ÖSTERREICH-UNGARNS LETZTER KRIEG 1914-1918

HERAUSGEGEBEN VOM ÖSTERREICHISCHEN BUNDESMINISTERIUM FÜR LANDESVERTEIDIGUNG UND VOM KRIEGSARCHIV

SECHSTER BAND

DAS KRIEGSJAHR 1917

VERLAG DER MILITÄRWISSENSCHAFTLICHEN MITTEILUNGEN

WIEN

UNTER DER LEITUNG VON EDMUND GLAISE-HORSTENAU

BEARBEITET VON

EDUARD CZEGKA, FRITZ FRANEK, WALTHER HEYDENDORFF, RUDOLF KISZLING, CARL KLUMPNER, ERNST WISSHAUPT

UND GEORG ZÖBL

MIT 36 BEILAGEN

VERLAG DER MILITÄRWISSENSCHAFTLICHEN MITTEILUNGEN

WIEN.

Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, Vorbehalten Copyright 1930

by Verlag der Militärwissenschaftlichen Mitteilungen in Wien Einbandzeichnung von Rudolf Junk in Wien

Druck: Augustinus-Druckerei, Klosterneuburg

VORWORT ZUM SECHSTEN BANDE

Der vorliegende sechste Band des amtlichen Kriegswerkes „Österreich-Ungarns letzter Krieg 1914—1918“ behandelt die Begebenheiten des wohl sehr kämpfereichen, aber noch entscheidungslosen Kriegsjahres 1917. Da diesmal im Gegensatz zu bisher die Ereignisse eines Kriegsjahres bloß in einem Bande geschildert werden, mußten aus Raumgründen manche weniger belangreiche Kampfhandlungen sehr knapp zusammengefaßt werden.

Die einzelnen Abschnitte wurden von folgenden Mitarbeitern verfaßt:

„Die Entwicklung der öst.-ung. Wehrmacht im Jahre 1916“ vom Obstlt. d.BH. Dr. Franek, mit Beiträgen über Heer- und Kampfführung vom GM. d. R. Zöbl und vom Staatsarchivar Mjr. a. D. Dr. Czegka und über „Conrads Sturz und die neue Heeresleitung“ vom Generalstaatsarchivar Obst. a. D., Dr. h.c. Glaise-Horstenau;

„Winter und Frühlingsanfang 1917“ vom Archivsekretär Mjr. a. D. Wi s sh au p t (Ostfront), GM. d. R. Z ö b 1 (Südwestfront), Obstlt. d. BH. Klumpner (Balkan), Hofrat Obst. a. D. Kiszling (Westfront und große Führerentschlüsse);

„Die Mai- und Junischlachten im Südwesten“ vom GM. d. R. Zöbl (Zehnte Isonzoschlacht) und Mjr. d. R. Heydendorff (Die Junischlacht in den Sieben Gemeinden);

„Der letzte Russen an sturm“ und „Die Wiedereroberung von Ostgalizien“, beide vom Archivsekretär Mjr. a. D. Wisshaupt;

„Die letzten Schlachten auf dem rumänischen Kriegsschauplatz“ vom Staatsarchivar Mjr. a. D. Dr. Czegka, mit einer „Rückschau auf den Krieg im Osten im Sommer 1917“ vom Hofrat Kiszling;

„Das militärische Weltbild im Frühjahr und Sommer 1917“ vom Generalstaatsarchivar Dr.h.c. Glaise-Horstenau;

„Der Hochsommer 1917 an der Südwestfront“ vom GM. d. R. Zöbl;

„Die Herbstoffensive gegen Italien“ vom Hofrat Obst. a. D. Kiszling, die hierin enthaltenen Novemberkämpfe der Tiroler Heeresgruppe

FM. Conrad vom Mjr. a. D. H e y d e n d o v f f, das Kapitel „Die Kämpfe um die Dauerstellung im Dezember“ vom GM. d. R. Zöbl;

,,Der Ausklang des Kriegsjahres 1917“ vom Staatsarchivar Mjr.a.D. Dr. Czegka (Osten), Hofrat Kiszling (Westfront), Obstlt. d. BH. Klump ne r (Orient) und ,,Der Rückblick auf das Kriegsjahr 1917“ vom Generalstaatsarchivar Dr. h. c. Glaise-Hor stena u.

In gleicherweise wie bisher haben am Zustandekommen des Bandes verdienstvoll mitgewirkt: GO. d. R. S a r k o t i ć-Lovćen, Gen. d. R. Ing. Ratzenhofer, GM. d. R. Spannocchi, Generalstaatsarchivar Univ.-Prof. Dr. Bittner, Hofrat d. R. Obst. a. D. Ehnl, Hofrat d. R., Rtm. a. D. Sacken, Obst. d. R. Reiner, Regierungsrat Obstlt. a. D. Martinec und Wirkl. Amtsrat Mjr.a.D. Pi bl. Gen. d. R. Ing. Ratzenhofer muß überdies noch als Verlagsleiter besonders hervorgehoben werden.

Eine sehr wertvolle, außerordentlich dankenswerte Förderung erfuhr der Band durch den Bundeskanzler und Bundesminister für Landesverteidigung Dr. Schuschnigg, den Staatssekretär für Landesverteidigung GdI. Zehner, den ersten Sektionschef GdK. Brantner und den Chef des Generalstabes FML. Jansa. Schließlich sei den ehemaligen höheren Führern, die diesmal in besonders großer Zahl zur Durchsicht der Entwürfe gebeten wurden, für ihre Mühewaltung der wärmste Dank gesagt.

Wien, im Juli 1936.

Der Leiter der kriegsgeschicht-    Der    Direktor

liehen Abteilung des Kriegsarchivs des österreichischen Kriegsarchivs

Dr. h.c. GLAISE-HORSTENAU

KISZLING


I NH ALTSVERZEICHNIS

Seite

Vorwort zum VI. Band..................... V

Verzeichnis der Abkürzungen...................XVII

Die Kriegspläne für das Kriegsjahr 1917

Die entscheidenden Beschlüsse bei den Mittelmächten....................3

Der Operationsentwurf des Feldmarschalls Conrad................3

Der uneingeschränkte Unterseebootkrieg..........................6

Die nächsten Entschlüsse für den Landkrieg......................8

Pläne und Konferenzen bei der Entente...............11

Der Kriegsrat im November 1916 zu Chantilly..........11

Wandlungen der russischen Angriffspläne........................12

Die militärische Lage Italiens..................................15

Balkanpläne der Entente..................18

Die Entwicklung der öst.-ung. Wehrmacht im Jahre 1916

Die Erfahrungen aus der Heer- und Kampfführung...........23

Der Krieg im Gebirge...................23

Die Kampfweise im Manövriergelände.............29

Das Verteidigungsverfahren an der russischen Front......29

Die Abwehr am Isonzo................37

Wiederaufleben des Bewegungskrieges..............40

Die Winterarbeit........................................42

Wandlungen im Aufbau und im Gefüge der Armee..........45

Die Menschenbewegung im Jahre 1916.............45

Veränderungen bei den Fußtruppen und bei der Reiterei.......49

Artillerieausbau und industrielle Entwicklung..........57

Die Entwicklung der Luftwaffe und der technischen Truppen    ....    63

Conrads Sturz und die neue Heeresleitung............68

^Winter und Frühjahrsanfang 1917

Begebenheiten auf dem russisch-rumänischen Kriegstheater........75

Die Ostfront bis zum Ausbruch der Märzrevolution in Rußland    ....    75

Die Lage der Heeresgruppe Mackensen...........75

Die Ereignisse in Siebenbürgen und in den Waldkarpathen    ...    76

Die Lage am Südteil der Heeresfront Prinz Leopold von Bayern    .    .    82

Seite

Der Sturz des Zarentums..................87

Der Zustand des russischen Heeres.............93

Die Ereignisse an der Ostfront nach Ausbruch der russischen Revolution 94

Die Erstürmung des Brückenkopfes von Tobol........97

Beginn der Friedenspropaganda..............99

Plane der russischen Führung...............101

Der Südwesten im ersten Jahresdrittel    1917.............104

Die Maßnahmen der österreichisch-ungarischen Führung.......104

Die Ereignisse bei der 5. Armee................111

Begebenheiten in Kärnten und in Tirol.............116

Die Tätigkeit der Italiener..................118

Die    Ereignisse in Frankreich und auf dem Balkan...........120

Winter und Frühjahr 1917 an der    Westfront...........120

Der Balkan bis Ende Mai 1917................122

Der Winter in Albanien................122

Die Frühjahrsschlachten in Mazedonien...........125

Der serbische Aufstand im Moravagebiet..........127

Die großen Führerentschlüsse bis anfangs Mai..........128

Die Mai- und Junischlachten im Südwesten

Die    zehnte Isonzoschlacht (12. Mai bis 5*Juni)............133

Vorbereitungen bei Feind und Freund.............133

Der italienische Angriffsplan...............133

Das Bereitstellen der k.u.k. 5. Armee............135

Der erste Waffengang (12. bis 20. Mai).............139

Der Großangriff der Görzer Armee............139

Die Kämpfe im Becken von Görz.............146

Der Nebenangriff der italienischen 3. Armee.........149

Der Ausklang des ersten Teiles der Schlacht (17. bis 20. Mai) .    .    152

Der zweite Waffengang (23. bis 28. Mai)............160

Der Hauptangriff der Armee Aosta.............160

Der letzte Angriff der Görzer Armee (23. bis 26. Mai).....171

Der Gegenangriff (28. Mai bis 5. luni)............175

Rückblick......................181

Die    Junischlacht in den Sieben Gemeinden..............185

Italienische Vorbereitungen..................185

Maßnahmen der Heeresgruppe FM. Conrad............187

Kampfraum und Kräftevergleich................191

Die Ortigaraschlacht (9. bis 29. Juni 1917)...........193

Der italienische Angriff am 10. und 11. Juni.........193

Der Gegenangriff des k.u.k. III. Korps am 15. Juni......196

Die Erneuerung des italienischen Ansturmes (18. und 19. Juni) .    .    .    200

Die Wiedereroberung des Mt. Ortigara am 25. Juni......203

Ergebnisse und Auswirkung...............207

Der letzte Russenansturm

Seite

Begebenheiten im Mai und Juni..................213

Niedergang des russischen Angriffswillens............213

Fortsetzung der Friedenspropaganda im Mai.........213

Der weitere Verfall des russischen Heeres..........216

Das Ende der Friedenspropaganda.............219

Der Sommeroffensive entgegen (Juni 1917)...........221

Versuche zur Wiederbelebung des russischen Kampfgeistes......221

Die Lage in Ostgalizien vor dem russischen Angriff (Juni 1917) .    226

Die Untätigkeit der Verbündeten Rußlands............231

Die Begebenheiten an der Westfront............231

Die Ereignisse auf dem Balkan und im    nahen    Orient......233

Die Doppelschlacht bei Koniuchy—Zborów und bei    Brzeżany    (29. Juni bis 3. Juli) 236

Der Beginn des großen russischen Angriffes (29. und 30. Juni)    ....    236

Der Durchbruch der Russen im Abschnitte Złoczów (1. bis    3.    Juli)    .    .    244

Der Abwehrsieg der Südarmee (1. bis 3. Juli)..........253

Stocken des russischen Angriffes gegen die Südarmee und den Abschnitt

Złoczów (4. bis 8. Juli).................258

Die Schlacht bei Stanislau—Kałusz (6. bis 16. Juli)...........261

Einleitung der Angriffe der 8. Russenarmee (6. und 7. Juli)......261

Der Verlust der Jutrena góra (8. bis 9. Juli)...........265

Das Vordringen der Russen bis Kałusz (10. bis 13. Juli).......271

Das Ende des Russenangriffes in Galizien (14. bis 16. Juli).....279

Tätigkeit der Russen an den Nachbarfronten.............282

Scheinangriffe in den Grenzbergen Ostsiebenbürgens, in den Waldkarpathen

und in Wolhynien (Ende Juni bis Mitte    Juli).........282

Der Mißerfolg der Russenoffensive auf Wilna...........285

Die Rückeroberung von Ostgalizien

Die Durchbruchsschlacht bei Zborów................289

Operationsplan und Angriffsvorbereitungen............289

Einsturz der Russenfront zwischen Sereth und Strypa (19. bis    21.    Juli)    .    .    294

Die Verfolgung bis an den Zbrucz (22. bis 25. Juli)..........301

Verfolgungskämpfe des Abschnittes Złoczów und der Südarmee    ....    301

Der Beginn des Vormarsches der k. u. k. 3. Armee.........309

Die Fortsetzung der Verfolgung bis zum Monatsende........310

Die Südarmee vom 26. bis zum 29. Juli...........310

Verfolgungskämpfe der k. u. k. 3. Armee zwischen dem Dniester und

dem Pruth (26. bis 31. Juli).............315

Der Vorstoß aus den Karpathen..................316

Der Vormarsch der k. u. k. 7. Armee bis an die Moldawa und an den Czeremosz (24. bis 30. Juli).................316

Seite

Die Kämpfe bis zur Wiedereroberung von Czernowitz (31. Juli bis 5. August) 323

Die Befreiung der Bukowina (Ende Juli bis Mitte August)......323

Pläne und Befehle...................323

Die Yormarschpläne der k. u. k. 7. Armee..........325

Der    Abschluß der Kämpfe in Ostgalizien..............330

Das Ringen der Südarmee um die Zbruczlinie    (29. Juli bis Mitte August) .    330

Wiederaufnahme des Stellungskrieges am Zbrucz..........333

Die letzten Schlachten auf dem Rumänischen Kriegsschauplatz

Die    Offensive des neuerstarkten Rumänenheeres............339

Der russisch-rumänische Operationsplan und die Maßnahmen der Mittelmächte .......................339

Die Angriffe über den Sereth und gegen die Ostgrenze Siebenbürgens .    .    346

Die Artillerieschlacht bei Nämoloa^a (22. bis 25. Juli).....346

Der Einbruch der Armee Averescu in das Sovejabecken (22. bis

29. Juli)....................348

Ein neuer Angriffsplan der Mittelmächte.............358

Die letzten Tage vor der Offensive der Mittelmächte........362

Die    Gegenoffensive der Mittelmächte................366

Die Schlacht bei Focsani (6. bis 13. August)............366

Die Schlacht im Ojtozgebiet (8. bis 13. August)..........374

Entschlüsse und Pläne der hohen Führung..........382

Weitere Kämpfe um die Zugänge in die westliche Moldau......383

Neuerlicher Vorstoß der Armee Eben und Abzug der Rumänen aus

dem Sovejabecken (14. bis 18. August).........383

Der Doppelangriff der Armee Eben und der Gruppe Gerok (19. bis

22. August)...................388

Letzter Vorstoß der Armee Eben und Abbruch der Offensive

(22. August bis Anfang September)...........391

Vorstoßversuche aus der Bukowina während des Monats August ....    394

Kämpfe der Armee Kövess und Pläne der Führung.......394

Die Eroberung der Höhe Dolżok durch die 3. Armee' (27. August) .    400

Der Ausklang der Sommerschlachten im Osten............401

Die Endkämpfe der Heeresfront Erzherzog Joseph an der Moldaufront

(September 1917)...................401

Vorstoß der Armee Averescu gegen die Gruppe Gerok.....401

Verzicht auf die Eroberung der Moldau...........405

Übergang zum Stellungskrieg im Osten.............407

Rückschau auf den Krieg im Osten im Sommer 1917.........408

Das militärpolitische Weltbild im Frühjahr und Sommer 1917

Bruch der Vereinigten Staaten von Nordamerika mit den Mittelmächten .    415

Kaiser Karls Friedensversuche................417

Österreich-Ungarn in den militärischen Plänen der Entente......424

Der Hochsommer 1917 an der Südwestfront

Seite

Die elfte Isonzoschlacht....................431

Die Vorboten des neuen Ringens................431

Der Angriffsplan der Italiener..............431

Maßnahmen der öst.-ung. Führung.............433

Der erste Ansturm der Italiener (18. bis 21. August)........438

Der Durchbruch auf der Hochfläche von Bainsizza-Heiligengeist (21. und

22. August).....................450

Der Befehl zur Preisga/be der Hochfläche von Bainsizza-Heiligengeist 455

Das Überwinden der Krise...............458

Der Anprall der Italiener an die neue Verteidigungsfront ....    464

Der Ausgang der Schlacht..................468

Wechselnde Entschlüsse der italienischen Heeresleitung.....468

Die Verschärfung der Kämpfe um den Mt. S. Gabriele......472

Der Gegenangriff des k.u.k. XXIII. Korps an der Küste ....    475

Fortgesetztes Ringen um den Mt. S. Gabriele.........478

Rückblick........................483

Die Ereignisse in Tirol und in Kärnten im Sommer 1917 .........487

Die Herbstoffensive gegen Italien

Die Vorbereitungen......................493

Das Entstehen der Idee und des Angriffsplanes..........493

Der Aufmarsch......................500

Die Heeresgruppe Boroevic von Mitte September bis zum Beginn der

Offensive......................505

Die Begebenheiten in Tirol und in Kärnten von Anfang September bis

zum 24. Oktober...................508

Die hohe italienische Führung zwischen der elften und der zwölften

Isonzoschlacht....................513

Die italienischen Verteidigungsstellungen.............518

Die Angriffsbefehle....................520

Die zwölfte Isonzoschlacht (24. bis 27. Oktober)............524

Die Durchbrüche bei Flitsch und Tolmein............524

Der erste Schlachttag..................524

Die Vollendung des Durchbruches (25. und 26. Oktober).....536

Cadornas Entschluß zum Rückzug...............545

Das Zurückwerfen der italienischen Nachhuten am 27. Oktober ....    550

Die Verfolgungskämpfe der Armee Below..........550

Die Ereignisse bei der Heeresgruppe Boroevic...........554

Das Ergebnis der zwölften Isonzoschlacht............557

Seite

Die    Schlacht bei Codroipo-Latisana (28. Oktober bis 1. November).....562

Der Wettlauf zum Tagliamento................562

Absichten und Befehle.................562

Der Rückzug der Italiener in den Karnischen und Julischen Alpen

am 2S. und 29. Oktober...............566

Durchbruch durch die italienische Front am Torre (28. Oktober)    .    .    569

Fortsetzung der Verfolgung in der Ebene am 29. Oktober ....    574

Versuch eines Abschneidcns der italienischen 3. Armee........578

Entschlüsse und Befehle für den 30. Oktober.........578

Der Vorstoß auf Codroipo und Latisana (30. und 31. Oktober) .    .    .    581

Der Ausklang der Schlacht................590

Das    Erzwingen des Überganges über den Tagliamento..........593

Vordringen der 10. Armee und der Gruppen Krauss und Stein bis an den

Tagliamento (30. Oktober bis 1. November).........593

Die Entwirrung der Lage bei der Heeresgruppe ßoroevic (l.Nov.) .    598

Der Vorstoß über den Tagliamento...............600

Die Maßnahmen der hohen Führung bei Freund und Feind ....    600

Der gewaltsame Flußübergang bei Cornino und Pinzano (2. bis 4. Nov.) 605 Die Übergangsversuche der Heeresgruppe Boroevic zwischen dem 2.

und dem 4. November...............609

Die    Verfolgung bis zum Piave und in den Dolomiten (5. bis 10. November)    .    .    611

Maßnahmen der hohen Führung................611

Die Verfolgung bis an den unteren Piave............616

Vom Tagliamento bis zur Livenza (5. bis 7. November).....616

Die Gefangennahme der 36. und der 63. italienischen Division .    .    621

Von der Livenza zum unteren Piave (8. bis 10. November) ....    622

Das Eingreifen der Heeresgruppe Conrad............626

Die italienische 4. Armee im Cadore............626

Die Vorbereitungen zur Offensive bei der Heeresgruppe Conrad .    .    629

Die Verfolgung in den Dolomiten (4. bis 10. November) ....    632

Der Vorstoß gegen den Raum westlich vom Piave...........640

Entschlüsse und Befehle der Verbündeten............640

Abwehrmaßnahmen der Italiener...............644

Das Nachstoßen der k.u.k. 11. Armee auf der Hochfläche von Asiago (10.

bis 16. November 1917).................646

Der Rückzug des Nordflügels der italienischen 1. Armee.....646

Die Bereitstellung der k.u.k. 11. Armee...........647

Der erste Ansturm auf die Hochfläche von Asiago (10. bis 16. Nov.) 650

Der Vorstoß zwischen Brenta und Piave.............657

Die beiderseitigen Kräfteaufgebote und ihre Aufgaben......657

Der erste Angriff gegen den Mt. Grappa (14. bis 18. November) .    661

Der Übergangsversuch am Piave................667

Systematische Fortsetzung der Angriffe gegen die Randberge.....669

Anordnungen der hohen Führung ..........................669

Angriffe der Verbündeten in der zweiten Novemberhälfte .    .    .    .    671

Die Einstellung der Offensive................. .    676

Seite

Die Kämpfe um die Dauerstellung im Dezember............679

Die Eroberung des Melettamassivs...............679

Ziele und Maßnahmen der Heeresgruppe FM. Conrad......679

Die Vernichtung der italienischen 29. Division........683

Die Dezemberkämpfe im Grappagebirge.............688

Die Eroberung des Col della Beretta und des Mt. Spinuccia    ....    688

Die Erstürmung des Mt. Asolone..............693

Der Ausklang der Dezemberkämpfe..............695

Betrachtungen........................700

Vor- und Nachteile der Vorrückungsstreifen...........700

Die Wiederverlegung des Schwergewichtes auf den Nordflügel    ....    704

Das Zusammenwirken der Südwestfront mit der Heeresgruppe    Conrad    .    .    706

Die Einstellung der Offensive und ihr Ergebnis..........710

Der Ausklang des Kriegsjahres 1917

Der Osten im letzten Jahresviertel 1917...............717

Weiterer Verfall der Staatsgewalt und des    Heeres    in    Rußland.....717

Ereignisse bei den Heeresfronten Erzherzog Joseph und Prinz Leopold

(Oktober bis Mitte November)..............721

Der Novemberumsturz in Rußland und seine Auswirkung.......727

Die Waffenstillstandsverhandlungen..............732

Der Vertrag von Brest-Litowsk..............732

Der Vertrag von Foc?ani................733

Zwischen Krieg und Frieden (Mitte November    bis    Ende    Dezember) .    .    737

Die Westfront im letzten Jahresdrittel 1917.............742

Der Orient im zweiten Halbjahr 1917................746

Die Begebenheiten in Albanien und in Mazedonien.........746

Die Türkei im zweiten Halbjahr 1917.............753

Rückblick auf das Kriegsjahr 1917.................755

Anhang...........................762

Personenverzeichnis und Verzeichnis der öst.-ung. und der verbündeten Truppenverbände

Personenverzeichnis......................773

Verzeichnis der    öst.-ung. Truppenverbände..............781

Verzeichnis der    deutschen Truppenverbände.............788

Verzeichnis der    bulgarischen Truppenverbände............790

Verzeichnis der    türkischen Truppenverbände.............790

Ergänzungen und Berichtigungen zu den ersten sechs    Bänden.......791

BEILAGEN VERZEICHNIS

Beilage

Die Kriegslage in Europa zu Land und zur See am 1. Februar 1917..........1

Die öst.-ung. Wehrmacht um die Jahreswende 1916-17..................2

Die Ostfront zwischen dem Pripiatj und der Donaumündung. Lage am    1. März    1917    3

Nebenskizze: Die Erstürmung des Brückenkopfes von Tobol am    3. April    1917    3

Lage auf dem südwestlichen Kriegsschauplatz am 1. April 1917......4

Kräfteverteilung nach der Evidenz des AOK. vom 1. April 1917    ....    4

Lage auf dem Balkan anfangs Mai 1917..............................5

Kriegsgliederungen für das Frühjahr 1917..............6

Die 10. Isonzoschlacht......................7

Lage am 12. Mai 1917....................7

Lage am 5. Juni 1917............................7

Erster Teil der 10. Isonzoschlacht..................................8

Aufstellung der Batterien bei Beginn der Schlacht....................8

Lage am 14. Mai und Einsatz der italienischen Kräfte........8

Der Großangriff der ital. 3. Armee in der 10. Isonzoschlacht. 23 bis 28.    Mai    1917 .    9

Angriffsgruppierung und Hauptangriffsrichtungen der Italiener.....9

Lage im Abschnitt III am 23. Mai, 4h nachmittags..................9

24. Mai; 25. Mai vormittags; 25. Mai abends............9

Der Gegenangriff. 4. Juni morgens...............9

Lage auf dem Ostflügel der k.u.k. 4. Armee am 15. Juni 1917 (Skizze    a)    .    .    10

Die Ortigara-Schlacht......................10

Lage am 10. Juni 1917 früh und der italienische Angriff an diesem Tage

(Skizze b)......................10

Lage am 19. Juni 1917 früh und der italienische Angriff an diesem Tage

''Skizze c)......................10

Der öst.-ung. Gegenangriff am 25. Juni 1917    nachts    (Skizze d) ....    10’

Laufbild der Eisenbahntruppentransporte Jänner bis    Juli    1917.......11

Der Aufmarsch bei Złoczów im Juli 1917.............11

Lage bei der Heeresgruppe Böhm-Ermolli Ende Juni    1917.........12

Kriegsgliederung für den russisch-rumänischen Kriegsschauplatz im Sommer 1917    13

Die Schlacht bei Koniuchy—Zborów und bei Brzeżany vom 1. bis 3. Juli 1917 .    .    14

Die Schlacht bei Stanislau Kałusz vom 8. bis    13. Juli 1917........15

Der Verlust der Jutrena góra am 8. Juli    1917...........15

Der Einbruch der Russen bei Kalusz am    11. Juli 1917........15.

Beilage

Der Durchbruch bei Zborów. 19. bis 21. Juli 1917............16

Die Offensive der Verbündeten in Ostgalizien und in der Bukowina. 21. Juli bis

8. August 1917.......................17

Die    Lage auf dem rumänischen Kriegsschauplatz am 22. Juli 1917    (Skizze 1) .    .    18

Der    Einbruch der Armee Averescu in das Sovejabecken (Skizze    2)......18

Die Schlachten bei Focsani und im Ojtozgebiet vom 6. bis 18. August 1917

(Skizze 3)........................18

Die Schlachten bei Focsani und im Ojtozgebiet vom 19. August bis Mitte September 1917 (Skizze 4).....................18

Die    11. Isonzoschlacht......................19

Bereitstellung und Kriegsgliederung der Streitkräfte am    18.    August 1917 .    19

Raumverluste im Laufe der elf Isonzoschlachten..........19

Die    11. Isonzoschlacht......................20

Aufstellung der Artillerie auf dem Schlachtfelde zwischen Tolmein und der

Wippach zu Beginn der Schlacht..............20

Der Rückzug auf den Hochflächen von Bainsizza Heiligengeist.....20

Der Mt. S. Gabriele ....................20

Der Gegenangriff des XXIII. Korps. 4. und 5. September    1917.....20

Laufbild der Eisenbahn-Truppentransporte vom 1. August bis 31. Dezember 1917    21

Die Lage am Isonzo am 24. Oktober 1917 knapp vor Beginn des Angriffes ...    22

Kriegsgliederung der an der Südwestfront stehenden Streitkräfte zu Beginn der

Herbstoffensive 1917....................23

Angriffspläne der Verbündeten und die durch Fliegeraufnahmen ermittelten italienischen Stellungen.....................24

Landschaftsbilder bedeutsamer Kampfräume der Isonzofront........25

Das Becken von Flitsch...................25

Das Becken von Tolmein...................25

Die Hermada.......................25

Die zwölfte Isonzoschlacht. Die Durchbruchsangriffe bei Flitsch und Tolmein

am 24. Oktober 1917....................26

Die    zwölfte Isonzoschlacht. Ereignisse am 25., 26. und 27. Oktober 1917 ...    27

Verfolgung der Italiener durch die Verbündeten am 28. und 29. Oktober 1917 .    28

Die    Schlacht bei Codroipo—Latisana. 30. und 31. Oktober 1917.......28

Das    Erzwingen des Überganges über den Tagliamento. 30. Oktober    bis 4. November 1917    ........................29

Die Ereignisse bei    Cornino vom    31. Oktober bis 3. November 1917 ....    29

Die    Verfolgung bis zum    Piave und in    den Dolomiten. 5. bis 10. November 1917    .    30

Der    Vorstoß gegen den    Raum westlich vom Piave. 11. bis 18. November 1917    .    31

Lage der Verbündeten zwischen    Asiago und dem Piave am 25. Nov. 1917    .    31

Beilage

Landschaftsbilder der zwischen Asiago und    dem Piave    gelegenen Kampfräume .    32

Der Ostteil der Hochfläche der Sieben    Gemeinden..........32

Der Gebirgsstock des Mt. Grappa von    Osten her    gesehen.......32

Der Gebirgsstock des Mt. Grappa von    Westen her gesehen......32

Die Kämpfe um die Dauerstellung im Dezember 1917..........33

Die Eroberung des Melettamassivs am 4. und 5. Dezember    1917.....33

Die Kämpfe im Grappagebiet vom 11. bis 21. Dezember    1917......33

Die Eroberung des Col del Rosso am 23. Dezember 1917........33

Die Lage im Süd westen am 26. Dezember 1917...........33

Die Ostfront südlich vom Pripiatj am 1. Oktober 1917..........34

Die Ostfront südlich vom Pripiatj am 31. Dezember 1917.........34

Die Balkanfront Ende Dezember 1917................35

Kämpfe der 20. Gebirgsbrigade (Ohrida-Division). 8. September bis 21. Oktober 1917......................35

Lage in der Türkei zu Ende des Jahres 1917..............35

Zeittafel der Feldzüge und der wichtigsten Schlachten des Kriegsjahres 1917 .    .    36

VERZEICHNIS DER ABKÜRZUNGEN

AOK. = Armeeoberkommando ArtGen., ArtKmdt., ArtKmdo. = Artilleriegeneral (-kommandant, -kommando) Baon. = Bataillon Bers = Bersaglieri

BrBaon., BrKomp. = Brückenbataülon (-kompagnie)

Bt. = Batterie d. = deutsch D., Div. = Division Det. = Detachement Div.-Gen. = Divisionsgeneral (franz., rum.)

DionsKav. = Divisionskavallerie DOHL. = Deutsche Oberste Heeresleitung DR., HR., UR. = Dragoner- (Husaren-, Ulanen-) regiment F = Feld

FABrig., HFABrig., RFABrig. = Feld-(Honved-, Reserve- Feld-) artilleriebrigade

FHR., FHD., FHBt. = Feldhaubitzregiment (-division, -batterie) finn. = finnisch FJB. = Feldjägerbataillon FKR., FKD., FKBt. = Feldkanonenregiment (-division, -batterie)

FlakBt., Flakzug = Fliegerabwehrkanonenbatterie (-zug)

Flakn. = Fliegerabwehrkanone FliegKomp., FliegAbtlg. = Fliegerkompagnie (-abteilung [deutsch])

FM. = Feldmarschall FML. = Feldmarschalleutnant Frw = Freiwilligen

FsAR., FsABaon., FsAKomp., FsADet. = Festungsartillerieregiment (-bataillon, -kompagnie, -detachement)

FZM. = Feldzeugmeister Gb - Gebirgs

GbAR. = Gebirgsartillerieregiment GbBrig. = Gebirgsbrigade

GbSchR. = Gebirgsschützenregiment GdA., GdI., GdK. = General der Artillerie (Infanterie, Kavallerie)

GendR., GendBaon., GendSchwd. = Gendarmerieregiment (-bataillon, -schwadron)

GFM. = Generalfeldmarschall GID., GKD., GKosD., GSchD. = Gardeinfanterie- (kavallerie-, -kosaken-, -schützen-) division (deutsch, russ.) Gen. = General

GLt. = Generalleutnant (deutsch, ital., russ.)

GO. = Generaloberst GrzJBaon, GrzJKomp. = Grenzjägerbataillon (-kompagnie)

GW. = Granatwerfer H - Honvéd

HaBrig., HaR. = Halbbrigade, Halbregiment Hb = Haubitze

HGbAAbtlg. = Iionvédgebirgsartillerie-abteilung

HHR., HHD. = Honvédhusarenregiment (-division)

HID., HIBrig., HIR. = Honvédinfanterie-division (-brigádě, -regiment) HochgbKomp. = Hochgebirgskompagnie ID., IBrig., IR., IBaon. = Infanteriedivision (-brigádě, -regiment, -bataillon) IGesch. = Infanteriegeschütz JB., RJB. = Jäger-(Reservejäger-)bataiIlon (deutsch) kauk. = kaukasisch

KavSchD. = Kavallerieschützendivision KD., KBrig. = Kavalleriedivision (-brigade) KJBrig., KJ R., KJB. = Kaiser jägerbrigade, -Regiment. Bataillon der Tiroler Kaiserjäger Kn = Kanone KosD. = Kosakendivision


KSchD.. KSchBrig., KSchR.,KSeh ArtKmdo.

= Kaiserschützendivision (-brigade, -regiment, -artilleriekommando)

L = Landwehr

LD..LBrig. Landwehrdivision ^-brigade) Ls*. = Lnr.dsmrm

LstAKomp. = Landsturmartilleriekompagnie

LstSAbtlg. = Landsturmsappeurabteilung LstHusBrig.. LstHusR.. LstllusD. = Landsturmhusarenbrigade (-regiment, -division''

Ma = Marsch

MG.. MGAbtlg., MGKomp. = Maschinengewehr ^-abteilung, -kompagnie [deutsch] ^

Mjr. = Major Ms = Mörser MW = Minenwerfer Obst. — Oberst Obstlt. — Oberstleutnant PB. = Pionierbataillon Pos = Positions R = Reserve

RD. = Reservedivision (deutsch)

RdfBrig.. RdfBaon. = Radfahrbrigade '-bataillon)

RFKR., HRFKR. = Reservc-(Honved-reserve-)feldkanonenregiment RFIIR., HRFHR. = Reserve-(Honvćd-reserve-)feldhaubitzregiment RIBrig., RIR. = Reserveinfanteriebrigade (-regiment) rt.AAbtlg. = reitende Artillerieabteilung rt.DSchD. = reitendeDalmatiner Schützendivision

rt.SchR. = reitendes Schützenregiment rt.TKSchD. = reitende Tiroler Kaiserschützendivision rum. = rumänisch SB. = Sappeurbataillon SchD., SchBrig., SchR., SchBaon. = Schützendivision (-brigade, -regiment, bataillon)

SchSchBrig. = Schießschulbrigade Schwd. = Schwadron

sFAR., sHFAR., sHRFAR., sRFAR. = schweres (Honvéd-, Honvédreserve-, Reserve-) Feldartillerieregiment sFHD. = schwere Feldhaubitzdivision sHbBt. = schwere Haubitzbatterie sib. = sibirisch

Stawka = russische Oberste Heeresleitung

StSchAbtlg. = Standschützenabteilung turk. = turkestanisch


Bei den Truppen sind die 1918 gültigen Bezeichnungen angewendet.

DIE KRIEGSPLÄNE FÜR DAS KRIEGS JAHR 1917

VI

i


Die entscheidenden Beschlüsse bei den Mittelmächten

Hiezu Beilage 1

Der Operationsentwurf des Feldmarschalls Conrad

Die grundsätzliche Auffassung, die der öst.-ung. Generalstabschef FM. Freih. v. Conrad zu Beginn des Jahres 1917 über die Fortführung des Krieges hegte, geht aus einem Satze hervor, den eine von ihm um den 10. Jänner dieses Jahres schon in seinem neuen Hauptquartier Baden bei Wien (Bd. V, S. 724) verfaßte Denkschrift enthält. „Da der Krieg“, schreibt der Feldmarschall, „in den Kämpfen dieses Frühjahres zur Entscheidung drängen wird, ist die äußerste Steigerung aller eigenen Machtmittel (personell, materiell) für diesen Zeitraum erforderlich — also nicht mehr im Sinne einer noch sehr langen Dauer des Krieges; denn fällt die Entscheidung im Frühjahr zu unsern Ungunsten, dann ist kaum mehr auf eine Wendung durch jene Kräfte zu rechnen, welche uns überhaupt noch verfügbar bleiben werden.“ Und an anderer Stelle dieser Denkschrift vermerkt Conrad, daß von den Mittelmächten jetzt sozusagen die „letzte Karte“ ausgespielt werde. Über die Art, wie diese letzte Karte ausgespielt werden sollte, gab sich der stets tatentschlossene Feldherr keinem Zweifel hin. Ein Abwarten der sicherlich in Aussicht stehenden Ententeoffensive lasse „dem Gegner die Zeit, den Angriff in dem ihm günstigsten Moment, an der ihm günstigsten Stelle und mit der ihm größtmöglichen Machtentfaltung zu führen“. Es gäbe keine andere Lösung, als dem Feinde im Angriff zuvorzukommen und ihm dadurch alle Vorteile vorwegzunehmen, die ihm ein Abwarten sichern müßte.

Über die Front, wo diese Entscheidung gesucht werden sollte, hatte sich Conrad in der Stunde, da er seine Denkschrift niederschrieb, noch kein abschließendes Urteil gebildet. Er dachte an die italienische Front, aber auch an Ostgalizien, wo vielleicht einem neuen russischen Angriff zuvorgekommen werden konnte, auffälligerweise aber nicht an die Westfront, obgleich er auch die ihrer Vollendung entgegengehenden deutschen Neuformationen mit in Rechnung zog.

Neben den Vorbereitungen für einen groß angelegten Angriff wollte der Feldmarschall auch den uneingeschränkten Tauchbootkrieg ein-

l

setzen sehen. ,,Bei der Entschlossenheit, mit welcher England gewillt ist, den Krieg bis zum äußersten zu führen“, läßt sich der Feldmarschall vernehmen, „erübrigt sich nur, auch das Mittel des U-Bootkrieges mit aller Rücksichtslosigkeit anzuwenden — trotz der diplomatischerseits geltend gemachten Besorgnis, es würden dann auch Amerika, Holland, Dänemark usw. usw. den Krieg an uns erklären . . . U-Bootkrieg und eine Aktion zu Land sind die einzigen Mittel, die wir haben, den Krieg für uns günstig zu wenden, ehe unsere Kräfte aufgebraucht sind und ehe die Entente mit erdrückender Übermacht gemeinsam über uns herfällt.“

Wenn auch in dieser lediglich für die Operationsabteilung bestimmten Denkschrift über die Front, an der die „Aktion zu Land“ stattzufinden hätte, noch nichts gesagt ist, so ist es doch kaum zu bezweifeln, daß Conrad von Haus aus den italienischen Kriegsschauplatz vor Augen hatte. In Kenntnis der Besprechungen, die am 6. und am 7. Jänner zwischen den Heeresleitungen der Entente zu Rom abgehalten worden waren, rechnete er mit einem gleichzeitigen Angriff der Feinde an der französisch-italienischen und an der russisch-rumänischen Front, wobei er es wegen des Zustandes der Truppen wohl für möglich hielt, daß der Angriff an der erstgenannten jenem an der zweitgenannten Front vorausgehen werde. In einem Nebenangriff der Entente auf dem Balkan erblickte der Feldmarschall lediglich eine nicht unwillkommene Schwächung ihrer Hauptkräfte.

Daß in den weiten Räumen des Ostens dem Feinde noch ein größerer Erfolg winken könnte, hielt Conrad für wenig wahrscheinlich. Die Verhältnisse an der Westfront erklärte er, als er später seine Auffassungen der deutschen Heeresleitung mitteilte, nicht genügend überblicken zu können. Von den beiden Druckstellen des Feindes, die für die öst.-ung. Kriegführung in Betracht kamen, Lemberg und Triest, schien ihm die zweitgenannte jedenfalls die viel gefährlichere zu sein, wie überhaupt nach seiner Ansicht die Kriegslage auf dem Karst weitaus am gespanntesten war. Wohl hatte hier der Verteidiger in neun für ihn wie für den Angreifer gleich ruhmreichen Schlachten gegen eine bis zuletzt gewaltige Übermacht an Mann und Gerät standzuhalten vermocht. Aber das Schicksal von Triest mochte doch allmählich bedenklich werden. Ein Durchbruch des Feindes im Görzischen würde in das Abwehrgelände der Mittelmächte an empfindlichster Stelle eine Bresche schlagen und böte der feindlichen Übermacht in einem Bewegungskrieg Gelegenheit, ihre Kräfte in verderblichster Weise zu entfalten. Die Italiener zählten schon für sich allein 750.000 Feuergewehre; ihnen konnten aber von ihren

Geplante Zweifrontenoffensive gegen Italien

Alliierten noch erhebliche Verstärkungen an Mann und Kriegsgerät zugesandt werden.

5


Mit solchen Erwägungen stellte sich bei Conrad von selbst die bestimmte Auffassung ein, gegen keinen anderen Feind als die Italiener zum Gegenschlag auszuholen. Ein solcher Gegenschlag schien ihm um so mehr geboten zu sein, als die öst.-ung. Südwestfront bei der Machtentwicklung des Feindes auf jeden Fall so große Verstärkungen an Truppen und Kriegsmaterial erheischte, daß es schon deshalb zweckmäßig sein mochte, gleich ganze Arbeit zu leisten, statt Angriffe an anderen Fronten durch jenen Kräftebedarf zu schwächen.

An der Ausarbeitung des Planes für die vom Feldmarschall beabsichtigte Offensive hatten Obstlt. Schneller, der Italienreferent der Operationsabteilung, und FML. Metzger Anteil. Die Stärke des italienischen Heeres wurde in diesem Entwürfe mit rund 60 Divisionen beziffert, denen im Augenblick 29 öst.-ung. Divisionen gegenüberstanden. Da man es bei einer Offensive nicht für erforderlich hielt, die Zahl der eigenen Divisionen bis zu jener des Feindes zu erhöhen, weil — abgesehen von dem höher eingeschätzten Kampfwert deutscher und öst.-ung. Truppen

— dem Angreifer der Vorteil des Masseneinsatzes in den selbstgewählten Richtungen zufiel, wollte man sich mit 45 Divisionen begnügen. Von den daher noch nötigen Divisionen sollten 13 deutsche sein; die drei von der Ostfront heranzuführenden öst.-ung. Divisionen sollten gleichfalls durch deutsche Truppen abgelöst werden.

Das hervorstechendste Merkmal des Conradschen Planes war, daß er die Offensive diesmal aus zwei Fronten vorsah: aus Tirol und dem Küstenlande. Entgegen den Plänen, die der Maioffensive 1916 (Bd. III, S. 585 ff.) schließlich zugrunde gelegt waren, sollte diesmal dem Angriff aus Südtirol ein solcher der küstenländischen Front mit einem Vorsprung von höchstens einer Woche vorausgehen. Dieser Angriff hatte den Feind „durch Kämpfe großen Stiles festzuhalten, seine Aufmerksamkeit von Tirol abzulenken, seine Linien zu durchbrechen und, wenn möglich, die ganze Julische Front ins Wanken zu bringen“. Als geeignetsten Angriffspunkt bezeichnete Conrad den Raum um Tolmein, der schon bei Friedensübungen seine Aufmerksamkeit gefesselt hatte. Von hier aus hätten unter deutscher Führung sechs Divisionen, darunter fünf deutsche, den Angriff einzuleiten und die ganze Isonzofront vorwärts zu reißen.

Der Hauptangriff war aus gleichen Gründen wie das Jahr zuvor aus der strategisch sicherlich wirkungsvollsten Richtung, aus Südtirol, gedacht. Er sollte zwischen Astico und Brenta unternommen werden. Die Angriffskräfte wären wieder in zwei Staffeln zu gliedern gewesen, in eine aus zwölf gebirgstüchtigen öst.-ung. Divisionen bestehende Stoßstaffel und eine zweite, die aus sechs besonders beweglichen deutschen Divisionen zu bestehen gehabt hätte. Den Oberbefehl über den Vorstoß aus Südtirol sollte auf jeden Fall ein öst.-ung. General (Erzherzog Eugen) führen. Deutschen Befehlshabern war je ein Armeekommando in Tirol und bei Tolmein zugedacht. Auf eindringlichsten Wunsch hätte dem Bundesgenossen gegebenenfalls auch das Heeresgruppenkommando an der Isonzofront überlassen werden können.

Der uneingeschränkte Unterseebootkrieg

Während im öst.-ung. Hauptquartier diese Pläne entworfen wurden, war in Deutschland eine für alle Vierbundgenossen äußerst schicksalsschwere Entscheidung gefallen. Deutschland hatte sich, zunächst ohne den Verbündeten zu verständigen, entschlossen, die zweite der von Conrad für die Kriegführung 1917 aufgeworfenen Grundforderungen, die Verwirklichung des uneingeschränkten U-Bootkrieges, zu erfüllen. .

Daß ein großer Teil der öffentlichen Meinung im Reiche auf diesen Entschluß hindrängte, ist im V. Bande (S. 715) schon angedeutet worden. Als vor Weihnachten 1916 über die Abweisung des Friedensanbotes der Mittelmächte kein Zweifel mehr bestehen konnte, war es für die DOHL. ein feststehender Entschluß, daß nunmehr auch von jenem schärfsten Kampfmittel entschiedener Gebrauch gemacht werden müssex). Sie stützte sich dabei auf ein Gutachten, das der Chef des Admiralstabes, Adm. v. Holtzendorff, am 22. Dezember erstattet hatte. Der Admiralstab berechnete, daß England, wenn monatlich nur 600.000 Tonnen an Handelsschiffen vernichtet würden, in fünf bis sechs Monaten auf die Knie gezwungen wäre — allerdings unt^r der Voraussetzung, daß der uneingeschränkte Tauchbootkrieg schon am 1. Februar einsetze. Der deutsche Reichskanzler Dr. v. Bethmann-Hollweg war innerlich gegen die Vorschläge der Heeresleitung eingestellt, unterwarf sich aber in der Besprechung, die am 9. Jänner in Pleß stattfand, der vom GFM. v. Hin-denburg und vom GdI. Ludendorff gestellten Forderung. Schon in den nächsten Tagen gingen die U-Boote mit versiegelten Befehlen in See.

x) Bethmann-Hollweg, Erinnerungen und Betrachtungen (Berlin 1921), II, 129 ff. und 260 ff.

Kaiser Karl und sein neuer Außenminister Graf Czernin verfolgten, ohne zunächst Bestimmtes zu erfahren, diese Vorgänge mit großer Sorge. Sie glaubten nicht an die kriegsentscheidende Wirkung der U-Bootwaffe und fürchteten die Rückwirkung auf Nordamerika, dessen Eingreifen in den Krieg für sie die sichere Niederlage bedeutete1). Nach verschiedenen, in Berlin ausgestreckten Fühlern, erschienen am 20. Jänner der Unterstaatssekretär Zimmermann und der Admiral Holtzendorff in Wien, um in zwei Sitzungen, deren erste der Kaiser leitete, das Wiener Kabinett nachträglich für den uneingeschränkten U-Bootkrieg zu gewinnen. FM. Conrad und Großadmiral Haus2) sprachen sich für die deutschen Forderungen aus, der Kaiser, Czernin und die beiden Ministerpräsidenten Graf Clam3) und Graf Tisza waren im Grunde ihres Herzens gegen sie. Zimmermann warf das schwerwiegende Argument in die Waagschale, daß ohne das neue Kampfmittel sogar die Behauptung der Westfront fraglich sein würde, — ein Argument, das Czernin zu starkem Einlenken veranlaßte. Der Kaiser wandte sich trotzdem noch in einem Handschreiben an seinen deutschen Verbündeten. Ohne daß er es wußte, erwuchs ihm im Grafen Bernstorff, dem deutschen Botschafter in Washington, in zwölfter Stunde ein eifriger Verbündeter. Bernstorff gab zu bedenken, daß Wilson entschlossen sei, seine Friedensvermittlung fortzusetzen. Deutschland ließ jedoch den amerikanischen Präsidenten zwar seine Friedensbedingungen in allgemeinen Umrissen wissen, bedauerte aber gleichzeitig, daß der an die längst ausgefahrenen U-Boote erlassene Befehl schon aus technischen Gründen nicht mehr widerrufen werden könne. Der Rubikon war, wie Bethmann-Holl-weg nach dem Kriege niederschrieb, bereits überschritten.

Der von Czernin vorübergehend erwogene Gedanke, dem uneingeschränkten U-Bootkriege fernzubleiben, wurde sehr rasch fallen gelassen. So erhielten auch die öst.-ung. Tauchboote, zwölf an der Zahl, die entsprechenden Aufträge. Die Sperrgebiete um Europa nach der Verlautbarung für den 1. Februar 1917 zeigt die Beilage 1.

