilen Fahrweg die Masse der Artillerie des Korps sowie der ganze Nachschub der 28. ID. durchgezwängt werden mußte. Trotz aller Anstrengungen gelang es bis zum 24. Mai nicht, eine angemessene Zahl von Batterien in dem gedachten Raum Mt. Verena—Cm. Civello—Mt. Erio in Stellung zu bringen. Ein Bersaglieribataillon, das an diesem Tage bis Roana über die Val d’Assa kam, wurde durch das FJB. 11 übel zugerichtet und zurückgetrieben. Dies mochte der 28. ID. als Warnung vor Unternehmen kleineren Stiles dienen, die in umgekehrter Richtung, in den Sack von Asiago hinein, nur noch mehr Gefahr verhießen. Auch die 18. IBrig. der 22. SchD., die den Mt. Meata und die Cra. Meata als Ziel hatte, wartete vergeblich auf die Artillerie und sah sich außerstande, von der Osteria dei Ghertele, wo sie versammelt war, den Anstieg schräg über den bewaldeten steilen Berg durchzuführen, über den kein Steig führte. Die 43. SchBrig. dagegen machte am 24. Mai, dank ihrem am Vortage erfochtenen Erfolge, sehr beachtenswerte Fortschritte. In erstaunlich kurzer Zeit trafen die 3. Kanonenbatterie des GbAR. 9 und die 4. des GbAR. 4 von der Cra. Lenzola auf der Bocchetta ein. Dann stiegen Obst. Ellison und mit ihm die Brigadereserve, das 1. und das 3. Bataillon des SchR. 3, den stückweise über Schneewächten führenden Pfad hinan. Die Gruppe Obstlt. Schneeweiss (II/SchR. 3 und

I/SchR. 26) ging ostwärts so weit vor, bis die Cm. di Campoverde (2127 m) und der Mt. Pallone (2159 m) in ihrem Besitz waren. Hier trat sie mit Teilen der zur italienischen 28. ID. gehörenden Brigade Lombardia ins Gefecht und warf sie noch am 25. zurück.

Große Wirkung auf den Feind übten neuerlich drei aus dem Suganatal ausgesandte Streifabteilungen. Sie waren am 23. Mai in der Mga. Lanzolla versammelt worden und tauchten am 24. auf dem Grenzkamme bei der Porta Portule und auf der Cm. Dodici auf. Am 25. erstiegen zwei Kompagnien des Bataillons 1/85 die Cm. Dieci und die Cm. Maora. Den Italienern, die sich verwirrt zur Flucht wandten, ging die Verbindung zum Suganatal verloren. Obstlt. Passy führte am 24. Mai die Bataillone III/SchR. 26 und I/SchR. 3 gegen die Aja dell’Orsara und die Mga. Pusterle vor, während das 2. Bataillon des SchR. 26, die Verbindung zur Gruppe Obstlt. Schneeweiss haltend, den Mt. Colomba-rone erklomm. Auf dem Mt. Cucco standen etwa drei italienische Bataillone, Reste der Brigade Alessandria, verstärkt durch Alpini, die offenbar zur Wiedergewinnung der Bocchetta hergesandt worden waren. Unschlüssig gingen sie erst am Abend gegen die Mga. Portule vor und wurden, nicht zuletzt dank dem tätigen Eingreifen der früher genannten Gebirgsbatterien, zurückgeschlagen.

Um den nun am 25. Mai durchzuführenden Angriff der 18. IBrig. zu fördern, sandte GM. Kochanowski dem Obst. Ellison noch ein Bataillon, damit er, seinen Erfolg erweiternd, von der Nordflanke her die Bezwingung des Mt. Meata erleichtere. Es war das 2. Bataillon des böhmischen IR. 11, das am späten Abend von Baitle aufbrach und die kaum glaubliche Leistung vollbrachte, durch die Köbeleschlucht in der Nacht, während der ein Gewitter niederging, die Bocchetta zu ersteigen. Ungeachtet der Ermüdung rückte es dann im Verein und wetteifernd mit zwei Schützenbataillonen gegen den Mt. Cucco (1826 m) vor, von dem aus die Italiener bei Tagesanbruch einen vorübergehend rechte Besorgnis erregenden Vorstoß gegen die Mga. Portule unternommen hatten. Nach scharfem Gefechte, in welchem über 500 Italiener gefangen wurden, erreichte Obstlt. Heinrich Tenner, der die Gruppe führte, den Mt. Cucco und den Rücken südwärts der Cm. dell’Arsenale. Nördlich schloß Obstlt. Passy mit zweieinhalb Schützenbataillonen an. Während dieser Ereignisse bei den Truppen Ellisons, von denen eine Abteilung befehlsgemäß über die Aja dell’Orsara gegen den Mt. Meata vordrang, hatte sich in der Nacht auf den 25. Mai das IR. 73 nördli