!) Czernin, Im Weltkriege (Berlin 1919), 2. Aufl., 152 ff. — Werkmann, Deutschland als Verbündeter (Berlin 1932), 107 ff. — Glaise-Horstenau, Österreich-Ungarns Politik in den Kriegsjabren 1914 bis 1917 (Schwarte, Der große Krieg 1914 -1918, V, 327 ff.). — Glaise-Horstenau, Die Katastrophe — Die Zertrümmerung Österreich-Ungarns und das Werden der Nachfolgestaaten (Wien 1929), 90 ff.

2)    Kriegsarchiv (Marinearchiv), Österreich-Ungarns Seekrieg 1914—1918 (Wien 1933), 341.

3)    Nachfolger Koerbers als Chef der österreichischen Regierung.

Die Regierung der Vereinigten Staaten beantwortete die Erklärung des uneingeschränkten U-Bootkrieges J) am 3. Februar mit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Deutschland. Wilson begann seinen Kreuzzug gegen die absolutistischen Mächte im Hohenzollernreich. Die sachlichen Folgen waren fürs erste gering, da Amerika schon bisher die Ententemächte aufs reichste mit Geld und Kriegsgerät aller Art Sowie mit sonstigen Nahrungs- und Rohstoffen versorgt hatte. Die Möglichkeit, daß die Union in die Reihe der Feindstaaten abschwenken könnte, war aber in bedenklichem Maße größer geworden.

Die nächsten Entschlüsse für den Landkrieg

Zugleich mit dem Entschluß zum uneingeschränkten Tauchbootkrieg rang sich die DOHL. aber auch zu einem außerordentlich schwerwiegenden Plane für die Kriegführung zu Lande durch. Sie verzichtete, wenigstens fürs erste, auf eine größere Angriffshandlung und war zunächst lediglich darauf bedacht, sich Verfügungstruppen sicherzustellen. Wo der Feind an der Westfront den zu erwartenden Frühjahrsangriff ansetzen werde, konnte im Jänner noch nicht wahrgenommen werden; alle Frontteile erschienen mehr oder weniger bedroht. Man konnte daher jetzt keinen Abschnitt schwächen, um einen anderen möglichst stark zu machen. Eine Abhilfe bot aber die Zurücknahme des gegen Compiegne weit vorragenden Bogens in die zwischen Arras und Sois-sons schon hergestellte kurze Sehnen-(,,Siegfried“)Stellung. Dies ermöglichte ausgiebige Truppenerspamis und machte hier allenfalls schon im Gange befindliche feindliche Angriffsvorbereitungen unwirksam. Trotz des zu erwartenden ungünstigen Eindruckes — nur Männer von dem ungeheuren Ansehen Hindenburgs und Ludendorffs konnten sich solches erlauben — befalil die DOHL. am 4. Februar, nach gründlicher, alle Maßnahmen geheimhaltender Vorbereitung, die etwa fünf Wochen währen mochte, den Rückmarsch in die Siegfriedstellung anzutreten 2).

1J Wegen ihres kleinen Aktionsradius konnten sich die k. u. k. Tauchboote außerhalb der Adria nur wenig betätigen. Die deutsche Marine verfügte am 1. Februar 1917 über 111 seetüchtige U-Boote, die bis Juni auf 132 vermehrt wurden. Hievon hatten 32 in Pola und in Cattaro ihre Stützpunkte. Mehrere von ihnen führten auf Grund eines Übereinkommens die öst.-ung. Kriegsflagge. Am 1. Februar waren in der Nordsee allerdings nur 64, in der Adria bloß 4 deutsche Tauchboote kampfbereit. Vgl. Mich eisen, Der Ubootkrieg 1914—1918 (Leipzig 1925), 48 f.

2j Kuhl, Der Weltkrieg 1914/18 (Berlin 1929), II, 59 ff.

In solcher Lage war es nicht zu wundern, daß der öst.-ung. Gstbsobstlt. Schneller, als er am 23. Jänner in Pleß die Vorschläge Conrads für eine gemeinsame Offensive gegen Italien erstattete, zwar auf keine unbedingte Ablehnung stieß, aber auch keine Zustimmung erntete. Die DOHL. erklärte, sich erst nach Abwehr der für den März im Westen erwarteten Ententeoffensive über ihre nächsten Absichten aussprechen zu können.

Als Conrad wenige Tage später, am 25., in Begleitung des Kaisers in Pleß erschien, empfing er die gleichen Eindrücke wie Obstlt. Schneller. Die Ausführungen der deutschen Generale blieben nicht ohne Eindruck auf ihn. Am 27. nach Baden zurückgekehrt, ließ er vier Tage später das Heeresgruppenkommando Tirol dennoch wissen, daß „unter gewissen Voraussetzungen, die von der Entwicklung der Gesamtlage abhängen“, der Entschluß gefaßt werden könnte, „Italien erneuert anzugreifen. In diesem Falle würde wieder ein Stoß mit sehr starken Kräften aus Südtirol, frühestens in der ersten Maihälfte geführt werden“. Hiefür sollten die erforderlichen materiellen Vorbereitungen eingeleitet werden. Die der Heeresleitung unmittelbar unterstehenden zwei Armeen am Isonzo und in Kärnten wurden lediglich angewiesen, alles für die Behauptung ihrer Stellungen vorzusorgen. Damit aber hatte Conrad die Hoffnung keineswegs aufgegeben, d.aß es ihm doch noch gelingen werde, den von ihm geplanten Schlag gegen Italien zu führen. Der Gedanke, die Entscheidung bis auf weiteres den U-Booten auf hoher See allein zu überlassen, lag dem entschlußfrohen, tatkräftigen FelcLherm allzu ferne.

Wie aus den vorstehenden Ausführungen entnommen werden kann, hielt die DOHL., wohl nicht in voller Übereinstimmung mit FM. Conrad, die Kräfte der beiden verbündeten Kaiserreiche für nicht ausreichend, um schon im Frühjahr an der West- oder an der Südwestfront zum Angriff zu schreiten. Ganz gewiß gebot aber das Kräfteverhältnis im Osten1), wo die Verbündeten fast immer doppelter Überlegenheit

*) Stärkeverhältnis am 1. Februar 1917 an der Ostfront:

41 i/o öst.-ung., 78 deutsche, 5 türkische, 4 bulgarische Infanteriedivisionen, 11 öst.-ung., 1 bulgarische, 11 deutsche Kavalleriedivisionen, Summe 128!/^ Infanterie-und 23 Kavalleriedivisionen mit rund 1,050.000 Gewehren (Karabinern).

216 russische und 15 rumänische Infanteriedivisionen (davon 47 russische und 9 rumänische in Neuaufstellung), 40 russische und 2 (in Reorganisierung befindliche) rumänische Kavalleriedivisionen, Summe 231 Infanterie- und 42 Kavalleriedivisionen mit rund 2 Millionen Feuergewehren.

Im Kaukasus standen von den Russen 15 Infanterie- und 11 Kavalleriedivisionen.

gegenüberstanden, das weitere Verharren in der Dauerstellung. Gleiches hatte auf dem Balkan zu geschehen, da GFM. Hindcnburg einem Vorschlag der Bulgaren, mit deutschen Verstärkungen zur Wegnahme von Saloniki vorzustoßen, nicht nähertrat. Schließlich hatte auch die Türkei lediglich ihren Landbesitz zu verteidigen1).

Eine ,,große strategische Bereitstellung“ nannte Hindenburg diesen völligen Verzicht auf jede angriffsweise Kriegführung zu Land. Das Schicksal der Mittelmächte mußte zunächst der jedweder Einschränkung überhobenen Tätigkeit der Unterseeboote überantwortet bleiben. Der Schwerpunkt des Krieges war hiemit auf das Meer verlegt2).

Ende Jänner kam den Mittelmächten die beunruhigende Nachricht zu, Franzosen und Italiener hätten die Absicht, die Schweiz zu überrumpeln und über sie hinweg nach Deutschland oder nach Westtirol vorzustoßen. FM. Conrad ließ sogleich alle Möglichkeiten prüfen, um gegebenenfalls der Eidgenossenschaft beizustehen. Als bestes Mittel erschien ihm die rasche Durchführung der von ihm angeregten Offensive gegen Italien. Er war jedoch auch bereit, die Schweiz unmittelbar, zunächst mit schwerer Artillerie, zu unterstützen. Auf die von Conrad dem Schweizer Oberbefehlshaber Oberst-Korpskommandanten Sprecher v. Bernegg mitgeteilten Gesichtspunkte gab dieser dem k. u. k. Militärattache in Bern gegenüber der Anschauung Ausdruck, daß im Falle eines Angriffes der Entente auf die Schweiz ihm die Franzosen als die gefährlicheren Feinde erschienen. Diesen entgegenzutreten, müßte er soviel Truppen wie nur möglich, etwa 21 Brigaden, einsetzen. Gegen Italien würde nur so viel stehen bleiben, wie zur Rückendeckung der genannten Hauptkräfte nötig wäre, etwa drei Brigaden2). Die Verteidigung der Südfront würde in diesem Falle unter Preisgabe des Kantons Tessin über die Pässe St. Gotthard, Splügen und Bernina zum Wormserjoch gelegt werden. Die Behauptung des letztgenannten, nahe der Tiroler Grenze gelegenen Überganges bliebe den Streitkräften Österreich-Ungarns überlassen.

Pläne und Konferenzen bei der Entente

Der Kriegsrat im November 1916 zu Chantilly

Schon anfangs November 1916 hatten die militärischen Führer der Entente erkennen müssen, daß das Ergebnis des Jahres keineswegs ihren ursprünglich hochgespannten Erwartungen entsprach. Diese Enttäuschung, dann die Sorge vor einer Verschärfung des deutschen U-Boot-krieges sowie die noch immer unentschiedene Haltung Nordamerikas und Griechenlands, vor allem aber die wachsenden inneren Schwierigkeiten Rußlands waren der Gründe genug, um das Erzwingen der Entscheidung im Jahre 1917 ratsam erscheinen zu lassen.

Zur Vereinbarung des hiezu nötigen Kriegsplanes versammelten sich der französische Generalissimus Joffre, der englische Reichsgeneralstabschef Sir William Robertson, der Oberbefehlshaber der britischen Truppen FM. Sir Douglas Haig, GLt. nob. Porro als Vertreter Italiens, der Russe Gen. Palitzyn, dann je ein Vertreter Belgiens, Rumäniens und Serbiens am 15. und 16. November im französischen Hauptquartier zu Chantilly. Man beschloß, die alliierten Heere auf allen europäischen Kriegsschauplätzen zur gleichen Zeit und auf möglichst breiter Front angreifen zu lassen. Um den Gegnern auf alle Fälle zuvorzukommen, sollte der Generalansturm möglichst gleichzeitig schon in der ersten Februarhälfte 1917 beginnen. Bei dieser anzustrebenden Gleichzeitigkeit war ein Spielraum von drei Wochen zugestanden.

Im besonderen wurde noch festgesetzt, daß Bulgarien durch einen Zangenangriff des auf 23 Divisionen zu verstärkenden Orientheeres und der von Norden her vorstoßenden Russen und Rumänen niederzuwerfen sei. In jenen Tagen — den Deutschen war eben der Durchbruch durch das Vulkangebirge gelungen (Bd. V, S. 523 ff.) — mochte allerdings noch niemand geahnt haben, welch traurigem Schicksal das rumänische Heer entgegenging. Im übrigen wollte man minder wichtige Abschnitte zugunsten der Hauptkampfplätze nur mit den unumgänglich nötigen Kräften bedenken. Auch sicherten sich die Konferenzteilnehmer neuerlich gegenseitige Hilfe für den Fall zu, daß eine der Mächte vom Feinde angegriffen werden würde. Hiezu hatten die Generalstäbe Frankreichs, Englands und Italiens die Möglichkeit rascher Truppen Verschiebungen schon jetzt zu studieren1).

x) Oehmichen, Essai sur la doctrine de guerre des coalitions (Paris 1927', 133 ff.

Der zu Chantilly beschlossene, selu- einfach erscheinende Kriegsplan machte aber doch noch eine Reihe von Sonderverhandlungen nötig, durch die die ursprünglichen Absichten nicht unerheblich abgeändert wurden — fürs erste in Frankreich selbst. Hier wurde der Höchstkommandierende, Gen. Joffre, Mitte Dezember durch den Gen. Nivelle ersetzt, der sich bei Verdun eben frischen Siegeslorbeer erworben hatte. Im Gegensatz zu Joffre, der eine Fortsetzung des Angriffes an der Somme geplant hatte, wo die durch die Sommerschlacht 1916 erzeugten Einbuchtungen in der deutschen Front zu umfassenden Angriffen auf beiden Ufern einluden, steckte sich Nivelle höhere Ziele. Er plante den ganzen, zwischen Arras und Reims nach Südwesten vorspringenden Bogen der Deutschen von Westen und von Süden umfassend zu bestürmen und zu zerdrücken, wobei das Schwergewicht an die Aisne gelegt werden sollte. Dies bedingte aber eine Verschiebung des Angriffsbeginnes auf den April1). Es darf hier schon darauf hingewiesen werden, daß der Angriff Nivelles gerade in jenem Raume erfolgen sollte, in dem die Deutschen ein Rückverlegen ihrer Front in Aussicht genommen hatten.

Wandlungen der russischen Angriffspläne

Sehr angriffslustig zeigte sich, trotz der bisher erlittenen ungeheuren Einbußen von viereinhalb Millionen Mann an Toten, Gefangenen und dauernd untauglich gewordenen Verwundeten2), das Zarenreich. Es wollte sich bei Einsatz einer möglichst großen Truppenzahl und mit reichlichem Kriegsgerät an dem vereinbarten Generalangriff der alliierten Staaten beteiligen. Die bis Ende 1916 bereits erfolgte Vermehrung der Infanteriedivisionen (von Nr. 128 bis Nr. 138) konnte dem Vorhaben nur förderlich sein. Überdies beschloß Gen. Gurko, der Stellvertreter des erkrankten Generalstabschefs Gen. Alexejew, vom Jänner 1917 an alle Divisionen, mit Ausnahme der Garde, von 16 auf 12 Bataillone umzustellen, wodurch die Aufstellung von 62 neuen Divisionen — allerdings, zunächst ohne Artillerie — möglich wurde. Da es aber an Offizieren und Unteroffizieren fehlte, war diese Maßnahme für das Gefüge der Truppen von großem Nachteil; es sollte noch verderbliche Folgen haben3).

Zur weiteren Entschlußfassung traten Ende Dezember im Hauptquartier zu Mohilew der Zar und Gen. Gurko mit den Befehlshabern der drei russischen Fronten zusammen; hiebei ergaben sich wesentliche Meinungsverschiedenheiten. Die Befehlshaber der Nord- und der Westfront, die Generale Rußki und Ewert, trugen, im Gegensatz zu ihrem Verhalten im Jahre 1916, viel Tatenfreudigkeit zur Schau. Sie forderten, daß die entscheidenden Kriegshandlungen nördlich vom Polesie zu führen seien. Rußki wünschte von Riga aus nach Süden vorzustoßen. Ewert glaubte mit einem von Smorgon auf Wilna geführten Hauptangriff der Sache am besten nützen zu können. An der Südwestfront wollte Brussilow auf dem kürzesten Wege gegen Lemberg angreifen1). Verfolgte somit jeder Frontkommandant seine Sonderziele, so waren sie sich doch darin einig, daß die Offensive nicht vor Ende April oder Anfang Mai beginnen könne. Für den gleichen Zeitpunkt nahm man auch die Verstärkung der rumänischen Front durch etwa 20 Divisionen in Aussicht, da man hoffte, die hiezu nötigen Bahnausgestaltungen bis dahin beendet zu haben.

Anders die Stawka; Zar und Stabschef waren zunächst gewillt, im Sinne der Beschlüsse von Chantilly noch im Winter an der rumänischen Front den Angriff gegen Bulgarien losbrechen zu lassen, der eben weitere Kräfte zurollten. Da die Frontkommandanten dagegen Einsprache erhoben, einigte man sich schließlich zu einem Mittelding. Kam der Angriff der Westmächte tatsächlich im Februar zustande, so wollte man bei jeder Heeresfront den Gegner durch Unternehmungen fesseln, die Hauptangriffe, insbesondere gegen Bulgarien, aber auf das Frühjahr verschieben. Bis dahin hoffte man auch in der Beschaffung des Kriegsgerätes um einen großen Schritt vorwärtsgekommen zu sein und die im Gange befindliche Heeresvermehrung durchgeführt zu haben2).

Die Beschlüsse von Mohilew blieben nicht unwidersprochen. Sowohl der sich wieder seiner ursprünglichen Ansicht besinnende Gen. Ewert wie der in der Krim zur Erholung weilende Gen. Alexejew trugen Bedenken gegen eine Verwendung der Masse des Zarenheeres in Rumänien, weil sich Deutschland dann auf die von Reserven entblößte russische Front werfen konnte. Nach der Meinung Alexe je ws war der Hauptangriff auf Lemberg und auf Máramaros-Sziget zu führen, indes sich die Nordfront, die anfangs Jänner bei Riga eben einen vereinzelten

Mémoires du General Broussilov. Guerre 1914—1918 (In französischer Sprache, Paris 1920), 240.

2) Gurko, 172.

und ergebnislos gebliebenen Teilangriff unternommen hatte (Bd. V, S. 5^1), mit einem Nebenangriff zu begnügen gehabt hätte1).

Die besonderen Verhältnisse Rußlands ließen eine neue Konferenz der Alliierten nötig erscheinen. Ende Jänner 1917 versammelten sich die militärischen Vertreter Frankreichs, Englands und Italiens sowie der Kronprinz Carol von Rumänien samt dem Ministerpräsidenten Bra-tianu in Petersburg. Trotz der begreiflichen Forderung Rumäniens nach baldiger Offensive gegen Bulgarien kam man — wenn man auch die Notwendigkeit eines gleichzeitigen Angriffes auf allen Fronten neuerlich betonte — zu keinem endgültigen Beschluß. Die Rumänen gewannen sogar den Eindruck, daß für die Stawka der Sereth nur eine Vorposition bedeutete, der Hauptwiderstand aber am Pruth, vielleicht sogar am Dniester gedacht war2). Auch der die Offensive gegen Bulgarien betreibende französische Gen. de Castelnau berichtete, daß von den Russen am Sereth kaum mehr als ein Scheinuntemehmen zu erwarten sei.

Schließlich verfaßte Gurko einen vom Zaren am 9. Feber genehmigten Kompromißvorschlag, in dem auch Alexejews Ratschläge berücksichtigt wurden. An der rumänischen Front, der auch noch im Jänner Verstärkungen zuflossen, hatten zunächst die Nachschubschwierigkeiten überwunden und das niedergebrochene rumänische Heer reorganisiert und ausgebildet zu werden. Als Auftakt zur allgemeinen Frühjahrsoffensive sollte dann an der rumänischen Front angegriffen und die Dobrudscha erobert werden. Ferner sah der Plan Gurkos eine Verstärkung der Südwest- und der Nordfront der Russen vor. Brussilow hatte den Hauptangriff auf Lemberg und Nebenangriffe in der Richtung auf Sokal und Máramaros-Sziget zu führen. Das Nordheer Rußkis sollte sich dagegen auf einen Hilfsangriff beschränken, während bei der Heeresgruppe Ewert lediglich kleinere Unternehmungen zur Fesselung des Gegners vorgesehen waren3).

So schien anfangs Februar Rußland alles in die Wege geleitet žu haben, um mit voller Kraft an die neuen Kriegsaufgaben herangehen zu können. Die voraussichtlichen Verluste während der kommenden Frühjahrs- und Sommerkämpfe berechnete man mit 500.000 Mann in jedem Monat, für die ruhigeren Wintermonate mit je 150.000 Streitern. Zur

Innere Schwierigkeiten Italiens

Deckung dieses ungeheuren Abganges verfügte man über zwei Millionen Mann, die zur Zeit in den Ersatztruppenteilen ausgebildet wurden. Im Frühjahr wollte man auch die Neunzehnjährigen ausheben. Mit diesen Ersätzen und mit dem monatlichen Zugang an wiedergenesenen Kranken und Verwundeten hoffte die russische Heeresleitung, den Abgang decken zu können.

15


Allerdings liefen um diese Zeit in den Kreisen der Duma und der russischen Gesellschaft Gerüchte um, daß sich etwa zwei Millionen fahnenflüchtiger Soldaten daheim in den Dörfern versteckt hielten1). Auch flackerten hier und dort Aufstände und Streiks auf, und Mitglieder der Petersburger Konferenz hatten den Eindruck gewonnen, daß Rußland zu einer entscheidenden Kraftäußerung überhaupt nicht mehr fähig sein werde. Aber die leitenden politischen und militärischen Stellen schienen noch nicht zu ahnen, daß im Zarenreiche der Umsturz knapp vor der Türe stehe.

Die militärische Lage Italiens

In Italien sah man Ende 1916 dem neuen Jahre mit Sorge entgegen. Die großen Opfer, die der Krieg bis jetzt gefordert hatte, standen nicht im Einklang mit den bescheidenen Erfolgen. Bloß in Görz hatten die italienischen Truppen die Trikolore aufzupflanzen vermocht. Die Städte Triest und Trient, die Operationsziele des italienischen Heeres, lagen noch immer hinter der öst.-ung. Front, und die Bindungen, die man 1915 in London ei,ngegangen war, wurden von einem Teil des Volkes, namentlich von einer Gruppe der Sozialisten, mitunter schon als drückende Fessel empfunden.

So war die Stimmung im apenninischen Königreich gedrückt. Gegen Ende 1916 kam es in verschiedenen Städten Italiens zu Kundgebungen gegen den Krieg. Vor allem waren es die Sozialisten, die sich bedenkenlos für den Friedensschluß einsetzten, insbesondere nach Bekanntwerden des Friedensangebotes der Mittelmächte. In der Kammer kam es zu offenen Angriffen gegen die Kriegsparteien. „Dieser andauernde Feldzug gegen den Krieg, dem die Regierung nicht zu steuern vermochte, war Gift für die moralischen Energien und übte seine schädliche Wirkung auf das Heer2)." Im Gegensatz hiezu wurde die italienische Kriegsleitung nimmer müde, die üblen Geister zu bannen, die Stimmung im

]) Gurko, 117.

2) G e 1 o s o, Le battaglie di Gorizia e della Bainsizza (Rom 1929), 120.

Heere aufzurichten und mit dem Ziele, im kommenden Jahre den Krieg siegreich zu beenden, alle Kräfte und Mittel ein letztesmal aufzubieten.

G-emäß den Beschlüssen von Chantilly sollte sich auch das italienische Heer für den im Monat Februar zu unternehmenden Generalangriff bereitstellen. Doch in Italien schwankte der Wille, den Krieg vereinbarungsgemäß zu führen, nicht unerheblich. Da wurde anfangs Jänner 1917 eine neue Konferenz der Staatsmänner und Generalstabschefs der Ententemächte nach Rom einberufen. Offenbar sollte die Eintracht der Alliierten den Italienern recht sinnfällig vor Augen geführt und die öffentliche Meinung im Lande aufgerichtet werden. Auch galt es, die Kriegsziele zu überprüfen.

Unter den Konferenzteilnehmern befand sich auch Lloyd-George, ein Mann beweglichen Geistes, der seit Dezember 1916 die Geschicke Großbritanniens als Premierminister lenkte. Er griff gerne auch in militärische Fragen ein; so bezeichnete er — wie seinen Denkwürdigkeiten zu entnehmen ist — die Konferenz zu Chantilly als „eine reine Komödie“ und die bisherige Kriegführung als „talentlos“ *). In Rom überraschte er die Ratsversammlung mit der neuen Idee einer gemeinsamen Offensive der Franzosen, Engländer und Italiener durch die Julischen Alpen auf Laibach und Wien, durch die das alte Kaiserreich niedergeworfen werden sollte2).

GLt. conte Cadorna nahm diese Anregung mit Freuden auf. Er arbeitete einen Operationsentwurf aus, in dem er der Meinung Ausdruck verlieh, daß schon durch die Eroberung von Triest oder besser noch der Julischen Alpen (worunter er offenbar den Raum zwischen Triglav und Krainer Schneeberg verstand), die Savelinie bedroht und das Donaureich in eine ernste Krise versetzt werden würde. Für die Offensive verlangte er eine Unterstützung durch wenigstens 300 englisch-französische schwere Geschütze sowie durch mindestens acht Infanteriedivisionen.

Die Generalstäbe der Westmächte, die ihre Kriegspläne nach den Richtlinien Nivelles schon geschmiedet hatten, ließen sich aber in der festen Überzeugung, daß die Kriegsentscheidung auf Frankreichs Boden erkämpft werden müsse, nicht dazu bewegen, so namhafte Kräfte für einen Kriegsschauplatz abzugeben, den sie als nachgeordnet betrachteten. Sie wären bestenfalls zur Beistellung der 300 Geschütze bereit gewesen, jedoch nur bis Anfang April, weil man dann den mittlerweile auf diesen Zeitpunkt verschobenen Hauptangriff gegen Deutschland durchzuführen

Lloyd-George, War Memoirs (London 1933), II, 658.

-) Robertson, Soldaten und Staatsmänner 1914—1918 (Berlin 1927), 400 f.

gedachte. Dies paßte jedoch Cadorna nicht, weil er an der italienischen Front Kriegshandlungen großen Stils vor dem April für nicht durchführbar hielt, und ihm die Zeitspanne für den Einsatz der erbetenen schweren Artillerie als zu kurz erschien.

Die italienische Heeresleitung stellte nunmehr ihre Offensivpläne zurück. Verdrossenheit wegen des raschen Zerflatterns der von LloydGeorge erweckten Hoffnungen war nicht allein die Ursache. Das Überwiegen des Verteidigungsgedankens scheint vielmehr durch Nachrichten hervorgerufen worden zu sein, die über eine geplante gemeinsame Offensive Österreich-Ungarns und Deutschlands gegen Italien beim Höchstkommando zu Udine eingelaufen waren. Ob diese Meldungen mit den von Conrad am 23. Jänner an Hindenburg gestellten Anträgen (S. 9) irgend einen Zusammenhang hatten, kann nicht festgestellt werden. Jedenfalls ist aber die anfangs Februar in GLt. Cadoma erwachende Besorgnis bemerkenswert, „daß der Gegner im Frühjahr die Strafexpe-dition“ — so nannte man die Südtiroler Offensive des Jahres 1916 — „erneuern würde, und diesmal nicht allein mit öst.-ung., sondern auch mit deutschen* Kräften, und zwar gleichzeitig von Tirol heraus und über den Isonzo“1).

Zu dieser Zeit kam der neue französische Oberbefehlshaber, Gen. Nivelle, nach Udine. Cadorna legte ihm dar, daß das italienische Heer einem übermächtigen Angriff der beiden Mittelmächte nicht gewachsen wäre. Auf Grund dieser Rücksprache wurden im Sinne der Konferenz von Chantilly die ersten Vorbereitungen für eine etwaige Verschiebung englisch-französischer Truppen nach Oberitalien getroffen, der später noch eine bedeutsame Rolle zufallen sollte.

Im Dezember 1916 hatte die Ententefeldherren überdies die Frage beschäftigt, wie einem deutschen Durchmarsche durch die Schweiz — sei es gegen Frankreich oder gegen Italien — zu begegnen wäre. Es ist jedenfalls auffallend, daß ungefähr um die gleiche Zeit in beiden feindlichen Lagern Gerüchte über bevorstehende Verletzungen der Schweizer Neutralität durch die kriegführenden Parteien aufflackerten. Cadorna beschloß hierauf, die an der Schweizergrenze stehenden Sicherungen zu verstärken, wozu im Februar eine Brigade und einige Radfahrerbataillone nach Como verschoben wurden2). Die französische Heeresleitung plante, bei aufsteigender Gefahr an der Schweizer Westgrenze Kräfte zu versammeln und trat auch mit Bern in Verbindung. Diese

*) Cadorna, La guerra alla fronte italiana. Neudruck. (Mailand 1934), 343.

2) Ministero della guerra, Brigate di fanteria (Rom 1926), VIII, 87.

Fühlungnahme von beiden Seiten (S. 10) beunruhigte nun auch die Eidgenossenschaft; sie verstärkte ihren Grenzschutz, der nach d.er allgemeinen Mobilisierung im August 1914 (250.000 Mann) allmählich auf 30.000 Streiter herabgesetzt worden war1), durch die am 16. Jänner 1917 verfügten Einberufungen auf S6.000 Mann. Die Schweiz war eben festen Willens, sich mit der Waffe in der Hand gegen den zu wenden, der zuerst ihre Neutralität verletzen würde, mochte dieser Angriff von welcher Seite immer erfolgen. Die Gefahr ging aber vorüber. Die Erhaltung der Neutralität der Schweiz lag nicht weniger im Interesse der Entente als in jenem des Vierbundes.

Über alle diese Besprechungen und Maßnahmen berichtete Cadoma dem Ministerpräsidenten. Über die gegenseitige Hilfeleistung sei man grundsätzlich wohl einer Meinung; für den Augenblick seien jedoch keine Beschlüsse für eine tatsächliche Zusendung von Truppen und Artillerie gefaßt worden. Gen. Nivelle sei der Meinung, daß, wenn Italien in Bedrängnis gerate, eine vom französischen und vom englischen Heer an der deutschen Westfront sofort aufzunehmende Offensive die Entlastung bringen würde. Es sei gegenwärtig auch noch sehr fraglich, ob England die von Lloyd-George in Aussicht gestellte Artillerie beistellen werde. So werde Italien aller Voraussicht nach den Krieg an seiner Front allein fortführen müssen.

Trotzdem gab Cadorna den Gedanken an eine Beteiligung Italiens an der zu Chantilly vereinbarten Generaloffensive nicht auf. Er schrieb nach Rom: „Bei der hohen Bedeutung der Kriegshandlungen, die im laufenden Jahre aller Wahrscheinlichkeit nach entscheidend sein werden, müssen wir all unsere Tatkraft aufwenden und alle Hilfsquellen ausschöpfen,... um den Sieg an unsere Fahnen zu heften2).“ In der Tat wurden die Zurüstungen eifrigst fortgesetzt. Einen fest umrissenen Angriffsplan gab es im Februar 1917 beim italienischen Oberkommando aber noch nicht.

Balkanpläne der Entente

Nicht besser stand es auf dem Balkan. Hier waren zunächst die Franzosen darauf bedacht, den immer mehr unter der Bedrohung durch feindliche Unterseeboote leidenden Nachschub zu bessern. Sie forderten

\ Bordeaux, 90 f. — K u h 1, Weltkrieg, II, 74. rj Cadorna, La guerra, 349.

die Italiener auf, in Tarent eine Zwischenbasis zu errichten, von der aus die Mannschafts- und Materialtransporte an die griechische Küste nach Santi Quaranta und dann auf einer von französischen Baukräften zu erbauenden Etappenstraße über Korea nach Florina geführt werden sollten!).

. Um die Frage der Verstärkung des Orientheeres zu bereinigen > tagte am 26. Dezember 1916 eine Konferenz zu London. Hier prallten die Gegensätze zwischen England und Frankreich hart aufeinander. Die Franzosen, die bis Anfang Jänner 1917 zwei Divisionen als Verstärkung nach Saloniki gelangen ließen, forderten von England die gleiche Opferbereitschaft. Lloyd-George sah jedoch die Interessen Englands durch eine Offensive im Irak und an der Palästinafront besser gewahrt als durch einen neuen Balkanfeldzug. Er beantragte deshalb die Räumung von Monastir und das Zurückführen der Truppen in eine näher an Saloniki gelegene, günstige Verteidigungsstellung.

Da man in London über diese Streitfrage nicht ins reine kam, blieb die endgültige Schlichtung der anfangs Jänner in Rom tagenden Konferenz Vorbehalten. England fand hier seine Ansichten durch Italien, Frankreich die seinigen durch Rußland, Serbien und Rumänien unterstützt. Lloyd-George wiederholte seinen Antrag, Monastir aufzugeben und auf eine große Balkanoffensive zu verzichten. Dagegen sprachen die zu erwartenden Rückwirkungen auf die Serben und die Griechen sowie die dann eintretende Gefährdung der neuen in der Nähe der Front verlaufenden Etappenlinie.

Das Ergebnis der beiden Konferenzen war schließlich für den Balkan recht dürftig. Die Front in Mazedonien war zu behaupten; die Franzosen versprachen noch weitere zwei Divisionen dorthin abzusenden, da England und Italien jedwede Truppenabgabe ablehnten. Der bei den Engländern nur wenig beliebte Gen. Sarrail behielt zwar vorläufig noch sein Kommando bei, gewann jedoch dem englischen Gen. Milne gegenüber nur wenig an Einfluß. Bis anfangs Februar wußte Sarrail nur so viel, daß eine gemeinsame Offensive der Entente an allen Fronten geplant sei; einen strikten Angriffsbefehl hatte er aber noch nicht in Händen. Seinem englischen Untergebenen, dem Gen. Milne, war aber von London schon der gemessene Auftrag zugekommen, sich lediglich auf die reine Verteidigung zu beschränken2).

1)    L a r c h e r, La grande guerre dans les Balkans (Paris 1929), 179; 188.

2)    D e y g a s, L’armee d’orient dans la guerre mondiale (Paris 1932), 141. — L a r c h e r, 193.

Fnßt man das Ergebnis der um die Jahreswende 1916/17 auf beiden Seiten außerordentlich regen Verhandlungs- und Beratungstätigkeit zusammen, so ergibt sich, daß sich Deutschland für die reine Abwehr auf dem Lande und für die Offensive mit U-Booten zur See entschlossen hatte1). Da seine drei Bundesgenossen im hohen Maße von Deutschland abhängig waren, war dessen Entschluß auch für sie bestimmend. Die Ententemächte wollten, da sich der allgemeine Angriff im Februar als undurchführbar erwiesen hatte, im April an allen Fronten anstürmen. Ein fester Wille hiezu bestand anfangs Februar aber nur bei den Westmächten. Es wird in einem späteren Kapitel noch zu erörtern sein, welche Beweggründe und Ereignisse ein noch weiteres Auseinanderflattern des geplanten Generalangriffes der Entente bewirkten.

K u h 1, Weltkrieg, II, 54.

DIE ENTWICKLUNG DER ÖST.-UNG. WEHRMACHT IM JAHRE 1916

Die Erfahrungen aus der Heer- und der Kampfführung

Der Krieg im Gebirge

Als das an Ereignissen überreiche Kriegsjahr 1916 zu Ende gegangen war, ohne eine Entscheidung gebracht zu haben, mochten zahlreiche hohe Führerstellen des k. u. k. Heeres die abgelaufenen Feldzugsphasen einer Überprüfung unterzogen haben, um festzustellen, welche Leitgedanken der Kriegführung und welche Arten der hiebei angewendeten Kampf methoden sich bewährt hatten; wo das Gegenteil eingetreten war, mußte nach Neuem Ausschau gehalten werden.

Von den beiden Hauptkriegsschauplätzen, auf denen öst.-ung. Armeen fochten, hatte der eine, der südwestliche, eine durchwegs im Gebirge oder über schwierigen Karstboden verlaufende Front. Auch an der Ostfront lagen die Kampfstellungen zwischen dem Panthyrpaß und den Karpathenausläufern nordwestlich von Focsani im hohen Waldgebirge. Es ist daher verständlich, daß man sich sehr eingehend mit der Kriegführung im Gebirge befaßte. Dies schon deshalb, weil nach dem Vorhaben Conrads die Entscheidung im Jahre 1917 zunächst im Südwesten gesucht werden sollte. Hier war und blieb das Hauptproblem immer, wie man am raschesten und am sichersten aus dem Gebirge in die venezianische Ebene gelangen könnte; hiebei sollte noch angestrebt werden, daß dieser Stoß in operativ wirksamer Richtung erfolge.

Die ursprüngliche Idee Conrads für die Frühjahrsoffensive 1916 gegen Italien war ein doppelseitiger Angriff aus Südtirol heraus und über den Isonzo hinweg gewesen. An der Richtigkeit dieses Planes gab es keine Zweifel. Deshalb entwarf die I-Gruppe des k. u.k. AOK. auch den Angriffsplan für 1917, wie im vorhergehenden Abschnitt erörtert wurde, wieder nach diesem Grundgedanken. Aus Mangel an Kräften hatte man sich 1916 aber bloß mit dem Angriff aus einer Richtung bescheiden müssen. Er wurde von den Hochflächen von Lavarone und Folgaria in südöstlicher Richtung angesetzt, weil man sich hievon mit Recht eine entscheidende Wirkung versprach. Dieser Stoß gelangte jedoch in der Zeit, ehe der mächtige Verbündete Italiens, das Zarenreich, die Einstellung des Angriffes erzwang, nicht bis in die Ebene. Die verschiedenen Ursachen dafür, daß der Stoß in drei Wochen die nicht viel mehr als 20 km breite Gebirgszone nicht zu durchdringen vermochte, sind im IV. Bande eingehend erörtert worden und sollen in ihren Kernpunkten nochmals angeführt werden.

Als anfangs Februar 1916 der von FM. Conrad seit langem gehegte, außerordentlich kühne Plan zur Offensive aus Südtirol zum Entschlüsse reifte, wurde die Masse der zum Angriff erwählten Heereskörper vom russischen Kriegsschauplätze und von der Isonzofront geholt, ferner wurden auch zwei angriffsgeübte Gebirgsdivisionen vom Balkan herangeführt. Die Kriegserfahrung, die Technik der Kampfführung und nicht zuletzt die seelische Kraft dieser Truppen waren zur Zeit recht verschieden. Die Mehrzahl war an Angriffshandlungen nicht mehr gewöhnt. Es wirkte daher günstig, daß diese Truppen Gelegenheit fanden, durch mehrere Wochen ihre Kenntnisse in der Gefechtsführung aufzufrischen und im besonderen den Kampf im Gebirge zu lernen und zu üben. Die Aufgaben, die ihnen bevorstanden, waren allerdings ganz ungewöhnlicher Art. Eine Schlacht größten Stiles sollte nun im Hochgebirge geschlagen werden. Es galt aber nicht allein einen etwa 2000 m hohen und rund 20 km breiten Bergwall zu überwinden, sondern auch eine Zone stärkster, schon im Frieden angelegter, mit Panzerwerken gespickter Befestigungen zu durchbrechen. Nur mit einer sehr mächtigen Artillerie, vor allem mit Hilfe der unübertroffenen 30.5 cm-Mörser, deren Geschosse die starken Betondecken der bekannten italienischen Panzerwerke zu durchschlagen vermochten, war ein derartiges Unternehmen möglich. Der Plan Conrads war denn auch erst spruchreif geworden, als dank der außerordentlichen Leistungsfähigkeit der Kriegsindustrie eine große Zahl dieser Mörser sowie auch mehrere 38 cm- und 42 cm-Haubitzen, ferner eine reiche Menge an Schießbedarf aller Kaliber zur Verfügung standen.

Bezeichnend für die Vorbereitung dieser Schlacht war, daß der Aufmarsch der Artillerie zunächst vollkommen unabhängig von der Infanterieführung und um mehrere Wochen früher als der Aufmarsch der Infanterie eingeleitet und durchgeführt wurde. Dies war nur möglich, weil auf den Hochflächen von Folgaria und Lavarone, die gewissermaßen das Sprungbrett für die Offensive bildeten, in den österreichischen Befestigungen ein verläßlicher Schutz für den Artillerieaufmarsch gegeben war. Die Gruppierung der Artillerie wurde bemerkenswert nahe der vordersten Linie meisterhaft durchgeführt. Die Aufstellung gestattete jederzeit, Massenfeuer auf diesen oder jenen Punkt der Angriffsfelder der beiden, den Stoßkeil bildenden Mittelkorps XX und III zu legen.

Rückschau auf die Offensive aus Südtirol 1916

In dem ersten und grundlegenden Plan für die Offensive hatte der Sinn einer Durchbruchsschlacht in vollkommenster, auf Tiefenwirkung abzielender Form Ausdruck gefunden. Die Streitkräfte wurden in zwei Armeen geteilt. Eine erste, größere und mit starker Artillerie versehene Armee sollte die feindliche Front vollständig durchstoßen; eine zweite Armee sollte nachmarschieren, um dann hinter der bezwungenen feindlichen Front, hier also in der Ebene, vollkräftig zur Wirkung zu kommen. Dieser gewiß ungewöhnliche Gedanke fand nicht ungeteilten Beifall. Er ist dennoch höchst bemerkenswert und kehrt später nicht allein in neuen Plänen Conrads, sondern auch in ähnlicher Form bei anderen Heerführern wieder, so beim Angriff der Westmächte gegen die deutsche Front an der Aisne im Frühjahr 1917, bei dem Gen. Nivelle hinter den Durchbruchskräften eine Verfolgungsarmee mit sehr starker Reiterei bereit hielt.

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Auf eine Überraschung des Feindes, die bei der Anlage der Südtiroler Offensive natürlich angestrebt wurde, konnte, je länger der Beginn des Angriffes wegen der hohen Schneelage im Gebirge hinausgeschoben wurde, immer weniger gerechnet werden. Wenn das durch die Unbill des Wetters erzwungene Zuwarten immerhin auch dem Feinde zugute kam, so gestattete diese Zeit doch den Angreifern, sich auf ihr Vorhaben sorgfältigst vorzubereiten, um den voraussichtlichen stärkeren Widerstand der Italiener durch eine desto gewaltigere Kraftentfaltung zu brechen. Denn der Anblick der feindlichen Panzerwerke — einzelne waren mit freiem Auge deutlich sichtbar — übte jetzt einen um so tieferen Eindruck aus, als Berichte über die Schlacht bei Verdun (Dou-aumont und Vaux) die Schwere des Kampfes um solche Befestigungen ahnen ließen. Mochten auch die Artilleristen selbstbewußt versichern, daß sie die sperrenden Bollwerke der Italiener gründlich in Trümmer schlagen würden, so hielten die zum ersten Angriffe ausersehenen Infanterie- und Sappeurtruppen es doch für geboten, Übungen mit den Mitteln des Festungskrieges, also mit Sturmleitern, Wurfbrücken, Spreng-röhren u. dgl. m. vorzunehmen.

So wurde ein planvolles Angriffsverfahren ausgearbeitet, um den Verlauf der Offensive zu einer schwungvollen Kriegshandlung zu gestalten. Die Befestigungszonen des Feindes sollten nunmehr nacheinander und abschnittsweise zermürbt und durchbrochen werden. Man war sich darüber klar, daß die Ziele der ersten Phase innerhalb jener Grenzen zu liegen hätten, die der äußerste Wirkungsbereich der weittragenden schweren Geschütze bezeichnete. Dann sollte stehen geblieben und der Aufmarsch der Artillerie zur zweiten Kampfphase abgewartet werden. Die Kampfhandlung der Infanterie wurde im stärksten Maße an jene ihrer Schwesterwaffe gefesselt. Der Gedanke wurde vorherrschend, die mächtige Artillerie, über die man endlich einmal verfügen konnte, zur vollen Geltung zu bringen und der Infanterie vermeidbare Opfer zu ersparen. Ein Menschenleben ist mehr wert, als zehn der schwersten Bomben, so lautete die Schlagzeile in einem zu dieser Zeit gegebenen Befehl. Ferner wurden die Unterführer darauf aufmerksam gemacht, daß nur derjenige auf Anerkennung und Auszeichnung rechnen. könne, der mit möglichst geringen Opfern sein Ziel erreichte.

Das Zusammenwirken der beiden Hauptwaffen war geradezu musterhaft vorbereitet worden. Ein dichtes Netz verläßlicher Drahtverbindungen vermittelte den Verkehr zwischen den Befehlsstellen verschiedener Ordnung. Es war ermöglicht, daß auch die Führer kleiner Infanterieangriffsgruppen in steter Verbindung nicht allein mit den nächsten Batterien standen, sondern auch mit den höheren Artillerieführern und deren zahlreichen Beobachtern, die das Schlachtfeld in allen Richtungen überblickten. Dies förderte die Gefechtsführung außerordentlich. Mehr als anderswo entschied im Gebirge der Besitz einzelner von der Natur gegebener oder von Menschenhand geschaffener Stützpunkte über das Schicksal ausgedehnter Räume im Umkreis. Solche Stützpfeiler der feindlichen Front bildeten denn auch nacheinander Ziele des Angriffes, und es genügte ein Anruf des an Ort und Stelle befehlenden Infanterieführers an die Artillerie, um in wenigen Minuten ein Massenfeuer auf sie auszulösen. Durch dieses exakte Zusammenspiel blieben die Verluste der Angreifer in der Tat sehr gering.

Soweit der Ertrag der schweren Artillerie reichte, ging es ganz den Erwartungen gemäß vorwärts. Das planmäßige Angriffsverfahren bewährte sich vorzüglich. Als man jedoch an die Ertragsgrenze der Angriffsartillerie kam, drängte sich gebieterisch eine schwerwiegende Frage auf. Der Feind hatte beim Zusammenbrechen seiner ersten Verteidigungszone ungeheure Verluste erlitten, fast alle Geschütze verloren und war zumeist nicht imstande, in den hinteren Stellungen Halt zu machen. Sollte man nun stehen bleiben, um das Vorkommen der schweren Artillerie abzuwarten? Oder sollte man sogleich nachstürmen, um die nächste Bergstellung des Feindes im raschen Zugriff, also ohne Unterstützung durch die fahrende Artillerie, in Besitz zu nehmen? Das Für und Wider beschäftigte in diesen Tagen und Stunden lebhaft die höheren Führer. Indessen konnte der Antrieb zu raschem Handeln nur von unten ausgehen, von den feindnahen Truppenführern. Einige griffen schneidig zu und hatten unerwartet großen Erfolg. Andere zögerten und versäumten die gleich günstige Gelegenheit. Sie versuchten nicht, sich über jene Anordnungen hinwegzusetzen, die zu Beginn der Schlacht gegeben worden waren. Auch die früher erwähnten allgemeinen Mahnungen zur Schonung der Infanterie wirkten hemmend. Die Kriegshandlung mußte den erwünschten Schwung verlieren. Als man später kühnes Zupacken im kleinen mit der bisherigen Planmäßigkeit im großen zu verbinden suchte, wozu kleinere Abteilungen weit über das jeweilige Tagesziel hinausstoßen und wichtige Punkte in Besitz nehmen sollten, fruchtete dieses von ungefähr befohlene Aushilfsmittel nur wenig.

So geschah es, daß gerade in der Mitte der Angriffsfront, dort, wo der Durchbruchskeil am schärfsten sein sollte, ein Stillstand eintrat, während seitwärts, besonders links des Keiles, durch kühnes Zugreifen der Durchbruch in nicht vorausgesehenem Maße erweitert wurde. Wegen der großen Ausbauchung trat hier Not an Kräften ein, und damit kam dann auch die Kampfhandlung zum Stillstand. Alle Versuche der höheren Führung, die Schranken, die gegen unbedachtes Vorstürmen vormals aufgerichtet worden waren, nun zu entfernen, schlugen fehl. Der eingetretene Zeitverlust war nicht mehr einzubringen.

Bei den Kämpfen um die letzte italienische Stellung vor der Ebene tauchte auch zum ersten Male die allerdings noch nicht scharf ausgesprochene Idee eines Durchbruches im Tale auf, und zwar dort, wo sich südöstlich von Arsiero das Asticotal schon zur Ebene zu erweitern beginnt (Bd. IV, S. 331). Diese hier vielleicht etwas spät angesetzten Angriffe sowie jene, die die übrigen Pfeiler der vom Feinde südlich von Arsiero neu gebildeten Front erschüttern sollten, drangen nicht durch. An diesem, in höchst wechselvollen Kämpfen erfolgtem Ausklingen der großangelegten Kriegshandlung erkannte man, daß eine neue Durchbruchsschlacht ins Werk gesetzt werden müsse. Wegen der Ereignisse an der Ostfront kam es aber nicht mehr zu diesem Zeit und frische Kräfte heischenden Vorhaben.

Für    das Frühjahr 1917 bestand    der    schon erwähnte Plan    (S. 5),

den Stoß    von der Hochfläche der Sieben    Gemeinden gegen die    Ebene

zu wiederholen. Zum Durchstoßen der zwischen Astico und Brenta gleichfalls etwa 20 km tiefen Gebirgszone wurden zwölf Divisionen im ersten und sechs im zweiten als nötig erachtet. Diese Anordnung der Kräfte mag eine Stütze auch in    den    Erfahrungen gefunden    haben,

die man    aus den Gebirgskämpfen    am    Südrande Siebenbürgens ge-wormen hatte. Hier war beim zweiten Versuche das schmale Vulkangebirge durch einen sehr gründlich vorbereiteten Durchbruchsangriff glatt durchstoßen worden, worauf der vorderen Angriffsstaffel ein großer Kavalleriekörper folgte. In Südtirol sollten an Stelle des Reitergeschwaders sechs besonders marschtüchtige Divisionen treten, denen die Erweiterung des von der Stoßstaffel erkämpften Durchbruchserfolges zufiel.

Die Kampfmethode, die das Korps Krafft im Rotenturmpaß beim Durchbohren des breiten Fogaraser Gebirges angewendet hatte, mag für den vorerwähnten Plan zum raschen Erreichen der venetianischen Ebene wenig nachahmenswert erschienen sein. Wohl hatte sich das Korps Krafft aus eigenem bis in die walachische Ebene durchgearbeitet und hiebei in erstaunlich hohem Maße seine Gefechtskraft bewahrt; es hatte hiezu aber mehr als sechs Wochen benötigt. So viel Zeit durfte man im Südwesten, wo der Italiener seine Truppen außerordentlich rasch verschieben konnte, niemals in Rechnung stellen.

In seinem Angriffsentwurf für das Jahr 1917 machte FM. Conrad des weiteren einen sehr bemerkenswerten Hinweis auf jenen Punkt, wo die italienische Isonzofront am besten und wirkungskräftigsten durchbrochen werden könnte: aus dem Raume um Tolmein. Dieser Frontteil sollte dann im Herbst 1917 noch zu besonderer Bedeutung kommen.

Für die Führung des Krieges an der Gebirgsfront im Südwesten blieb man somit den schon im Frieden gehegten und im Jahre 1916 teilweise verwirklichten Gedanlcengängen treu. Wohl hatte 1917, weil die DOHL. eine Mitwirkung deutscher Divisionen abgelehnt hatte, der Plan einer Offensive zunächst keine Aussicht auf Durchführung. Die leitenden Gedanken lebten aber fort, um zu einem späteren Zeitpunkt in die Tat umgesetzt zu werden.

Was das Kampfverfahren zur Durchführung dieser operativen Angriffspläne anbelangt, war man zur Erkenntnis gelangt, daß nur solche Angriffe im Gebirge Aussicht auf Gelingen hatten, die von starken, durch Artillerie vorzüglich unterstützten Kräften auf schmaler Front ausgeführt wurden, um in einem Zuge das feindliche Stellungsnetz zu durchstoßen. In den Auffassungen über die Verteidigung von Ge-birgsstellungen hatte das Kriegsjahr 1916 keine Änderungen gebracht.

Im Fels- und Gletschergebiet der Hochalpen, wo man nicht allein mit Menschen, sondern ständig mit den Naturgewalten im Streite lag, hatten die Verteidiger mit der wachsenden Erfahrung gelernt, unter ausgiebiger Mithilfe der Technik die Abwehranlagen, Unterkünfte und

Versorgungseinrichtungen zu verbessern (Vgl. Bd. III, S. 361 ff.; Bd. V, S. 698 ff.). Da Spreng- und Bohrarbeiten zumeist die einzigen Mittel waren, um dem Gestein die notwendigen Deckungen und Schutzräume abzugewinnen, war es naheliegend, daß Freund und Feind auch im Kampfe um beherrschende Bergspitzen gern auf gewaltige Minensprengungen griffen (Bd. IV, S. 207 ff., Bd. V, S. 689 ff.).

Die Kampfweise im Manövriergelände Das Verteidignngsverfahren an der rassischen Front

Fast zur gleichen Zeit, als die öst.-ung. Truppen in den Bergen Südtirols unter den schwierigsten Verhältnissen die Gewalt ihres Angriffes erwiesen, sollten sie im. Osten, auf dem meist ein sehr gutes Manövriergelände bietenden russischen Kriegsschauplatz, die Probe bestehen, ob sie die zweite Grundform des Kampfes, die Verteidigung, ebenso sicher beherrschten. Es ist schon gezeigt worden (Bd. IV, S. 123 ff.), wie Führung und Truppe seit Ende 1915 trachteten, aus den verflossenen Kämpfen die Lehren für die Abwehr künftiger Angriffe abzuleiten.

Zu Beginn des Jahres 1916, in der Neujahrsschlacht, war ösdich von Czernowitz und an der Strypa ein voller Abwehrsieg errungen worden (Bd. IV, S. 27 ff.). Das seither geübte Verfahren beruhte in der Hauptsache darauf, den Angreifer im Sperrfeuer, das die Artillerie vor die Hinderniszone legte, dann im Flankenfeuer der Maschinengewehre und am Widerstande der starken Grabenbesatzung sowie letzten Endes im Handgemenge zerschellen zu lassen. Brach der Feind über die erste, die Hauptwiderstandslinie, vor, so sollte er in einer nächsten Linie und an Querriegeln, die ein Ausbreiten nach der Seite zu verhindern hatten, erneute Gegenwehr der Verteidiger finden und von diesen mit Hilfe eingreifender Reserven zurückgeschlagen werden.

Widerstandskräftige Vorfeldstellungen, die die Wucht eines feindlichen Ansturmes vor der ersten Linie hätten mäßigen können, besaß dieses Abwehrsystem nicht. Die vielfach üblichen, in oder vor das Hindernis vorgeschobenen Feldwachen konnten höchstens in ruhigen Zeiten gegen eine Überrumpelung schützen.

Als die Offensive Brussilows den im Osten fast zum Dauerzustand gewordenen Stellungskrieg unterbrach, war es für die Truppe wie für die Führung des öst.-ung. Ostheeres eine gleich schmerzliche Überraschung, daß der Feind bei Luck und bei Okna über die in monatelanger, mühevoller Arbeit ausgebauten „Dauerstellungen“ einfach hinwegstürmte. Alle vorbedachten Maßnahmen und Einrichtungen erwiesen sich als ungenügend, ja manche hatten statt Nutzen nur Schaden gebracht. Die Zuversicht der Kämpfer auf die eigene Kraft sowie das Vertrauen zur Führung erlitten eine schwere Einbuße. Die Ursachen, die das Unr glück verschuldeten und erklärlich machten, sind bereits eingehend dargelegt worden (Bd. IV, S. 410 ff. und 464 ff.).

Der in der zweiten Junihälfte von den Verbündeten unternommene Versuch, dem Feinde im Bogen westlich von Łuck mit einem Angriff entgegenzutreten, mußte bald aufgegeben werden, denn die geschwächte und innerlich erschütterte 4. Armee konnte naturgemäß keine Schlagkraft mehr entwickeln. Aber auch die neu herangeführten, zumeist deutschen Divisionen, die die 4. Armee vorreißen sollten, hatten sich nach zwei Wochen festgerannt. Der Russe erwies sich nicht nur als ein Meister zähen Widerstandes, er war vielmehr ernsthaft entschlossen, die so aussichtsvoll begonnene Offensive bis zur Vernichtung des Gegners fortzusetzen. Die Stawka verfolgte dieses Ziel weiterhin mit unbeugsamer Beharrlichkeit. Immer wieder strömten den südlich vom Pripiatj fechtenden Armeen des Zaren frische Streitkräfte zu. Bis in den Oktober hinein mußten die Verbündeten in Wolhynien wie in Galizien durchschnittlich um Beginn und Mitte eines jeden Monates je einem russischen Gewaltsturm, der sich in Haupt- und Nebenangriffe teilte, die Stirne bieten.

Dank einem untrüglichen, zuverlässigen Nachrichtenmittel, den mitgelesenen Funksprüchen des Feindes, blieben seine Absichten und Zurüstungen den Heerführern der zwei Kaiserreiche nicht verborgen. Der Feind deckte damit selbst, wie noch in keinem Kriege, stets im vorhinein seine Pläne auf und gewährte seinen Gegnern die Gunst, zeitgerecht ihre Vorsorgen zu treffen. Trotzdem blieben den Mittelmächten in den Abwehrschlachten im Juli und August weitere, bittere Rückschläge und unliebsame Überraschungen nicht erspart. Unter dem harten Zugriff der Russen ging Stück für Stück des über den Winter aufgerichteten Walles verloren. Nach dem Durchbruch bei Tłumacz mußte auch die Südarmee ihre bisher ruhmvoll behaupteten Gräben räumen. Der Feind fand jeweils geschickt die schwachen Frontstellen der Verteidiger heraus und warf sie dort zurück; mitunter gelang ihm dies auch ohne diese kluge Wahl des Angriffspunktes durch die Wucht seines Anpralles allein.

Dem Angriffsverfahren, das auf französischen Anschauungen fußte, blieb der Russe treu. Unter Verzicht auf jede Überraschung schaufelte sich seine Infanterie tagelang vor der Einbruchsstelle ihre Wabengräben, sammelte sich darin während der Artillerievorbereitung und brach dann in dichten Sturmwellen vor. Im Verlauf eines Großkampfes wagte der Feind manchmal auch den Versuch, die Stürmer überfallsartig, ohne das verräterische, vorbereitende Geschützfeuer, vorstürzen zu lassen. Es war anscheinend gleichfalls Gedankengut aus dem Schatze der Ententefeldherren, wenn man sich im Hochsommer der Kavalleriemassen erinnerte und sie jetzt knapp hinter der vorbrechenden Infanterie überraschend nachsetzen ließ (Bd. IV, S. 480 und 562; Bd. V, S. 138). Gelegenheiten, das Übergewicht an Reiterei auch im großen Stile zur Geltung zu bringen, übersah Brussilow1) (Bd. IV, S. 414); die dem IV. Kavalleriekorps im Juni gestellte Aufgabe, über die Dauerstellung des Gegners hinweg in dessen Rücken vorzustoßen, scheiterte unter erheblichen Einbußen der Russen (Bd. IV, S. 367, 392 und 394).

In dem Bestreben, einen kriegsentscheidenden Erfolg über die Mittelmächte zu erringen, der sich ungeachtet aller Opfer und aller Teilerfolge nicht einstellen wollte, steigerte die russische Führung in kaum verhehltem Ingrimm beständig das Machtaufgebot an Streitern2) und Kampfmitteln. Der Zuschub modernen Kriegsgerätes jeglicher Art aus den Rüststätten der Ententeländer machte sich auf den russischen Schlachtfeldern fühlbar. In den Herbstschlachten gebrauchten die Russen Gasgeschosse und schwere Minen in reichem Ausmaße, entfalteten in der Luft eine auffallend rege Tätigkeit und gönnten sich schließlich ein Artilleriefeuer von einer Wucht und Dauer, das nach dem Urteil deutscher Führer dem im Westen üblichen kaum mehr nachstand. Die militärische Denkungsart der Westmächte, die eine Sommeschlacht entfesselt hatte, führte auch die Russen vor Kowel und Władimir-Wołyński zur Materialschlacht gewaltiger Prägung.

Da der Feind seine Stoßrichtungen im allgemeinen beibehielt und seine Durchbruchs versuche fast regelmäßig an den gleichen Abschnitten wiederholte, lernten auch die Verteidiger von Schlacht zu Schlacht, den Angreifern immer wirksamer zu begegnen. Die Oberste Führung der Mittelmächte konnte in der Hauptsache nur für die Zufuhr von Reserven und möglichst großer Mengen von Schießbedarf und sonstiger

*) D i a k o w, Brussilow und seine Reiter (Mil. wiss. Mitt., Wien, Jhrg. 1933, 9 ff.).

2) Am 16. September 1916 griffen auf gleicher Frontbreite wie am 4. Juni bereits, doppelt so viel russische Verbände gegen die 4. Armee an (Bd. V, 401).

Kriegsmittel Vorsorgen. Nach dem starken, empfindlichen Ausfall an Streitern, den die Tage von Łuck und Okna verursacht hatten, wurde die Aufgabe sehr schwer, die unausgesetzt kräfteverzehrende Abwehr stets durch frische Verstärkungen aufrecht zu erhalten. Die im August geschaffene einheitliche Befehlsführung Hindenburgs, später des GFM. Prinz Leopold von Bayern, die schließlich von der Ostsee bis an die Karpathen reichte, gestattete, von einer Stelle aus möglichst sparsam mit den Reserven zu verfügen. An Bahnknoten versammelte Kraftgruppen, die bei Bedarf an bedrohte Abschnitte geworfen wurden, mußten durch schnelles Eintreffen im letzten Augenblick ersetzen, was man der Front von Haus aus nicht dauernd als Rückhalt geben konnte.

Der Abwehrkampf drehte sich, bis wieder die Winterruhe eintrat, um feldmäßig befestigte Stellungen. Geworfene Truppen eines Frontteiles wie zum Rückzug genötigte Nachbarn klammerten sich entweder an die nächste, dahinter vorbereitete, oft nur angedeutete Wehranlage oder sie schufen sich eine solche in dem neubesetzten, zum Widerstande geeigneten Geländeabschnitt. Ebenso wurde dem Feinde im Gegenangriff abgewonnener Boden sofort in den Befestigungslauf einbezogen. Auch weiterhin wurde ein starker, durchlaufender Schützengraben mit vorgelegtem Hindernis und Vorfeldsicherungen angelegt, und getrachtet, durch Querverbindungen ein bis zwei verteidigungsfähige Linien anzuschließen. Es entstand wieder das herkömmliche Grabennetz, das in dem leicht zu bearbeitenden Boden verhältnismäßig rasch ausgehoben werden konnte. Wurde die Wehranlage endgültig behauptet, so entstand von selbst wieder die „Dauerstellung“. Manchmal erklärte die Führung, um ihren Willen nach entschlossener hartnäckigster Abwehr kund zu tun und ihn auf die Truppe zu übertragen, eine eben erreichte Linie ausdrücklich als Dauerstellung (Bd. IV, S. 545, Bd. V, S. 161), wenngleich die meisten Einrichtungen, die man unter diesem Begriff zusammenfaßte, vor allem die viel Arbeitszeit erfordernden Kunstbauten, erst zu schaffen waren.

Für die Infanterie sowie für die gleich ihr zu Fuß fechtende Kavallerie wurde—wie auf den anderen Kriegsschauplätzen — das Maschinengewehr die ausschlaggebende Abwehrwaffe. Im Nahkampf, zum Verteidigen und Säubern der Gräben war die Handgranate das wirksamste Mittel. Durchbrach der Feind die vorderste Linie, dann hatte die Infanterie des Abschnittes ihren Wert zu erweisen. Jetzt wurde der Raum hinter dem Hauptgraben das bedeutungsvolle Gebiet, in dem die Führer der untersten Einheiten das wogende Gefecht zu leiten hatten und durch

Erfahrungen aus den Sommerschlachten 1916

einen beherzten, raschen Entschluß auch oft erfolgreich zu gestalten vermochten. Hier galt es, die augenblickliche Schwäche des in ein unübersichtliches Grabengewirr eingedrungenen Feindes auszunützen, ihn an den Querriegeln und nächsten Widerstandsbauten aufzufangen und durch einen schnellen Gegenstoß zurückzuschlagen. Gelang dies nicht, so sollte der Einbruch von der Stellungsbesatzung und ihren unmittelbaren Reserven wenigstens verläßlich eingedämmt werden. Denn nur unter dieser Voraussetzung konnte die mittlere oder hohe Führung, ohne Kräfte zu verzetteln, den immer wieder eingeschärften Grundsatz befolgen, die Lage durch einen einheitlich angesetzten, kraftvollen Gegenangriff der Eingreiftruppen wiederherzustellen.

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In der ursprünglichen Kampfform der Reiterwaffe, in der Attacke, aufzutreten, was der Feind mehrmals versuchte, war der öst.-ung. Kavallerie nicht vergönnt. Ihre Regimenter, deren Pferdestand immer mehr zusammenschmolz, wurden aber nach wie vor gern als bewegliche Reserve verwendet.

Der Hauptanteil an einer aussichtsvollen und erfolgreichen Abwehr fiel, gleich wie im Gebirge so auch im Manövriergelände, in wachsendem Maße der Artillerie zu. Die Mittelmächte durften die lebende Kraft nicht so vergeuden, wie das über scheinbar unermeßliche Menschenmassen verfügende Rußland, das seiner geduldigen Infanterie noch immer die schwersten Blutopfer zumutete. Aus dieser Erwägung mußten den Verbündeten um so mehr die schweren Maschinenwaffen, Minenwerfer und Geschütze als Gerüst des Widerstandes dienen, abgesehen davon, daß auch der Feind stets mehr auf die rein brutale Gewalt des Materials verfiel.

In dem Maße, als die öst.-ung. Truppen durch eine zunehmende Zahl deutscher Divisionen gestützt und verstärkt wurden, gewann vor allem die abstoßende Feuerkraft der Ostfront. Denn die deutschen Verbände waren mit Geschützen — auch solchen schweren Kalibers — und mit wirksamen Minenwerfern sehr gut ausgestattet und verfügten stets über ungleich reichlicheren Schießbedarf. Im günstigsten Falle vermochte das rechtzeitig einsetzende, zusammengefaßte Vernichtungsfeuer der Abwehrwaffen ein Angriffsvorhaben schon im Keime zu ersticken. Von dem übermäßigen Gebrauch flankierender Sperrfeuerbatterien, in die man allzu großes Vertrauen gesetzt hatte, kam man ab. Allmählich ging man dazu über, das Sperrfeuer frontal abzugeben. Aus den Juni-und Julikämpfen ergab sich des weitern die Lehre, für die zum Gegenangriff bestimmten Reserven auch Batterien aufzusparen.

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Der Wandel, den die Standfestigkeit der Verbündeten südlich vom Pripiatj durchmachte, drückte sich augenfällig darin aus, daß nach der planmäßigen Zurücknahme der Armee GdI. Gf. v. Bothmer an der Front kein Rückschlag mehr eintrat, und die im Herbste folgenden Abwehrkämpfe, gleich den Isonzoschlachten, zu stehenden Schlachten wurden. Dem Feinde mochte wohl noch unter riesigen Anstrengungen und großen Opfern örtlich irgendwo das Einbeulen der ersten Linie gelingen; Truppe und Führung waren gewohnt, einem solchen Zwischenfall keine übergroße Bedeutung mehr beizumessen, und verstanden sich geschickt darauf, ihn durch einen Gegenschlag rasch zu beseitigen. Die Verteidigung wurde in einem beweglicheren Geiste geführt. Als der gewaltige Ansturm des Zarenheeres im Spätherbst verebbte, war die Front der Verbündeten von der Ostsee bis an die Karpathen wieder in einen starren, undurchdringlichen Panzer gehüllt.

Nachträgliche, kriegsgeschichtliche Forschung hat in dem Streben, die Katastrophe von Łuck und Okna aufzuklären, neben ändern Ursachen und Fehlem auch auf das „starre Abwehrverfahren“, das bereits unzeitgemäß gewesen sei, verwiesen (vgl. Bd. IV, S. 412; Bd. V, S. 724). Die Erscheinung, daß sich andere Frontabschnitte, die entweder gleichzeitig oder später von den Russen nicht minder heftig angepackt wurden, erfolgreich behaupteten, noch mehr aber die Überlegung, daß die Front südlich vom Pripiatj schließlich nach fünf Monaten schwersten Ringens keine neue Abwehrform hervorgebracht hatte, sondern im Grunde genommen noch immer bei der starren Verteidigung verharrte, regen zu einer neuerlichen Überprüfung dieser Frage an. Das Ergebnis kann, wenn man der Wahrheit die Ehre geben will, doch nur lauten: nicht das Verteidigungsverfahren an sich war unzweckmäßig und veraltet, sondern trotz der vielen vorhandenen Abwehrlinien und Stellungen hat weder die Truppe unter dem überwältigendem Drucke des Feindes des-, sen ersten Einbruch zu begrenzen noch die höhere Führung mit ihren Reserven die Russen aufzufangen und zurückzuwerfen vermocht. Nicht das System, sondern Geist und Nerven haben versagt. Sobald die Fronttruppen, durch ausreichende schlagkräftige und kampfesfreudige Verbände mitgerissen und durch genügende technische Mittel gestützt, das Vertrauen auf die eigene Leistungsfähigkeit und in die Führung wieder gewonnen hatten, wurde auch die Verteidigung im guten Sinne des Wortes „starr“. Der Feind prallte davor ab, obgleich die Wucht seiner Anstürme später im Vergleich zum Juni beträchtlich stärker geworden war. Auch der Verlauf des Sommer- und Herbstfeldzuges im Osten bewies letzten Endes nur, daß dem innem Werte und dem ernsten Willen der Kämpfer sowie einer überlegten, festentschlossenen und zielsicheren Führung ausschlaggebende Bedeutung zukamen.

Inzwischen waren im Westen aus den Erfahrungen der bis tief in den November hinein währenden Schlacht an der Somme für eine zweckmäßigere Abwehr neue Ideen erwachsen, die darin gipfelten, die Verteidigung nicht mehr an die starre Linie zu fesseln, sondern in eine befestigte Fläche zu verlegen. Die vorderste Linie, die dem Trommelfeuer sehr leicht erlag, und auf deren Behaupten daher kein besonderer Wert gelegt wurde, konnte dünn besetzt werden, man klammerte sich lieber an Gräben, Stützpunkte und Flankierungsanlagen des Zwischengeländes und sah die Hauptstärke der Abwehr in den selbsttätig einsetzenden Gegenstößen. Falls diese nicht durchdrangen, wurde ein planmäßig angelegter Gegenangriff notwendig1). Solche Grundsätze rangen sich zunächst im Westen durch, wurden dort 1917 weitergebildet und erlangten im letzten Kriegsjahr eine scharf ausgeprägte Form. Von dieser „elastischen Verteidigung“ war man aber Ende 1916 im Osten noch weit entfernt. Hier hatte zunächst nur eine Auffassung des neuen Verfahrens unter dem Einfluß der deutschen Befehlsstellen, denen die neuen Ideen ja näher lagen, fast unmerklich Eingang gefunden und war noch durch den Kampferfolg selbst gerechtfertigt worden: durch Gegenschlag war anfänglicher Bodenverlust in der Regel hereinzubringen. Im allgemeinen wurde aber auf dem russischen Kriegsschauplatz die starke erste Linie, in der der Hauptwiderstand zu leisten war, nicht nur im Jahre 1917 beibehalten, sondern überhaupt nicht aufgegeben, war Ende 1916 bereits wieder vorhanden, man war an sie gebunden und konnte das ganze Stellungssystem nicht mehr neu anlegen oder umbauen.

Als nun im Winter 1917 die geänderten Ansichten zuerst durch Vorschriften der DOHL. an der Front verbreitet wurden, konnte die erwünschte größere Tiefengliederung nur beim Vervollständigen des Zwischen- und Hintergeländes durch Stützpunkte und Maschinengewehrnester sowie im Gruppieren der Maschinenwaffen und der Reserven berücksichtigt werden. Die Führer aller Grade, namentlich aber jene

x) Um unnütze Blutopfer zu vermeiden, mahnte die DOHL. gegen Ende 1916, verlorene Stellungsteile nicht bloß wegen der Waffenehre um jeden Preis zurückzuerobern, sondern Gegenstöße nur dann anzusetzen, wenn sie durch die taktische Lage gerechtfertigt seien. Eine Riegel- oder Sehnenstellung konnte ja für die Abwehr gleich gut, selbst günstiger sein, als ein früher einmal im Kampfe erreichter und nur deshalb festgehaltener Grabenzug (Bd. V, 581).

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der höheren Befehlsverbände, hatten sich das Wesen der beweglichen Verteidigung geistig zu eigen zu machen. Vorne, auf die untersten Kampfeinheiten, wirkte sich die Neuerung, praktisch betrachtet, kaum aus. Der zugewiesene Platz war wie bisher nachdrücklich zu behaupten und durfte ohne Befehl nicht verlassen werden. So blieb im Osten die starre Verteidigung, nur den zeitgemäßen Bedürfnissen angepaßt und in eine bessere Form gebracht, weiterhin in Geltung.

Obwohl die militärische Leitung der Verbündeten im Sommer 1916 mehrmals versucht hatte, selbst zur Offensive überzugehen, kam es zu keiner großzügigen, raumgreifenden Angriffshandlung. Die Gegenoffensive Linsingens blieb nur ein kurzes Zwischenspiel. Die Absicht, dem Feldzug durch einen Offensivstoß, der beiderseits vom Dniester losbrechen sollte, eine günstige Wendung zu geben, konnte nicht verwirklicht werden. Kaum hatten die beiden Obersten Heeresleitungen für derlei Zwecke mühsam einige Verfügungstruppen aufgebracht, so mußten sie an bedrohte Frontabschnitte zum Auffangen eines Russenstoßes abgelenkt werden. Das russische Riesenreich mit seiner gewaltigen Heeresmacht schrieb unbeirrt das Gesetz des Handelns vor. Ansätze der k. u. k. 7. Armee, mit bescheidenen Mitteln aus den Karpathen heraus vorzugehen, wirkten sich kaum aus. Schließlich zog der neue Kriegsschauplatz in Siebenbürgen die Reserven der Obersten Führung an sich.

Die Kriegführung der Verbündeten gegen Rußland war 1916 ein System von Aushilfen. Es gelang damit aber, die strategischen Pläne des Feindes zu vereiteln, dem ein Durchbruch großen Stiles und der Übergang zum Bewegungskrieg vorgeschwebt hatte.

Im Rahmen der großen Abwehrschlachten, aus den besonderen Bedürfnissen des Stellungskrieges heraus, entwickelten die Verbündeten in der zweiten Hälfte 1916 für Angriffshandlungen mit begrenzten Zielen ein neues, verfeinertes Verfahren. Der Wandel vollzog sich zuerst bei der Artillerie und der Minenwerferwaffe, indem man die Wirkungsmöglichkeiten dieser schweren Waffen in Verbindung mit dem Kampfgas nach einem wohl durch dachten Plane voll ausschöpfte, um der Infanterie viel ausgiebiger die Wege zu ebnen, als es bisher üblich war. Als erstes Beispiel eines Angriffes, bei dem ein neuartiger, klug berechneter Feuerplan den unter deutscher Leitung stehenden Angreifern zum Siege verhalf, kann die Eroberung des Brückenkopfes von Zarecze (18. September 1916) gelten (Bd. V, S. 410). Aber auch die Infanterie mußte dazulemen. Das reich verstrickte Grabennetz, das auf Freund- und Feindesseite das Gelände durchschnitt, bot die Gelegenheit, darauf nach

Das Entstehen der Sturmtruppen

den von den Deutschen im Westen gewonnenen Erfahrungen eine eigene Angriffstaktik aufzubauen. Diese erforderte Eigenschaften und Geschicklichkeiten, die von der Masse der nur flüchtig ausgebildeten Kämpfer nicht zu verlangen waren. Man schuf daher besonders vorgeschulte „Sturm-“ oder „Stoßtrupps“ und verband ihr Auftreten im Kampfe aufs engste mit der Tätigkeit der übrigen Waffen. Ein solcher neuartiger Angriff lief wie ein Uhrwerk ab. Alle Kampfmittel wurden, ihrer Eigenart entsprechend, in genau abgestimmter Zeit- und Reihenfolge zur vollen Wirkung gebracht. Erst des sturmreif geschossenen Bollwerkes hatten sich die Angreifer, denen manchmal auch eigens vorgebildete technische Abteilungen beigegeben waren, zu bemächtigen. Wurde ein solches Unternehmen in größerem Maßstab ausgeführt, so dienten die Sturmtruppen der übrigen Infanterie als leitende Bahnbrecher. Das Verfahren erforderte allerdings viel Zeit für Erkundungen und sonstige Vorarbeiten, für das Beschaffen des meist verhältnismäßig großen Aufwandes an Kriegsgerät und endlich für das Einüben der Truppen. Dafür aber boten derartige Angriffe, die den Gipfel der Planmäßigkeit darstellten, auch die fast sichere Gewähr des Erfolges. Neben kleinen Unternehmen, in denen die neuausgebildeten Stürmer die ersten Proben ihres Könnens ablegten, gehören in diese Reihe die am 1. November 1916 erfolgte Wegnahme des Russennestes von Witoniez (Bd. V, S. 460), dann im Jahre 1917 die Rückeroberung der Höhe Magyaros und als Glanzstück die Bezwingung des Brückenkopfes von Tobol. Die beiden letztgenannten Ereignisse werden noch behandelt werden.

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Die Abwehr am lsonzo

Einigermaßen anders als im Osten entwickelten sich die Dinge im Küstenlande, das — zumindest südlich von Görz — schon wegen seines Wegereichtums auch als Manövriergelände angesprochen werden kann. Zwar oblagen auch hier die Truppen den ganzen Winter von 1915 auf 1916 über und dann noch bis zum August dem Stellungsbau, der hier wie im Hochgebirge mit Bohrmaschinen und Sprengwerkzeugen erfolgte; aber diese Arbeiten vollzogen sich stets unter der scharfen Drohung eines feindlichen Vorstoßes. Auch hatten die Isonzoverteidiger bis zum Beginn der schweren Kämpfe im August 1916 schon fünf Schlachten schlagen müssen. Der kriegerische Geist war daher auf den blutgetränkten Feldern bei Görz und auf der Karsthochfläche von Co-men noch nicht durch abstumpfende Maulwurfsarbeit verdrängt.

Als dann in der zweiten Jahreshälfte 1916 die schweren Schlachten

— die sechste bis neunte — entbrannten, waren auch diese, gleich den früheren, mehr weniger ortgebundene Kämpfe, in denen sich der Verteidiger der stets zahlreicher und heftiger werdenden Anstürme der Italiener erwehren mußte. Wenn es nun in dem heißen, hartnäckigen Ringen dazukam, daß am Ende einer Schlacht Teile des Geländes in Feindeshand verblieben, so hatten solche Einbußen doch niemals eine tiefer greifende Wirkung im Gefolge. Selbst die größten Ergebnisse übermächtiger Anstürme des Feindes, wie die Eroberung von Görz, liefen am Ende nur auf einige im Vergleich zu anderen Kriegsschauplätzen geringfügige Frontverlegungen hinaus.

Die Formen der Abwehr hatten hier unter dem Einfluß des Karstgeländes und der zahlenmäßigen Überlegenheit des Feindes ihre eigene besondere Entwicklung genommen. Die starre Verteidigung war vom Anfang an nicht so gänzlich starr gewesen. Man gab zwar keinen Fußbreit Bodens ohne zwingende Notwendigkeit preis und kämpfte auch hier nachdrücklich um eine, um die vorderste Linie. Man war aber niemals dazugekommen, sie besonders stark auszugestalten. Dafür hatte das Gelände auf Schritt und Tritt natürliche Anklammerungsmöglich-keiten dargeboten, die nur um ein geringes mangelhafter waren als die schlecht ausgebauten Kampfanlagen. Dadurch war ganz von selbst eine beweglichere Art der Abwehr entstanden, ein Kampf, der nicht so sehr in Linien als auf mehr oder weniger tiefen Flächen geführt wurde. Diese Elastizität der Kampfführung hatte jedoch keineswegs gehindert, daß die Behauptung der vordersten Kampflinie nach wie vor erstes und oberstes Ziel blieb.

Gleichwohl hatte man hier früher als anderswo erkannt, daß eine Linie zur Verteidigung nicht genüge, daß man Stellungen haben müsse, die die Führung des Kampfes in tiefen Zonen ermöglichten. Allein da sprach der spröde Karstboden ein gewichtiges Wort mit. Was an anderen Orten in wenigen Nächten geschaffen werden konnte, erforderte hier Monate schwerster, für die meisten Truppen ungewohnter, sehr ermüdender und lästiger Arbeit.

So kam es, daß man eigentlich seit Beginn des italienischen Krieges niemals dazu gelangt war, in einer regelrechten „Stellung“ zu kämpfen. Fast ein Jahr lang hatten die Truppen an Steinriegeln oder in „angekratzten“ Gräben gefochten und in bescheidenen Unterständen, in Dolinen, unfertigen Kavernen oder natürlichen Höhlen notdürftigen Schutz vor Wetterunbill und feindlichem Massenfeuer gefunden.

Gab es bis zur ersten großen Schlacht des Jahres 1916, der sechsten Isonzoschlacht, überall wenigstens einen durchlaufenden Graben, vielfach sogar schon zweite, sogenannte ,,I b“-Linien, so sahen sich die Kämpfer nach dem Verluste der Stellungen von Podgora, Doberdö und S. Michele wieder in vielen Frontabschnitten sozusagen im blanken Karst, bestenfalls hinter Steinbrustwehren oder in seichten Gräben, geschützt von einem Hindernis einfachster Art. Die mühevolle Arbeit des Stellungsbaues begann wieder von vorne und konnte kaum Nennenswertes vollbracht haben, als schon Mitte September der siebente italienische Ansturm abgewehrt werden mußte. Trotzdem hatte das gewohnte Abwehrverfahren, allerdings unter schweren Verlusten, auch diesmal vollen Erfolg, obgleich der Feind mit gewaltigem Aufwand an Artillerie und Minenwerfern wuchtiger und nachhaltiger als früher angriff. Wo immer er in die Stellung ein drang, warfen ihn spätestens Gegenstöße von Brigade- oder Divisionsreserven wieder zurück.

Freilich verursachte diese Kampfweisc jetzt einen bedeutenden Menschenverbrauch, den zu vermindern größere Tiefengliederung verlangt wurde. Aber dazu hätte wenigstens das Gerippe einer „Stellung“ gehört. Davon war man jedoch — obgleich durch rastlose Arbeit schon manches geschaffen worden war — noch weit entfernt und daher auch die Tiefengliederung noch nicht durchgeführt, als Anfang Oktober die achte Schlacht entbrannte. Nach heißem Ringen kam auch sie an einer Linie zum Stehen, in der es wieder nur bescheidene Steinriegel, Kavernenanbrüche und höchst selten halbwegs ausgebaute Stützpunkte mit fertigen Kavernen gab. An diesem Zustande konnte bis zu der schon Ende Oktober beginnenden neunten Isonzoschlacht nichts Entscheidendes geändert werden, trotzdem die Truppe mit Aufgebot aller Kraft den Ausbau der Stellungen betrieb.

Vor der neunten Schlacht hatte man auf dem Nordrande der Karsthochfläche von Comen den Versuch einer Verminderung der Besatzung im vordersten Stellungsbereich gemacht, um nicht zu viele Menschenleben dem verheerenden Vorbereitungsfeuer der italienischen Artillerie zu opfern und um zu der schon oft vorgeschlagenen stärkeren Tiefengliederung zu kommen. Doch der Versuch mißglückte. Fast wäre es zu einem Zerreißen der Front gekommen. Nur durch aufopferndes Eingreifen der spärlichen Reserven, die hiebei einen ungewöhnlich hohen Blutzoll entrichten mußten, konnte die Front — allerdings mit einer tiefen Einbeulung — schließlich doch behauptet werden. Die mit schmerzlichen Opfern erkaufte Erfahrung ergab, daß in der Besetzung der vordersten Kampflinie eben unter jenes Maß an Truppen nicht heruntergegangen werden dürfe, das die Möglichkeit rechtzeitigen Eingreifens der Reserven gewährleistet.

Kein Wunder, daß auch nach der neunten Schlacht eine neuartige, auf elastischem Kampfverfahren beruhende Abwehr, wie sie im Westen schon festere Formen anzunehmen begann, am Isonzo noch nicht Wurzeln faßte. Das von den Italienern angestrebte Operationsziel Triest war viel zu nahe, um solche nicht ungefährliche Versuche zuzulassen.

So wurde in der langen Kampfpause von Mitte November 1916 bis in das nächste Frühjahr an der ganzen Isonzofront doch der Bau von durchlaufenden zweiten und dritten (Ib- und Ic-)Linien betrieben. Dank der jetzt schon zahlreicher vorhandenen Bohrmaschinen schuf man zahlreiche Kavernen. Dann verteilte man Maschinengewehre, Minenwerfer, Infanteriegeschütze zusammen mit den Kompagnie- und Bataillonsreserven im Gelände, das dadurch zum „befestigten Zwischengelände“ wurde; im übrigen blieb man aber entschlossen, die Linie der vordersten Kavernen so wie bisher auf das nachdrücklichste zu verteidigen.

Wiederaufleben des Bewegungskrieges

Auf den Kriegsschauplätzen, die nach ihrer Bodenbeschaffenheit den Bewegungskrieg begünstigten, war das öst.-ung. Heer im Jahre 1916 bis in den Herbst hinein in die Fesseln der Abwehr geschlagen. Da brachte der Beitritt Rumäniens zum Feindbund überraschenderweise wenigstens auf einem Teile der langen Ostfront eine Änderung: im großen Becken von Siebenbürgen und in der walachischen Ebene. Hier kam es im letzten Viertel des Jahres 1916 zu einer förmlichen „Renaissance des Bewegungskrieges“. Hiebei spielte sich die Gegenoffensive der Armeen Falkenhayn und Arz ungefähr in den gleichen Formen ab, wie die ersten Kriegshandlungen gegen Rußland im Sommer 1914.

Der ganze Plan zur Verteidigung Siebenbürgens war auf Beweglichkeit eingestellt. Schon in der ersten Phase dieses Feldzuges, als die Deckungstruppen der k.u.k. 1. Armee schrittweise gegen die befestigte Maros—Kokellinie zurückwichen, nützten sie manche Gelegenheit aus, um dem oft zaghaft vorrückenden Feinde Abbruch zu tun. Die Losgelöstheit von den Fesseln des Stellungskrieges, der für wagemutige Angriffshandlungen wenig Möglichkeiten bot, wurde hiebei von den öst.-ung. Truppen wohltuend empfunden. Hier schwand plötzlich die Sorge um mangelnde Tuchfühlung oder gar um ungeschützte Flanken.

Die Ursachen hiefür waren die den Unterschied an Kämpferzahl wettmachende Überlegenheit der Verbündeten an Kriegserfahrung, ihre reichere Ausstattung mit schwerer Artillerie, mit Maschinengewehren und Verbindungsgerät, lauter Kriegsmittel, die den Rumänen abgingen. Die lockeren Fronten gestatteten den öst.-ung. und deutschen Divisionen, ihre ungleich größere operative und taktische Wendigkeit voll und ganz zur Wirkung zu bringen.

Bei der Gegenoffensive der Verbündeten fand die überlegene Führungskunst ein ganz besonders reiches Feld der Betätigung. Nicht nur Durchbrüche durch Stellungsfronten, sondern Umfassungen und weitausholende Umgehungen zwangen den Feind, der jetzt auch offene Flanken bot, zum Rückzug. Die Schlachten und Gefechte waren von kurzer Dauer und, da sich daran schnelle und ausgreifende Verfolgungsmärsche anschlossen, auch von entscheidenden Ergebnissen. Es waren — wenn man die Schlachten des Jahres 1916 an allen anderen Fronten zum Vergleich nimmt — verhältnismäßig leichte Siege, die in Siebenbürgen erfochten wurden.

Nach den schon ungleich schwierigeren Durchbruchskämpfen am Südwall der Siebenbürger Randgebirge fand der Bewegungskrieg in der Walachei in ähnlicher Form und bei rasch abnehmender Widerstandskraft der Rumänen seine Fortsetzung. Er wurde, was Marschleistungen und Vielgestaltigkeit der Kriegshandlungen anbelangt, kaum von der großen Offensive 1915 gegen Rußland erreicht. Er erbrachte für die Verbündeten aber auch keine neuen Lehren. Die Rumänen waren es, die hier eine allerdings furchtbar harte Schule des Krieges durchzumachen gezwungen waren.

Faßt man alle vorangegangenen Ausführungen zusammen, so erhellt, daß als Ergebnis der Kämpfe des Jahres 1916 sowohl in operativer wie in taktischen Beziehung noch keine Ideen aufgetaucht waren, die das Bisherige abänderten. Im Angriffsverfahren fing die Sturmausbildung an, erhöhte Bedeutung zu gewinnen. In der Abwehrtaktik begannen die Gedanken an eine Raumverteidigung nach Geltung zu ringen, ohne schon grundlegend neue Formen hervorzubringen. Eine Beeinflussung der bisherigen Kampfformen für Angriff und Abwehr erfolgte eher noch durch organisatorische Neuerungen, durch die großzügige Ausgestaltung der Artillerie, des Maschinengewehr-, des Minenwerfer- und des Flugwesens.

Die W i n t e r a r b e i t

Als die rauhe Jahreszeit auf dem östlichen Kriegsschauplätze den ungewöhnlich wechselvollen Kämpfen des Jahres 1916 ein Ende setzte, brach für die Verbündeten eine Zeit fleißiger Arbeit an. Der Ausbau der Stellungen, der in den Pausen zwischen den Abwehrschlachten nicht in dein wünschenswerten Ausmaße hatte erfolgen können, wurde eifrigst fortgesetzt. Diese Tätigkeit war der Truppe, die nun bereits vor dem dritten Kriegswinter stand, nicht mehr ungewohnt; sie besaß darin schon großes Geschick. An Stelle der vielfach gekünstelten, ja übertriebenen Ausstattung des Kampfgrabens, die trotz allen Müh- und Zeitaufwandes unter einer ernsthaften Beschießung in nichts zerstob, trat nunmehr dauerhafte Zweckmäßigkeit. Die Hauptwiderstandslinie, der mit geflochtenen Hürden oder mit Holz ausgekleidete, ziemlich breite und mehr als mannstiefe erste Graben, war durch die üblichen Schulterwehren (Traversen) abgeteilt. Er erhielt feindwärts an der Sohle einen Auftritt für die Schützen, die nicht mehr durch Schießscharten, sondern einfach „über Bank“ zu feuern hatten. Die Schrapnelldächer waren schon im Frühjahr 1916 beseitigt worden. Vom Feinde aus besehen, sollte keine Aufschüttung den Verlauf verraten oder als Ziel dienen können. Der Erdaushub war daher zu verstreuen. Wo Grundwasser oder Sumpf das Ausheben eines Grabens ausschlossen, mußte allerdings ein Wall hochgebaut werden. Für Maschinengewehre, Grabengeschütze und Minenwerfer sowie für deren Bedienungsleute legte man schußsichere Deckungen an. Angestrebt wurde, solche Unterstände nach und nach auch für die übrige Besatzung, dann für die nächsten Reserven herzustellen, um während des feindlichen Trommelfeuers Verluste möglichst auszuschalten. Auch die Stellungsbatterien hatten zum Schutze ihrer Beobachter, Geschütze, Schießvorräte und Bedienungen in gleicher Weise vorzusorgen. Bergmännisch in die Erde getriebene „Fuchslöcher“ waren in Wolhynien wegen des vorherrschenden Sumpfbodens nur in beschränktem Maße ausführbar. Bei der Anlage wurde darauf gesehen, daß solche Unterschlupfe den sich darin Verbergenden nicht zur Falle werden konnten. In der vordersten Linie wurden nunmehr Fuchslöcher verpönt. Beton und Eisenschienen waren das bewährteste und gebräuchlichste Mittel, um Bauten selbst gegen schweren Beschuß widerstandsfähig zu machen; entsprechend getarnt, konnten sie mindestens teilweise auch über der Erde ausgeführt werden.

Eine zweite, 150—400 m entfernte und manchmal auch eine dritte Linie machten zusammen mit dazwischen und dahinter verteilten Stützpunkten die befestigte Zone der ersten Stellung aus. Mehrere Kilometer dahinter wurde eine zweite Stellung im Gelände ausgemittelt und, soweit Arbeitskräfte dazu verfügbar waren, an den wichtigsten Stellen in einfacher Weise ausgebaut. Der Abstand von der ersten Stellung mußte so bemessen sein, daß beide Wehranlagen durch die Artillerie des Feindes nicht gleichzeitig niederzukämpfen waren.

Ein äußerst wirksames Kampfmittel, dessen sich Freund und Feind immer mehr bedienten, waren Gift- und Reizgase. Über deren Verwendbarkeit wurde die Truppe unterrichtet, wichtiger war noch die Belehrung über die drohenden Gefahren und deren Abwehr. Ende Oktober 1916 führte die öst.-ung. Heeresverwaltung an der Ostfront einen Gasschutzdienst ein, der am Isonzo schon längere Zeit bestand. Feldwetterstationen hatten die atmosphärischen Verhältnisse ständig zu be-

obachten, ob sie einen feindlichen Gasangriff begünstigen oder nicht, um zeitgerecht warnen zu können. Alarmvorsorgen wurden getroffen

und Gasmasken zum Schutze der Truppen ausgegeben.

Neben allen Maßnahmen, die die unmittelbare, praktische Kampfbereitschaft der Front förderten, galt es, sich geistig für das nächste Kriegsjahr zu rüsten. Nach der schroffen Abweisung, die dem Friedensschritte der Mittelmächte vom Feindbund widerfahren war, mußte für das Frühjahr 1917 mit einer allgemeinen Offensive der feindlichen Heere, mithin auch des russischen an der Ostfront, gerechnet werden.

Der deutsche Oberbefehl, dem der größte Teil der öst.-ung. Divisionen unterstellt war — nur mehr die zwei Armeen der Heeresfront Erzherzog Joseph waren am Jahresausgang an die k. u. k. Heeresleitung gewiesen — wie nicht minder die starke Vermengung der verbündeten Truppen1), der mittleren und hohen •Kommandostellen brachten es mit sich, daß Führungsgrundsätze und taktische Ansichten des stärkeren Bundesgenossen sich immer mehr durchsetzten. Um einheitliche Auf!) An der Ostfront (Heeresgruppe Mackensen bis einschließlich Heeresgruppe Linsingen) hatten stehen

am 1. November 1916 41 ID., lH/oKD. 371 o.,    51/2    ..


Österreich-Ungarn

Deutschland

Bulgarien

Türkei


Summe:    S6I2ID.,    18    KD.

S4i '2 ID., 14 KD.


fassungen zum Gemeingut werden zu lassen, wurden gemeinsame Offizierskurse ins Leben gerufen. Dem gleichen Zwecke, dann dem Vertiefen des gegenseitigen Verstehens diente der Austausch von Offizieren einzelner Dienststellen bis zum Kompagnieführer herab. Die erste Unterweisung im Sturmwesen empfingen öst.-ung. Offiziere und Mannschaften seit November 1916 in mehreren Lehrvorführungen an der deutschen Westfront. Zu gleicher Zeit stellte das Oberkommando Ost zunächst bei den deutschen Verbänden schon Lehrtruppen für diesen neuen Ausbildungszweig auf; die öst.-ung. Befehlsstellen folgten bald diesem Beispiel. Im Frühjahr 1917 bildeten sich die k. u. k. Armeekommandos schon selbständige Sturmbataillone. Die Divisionen konnten, wenn nicht gerade ein fertig geschulter, vereinter Lehrgang verfügbar war, die früher ausgebildeten Sturmtrupps, die grundsätzlich wieder zu ihren Regimentem traten, für besondere Unternehmungen in Kompagnien zusammenfassen. Die bisherigen „Jagdkommandos“ wurden nunmehr als entbehrlich aufgelassen.

Deutscher Einfluß erstreckte sich auch auf die weitere Schulung der in den Armeebereichen einlangenden Ersatzmannschaften1). Da sie aus der Heimat nur ungenügende Vorkenntnisse mitbrachten, wurde schon seit geraumer Zeit je eine Marschbataillonsreihe in Divisionsausbildungsgruppen gesammelt. Hier hatte der Kämpfernachschub, bevor er den Frontregimentern zufloß, durch mehrere Monate unter straffer Manneszucht stramm zu exerzieren und kriegsmäßig zu üben.

Vielfach dienten deutsche Kampfvorschriften und Lehrbehelfe, so zunächst für den neuen Gaskampf und Sturmdienst, zur allgemeinen Richtschnur. Daneben standen öst.-ung., manchmal den deutschen widersprechende Weisungen in Kraft; überdies gaben viele öst.-ung. Kommandos aus ihrem Gesichtskreis und für ihren Befehlsbereich noch weitere Anleitungen heraus. Um bei dieser verwirrenden Schriftenflut, die sich auf die Front ergoß, wieder einheitliche Auffassungen zu verbreiten, ließ das k. u. k. AOK. seit der Jahreswende eine ganze Reihe neuverfaßter Vorschriften erscheinen, in denen die bisherigen Lehren, Erfahrungen und Neuerungen niedergelegt wurden. Der militärischen Lage des Donaureiches und dem Kriegsverlauf entsprechend, fanden der Stellungskampf und die Abwehrschlacht eine gründliche Behandlung. Solche Vorschriften lehnten sich bewußt stärker an die deutschen Bestimmungen an.

Ludendorff, Meine Kriegserinnerungen 1914—1918 (Berlin 1919 und 1920,, 186. — Bernhard i, Denkwürdigkeiten aus meinem Leben (Berlin 1927), 449 ff. — Litzmann, Lebenserinnerungen ^Berlin 1921), 11, 131.

Ähnlich wie im Osten diente auch an der Isonzofront die während des Winters eingetretene Kampfpause dem zweckmäßigeren Ausgestalten der Abwehr (S. 40) sowie der eingehenden Schulung der Streiter und ihrer Ersätze.

Zusammenfassend kann gesagt werden, daß diesmal die Winterperiode in jeder Hinsicht bedeutend besser ausgenützt wurde als der gleiche Zeitraum 1915—16. Damals hatte man fast nur gebaut, aber bei Offizier und Mann die Fortbildung im wahren Soldatenberuf vernachlässigt und dadurch das taktische Geschick der Truppe, ihre Wendigkeit in der Hand der Führer, verkümmern lassen. Jetzt wurden alle Grade des Heeres zu reger Mitarbeit eingespannt, Theorie und Praxis, kriegsgerechte Feldübungen und strammer Drill kamen in gleicher Weise zu ihrem Rechte.

So war man im Lager der zwei Kaisermächte eifrigst am Werke, um völlig gewappnet auf den Plan treten zu können, wenn der Feind das blutige Würfelspiel um die Kriegsentscheidung im Frühjahre 1917 von neuem beginnen würde.

Wandlungen im Aufbau und im Gefüge der Armee

Hiezu Beilage 2

Die Menschenbewegung im Jahre 1916

Auch im dritten Kriegsjahre hatten die Ereignisse auf den Schlachtfeldern und nicht zuletzt auch die Wandlungen der Kampfweise entscheidenden Einfluß auf die organisatorische Verfassung der Wehrmacht. Aus den Kämpfen des Jahres 1915 war die Armee schließlich neu gestärkt hervorgegangen1), und das Frühjahr 1916 hatte sie in einer Entwicklung gesehen, die in vieler Hinsicht aussichtsreich genannt werden durfte. Anfangs Mai verfügten die meisten Divisionen über ihren vollen Kämpferstand von 10.000 bis 12.000 Feuergewehren, viele überschritten ihn sogar erheblich. Insgesamt zählte die Streitmacht der Monarchie um 150 Bataillone mehr als zu Kriegsbeginn, weiters dreimal so viele Maschinengewehre, doppelt so viele Geschütze, und auch die lange Zeit so gefahrvolle Not an Munition (Bd. IV, S. 100) war, wenn nicht behoben, so doch bedeutend gemildert worden. Dabei ging die Rüstungs-

x) Vgl. Bd. IV, 90 ff., weiters Franek, Die Entwicklung der öst.-ung. Wehrmacht in den ersten zwei Kriegsjahren 'Mil. wiss. Mitt., Wien, Jhrg. 1933, 15 und 98 ff.).

industrie, die an diesem Aufschwünge großen Anteil hatte, erst dem Höhepunkt ihrer Schaffenskraft entgegen.

Wohl trübte ein Schatten dies verheißungsvolle Bild: schon waren die Grenzen der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit des Reiches sichtbar geworden. Hatte es doch an mannigfachen Rohstoffen und vor allem an Menschen zu mangeln begonnen! Aber selbst in dieser Hinsicht schien keine unmittelbare Gefahr zu drohen. Schon seit dem Herbst 1915 waren die Abgänge geringer als die regelmäßig eintreffenden Ersätze. Wenn es dabei blieb, konnte die Ersatzleistung bis weit ins Jahr 1917 hinein als gesichert gelten.

Gerade in diesem Punkte nahmen aber die Dinge im Jahre 1916 eine höchst bedrohliche Wendung. Mit einem Schlage warf die Brussi-lowoffensive alle Berechnungen und Pläne über den Haufen. Binnen wenigen Wochen büßte die Nordostfront mehr als 300.000 Kämpfer, fast die Hälfte ihres Feuergewehrstandes, ein, und auch die heftigst hin und her wogenden Kämpfe der folgenden Monate forderten nicht geringe Opfer1). Im Juli 1916 betrug die Einbuße durch Tod, Verwundung, Krankheit und Gefangenschaft 167.000 Kämpfer, im August noch immer 13S.000. Regimenter, die anfangs Juni 4000 und mehr Feuergewehre gezählt hatten, standen wochenlang mit einem Drittel ihres Standes in schwerstem Kampfe. Alsbald verschwanden aus der Kriegsgliederung die überzähligen (V., VI. usw.) Feldbataillone sowie eine erhebliche Zahl von Landsturminfanteriebataillonen. Aber sowohl sie als auch die Marschformationen, die im Armeebereiche noch ein paar Wochen hätten geschult werden sollen, und nun vorzeitig in den Kampf geworfen wurden, reichten bei weitem nicht aus, um alle Lücken in den Reihen der Truppenkörper zu füllen. Nur zu bald waren auch sie verbraucht, und der Ruf nach Ersätzen erscholl wieder so dringlich, wie es seit den schweren Tagen des Karpathenwinters nicht mehr der Fall gewesen war. Mit den fünf Reihen von Marschbataillonen, die nach einem sorgfältig erstellten Ersatzprogramme von Juni bis zum Jahresende vorgesehen waren2), war keinesfalls auszukommen. Denn die eiligst herbeigeführten Ersätze — im Juni zogen die ,,zweiundzwanzigsten“, im Juli eine Reihe von außertourliehen und im August die „dreiundzwanzigsten“ Marschbataillone ins Feld — wurden gar schnell von dem Wirbel der kräftezehrenden Schlachten verschlungen. Wenigstens

1 , Die gesamten Abgänge des Jahres 1916 siehe Beilage 2, Tabelle 1.

2j Schon von Ende 1915 an folgten die Marschbataillone einander nach je sechs Wochen.

die am meisten Not leidenden Truppenkörper mußten im November noch einmal „außertourliche“ Marschbataillone erhalten.

An der Südwestfront nahm zwar die gesamte Menschenbewegung ungeachtet der schwersten Kämpfe stets einen viel weniger stürmischen Verlauf, doch stieg der Kraftverbrauch im Jahre 1916 auch hier schon sehr erheblich an. Mehr als ein Drittel der gesamten Abgänge entfiel jetzt schon auf diesen Teil des Kriegstheaters ]). Eine erfreuliche Ausnahme von dieser Entwicklung des Menschenverbrauches bildete nur nach wie vor die Balkanfront und — erstaunlicherweise — auch der neue rumänische Kriegsschauplatz, dessen reichbewegte Geschehnisse, aus dem Blickfeld des Kraftverbrauches gesehen, zu einer Episode ohne größere Bedeutung wurden.

Wie in den vorausgegangenen Zeitabschnitten war auch im Jahre 1916 die Zusammensetzung der Verluste auf den verschiedenen Kriegsschauplätzen nicht gleich4). Nach wie vor überwogen im Süden die blutigen Verluste, im Norden hingegen die Abgänge an Gefangenen; doch ging deren Anteil an den gesamten Abgängen ständig zurück (von

35.4    v. H. im Jahre 1914 auf 28.9 v. H. im Jahre 1915 und auf 24.9 v. H. im Jahre 1916) und selbst die großen Einbußen an Gefangenen während der Kämpfe im Sommer 19165) vermochten daran nichts zu ändern, ein Beweis dafür, daß es sich hier um ein einmaliges, wenngleich schwerwiegendes Unglück handelte.

Noch deutlicher sprach sich ein erfreulicher Rückgang bei den blutigen Verlusten aus; von je 1000 Männern, die aus den Reihen der Kämpfer ausschieden, waren nur mehr 53 gefallen und 237 verwundet, während dieser Anteil im Jahre 1915 noch 84 Gefallene und 296 Verwundete, im Jahre 1914 sogar 109 Gefallene und 365 Verwundete betragen hatte. Eine sichtliche Zunahme erfuhr nur die Zahl der wegen Erkrankungen aus der Kampffront Scheidenden.

Im großen betrachtet, kann man daher sicherlich von einer befriedigenden Wandlung der Verlustbewegung sprechen, die ohne Zweifel als Ausdruck zunehmender Kriegserfahrung sowie einer Kampfweise zu werten war, die es gelernt hatte, weit mehr als früher mit Menschenkräften zu sparen.

Aber trotz solch erfreulicher Besserung betrug doch die Gesamtzahl aller Abgänge der Armeen im Jahre 1916 noch immer 34.000 Offiziere und 1,716.000 Mann, und es stellte wahrlich keine leichte Aufgabe für die Heimat dar, den Kraftzustrom für die Armee in diesem Umfange dauernd im Fluß zu erhalten. Für Ersätze und Neuformationen waren in diesem Jahre nabe an 2.2 Millionen Männer aufzubringen. Wenngleich hiezu 34.000 Offiziere und 938.000 Mann zur Verfügung standen, die von ihrer Verwundung oder Erkrankung genesen waren und zum zweiten oder öfteren Male ins Feld zurückkehrten, so mußten doch mehr als noch einmal so viele Männer neu aus den Kraftreserven der Heimat geholt werden.

Schon hatte man hiezu die meisten Jahrgänge zweimal, manche ein drittes Mal gemustert, und im Mai die 18jährigen (Geburtsjahrgang 1S98) einberufen. Auf diese Art wurden im Jahre 1916 dem Kriegsdienste noch rund 1,400.000 Männer zugeführt; aber nun waren die Menschenreserven der Monarchie nahezu erschöpft. Das hatten die letzten Musterungen, die nur mehr sehr bescheidene Ergebnisse brachten, höchst eindringlich gezeigt. Lange Zeit schien es keinen anderen Ausweg mehr zu geben, als die Landsturmpflicht auf die 17jährigen und auf die 51- bis 55jährigen auszudehnen. Dagegen sprachen jedoch gewichtige Gründe. Abgesehen von dem bedenklichen Eindruck, den ein solcher Schritt bei Freund und Feind hervorgerufen hätte, konnte man der endlich in mächtigem Aufschwung begriffenen Kriegswirtschaft keine erheblichen Arbeitskräfte mehr entziehen, ohne ihre Leistungsfähigkeit ernstlich zu gefährden.

Glücklicherweise gelang es jedoch, auch ohne solch gefährliche Eingriffe, noch einmal, die Standes- und Ersatzkrise wenigstens notdürftig und für den Augenblick zu überwinden. Seit dem September nahmen die Verluste im Nordosten wieder ein erträglicheres Maß an. Die außer-tourlichen Marschbataillone brachten gleichfalls Erleichterung, und gegen Jahresende zählten die meisten Divisionen schon wieder 8000 bis

10.000 Feuergewehre, im Südwesten sogar noch mehr.

Der bedeutende Kraftzustrom aus der Heimat kam übrigens keineswegs mehr völlig den Ständen der mit dem Gewehre im Schützengraben stehenden Infanteriekompagnien zugute. Die vielen, stark vermehrten Kampfmittel aller Art, der unvermeidlich anwachsende Führungs-, Er-haltungs- und Versorgungsapparat und nicht zuletzt auch zahlreiche

Ausbildungskurse zogen immer mehr Menschen an sich, so daß der Stand an Kämpfern mit dem Feuergewehre, den Infanteristen im engeren Sinne, im Durchschnitte des Jahres 1916 nur ungefähr ein Drittel, im Dezember sogar nur ein Viertel des Verpflegsstandes ausmachte. Dabei ist nnoch gar nicht in Betracht gezogen, daß schon längst mannigfache Hilfsdienste im Armee- und Etappenbereiche von nichtmilitärischen Kräften oder von Kriegsgefangenen ausgeführt wurden. Um die Jahreswende 1916/17 waren es beispielsweise bei einem Gesamtverpflegsstande von 3,353.000 Köpfen schon 45.000 nicht dienstpflichtige Zivilarbeiter und 301.000 Kriegsgefangene.

Auch in der Kräfteverteilung der Monarchie zwischen den verschiedenen Schauplätzen ihres Kriegstheaters trat eine bedeutsame Verschiebung ein. Der Isonzo wurde zur öst.-ung. Hauptfront und zog immer größere Teile des gesamten Kraftaufgebotes an sich. Während anfangs 1916 bei einem Gesamtstande von 979.000 Feuergewehren und Reitern

568.000    auf die Nordostfront, 281.000 auf die Südwestfront und 130.000 auf die Balkanfront kamen, standen zu Ende des Jahres von insgesamt

852.000    Gewehren und Reitern nur mehr 452.000 im Osten (trotz Erweiterung dieser Front um den rumänischen Kriegsschauplatz), 74.000 an der Balkanfront sowie in den besetzten Gebieten und in Festungen, jedoch schon 328.000 an der Kampffront im Südwesten.

Veränderungen bei den Fußtruppen und bei der

Reiterei

Unter diesen durch Knappheit der Mittel gekennzeichneten Umständen konnte auch im Jahre 1916 von einem entschiedeneren Ausbau der Fußtruppen keine Rede sein. Ihre organisatorische Entwicklung war bis zur Jahreswende 1915/16 vornehmlich durch Gelegenheitsschöpfungen zum Ausdruck gekommen, die jedoch in ihrer Gesamtheit immerhin einen nicht zu unterschätzenden Kraftzuwachs gebracht hatten1). Eine manchmal vielleicht zu rege Neigung mancher Stellen zu improvisierten Neuschöpfungen war schließlich vom AOK. eingedämmt und dafür eine beschränktere Aufbauarbeit schon in die Richtung zukünftiger Organisationsabsichten gelenkt worden.

Großzügige Reorganisationspläne beschäftigten allerdings die in Betracht kommenden Stellen, Heeresleitung und Kriegsministerium, seit

!) Vgl. Bd. IV, 90 ff., weiters Franek, 101 ff.

langem. Nach diesen Pllinen, die 1916 schon bis in alle Einzelheiten ausgearbeitet waren, sollte die öst.-ung. Wehrmacht künftighin aus 66 Infanteriedivisionen, 12 Kavalleriedivisionen und 28 Gebirgsbrigaden bestehen, überdies noch 22 Landsturminfanteriedivisionen und 14 Landsturmbrigaden aufstellen1)- Nun stellten diese Pläne zunächst wohl nur Vorarbeiten für eine erst nach Kriegsende durchzuführende großzügige Heeresreform dar, da schon wegen der gespannten Entwicklung der Ersatzlage die Kriegszeit einer tiefgreifenden Neuordnung nicht günstig zu sein schien. Dessenungeachtet war aber doch schon bis zum Frühjahr 1916 manches geschehen, was wenigstens mittelbar zur Verwirklichung dieses Programmes beitrug6), und auch im weiteren Verlaufe des Jahres konnten bei aller Not an Mann einige wichtige, zu dauerndem Bestand ausersehene Verbände gebildet werden; so die Infanterieregimenter 105 bis 109 7), ein fünftes bh. Infanterieregiment und das Honvédinfanterie-regiment Nr. 33. Auch die Notwendigkeit, in Siebenbürgen rasch eine neue Front aufzubauen, führte zu wertvollen Neuschöpfungen, wie die Formierung von fünf neuen Brigaden, Nr. 141 bis 145, die allerdings zum Teil nur eine neue Zusammenfassung schon bestehender Einheiten darstellte. Übrigens kam es in der Entwicklungsphase, die von der zweiten Hälfte 1916 bis weit in das Jahr 1917 reichte, viel mehr darauf an, das organisatorisch Erreichte festzuhalten4), als umfangreiche Neuaufstellungen durchzuführen; man begnügte sich daher, die Pläne für den künftigen Heeresausbau wenigstens bei der Lösung zahlreicher organisatorischen Einzelfragen zu berücksichtigen8).

In mancher Hinsicht konnten bei den Fußtruppen sogar Rückbildungen nicht vermieden werden; die Krafteinbußen auf dem russischen Kriegsschauplätze waren am Ende doch nicht mehr völlig ersetzbar. Im Dezember zählte die gesamte Wehrmacht um 45 Bataillone weniger als im Mai (984 gegen 1029). Die meisten „überzähligen“ Feldbataillone der Infanterieregimenter sowie nicht weniger als 36 von 200 Landsturminfanteriebataillonen waren aus der Kriegsgliederung verschwunden.

Auch das Freiwilligenwesen hatte den Höhepunkt seiner Entwicklung bereits überschritten. Wohl bildeten die vorhandenen Verbände auch weiterhin wertvolle und willkommene Hilfe, vor allem die nun in 29 Bataillone und 21 Kompagnien gegliederten Tiroler und Vorarlberger Standschützen sowie die alpenländischen freiwilligen Schützenregimenter (zusammen neun Bataillone). Im Osten waren sogar den Bukowinaer und den ukrainischen Freiwilligen noch fünf Siebenbürger freiwillige Streifkompagnien, das sogenannte „Tigerbataillon“, zugesellt worden. Aber alle diese Verbände verfügten über keine oder nur sehr geringfügige Reserven; bei der überaus gespannten Lage des Ersatzwesens konnte natürlich nicht daran gedacht werden, die Freiwilligentruppen auf vollem Stande zu erhalten oder gar auszubauen. Der größte Freiwilligenverband, die Polenlegion, schied übrigens im Zusammenhang mit der politischen Entwicklung der Polenfrage im Herbst gänzlich aus der Einflußsphäre der öst.-ung. Wehrmacht aus.

Während also der Verlauf der Ereignisse im Jahre 1916 einen organisatorischen Ausbau der Fußtruppen nicht begünstigte, führte die Entwicklung der neuen Kampf formen zu ganz erheblichen Wandlungen ihres inneren Gefüges. Neue Infanterieformationen fielen, nicht ihrem Umfange nach, sondern wegen ihrer Bedeutung, für besondere Dienste ins Gewicht. Dazu gehörten vor allem die an der Südwestfront aufgestellten Sondertruppen für den Krieg im Hochgebirge: die „Hochge-birgskompagnien“, die für besondere Unternehmungen, für Kampf und Aufklärung, für Führer- und Rettungsdienste bestimmt waren, sowie „Bergführerabteilungen“, Sammeleinheiten der erfahrensten und geübtesten Alpinisten, die zu besonders schwierigen hochalpinen Unternehmungen sowie zur Leitung und Durchführung von alpintechnischen und Bergungsarbeiten herangezogen wurden1).

Eine andere Neuerung, die bald berufen sein sollte, zum entscheidenden Träger einer neuen Kampfweise zu werden, waren die

*) Ende 1916 gab es acht Ilochgebirgskompagnien, bestehend aus je drei Infanteriezügen, einem MG-Zug, einem technischen Schwarm, zwei Telcphonpatrouillen und einzelnen Bergführerpatrouillen, weiters 12 „Bergführerabteilungen“, die 1200 der erfahrensten Alpinisten, zu „Bergführern“ ernannte Offiziere und Soldaten, vereinigten. In den ersten Monaten des Jahres 1917 erhöhte sich ihre Zahl auf 95 Offiziere und 1900 Mann in 13 Abteilungen.

,,Sturmbataillone" oder „Sturmtrupplehrbataillone“. Nach Beispielen der deutschen Westfront sollten sie vorerst hauptsächlich als Schulcinheiten wirken und im Laufe des Winters für jede Infanteriekompagnie eine bis zwei Sturmpatrouillen in der Führung des Nahkampfes mit den modernsten Mitteln ausbilden; doch man dachte auch schon daran, die Sturmbataillonc gegebenenfalls als Ganzes zur Durchführung schwieriger Angriffe heranzuziehen. Schließlich wurde in der zweiten Hälfte 1916 auch die Grenzjägertruppe in Albanien von sechs Kompagnien auf ebensoviel Bataillone ausgebaut.

Noch wichtiger vielleicht als diese bei Jahreswende 1916 zum Teil erst im Werden begriffenen Schöpfungen war jedoch die Wandlung, welche in der inneren Gliederung der Fußtruppen vor sich ging. Eben hatten Maschinengewehr und Handgranate begonnen, dem Gewehr und dem Bajonett den alten Rang als wichtigste Waffen der Infanterie entscheidend streitig zu machen. Die Vermehrung der Maschinengewehre war endlich in schnellerem Tempo vor sich gegangen. Seit Kriegsbeginn waren für diesen Zweck — die notwendigen Ersätze mitinbegriffen — 23S4 Maschinengewehrabteilungen aus der Heimat ins Feld gesendet worden, davon 1496, weit mehr als die Hälfte, allein im Jahre 1916. Ende Oktober besaß jedes Bataillon seine Maschinengewehrkompagnie zu vier Gewehren; man schritt sogleich daran, sie auf acht Gewehre zu verstärken, und durfte hoffen, diesem Ziele in kurzer Frist nahe zu kommen, weil die Steyrwerke nun schon monatlich rund 850 Maschinengewehre lieferten.

Bedeutendes Ansehen als wichtigstes Nahkampfmittel erwarb sich die Handgranate, besonders seit die deutschen Muster der „Stiel-“ und der „Eihandgranaten“ Vorlagen, welche trotz größter Wirkung so leicht von Gewicht waren, daß geübte Werfer sie bis zu 50 Meter weit werfen konnten. Zwar mußten sich die öst.-ung. Truppen noch geraume Zeit mit den schweren kukuruzförmigen „Zeitzünder-“ und den „Rohrhandgranaten“ behelfen und manche Schlacht im Jahre 1917 mit ihnen ausfechten. Es wurde jedoch mit großem Nachdruck die Erzeugung der neuen Muster betrieben, mit denen die Handgranate zu einem ausgesprochenen Angriffsmittel wurde und, als Hauptwaffe der eben im Entstehen begriffenen Sturmtruppen, mithelfen sollte, das Wesen des Infanterienahkampfes weitgehend zu verändern.

Eine nicht weniger tief greifende Wandlung bewirkte die im modernen Kampfe gewonnene Erkenntnis, daß die Infanterie in schwierigen Lagen, in denen die Hilfe der Artillerie unsicher war oder zu spät kam, im eigenen Bereiche Kampfmittel brauchte, um feindlichen Widerstand brechen oder plötzlich auftauchenden Gefahren wirksam begegnen zu können. Diesem Zwecke sollten Infanteriegeschütze, Minenwerfer und Granatwerfer dienen, die in den unmittelbaren Verband der Infanterie traten. Bis zur Jahreswende kamen 310 Züge mit dem kleinen 37 mm-Infanteriegeschütz an die Front, so daß zu dieser Zeit jedes Regiment und die selbständigen Bataillone mindestens eine Infanteriegeschützabteilung besaßen. Es bestand die Absicht, die Regimenter mit zwei solchen Zügen auszustatten.

Die neue Waffe fand bei der Truppe indes nur geteilte Aufnahme. Wohl begrüßte man allgemein die Einführung eines Kampfmittels, das die Wirkung der Artillerie ergänzen konnte, erwartete aber von dem kleinen Geschütze zumeist Leistungen wie Zerstörung von Deckungen, von betonierten Beobachtungs- und Maschinengewehrständen u.dgl. m., zu denen es nicht befähigt war. Mit einer nur „gelegentlichen“ Verwendung der Infanteriegeschütze, zu der es überdies im Stellungskriege nur selten kommen konnte, fand sich die Truppe nicht leicht ab. Fast alle Berichte gipfelten in dem Wunsche nach größerer Wirkung, größerem Kaliber und größerer Schußweite, Forderungen, die ohne Erhöhung des Gewichtes nicht erfüllt werden konnten. Einzelne Verbesserungen an Konstruktion, Organisation und Munition 9) vermochten daran nichts zu ändern. Das schwierige Problem der Infanteriegeschütze trat indessen bald weit in den Hintergrund gegenüber einer anderen Sorge, die viel dringender geworden war, die Frage der Minenwerfer.

Das Minenwerferwesen hatte sich in der öst.-ung. Armee in den ersten zwei Kriegsjahren nur wenig entwickelt. Noch im Frühjahr 1916 gab es bloß ein leiohtes Muster, das eines 9 cm-Minenwerfers, in nennenswerter Anzahl bei der Infanterie. Die vorhandenen größeren Minenwerfer spielten der Zahl nach so gut wie keine Rolle; ihre Leistungsfähigkeit war überdies gering. Da begann sich, vornehmlich an der Südwestfront, eine von Monat zu Monat zunehmende Überlegenheit des Feindes an schweren Minenwerfern auszusprechen, die (als Luftminenwerfer) nicht leicht entdeckt und — da es ja noch immer an Steilfeuergeschützen mangelte —■ nur schwer bekämpft werden konnten. Allenthalben stand man unter dem Eindruck der gewaltigen moralischen und zerstörenden Wirkung dieser Waffe, ihrer für damalige Begriffe ganz ungewöhnlichen Wurfweite von 1300 Metern *) und der großen Zahl, in der sie beim Feind in den Kampf eingriff. Wenn auch die Schätzungen übertrieben waren, die von 8000 schweren Milienwerfern bei den Italienern allein an der Isonzofront sprachen 2), so wurde doch kaum jemals die Überlegenheit des Feindes an Waffen drückender empfunden, und noch nie war das Verlangen nach einem gleichwertigen Kampfmittel so heftig aus den Reihen der Truppen erklungen wie eben der Ruf nach schweren Minenwerfern.

Die Heeresleitung hatte die Bedeutung der Minenwerfer- und überhaupt der Nahkampfmittelfrage früh erkannt und sich schon seit dem Sommer entschiedener mit einer Massenerzeugung dieser Waffe befaßt; doch hatte es lange an befriedigenden Mustern, besonders an solchen für einen schweren Minenwerfer gefehlt. Schließlich wurde im Herbst ein großer Ausbauplan für diese Waffen beschlossen3). Bei dessen Durchführung wurde auch von der bisher üblichen Einteilung der Minenwerfer abgegangen. Leichte Minenwerfer und Granatwerfer gingen in der Infanterie auf, mittlere und schwere Minenwerfer traten von den Sappeuren, zu denen sie bisher gehörten, in den Verband der Artillerie über.

Solch kräftige Ausbaupläne, die immerhin die Erzeugung von rund 900 leichten, 1200 mittleren und 1100 schweren Minenwerfern erforderten, entsprachen durchaus den Wünschen aller Truppen, die — besonders am Isonzo — schwer unter der Übermacht der Minenwerfer des Feindes litten. Es währte freilich noch geraume Zeit, bis die guten Absichten zur Wirklichkeit wurden. Ende 1916 standen neben 83 Zügen des 12 cm- und 100 Zügen des 22 cm-Minenwerfers nur leichte Minenwerfer und Granatwerfer in größerer Anzahl an der Front.

Eine weitere wertvolle Ausgestaltung erfuhr die Infanterie in

Zu dieser Zeit erreichten die öst.-ung. Minenwerfertypen nur Wurfweiten von 300 bis 600 Meter.

2)    Das AOK. schätzte Mitte Oktober die Zahl der beim Feinde im Kampf stehenden Minenwerfer auf 2400, davon die Hälfte schwere; auf die Isonzofront dürften nach der gleichen Schätzung höchstens 800 schwcre italienische Minenwerfer entfallen sein.

3)    Jedes Infanterieregiment erhielt einen Minenwerfer- und einen Granatwerferschwarm (zwei 9 cm-MW. und zwei tragbare GW.), weiters jede Infanteriedivision vier Züge zu je zwei 12 cm-LuftMW. und ebensoviele schwere 22 cm-MW. Eine namhafte Reserve — etwa so viel als alle Regimenter und Divisionen zusammen — sollte es dem AOK. ermöglichen, diese wirksame Waffe nach Bedarf cinzusetzen.

technischer Hinsicht durch den Ausbau der für die vielen technischen Aufgaben längst nicht mehr ausreichenden Pionierabteilungen dieser Waffe zu „technischen Infanteriekompagnien“. Den „technischen Infanteriezügen“, deren jedes Regiment so viele aufstellte, als es Bataillone besaß, wurden überdies ein „Infanteriekampfmittelzug x) und ein „Infanterietelephonzug“ angegliedert. So wurde auch das Verbindungswesen, das bisher bei der Infanterie einigermaßen zersplittert auf der Ausrüstung der Unterabteilungen mit dem Fernsprechgerät aufgebaut war, einheitlich zusammengefaßt2).

Alle diese Einführungen und Änderungen, so geringfügig sie teilweise auch scheinen mochten, hatten im Laufe des Jahres 1916 in der Gesamtheit doch das Wesen der Königin der Waffen von Grund auf verändert. Schritt für Schritt wich ihre seit Jahrhunderten bewahrte Einheitlichkeit und Gleichförmigkeit einer reicheren und verschiedenartigen Gliederung. Ihre Einheiten waren im Begriffe, zu kleinen Verbänden gemischter Waffen zu werden, eine Wandlung, die sich in der Nachkriegszeit fortsetzen sollte.

Auch an dem rein äußerlichen Bilde der Truppen gingen das zweite und das dritte Kriegsjahr nicht spurlos vorüber. Das „hechtgraue“ Soldatenkleid war nun schon überall durch ein „feldgrünes“ ersetzt, die ursprüngliche Gleichartigkeit in Farbe, Schnitt und Ausführung — und leider auch in Güte der Stoffe — einer größeren Mannigfaltigkeit gewichen. Verschwunden waren auch die langen Hosen und die schmalen Bänder, die sie an den Knöcheln umschlossen („Hosenspangen“) ; alles trug Kniehosen und die bei sämtlichen Nationen gleich beliebten Wickelgamaschen. Ebenso war der Kalbfelltornister schon überall durch den zwar unschönen, aber geräumigeren Rucksack verdrängt.

Noch ein gut Stück einstiger Buntheit der öst.-ung. Armee ging in diesem Jahre fast ganz verloren; teils aus Gründen der schnellen Erzeugung, teils wegen Mangels an den feinen kostbaren Tuchsorten wurden die Feldkleider fast nur mehr ohne „Kragenaufschläge“ geliefert. Immer seltener begegnete man den traditionellen „Regimentsfarben“, die selbst von den Offizieren vielfach nur in ganz schmalen Streifen getragen wurden.

J) In ihm waren die leichten Minenwerfer- und Granatwerferschwärme sowie zwei Scheinwerferschwärme vereinigt.

2) Die Infanterietelephonzüge setzten sich aus je einem Telephonschwarm für das Regimentskommando und für jedes Bataillon sowie aus einem Meldereiterschwarm zusammen.

Noch war der Stahlhelm — selbst zu Jahresende — ein seltener, meist nur bei Sturmformationen vorhandener Ausrüstungsgegenstand. Seine allgemeine Einführung, schon lange als unabweislich erkannt, war jedoch durch Erzeugungsschwierigkeiten gehemmt gewesen und begann erst entschiedenere Fortschritte zu machen, als man sich auf Drängen der k. u. k. Heeresleitung zur Großerzeugung des vorzüglichen deutschen Modells in österreichischen Werkstätten entschloß. Um die Jahreswende 1916 17 durfte man hoffen, daß bis Ende des Monats März schon 400.000, bis Ende des Monats Juli schon mehr als iy2 Millionen Stahlhelme bei den Truppen sein würden.

Der Kavallerie war die Bahn ihrer Entwicklung schon seit der ersten Kriegszeit durch das veränderte Wesen des Krieges und durch den Mangel an Pferden unabwendbar vorgezeichnet. Auch im zweiten und im angehenden dritten Kriegsjahre boten sich ihr keine echten Reiteraufgaben, in denen sie ihre altbewährte Eigenart hätte zur Geltung bringen können. Selbst wenn erfolgversprechende Gelegenheiten für ihren Einsatz zu winken schienen, wie es auf dem rumänischen Kriegsschauplätze der Fall war, wo tatsächlich viereinhalb öst.-ung. Kavalleriedivisionen herangezogen worden waren, führten die Ereignisse sie wieder in den ortgebundenen mühsamen Infanteriekampf, größtenteils sogar ins Gebirge.

Kein Wunder, daß die Reiterei, als es für den Ausbau der Artillerie an Pferden fehlte, wieder ein gutes Stück Weges weiter zur Angleichung an die Infanterie gedrängt wurde. Schon im Frühjahr 1916 sahen sich die Kavallerieregimenter auf vier Schwadronen zu je 110 Reitern vermindert; hingegen waren bei jeder Kavalleriedivision zwei bis drei Schützendivisionen in Bataillonsstärke formiert, die Maschinengewehre vermehrt und Infanteriegeschütze eingeteilt worden. Immer entschiedener rückte die Kampfkraft der Kavalleriedivisionen auf die Seite der zu Fuß formierten Einheiten, immer rascher vollzog sich diese Wandlung. Schon im September des Jahres 1916 mußten die Kavallerieregimenter ihre Reiterabteilungen auf eine Division beschränken und ihre Fußabteilungen auf eine volle Schützendivision erweitern1). Aber auch dabei sollte es nicht mehr lange bleiben. Die Tage der Reiterei waren gezählt.

Artillerieausbau und industrielle Entwicklung

Am ansehnlichsten war in den ersten zwei Kriegs jahren der Ausbau der Feld- und der Gebirgsartillerie fortgeschritten. Die anfangs 1915 angebahnte großzügige Neuordnung ging nun mit schnellen Schritten der Vollendung entgegen. Ende 1916 konnte jede Infanteriedivision schon über ein Feldkanonen-, ein Feldhaubitz- und ein schweres Feldartillerieregiment verfügen, und, wenn auch da oder dort eine Batterie fehlte, oder Batterien noch nicht die volle Zahl von Geschützen besaßen, so kamen doch durchschnittlich fast 60 Geschütze auf eine Division. Die ursprünglichen Pläne hatten sogar eine gewisse Erweiterung erfahren, da Fliegerabwehrkanonen-(,,Flak-“)batterien und die Minenwerferbatterien als 5. und 6. Batterien den Feldkanonenregimentern angegliedert wurden. Auch mit der Aufstellung von Gebirgsartillerieregimentern für die beiden Landwehren hatte man schon begonnen1).

Der großen Neuordnung des Artilleriewesens lag der Gedanke zu Grunde, daß vor allem die Infanteriedivision ausgiebig mit Artillerie ausgestattet werden müsse, damit sie alle an sie herantretenden Aufgaben aus eigener Kraft durchführen könne. Reiche Erfahrungen der ersten zwei Kriegsjahre bestätigten die Richtigkeit dieser leitenden Idee. Hatte man anfangs den Divisionen nur einen Teil der zu schaffenden schweren Feldartillerie geben und daneben auch die Korps mit schweren Haubitzen und Kanonen ausrüsten wollen2), so wurde auf Grund der Kriegserfahrung der Gedanke an eine Korpsartillerie bald gänzlich zu Gunsten einer Verstärkung der Divisionsartillerie fallen gelassen.

Es hat sich gezeigt, daß die Infanterie nie genug Artillerie zur Seite hatte, Artillerie, deren Wirkung nie groß genug sein konnte. Zumal das Steilfeuer gewann so überragende Wertschätzung, daß man beschloß, die schweren Feldartillerieregimenter entgegen den ursprünglichen Plänen aus drei schweren Feldhaubitzbatterien und nur einer 10.4 cm-Kanonen-batterie zu bilden. Da inzwischen die Zahl der leichten Feldhaubitzen

*) Über den Gesamtstand der Artillerie zu Ende 1916 siehe Beilage 2, Tabelle 5. Am Ausbau der Artillerie hatte die ganzen Jahre über der bei der Heeresleitung eingeteilte Gstbsobst. Pflug hervorragenden Anteil.

2) Bei Kriegsbeginn bestanden nur Ansätze einer schweren Feldartillerie in den 14 schweren Feldhaubitzdivisionen. Die ersten Pläne gingen dahin, die Infanteriedivisionen mit je einer 15 cm-Feldhaubitz- und einer 10.4 cm-Kanonenbatterie zu versehen und den Korps die gleiche Zahl von schweren Batterien für jede ihrer Divisionen zu geben. Vgl. Bd. II, 18.

vervierfacht worden war, gab es jetzt — die Gebirgsartillerie nicht eingerechnet schon doppelt so viel Haubitzen wie Kanonen, sicherlich eine bedeutende Wandlung gegen Kriegsbeginn, wo erst auf drei Kanonen eine Haubitze gekommen war. Schon wurden Stimmen laut, die solch starkes Überwiegen des Steilfeuers nicht für jeden Fall gut hießen.

Nicht weniger dringend als die Vermehrung des Steilfeuers wurde von allen Seiten eine Erhöhung der Schußweiten gefordert, ein Verlangen, dem weit schwieriger entsprochen werden konnte. Erst ganz neu konstruierte Geschütze, die bei der Festungsartillerie eingeführt wurden, hatten größere Schußweiten.

Baute sich die Organisation der gesamten leichten und schweren Feldartillerie sowie der Gebirgsartillerie gänzlich auf der Führungseinheit der Infanteriedivision auf, so stellte die schwere und die schwerste Artillerie ein Mittel in der Hand der obersten Führung dar, um je nach Bedarf eine mächtige Artilleriekraft auf jenen Teilen des Schlachtfeldes vereinigen zu können, wo es die Lage erforderte.

Den Rahmen für die Verwendung der schweren Artillerie bildete die Festungsartillerie. Ihre Gliederung hatte von Haus aus neben einer größeren Zahl von Besatzungskompagnien in den festen Plätzen, der ,,Festungsartillerie“ im engeren Sinne des Wortes, auch noch „Angriffskompagnien“ gekannt, die die schweren Batterien des Feldheeres bedienten. Die meisten der dabei in Verwendung tretenden Geschütze waren allerdings veraltet, und lange Zeit besaßen eigentlich nur die 30.5 cm-Mörser, in den ersten zwei Kriegsjahren der Zahl nach verdoppelt, wirkliche Bedeutung. Daran änderte nur wenig, daß es im Mai 1916 schon 420 schwere mobile Geschütze bei der Festungsartillerie gab; denn noch immer überwog altes Material, das ja mitunter gute Dienste leistete, im großen ganzen jedoch den modernen Anforderungen nicht entsprach.

Inzwischen waren aber einige neue, äußerst leistungsfähige und wirkungsvolle schwere Geschütze konstruiert und erprobt worden ]), so daß

*■) Bei Kriegsausbruch war — außer den leichten Geschützen — eine 42 cm-Haubitze mit Schußweite 12.7 km, Fortbringung mit Autozug, in Konstruktion. Im Jahre 1916 standen für die Großerzeugung bereit:

eine 15 cm-Haubitze    M. 15    mit    11.5 km Schußweite

eine 15 cm-Kanone M. 15    mit    18.3 km Schußweite

eine 38 cm-Haubitze,    mit    16 km Schußweite

eine 24 cm-Kanone    mit    26 km Schußweite,

sämtliche mit Autozug fortzubringen.

die Heeresleitung nun auch an den Ausbau der schweren Artillerie schreiten konnte. Die vorliegenden Modelle hätten schon damals eine vollständige Motorisierung der ganzen schweren Artillerie ermöglicht, und es fehlte nicht an gewichtigen Stimmen, die diese Neuerung auch verlangten. Mannigfache Erfahrungen veranlaßten jedoch zu einer gewissen Zurückhaltung in dieser Frage. Nicht nur im Gebirge, wie im Lovcengebiete und in vielen Teilen Kärntens und Tirols, sondern auch auf dem nordöstlichen Kriegsschauplätze war es vorgekommen, daß motorisierte Batterien nicht hatten fortgebracht werden können. Aus Wolhynien mußten 30.5 cm- und 42 cm-Batterien abgeschoben werden, weil sie dort selbst auf Reichsstraßen nicht vorwärts kamen. Unter solchen Umständen konnte die Heeresleitung nicht darauf verzichten, in ihre Artilleriereserve, die Festungsartillerie, auch einige mit Pferden bespannte Batterien aufzunehmen.

So wurde denn im Sommer 1916 ein großzügiger Plan für die völlige Erneuerung der mobilen Festungsartillerie aufgestellt, die nunmehr 120 Batterien der modernsten schweren Geschütze umfassen sollte10). Damit schien sich eine schon seit langem begonnene Wandlung der schweren Artillerie zur beweglichen Waffe der Vollendung zuzuwenden. Bald sollte der Begriff „Festungsartillerie“, der ja nicht mehr zutraf, fallen und der Bezeichnung „schwere Artillerie“ weichen.

Zu Ende des Jahres 1916 war die Ausführung dieser großen Pläne allerdings erst wenig über die ersten Anfänge gediehen. Viel zu spärlich für den dringenden Wunsch der Truppen kam beispielsweise das Hauptgeschütz, die neue 15 cm-Haubitze, an die Front. Allein der Ausbau der Artillerie hing stets auf das engste mit der Leistungsfähigkeit der Industrie zusammen, und so viel auch schon geschehen war, um die Waffe zu verstärken, die Anforderungen waren immer noch größer. Auch jetzt blieb die industrielle und organisatorische Arbeit nicht auf die schwere Artillerie allein beschränkt. Denn wenn die Feld- und Gebirgsartillerie

!) Der Plan des AOK. für den Ausbau der Festungsartillerie sah die Einstellung folgender Batterien vor:

16 Batterien zu 4 Gesch. 15 cm-Haubitzen Al. 15 (motorisiert)

8 Batterien    zu    4    Gesch.    15cm-Kanonen M. 14 (mit Pferden bespannt)

16 Batterien    zu    4    Gesch.    15 cm-Kanonen M. 15 (motorisiert)

8 Batterien zu 4 Gesch. 10.4 cm-Kanonen M. 14 (mit Pferden bespannt)

48 Batterien    zu    2    Gesch.    30.5 cm-Mörser M. 11 (motorisiert)

8 Batterien    zu    2    Gesch.    38 cm-Haubitzen (motorisiert)

8 Batterien    zu    2    Gesch.    24 cm-Kanonen (motorisiert)

8 Batterien    zu    2    Gesch.    42 cm-Haubitzen (motorisiert) auch im Westen fast fertig aufgebaut war, so galt es doch, dauernd für den Ersatz unbrauchbar gewordenen oder verloren gegangenen Geräts x) zu sorgen. Und da schließlich die artilleristische Rüstung allmählich in Einklang gebracht werden mußte mit der schon erwähnten, für die Zukunft geplanten Gesamtorganisation der Wehrmacht, so war das Artillerieprogramm der Heeresleitung noch weit von der Vollendung entfernt. Wenn man berücksichtigt, daß auch die Erneuerung des leichten Feldkanonenmaterials nicht mehr lange aufgeschoben werden konnte11), so umfaßte der gesamte Bedarf für die Reorganisation der Artillerie nicht weniger als 13.300 Geschütze (davon 520 schwere), von denen um die Jahreswende 1916 17 erst 5000 (davon 90 schwere) vorhanden waren.

Die öst.-ung. Heeresleitung besaß genug trübe Erfahrungen, um zu wissen, daß sie Rüstungsforderungen, die nicht jetzt unter dem Zwange des Krieges durchgesetzt wurden, im künftigen Frieden wohl kaum erreichen werde. Aber auch von dieser Erkenntnis abgesehen, durfte sie nicht säumen, alle Kräfte der Monarchie, um deren Bestand es doch ging, bis aufs äußerste anzuspannen. Je mehr der Strom menschlicher Kräfte zu versiegen drohte, desto mehr mußten Maschinen an ihre Stelle treten, und es mußten deshalb die industriellen Kräfte zur höchsten Leistung gesteigert werden.

Die Kriegsindustrie der Donaumonarchie hatte im Verlauf des zweiten Kriegsjahres einen gewaltigen Aufschwung erfahren und strebte um die Jahreswende in allen Zweigen machtvoll dem Höchstmaß ihrer Leistungsfähigkeit zu. So stieg die Halbjahreserzeugung von 1914 bis zum zweiten Halbjahr 1916:

Gesamterzeugnis seit Kriegsbeginn

an Geschützrohren (einschl. Rohlinge) von 240 auf 3.554    9.462

an Lafetten von 148 auf 1.900    ....................6.998

an Maschinengewehren (einschl. ausländischer Typen) von

1.087 auf 3.912............................11,102

an Gewehren von 149.000 auf 630.000 ........ 2,252.000

Ende 1916 konnten monatlich 850 Maschinengewehre, 100.000 Gewehre nnd 500 Geschütze, darunter fast die Hälfte Steilfeuergeschütze, hergestellt werden. Für das kommende Jahr sahen die Lieferprogramme noch wesentliche Steigerungen vor. Der Kreis der Erzeugungsstätten war erweitert und zu den Skodawerken, den Steyrwerken und dem Arsenal wurden seit 1915 auch die Böhlerwerke und seit 1916 die Eisenwerke Witkowitz und Resica sowie die ungarische Kanonenfabrik zu Arbeiten für den Kriegsbedarf herangezogen.

So begrüßenswert es war, daß die bisher recht fühlbare Unzulänglichkeit der industriellen Kräfte der Monarchie aufgehört hatte, ein Hemmnis für den Ausbau der Wehrmacht zu bilden, so durfte sich die Heeresleitung doch keineswegs damit zufrieden geben. Ein Ende des Krieges war nicht abzusehen. Den Feinden stand die Wirtschaft der ganzen Welt zur Beschaffung von Kriegsgerät zur Verfügung. Schon hatte der Krieg begonnen, zum Materialkrieg, zum Krieg der Maschinen zu werden. Wer in dieser Entwicklung zurückblieb, mußte unterliegen.

Sicherlich ließ sich noch weit mehr als bisher aus der Industrie herausholen, wenn man sie durch langfristige Aufträge zu größeren Investitionen ermunterte. Die Heeresleitung hatte es jedoch nicht leicht, diese Auffassung zur Geltung zu bringen. Ende 1916 hatte z.B. das oben geschilderte Ausbauprogramm der Artillerie (S. 59) noch nicht die Zustimmung der Regierungen gefunden, weil es 1.3 Milliarden Kronen kostete.

Der industrielle Aufschwung dieser Zeit ist umso bemerkenswerter, als ihm die äußerst gespannte Rohstofflage nicht geringe Hemmnisse bereitete. Einem monatlichem Kupferbedarf von 3000 bis 5000 Tonnen stand nur eine Deckung von 2000 bis 3000 Tonnen gegenüber, obgleich die Metallzentrale schon 70 v. H. der Kupfervorräte aller Art aus der Privatwirtschaft herausgeholt hatte. Selbst so sinnfällige Eingriffe wie die Abnahme von Kirchenglocken, Kupferdächern und Blitzableitern lieferten bis Ende 1916 nur 6400 Tonnen Kupfer und ließen in der Folge höchstens noch die Aufbringung von weiteren 7300 Tonnen erhoffen; letzten Endes doch recht bescheidene Ergebnisse gegenüber den Mengen des Bedarfes. An Blei wurde monatlich nur wenig mehr als die Hälfte der erforderlichen Menge gewonnen. Selbst die Gewinnung von Eisen und Stahl sowie von Manganerzen erreichte bei weitem nicht die notwendige Höhe. Um den Nickelbedarf zu decken, entschloß man sich nach längerem Zögern endlich doch, die Nickelmünzen durch solche aus Eisen zu ersetzen. Im Winter 1916/17 begann schließlich auch schon Knappheit an Kohle fühlbar zu werden. Wirkte sich der Mangel vorerst noch nicht in der Industrie, sondern nur in den privaten Haushalten aus, so war doch wieder ein neuer empfindlicher Punkt der blockierten Kriegswirtschaft zu Tage getreten.

Immerhin war es bisher noch immer gelungen, durch Ausbeutung der Metallvorkommen Serbiens und Polens, durch verschiedene Aushilfen und nicht zuletzt durch die Unterstützung, die der wirtschaftlich ungleich stärkere deutsche Bundesgenosse geliehen hatte, die ärgste Not zu überwinden.

Empfindlicher als in der Waffenerzeugung machte sich die Knappheit an Rohstoffen bei der Munitionserzeugung fühlbar, wo die Beschaffung der erforderlichen Mengen von Pulver und Sprengstoffen trotz Errichtung neuer Fabriken nach wie vor auf bedeutende Hemmungen stieß. Auch konnte die Schwierigkeit noch immer nicht überwunden werden, daß die Erzeugung nicht nur an sich gesteigert, sondern auch gleichzeitig auf neue Munitionssorten für die neuen Geschütze umgestellt werden mußte. Erst mit der fortschreitenden Erneuerung des Geschützmaterials trat darin eine Erleichterung gegenüber dem Zustand von 1915 ein, in welchem Jahre für 29 Geschütztypen 100 verschiedene Munitionssorten hatten erzeugt werden müssen.

Anfangs 1916 war die Munitionslage dank der vorausgegangenen größeren Kampfpause so günstig gewesen, wie nie vorher, und für die Offensive in Tirol waren sehr ansehnliche Munitionsmengen bereitgestellt !) worden, die freilich dann auch aufgingen. Bedarf und Verbrauch an Munition wuchsen nach der Wendung, die die Ereignisse im Norden nahmen, noch mehr an. Anfang Juli forderten beispielsweise die Armeen im Nordosten an einem Tage Munitionsmengen an, die das acht- bis vierzehnfache einer Tagesleistung der gesamten Munitionsindustrie ausmachten.

Diese hatte zum Unterschied von der sonstigen Rüstungsindustrie den im Jahre 1915 genommenen Aufschwung nicht im gleichen Tempo fortzusetzen vermocht. Sie erzeugte im Sommer des Jahres 1916 wohl durchschnittlich 255.000 Artilleriegeschosse und mehr als 26 Millionen Infanteriepatronen in jeder Woche, erreichte damit jedoch nicht einmal die bescheidene Mindestforderung, die die Heeresleitung schon ein Jahr zuvor gestellt hatte, geschweige denn die Mengen, die dem tatsächlichen Bedarfe entsprochen hätten. Sehr gegen ihren Willen sah sich daher die Heeresleitung immer wieder gezwungen, den Truppen Sparsamkeit mit

1 Bis Ende März 1916 schob die Heeresleitung der 11. Armee etwa 613.000 Schuß für Geschütze bis 10 cm und 54.000 Schuß für Geschütze über 10 cm Kaliber zu.

Munition aufzuerlegen, zu einer Zeit, wo der Artilleriekampf überall schon im Zeichen der Massenwirkung stand.

Man ließ, besonders als auch Rumänien an die Seite unserer Feinde trat, kein Mittel unversucht, die Munitionserzeugung, vor allem die für die neuen Geschütze, zu steigern, so weit es nur ging; aber der Mangel an Rohstoffen und die Leistungsfähigkeit der Industrie setzten diesem Wollen seine Grenzen. Nur wenig mehr als die Hälfte einer neuen, auf eine Wochenleistung von 800.000 Artilleriegeschoßen hinauslaufenden Anforderung der Heeresleitung konnte in der zweiten Jahreshälfte erfüllt werden. Nach wie vor überstieg in den schweren Herbstkämpfen sowohl im Nordosten als auch an der Südwestfront nur allzuoft der Munitionsverbrauch die tägliche Erzeugung, ohne daß deshalb Verschwendung getrieben worden wäre.

Die Entwicklung der Luftwaffe und der technischen

T ruppen

Nicht geringe Mühe bereitete es der öst.-ung. Heeresleitung, dem großartigen Aufschwung zu folgen, den das Flugwesen im Jahre 1916 allenthalben nahm. Auch dabei spielte ebensosehr die Leistungsfähigkeit der Industrie wie das Dahinschwinden der Menschenreserven eine bedeutende Rolle. Es war sicherlich eine höchst anerkennenswerte Leistung, daß die Produktion im Jahre 1916 auf mehr als 1000 komplette Flugzeuge und 500 Reservemotoren gesteigert werden konnte1), daß man in der nächsten Zeit auf eine weitere Steigerung bis auf das Fünffache der ursprünglichen Produktion hoffen konnte und daß man auf diese Art mit der Aufstellung von zweieinhalb neuen Fliegerkompagnien in jedem Monate rechnen durfte.

Zu Anfang 1916 hatte das AOK. den Ausbau der Luftfahrtruppe auf 48 Kompagnien, und zwar für 24 Korps und für 8 Armeen je eine Kompagniie mit Aufklärungsflugzeugen, für die Armeen überdies je zwei Kompagnien mit Großkampfflugzeugen in Aussicht genommen2). Noch war dieses Programm zur Jahreswende erst zu drei Vierteln

x) Von Kriegsbeginn bis Ende 1915 waren insgesamt 408 Motoren und 512 Flugzeuggestelle erzeugt worden. Vgl. Madarász, Die k.u.k. Luftfahrtruppen im Weltkrieg (Mil. wiss. Mitt., Wien, Jhrg. 1928, Sonderheft Luftflotten).

2) Solange eine geeignete Type von Großkampfflugzeugen noch nicht vorlag, sollten auch diese Kompagnien mit leichten Flugzeugen ausgestattet werden.

erfüllt, — es gab um diese Zeit 37 Fliegerkompagnien — als es auch schon durch die Entwicklung des Flugwesens bei den Feinden überholt war und erweitert werden mußte. Zum Glück hatte die Industrie bereits eine Leistungskraft gewonnen, auf Grund derer das Kriegsministerium die Vermehrung der Fliegerkompagnien auf 68 und überdies die Aufstellung von drei Großkampfgeschwadern bis Ende 1917 Zusagen konnte.

Die Abwehr der immer zahlreicher und tätiger werdenden feindlichen Flieger wurde durch Errichtung der Fliegerabwehrkanonenbatterien (Flakbt.) als fünfte Batterien der Feldkanonenregimenter in die Hände der Artillerie gelegt12). Die Leistungen der verschiedenen Geschütztypen, die dabei verwendet wurden, ließen jedoch noch lange Zeit viel zu wünschen übrig.

Französische Luftangriffe auf deutsche Städte hatten die Aufmerksamkeit auf das Problem des Heimat-Luftschutzes gelenkt. Solche Angriffe auf industrielle Anlagen und auf sonstige lebenswichtige Zentren waren weniger wegen des möglichen Sachschadens gefährlich, als wegen des Massenschrecks, den sie bei der Bevölkerung hervorrufen konnten. Um solche Angriffe wenigstens zeitgerecht zu erkennen, wurde vorerst an der Südwestfront und in dem dahinter gelegenen Heimatgebiete ein genau geregelter Flugbeobachtungs- und Meldedienst eingerichtet, der aus mehreren parallel zur Front verlaufenden Linien von Flugwachen und Flughauptposten bestand. Die letzte dieser Linien erstreckte sich von Knittelfeld über Stainz und Leibnitz nach Radkersburg. Wichtige Räume sollten überdies noch durch eine besondere Flugbeobachtung geschützt werden, so Wien, Wiener-Neustadt, Preßburg—Magyar Ovár, Graz und Steinamanger. Das Gebiet der Monarchie war übrigens bisher von solchen Angriffen verschont geblieben.

Soweit es die gespannte Lage des Ersatzwesens zuließ, wurden auch die technischen Truppen entsprechend den stets zunehmenden technischen Anforderungen des Krieges ausgebaut und dabei zugleich den Plänen für die zukünftige Ausgestaltung der Wehrmacht Rechnung getragen; diesen zufolge war ein Ausbau auf 18 Sappeurbataillone mit 119 Kompagnien, dann auf 14 Pionierbataillone mit 56 und auf 2 Brückenbataillone mit sechs Kompagnien in Aussicht genommen. Um die Jahreswende 1916 17 war dieses Ziel nicht nur im Wesen erreicht, sondern zum Teil sogar überschritten f), ungerechnet mannigfache Spezialabteilungen, die von Sappeuren aufgestellt und bedient wurden, wie die zahlreichen Abteilungen für die Erzeugung von elektrischem Licht- und Kraftstrom, dann für den Betrieb von Gesteinsbohrern, Ventilatoren, Pumpen und anderen technischen Anlagen.

Desgleichen hatten die Einrichtungen, die der Nachrichtenübermittlung dienten, einen Stand erreicht, der zumindest im Bereiche der mittleren und höheren Führung allen Ansprüchen gewachsen war. Im Jahre 1916 erhielten auch die Brigadekommandos eigene Brigadetelephonabteilungen.

Größere Schwierigkeiten bereitete freilich die Verbindung im eigentlichen Kampfbereiche sowie zwischen Infanterie und Artillerie, weil hier die Fernsprechleitungen stark unter der Wirkung des feindlichen Massenfeuers litten und der Fernsprecher gerade in den entscheidendsten Augenblicken versagte. Da vollbrachten wohl die braven Truppentelephonisten, die die zerschossenen Drähte im schwersten Feuer wiederherzustellen hatten, sowie die Meldeläufer, die, wenn alles andere versagte, ja immer das letzte Auskunftsmittel bildeten, wahre, nicht hoch genug zu schätzende Heldentaten. Sehr rasch lebten sich bei den Kampftruppen optische und akustische Signalmittel, wie verschiedenfarbige Leuchtraketen und aus besonderen Leuchtpistolen abzugebende Leuchtschüsse, ein, welche vornehmlich zur Verbindung zwischen Infanterie und Artillerie gute Dienste leisteten.

Unvermindert hielt die entscheidende Bedeutung an, welche dem Verkehrswesen schon seit Kriegsbeginn zugefallen war. In den schicksalhaften Kämpfen zur Eindämmung der Brussilowoffensive erwies sich der unschätzbare Wert des in harter Arbeit erweiterten galizisch-polni-schen Bahnnetzes sowie der zu einem leistungsfähigen Bahnknoten ausgebauten Anlagen von Kowel2). Es ist kaum auszudenken, wie sich das Heranführen der Kräfte zur Gegenoffensive ohne diese Einrichtungen gestaltet hätte. Sie waren in der Tat das Rückgrat der Ostfront geworden.

Wesentliche Neuerungen brachte das Jahr 1916 indessen für das Verkehrswesen nicht. Die 1915 begonnenen Arbeiten wurden fortgesetzt.

!) Es gab um diese Zeit 108 Sappeurkompagnien und 15 in der Regel zu den gleichen Aufgaben wie diese verwendbare Landsturmsappeurabteilungen, weiters 1 Sappeurspezialbataillon für den Gaskampf, dann 60 Pionierkompagnien. Der Bataillonsverband war bei Sappeuren und Pionieren fast überall aufgelöst.

2) Vgl. Ratzenhofer, Das Rückgrat der Dauerfront im Osten (Mil. wiss. Mitt., Wien, Jhrg. 1932, 974 ff.).

Der Ausbruch des rumänischen Krieges erforderte zuerst die Räumung und die — übrigens nicht sehr nachhaltig durchgeführte — Zerstörung von 650 km siebenbürgischer Bahnlinien, die nach dem siegreichen Vormarsche ebenso wie etwa 540 km rumänischer Bahnen rasch wieder instandgesetzt und in Betrieb genommen werden mußten. Hiezu wurde im neubesetzten Gebiete als dritte k. u. k. Militärbahnbehörde das „Heeresbahnkommando Südost“ eingerichtet.

Im übrigen gewannen Feld-, Roll- und Seilbahnen in dem Maße an Bedeutung, als größere Frontteile einen stabilen Charakter annahmen. Am dichtesten war das Netz der für den unmittelbaren Frontnachschub bestimmten Feld- und Rollbahnen im Norden. Sie wurden gemischt mit Rollbahnlokomotiven und Triebwagen betrieben. Am besten bewährten sich die Feldbahn-Generatorenzüge, die aber nur in geringer Anzahl vorhanden waren. Der Feldbahn-Generatorenbetrieb wurde seit Dezember 1916 von Durazzo aus vorgetrieben und sollte auf dem albanischen Kriegsschauplatz ganz besondere Bedeutung erlangen. Einzelne Feldbahnen, z. B. die Strecke Wochein—Feistritz—Zlatorogg, wurden elektrifiziert, Die normalspurige Kraftwagenbahn Duttoule—Comen behielt ihre hohe Bedeutung für die Versorgung der Karstkämpfer. Geradezu eine Lebensbedingung für die Stellungen im Hochgebirge bildeten die Seilbahnen, die sowohl an Zahl als auch an Leistungsfähigkeit Zunahmen. Um die Jahreswende 1916 17 standen etwa 1200 km Förderseile in Betrieb.

Im großen und ganzen war es also eine recht schwierige Lage, in der die Wehrmacht der Donaumonarchie den Jahreswechsel 1916/17 erlebte. Sie ging schließlich allen Hemmnissen und Gefahren zum Trotz nach der Zahl der Einheiten im allgemeinen ungeschmälert aus einer der gefährlichsten Krisen hervor. Daß manche Improvisation verschwand, bedeutete kaum eine ernste Schwächung und wurde jedenfalls bei weitem wettgemacht durch den Ausbau vor allem der Artillerie. Es war sicherlich ein günstiger Ausblick, daß dieser Aufstieg dank der dem Höhepunkte ihrer Leistungskraft zustrebenden Industrie sich noch in voller fortschreitender Bewegung zu befinden schien.

In Wirklichkeit war man freilich den Grenzen der Entfaltungsfähigkeit schon beinahe ebenso nahe gekommen, wie bei der Heranziehung der Menschenreserven zum Kriegsdienste. Die Erschöpfung der Menschenkräfte aber war das zweite Merkmal der Lage.

Alle diese so schwer wiegenden Fragen traten so recht deutlich in Erscheinung, als anläßlich der Schaffung des gemeinsamen Oberbefehles die DOHL. auch Einfluß auf die Anspannung aller Kräfte zur Steigerung der Machtmittel der öst.-ung. Armee zu nehmen suchte. Nicht ohne neidvolle Entsagung nahm man in Tesche.n zur Kenntnis, daß der Bundesgenosse in der zweiten Jahreshälfte 1916 binnen wenigen Monaten 33 neue Divisionen aufzustellen vermochte, sowie, daß seine Industrie in allen Rüstungszweigen nicht nur das Vierfache der öst.-ung. Produktion lieferte ł), sondern auch im Begriffe stand, im Dienste des „Hindenburgprogramms“ ihre Leistung im kommenden Jahre zu verdoppeln und zu verdreifachen.

Die wirtschaftlichen Grundlagen der Monarchie waren eben doch viel zu verschieden von denen des Reiches, als daß man mit ähnlichen Ausmaßen hätte rechnen dürfen. Die öst.-ung. Heeresleitung hatte wahrlich alles getan, was in ihrer Macht stand, um die industriellen Kräfte der Monarchie zu steigern und in den Dienst des Krieges zu stellen. Aber bei allem Willen, in diesem Streben nicht zu erlahmen, durfte man sich in Teschen doch keiner Täuschung darüber hingeben und auch den Bundesgenossen nicht im Unklaren lassen, daß künftighin weder eine Angleichung der industriellen Leistungsfähigkeit an die des Deutschen Reiches, noch die Bildung neuer Kampftruppen in größerem Umfange möglich sein werde. Bis Ende 1916 waren schon 7.5 Millionen Männer, 67 v. H. aller im wehrpflichtigen Alter von 18 bis 50 Jahren stehenden, zu den Waffen gerufen worden. Davon waren etwa 700.000 gefallen und ihren Verwundungen oder Krankheiten erlegen, 600.000 undienstbar geworden, 1,500.000 in Kriegsgefangenschaft geraten, zusammen 2.8 Millionen Männer, mit denen als Kämpfer nicht mehr gerechnet werden konnte. Es war unzweifelhaft, daß künftig neue Wege beschritten werden müßten, um der Armee noch möglichst lange die notwendigen Ersätze zu sichern. Diese Aufgabe — ebenso schwierig wie wichtig — sollte bald eine neue besondere Zentralstelle, den ,,Chef des Ersatzwesens für die gesamte bewaffnete Macht“ erfordern. Über die Gründe ihrer Aufstellung wird an anderer Stelle noch einiges zu sagen sein.

Mit den aufgebotenen Kräften hatte die Heeresleitung, soweit es der fast immer die meisten Kräfte verbrauchende Ersatzbedarf zuließ,

!) Beispielsweise hatte Deutschland bis September 1916 887 schwere Batterien aufgestellt, wir 182; die Monatsleistung der Industrie betrug im Sommer 1916 dort 160 schwere Geschütze, 5500 Minenwerfer, 29.000 Tonnen Stacheldraht, — bei uns 43 schwere Geschütze, 45 Minenwerfer, 3000 Tonnen Stacheldraht. An Munition wurden in Deutschland täglich 250.000, bei uns 60.000 Artilleriegeschosse erzeugt.

auch für den Ausbau der Wehrmacht das Mögliche geschaffen, die Kampfti-uppen vermehrt1), ihre Kampfmittel vervielfacht und erneuert sowie seit Kriegsbeginn immerhin 22 neue Divisionen auf stellen können. Auf eine Fortsetzung dieses Ausbaues im Jahre 1917 mußte jedoch verzichtet werden. Dazu zwang nicht nur die allgemeine Knappheit der Menschenreserven, sondern ebenso sehr ein längst schwer empfundener Mangel an Berufsoffizieren und an „längerdienenden“ Unteroffizieren. Wenn im kommenden Jahre trotzdem eine Neuordnung des Heerwesens der Monarchie notwendig werden sollte, die auch eine Vermehrung der Infanterietruppenkörper und der höheren Verbände in sich schloß, so konnte sie nur durch Verschiebungen in deren innerer Zusammensetzung erfolgen, aber keinesfalls auf Grund wirklicher Verstärkungen.

Um so mehl' war es nötig, daß künftig Menschen — und nicht minder Pferde — durch Maschinen ersetzt würden. Die österreichischungarische Rüstungsindustrie war jedoch im Hinblicke auf die Hemmungen staatsfinanzieller Natur sowie auf dem Gebiete der Beschaffung von Rohstoffen und Arbeitskräften nur mehr beschränkter Steigerung ihrer Leistungskraft fähig.

Trotz all dieser Sorgen durfte man aber doch auch nicht ohne Zuversicht dem beginnenden Jahr 1917 entgegensehen. An Streiterzahl würde die Armee in der bestehenden Stärke voraussichtlich erhalten bleiben, an Kampfmitteln sogar noch verstärkt werden können.

Conrads Sturz und die neue Heeresleitung

Im ersten Halbjahr der Regierung Kaiser Karls kam es auch zu grundlegenden Veränderungen in der Besetzung der höchsten militärischen Posten des Reiches. Diese Veränderungen setzten mit der persönlichen Übernahme des Armeeoberkommandos durch den neuen Obersten Kriegsherrn ein (Bd. V, S. 723). FM. Erzherzog Friedrich, der seit Beginn des Krieges an der Spitze der Heeresleitung gestanden war (Bd. I, S. 58), wurde nun zum „Stellvertreter des Armeeoberkommandanten“

1_ Die Infanterie war wohl vom Höhepunkt ihres Standes, der Ende Juni 1916

— ungerechnet die Marsch-, Etappenbataillone, Besatzungstruppen, Standschützen und Freiwilligenformationen — 1030 Bataillone betragen hatte (gegen 927 bei Kriegsbeginn) wieder auf 984 zurückgegangen. Hingegen war die Artillerie von 559 auf 1241 Batterien, waren die technischen Truppen von 126 auf 183 Kompagnien und die Kraftwagenkolonnen von 41 auf 217 vermehrt wurden. Nur die Reiterschwadronen von 425 auf 311) und die Trainstaffel 'von 927 auf 858) hatten wegen des großen Pferdebedarfes der Artillerie vermindert werden müssen.

bestimmt, schon am 11. Februar 1917 aber „zur Disposition“ gestellt. Unmittelbar nach der Thronbesteigung hatte sich der Herrscher auch von den beiden greisen Generaladjutanten seines Vorgängers getrennt, den Generalobersten Graf Paar und Freih. v. Bolfras. An ihre Stelle traten der schon von einem schweren Leiden befallene FML. Ritt. v. Marterer, der zugleich die Leitung der kaiserlichen Militärkanzlei übernahm, und der lediglich zu Hofdiensten berufene GM. Prinz Lobkowitz. Als Stellvertreter wurde dem FML. Marterer der dem Kaiser seit längerer Zeit nahestehende Gstbsobst. Freih. Zeidler-Daublebsky v. Sterneck beigegeben.

Die Heeresleitung übersiedelte zu Anfang Jänner 1917 vonTeschen, wo sie seit dem ereignisreichen November 1914 geweilt hatte, in die alte Kurstadt Baden bei Wien. Der Kaiser wohnte abwechselnd in der bürgerlichen Enge des Badener „Kaiserhauses“ oder in dem eine Viertelstunde Autofahrt entfernten Schlosse Laxenburg. Der junge Herrscher widmete von Anbeginn einen großen Teil seiner Zeit der Bereisung seines Reiches und vor allem der Fronten, wo er immer und überall durch die ihm eigene Schlichtheit und Menschlichkeit zu wirken wußte. Eine seiner ersten Frontreisen galt dem geliebten, nunmehr amtlich so benannten „Edelweißkorps“, das sich, vom GdK. Fürst Schönburg befehligt, nach wie vor in den alten Stellungen auf der Hochfläche von Folgaria befand. Erzherzog Eugen, der am 15. Jänner für Verdienste im Kriege gegen Italien das Großkreuz des Militär-Maria Theresien-Ordens erhalten hatte, bat bei diesem Frontbesuche des Kaisers, dieselbe Dekoration anzulegen, die ihm als Ordenssouverän ohnehin zukam (IV. Bd., S. 356).

Die Zusammenarbeit mit dem Chef des Generalstabes, FM. Conrad, gestaltete sich vom ersten Augenblick an ziemlich schwierig. Der junge Kaiser hatte den Ehrgeiz, die Zügel selbst zu führen, und wurde in diesem Streben von seiner näheren Umgebung bestärkt. Immer wieder mußte es Conrad in kleineren und größeren Dingen erfahren, daß gegen ihn entschieden wurde; nicht selten sah er sich durch kaiserliche Befehle vor vollendete Tatsachen gestellt. Darunter litt der selbstherrliche Sinn des Generalstabschefs ganz außerordentlich. Der Feldmarschall hielt gegenüber seinem jungen Allerhöchsten Herrn mit Äußerungen tiefer Verstimmung nicht zurück, was wieder die schon längst bestehende Abneigung des Kaisers gegenüber Conrad noch vertiefte. Diesen persönlichen Gegensätzen, an denen auch private Gründe Anteil hatten, gesellten sich tiefgehende sachliche Meinungsverschiedenheiten bei, die auf die Dauer unüberbrückbar waren, und beim Kaiser wohl auch Bedenken, die mit der von ihm sehr bald eingeleiteten Friedenspolitik zusammenhingen und ihm die Trennung von dem mit dem Kriegsausbruch eng verknüpften Generalstabschef für zweckmäßig erscheinen lassen mochten 13). Die Kluft zwischen dem 29jährigen Herrscher und seinem 65jährigen ersten militärischen Berater wurde jedenfalls von Tag zu Tag breiter, so daß zumindestens die einigermaßen Eingeweihten in keiner Weise überrascht waren, als am 27. Februar 1917 Conrads Sturz vollzogene Tatsache wurde. Der Feldmarschall war im ersten Augenblick geneigt, jede Weiterverwendung abzulehnen. Auf ausdrücklichen, schriftlichen Wunsch des Kaisers trat er jedoch, mit dem Großkreuz des Theresienordens ausgezeichnet, an die Spitze der Heeresgruppe in Tirol, was auf die Italiener den von der öst.-ung. Heeresleitung gewünschten Eindruck für die nächste Zeit nicht verfehlte. Am letzten Februartage des Jahres 1917 verließ FM. Conrad in aller Stille die Heeresleitung, der seine starke Persönlichkeit durch zweieinhalb Jahre den Stempel ihrer Eigenart aufgedrückt hatte.

An Conrads Stelle wurde, nachdem vorübergehend auch an die Berufung des FML. Alfred Krauss gedacht worden war, der GdI. Arz v. Straussenburg zum Chef des Generalstabes ernannt14). Arz hatte zu Kriegsbeginn während der Schlacht bei Komarów das Kommando der 15. ID. übernommen, erhielt dann den Befehl über das VI. Korps, an dessen Spitze er sich bei Limanowa und auf dem Siegeszuge von Gorlice bis Brest-Litowsk hervorragend bewährte. Beim Ausbruch des Krieges gegen Rumänien fiel ihm die Aufgabe zu, die Verteidigung seiner siebenbürgischen Heimat einzuleiten. In dem darauffolgenden Feldzug legte Arz neuerlich Proben seiner Tüchtigkeit als hoher Truppenfiihrer ab. Auch beim deutschen Bundesgenossen hatte er sich großes Ansehen zu erwerben gewußt. Das Verhältnis zwischen ihm und der DOHL. blieb denn auch, mindestens so weit die persönlichen Beziehungen in Betracht kamen, bis zum Kriegsende durchaus ungetrübt.

Schon bei der Antrittsmeldung des neuen Generalstabschefs sprach der Kaiser den Wunsch aus, statt des FML. Metzger den Gstbsobst. Freih. v. Waldstätten an der Spitze der Operationsabteilung wissen zu wollen. Waldstätten war während der Südtiroler Offensive Korpsgeneralstabschef des Kaisers gewesen und besaß von daher dessen besonderes Vertrauen. FML. Metzger, den Conrad seit langem gerne als seinen Nachfolger gesehen hätte, übernahm Ende März die Führung der bei Tolmein verschanzten 1. Division.

Auch sonst traten bei der Heeresleitung auf Wunsch des Kaisers tiefgreifende Änderungen ein. Obst. v. Hranilovic wurde als Leiter der Nachrichtenabteilung durch Gstbsobstlt. Ronge ersetzt. An der Spitze der Quartiermeisterabteilung stand seit Dezember 1916 an Stelle des zum österreichischen Ernährungsminister ernannten Gstbsobst. Höfer der Gstbsobst. Ritt. v. Zeynek, der einstige Generalstabschef des GO. Freih. v. Pflanzer-Baltin. Die Führung des Kriegspressequartiers trat GM. Ritt, v. Hoen, nunmehr Direktor des Kriegsarchivs, an den Gstbsobst. Eisner-Bubna ab. Die seit Kriegsbeginn bei der Heeresleitung eingeteilten fronttauglichen Offiziere, zumal die des Generalstabes, wurden mit geringen Ausnahmen durch fronterfahrene Kameraden ersetzt, wobei man der von Tisza immer wieder geforderten „Parität“ zwischen den beiden Staaten sorgsam Rechnung trug.

Sowohl die Heeresleitung wie übrigens noch mehr das gemeinsame Kriegsministerium, zu dessen Leitung im April 1917 an Stelle des zum Kommandanten der 10. Armee ernannten GO. Freih. v. Krobatin der GdI. Edl. v. Stöger-Steiner berufen wurde, schwollen im Laufe der Zeit nach Pflichtenkreis und Personenzahl ganz gewaltig an. Dies erklärt sich nicht bloß aus der zunehmenden Ausdehnung des Kriegsgeschehens, sondern auch aus dem täglich größer werdenden Mangel an Kämpfern und Kriegsmitteln. In einer Zeit, in der die Ersatzlage außerordentlich gespannt war und die Ausgabe jedes Geschosses, jedes Bekleidungsstückes u. dgl. zu einem Verteilungsproblem wurde, mußte naturgemäß auch die Zahl der Organe gewaltig anwachsen, in deren Händen die Versorgung des Heeres mit Mann und Gerät lag. Diese kaum vermeidbare, bei allen Heeren gleichartige Entwicklung griff selbstverständlich auch auf die höheren Kommandos der Front und vor allem auf die Etappe über

— gewiß nicht zum Vorteil des moralischen Gefüges der Armee. Frontscheue, Geschäftemacher und verwandte Kriegserscheinungen fanden in dem schier unübersehbaren Verwaltungsapparat der Wehrmacht vielerlei Unterschlupf und erregten, ähnlich wie die Kriegsgewinner der Heimat, den Zorn der hungernden und darbenden Kämpfer an der Front. Der Krieg zeigte eben auch auf diesem Gebiete schon mancherlei Zeichen der Entartung.

Für die gemeinsame Überwachung und Durchführung des Menschenersatzes an der Front wurde eine eigene Zentralstelle geschaffen, der,,Chef des Ersatzwesens“ (S. 67). Diese Schöpfung, von Conrad nicht ohne Mißbehagen anerkannt, war vornehmlich dem Einfluß des ungarischen Ministerpräsidenten Tisza zuzuschreiben, der seit Kriegsbeginn immer wieder wahrnehmen zu müssen glaubte, daß der westliche Staat der Monarchie gegenüber Ungarn in der Beistellung von Kämpfern und in der Größe der Blutopfer zuriiekstünde. Gleichfalls auf Wunsch Tiszas wurde zum ,,Chef des Ersatzwesens“, der seinen Sitz in Wien nahm, der bisherige Honvédminister GO. Freih. v. Hazai bestellt, während FML. Szurmay dessen Nachfolgerschaft im ungarischen Kabinett übernahm.

Die Zusammenarbeit mit den Bundesgenossen auf dem Schlachtfeld war durch die Vereinbarungen über die Oberste Kriegsleitung (Bd. V, S. 267 und 723) geregelt. Sie wurde technisch nach wie vor durch Verbindungsoffiziere bewerkstelligt. Bei der öst.-ung. Heeresleitung wirkte seit Jänner 1915 GM. v. Cramon als deutscher Militärbevollmächtigter, dem sich später Obst. Tantiloff als Vertreter Bulgariens und GM. Pertew Pascha als Beauftragter der türkischen Heeresleitung beigesellt hatten. Von den öst.-ung. Militärbevollmächtigten bei den Bundesgenossen trat insbesondere der in Konstantinopel wirkende GM. Pomiankowski durch den Umfang seines Tätigkeitsfeldes hervor. Sachlich gilt es wohl auch für die letzten Kriegsjahre, daß bei der Entschlußfassung zu gemeinsamen Kriegshandlungen dort, wo ausschließlich militärische Erwägungen sprachen, das Einvernehmen unter den Verbündeten in der Regel nicht allzu schwer herzustellen war. Einschneidende Schwierigkeiten ergaben sich meist erst dann, wenn die politischen und wirtschaftlichen Interessen und Wege irgendwie auseinandergingen, was mit zunehmender Kriegsdauer allerdings immer häufiger vorkam.

Alles in allem war es keine geringe Last, welche die für die Kriegführung verantwortlichen Männer in Österreich-Ungarn im Frühjahr 1917 auf ihre Schultern zu nehmen hatten. Zumal der junge Kaiser und König hatte von Anbeginn schwer daran zu tragen. Kam doch bei ihm noch ein immer stärker wirkender, tragischer Pflichtenkonflikt hinzu! Einerseits hatte er als oberster Befehlshaber der im Felde stehenden Armeen nach wie vor alle Möglichkeiten auszuschöpfen, die dem unverrückbar gebliebenen Ziele einer Niederwerfung der Feinde dienten. Anderseits unterlag er als Friedensbringer, der er aus tiefstem Gewissen heraus sein wollte, außen- und innenpolitisch zahlreichen Hemmungen, denen ein nur auf den Krieg eingestellter Fürst nicht ausgesetzt gewesen wäre.

WINTER UND FRÜHJAHRSANFANG 1917

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I

Begebenheiten auf dem russisch-rumänischen Kriegstheater

Die Ostfront bis zum Ausbruch der Märzrevolution

in Rußland

Hiezu Beilagen 1 und 3

Die Lage der Heeresgruppe Mackensen

Gegen Mitte Jänner des Jahres 1917 hatte die aus der bulgarischen

3.Armee, der Donau- und der 9.Armee der Deutschen bestehende Heeresgruppe GFM. v. Mackensen an der unteren Donau, am Sereth und an der Putna Dauerstellungen bezogen (Bd. V, S. 623). Ihr gegenüber standen die 4. und die 6. Armee der Russen sowie die stark hergenommene rumänische 2. Armee auf dem Nordufer dieser Flüsse. Der nicht mehr widerstandsfähige Großteil des rumänischen Heeres war hinter der Front in den Raum um Jassy zurückgenommen worden und sollte durch französische Offiziere neu gebildet und geschult werden, während die Russen die Etappe in der Moldau einzurichten hatten, um im Frühjahr gemeinsam mit dem Orientheere der Alliierten zum Angriff gegen Bulgarien schreiten zu können (S. 14).

Anfangs Jänner waren das russische XXX. Korps (71. und 80. ID.) bei der 4. Armee und das XXIX. Korps (l.SchD. und 3. kauk. SchD.) bei der 6. Armee eingetroffen. Weitere russische Kräfte wurden im Laufe des Winters in die Moldau nachgeschoben, und zwar das XLIV. Korps (57. ID. und 111. ID.) aus dem Bereiche der russischen Heeresmitte (Westfront) zur rumänischen 2. Armee und das XLV. Korps (122. und 126. ID.) von den Heeresreserven Brussilows zur 9. Armee, die anfangs Jänner der rumänischen Front angegliedert worden war. Dazu wurde bei jedem russischen Korps eine neue Division aufgestellt (S. 12), so daß die Streitmacht der Russen an der rumänischen Front bis zum Monat März auf insgesamt rund 50 Infanteriedivisionen angewachsen war. Ferner befanden sich auf diesem Kriegsschauplätze noch 13 Reiterdivisionen der Russen. Die in der Kampffront verbliebene rumänische 2. Armee zählte um diese Zeit 6 Infanteriedivisionen, die in Neuaufstellung begriffene rumänische 1. Armee 9 Infanterie- und 2 Kavalleriedivisionen.

Demgegenüber hatte die DOHL. nach der Eroberung der Walachei alle entbehrlichen deutschen Kräfte aus Rumänien an die Westfront abgezogen (Bd. V, S. 621). Außer den bereits genannten deutschen Truppenverbänden (11. bayr. ID., Kavalleriekorps GLt. Gf. v. Schmettow, 41. ID.) rollten innerhalb der Heeresgruppe Mackensen noch der Stab der deutschen 301. ID., das Generalkommando LIV und der Stab des Korps GLt. Krafft v. Delhnensingen anfangs des Jahres 1917 ab. Die bulgarische Komb. TD. traf anfangs Februar am Nordflügel der Donauarmee ein, die dafür die deutsche 217. ID. als Heeresgruppenreserve hinter den Nordflügel der 9. Armee zu entsenden hatte. Die in der Mitte der 9. Armee am Sereth anfangs Februar eingesetzte k.u.k. 7. KD. (20. KBrig.), GM. Gf. Marenzi, mit der ihr zugeteilten k. u. k. 144. IBrig. und die deutsche 109. ID. bildeten nach dem Abgange des Generalkommandos LIV die Gruppe GM. Schaer. Die öst.-ung. 11. KBrig. fand in der Etappe Verwendung. Am Nordflügel der deutschen 9. Armee wurden die öst.-ung. 73. ID. und die deutsche Alpenkorpsdivision zu einer Gruppe unter GLt. Sontag (bisheriges Korps Krafft) zusammengefaßt.

An der ganzen Front der Heeresgruppe Mackensen herrschte seit Mitte Jänner Waffenruhe. Als gegen Ende dieses Monats die Nebenarme des Sereth und die Sümpfe im Donaudelta zufroren und überschritten werden konnten, setzte eine rege Patrouillentätigkeit ein, die den ganzen Winter über anhielt, bis mit dem Nahen des Frühlings Tauwetter eintrat und mit ihm Hochwasser und Überschwemmungen wiederum jede Kampftätigkeit unmöglich machten. Ende März wurde die für den westlichen Kriegsschauplatz bestimmte Alpenkorpsdivision aus der Front der Gruppe Sontag herausgezogen und durch die deutsche 217. ID. ersetzt. Die abgekämpfte deutsche 212. ID. traf jetzt von der Westfront hinter der 9. Armee als neue Heeresgruppenreserve ein. Die Kampfeinheiten der Donauflottille, die in Turnu-Severin und in Budapest überwintert hatten, dampften auf der Donau stromabwärts nach Hirsova. Einige Monitoren wurden nach Bräila und nach Mäcin vorgezogen.

Die Ereignisse in Siebenbürgen und in den Waldkarpathen

Auf dem rechten Flügel der Heeresfront GO. Erzherzog Joseph gingen die Kämpfe um die Mitte des Monates Jänner auch nach dem Einstellen des Angriffes der Gruppe Gdl. v. Gerok noch weiter. Die inneren Flügel der rumänischen 2. Armee und der russischen 9. Armee unternahmen eine Reihe von Vorstößen, um den Raum zwischen den Bergtälern Oituzu und Susita, durch den ein Einbruch in die Serethebene möglich war, verläßlich zu verriegeln.

So sah sich die Gruppe FML. Chev. de Ruiz (deutsche 218. ID., k.u.k. l.KD.) vom 14. bis zum 17. Jänner zwischen Susita und Casinu wiederholt von russischen und rumänischen Kräften angegriffen. Am 19. vormittags brachen die Angriffswogen des Feindes noch einmal gegen den linken Flügel der deutschen 218. ID. sowie gegen die mittlerweile im Casinutal angelangte k.u.k. S.GbBrig. vor. Der Feind führte stellenweise vier Angriffe hintereinander, die aber alle unter schweren Verlusten zusammenbrachen. Vor der Gruppe GLt. Sunkel (bisheriges XXXIX. RKorps) mäßigten die Russen inzwischen ihren Druck an den Zugängen zum Ojtozpaß. Vom 20. Jänner an wurde in diesem Abschnitt die deutsche 187. ID. durch die von Lugos herangeholte 70. HID. abgelöst und nach Kézdivásárhely zurückgenommen, um auf den westlichen Kriegsschauplatz geführt zu werden. Bei strenger Kälte trat um die Monatswende im Berecker Gebirge Ruhe ein.

Aber schon anfangs Februar steigerte der Feind seine Artillerietätigkeit vor der Gruppe Gerok. Russische Flieger bewarfen die Stellungen der deutschen 218. ID. im Susitatal mit Bomben. Am 7. mußte östlich des Casinutales ein feindlicher Vorstoß von der Artillerie der k. u. k. 1. KD. abgewehrt werden. Auch FML. v. Sorsich, der erst vor wenigen Tagen den Befehl über die zwischen dem Casinu- und dem Slanictale stehenden Truppen (S.GbBrig., 71. ID., verstärkt durch ein deutsches Landsturmregiment, und 70. HID.) übernommen hatte, sah seinen linken Flügel durch vorfühlende Erkundungsabteilungen des Feindes beunruhigt. Ein rumänischer Oberst, der mit seinem Adjutanten im Abschnitt der deutschen 218. ID. übergegangen war, brachte die Nachricht, daß die Russen die durch die Abgabe deutscher Truppen eingetretene Schwächung unserer Front erkannt hätten und wieder angreifen wollten. Der Schlag werde für den 13. Februar von der russischen

9. und der rumänischen 2. Armee vorbereitet.

Die Möglichkeit, daß die Armee GdL Letschitzki gegen die Ostfront von Siebenbürgen noch Angriffe versuchen werde, vermochte dem GO. Erzherzog Joseph vorübergehend Besorgnisse einzuflößen und ihn zu veranlassen, die in der Csik befindliche 15. bayr. RIBrig. (RIR. 18) der zum Teil aus weniger zuverlässigen ungarländischen Rumänen bestehenden 70. HID. zu überweisen. Da der Südflügel der Heeresfront nunmehr von jeglicher Reserve entblößt war, trat die k. u. k. Heeresleitung am S. Februar an die DOHL. mit dem Ersuchen heran, die zum baldigen Abtransport bestimmte deutsche 187. ID. wieder freizugeben. GdI. Ludendorff glaubte nicht daran, daß die Russen noch fähig wären, im Winter durch das unwirtliche Gebirge einen großen Angriff zu führen. Immerhin erklärte er sich bereit, die Infanterie der deutschen IS7. ID. noch kurze Zeit bei Kézdivásárhely zu belassen, verlangte aber, daß diese Division durch andere Reserven bald ersetzt werde, weil sie an der Westfront nicht entbehrt werden könne. Gleichzeitig schlug GdI. Ludendorff der k. u. k. Heeresleitung vor, die von der Heeresgruppe des GO. v. Linsingen an den Isonzo abrollende k.u.k. 7. ID. vorübergehend nach Siebenbürgen abzuzweigen, falls es der Heeresfront Erzherzog Joseph unmöglich wäre, aus eigenen Kräften vorzusorgen. Dazu erklärte sich aber der Erzherzog mit dem Hinweis auf die geschwächten Gefechtsstände seiner Divisionen außerstande. Da es überdies fraglich war, ob man bei den schwierigen Verkehrsverhältnissen rechtzeitig Reserven an die Ostfront Siebenbürgens werde heranbringen können, sah die Lage recht bedrohlich aus.

Am 17. Februar unternahmen die Russen nach kräftiger Artillerievorbereitung einen Vorstoß gegen den linken Flügel der Gruppe Sorsich. Die Russen wurden abgeschlagen und enthielten sich jedes weiteren ernstlichen Angriffsversuches gegen die Gruppe Gerok. Noch im Februar fuhr die deutsche 187. ID. nach dem Westen ab.

Bei der k.u.k. 1. Armee ruhten auch im Winter die Stellungskämpfe im Csik- und im Gyergyógebirge nicht völlig. Die Grenzhöhen vom Mt. Nemira bis zum Mt. Fältueanu, die Pässe von Gyimes, Békás und Tölgyes waren die Ausgangspunkte zahlreicher Scharmützel, sofern nicht der Winter sein Recht forderte und Frost und Schneefall alle Patrouillengänge sowie jegliche Artillerietätigkeit unterbanden.

GdI. v. Arz nützte die Zeit verhältnismäßiger Ruhe aus, um die vermischten Verbände innerhalb seiner Armee allmählich zu ordnen. Schon anfangs Jänner kehrte die 73.HIBrig. vom Südflügel der 7. Armee zu ihrer Stammdivision, der 37.HID., zurück. Auch wurden die beim XI. Korps eingeteilten Reiter der 10. KD. um diese Zeit zur 1. Armee herangezogen und zur Sicherung des unwegsamen Geländes nördlich des Gyimespasses verwendet. Die bisher in Reserve befindliche 3. KD. trat in den Abschnitt von Bélbor am äußersten Nordflügel des k.u.k. XXI. Korps in die Front. Von Ende Jänner an wurde die 31. ID., GM. Lieb, dem XXI. Korps zugeführt und dafür die 10. bayr. ID. an die 2. Armee abgegeben.

Auch die Befehlsverhältnisse innerhalb der 1. Armee wurden nunmehr neu geregelt. GdI. Litzmann (Generalkmdo. des XXXX. RKorps), der bisher im Gyergógebirge das k. u. k. XXI. Korps mit den dazugestoßenen deutschen Unterstützungen geführt hatte, übernahm den Befehl über den rechten Armeeflügel in der Csik, bestehend aus dem k.u.k. VI. Korps (deutsche 225. ID., 39. HID., 24. ID.), aus der durch die k. u. 16. LstlBrig. (Reste der 61. HID.) verstärkten 8. bayr. RD. und aus der 10. Kavalleriedivision. Die den Nordflügel der 1. Armee bildenden Truppen, 72. ID., 31. ID., 37. HID. und 3. KD., wurden zum

XXI. Korps, FML. Freih. v. Lütgendorf, vereinigt. Ende Februar wurde auf Wunsch des GO. Erzherzog Joseph und mit Zustimmung der DOHL. die Gruppe Gerok (Generalkmdo. des deutschen XXIV. RKorps) der 1. Armee unmittelbar unterstellt und das VIII. Korpskmdo., FZM. Ritt, v. Benigni, von der 3. Armee nach Bereczk geführt, wo es innerhalb der Gruppe Gerok den Befehl über die bisherige Gruppe Sorsich am Ojtez-paß übernahm.

Die Eingliederung der Gruppe Gerok in die 1. Armee war jetzt möglich geworden, weil der bisherige Armeekommandant, GdI. Arz, der rangjünger als der GdI. Gerok war (Bd. V, S. 517), am 27. Februar vom Kaiser Karl nach Baden berufen worden war, um, wie schon erwähnt (S. 70), an Stelle des FM. Conrad die Dienstgeschäfte des *Chefs des Generalstabes zu übernehmen. An Stelle des GdI. Arz ernannte der Kaiser den bisherigen Führer der 11. Armee, GO. Rohr, zum Kommandanten der 1. Armee. Rohr traf am 4. März in Székely-Udvarhely, dem Hauptquartier des 1. Armeekmdos., ein.

Bei der k. u. k. 7. Armee in den Waldkarpathen wurden Mitte Jänner nach dem Einsatz der 51. HID. am Südflügel des XI. Korps die 24. IBrig. und der Stab der 12. ID., FML. Edl. v. Hinke, aus dem Abschnitt südlich von Dorna Watra und Jacobeny verschoben. FML. Hinke übernahm an Stelle des GM. Edl. v. Leiter den Befehl über die am Nordflügel des Korps Habermann kämpfenden Truppen, die 23. IBrig. und die Brigade Obst. Papp mit den als Ersatz für die 10. KD. eingesetzten Reitern der

5. Honvédkavalleriedivision. Die im Nordabschnitt des XI. Korps stehende 8. KD. wurde dem Südflügel des von FZM. v. Scheuchenstuel befehligten k.u.k. I. Korps angegliedert.

Am 27. Jänner um Mittag griff die Armee Letschitzki mit zwei Divisionen, der 78. und der 65. des XXVI. Korps, nach einer heftigen Feuervorbereitung beiderseits der Straße Valeputna—Jacobeny den schon so oft bestürmten Nordflügel des k. u. k. XI. Korps an. In dichten

Wellen stürzte sich der Feind durch den Mestecänescipaß auf den Abschnitt des Eisenbahntunnels und drückte die Gruppe FML. Hinke fast bis an die Straße im Tal der Goldenen Bistritz zurück. Unter Einsatz aller am Nordflügel des XI. Korps vorhandenen Kräfte gelang es dem FML. Edl. v. Habermann, den Einbruch des Feindes auf dem Südhang der Berge abzudämmen. Bei der Abwehr erlitten besonders die Brigade Papp, die 5. HKD. und die Infanterieregimenter 57 und 100 schwere Verluste.

Am 29. und am 30. Jänner suchte das russische XXVI. Korps aufs neue gegen Jacobeny durchzubrechen. Auf den Höhen nordwestlich des Mestecänescipasses blieben die Angriffe im Sperrfeuer der gutgeleiteten öst.-ung. Batterien liegen. Südöstlich des Passes vermochten die in Massen anrennenden Russen der Gruppe FML. Hinke abermals Gelände zu entreißen. Die vom Verteidiger versuchten Gegenangriffe scheiterten.

Das 7. Armeekmdo. sandte den Kommandanten der deutschen 1. ID., GM. Paschen, mit fünf Bataillonen seiner Division in den Nordabschnitt des XI. Korps und erteilte dem deutschen General die Weisung, die alten Stellungen am Mestecänescipaß zurückzuerobern. GM. Paschen ließ jedoch schon am 31. Jänner das 7. Armeekmdo. wissen, daß er mit den vorhandenen Kräften lediglich den linken Flügel des XI. Korps stützen könne, und bat um weitere Verstärkungen. Nun trat GO. v. Kövess an die k. u. k. Heeresleitung mit dem Ansuchen heran, der 7. Armee eine frische Division zu überweisen. Er begründete seine dringliche Bitte damit, daß der gefährdete Verteidigungsabschnitt bei Jacobeny andauernd starke Kräfte beanspruche, es fehle daher auf der weitausgedehnten Front der 7. Armee an einer Reserve, die auch für die erfolgreiche Abwehr der im Frühjahr zu erwartenden Offensive der Russen erforderlich sei. Das XI. Korps müsse seine ursprüngliche Stellung zurückerobern, weil der Feind die Straße im Bistritztal beherrsche. Nach dem Abschluß des Unternehmens würde das 7. Armeekmdo. eine Reserve freimachen und die ihr vorübergehend überwiesene Division der k. u. k. Heeresleitung wieder zurückstellen.

Erzherzog Joseph, der am 26. Jänner seinen Standort von Legesvár nach Maros Vásárhelv verlegt hatte, schloß sich dem Ansuchen des 7. Armeekmdos. an, zumal es ihm an der ganzen Heeresfront ebenfalls an einer Reserve gebrach. Indes auch die k. u. k. Heeresleitung hatte an der Ostfront keine Reserve verfügbar. Auf ihre Bitte an die DOHL., die aus der Gruppe Gerok herausgelöste deutsche 187. ID. wieder freizugeben, erhielt sie den schon vorher erwähnten Bescheid, daß auf den Abtransport dieser Division nicht verzichtet werden könne (S. 78); doch werde GFM. Mackensen die 76. RD. in der ersten Märzhälfte bei Ploesci bereitstellen, um sie erforderlichenfalls nach Siebenbürgen entsenden zu können. Nun sollte sich die Heeresfront Erzherzog Joseph selbst eine Reserve bilden, die nach Meinung der k. u. k. Heeresleitung dem Südflügel der 1. Armee zu entnehmen war. Demgegenüber führte GO. Erzherzogjoseph in einem am 3. Februar der k.u.k. Heeresleitung vorgelegten Bericht aus, daß es bei den schwachen Gefechtsständen kaum möglich sein werde, der 1. Armee Kräfte zu entnehmen. Alle ihre Truppenkörper hätten bei dem strengen Winterwetter in ihren notdürftigen Deckungen erhebliche Krankenabgänge zu verzeichnen. Die hinter der Front vorhandenen Marschformationen seien noch nicht einreihungsfähig, die Vervollständigung der Stellungen dürfe nicht durch Truppenabgaben verzögert werden. Auch müßten die am Südflügel der 1. Armee in Feindeshand gefallenen Höhen zurückerobert werden. Die Vorbereitungen zu diesem Unternehmen, die ebenso dringlich wären, wie die Rückeroberung der Mestecänescistellung, würden bereits getroffen.

So blieb dem GO. Kövess nichts anderes übrig, als mit den eigenen Mitteln den Angriff bei Jacobeny vorzubereiten. Dazu ließ er die dem Nordflügel des XI. Korps zugeteilten Reiter der 5.HKD. durch die

6. KD. ersetzen, während die abgekämpfte 24. IBrig. der deutschen l.ID. als Ersatz für ihre Truppenaushilfen zur Verfügung gestellt wurde. GM. v. Puchalski, der neuernannte Kommandant der 12. ID., übernahm vorübergehend den Befehl über den Südflügel des Karpathenkorps.

Am 12. Februar griffen bei Jacobeny ostpreußische Grenadiere der l.ID., das Bataillon 111/56 der k.u.k. 12. ID. sowie Teile des IR. 157 der deutschen 117. ID. unter der Führung des GM. Paschen an und entrissen dem Feinde auf dem Mestecänescipaß einen Teil der alten Stellungen des k. u. k. XI. Korps 1). Wirkungsvolles Artilleriefeuer verhalf zum Gelingen des sorgfältig vorbereiteten Unternehmens. Die Russen verloren 1200 Gefangene, 12 Maschinengewehre und 6 Minenwerfer. Allerdings vermochten die Angreifer den Feind nicht vom Ostausgang des Eisenbahntunnels zu vertreiben. In zweitägigem Ringen behauptete jedoch die Gruppe GM. Paschen ihren Geländegewinn wider heftige Gegenstöße der Russen.

Am 27. Februar, nach Zuweisung von Schießbedarf für die Artillerie, wurde der Angriff fortgesetzt. Wiederum eroberte die Gruppe GM. Paschen auf den Höhen nordöstlich von Jacobeny Grabenstücke der

a) Gottberg, Das Grenadier-Regiment Kronprinz Nr. 1 im Weltkrieg (Oldenburg/Berlin 1929), 62 ff.

Russen. Sie brachte mehr als 1300 Gefangene ein, erreichte nahezu alle früheren Stellungen des XI. Korps und schlug in ihren neuen Linien eine Reihe von Gegenstößen ab. Nur der Stützpunkt am Ostausgang des Eisenbahntunnels, von ostpreußischen Grenadieren erstürmt, mußte neuerlich geräumt werden. Am 1. März versuchte der Feind die am Mestecänescipaß verlorenen Stellungen zurückzuerobern. Noch einmal rannte das XXVI. Russenkorps in dichten Wellen gegen den Nordflügel des Korps Habermann an, zerschellte aber an dem wirksamen Abwehrfeuer unserer Artillerie.

Während die zermürbenden Stellungskämpfe bei Jacobeny entbrannten, unternahm die 64. ID. des russischen XVIII. Korps der Armee GdK. Kaledin bei Kirlibaba nur ganz vereinzelte Entlastungsvorstöße mit schwächeren Kräften. Hier glückte den Sturmtrupps der k. u. k. 59. ID., gleichwie jenen des Karpathenkorps auf dem Gebirgswall zwischen dem Prislopsattel und dem Smotrecrücken mancher Überfall auf die russischen Vortruppen. Gegen die Mitte des deutschen XXV. RKorps rafften sich Truppen des russischen XI. Korps am 24. Februar nach langer Artillerievorbereitung zu einem stärkeren Angriff auf dem Tar-tarenpaß auf und drangen vorübergehend in einzelne Grabenstücke der k.u.k. 34. ID. ein. Am nächsten Tag brachen neue Angriffsversuche der Russen schon im Sperrfeuer unserer Artillerie zusammen.

Abgesehen von diesen Gefechten waren an der Heeresfront GO. Erzherzog Joseph während des ganzen Winters keine besonderen Kampfhandlungen zu verzeichnen. Aber dieser Krieg ohne größere Kämpfe verbrauchte dennoch unverhältnismäßig viele Menschen durch Krankheiten und durch Verluste bei Patrouillengängen. Der Winter war hart, im Gebirge herrschte im Februar eine grimmige Kälte bis zu 29° Celsius; Erfrierungsfälle waren nicht selten. Auf den Höhen hatte die Truppe viel zu leiden. Die Verpflegung war im Verhältnis zu den geforderten Anstrengungen knapp. Zuweilen wurde die Versorgung der Streiter in den höchstgelegenen Abschnitten wegen Schneeverwehungen sogar unmöglich. Recht schwierig gestalteten sich die Verhältnisse auch im März, als die Schmelzwasser zu Tal brausten und die Zugangswege zu den Stellungen in Sumpf verwandelten.

Die Lage am Siidteil der Heeresfront Prinz Leopold von Bayern

An der langen Front vom Pantyrpaß bis zum Pripiatj standen die ersten Monate des Jahres 1917 ebenfalls im Zeichen des Stellungskrieges. Die Gefechtstätigkeit beschränkte sich auch hier im großen ganzen auf gelegentliche Kanonaden, auf kleine Patrouillenuntemehmen zu Er-kundungs- und Zerstörungszwecken sowie auf eine mehr oder minder rege Arbeit der Flieger.

Im Verteidigungsabschnitt der 3. Armee, zwischen den Karpathen und dem Dniester, herrschte im Jänner winterliche Ruhe. Zuweilen stießen Patrouillen der k.u.k. 5. ID. aus den Höhenstellungen in das Quelltal der Bystrzyca Sołotwińska herunter und hoben dort russische Posten aus. Eine Stoßabteilung des HIR. 28 der 42. HID. durchwatete am 20. Februar die Bystrzyca Sołotwińska und erstürmte den von russischen Vortruppen besetzten Ort Lachowce. Besonders unternehmungslustig zeigten sich die Stoßtrupps der Gruppe FML. v. Hadfy (21. SchD. und 48. RD.) bei Stanislau und bei Jezupol. In diesen Abschnitten kam es im Verlaufe des Winters zu zahlreichen Scharmützeln im Zwischengelände. Auch die Russen blieben nicht müßig. Ihre Jagdkommandos waren sehr tätig und griffen wiederholt die Feldwachen des k.u.k. XIII. Korps (42. HID. und 36. ID.) bei Solotwina und bei Bohorodczany an. Überaus rege waren die Erkundungsabteilungen der Russen auf dem Südflügel ihrer 7. Armee. Hier waren Stanislau und die Frontstrecke Jezupol—Halicz vom Februar an der Ausgangspunkt ihrer Unternehmungen. Auch die Kanonaden der russischen Artillerie lebten in diesen Abschnitten wiederholt auf. GdI. Schtscherbatschew rüstete vielleicht zu einem Angriff auf den Nordflügel der k.u.k. 3. Armee. Diese besaß auf ihrer langen Front außer der im Raume von Kałusz in Neuaufstellung begriffenen 15. ID. und den Reitern der 2. KD. am Südufer des Dniester keine Reserve. Anfangs März ließ der Heeresgruppenkommandant, GO. v. Böhm-Ermolli, die 21. SchD. im Abschnitt von Stanislau durch die nun wieder verwendungsbereite 15. ID. und Ende des Monats die 48. RD. durch die zuerst genannte Division ablösen. Die 48. RD. gelangte als Heeresgruppenreserve hinter den Nordflügel der 3. Armee, während die Reiter der 2. KD. bei Rozniatów hinter der Armeemitte zu versammeln waren.

Bei der Südarmee wurde am 28. Jänner das zwischen der Nara-jówka und der Złota Lipa eingesetzte türkische XV. Korps (deutsche 36. RD., 19. und 20. ID. der Türken) von Truppen des sib. VII. Korps angefallen. Die Russen vermochten in die Stellungen der Türken einzudringen, doch gelang es dem Verteidiger, den eingebrochenen Feind aus den Gräben zu werfen. Von Mitte Februar an kam es an der Narajówka und an der Złota Lipa bei Brzeżany zu lebhaften

Stellungskämpfen. Starke Erkundungsnbteilungen der Russen stießen des öfteren gegen die Vorpostenstellungen des türkischen XV. und des k. u. k. XXV. Korps (bisheriges Korps FML. Hofmann) vor. Auch im März hielten diese Vorfeldkämpfe an. Russische Ferngeschütze begannen Brzeianv zu beschießen. Die Stadt wurde auch von russischen Fliegern mit Bomben heimgesucht, was unsere Flieger mit Überfällen auf Podhajce und auf Kozowa vergalten. Bei Lipnica dolna unternahmen die Russen in der Nacht auf den 14. März gegen die Stellungen der 36. RD. einen wirkungslosen Gasangriff. Zugleich mit dem Abblasen von Gas setzte ein lebhaftes Feuer der russischen Artillerie ein. Die feindliche Infanterie blieb jedoch in ihren Gräben. Es schien, als ob die Russen im Frühjahr wiederum bei Brzeżany angreifen wollten, um sich den Weg nach Lemberg zu öffnen. Die Stoßtrupps des XXVII. RKorps (deutsche 119. ID., 75. RD., 53. RD.) entfalteten an der Narajówka, jene des k. u. k. XXV. Korps (54. und 55. ID.) an der Złota Lipa eine rege Tätigkeit, um die Kräfteverteilung der Russen festzustellen.

Verschiedene Truppen Verschiebungen und Ablösungen innerhalb der Südarmee dienten außerdem dem Zwecke, eine deutsche Division als Reserve auszuscheiden und den Verteidigungsabschnitt von Brzeżany durch deutsche Truppen zu verstärken. Dem k. u. k. XXV. Korps wurde der ganze Abschnitt von der Höhe Łysonia bis Koniuchy überwiesen und die freigewordene 38. HID. an den südlichen Armeeflügel verschoben. Diese Division und zwei bayrische Landsturmregimenter wurden am Südflügel des XXVII. RKorps eingesetzt. Dafür gab dieses Korps die deutsche 119. ID. und die 75. RD. ab. Die Letztgenannte kam als Armeereserve nach Rohatyn und Bursztyn; die 119. ID. wurde bei Brzeżany in die Front zwischen dem türkischen XV. und dem k. u. k. XXV. Korps eingeschoben.

Der k. u. k. 2. Armee wurden von Ende Jänner an die Truppen der 10. bayr. ID. allmählich zugeschoben und am Südflügel des k. u. k. V. Korps an Stelle der nach Siebenbürgen abrollenden 31. ID. eingesetzt ('S. 79). Ende Februar ging das noch beim XVIII. Korps befindliche k. k.LstIR. 1 der l.LstlBrig. zur 5. Armee an den Isonzo ab. Im Abschnitt Złoczów flammten inzwischen lebhafte Stellungskämpfe auf. Am 10. Februar drang eine Abteilung des XVII. Korps der 11. Russenarmee nördlich der Straße Zborów—Złoczów in die Gräben der deutschen 195. ID. ein, wurde aber alsbald hinausgeworfen. In der Nacht auf den 13. sprengten die Russen bei Zwyżyn einen Minenstollen, vermochten sich aber in den beschädigten Gräben der 33. ID. nicht festzusetzen.

Am 14. brachten Stoßtrupps der deutschen 197. ID. an der Bahn Złoczów—Tarnopol aus der russischen Stellung fast 300 Gefangene ein. Ein größeres Sturmtruppunternehmen bei Zwyżin, ausgeführt am 22. Februar von Stoßtrupps der k. u. k. Infanterieregimenter 12 und 83 und des deutschen RIR. 233, führte zu einem vollen Erfolg; der Feind mußte mehr als 300 Gefangene sowie zwei Maschinengewehre in den Händen der Angreifer lassen. Am 12. März gelang es bei Hukalowce den Stoßtrupps der deutschen 195. ID., nach wirksamer Vorbereitung durch Artillerie- und Minenwerferfeuer im kühnen Anlauf überraschend in die feindliche Stellung einzudringen und mit 250 Gefangenen zurückzukehren. Wiederholt mußten in den Verteidigungsabschnitten Złoczów und Brody aber auch Erkundungsabteilungen der Russen abgewiesen werden. Russische Flieger bewarfen die Stellungen der 106. LstlD. westlich von Brody mit Bomben, die deutschen und die öst.-ung. Kampfgeschwader antworteten mit gleichem gegen Radziwiłow.

Die Gruppe GdI. v. Eben (Abschnitt Złoczów) hatte bis Mitte März die Truppen der deutschen 195. ID. mit dem Stabe der deutschen 197. ID. als Heeresfrontreserve aus der Front herauszulösen. Der Nordflügel der Gruppe Eben erhielt dafür zwei Bataillone des k.u.k. IX. Korps und ein deutsches Jägerbataillon zugewiesen. Bei Podhorce war überdies eine zusammengesetzte Division aus fünf deutschen Bataillonen und aus drei Batterien des k. u. k. V. Korps zusammenzuziehen. Ende März wurde dem k. u. k. XVIII. Korps die abgekämpfte deutsche 15. LD. von der Westfront als Ersatz für die dem südwestlichen Kriegsschauplätze zugedachte 106. LstlD. zugeführt.

Im Bereiche der Heeresgruppe Linsingen blieb die Lage in den Wintermonaten im großen und ganzen unverändert. Die Kampftätigkeit beschränkte sich am oberen Styr und am Stochod wie in den Verteidigungsabschnitten Ostgaliziens auf Artillerie- und Minenwerferfeuer, auf Feldwachkämpfe und auf kleinere Unternehmungen der Jagdkommandos im Vorfelde, wobei die öst.-ung. und die deutschen Sturmtrupps meist die Oberhand hatten und die angriffslustigeren waren.

Die Mitte des Abschnittes Lipa (Generalkmdo. des deutschen

XXII. RKorps, GdK. Eugen v. Falkenhayn) wurde seit Mitte Jänner als Abschnitt Buzany (deutsche 22. ID. mit zugeteilter halber 20. HID.) bezeichnet. Mitte Februar traf die zweite Brigade der 20. HID., dieSl.HI-Brig., von der 5. Armee ein. Ein Regiment dieser Brigade wurde mit der Stammdivision im Abschnitt Buzany vereinigt, das andere der deutschen 215. ID. überwiesen. Die 7. ID. ging an den Isonzo ab.

Bei der k. u. k. 4. Armee wurde Mitte Jänner das LIR. 429 der deutschen 10. LD. aus der Front des Korps FML. Szurmay (öst.-ung. 11. ID., deutsche 10. LD.) herausgelöst und an Stelle des nach Mitau abrollenden RIR. lOO als neue Heeresfrontreserve ausgeschieden. Am 10. Februar übernahm FML. Lukas den Befehl über dieses Korps, das die Nummer XXIV erhielt. FML. Szurmay wurde an Stelle des zum Chef des Ersatzwesens (S. 72) ernannten GO. Hazai Honvedminister. GdI. Křitek übernahm am 26. Jänner den Befehl’über das k.u.k. X. Korps (2. ID., halbe 13. SchD.), das bisher zum Abschnitt Luga (Generalkmdo. des deutschen VI. Korps, GdI. Riemann) gehört hatte und nunmehr dem

4. Armeekmdo. unmittelbar unterstellt wurde. Anfangs März erfolgte auf Wunsch des Oberkommandos Ost bei der 4. Armee ein Kommandowechsel. GO. Tersztyánszky wurde wegen Gegensätzlichkeiten mit dem Heeresgruppenkommando Linsingen durch den GO. Freih. v. Kirchbach ersetzt und übernahm an dessen Stelle den Befehl über die k.u.k. 3. Armee.

In zahlreichen kleinen Gefechten maßen sich auch im Bereiche der k. u. k. 4. Armee die öst.-ung. und die deutschen Sturmabteilungen mit den Vortruppen der Russen. So gelang es am 26. Februar der deutschen

224. ID. bei Swiniuchy, nach einer Minensprengung in den zerstörten feindlichen Graben einzudringen. W'eiter nördlich bei Bubnow schlugen sich wiederholt Patrouillen der k. u. k. 11. ID. mit feindlichen Streifabteilungen herum. Am 18. Februar versuchte der Russe vergeblich, ein 'Grabenstück der 11. ID. durch eine Minensprengung zu nehmen. Im Abschnitt nördlich von Szelwow überfielen des öfteren Stoßtrupps der

13.    SchD. und der 2. ID. russische Feldwachen und wiesen feindliche Jagdkommandos ab. Auch bei dem verstärkten deutschen VIII. Korps (15. und 16. ID. der Deutschen, k. u. k. 29. ID.) am obersten Stochod wurden wiederholt russische Vorposten ausgehoben. Am 2. März abends gelang es Stoßtrupps der 29. und der 16. ID., nach wirksamer Vorbereitung durch Artillerie- und Minenwerferfeuer, in kühnem Anlauf westlich von Woronczyn auf mehr als zwei Kilometer Breite und einem Kilometer Tiefe in die feindlichen Stellungen einzudringen und nach gründlicher Zerstörung der russischen Gräben mit mehr als 100 Gefangenen und vier Maschinengewehren zurückzukehren. Am

14.    März brachten bei Witonież Stoßtrupps des k. u. k. IR. 94 aus der russischen Stellung neuerdings Gefangene und vier Maschinengewehre als Beute ein.

Im Abschnitt Kowel (Generalkmdo. LV, GdK. v. Bernhard!) entflammten bald an der Bahnlinie Łuck—Kowel, bald bei Mielnica und weiter den Stochod abwärts kleine Kämpfe im Vorfeld. Den Stoßtrupps der deutschen 92. ID. sowie jenen der k.u.k. 4. ID. und der 26. und 45. SchD. glückte mancher Handstreich auf die russischen Vortruppen und Feldwachstellungen. Im Monat März wurde die deutsche 92. ID. am Südflügel des k.u.k. II. Korps durch die im Bereiche der Armeegruppe Bernhardi neuaufgestellte sächsische 45. LD. ersetzt und als Heeresfrontreserve nach Władimir-Wołyński verlegt.

An diesem Kleinkrieg im Vorfeld waren auch die k. k. 26. SchBrig. und das k. u. k. XII. Korps (35. ID.) im Bereiche der Heeresgruppe GO. v. Woyrsch an der Szczara sowie das k.u.k. IR. 63 der 35. ID. im Verbände der deutschen Armeeabteilung GdI. Freih. v. Scheffer-Boyadel an der Bieriezina beteiligt.

Bei Riga entflammte Ende Jänner eine neue Schlacht (S. 14). An der Aa schritt der linke Flügel der deutschen 8. Armee, GdA. v. Scholtz, mit Verstärkungen vom Stochod am 23. zum Angriff, um die anfangs des Monats verlorenen Stellungen zurückzuerobern. Das Ringen endete am 3. Februar trotz heftiger Gegenstöße der russischen 12. Armee, GdI. Dimitriew, mit einem Erfolg für die Deutschen.

Der Sturz des Zarentums

Seit im Anfang des Jahres 1917 die Vorstöße Letschitzkis bei Jacobeny und die Versuche Dimitriews, auf Mitau vorzudringen, gescheitert waren, rafften sich die Russen zu keinem größeren Angriff gegen die Wehrstellung der verbündeten Mittelmächte mehr auf. Wohl hätten ursprünglich im Februar die russische 5. Armee bei Dünaburg, die 10. bei Smorgon und die 7. bei Stanislau zur Endastung der alliierten Westmächte angreifen sollen. Aber die den verschiedenen Abschnitten von der Stawka anbefohlenen kurzen Schläge wurden nicht ausgeführt, weil die Alliierten selbst mit den Vorbereitungen nicht fertig geworden waren und ihre Generaloffensive auf den April hinausschieben mußten. Als Zeitpunkt für den Beginn des allgemeinen Angriffs des russischen Heeres hatte die Stawka den l.Mai vorgesehen (S. 13). Sie hoffte, bis dahin mit den Angriffsvorbereitungen fertig zu werden. Schon im März war der Großteil der in Neuaufstellung begriffenen 62 Divisionen vorhanden. Das russische Heer war jetzt auf 2800 Bataillone und auf 1277 Schwadronen angewachsen und hatte damit seinen Höchststand seit Kriegsbeginn erreicht. An der Front hatte sich bis zum Jänner 1917 die Zahl der Geschütze auf 5459 leichte und 1946 schwere vermehrt. Munition war reichlich vorhanden, an Gewehren gab es neben russischen auch österreichische, japanische und französische. In den Vereinigten Staaten waren große Bestellungen an Kriegsgerät gemacht worden; an Maschinengewehren waren bei den Armeen im Felde insgesamt 15.000 vorhanden, die Neuaufstellung von Batterien und von 100 Maschinengewehrkompagnien war beabsichtigt. Aus England und Frankreich trafen zahlreiche Flugzeuge ein, aus Frankreich überdies Artillerieinstruktoren x).

Rußlands Wirtschaftslage war allerdings eine sehr schwierige geworden. Das Transportwesen war in Unordnung geraten; es fehlte an Kohle. Die Arbeiterschaft war kriegsmüde, die Propaganda gegen den Krieg, gegen die alte Ordnung im Zarenreiche hatte an Stärke zugenommen. An der Front sah es wohl besser aus, aber auch dort begann sich bereits eine tiefgehende Wandlung zu vollziehen.

Mitte Februar legte der Kommandant der russischen Nordfront, GdI. Rußki, der Stawka einen Bericht vor, in dem es hieß, daß der gute Geist der Truppe im Schwinden und aus dem kaiserlichen Heere eine „Miliz“ geworden sei. Bei einem Angriff an der Nordfront im Jänner 1917 hatte sich die 4. Spezialdivision geweigert, die Schützengräben zu verlassen. Schlimme Zeichen der Auflehnung wurden vom VII. sib. Korps an der Südwestfront gemeldet. Schon vollzog sich an der Front von Riga bis Reni, hier zögernd, dort drängender, der gärende Riesenprozeß der Auflösung als natürliche Folge der furchtbaren Anstrengungen, die dem russischen Heere in unzähligen Schlachten zugemutet worden waren.

Es kann hier nicht unternommen werden, alle Ursachen und Veranlassungen darzulegen, die Rußland zur Katastrophe des Jahres 1917 führten. Das russische Heer hatte unter den Siegesschlägen der verbündeten Mittelmächte im Sommer 1915 schwere Wunden erhalten. Zu der Tatsache der Niederlagen selbst kamen ihre Auswirkungen, die sich vom Sommer 1915 an im Volke und Staate bemerkbar machten. Das Leben der breiten Masse des russischen Volkes war bisher in der Heimat vom Kriege noch nicht unmittelbar berührt gewesen; bisher hatten nur die fremdstämmigen Grenzvölker im Westen unter den Schrecken des Krieges zu leiden gehabt. Nun aber überschwemmten Millionen zwangsweise angesiedelter Flüchtlinge ganz Rußland. Sie trugen die Kunde von den Ereignissen an der Front in die entlegentsten, bisher künstlich

i; Knox, II, 510 ff.

von allen ungünstigen Nachrichten abgesperrten Orte und brachten so zugleich mit ihrem namenlosen Elende den Keim der Unzufriedenheit und der Auflehnung gegen die Regierung, die dieses Unglück nicht hatte verhindern können. Den Generalen wurde Unfähigkeit und der Verwaltung, namentlich der des Heeres, Mißwirtschaft bei der Versorgung der Truppe mit Waffen und Munition vorgeworfen. Im Volke begann es zu gären, man verlangte von dem verhaßten absolutistischen Regiment freiheitliche Zugeständnisse. Der Ruf nach einem verantwortlichen Ministerium wurde immer häufiger, die gesellschaftlichen Kräfte gerieten in Bewegung, und es mußte ihnen Gelegenheit zur Betätigung gegeben werden. Es entstanden Organisationen, die die veraltete Bürokratie unterstützten, überwachten oder ersetzten und damit die Axt an den morschen Baum des Verwaltungsapparates legten.

Um die Leistungsfähigkeit der Kriegsindustrie zu steigern, wurde neben dem Kriegsministerium ein „Sonderausschuß“ für die Versorgung des Heeres gebildet, in dem Vertreter der Industrie und der Selbstverwaltung sowie Mitglieder der Duma bestimmenden Einfluß gewannen. Die „Kriegsindustriekomitees“ waren mit Vertretern der Arbeiterschaft durchsetzt, der Landschafts- und Städtebund betätigte sich in der Fürsorge für die Kranken und Verwundeten. Alle diese Körperschaften arbeiteten mit finanzieller Unterstützung aus Staatsmitteln, benützten diese Gelder aber auch zur Organisierung ihrer Kräfte gegen den Staat. Sie wurden der Zufluchtsort für die unendliche Schar der Drückeberger, sie bildeten die Kanäle, durch die die revolutionäre Propaganda den Weg zur Truppe fand.

Die Offensive im Sommer 1916 brachte unter schweren Blutopfern Raumgewinn, änderte aber an der Kriegslage nichts; sie gewann zwar Rumänien für die Verbündeten und rettete Italien, aber nicht Rußland, das sich für die Entente verblutete. Die Mobilisierung der Kriegsindustrie mit Hilfe der gesellschaftlichen Kräfte hatte das kriegsmüde Volk und das Land dem versprochenen Siege nicht näher gebracht. Dazu kam im Herbst 1916 die Enttäuschung über Rumänien. Erbittert wurde der Kampf der politischen Richtungen um die Macht im Staate fortgesetzt. Er verzehrte die Kräfte, statt sie gegen den äußeren Feind zusammenzufassen und zu verstärken. Zündstoff hatte die schwache Staatsleitung mit ihrer erwiesenen Unfähigkeit in reichlichem Maße geliefert. Bürgerliche Imperialisten standen in schärfster Opposition zu den Friedensfühlern, die die Regierung Stürmer zu den Mittelmächten ausgestreckt hatte. Im November wurde das konservative Ministerium

Stürmer gestürzt (V. Bd., S. 717). Der Mangel an Nahrungsmitteln in den Städten lieferte willkommene Agitationsmittel zur Aufhetzung des städtischen Proletariats. Die Redner der äußersten Linken übten schärfste Kritik an den Maßnahmen der Regierung, wandten sich gegen die aussichtslose Fortsetzung des Krieges und verlangten die Beseitigung der reaktionären Herrschaft des Zaren und seiner Generale.

Um die Reformbewegungen nicht aus der Hand zu verlieren und um einer Machtergreifung durch die Radikalen vorzubeugen, machten sich die bürgerliche Mitte und die gemäßigten Sozialisten zum Sprachrohr weitgehender Wünsche. Auf der anderen Seite ließen die Vertreter der Reaktion den Zaren nicht aus den Händen. Der englische Botschafter Sir George Buchanan erhob dagegen wiederholt Vorstellungen; er legte noch Ende Jänner dem Zaren eine Änderung seiner Politik nahe. Der Zar konnte sich aber zu Reformen nicht entschließen. Er wurde auch aus dem Großen Hauptquartier gewarnt; denn das Heer hatte bereits das Vertrauen zur kaiserlichen Regierung verloren. Die Heimatbriefe der Soldaten waren angefüllt mit Äußerungen über die „deutsche“ Zarin. Die Soldaten würden nicht mehr kämpfen, wenn die Anarchie im Innern des Reiches zunehme. Die Ermordung des einflußreichen Wundermönches Rasputin am 30. Dezember und das Unterbleiben einer Verfolgung der Mörder warf ein Schlaglicht auf die ungesunden Verhältnisse am Zarenhofe. Die Gärung des Jahres 1915 war Ende 1916 schon zu einer ausgesprochen aufrührerischen Stimmung geworden, die jeden Augenblick zur Revolution führen konnte.

Zu Beginn des Jahres 1917 nahmen die Teuerungsunruhen in den russischen Großstädten überhand; Hunger quälte das Land. In den ersten Märztagen traten in Petersburg die Arbeiter in den Ausstand. Ein Teil der Petersburger Garnison weigerte sich, auf die Streikenden zu schießen. Der Dumapräsident Rodsjanko ersuchte den Zaren um die Bildung einer neuen Regierung. Als Antwort vertagte Nikolaus II. am

10. März die Duma, worauf diese am 12. beschloß, den kaiserlichen Befehl zu mißachten und beisammenzubleiben. Am gleichen Tage noch wurde ein „Provisorischer Ausschuß zur Aufrechterhaltung der Ordnung“ gebildet, in dem Rodsjanko, Gutschkow, Miljukow und Kerenski die führenden Männer waren. Gleichzeitig trat neben diesem provisorischen Exekutivkomitee der vertagten Duma ein „Provisorischer Vollzugsausschuß der Sowjets und Arbeiterdeputierten“ zusammen. Die überwiegende Mehrheit der Petersburger Garnison ging zu den Revolutionären über. Vergebens suchte das Dumakomitée durch Befehle und Aufrufe den Aufstand der Truppen einzudämmen und den Gehorsam wiederherzustellen. Die Soldaten verließen ihre Kasernen, sie ent-waffneten die Offiziere, beteiligten sich an den Kämpfen auf den Straßen und verbrüderten sich mit dem Volke. Vertreter der einzelnen Truppenkörper wurden in den Sowjet entsendet, der von nun an den Namen: „Rat der Arbeiter- und Soldatendelegierten“ tragen sollte. Am 14. März wurde unter Vorsitz Sokolows die gemeinsame Sitzung der Arbeiter- und Soldatendelegierten eröffnet und der Beschluß gefaßt, daß die Petersburger Garnison in politischen Fragen lediglich dem Sowjet unterstehe; der „Militärkommission der Duma“ sei nur soweit zu gehorchen, als deren Anordnungen nicht im Widerspruch zu den Beschlüssen der Sowjets stünden. Außerdem wurde vereinbart, bei allen Truppeneinheiten Vertreter in den Rat der Arbeiterdelegierten zu wählen. Ferner wurde unter anderem zum Beschlüsse erhoben, daß die Soldaten außerhalb des Dienstes in ihrem politischen, bürgerlichen und privaten Leben dieselben Rechte genießen sollten wie alle übrigen Bürger :).

In der Nacht auf den 15. März teilte GdI. Rußki, in dessen Hauptquartier in Pskow sich Nikolaus II. befand, im Aufträge des Zaren dem Dumapräsidenten Rodsjanko mit, daß der Kaiser die Absicht habe, Rodsjanko die Bildung eines den gesetzgebenden Körperschaften verantwortlichen Ministeriums zu übertragen. Aber die Sowjets und die Linke der Duma forderten bereits die Absetzung des Zaren und die Ernennung seines Bruders, des Großfürsten Michael Alexandrowitsch, zum Regenten für den unmündigen Zarewitsch. Der Dumapräsident Rodsjanko erklärte daher dem Zaren, daß seine Vorschläge jetzt nicht mehr genügten und daß es um die Dynastie gehe. Die russische Oberste Heeresleitung in Mohilew, wo GdI. Alexejew anfangs März seinen Dienst als Chef des Generalstabes vom GdK. Gurko wieder übernommen hatte, war der Ansicht, daß nur die Abdankung des Zaren Rußland vor dem Untergange retten könne. Am 15. März telegraphierte Alexejew den Oberbefehlshabern der Fronten, daß nach Mitteilung des Dumapräsidenten Rodsjanko die Einwilligung des Zaren zur Einführung eines parlamentarischen Ministeriums die Volksleidenschaften kaum mehr zurückhalten würde. Der Krieg könne zum siegreichen Ende führen, wenn gemäß den Forderungen der Duma der Zar zugunsten seines Sohnes auf den Thron verzichte und der Großfürst Michael Alexandrowitsch die Regentschaft übernehme. Die Generale Brussilow und Ewert

x) Smilg-Benario, Der Zusammenbruch der Zarenmonarchie (Wien 1927), 209 ff.

sowie Sacharow, der Gehilfe des die rumänische Front befehligenden Königs Ferdinand von Rumänien, meldeten unter Bekundung ihrer unwandelbaren Ergebenheit und Liebe für Thron und Vaterland, daß es für den Zaren geboten wäre, der geschaffenen Lage Rechnung zu tragen, den Beschluß der Duma entgegenzunehmen und abzudanken. Auch der Großfürst Nikolaus Nikolajewitsch sprach sich für die Abdankung des Zaren aus. GdI. Alexejew gab die Telegramme an den Kaiser weiter und bat ihn, dem allgemeinen Wunsche zu entsprechen. Nachdem GdI. Rußki dem Zaren in Pskow den Inhalt seines Gespräches mit Rodsjanko und die Stellungnahme seines höchsten Generals vorgetragen hatte, dankte der Zar für sich und seinen Sohn, von dem er sich nicht trennen wollte, zugunsten seines Bruders, des Großfürsten Michael Alexandrowitsch, ab. Vor seiner Abdankung ernannte er noch den Fürsten Lwow zum Ministerpräsidenten im neuen Kabinett und den Großfürsten Nikolai Nikolajewitsch zum Höchstkommandierenden.

In die „provisorische“ Regierung, die sich nach der Abdankung des Zaren unter dem Präsidium des Fürsten Lwow bildete, traten Mil-jukow als Außenminister und Gutschkow als Kriegs- und Marineminister ein. Miljukow verkündete noch am 15. März die Thronentsagung des Zaren; er bewog aber auch den Großfürsten Michael Alexandrowitsch zum Verzicht. Die neuen Machthaber Rußlands befürworteten eine Politik des bedingungslosen Zusammengehens mit Frankreich und England; sie waren bereit, die abgeschlossenen Bündnisverträge heilig zu halten und riefen das russische Volk und die Armee zum Kampfe gegen die „reaktionäre Macht der Mittelmächte“ auf. England, Frankreich und Italien beeilten sich, am 25. März die revolutionäre russische Regierung anzuerkennen und ließen das schwache, nicht mehr bündnisfähige Zarentum und damit auch den bis zuletzt bündnistreuen Zaren fallen.

An der Front nahm der dem Einfluß der radikalen Elemente rasch erliegende neue Kriegsminister Gutschkow noch im Monat März zahlreiche Änderungen vor. Mehrere Armeekommandanten, siebenundzwanzig Korpskommandanten und viele Divisionäre wurden ihrer Stellung enthoben. GdK. Kaledin, der Kommandant der 8. Armee, und GdI. Letschitzki, der Kommandant der 9. Armee, verzichteten auf ihre Posten. GLt. Klembowski, der Gehilfe Alexejews, und der Generalquartiermeister Lukomski schieden aus der Obersten Heeresleitung. GdI. Rußki blieb Oberbefehlshaber der Nordfront, GdK. Brussilow an der Spitze der Südwestfront, GdK. Gurko bekam die Fühlung der Westfront. An der kaukasischen Front wurde GdI. Judenitsch Befehlshaber. Die vom Zaren verfügte Betrauung des Großfürsten Nikolaus Nikolajewitsch mit dem Oberbefehl wurde von der provisorischen Regierung widerrufen, GdI. Alexejew von den Heeresfront- und Armeekommandanten zum Höchstkommandierenden gewählt. Gegen seine Wahl sprach sich der Präsident der Reichsduma Rodsjanko aus, der den GdK. Brussilow für den Posten des Höchstkommandierenden empfahl. Doch wurde Alexejews Wahl von der Provisorischen Regierung bestätigt1).

Der Ztistand des russischen Heeres

Als GdI. Alexejew nach dem Sturze des Zaren den Dienst als Höchstkommandierender übernahm, traten die verheerenden Wirkungen der Revolution im russischen Heere schon erschreckend zutage. Die im Inneren des Reiches stehenden zahlreichen Ersatztruppen meuterten. Die Offiziere wurden verjagt. Die Baltische Kriegsflotte hatte sich den Revolutionären angeschlossen. An der Front erschienen Sowjetabordnungen und besuchten sogar die Schützengräben zur „Aufklärung“; alle Truppenkörper wählten Soldatenräte. Die Todesstrafe wurde im Heere abgeschafft, ein großer Teil der Infanterie gehorchte nicht mehr, nur die Artillerie und die Kavallerie blieben noch halbwegs verläßlich.

Auch die wirtschaftliche Lage des russischen Heeres hatte sich seit dem Ausbruche der Revolution verschlechtert. In der Rüstungsindustrie waren durch die Streiks schwere Schäden eingetreten. In der Etappe herrschte große Unordnung. Die Eisenbahnstationen waren mit Güterzügen verstopft. Die Lokomotiven waren ohne Kohle. Die Armeen hatten mit großen Verpflegsschwierigkeiten zu kämpfen. Die Zuschübe an Kriegsgerät stockten. Die neuaufgestellten Batterien und die Fuhrwerke der neuen Divisionen konnten nicht bespannt werden, weil sich die Bauern in den Dörfern wegen des Frühjahrsanbaues weigerten, die Pferde für das Heer beizustellen.

In der Stawka herrschte tiefe Niedergeschlagenheit. Man fragte sich zunächst, ob nicht der Gegner die jetzige Schwäche des Heeres

x) K n o x, II, 553 ff. — Gurk o, 198 ff. — Zajontschko wskij, Feldzug 1917, 39 ff. — Frantz, Rußland auf dem Wege zur Katastrophe (Berlin 1926). — Spannocchi, Das Ende des Kaiserlich Russischen Heeres (Wien 1932), 38 ff. — Paléologue, Am Zarenhofe während des Weltkrieges (München 1926), II, 384 ff.

— Die Februarrevolution 1917. Dokumente der Stawka, des Höchstkommandierenden und des Stabes der Oberkommandanten der Armeen der Nordfront (in russ. Sprache, Krassnij Archiv).

zu einem Schlage gegen Rußland ausnützen werde. Unter dem Einfluß der meuternden Baltischen Flotte nahm die Ordnung zumal an der Nordfront rasch ab. GdI. Rußki besorgte, daß die Deutschen Riga angreifen und vielleicht im Rücken der Nordfront an der baltischen Küste Truppen landen würden, um auf Petersburg vorzustoßen. Er verstärkte daher die schwachen Besatzungen auf den Inseln Dagö und Ösel sowie am Moonsund durch Teile des in Finnland stehenden XLII. Korps. Dazu forderte er noch zum Schutze der Nordflanke des Heeres vier Korps von der Stawka. Der Höchstkommandierende, GdI. Alexejew, erteilte hierauf am 22. März der Westfront zunächst den Befehl, zwei Divisionen, die 112. und die 132. ID., nach Riga zu entsenden.

Ani selben Tage eröffnete der Kriegsminister Gutschkow, daß ein Ersatz der Mannschaftsabgänge bei den Feldarmeen durch die Ersatztruppen nicht vor drei bis vier Monaten möglich sein werde. Alexejew verkannte nicht, daß sich unter diesen trostlosen Zuständen das russische Heer bis zum Sommer auf die reine Verteidigung werde beschränken müssen. In seinen Berichten, die er Ende März der provisorischen Regierung vorlegte, verwies er mit eindringlichen Worten auf das Drängen der Alliierten, die Mitte April zum Angriff schreiten wollten. Rußland werde sich diesem Angriff auch im Mai nicht anschließen können. Es gäbe jetzt, angesichts der Gefahr eines deutschen Vorstoßes, nur die einzige Aufgabe, Reserven hinter den Fronten bereitzuhalten. Alexejew beschwor die Provisorische Regierung, mit den strengsten Mitteln die Ordnung im Volke, im Heere und in der Flotte wieder herzustellen. Die Deutschen würden binnen wenigen Monaten bis nach Petersburg Vordringen, wenn die Anarchie im Innern des Landes zunehme. Das wäre dann „das Ende des Krieges, das deutsche Joch, der Bürgerkrieg!'1 *).

Die Ereignisse an der Ostfront nach Ausbruch der russischen Revolution

Die Lage der Mittelmächte war unmittelbar vor dem Ausbruch der russischen Revolution zwar nicht so bedrohlich wie zu Ende August 1916, aber sie war immerhin ernst genug. Die Front im Osten stand wohl gesichert, aber nennenswerte Kräfte konnte sie weder nach dem west-

1/ Die Stawka und das Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten (in russ. Sprache, Krassnij Archiv, XXIX, 34 ff). — Zajontschkowskij, Feldzug 1917, 29 ff. und 41 ff.

liehen noch nach dem südwestlichen Kriegsschauplatz abgeben, um dort eine Offensive zu ermöglichen. Die Stimmung in der Heimat war nach dem Hungerwinter 1916/17 schlechter geworden. Dazu kam der Bruch der Vereinigten Staaten von Amerika mit Deutschland. In diese schwere Zeit fiel im März die Revolution in Rußland. In welchem Umfange dieses weltgeschichtliche Ereignis eine Schwächung der Kampffähigkeit des russischen Heeres und damit eine wesentliche Entlastung für die Mittelmächte bringen würde, war in den ersten Tagen aber noch nicht zu übersehen.

Um sich Klarheit über die Zustände beim Feinde zu verschaffen, entfalteten die öst.-ung. und die deutschen Sturmtrupps an der ganzen langgestreckten Front von Riga bis zum Schwarzen Meere eine rege Tätigkeit. Das Verhalten der Russen war verschieden. Am 15. März, an dem Miljukow die Abdankung des Zaren verkündete, stiegen rote Fahnen aus den Schützengräben der Russen. Die Muschiks verließen vielfach ihre Gräben und winkten zum Gegner hinüber. An vielen Stellen der Front enthielten sie sich von diesem Zeitpunkt an aller Feindseligkeiten und suchten Verhandlungen anzuknüpfen. Abordnungen kamen zu unseren Gräben herüber. Ganz offenherzig sprachen die russischen Soldaten über die Verhältnisse hinter ihren Linien; sie erzählten, sie würden ihre Offiziere absetzen und Soldatenräte wählen. Mtit ihrer neuen Regierung waren sie im allgemeinen einverstanden, sie erklärten aber, nicht mehr angreifen zu wollen, und schlugen ihren Gegnern vor, es ebenso zu machen, damit auf diese Weise der Krieg am schnellsten beendet werde. An anderen Stellen wieder verhielten sich die Russen nach wie vor feindselig, namentlich ihre Artillerie, wenn sie von französischen und englischen Offizieren befehligt wurde. Die Artillerie zog sich allerdings dadurch nicht selten die Feindschaft der im Graben stehenden Infanterie zu.    •

So waren an der Ostfront im Monat März Zustände besonderer Art eingetreten. An vielen Stellen herrschte völlige Waffenruhe, an anderen wieder gab es Artilleriezweikämpfe, Gasschießen, Gas- und Fliegerangriffe. Die öst.-ung. und die deutschen Truppen führten in diesen Wochen eine Reihe schon seit langem zur Verbesserung der Front sorgfältig vorbereiteter Unternehmen durch.

So wurde am 8. März an der Ostgrenze Siebenbürgens im Verteidigungsabschnitt der k. u. k. 1. Armee und der Gruppe GdI. Litzmann der Höhenkamm Magyaros in einer Ausdehnung von vier Kilometern den Russen entrissen. Teile der 39. HID., der 24. ID., der deutschen

225. ID. und der S. bayr. RD. waren an diesem siegreichen Gefechte unter der Führung des Kommandanten der 39. HID., GM. v. Breit, beteiligt. Ungefähr 1000 Gefangene, 17 Maschinengewehre und 5 Minenwerfer mußte die 49. ID. des XXIV. Russenkorps in den Händen der Angreifer lassen1). Ein schwächlicher Gegenangriff der Russen, am 9. früh unternommen, blieb schon im Sperrfeuer unserer treffsicher schießenden Artillerie liegen.

Zwei Wochen später, am 23. März, gelang es Teilen der k.u.k. 24. ID., den 1343 m hohen Grenzkamm Sólvomtár zu nehmen. Aber-

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mals wurden 500 Gefangene und ein Maschinengewehr als Beute eingebracht. Am 27. verbesserte auch die deutsche 225. ID. südlich vom Uztal durch die Erstürmung des Mt. Farcu ihre Stellungen. Vergeblich mühte sich die russische 49. ID. unterdessen, in zweimaligem Ansturm am 26. und am 27. die Höhe Magyaros der 39. HID. wieder zu entreißen. Auch die Versuche der Russen, am 26. die Höhe Sólyomtár und am 1. April den Mt. Farcu zurückzugewinnen, endeten dank dem Abwehrfeuer unserer Artillerie mit einem Mißerfolg des Feindes.

Auf dem rechten Flügel der k, u. k. 7. Armee drangen am 30. März Stoßtrupps der 12. ID. bei Jacobeny in die russischen Stellungen ein und kehrten mit 100 Gefangenen zurück. Am selben Tage stieß bei Kirlibaba ein Jagdkommando der 59. ID. erfolgreich in die russischen Gräben. Auch bei allen übrigen öst.-ung. und deutschen Armeen der Heeresgruppen Böhm-Ermolli und Linsingen wurden im Monat März und bis in den April hinein zahlreiche Stoßtruppsuntemehmen ausgeführt, besonders in den Kampfabschnitten bei Stanislau, Brzeżany, Zborów, Brody sowie östlich von Władimir-Wołyński und Kowel. Besondere Erwähnung verdient ein erfolgreiches Unternehmen im Befehlsbereiche der deutschen Armeeabteilung GdI. Scheffer-Boyadel bei Zabieriezina an der Bieriezina. Hier überrannten am 21. März Teile des k.u.k. IR. 63 und Truppen des deutschen XVII. RKorps nach mächtiger Artillerievorbereitung die vorderste russische Linie in einer Breite von vier Kilometern und stießen dann noch zwei Kilometer tief bis in die zweite feindliche Stellung vor. Mehr als 220 Gefangene, zwei Revolverkanonen, sechs Maschinengewehre und einige Minenwerfer verlor die überraschte ll.sib. SchD. der 10. Russenarmee bei diesem Kampfe. Aber alle diese Zusammenstöße waren gleichsam nur das Vorspiel zu der schweren Katastrophe, die das III. Korps der russischen 3. Armee bei Tobol am Stochod anfangs April ereilte.

1/ L i t z m a n n, II, 149 f.

Die Erstürmung des Brückenkopfes von "Cobol Hiezu Nebenskizze auf Beilage 3

Preußische Landwehr, öst.-ung. und bayerische Reiter des Kavalleriekorps GdK. Freih. v. Hauer (deutsche l.LD., k.u.k. 9. KD., bayr. KD.) hatten im August 1916 den Russen das Überschreiten des Stochods bei Tobol nicht zu verwehren vermocht (Bd. V, S. 592). Für den Sommer 1917 mußte damit gerechnet werden, daß der Feind einen neuen Stoß auf Kowel durch einen Angriff aus dem Brückenkopf von Tobol begleiten würde, um so die Stochodfront von Norden aufzurollen. Dies bedeutete mindestens die dauernde Bindung starker Kräfte vor dem russischen Ausfallstor und für die entscheidenden Kampftage möglicherweise eine Zersplitterung der wenigen verfügbaren Heeresreserven. GO. Linsingen beabsichtigte daher schon seit dem Herbst 1916, den Brückenkopf wieder zu nehmen. Dazu sollte das Korps Hauer durch zwölf Bataillone, durch Artillerie und Minenwerfer verstärkt werden. Zu Beginn des Jahres 1917 mußten aber die schon weit gediehenen Vorarbeiten für das Unternehmen unterbrochen werden, weil die russischen Angriffe bei Riga, die Verwendung eines großen Teiles der für Tobol bestimmten deutschen Truppen an der Aa nötig machten. Erst im Februar konnten die Vorbereitungen für den Angriff wieder aufgenommen werden und in diesem Monat trafen auch die Verstärkungen ein, zwei Regimenter der deutschen 86. ID., ein Regiment der deutschen 91. ID. sowie Teile der k. k. 26. SchD. und der deutschen 92. Division. Dazu waren 78 deutsche und 18 öst.-ung. Batterien, rund 300 Geschütze, und ungefähr 100 Minenwerfer verfügbar. GdK. Hauer entschloß sich, zunächst den südlichen Teil des mehr als zwölf Kilometer breiten Brückenkopfes und dann erst den nördlichen Teil anzugreifen. Er legte auch besonderes Gewicht darauf, einen Zeitpunkt für den Angriff zu wählen, in dem der Stochod und sein Anland durch das Hochwasser unüberschreitbar würden. Am 28. Februar fiel Tauwetter ein. Nun setzte GdK. Hauer den 4. März als Angriffstag fest. Da aber der 3. wieder starke Kälte brachte, faßte GdK. Hauer den Entschluß, den Angriff noch aufzuschieben und auf das Frühjahrswetter zu warten.

Den Russen waren indessen die Angriffsvorbereitungen des Gegners nicht verborgen geblieben. Sie unternahmen am 27. März auf die Stel-' lungen der deutschen l.LD. und der k.u.k. 9. KD. bei Borowna einen Gasangriff, verbunden mit einem Gasschießen ihrer Artillerie. Die Gasmasken gewährten völligen Schutz. Hin Vorstoß der russischen Infanterie erfolgte nicht.

Am 2S. März trat endlich im Stochod das lang erwartete Hochwasser ein. Nun erteilte GdK.Hauer dem Kommandanten der deutschen

1. LD., GdI. v. Jacobi, den Befehl, am nächsten Tag den Angriff auf den von Truppen des russischen III. Korps besetzten Brückenkopf von Tobol durchzuführen. Das Unternehmen mußte aber wegen eines Wassereinbruches in die Bereitschaftsgräben der l.LD. noch einmal verschoben werden und wurde schließlich für den 3. April festgesetzt.

GdI. Lesch, der Kommandant der 3. Russenarmee, erwog noch am 29. März, ob er nicht den Brückenkopf räumen solle. Der Führer des russischen III. Korps war dagegen, weil der Brückenkopf starke Kräfte des Gegners fessele. Auch fühlte sich der russische Korpskommandant stark genug, um dem drohenden Ansturm zu widerstehen. Er hatte den Großteil der 5. SchD. und Teile der 27. und der 75. ID., insgesamt 1712 Bataillone, im Brückenkopf stehen und verfügte außerdem noch auf dem rechten Stochodufer über 12 Vb Bataillone als Reserve.

In der Nacht auf den 3. April trat der Stochod über die Ufer, das Hochwasser riß einen Teil der Brücken weg. Um 6hfrüh begann das Artilleriefeuer der Gruppe Jacobi. Die Telephon- und Befehlsstellen, die Lagerräume der Reserven und die Batteriestellungen der Russen wurden mit Gas- und Sprenggranaten beschossen. Um 7h 30 vorm. setzte das Wirkungsschießen ein. Die russischen Wälle, auf dem Sumpfboden aufgesetzt, wurden durch das Feuer niedergerissen; das Hochwasser ergoß sich in die Gräben. Auch die Brücken und die Laufstege über den Stochod wurden, sofern sie nicht schon von den Fluten des Flusses fortgerissen waren, vom Feuer erfaßt, das sechs Stunden lang auf den Brückenkopf niederhagelte.

Um lh 12 nachm. trat die Hauptstoßgruppe — die verstärkte deutsche 172. IBrig. — unter der Führung des GdI. Jacobi zum Angriff gegen den südlichen Teil der Brückenkopfes an. Im ersten Sturmanlauf wurde die Mitte der russischen 5. SchD. durchbrochen; dann wurden deren beide Flügel im Rücken gefaßt. Um 4h20 nachm. brach die nördliche Stoßgruppe (vier deutsche Landwehrbataillone und das österreichische Bataillon I SchR. 10) zum Angriff vor, der völlig glückte. Rudka Czerwiszcze und Tobol wurden genommen. Die Russen fluteten aus ihren zerschlagenen Gräben unter dem Feuer unserer Artillerie an den hochgehenden Stochod zurück. Um 7h abends, der Mond stand bereits am Himmel, stießen bei Stare Czerwiszcze auch schwere Reiter und

Ulanen der bayr. KD., teilweise bis zur Brust in Wasser und Schlamm des Sumpfes versinkend, an den Stochod vor, wo die Russen um 10h3° nachts ihre letzte Brücke bei Rudka Czerwiszcze sprengten.

Nur Trümmer des russischen III. Korps hatten sich auf das rechte Ufer des Stochod zu retten vermocht; viele Russen ertranken bei der Flucht im Flusse. Mehr als 12.000 Streiter hatte die Armee Lesch verloren, davon waren über 9000 den Siegern als Gefangene in die Hände gefallen, die Beute betrug 15 Geschütze und 200 Maschinengewehre15).

Beginn der Friedenspropaganda

Der öst.-ung. und der deutsche amtliche Heeresbericht beschränkten sich darauf, diesen glänzenden Erfolg mit möglichst zurückhaltenden Worten zu verzeichnen, um — wie der deutsche Reichskanzler Beth-mann-Hollweg die DOHL. ersucht hatte — Friedensaussichten nicht zu stören. Hierauf verbot GFM. Hindenburg, der Ende Februar sein Hauptquartier von Pleß nach Bad Kreuznach hinter die Westfront verlegt hatte, weiterhin jedes größere Unternehmen an der Ostfront. Das deutsche Auswärtige Amt hatte durch seine Vertreter mit Auslandsagenten der neuen Machthaber Rußlands Unterhandlungen angeknüpft, während der junge Kaiser Karl nach neuen Wegen Ausschau hielt, um » zu einem Verständigungsfrieden zu gelangen. Der öst.-ung. Außenminister und der deutsche Reichskanzler standen sehr unter dem Eindruck der russischen Revolution. Beide befürchteten gleiches für ihre Länder. Anderseits erweckte der Umsturz in Rußland die Hoffnung, mit diesem Reiche zu einem Sonderfrieden zu kommen. Alles sollte daher vermieden werden, was im russischen Heere den Kampfgeist hätte neu erwecken können. Die öst.-ung. und die deutschen Truppen an der Ostfront erhielten von ihren Heeresleitungen ganz bestimmte Verhaltungsvorschriften. Grundsatz war, jede Feindseligkeit mit einem entsprechenden militärischen Gegenunternehmen zu vergelten, im übrigen aber die Russen ungestört zu lassen.

Die DOHL. hatte wohl um Mitte April erwogen, an der Ostfront mit den Streitkräften des GFM. Prinzen Leopold von Bayern einen

x) Suhrmann, Geschichte des Landwehr-Infanterie-Regiments Nr. 31 im Weltkriege (Oldenburg-Berlin 1928), 273 ff. — Bruchmüller, Die deutsche Artillerie in den Durchbruchsschlachten des Weltkrieges (Berlin 1921), 53 ff. —

Z a j o n t s c h k o w s k i j, Feldzug 1917, 47 ff.

schlagartigen Angriff durchführen zu lassen. Doch diesem Plane stand die Unzulänglichkeit der verfügbaren Kräfte ebenso entgegen wie die Abneigung des Reichskanzlers gegen jedwede Reizung der Russen. Zur selben Zeit lagen allerdings auch keine Anzeichen für einen bevorstehenden russischen Ansturm vor. Aber es mußten noch immer 43 öst.-ung., rund SO deutsche, 3 bulgarische und 5 türkische Divisionen im Osten belassen werden, damit man gegen alle Fälle gerüstet war. Die DOHL. und die k. u. k. Heeresleitung organisierten noch im Monat April bei den Heeresgruppen Prinz Leopold von Bayern, Erzherzog Joseph und Mackensen eine einheitliche Friedenspropaganda. Sie sollte, von Schützengraben zu Schützengraben arbeitend, die innere Zersetzung des russischen Heeres vollenden *).

Österreichische, ungarische und deutsche Zeitungen, Flugblätter und Aufrufe wurden nun den Russen übermittelt, um sie zu Waffenstillstandsverhandlungen bereit zumachen. Diese Propaganda von Schützengraben zu Schützengraben verfehlte jedoch im allgemeinen ihren Zweck. Wohl wurde es auf der ganzen Front von Riga bis zum Schwarzen Meere allmählich friedlicher, und während der russischen Ostern um die Mitte des Monats April ruhten die Feindseligkeiten fast völlig. Russische Soldatenabordnungen besuchten unsere Gräben. Dies gab unserem Nachrichtendienst die willkommene Gelegenheit, die Evidenz über die « gegenüberstehenden feindlichen Truppen zu überprüfen und richtigzustellen. Es fehlte aber auch nicht an Verbrüderungsversuchen, die allerdings von unseren Befehlsstellen mit großer Strenge verboten wurden, um ein Übergreifen der revolutionären Ideen auf die k.u.k. Truppen zu verhindern16). Dieser höchst eigenartige Zustand, halb Krieg, halb Waffenstillstand, löste überhaupt bei den niederen Kommandos ein Gefühl der Unklarheit und der Unsicherheit aus, namentlich bei solchen mit Truppen slawischer Nationalität. Doch trotz aller geäußerten Bedenken bestand man höheren Ortes auf der Fortsetzung der Frontpropaganda.

So entspannen sich an verschiedenen Stellen von Dolmetschern geführte Gespräche. Es wurde den Russen eröffnet, wenn sie Verhandlungen zu pflegen wünschten, sollten sie Parlamentäre entsenden. Aber es

gelang bis anfangs Mai nirgends, offizielle Waffenstillstandsverhandlungen anzuknüpfen. Noch hatte die russische Führung die Gewalt nicht völlig verloren, russische und an die Front entsandte englische Offiziere versuchten allerorts, den unerwünschten Verkehr zwischen den beiderseitigen Fronten zu verhindern.

Pläne der russischen Führung

Die Stawka hatte sich anfangs April entschlossen, schon Mitte Mai zum Angriff zu schreiten. Die Überlegung, daß die Gegner dem russischen Heere im Angriff zuvorkommen könnten, und daß ihm, wenn es bis zum Sommer in der Abwehr verharrte, der Kampf nicht erspart bleiben werde, führte die Stawka zu diesem geänderten Beschluß. Die Heeresfrontkommandanten, Brussilow und der an die Stelle Ewerts getretene Gurko, schlossen sich den Anschauungen der Stawka an. Auch Gen. Sacharow, der Gehilfe des Königs Ferdinand von Rumänien, sprach sich für einen baldigen Angriff aus. Alexejew unterrichtete hierauf den Kriegsminister Gutschkow von den neuen Beschlüssen der Stawka und legte dar, daß Rußland trotz der schwierigen Lage kein Recht habe, bis zum Sommer untätig zu bleiben. Die Niederlage bei Tobol habe klar gezeigt, daß die russischen Truppen in der Verteidigung keinen hohen Kampfwert mehr besäßen. Die Schwierigkeiten des Transportwesens erlauben Rußland keine raschen Truppenverschiebungen; solche seien aber für eine erfolgreiche Verteidigung unerläßlich. Ein sichtbarer Erfolg, durch einen Angriff errungen, werde den Kriegswillen aufs neue entfachen und sei auch ein willkommenes Mittel, die Truppe dem verderblichen Einfluß der revolutionären Propaganda zu entziehen. Auch dürfe man nicht die Alliierten die ganze Last des Angriffes allein tragen lassen. Wenn Rußland erst im Sommer von den Deutschen angegriffen werden würde, dann könnten die bis dahin erschöpften Alliierten das Land nicht mehr durch eine kraftvolle Entlastungsoffensive unterstützen.

Nur der Oberbefehlshaber der Nordfront, GdI. Rußki, war anderer Meinung. Er erklärte, daß man dem russischen Heere so lange keinen Angriff zumuten dürfe, als nicht die Ersätze an Streitern eingetroffen wären und der Nachschub an Verpflegung und Kriegsgerät wieder in Ordnung sei. Er war auch der Sorge wegen eines Angriffes der Deutschen auf Riga sowie wegen einer Landung ihrer Truppen an den Küsten des baltischen Meeres nicht ledig geworden, seitdem er die Nachricht über die kräftesparende Frontverkürzung im Westen (S. S) und über die Neuaufstellung von 13 deutschen Divisionen erhalten hatte. Gen. Rußki meldete der Stawka, die Deutschen werden vielleicht 40 Divisionen zusammenziehen, um sich den Weg nach Petersburg zu bahnen. Es sei daher geboten, den ganzen russischen Angriffsplan überhaupt umzustellen. Das Schwergewicht der Operationen sei auf den nördlichen russischen Heeresflügel zu verlegen und der Schutz der Nordflanke einer ganzen Armee zu übertragen.

Demgegenüber wollte Gen. Alexejew den Hauptstoß in der Richtung auf Lemberg führen und lehnte, dem einmal gefaßten Plane getreu, eine weitere Verstärkung der Nordfront auf Kosten der Südwestfront ab. Hier müßten — so antwortete er dem Gen. Rußki — auf alle Fälle starke Reserven bereitgehalten werden, um sie in die Moldau verschieben zu können, wenn Rumänien nicht mehr an der Seite Rußlands weiterkämpfen wolle. Die Nordfront mit ihren 500 Bataillonen und 420.000 Streitern hingegen hielt der Höchstkommandierende für stark genug, um einem nur 250 Bataillone und 200.000 Mann starken Gegner standhalten zu können. Er befahl, das XLII. Korps in Finnland durch zehn Bataillone und eine Kavalleriedivision von der kaukasischen Front zu verstärken. Überdies erhielt Gen. Rußki das Recht, zum Schutze der Küste bei Riga auch jene Truppen zu verwenden, die zur Reserve des Höchstkommandierenden gehörten; auch wurde ihm die Flotte im baltischen Meere unterstellt. Die Schwarze Meerflotte hatte sich bereitzuhalten, um den linken Flügel -der rumänischen Front zu unterstützen.

Alexejew gab sich der Hoffnung hin, daß sich der Zustand des russischen Heeres bis Mitte Mai gebessert haben werde. Um diese Zeit wollte er dann auf allen Fronten den Angriff beginnen. Als Ziele wurden der Nordfront Mitau, der Westfront Wilna gesetzt.

An der Südwestfront wollte Brussilow auf dem kürzesten Wege gegen Lemberg vorstoßen. Sein Plan ging dahin, mit dem linken Flügel der 11. Armee aus der Front beiderseits von Zborów über Złoczów und Gliniany vorzugehen. Zudem beabsichtigte er, mit dem rechten Flügel der 11. Armee einen Angriff von Brody aus die Bahnlinie entlang zu führen. Der ihm schon seit Ende Dezember unterstellten Besonderen Armee wies er die Aufgabe zu, während des Angriffes auf Lemberg den gegenüberstehenden Gegner festzuhalten, um ihn an Truppenverschiebungen zu hindern. Mit dem linken Flügel sollte die Besondere Armee auf Milatyn und auf Sokal, mit dem rechten gegen Wladimir-

Wołyński vorstoßen. Die 7. Armee hatte mit ihrem rechten Flügel aus der Front Baranówka—Potutory—Mieczyszczów über Brzeżany und Bobrka ebenfalls auf Lemberg vorzudringen und die Verbindungen des Gegners mit Westgalizien und in die Karpathen zu bedrohen. Zugleich hatte die 7. Armee mit ihrem linken Flügel zwei Ablenkungsangriffe zu führen, den einen südlich von Mieczyszczów und den anderen auf Halicz, welcher Ort erobert werden sollte.

Während der Offensive auf Lemberg hatte die 8. Russenarmee gegen die Karpathen zu sichern. Auch sie sollte zum Angriff schreiten, mit ihren Hauptstreitkräften auf der Paßstraße von Körösmezö auf Má-ramaros-Sziget und mit schwächeren Kräften auf dem Pantyrpaß und von Szybeny aus mit Umgehung der Czornahora auf Ruszpolyana.

GdI. Alexejew war nicht einverstanden damit, daß Brussilow an mehreren Punkten gleichzeitig angreifen wolle und empfahl ihm, an der gewählten Hauptstoßrichtung möglichst starke Kräfte aufzubieten. Demgegenüber erklärte Brussilow, daß ihm nach den Erfahrungen der Sommeroffensive 1916 ein Angriff auf der ganzen Front als der beste Weg zum Erfolg erscheine.

Mit halbem Herzen und nagendem Zweifel in der Brust, ob die moralischen Kräfte des russischen Heeres noch zur offensiven Führung des Krieges reichen würden, sahen die Befehlshaber der russischen Heeresfronten dem Angriffsbeginn entgegen. Gen. Brussilow meldete am 24. April, daß trotz aller Anstrengungen der Zersetzung der Armee durch die revolutionäre Propaganda noch nicht Einhalt getan werden konnte. Gen. Gurko war der Ansicht, daß es besser wäre, auf den Angriff der Westfront gegen Wilna zu verzichten, als ihn mit unzureichenden Kräften durchzuführen. Gen. Rußki hatte inzwischen neuerdings eine Verstärkung des nördlichen russischen Heeresflügels gefordert und schließlich den Höchstkommandierenden von der Notwendigkeit der Verlegung einer ganzen Armee in den Raum zwischen Riga und Reval zu überzeugen vermocht, obwohl über eine Landungsoperation der Deutschen hinter der Nordfront keine sicheren Nachrichten Vorlagen.

Schweren Herzens entschloß sich der Höchstkommandierende am

22. April, eine Umstellung der Kräfte vorzunehmen. Brussilow hatte das in Łuck als Heeresfrontreserve stehende I. Korps (22., 24., 161. ID.) und Gurko den Stab der 1. Armee mit dem XXXVII. Korps (120. ID.) an die Nordfront abzugeben. Aus diesen Truppenverbänden sowie aus der 121., der 135. ID. und der 4. DonKosD. wurde in Livland und Estland eine neue 1. Armee zur Verteidigung der Zugangswege nach Petersburg gebildet. Die Westfront wurde nach Norden bis zur Düna und nach Süden bis zum Pripiatj verlängert und an Stelle der bisherigen 1. Armee, deren noch verbliebene Truppen zum Teil zur 5. Armee, zum Teil zur 10. traten, die neugebildete 3. Armee (X., XX., XXXV. Korps) südlich der Düna eingesetzt. Die letztgenannte Armee hatte die Wege nach Polock zu decken. Die Truppen der früheren 3. Armee, deren Kommandant, GdI. Lesch, nach der Niederlage bei Tobol abgesetzt worden war, traten zur 2. Armee der Westfront und zur Besonderen Armee der Südwestfront über1).

Bis Anfang Mai hatte sich die Lage im Osten noch keineswegs geklärt. Die russischen Heerführer schmiedeten wohl Angriffspläne, aber es war noch ganz ungewiß, ob die Truppen die Befehle hiezu auch ausführen würden. Dagegen standen die Mittelmächte in fast unverminderter Stärke völlig kriegsbereit da. Sie betrieben aber eine Tätigkeit, die dem Wesen des Krieges zuwiderlief. Sie hatten es wohl erreicht, daß die Russen während des Ansturmes der alliierten Armeen im Westen und auf dem Balkan Ruhe hielten. Die Russen zum Abschluß eines Waffenstillstandes zu bewegen, war ihnen jedoch bisnun nicht geglückt. Dazu mochte — wie schon vorhin erwähnt — manchen Kommandanten öst.-ung. Truppen mit solcher Mannschaft, die innerlich nicht mehr fest zum Reiche stand, das unheimliche Gefühl beschlichen haben, daß das Gift der Zersetzung auch in den eigenen Reihen Eingang finden könnte.

Die in der Front stehenden rumänischen Regimenter verhielten sich gegen unsere Friedenspropaganda völlig unzugänglich.

Der Südwesten im ersten Jahresdrittel 1917

Hiezu Beilage 4

Die Maßnahmen der österreichisch-ungarischen

Führung

Der von der k. u. k. Heeresleitung gemäß den Weisungen Conrads zu Beginn des Jahres 1917 neuerlich entworfene Plan für eine entscheidungsuchende Offensive gegen Italien (S. 5) übte auf die tatsächlichen Maßnahmen zur Stärkung der Abwehrfront im Südwesten keinen Einfluß aus. Denn schon wenige Tage, nachdem die Konferenz der Entente-Zajontschkowskij, Feldzug 1917, 44 ff.

machte in Rom stattgefunden hatte, erfuhr man vom Vorhaben der Feinde (S. 4). Der nunmehr von der Nachrichtenabteilung des Oberkommandos für alle Fronten einheitlich geleitete Nachrichtendienst meldete zugleich mancherlei über die rasch wachsende Aufrüstung des italienischen Heeres. Es gab also kaum einen Zweifel, daß man eine neue mächtige Offensive Italiens zu erwarten habe, und einige Anzeichen sprachen dafür, daß diese Ende Februar oder anfangs März, mehr oder weniger gleichzeitig mit jener der Franzosen und Engländer an der Westfront, losbrechen dürfte.

In Berücksichtigung dieser drohenden Gefahr sprach FM. Conrad Ende Jänner die Vermutung aus, ,,daß die Italiener diesmal ihren Angriff nicht nur auf den Raum zwischen Salcano und dem Meere, sondern auch im Raum nördlich davon (Plava—Tolmein) führen“ dürften. GO. v. Boroevic bestritt diese Anschauung nicht, er blieb aber weiterhin der festen Überzeugung, daß „der feindliche Hauptangriff zweifellos wieder auf der Karsthochfläche südlich der Wippach“ stattfinden werde. Bald nach diesem Meinungsaustausch horchte man am 6. Februar Funksprüche ab, die zwischen Rom und Petersburg gewechselt wurden. Sie vervollständigten das Bild über die Absichten der Feinde. Nun konnte man nahezu mit Sicherheit damit rechnen, daß der Angriff der Franzosen an der Westfront nicht vor Ende März und jener der Italiener, die sich — wie man jetzt erfuhr — verpflichteten, binnen drei Wochen zu folgen, kaum vor Mitte April beginnen werde. Von Rußland hörte man allerdings nicht mehr, als daß es hoffe, Ende April bereit zu sein. Diese vom Radiohorchdienst aufgefangenen Depeschen waren äußerst wertvoll, denn nun brauchte man in den nächsten Wochen keine Störung der in Gang befindlichen Abwehrmaßnahmen zu besorgen. Die drei Führer an der Südwestfront wurden dementsprechend angewiesen. Im besonderen wurde das Heeresgruppenkommando Erzherzog Eugen verständigt, daß die eigenerseits in Aussicht gestellte Offensive in absehbarer Zeit nicht werde ausgeführt werden. Die hiefür eingeleiteten Maßnahmen seien aber fortzusetzen, wobei auftauchenden Gerüchten von eigenen Angriffsabsichten nicht entgegenzutreten wäre. Die 10. Armee bekam den Befehl, in der bisher geübten Tätigkeit fortzufahren. Die 5. Armee allein erhielt ausführlichere Weisungen. FM. Conrad schrieb den Entwurf und Kaiser Karl unterfertigte zum erstenmal als Armeeoberkommandant einen operativen Befehl. Darin hieß es: „Nach wie vor muß als großes Ziel vor Augen bleiben, daß die zur Abwehr der italienischen Hauptanstrengungen berufene 5. Armee in die zu erwartenden schweren Frühjahrskämpfe mit standesstarken, möglichst ausgeruhten Verbänden, in vollendeten Verteidigungsanlagen und in jeder Beziehung gründlichst vorbereitet eintreten soll. Das Armeekommando wird die Erreichung dieses Zieles vor allem dadurch zu fördern haben, daß die Entspannung der Lage ausgenützt wird, um Truppen aus dem Feuerbereiche herauszunehmen und in der Ablösung nach einem bis Ende März reichenden Plane vorzugehen, der eine ausgiebige Retablierung und Ausbildung mehrerer höherer Verbände ermöglicht.“ Dann wiederholte Conrad, auf die letzte Meinungsäußerung des GO. Boroevic über die vermutete Stoßrichtung des Feindes eingehend, daß „bei selbstverständlicher Voraussetzung des italienischen Hauptangriffes im unteren Isonzogebiet, angesichts der zunehmenden Kraftentfaltung des italienischen Heeres, mit einer Erweiterung des feindlichen Angriffes nach Norden hin, also mit einem verstärkten Druck gegen die Räume von Plava und Tolmein, gerechnet werden muß“. Ein Erfolg des Feindes bei Plava würde, wenn er gegen Südosten übergreife, Einfluß auf die Lage östlich von Görz gewinnen. Zur Eroberung des Brückenkopfes von Tolmein könne sich der Italiener aus politischen Gründen verlockt sehen. Die Heeresleitung sei gegenwärtig nicht imstande, jene Räume durch neue Kräfte zu schützen. Es sei also notwendig, daß das Armeekommando Vorkehrungen treffe, wenn auch nur, um nötigenfalls im Raume von Tolmein eine stärkere Artillerie rasch in Stellung bringen zu können. Ein Teil der künftighin der Armee noch zurollenden Batterien müsse dorthin dirigiert werden. Die Entscheidung darüber, wann eine stärkere Reserve für den Nordabschnitt bereitzustellen sein werde, bleibe dem Armeekommando überlassen.

Ferner wurde GO. Boroevic in Kenntnis gesetzt, daß die demnächst nördlich von Triest eintreffende 7. ID. als Reserve der Heeresleitung zu gelten habe. Das Armeekommando könne zwar diese Division, ebenso wie es mit der 41. HID. geschehen war, in den Rundlauf der Ablösungen einbeziehen, doch müßten dann immer wieder zwei Divisionen an der Südbahn als Reserve der Heeresleitung bereitstehen. Diese Beschränkung des Verfügungsrechtes mochte dem GO. Boroevic wenig Zusagen. Die Heeresleitung sah sich aber zu der Maßnahme genötigt, weil ihr anderswie keine Heeresreserven zu Gebote standen. Waren doch im Gegensatz zu anderen Heeren während des letzten Jahres — von fünf für den rumänischen Kriegsschauplatz bestimmten Brigaden abgesehen (S. 50) — keine neuen Heereskörper aufgestellt worden; auch war das Freimachen von Kräften aus anderen Frontabschnitten nicht leicht. Die Heeresgruppe in Tirol war nicht nur ausgeschöpft, sondern sie bedurfte sogar in naher Zeit, sobald der strenge Winter vorbei sein werde, der Verstärkung. Auch aus der 10. Armee in Kärnten war nichts mehr herauszuholen. Ebenso wenig vermochte man dem Balkankriegsschauplatz irgend eine Kraft zu entziehen. Hier trat sogar der Fall ein, daß anfangs März das IR. 102 von der Isonzofront eiligst nach Belgrad zum dortigen Generalgouvernement gefahren werden mußte, weil südwestlich von Nis eine Aufstandsbewegung ausgebrochen war. Allerdings konnte das Regiment binnen vierzehn Tagen wieder zurückgesendet werden. Es blieb somit nur die Ostfront, aus der im Dezember die 41. HID. und in der zweiten Hälfte des Februar die 7. ID. herausgelöst und nach dem Südwesten verlegt worden waren. Bei ihrem weiteren Bemühen konnte die Heeresleitung wieder nur nach Kräften der Ostfront Ausschau halten.

Am 25. Februar gab GFM. Hindenburg, dem jetzt die hohe Verantwortung der Obersten Kriegsleitung zustand, schriftlich nach Baden bekannt, daß die Südwestfront vorläufig in der Verteidigung zu verbleiben habe. Damit entfielen etwa noch vorhandene Beweggründe zur Verstärkung des Südwestens auf Kosten der Ostfront, die die gleiche Aufgabe hatte. Die erbetenen kleineren Abgaben für die Süd Westfront wurden genehmigt. So gelangte das k. k. LstIR. 1 zur 5. Armee und das FJB. 31 zur 10. Armee. Wegen der Überweisung noch einer ganzen Infanteriedivision sowie einer Gebirgsbrigade gab es aber Schwierigkeiten. Der Generalfeldmarschall gab zu bedenken, daß von der Heeresgruppe Mackensen schon zwei türkische Divisionen nach Transjordanien hatten abgezogen werden müssen; daher sei es nicht zulässig, dieser Heeresgruppe noch weitere nennenswerte Kräfte zu entnehmen. Auch die Heeresfront Erzherzog Joseph, die ohnedies sehr gestreckt sei, dürfe nach Meinung des Feldmarschalls nicht geschwächt werden. Die Heeresfront des Prinzen Leopold von Bayern hinwieder müsse wegen des starken Zurüstens der Russen darauf bedacht sein, die Festigkeit der polnisch-galizischen Front zu gewährleisten und ähnlichen Gefahren wie im Jahre 1916 vorzubeugen.

Das Abschätzen der für jeden der drei Hauptkriegsschauplätze erforderlichen Abwehrkräfte war eben wegen der sowohl im Westen als im Südwesten wie auch im Osten der Zahl nach sehr großen Überlegenheit der Feinde (siehe Tabelle auf Beilage 1) eine schwer lösbare Aufgabe. Von den gesamten öst.-ung. Streitkräften, die, in 71 Infanteriedivisionen und 13 selbständige Brigaden gegliedert, rund 780.000 Feuer-ge wehre und 7200 Geschütze zählten, standen zu Frühjahrsbeginn etwa zwei Fünftel an der Südwestfront, nicht ganz drei Fünftel im Osten, der Rest, etwa ein Fünfzehntel, an der Balkanfront (S. 49).

Die Ende Februar bei der k. u. k. Heeresleitung vorgenommenen Veränderungen wirkten sich mittelbar auch auf die Südwestfront aus. FM. Conrad hatte in Bozen den Befehl über die Heeresgruppe in Tirol zu übernehmen, die von nun an seinen Namen führte. Zum Generalstabschef der Heeresgruppe wurde GM. Richard Müller ernannt. FML. Alfred Krauss wurde Kommandant des I. Korps. FM. Erzherzog Eugen kehrte nach einjähriger Abwesenheit nach Marburg zurück, wo das „Kommando der Südwestfront“ am 16. März wieder errichtet wurde. Dem Erzherzog wurde jetzt GM. Konopicky als Generalstabschef beigegeben. Das Tätigkeitsfeld des wiedererstandenen Kommandos war um einiges beschränkter als in der ersten Zeit seines Bestehens. Auch die 10. Armee wechselte den Führer. An die Stelle des mit der Armeeführung betrauten FML. Scotti trat am 12. April GO. Freih. v. Krobatin, der seit Kriegsbeginn die schwere Amtslast des Kriegsministers getragen hatte. Der bisherige Befehlshaber des XV. Korps, GdI. Stöger-Steiner, wurde Kriegsminister (S. 71). An seine Stelle als Korpskommandant trat FML. Scotti. Bei der 10. Armee, bei der die Divisionen und Brigaden bis-nun dem Armeekommando unmittelbar unterstellt waren, übernahm am 26. April GdI. Erzherzog Peter Ferdinand, der seit September 1914 kein Kommando mehr geführt hatte, den Befehl über die östliche Hälfte der Armee (93. ID. und 59. GbBrig.). Am gleichen Tage stellte das k.u.k. AOK. das an der russischen Front entbehrlich gewordene IV. Korps-kmdo., FML. v. Hordt, der 10. Armee zur Verfügung und wurden ihm dort anfangs Mai die im Westabschnitt stehenden Divisionen 92 und 94 unterstellt. Unverändert blieb der Führerstab der 5. Armee; doch wurde zur einheitlichen Leitung der auf der Karsthochfläche angehäuften Abwehrkräfte ein neues, das „Abschnittskommando III“ in Sesana aufgestellt und dem bisherigen Führer des XVI. Korps, FZM. Wurm, übertragen. Das Kommando des XVI. Korps übernahm FML. Králiček.

Mitte März fand die Oberste Kriegsleitung die Möglichkeit, eine Division der Westfront zu entnehmen, um sie an der Ostfront zur Ablösung einer öst.-ung. Division einzusetzen. Auf diese Art konnte in den ersten Tagen des April die 106. LstlD. bei der 5. Armee eintreffen. Ferner wurden nun auch noch die Feldjägerbataillone 17 und 25 bei der k.u.k. 25. ID. herausgelöst und zur 10. Armee gefahren. Gegen die Abgabe einer ganzen Gebirgsbrigade aus den Ostkarpathen nach

Tirol gab es aber noch immer Bedenken. Die Oberste Kriegsleitung empfahl, an deren Stelle die österreichischen Teile der in Lublin untätig stehenden polnischen Legion zu beanspruchen. Dies erschien der öst.-ung. Heeresleitung aber nicht genehm, da damit der strittigen militärpolitischen Frage über die Gestaltung Polens und dessen Heeres vorgegriffen worden wäre. Schließlich wurde in der zweiten Hälfte April anstatt der gewünschten Gebirgsbrigade die k. k. 26. SchBrig. aus dem Bereiche „Ober Ost“ genommen und nach Tirol gebracht, wo nach eingetretener Schneeschmelze feindliche Unternehmungen um so eher erwartet werden mußten, als die Italiener in bedeutender Übermacht gegenüberstanden und nach neueren Nachrichten Vorbereitungen für einen Angriff trafen.

Als nun die Generaloffensive der Verbandmächte, wie noch erörtert werden wird, am 9. April mit dem Großangriff der Engländer bei Arras begann, mochte man den Ansturm der Italiener für Ende April erwarten.

Das öst.-ung. AOK. gab die ihm von Kreuznach aus mitgeteilten wesentlichen Merkmale des englischen Angriffsverfahrens dem GO. Boroevic bekannt, da man annehmen konnte, daß die Italiener ein ähnliches Verfahren anwenden mochten. Als kennzeichnende Erscheinungen des Angriffes wurden genannt: vorhergehende Luftangriffe größten Stils; drei bis fünf Tage Wirkungsschießen, dann sechs bis acht Stunden Trommelfeuer, auch auf die hinteren Linien und Beobachtungsstellen; Massenverwendung schwerer Minen und Gasgeschosse, diese namentlich gegen Batterien nahe der Front. Ferner wurde berichtet, man habe die betrübliche Erfahrung gemacht, daß die Abwehrartillerie mit ihrer Munition gespart und dadurch manchenorts den Zeitpunkt zur größten Kraftentfaltung versäumt hätte. Auch daß die Verteidigung der nötigen Tiefe entbehrte, wäre von erheblichem Nachteil gewesen.

Zugunsten der Artillerie am Isonzo hatte die Heeresleitung ausreichende Vorsorgen getroffen. Der Armee waren im Laufe des Winters

15 leichte und 5 schwere Feldbatterien sowie mehrere schwere und schwerste Batterien der Festungsartillerie zugewiesen worden (Beilage 6). Dem GO. Boroevic wurde lediglich aufgetragen, außerhalb der Kampfzone eine starke, bewegliche Artilleriegruppe bereitzuhalten. Der Schießbedarf wurde nach den Erfahrungen an der Westfront vermehrt, so daß im Armeebereich zur Verfügung standen: 2450 Schuß für jede Feldkanone, 1770 Schuß für jede Feldhaubitze, 710 und 1580 Schuß für jede schwere Feldhaubitze älterer und neuer Erzeugung, endlich 730

Schuß für jede schwere Feldkanone. Man berechnete, daß diese Geschoßmenge für eine zwanzigtägige Schlacht ausreichen werde.

Die Befestigungen boten nach einem Berichte des Armeekommandos im Abschnitt des voraussichtlichen feindlichen Angriffes zwischen Sal-cano und dem Meere in der ersten Stellung (I) ein System wechselnd starker, durchaus guter Anlagen. Der Schaffung schußsicherer Unterstände (Kavernen) war die größte Bedeutung beigemessen worden. Man hatte hierin so bedeutende Fortschritte erzielt, daß in allen Abschnitten bei rechtzeitigem Heranführen der Reserven mit deren vollständiger, gesicherter Unterbringung gerechnet werden konnte. Der Bau der zweiten Stellung (II) war hingegen im April noch sehr im Rückstand. Ihr war keine nennenswerte Widerstandskraft zuzusprechen. Es mangelte zu ihrer Herstellung an geschulten Arbeitskräften.

Der Bericht hob hervor, daß die auf der Hochfläche von Comen gelegenen Befestigungen im Bereiche des VII. Korps am stärksten seien. Allerdings hätten die Verteidigungseinrichtungen der Front östlich vom Fajtihrib bis Kostanjevica nur einen Kilometer Tiefe und könnten daher von der feindlichen Artillerie in allen Linien gleichzeitig bekämpft werden. Auf einen halben bis anderthalb Kilometer hinter der letzten Linie dieser ersten Stellung lag hier, gleichfalls im wirksamen Geschützertrag des Feindes, als hinterste vorbereitete Verteidigungslinie die erst angefangene zweite Stellung. In der Front des XXIII. Korps war der Abschnitt von Kostanjevica bis zur Senke von Jamiano sehr schwach. Besonderen Schwierigkeiten begegnete anscheinend der Anschluß an den inneren Flügeln der beiden Korps. Im Bereiche des XVI. Korps vor Görz waren die teilweise gut ausgebauten Linien der ersten Stellung wegen der Bodenbeschaffenheit zumeist gegen Wetter und Geschoßwirkung weniger widerstandsfähig. Dies galt auch für die in Angriff genommene, drei bis vier Kilometer dahinter liegende zweite Stellung.

Seit dem Rücktritt Conrads neigte die Heeresleitung, nun mit dem Kommando der Südwestfront und jenem der 5. Armee vollständig gleichgestimmt, der Anschauung zu, daß die italienische Offensive gegen den Südabschnitt der Isonzofront gerichtet sein werde. Im Zusammenhange mit dem gegebenen Werturteil über die Befestigungen dieses Abschnittes wurde Mitte April, also kurz vor dem voraussichtlichen Zeitpunkt der Eröffnung des feindlichen Angriffes, die Lage geprüft und versucht, die mögliche Entwicklung der bevorstehenden Schlacht zu ergründen. In Baden nahm man an, daß die Italiener imstande wären, mit ihren erheblich vermehrten Infanterie- und Artilleriekräften „die ganze Front zwischen Salcano und. dem Meere“ anzugreifen. Ein tiefgegliederter Stoß sei am Nordteil des Hochlandes von Comen, gegen das VII. Korps, am wirkungsvollsten, aber auch am schwierigsten, denn gerade dort stehe der Feind von den öst.-ung. Linien am weitesten ab. Nach seinem bisherigen Tun zu urteilen, sei es daher wahrscheinlicher, daß er einen starken Stoß gegen den empfindlichen Frontteil Kostanjevica—Jamiano richten werde. Nach den Erfahrungen aus den früheren Isonzoschlach-ten und auch aus jenen der letzten Tage an der Westfront müsse trotz; aller getroffenen Vorsorgen mit Einbrüchen auf mehrere Kilometer Tiefe gerechnet werden. Dennoch dürfe die Zuversicht nicht leiden, selbst wenn die feindliche Offensive möglicherweise erst in der Linie Triješnek—Hermada zum Stehen gebracht werden könne. Dies sei allerdings die äußerste Grenze. Gäbe es dann keine Reserven mehr, so wäre Triest gefährdet.

Solche Überlegungen veranlaßfen den neuen Chef des Generalstabes, GdI. Arz, am 14. April die Oberste Kriegsleitung zu ersuchen, sie möge dafür sorgen, daß an der Ostfront zwei öst.-ung. Divisionen bereitgestellt würden, die im Falle gebieterischer Notwendigkeit ohne Zeitverlust an den Isonzo gefahren werden könnten. In der Antwort machte GdI. Ludendorff geltend, daß aus dem Osten bereits vier öst.-ung. Divisionen an die italienische Front und vier deutsche Divisionen an die Westfront ohne Ersatz abgegeben worden seien. Die DOHL. sei nunmehr wegen der schweren Kämpfe in Frankreich genötigt, abgekämpfte Truppen gegen vollwertige der Ostfront auszutauschen. Um diese Front nicht allzu sehr zu schwächen, wäre ein ähnlicher Austausch zwischen Osten und Südwesten in Aussicht zu nehmen, also erst nach Beginn der Schlacht am Isonzo angezeigt. Das Kommando „Ober Ost“ mache sich anheischig, für ein solches Verfahren das k. u. k. X. Korps bereitzuhalten. Im äußersten Bedarfsfalle gedenke Ludendorff überdies, das deutsche Alpenkorps an die Südwestfront zu werfen.

Die Ereignisse bei der 5. Armee

Nach der neunten Isonzoschlacht hatte die Spannung auf der Karsthochfläche noch eine Zeit hindurch angehalten. Wenige Tage, nachdem das Kampfgetöse verklungen war, lösten die Italiener ihre vorderen Truppen ab, und es schien, daß sie sich durch langsames Vorschieben von Sappen und Laufgräben zu einem neuen Angriff bereit machten.

Angaben von Gefangenen und Überläufern ließen vermuten, daß ein solcher im Abschnitte zwischen der Wippach und dem Meere um den 20. November herum bevorstehe. Aber ein Unternehmen, das am 19. von Stoßtrupps des VII. Korps südlich Biglia zur Aufklärung durchgeführt wurde, überraschte sichtlich den Feind und bewies, daß er nicht angriffsbereit sei. Seine emsige Tätigkeit galt vielmehr der Abwehr, und schon Ende November hatte er in den zuletzt gewonnenen Landstreifen eine geschlossene Kette von Schützengräben aufgeworfen, die den öst.-ung. Stellungen auf etwa 800 m gegenüber lagen. Diese „Respektdistanz“ war nur an der Wippach geringer. So ging man in einen Zeitlauf des Stillstandes über, der fast ein halbes Jahr dauern sollte.

Im Niemandsland spielten sich in der Folge Patrouillenkämpfe ab. Mit Befriedigung konnte der Führer des VII. Korps, FML. v. Schariczer, in einem zu Ende des Jahres erstatteten allgemeinen Bericht hervorheben: „Versuche des Gegners, unsere vor der Front befindlichen Feldwachen zu vertreiben, so insbesondere am 28. und 30. November und mehrmals in der ersten Dezemberwoche, sind ausnahmslos von der braven Infanterie abgewiesen worden. Die aufmerksame, energische Tätigkeit unserer Artillerie hat ferner zur Folge, daß die Italiener sich bei Tag nicht mehr zu zeigen wagen und ihre Angriffslust sichtlich einbüßen.“ Gleich zuversichtlich berichteten die benachbarten Korps.

Selbstverständlich waren die k. u. k. Truppen nicht minder als der Feind am Werke, die Widerstandskraft der Stellungen zu erhöhen. Die im Laufe des Winters und bis Mitte Mai erzielten Fortschritte im Stellungsbau an der Isonzofront zeigt die Beilage 7.

Mit Bedacht wurde darauf gesehen, daß die im Feuerbereich stehenden Truppen zeitweise durch Reserven abgelöst wurden, um sie aufzufrischen, gelegentlich zu schulen und den soldatischen Geist zu beleben. Sicherlich konnten damit nicht alle Schäden ferngehalten werden, die im Laufe eines langen und harten Stellungskrieges die Mannszucht beeinträchtigt hatten. Klagen hierüber wurden von manchen Unterführern einige Male nicht ohne Grund ausgesprochen. Ungeachtet solcher Einzelfälle, die vor allem in Fahnenflucht bestanden, blieben aber die Zersetzungserscheinungen völlig gebannt, die zu dieser Zeit nicht allein im russischen Heere, sondern auch in Frankreich und Italien wahrzunehmen waren. Auf eine von der Heeresleitung anfangs April gestellte Anfrage über etwa auftretende zersetzende Einflüsse auf den Geist und die Stimmung der Truppe lauteten die Antworten aller Führer des Südwestens aus voller Überzeugung verneinend.

Trotz der in der Monarchie immer mehr fühlbar werdenden Knappheit an waffenfähigen Männern blieb der Zufluß an Ersatzmannschaft (Marschformationen) groß genug, um die Truppenkörper aufzufüllen und auf vollem Kriegsstand zu erhalten. Einige Bataillone konnten sogar im Laufe des Winters fünfte und sechste Kompagnien errichten. Da ferner im Laufe der langwährenden Zeit des Stillstandes der Zufluß die Abgänge überwog, ergab sich ein Überschuß an ausgebildeten Marschformationen. Die Gefechtsstärke der Infanterie der 5. Armee stieg in derZeit vom 1. Jänner bisl.Mai von 125.000 auf 156.000 Feuergewehre; die Stärke der Marschformationen wuchs auf 70.000 Mann an1). Dabei waren die Verluste verhältnismäßig groß. In den bezeichneten vier Monaten zählte man 2844 Tote, 12.540 Verwundete, 371 Vermißte und nicht weniger als 52.270 Kranke. Diese hohe Zahl an Kranken gibt Zeugnis, daß die Rüstigkeit der Mannschaften im Abnehmen begriffen war, was zum Teil auch auf Mängel in der Verpflegung zurückgeführt werden muß.

Die beträchtlichen blutigen Verluste, die sich auf die einzelnen Tage des genannten Zeitabschnittes ziemlich gleichmäßig verteilten, waren größtenteils durch das Artilleriefeuer hervorgerufen, das trotz der eingetretenen Kampfpause Tag für Tag über das erstarrte Schlachtfeld rollte. Bezeichnend hiefür ist ein Bericht, den GO. Boroevic im Jänner der Heeresleitung erstattete. Diese hatte die Armee angewiesen, die 41. HID. in nächster Zeit nicht in der Front einzusetzen, weil deren Truppen mit der Eigenart der Kampfführung im Karstgelände noch nicht vertraut seien. Daraufhin antwortete Boroevic, daß gerade jene Truppen, die von anderen Kriegsschauplätzen kämen, schon frühzeitig eingesetzt werden müßten, damit sie sich in die eigentümlichen Kampfverhältnisse einlebten, denn das Geschütz- und Minenwerferfeuer erreiche am Isonzo eine Heftigkeit, die im Osten unbekannt sei. Er fügte hinzu: „Viele von der Ostfront hiehergelangte Offiziere gehen so weit, zu behaupten, daß das russische Trommelfeuer dem hiesigen normalen Artilleriefeuer gleiche.“ Mochte dieser Vergleich auch nicht in allem zutreffen, so gewährt er dennoch annähernd einen Begriff, wie der in den Tagesmeldungen dieser Zeit oftmals wiederkehrende Satz: „Normales Artilleriefeuer“ zu deuten ist, und was sich am Isonzo zutrug, wenn es hieß: „Trotz ungünstiger Witterung herrscht sehr lebhafte

x) Vom 1. Jänner 1917 an wurden die einreihungsfähigen Marschtruppen nicht mehr in den Feuergewehrstand eingerechnet. Dadurch erklärt sich die Differenz zu den im Bd. V, S. 683, Anm. 3, mitgeteilten Zahlen.

Gefechtstätigkeit“ — oder, so wie am 12. Jänner: „Bei guter Sicht ist das feindliche Feuer außerordentlich lebhaft, die Italiener schießen schwere Gasgranaten; ihre Flugzeuge kreuzen über das Schlachtfeld, eines wurde im Luftgefecht abgeschossen.“

Zu größeren Infanteriekämpfen kam es in den ersten vier Monaten des Jahres allerdings nicht. Hingegen wurden kleine Unternehmen, die den Zweck hatten, den Kampfgeist der Truppen wachzuhalten, den Verlauf der Stellungen zu bessern und Gefangene einzubringen, wiederholt durchgeführt. So stießen am 18. Jänner Sturmtrupps der 28. ID. gegen den Fajtihrib vor, wobei 150 Italiener in Gefangenschaft fielen. Eine Woche später brachen Jagdkommandos des SchR. 20 in eine feindliche Vorstellung südöstlich von Görz ein und holten sich 100 Gefangene und drei Maschinengewehre. In den letzten Jännertagen glückten den Sturmtrupps der Regimenter 91 und 71 sowie des k. k.LstIR.2 ähnliche Unternehmen bei Görz und bei Kostanjevica; man zählte 200 Gefangene. Trotz der seit Anfang Februar schärfer gewordenen Kälte stießen am 7. Teile des IR. 86 bei Tolmein mit Erfolg vor. In der Nacht auf den 10. gab es eine ganze Reihe kleiner Angriffe, durch die mehrere feindliche Grabenstücke erobert, 650 Italiener gefangen und zehn Maschinengewehre erbeutet wurden. Hiebei taten Abteilungen des IR. 87 das ihre bei Salcano, solche des IR. 41 und des k. k. LstlR. 22 an der Wippach, schließlich solche des SchR. 23 und des k. k. LstIBaons. IV/39 bei Görz. Den größten Anteil an diesen Unternehmen hatte das Bataillon 111/85, das allein italienische Stellungen in der Ausdehnung von 1000 Schritten beim Bahnhof von Görz erstürmte. Um den eroberten Graben wurde dann in den nächsten Tagen erbittert gekämpft, wobei sich auch das Bataillon IV SchR. 37 auszeichnete, das noch 300 Gefangene einbrachte. Sturmtrupps des Bataillons IV/80 hatten am 11. Februar Erfolge beim Mrzli vrh. An diesen Tagen gab es auch sehr rege beiderseitige Fliegertätigkeit mit zahlreichen Bombenwürfen und Luftgefechten.

Auch die Italiener waren in Kleinkämpfen rührig. Sie stießen des öfteren an verschiedenen Stellen vor, wobei es ihnen mitunter gelang, die Verteidiger zu überraschen. Ein dauernder Gewinn, der offenbar auch gar nicht gewollt war, war ihnen freilich nirgends gegönnt. In den nächsten Wochen, bis etwa Mitte März, kehrt dann in den Lagemeldungen der bekannte Satz: „Normales Artilleriefeuer“ öfters wieder. Erfolgreiche Patrouillenunternehmen gab es am l.März bei Tolmein (IR. 80), am 3. bei Görz (IR. 24 und SchR. 20) sowie am 8. bei Kostanjevica (HIR. 32).

Am 12. und am 13. März unternahmen die Italiener auf der Karsthochfläche bei Kostanjevica anscheinend einen Probeangriff, indem sie zunächst ihre sichtlich stark angewachsene Artillerie und zahlreiche neue Minenwerfer spielen ließen und dann mit der Infanterie vorstießen. Bei Jamiano drang eine Abteilung in die Stellung der 7. ID. ein. Sie mußte aber den Graben vor dem Gegenstoß der eingreifenden Reserven alsbald wieder räumen. Die Geschütze setzten danach ihr sehr lebhaftes Feuer noch einige Tage zornig fort, um später wieder in ein planmäßiges Einschießen und Zerstören bestimmter Örtlichkeiten des Anlandes überzugehen. Bei dieser Gelegenheit wurde zum ersten Male die Anwesenheit mehrerer sehr weittragender 15 cm-Kanonen festgestellt, die, nach dem Merkzeichen der aufgelesenen Geschoßsprengstücke zu urteilen, englischer Herkunft gewesen sein mochten.

Während des um die Mitte März herrschenden Schönwetters war die Fliegertätigkeit wieder sehr rege. Es kam wiederholt zu Luftkämpfen. Italienische Flugzeuggeschwader belegten vornehmlich Nabresina mit Bomben; die öst.-ung. Flieger übten Vergeltung über den Standorten der feindlichen Kommandos. Man hatte zu dieser Zeit erfahren, daß der Führer der 2. Armee sein Stabsquartier von Cormons nach Cividale verlegt habe, und daß in Cormons das Kommando der ,,Zona di Gorizia“ errichtet worden sei.

In den letzten Märztagen stieg die Gefechtstätigkeit, insbesondere auf der Karsthochfläche, wieder an. Feindliche Vorstöße im Raume von Kostanjevica wurden glatt abgewiesen. Ein am 26. abends durch die Artillerie gut vorbereitetes Unternehmen des Bataillons 11/100 bei Biglia an der Wippach gelang hingegen vortrefflich. Die schneidigen Schlesier und Nordmährer eroberten eine feindliche Vorstellung, nahmen 500 Italiener gefangen, erbeuteten zwölf Maschinengewehre sowie drei Minenwerfer und trotzten auch in den nächsten Tagen allen Versuchen des Feindes, die Stellung zurückzugewinnen. Ein Vorstoß von Sturmtrupps des Bataillons IV/64 westlich von Jamiano brachte wieder einige Dutzend Gefangene ein. Ebenso glückten in den nächsten Tagen den Sturmtrupps des VII. Korps mehrere kleine Unternehmen, durch die der Feind immer wieder aufgeschreckt, aber auch herausgefordert wurde, seine Artillerie in lebhafte Tätigkeit zu setzen. Die Verluste der

5. Armee im März betrugen 762 Tote, 3692 Verwundete, 12.525 Kranke und 95 Vermißte.

Anfangs April setzten wegen des herrschenden Sturmes und Regens auch diese Kleingefechte aus. Merkwürdigerweise hielt die Ruhe auch nach dem Eintreten besseren Wetters und dann bis in die ersten Maitage an. Nur ein einziges Unternehmen am 12. April, ausgeführt durch Abteilungen der 14. ID., bei dem 150 Italiener gefangen wurden, ist zu verzeichnen. Die Kämpfe in der Luft waren in diesem Monat um so lebhafter, als beide Gegner sich bemühten, Einblick in die feindlichen Maßnahmen zu gewinnen. Die Italiener warfen Bomben auf Triest. Ein Gegenangriff auf Venedig wurde auf Befehl des Kaisers unterlassen.

Begebenheiten in Kärnten und in Tirol

Am Oberlauf des Isonzo, in Kärnten und in Tirol verging der Winter stiller als im Vorjahre. Offenbar war die im ersten Kriegswinter noch sprühende Angriffslust der Italiener im Erlöschen. Auf Seiten der öst.-ung. Truppen gab es hinwieder keinen Anlaß, aus den selbstgewählten Stellungen herauszutreten, vor denen der Feind sich in mehr oder weniger großem Abstand ruhig verhielt. Die von der Heeresleitung im Jänner gehegten Offensivpläne waren nur dem Führer in Tirol angedeutet worden, der daraufhin lediglich Pläne vorbereitete, sichtbare Maßnahmen aber, die das Vorhaben hätten verraten können, unterließ.

Bei der 10. Armee ist nur ein Gefecht erwähnenswert, das am 14. Februar von Teilen des FJB. 30 beim Lahnerjoch (10 km westlich vom Plöckenpaß) mit dem Einbringen von 40 Gefangenen und einiger Beute endete. Bei der Heeresgruppe in Tirol lagen die Brennpunkte der gegenseitigen Bekämpfung kleiner Gruppen auf dem Pasubio, an mehreren Stellen der Hochflächen, in der ValSugana und im Gebiete des Rollepasses sowie in der Gegend des Mt. Sief. Im Suganertale überfielen am 12. Februar Teile des Bataillons X/14 eine feindliche Stellung und brachten 90 Gefangene ein1). Am selben Tage unternahm im Tonale-gebiet das Reservebataillon II '37 einen Überfall, der zur Gefangennahme von zwei Dutzend Alpini führte.

In der ersten Märzwoche rührten sich die Italiener in den Fassaner Alpen plötzlich stärker. Bei gleichzeitiger lebhafter Beschießung des ganzen Frontabschnittes zwischen der Marmolata und dem Colbricon griffen sie die C. di Costabella überraschend an und setzten sich in den Besitz dieses 2738 m hohen Gipfels. Die Verteidiger verloren über 50 Mann, zwei Maschinengewehre und ein Geschütz. Ein bald darauf

1/ E h n 1, Das X. Bataillon des oberösterreichischen IR. Ernst Ludwig Großherzog von Hessen und bei Rhein Nr. 14 (Wien 1932), 56 f.

gegen die C. di Bocche geführter Angriff der Italiener wurde hingegen glatt abgewiesen; ebenso ein Überfall gegen den Colbricon. Wieder aufkommendes Schlechtwetter verhinderte die zur Wiedereroberung des Costabella eingeleiteten Maßnahmen. So konnte erst am 16. März zum Gegenangriff geschritten und der schneebedeckte Berggipfel zurückgewonnen werden. Die Einbuße des Feindes war seltsamerweise unsern vor einigen Tagen erlittenen Verlusten vollkommen gleich.

An dem oft umstrittenen Mt. Sief ließen die Italiener am 6. März, ähnlich wie im Vorjahre unter dem ColdiLana, eine gewaltige Mine springen. Aber der Anschlag ging diesmal fehl. Der aufgerissene Sprengtrichter öffnete eine Kluft zwischen den beiden Stellungen und hinderte die bereitgestellten Angriffstruppen, die sogleich unter heftiges Artilleriefeuer genommen wurden, an der Ausführung ihres Vorhabens1). In der zweiten Märzwoche tobten Frühlingsstürme. Warme und kalte Luftströmungen mengten sich und peitschten Regen und Schnee einher.

In diesen Tagen gingen im Hochgebirge zahlreiche Lawinen nieder, und der weiße Tod kam häufig zu seinem Rechte. In Kärnten wurde der Kommandant der 57. GbBrig., GM. Freih. v. Henneberg, am 8. März unweit von Deliach im Gailtal beim Abgehen der Stellungen verschüttet und einige Tage später mit zerschmettertem Haupt aufgefunden. Der Frühlingsbeginn zeigte sich in den Bergen durch neue Schneefälle und Lawinengänge an, die wieder zahlreiche Opfer forderten. Dies führte zu einem vollständigen Stillstand der Gefechtshandlungen. In den ersten Apriltagen steigerten sich die traurigen Verluste durch Schneestürze. Am 3. April, dem bösesten Tag, gab es in Kärnten und Tirol über 200 Verschüttete.

Am 12. März übernahm FM. Conrad in Bozen das Heeresgruppenkommando. Im Angesichte der von ihm so geliebten Berge Tirols, die Italien dem Stammlande entreißen wollte, stellte sich beim Feldmarschall um so lebhafter der Wunsch nach Vergeltung ein. Gerade bei seinem Eintreffen in Tirol ging die Kunde von der Umwälzung in Rußland durch die Welt. Da griff der Marschall zur Feder und schrieb dem neuen Oberkommando, er halte es für wahrscheinlich, daß Rußlands Heer nun der Desorganisation verfallen und zu keinen größeren Kriegshandlungen mehr fähig sein werde. Daher würden namhafte eigene Kräfte im Osten frei, und die von ihm im Jänner vorgeschlagene Offensive gegen Italien könne nun durchgeführt werden. Allein, die Dinge waren noch lange nicht so weit gediehen.

x) S c h e m £ i 1, Col di Lana (Bregenz 1935), 315.    ,

Die Tätigkeit der Italiener

Im Laufe des Februars wurden in Italien Stimmen laut, die eine gegnerische Offensive vom Isonzo her verkündeten. Die Heeresleitung ließ daher die an der Südtiroler Front in Reserve bereitgehaltenen schweren Artilleriegruppen an die Julische Front fahren und wies zugleich die 2. und die 3. Armee an, nicht einen Fußbreit Bodens preiszugeben.

Zu Beginn des Monats März sprach sich Gen. Cadorna mit aller Bestimmtheit darüber aus, daß er von jeder angriffsweisen Kriegshandlung abstehen müsse, insolange als die Mittelmächte nicht durch das französisch-englische und das russisch-rumänische Heer angegriffen und gefesselt sein würden, und dadurch die Italien drohenden Gefahren gebannt wären. Diese Erklärung erweckte im Lager der Westmächte Argwohn. Gen. Nivelle stellte am 21. März an das französische Kriegsministerium die Forderung, daß es im Wege einer diplomatischen Intervention bei der italienischen Regierung auf Gen. Cadorna einen Druck ausübe, damit er sich an die seinerzeit getroffenen Vereinbarungen halte, denn „die Offensive des italienischen Heeres sei unerläßlich, sowohl für das Gelingen der ganzen gemeinsamen Kriegshandlung als auch für Italien selbst“1).

Dieses Mahnen war schon gar nicht geeignet, die Bedenken der italienischen Heeresleitung zu zerstreuen. Gerade im März traten Ereignisse ein, die nicht allein in Italien, sondern auch in Frankreich und England beklemmend wirkten: der Ausbruch der russischen Revolution und der fast zur selben Zeit erfolgte Abmarsch der Deutschen aus einem vorspringenden Stellungsbogen in die kürzere Sehnenstellung, wovon später noch die Rede sein wird. Die Westmächte sahen sich genötigt, den Beginn ihrer Offensive zu verschieben.

Cadorna hielt es nun für höchst wahrscheinlich, daß freigewordene deutsche Schlagkräfte dem öst.-ung. Heer zu einem gemeinsamen Angriff gegen Italien beitreten würden. Ein immer wieder auftauchendes Gerücht von einem bevorstehenden Durchmarsch der Deutschen durch die Schweiz, das auf die im Jänner 1917 neuerlich erfolgte teilweise Mobilisierung der Eidgenossenschaft zurückzuführen sein mag (S. 78),

*) de C i v r i e u x, Pages de verité. L’offensive de 1917 et le commandement du général Nivelle (Paris 1919 , 124. — Alberti, L’azione militare italiana nella guerra mondiale (Rom 1924j, 70 ff.

sowie die Nachricht, daß GO. Conrad die Führung in Tirol übernommen habe, verstärkten die Befürchtungen vor dem Rückenangriff. Daher wurden an der italienisch-schweizerischen Grenze neue Verschanzungen aufgeworfen und besetzt, weiters gegenüber von Südtirol und im Raume zwischen Vicenza, Monselice und Padua vier Divisionen bereitgestellt. In den politischen Kreisen der Hauptstadt wiederholte sich das unwürdige Schauspiel, das im vergangenen Jahr während der Südtiroler Offensive namentlich von den Sozialisten aufgeführt worden war. Cadorna mußte nach Rom eilen, um die Geängstigten zu beruhigen.

Ende März kam der Generalstabschef des englischen Heeres, Gen. Robertson, nach Italien. Cadorna drang in ihn, eine unmittelbare Unterstützung auch für den Fall notgedrungener Abwehr zu erwirken. Aber er erhielt die gleiche Antwort, wie einige Wochen früher vom Gen. Nivelle1). Erst im April, als dann auch Gen. Foch im Aufträge des neuen französischen Kriegsministers Painlevé ins italienische Hauptquartier kam, wurde eine Vereinbarung getroffen, derzufolge Italien

16 englische 15 cm-Haubitzbatterien und 35 französische schwere Geschütze erhielt.

Um indessen für jeden Fall gewappnet zu sein, stellte sich die italienische Heeresleitung in den ersten Apriltagen eine allgemeine Reserve in der Stärke von zehn Divisionen bereit, die sie vornehmlich den Armeen am Isonzo entnahm. Zugleich wurde die Front auf der Hochfläche der Sieben Gemeinden abermals verstärkt. Erst als Mitte April die Heere der Westmächte gegen die deutsche Front anrannten, atmete man in Italien erleichtert auf. Gleichzeitig scheint dem italienischen Generalstab auch von anderer Seite die Sorge wegen eines österreichischdeutschen Angriffes genommen worden zu sein. Nunmehr, am 19. April, gab das italienische Höchstkommando Weisungen für den nächsten Großangriff am Isonzo. Es sollten aber noch Wochen vergehen, ehe der Kampf begann.

Für diese neue Offensive stand das italienische Heer zahlenmäßig stärker da, als im Jahre vorher. Im Laufe des Winters waren 151 neue Bataillone aufgestellt worden, von denen 96 zur Bildung von acht neuen Divisionen verwendet wurden. Die Artillerie erfuhr eine Vermehrung um 52 leichte, 166 schwere und 44 Gebirgsbatterien. Die Zahl der schwersten Geschütze stieg vom Mai 1916 bis Mai 1917 von 1180 auf 2100. Zahlreiche Maschinengewehre und großkalibrige Minenwerfer kamen hinzu.

1) Cadorna, La guerra, Neudruck 1934, 352.

Mit diesem seht* erheblichen Zuwachs an Einheiten ging- allerdings nach übereinstimmenden italienischen Quellen ein Absinken des inneren Wertes der Truppen einher. „Ihr moralischer Halt konnte kaum als mittelmäßig bezeichnet werden Dieses Sinken äußerte sich zunächst durch eine wachsende Zahl an Drückebergern und Überläufern. Dann kam es im März bei einem Truppenkörper und anfangs Mai bei einer Brigade zu offenen Gehorsamsverweigerungen. Die Heeresleitung griff nun mit fester Hand ein, um einer verderblichen Ausbreitung dieser Zersetzungserscheinungen zu steuern. Dennoch müssen diese wenigen Fälle als Vorboten jener Krise angesehen werden, von der das italienische Heer im Herbst 1917 befallen werden sollte. Zur Schlacht im Mai traten die Truppen noch in guter moralischer Verfassung an.

Die Ereignisse in Frankreich und auf dem Balkan

Winter und Frühjahr 1917 an der Westfront Hiezu Beilage 1

Während sich die Kampftätigkeit auf dem französischen Kriegsschauplatz im Februar und im März in mäßigen Grenzen hielt, herrschte hinter der Front regste Tätigkeit. Zwischen Arras und Soissons bereiteten die Deutschen durch Ausbau der Siegfriedstellung und durch planmäßige Zerstörung der vor ihr gelegenen Straßen, Bahnen, Ortschaften, kurz all dessen, was dem Feinde nützlich sein konnte, ihren Rückzug vor. Auf der Gegenseite rüsteten die beiden Westmächte zur Offensive. Um die Tätigkeiten des französischen und des englischen Heeres in Übereinstimmung zu bringen, traten die Führer am 26. Februar in Calais zu einer Beratung zusammen. Den beiden Ministerpräsidenten Briand und Lloyd-George glückte es, die Bedenken des englischen Oberkommandos gegen eine Unterstellung des britischen Heeres unter französischen Oberbefehl zu überwinden. Der Generalissimus Nivelle erhielt die Befugnis, die Operationen der englischen und der französischen Angriffsarmeen in Einklang zu bringen. Die Engländer sollten anfangs April von Arras gegen Cambrai angreifen, indes die Franzosen etwas später über die Aisne hinweg durch die deutschen Stellungen nach Norden vorbrechen wollten.

1 j Baj M a c a r i o, Kuk—611 Vodice M. Santo (Mailand 1933,, 32.

Schon Ende Februar berichtete der englische Nachrichtendienst über einen bevorstehenden Rückzug des deutschen Heeres aus dem gegen Compiegne vorspringenden Stellungsbogen. Nivelle wollte daran aber nicht glauben. Im übrigen vertröstete er die Engländer am 6. März damit, die gemeinsame Offensive sei derart angelegt, daß selbst bei einem Rückzuge der Deutschen in die durch Flieger festgestellte hintere Stellung diese sowohl vom englischen als auch vom französischen Angriffsraume her aufgerollt werden würde1).

Am 16. März waren die Deutschen im ganzen Abschnitt zwischen Arras und Soissons verschwunden. Drei Viertel der Front, die angegriffen hätte werden sollen, waren jetzt ausgeschaltet; nur an den äußersten Flügeln der Stoßgruppen blieb der Angriff noch ausführbar. Es mußte ein neuer Entschluß gefaßt werden, dies um so mehr, als der Umsturz in Rußland und das Widerstreben Cadornas gegen ein gleichzeitiges Losschlagen die Gesamtlage der Entente sehr erheblich verändert hatte. Wohl erklärten die Vereinigten Staaten von Amerika am

6. April an Deutschland den Krieg, aber auf eine Hilfe durch das erst in Bildung begriffene Heer der Union war noch lange nicht zu rechnen.

Mitte März vollzog sich in Frankreich auch ein Regierungswechsel. Dem Ministerpräsidenten Briand folgte Ribot, der Painlevé als Kriegsminister in sein Kabinett berief. Dieser forderte von Nivelle, die geänderte militärische Lage zu berücksichtigen. Auch erhoben Politiker Einsprache gegen die bevorstehende Offensive, die ihnen keinen Erfolg verhieß. Bei einem Kriegsrat zu Compiegne, der unter dem Vorsitz des Präsidenten der Republik abgehalten wurde, mußte Nivelle seinen Angriffsplan sogar gegen die Zweifel der Heeresgruppenkommandanten verteidigen. Doch nichts vermochte Nivelles Zuversicht zu erschüttern. Nachdem sein Demissionsangebot abgelehnt worden war, bestimmte er, daß die Engländer — wie geplant — am 9. April mit dem Infanterieangriff zu beginnen hätten. Der Hauptangriff der Franzosen wurde für den 16. April anberaumt.

Dem Ansturm der 1. und der 2. Armee der Briten war ein beträchtlicher Anfangserfolg beschieden, hauptsächlich deshalb, weil die deutschen Reserven zu weit zurückgehalten worden waren. Um die Front vor einem Durchbruch zu bewahren, wurden die deutschen Divisionen östlich und nordöstlich von Arras planmäßig um etwa fünf Kilometer zurückgenommen. Hier festigte sich der deutsche Widerstand sehr rasch. Drei weitere im April und anfangs Mai unternommene An

i) Churchill, Weltkrisis 1916—18 (Wien 1928), I, 267.

griffe konnten fast ohne weitere Raumeinbuße abgeschlagen werden.

Die Franzosen hatten eine ganz gewaltige Heeresmacht aufgeboten. Die 6. und die 5. Armee in vorderer Linie, die 10. Armee und zwei Kavalleriekorps dahinter zur Ausbeutung des von Nivelle als sicher erwarteten Durchbruches und überdies die 1. Armee als Heeresreserve standen an der Aisne bereit, um zwischen Soissons und Reims die deutsche Front zu durchstoßen. Von den Deutschen, die aus dem zurückgenommenen Frontbogen die ausgesparte 1. Armee vor Reims zwischen der 7. und der 3. Armee eingesetzt hatten, waren in klarer Erkenntnis der hier drohenden Gefahr alle Maßnahmen zur Abwehr getroffen worden.

Nach zehntägiger artilleristischer Feuervorbereitung schritten die Franzosen am 16. April zum Sturm. Doch schon am Abend des zweiten Schlachttages war das Schicksal des Durchbruchsangriffes entschieden: er war mißlungen. Nun mußte sich Nivelle, der versprochen hatte, es nicht mehr wie an der Somme zu einer kräftezehrenden Dauerschlacht kommen zu lassen, doch zur Führung von Teilangriffen entschließen. Sie setzten Ende April ein und wurden im Mai mehrfach erneuert; doch nirgends war ihnen ein entscheidender Erfolg beschert. Die Schlacht war für die Franzosen endgültig verloren1).

Dieser Mißerfolg, der die Franzosen im April und im Mai 61.000 Tote gekostet hatte, erschütterte die Stellung Nivelles. Am 15. Mai wurde er durch den erst jüngst zum Chef des Generalstabes ernannten Gen. Pétain ersetzt, dessen Generalstabschef Gen. Foch wurde2). Pétain trat ein schweres Erbe an; das innere Gefüge des französischen Heeres begann sich bedenklich zu lockern.

Der Balkanbis Ende Mai 1917

Hiezu Beilage 5 Der Winter in Albanien

In Albanien stand nach wie vor das vom GdI. Trollmann befehligte XIX. Korps. Dessen 47. ID., GM. Ritt. v. Weiss-Tihanyi, hielt mit der 14. GbBrig. die Vojusafront und sicherte mit Teilen weiter im Osten den Raum beiderseits des Osum. Noch weiter östlich sperrten

1)    Kuhl, Weltkrieg, II, 83 ff.

2)    Palat, 379.    • albanische Freischaren unter ihrem Führer Salih Butka die von Korea nach Westen und nach Süden führenden Wege. Die zweite Gebirgs-brigade dieser Division, die 20., stand in dem außerordentlich armen Gebirgsland südöstlich von Elbasan; sie hatte zwei Bataillone bis an den Abschnitt zwischen Ohrida- und Maliksee vorgeschoben. Die 20. GbBrig. hielt Verbindung zum Westflügel der bulgarisch-deutschen Front, zur Gruppe des deutschen Obst. Thierry, der mit der bulgarischen 3. KBrig., einem österreichischen Landsturmbataillon und zwei öst.-ung. Gebirgsbatterien die Landenge zwischen dem Ohrida- und dem Prespasee sperrte. Den Küstenschutz an der Adria versahen die gleichfalls zur 47. ID. gehörende 211. LstlBrig. und die dem XIX. Korps-kmdo. unmittelbar unterstellte Gruppe Obst. Babic.

Den öst.-ung. Truppen stand an der Vojusa das italienische Expeditionskorps (verstärkte 38. ID.) gegenüber. Korea hielt eine französische Brigade besetzt. Im Raume zwischen den albanischen Seen sicherten Teile der französischen 156. ID. den Westflügel des Orientheeres des Gen. Sarrail.

Sarrail sali sich anfangs Jänner veranlaßt, diesem seinem Westflügel mehr Aufmerksamkeit zuzuwenden. Veranlassung hiezu war die Notwendigkeit, die neue, von Santi Quaranti über Korea laufende Etappenlinie zu sichern, dann die Absicht, die durch das Seengebiet nach Griechenland führende Verbindung der Mittelmächte zu unterbinden. Hiezu wurde die neu angekommene französische 76. ID. in diesen Raum gelenkt. Da auch die Italiener ihr Expeditionskorps durch eine Infanterie- und eine Territorialbrigade sowie durch einige Batterien verstärkten, verschob sich das Kräfteverhältnis zu ungunsten des k. u. k. XIX. Korps, das sich wegen der kaum behebbaren Nachschubschwierigkeiten und der schlechten Gesundheitsverhältnisse ohnehin in einer recht schwierigen Lage befand. Die Verstärkung durch ein Landsturmbataillön fiel nicht ins Gewicht. Um wenigstens die Feuerkraft an der Landfront zu erhöhen, wurden die im Küstenschutze stehenden Gebirgsbatterien durch Geschütze der Festung Skodra (Skutari) ersetzt und den Gebirgsbrigaden zugewiesen.

Schon bald nach Neujahr machte sich der verstärkte Druck der Franzosen in Südalbanien fühlbar. Ihre vom 10. bis zum 14. Jänner gegen die Čeravastellung südlich vom Ohridasee geführten Angriffe konnten aber von der 20. GbBrig. mit Unterstützung der Gruppe Thierry abgewiesen werden. Nur die am Südufer des Ohridasees sich erhebende Klosterhöhe mußte französischen Kolonialtruppen überlassen werden.

Von Ende Jänner an flammte in den Bergen westlich von Korea der Kleinkrieg auf, da die Franzosen die diese Stadt ständig bedrohenden Albaner zurückzuwerfen trachteten. Die durch ein Grenzjägerbataillon abgelösten und nach Süden verschobenen Banden Salih Butkas vermochten aber noch immer südwestlich von Korea beim Passe Cafa Kjarit die nach Liaskovik führende feindliche Nachschubstraße zu unterbinden. Als Mitte Februar die französische 76. ID. eingriff, mußten die sich wacker wehrenden Albaner schließlich weichen. Damit riß auch die Verbindung mit Griechenland ab. Die k. u. k. Heeresleitung löste deshalb die von einem deutschen Offizier in Pogradec geleitete Stelle zur Unterstützung der den Mittelmächten günstig gesinnten griechischen Freischaren auf. Die auf die Vergewaltigung Griechenlands abzielenden Bestrebungen der Entente hatten hiemit einen neuen Erfolg zu verzeichnen.

Die durch neugebildete Banden verstärkten Albanerkompagnien stießen aber wieder gegen Korea vor und vermochten sich nach wechselvollen Gefechten im April schließlich auf den Höhen von Moskopolje zu behaupten!). Dahinter sicherte die noch verstärkte Ostgruppe der 14. GbBrig. die im Raume zwischen den Flüssen Tomorica und Devoli gegen Gramši führenden Wege. Diese nunmehr als Gruppe 1/47 bezeich-nete Ostgruppe wurde jetzt vom Obst. v. Spaics geführt und unterstand unmittelbar dem Kommando der 47. Division. Die 20. GbBrig. samt der jetzt vom Obst. Böttner befehligten, an die Cerava vorgeschobenen Gruppe wurde angewiesen, gegen einen etwaigen Angriff überlegener Feinde wenigstens den Kamiarücken und die Enge bei Pogradec zu behaupten. Mit der Gruppe Thierry war eine wechselseitige Unterstützung vereinbart worden. Um die Befehlgebung bei der 47. ID. zu erleichtern, wurde sie der Sorge um den Küstenschutz enthoben. Die beiden Küstenschutzgruppen träten unter das neugebildete Küstenabschnittskommando Albanien, GM. v. Eckhardt. Die 211. LstlBrig. wurde Korpsreserve.

Der Einspruch Italiens gegen die Besetzung albanischen Gebietes durch französische Truppen veranlaßte die französische 76. ID., ihre Angriffe gegen die 20. GbBrig. einzustellen. Die Division wandte sich hierauf anfangs März gegen die Landenge zwischen dem Ohrida- und dem Prespasee in der Absicht, von hier aus den Westflügel der bulgarisch-deutschen Front zu bedrohen und dadurch die geplante Wegnahme der Monastir im Norden umgebenden Höhen zu erleichtern. Ihre Angriffe begannen am 12. März und erreichten am 18. und am

J) V e i t h, Der Feldzug in Albanien (Schwarte, V, 532).

23. März die größte Stärke. Nach Einsatz mehrerer türkischer Bataillone und einer Gebirgsbatterie vermochte Obst. Thierry seine Stellung völlig zu behaupten. Die öst.-ung. Einheiten hatten an der Abwehr verdienstvoll mitgewirkt. Auch nördlich von Monastir konnten die Kämpfe am 27. März durch einen Gegenangriff deutscher Bataillone — von dem Verlust der die Stadt beherrschenden Höhe A 1248 abgesehen — erfolgreich abgeschlossen werden.

Anfangs April begrenzte das XIX. Korpskmdo. den Befehlsbereich der 47. ID. durch eine über die Gebirgsrücken Mali Siloves und Tomor sowie durch das Osumtal verlaufende Linie; die östlich davon stehenden Truppen hatten die Gruppe I/XIX des FML. v. Gerhauser zu bilden.

Die Früh]ahrsschlachten in Mazedonien

An der mazedonischen Front war der Winter ohne besondere Ereignisse verlaufen. Mit Frühjahrsanfang mußten aber die Bulgaren und die Deutschen eines feindlichen Ansturmes gewärtig sein. Sie durften ihm mit Zuversicht entgegensehen, weil ein gleichzeitiges Eingreifen russisch-rumänischer Heeresteile von Norden her wegen des Umsturzes in Rußland wenig wahrscheinlich war. Dies und die Unlust Englands und Italiens, für französische Balkaninteressen neue Opfer zu bringen, sowie die Erschöpfung der Serben hinderten Sarrail, seine zahlenmäßige Überlegenheit einem großen, entscheidenden Schlage nutzbar zu machen. Deshalb besaß auch sein ursprünglicher, nach der Konferenz von Chantilly (S. 11) gefaßter Plan, die gegnerische Front durch Teilvorstöße zu erschüttern und im Falle eines Erfolges mit der Heeresreserve entweder durch die Engen von Rüpel oder Demirkapija auf Sofia vorzudringen, nur mehr wenig Gegenwartswert. Das Orientheer mußte sich gemäß der Ende Februar zu Calais festgelegten Richdinien damit begnügen, möglichst viele Kräfte der Mittelmächte zugunsten der Westfront zu binden. Gen. Sarrail hoffte, dies durch eine Bedrohung der im Vardartale führenden Verbindungen der Bulgaren, etwa in den Richtungen auf Negotin und auf Gradsko, am zweckmäßigsten erreichen zu können.

Als der Beginn der großen Offensive im Westen festgesetzt worden war, erhielt auch Sarrail den Auftrag, am 15. April loszuschlagen. Mithin schien — wenn schon die Russen ausfielen, und Italien noch immer Zurückhaltung übte — wenigstens zwischen der West- und der

Ealkanfront eine Übereinstimmung der Kampfhandlungen möglich zu werden; doch auch das Orientheer vermochte aus verschiedenen Ursachen den Stichtag nicht einzuhalten. Der als Ablenkungsangriff gedachte Vorstoß zweier britischer Divisionen zwischen Dojransee und Vardar, dem ein durch Seestreitkräfte unterstütztes Nebenunternehmen zwischen dem Tahinosee und dem Meere vorangegangen war, konnte erst am 25. April losbrechen. Er erzielte bloß einen Anfangserfolg und blieb — weil unausgenützt — ohne Einfluß auf den Verlauf der Schlacht der Hauptkräfte. Diese griffen mit der aus Franzosen und Venizelisten zusammengesetzten Varcfargruppe am 5., mit der aus Serben, Franzosen, Italienern und Russen bestehenden Černagruppe wegen des andauernden Schneetreibens sogar erst am 9. Mai an1). Bis dahin hatte ein Großteil des englischen Erfolges gegenüber bulgarischen Gegenangriffen wieder aufgegeben werden müssen. Wohl aber vermochten die inneren Flügel der Vardargruppe und der serbischen 2. Armee einen kleinen Raumgewinn zu erringen.

Der Schwung der nach längerem Artilleriefeuer am 9. Mai zum Angriff antretenden Černagruppe wurde durch die ungünstigen Nachrichten über den Verlauf der Ententeoffensive in Frankreich sehr beeinträchtigt. Sogar die bisher ungeschmälerte Angriffslust der Serben ließ zu wünschen übrig, da auf sie die enge Verbindung mit den kriegsmüden Russen nicht ohne Einfluß geblieben war. Auch wirkten die stets sinkenden Kampfstände der Serben auf ihre Stimmung niederdrückend. Die zur Auffüllung in Aussicht gestellten 12.000 öst.-ung. Gefangenen slawischer Nationalität trafen erst Mitte Mai in Saloniki ein. Kein Wunder, daß es der jetzt unter dem Oberbefehl des GdA. Scholz stehenden bulgarisch-deutschen Heeresgruppe, die außer starker deutscher Artillerie und Sondertruppen nur 24 deutsche Bataillone in ihren Reihen zählte, ohne nennenswerte Raumeinbuße glückte, den Ansturm abzuwehren. Am 23. Mai brach Sarrail die ergebnislos gebliebene Schlacht ab. Auch in den albanischen Seenengen war ein am 8. Mai vorgetragener französischer Angriff vor den öst.-ung. und bulgarischen Stellungen zerschellt.

Das jetzt als XVI. Korps bezeichnete italienische Expeditionskorps begnügte sich damit, seine Front nach Osten bis Herseg südlich von Korea auszudehnen und dadurch die Lücke zum französischen Westflügel zu schließen. Die Italiener schoben aber auch Kräfte über die

1 j Großer Generalstab, Der große Krieg Serbiens zur Befreiung der Serben, Kroaten und Slowenen ("Belgrad 1924;, XXII, 220 ff.

griechische Grenze nach Süden vor und besetzten, ohne auf Widerstand zu stoßen, die Stadt Janina.

Der serbische Aufstand im Moravagebiet

Hiezu Übersichtskarte des südöstlichen Kriegsschauplatzes, Beilage 2 des I. Bandes

Nach der Eroberung Serbiens durch die Verbündeten im Spätherbst 1915 war die Befriedung des Landes, besonders die des gebirgigen und bewaldeten Südteiles, nicht völlig durchgeführt worden. So kam es, daß sich namentlich in dem Südostserbien umfassenden bulgarischen Verwaltungsgebiet, wo die Internierung der zurückgebliebenen wehrfähigen Männer unterlassen worden war, Banden bilden konnten. Als nach der Kriegserklärung Rumäniens die Besatzungstruppen geschwächt worden waren, nahm die Tätigkeit der Banden wesentlich zu. Sie erhielt einen besonderen Antrieb, als von Saloniki aus ein Aufstand vorbereitet wurde, der mit der Frühjahrsoffensive des Orientheeres zugleich losbrechen sollte. Da die Bulgaren zu Anfang 1917 die Assentierung der kriegsdiensttauglichen Serben ausschrieben, erhoben sich die serbischen Freischaren schon Ende Februar. Etwa 1000 Aufständische überfielen und vernichteten in Kuršumlje eine bulgarische Kompagnie, schlugen Entsatztruppen bei Prokuplje zurück und drangen gegen Niš vor. Nun wandten sich die Bulgaren an das k. u. k. Militär-Generalgouvernement in Belgrad um Hilfe1).

Der Generalgouverneur, GdI. Freih. v. Rhemen, bot alle ihm zur Verfügung stehenden Streitkräfte zur Niederwerfung des an seiner Bereichsgrenze entflammten Aufstandes auf. Es waren dies drei Marschkompagnien der nach Serbien verlegten Ersatzbataillone, ferner zwölf Streifkompagnien, ein Gendarmeriebataillon, eine Batterie und ein aus Eisenbahnsicherungen gebildetes Landsturmbataillon. Da dies nicht ausreichend schien, lenkte das AOK. von der Isonzofront noch das IR. 102 (zwei Bataillone) und eine Gebirgsbatterie, aus Bosnien das Grenzjägerbataillon III, ein Feldgendarmerie- und ein Etappenbataillon nach Serbien. Alle diese Kräfte (5100 Gewehre, 40 Maschinengewehre und 12 Geschütze) wurden unter Befehl des beim Militär-Generalgouvernement eingeteilten Obstlt. v. Jarmy gestellt.

*) Kcrchnawe, Bandenkrieg und Bandenbekämpfung im serbischen Okkupationsgebiete (Mil.wiss. Mitt., Wien, Jhrg. 1929, 20 ff., 185 ff.).

Der erste Schlag wurde, von Brus ausgehend, gegen Blace geführt. Am 15. März eroberte die Streitmacht Jármys, den gleichfalls vorrückenden Bulgaren um ein bis zwei Tage vorauseilend, die Stadt Kur-šumlje. Nun wurde ein Kesseltreiben gegen die im Gebirge östlich von Raška sich herumtreibenden Komiten unternommen. Am 18. März war das ganze westliche Besatzungsgebiet der Bulgaren von den Aufständischen gesäubert. Die Ruhe war, allerdings nur vorübergehend, hergestellt. Das IR. 102, das sich hier besonders bewährt hatte, wurde wieder an den Isonzo zurückgeführt.

Die großen F ü h r e r e n t s c h 1 ü s s e bis anfangs Mai

Die von den Ententemächten in den Konferenzen von Chantilly, Rom, Petersburg und Calais vereinbarte Generaloffensive an allen Fronten war nicht zustande gekommen. Der Sturz des Zarentums hatte in Rußland eine völlig neue Lage geschaffen. Das Heer war zur Stunde unfähig, zum Angriff zu schreiten. Damit war die ganze Ostfront der Entente lahmgelegt. Italien hatte sich bisnun abwartend verhalten. Wohl hatte Cadorna am 19. April, als er annehmen durfte, daß alle deutschen Reserven durch die englisch-französischen Angriffe in Frankreich gebunden wären und daher ein österreichisch-deutscher Flankenstoß aus Tirol nicht zu befürchten sei, den Entschluß zum neuerlichen Ansturm gegen die öst.-ung. Isonzofront gefaßt. Doch der erst für Mitte Mai angesetzte Angriff wurde der seinerzeit vereinbarten Gleichzeitigkeit der Kriegshandlungen, auch bei Einrechnung des zugestandenen Spielraumes von drei Wochen, nicht gerecht. Auch die Leistungen des vielsprachigen Orientheeres Sarrails entsprachen nicht den Erwartungen der Westmächte. Es war wohl mit seinen Hauptstoßgruppen am 5. und am

9. Mai losgebrochen; von dem ganzen Unternehmen, das Angriffe an verschiedenen Frontabschnitten ohne ausgesprochene Schwerpunktbildung vorsah, konnte jedoch ein durchschlagender Erfolg nicht erhofft werden.

Lediglich die Franzosen und die Engländer hatten an den getroffenen Vereinbarungen festgeh alten und waren Mitte April zum Angriff geschritten. Über Anfangserfolge waren sie aber im wesentlichen nicht hinausgekommen. Der erstrebte Durchbruch war mißglückt. Die bis zum Unterlauf der Maas reichenden Ziele lagen noch weit hinter der deutschen Front.

Um aus dieser schwierigen Lage einen Ausweg zu finden, traten die Staatsmänner und Heerführer Englands und Frankreichs am 4. Mai in Paris zu einer Beratung zusammen. Die Konferenz wurde noch um-düstert durch die Sorgen, die die unerwartet großen Erfolge der deutschen Tauchboote bereiteten.

In klarer Erkenntnis der vorhin skizzierten Kriegslage beschlossen die Konferenzteilnehmer, trotz aller obwaltenden Schwierigkeiten die Angriffe an der Westfront doch fortzusetzen, um bei den Deutschen nicht den Eindruck eines von ihnen errungenen Abwehrsieges aufkommen zu lassen. Allerdings reichten die Mittel für eine neuerliche große Offensive nicht mehr aus. Aber durch Teilangriffe sollten die Reserven des Gegners gefesselt und seine Fronttruppen zermürbt werden. Damit hofften die Führer der Westmächte, die kritische Zeit bis zum Eintreffen der amerikanischen Armee zu überstehen. Sie verhehlten sich allerdings nicht, daß bis dahin noch Monate verstreichen würden. Ob dann die nötigen Schiffe für den Transport noch vorhanden sein würden, stehe dahin.

Nicht ohne schwere Sorgen hatte der französische Generalissimus Nivelle, dessen Stellung schon stark erschüttert war, der diesmal vornehmlich von den Engländern geforderten Erneuerung der Angriffe zugestimmt. Der französischen Heeresleitung waren die Anzeichen einer tiefgehenden Gärung im Franzosenheere nicht entgangen, die durch die schweren Verluste in der Aprilschlacht und durch die Enttäuschung über das Ausbleiben des als sicher verheißenen Sieges in den Regimentern hervorgerufen worden war. Schwere Stunden standen Frankreich bevor. Die Engländer hinwieder beschlossen, das Schwergewicht nach Flandern zu verlegen, um sich in den Besitz der belgischen Küste zu setzen, die den Deutschen als Stützpunkt für ihre U-Boote und als Ausgangsstelle für ihre Luftangriffe gegen England diente. So währte es noch Wochen, ehe die Heere der Westmächte zu neuen Angriffen anzutreten vermochten.

Das deutsche Westheer durfte mit stolzer Genugtuung auf die östlich von Arras und an der Aisne erfochtenen Abwehrerfolge blicken. Hiebei waren allerdings alle bereitgehaltenen Verfügungstruppen eingesetzt worden. Als der Deutsche Kronprinz, ohne von den Disziplinwidrigkeiten im französischen Heere Kenntnis erlangt zu haben, den Antrag stellte, dem errungenen Siege einen Gegenangriff folgen zu lassen, mußte die DOHL. unter Hinweis auf den Mangel an schlagbereiten Kräften ablehnen.

Der deutsche Abwehrsieg war nur möglich geworden, weil die Russen Ruhe gehalten hatten. Obst. Hoffmann, der Stabschef des Oberbefehlshabers Ost, hielt, wie er am 17. April bei einer Besprechung zu Kreuznach meldete, die Moral und die Kampfkraft des russischen Heeres durch die Revolution wohl stark erschüttert. Gegen einen Angriff der Verbündeten würde es sich jedoch wehren. Die deutschen militärischen Führer meinten nun, die Zersetzung durch einen Angriff beschleunigen zu können. Die im Osten stehenden Kräfte reichten hiefür aber nicht aus, und Reserven standen der DOHL. — wie schon erwähnt — nicht zur Verfügung. Ein großer Angriff mußte daher unterbleiben.

Dies lag auch ganz im Sinne der deutschen politischen Leitung. Sie hatte die seit langem im stillen ersehnte russische Revolution begrüßt, weil sie hoffen zu können glaubte, daß Rußland bald aus der Reihe der Feindmächte ausscheiden werde. Nun besorgte sie, ein Angriff werde die Zersetzung des russischen Heeres eher aufhalten als fördern; daher sollte Rußland überhaupt nicht gereizt, sondern auf gütlichem Wege friedensgeneigt gemacht werden. Dieser Ansicht neigte auch Kaiser Karl zu, wie er dem deutschen Bevollmächtigten, GM. Cramon, gelegentlich einer Audienz am 26. April eröffnete 17).

Die Oberste Kriegsleitung der Verbündeten war daher anfangs Mai der Ansicht, daß keine Nötigung bestünde, von dem gefaßten Plane, das Schwergewicht der Kriegführung auf das Meer zu verlegen, abzugehen. Sie wurde darin durch die Leistungen der Tauchboote, denen die Rolle einer Ausfallstruppe aus der großen belagerten Festung zufiel, noch bestärkt. In der Tat hatten die U-Boote in den ersten drei Monaten ihres uneingeschränkten Wirkens die erhoffte Vernichtung von je 600.000t feindlichen Schiffsraumes im Monat noch überboten. Im Februar wurden 781.000, im März 885.000 und im April sogar 1,091.000 Tonnen versenkt18). Erst bis der Tauchbootkrieg die Ernährungs- und Versorgungsschwierigkeiten der Feinde erheblich vergrößert, und wenn ihre Heere sich durch fruchtlose Angriffe müde gerungen haben würden, dann mochte man an entscheidender Stelle zum Gegenschlage ausholen. Bis dahin erwarteten die Heere der Mittelmächte in voller Zuversicht die nächsten Anstürme ihrer Feinde.

DIE MAI-UND JUNISCHLACHTEN IM SÜDWESTEN

Die zehnte Isonzoschlacht

(12. Mai bis 5. Juni)

Vorbereitungen bei Feind und Freund Hiezu Beilage 7

Der italienische Angriffs'pla7t

Die bedeutende Vermehrung der Kräfte gestattete der italienischen Heeresleitung im Jahre 1917 am Isonzo einen erheblich größeren Einsatz an Truppen und Gerät als zu den bisher unternommenen Offensiven. Hingegen war die strategische Lage des italienischen Heeres seit Mai 1916 viel ungünstiger als zuvor, da es ihm trotz mehrerer Versuche nicht gelungen war, die feste Sperrmauer auf den Hochflächen von Arsiero und Asiago wiederzugewinnen, die vormals einen sicheren Rückenschutz geboten hatte. Die Heeresleitung sah sich weiterhin genötigt, beträchtliche Kräfte dauernd vor Südtirol festzulegen, und diejenigen, die vorschlugen, noch vor der im Frühjahr geplanten großen Isonzoschlacht den drohend vor Thiene und Bassano stehenden Gegner anzugreifen, um ihn in die Enge von Rovereto zurückzutreiben, fanden zustimmendes Verständnis. So wurden denn zwei Pläne nebeneinander erwogen: einer für die Hauptoffensive am Isonzo, ein zweiter für einen Angriff gegen Südtirol. Jener gewann in den am 19. April von der Heeresleitung erlassenen Weisungen bestimmte Form. Dieser sah einen Zangenangriff gegen die Eckpfeiler der Südtiroler Hochlandstellung vor, einerseits gegen den mächtigen Col santo, anderseits gegen den Ge-birgsstock, der im Mt. Kempel gipfelt. Dieser Plan wurde zu einem späteren Zeitpunkt als die zehnte Isonzoschlacht ins Werk gesetzt.

An der Isonzofront hatten die Italiener schon im März einen ersten Schritt zu der in Aussicht genommenen Entscheidungsschlacht getan. Die Heeresleitung hatte das VI. und das VIII. Korps, ferner die 12. ID. und das in Reserve gehaltene XXIV. Korps von der 2. Armee abgetrennt und unter der Bezeichnung ,,Zona di Gorizia“ dem GLt. Capello unterstellt. Dieser General war willensstark, aber auch eigenwillig. Nach der Eroberung von Görz, die ihm dem Ruhmestitel „Sieger von Görz“ eingetragen hatte, war er wegen Unbotmäßigkeit gemaßregelt worden. Nun kam Capello durch die Berufung zum Führer einer Armee wieder zu Ehren. Im April wurde auch das II. Korps in die „Zona di

Gorizia“ einbezogen, hingegen der Befehlsbereich der verkleinerten

2. Armee nordwärts über das an der Kärntner Grenze stehende und bisher „Karnische Gruppe“ genannte XII. Korps ausgedehnt. Es standen somit von der Adria bis zur Wippach die 3. Armee, GLt. duca d’Aosta, dann die „Görzer Armee“, wie die Zona di Gorizia weiterhin bezeichnet werden wird, bis zur Ortschaft Ajba (bei Canale) und von da bis zum Piaveursprung beim Mt. Peralba die 2. Armee, GLt. Piacentini. Weiter westlich und um Tirol herum blieben die Befehlsbereiche der 4., der 6. und der 1. Armee unberührt.

Der Heeresleitung standen anfangs Mai 59 Divisionskommandos x) mit 110 Infanteriebrigaden, 21 Bersaglieriregimentern, 4 selbständigen Bersaglieribataillonen, 88 Alpinibataillonen und etlichen Finanzwachbataillonen zur Verfügung. Ferner gab es vier Kavalleriedivisionen. Insgesamt zählte man rund 850 Bataillone19), 8200 Maschinengewehre, 3000 leichte und 2100 schwere Geschütze 20), dazu die von England und Frankreich geliehenen schweren Batterien; endlich noch 1500 großkalibrige Minenwerfer.

Etwa die Hälfte der genannten Streitkräfte sollte an der genannten Entscheidungsschlacht teilnehmen, die diesmal nicht allein zwischen dem Meere und Görz entbrennen, sondern ebensoweit nach Norden bis über Canale hinausgreifen, also einen Raum von 50 km Breite in ihre Fessel schlagen sollte. Der 3. Armee mit 16 Divisionen (186 Bataillonen) war die Hauptaufgabe zugewiesen, nämlich der entscheidende Durchbruch mit dem ersten Ziele Trsteli und Hermada. Daneben hatte die Görzer Armee die Aufgabe, sich mit 12 Divisionen (146 Bataillonen) der Linie Kuk a611—Mt. Santo—Mt. S. Gabriele—Mt. S. Marco zu bemächtigen. Als Heeresreserve waren bereitgestellt: 40 Bataillone, 8 Schwadronen und 6 Batterien im Friaul, ferner noch 30 Bataillone, die während der Schlacht von der Tiroler Front an den Isonzo gefahren wurden. Als Stichtag für den Beginn der Schlacht wurde der 7. Mai festgesetzt.

Gemäß den Weisungen vom 19. April hatte die Kriegshandlung in drei Phasen vor sich zu gehen. Zunächst sollte ein mächtiges Geschützfeuer an der ganzen Front einsetzen, dann die Armee Capello nach kürzerem Vernichtungsfeuer überraschend zum Angriff vorbrechen und zuletzt die, 3. Armee zum entscheidenden Schlag ausholen. Durch dieses Verfahren sollte der Gegner irregeführt und dazu verleitet werden, seine Reserven in falsche Richtung zu lenken. Zur Vervielfältigung der Artilleriewirkung wurde eine Anzahl von schweren, aber gut beweglichen und gesondert gruppierten Batterien zu einem eigenartigen Wechselspiel angewiesen. In der ersten Phase der Schlacht hatten 53 solcher Batterien der Görzer Armee und 18 der 3. Armee bei ihren Armeen zu wirken. Zur zweiten Phase hatte sich die Gruppe der 3. Armee rasch in die Zone von Görz zu verschieben und dort einzugreifen. Zur dritten, der entscheidenden Phase, sollte dann die genannte Artilleriegruppe zurückkehren, und zugleich auch jene der Armee von Görz an die 3. Armee überstellt werden.

Durch dieses sinnreiche, aber auch sehr gekünstelte, die gesamte Handlung in enge Schranken zwängende Manöverx) sollten bei der Armee Capello anfänglich 988 Geschütze t^id rund 400 Minenwerfer, hingegen bei der 3. Armee in der entscheidenden letzten Phase nicht weniger als 47 schwerste, 733 schwere und 470 leichte Geschütze sowie 584 Minenwerfer in Wirkung treten2).

Das Bereitstellen der k. ic. k. 5. Armee

Als der April zu Ende ging, war die Zeit gekommen, in der man jeden Tag auf den Großangriff der Italiener gefaßt sein mußte. Wohlgerüstet stand die 5. Armee abwehrbereit. Noch niemals hatte GO. v. Boroevic ein so mächtiges Werkzeug zur Verfügung gehabt.

Die vom Hochgebirgsstock des Krn bis zur Adriaküste in einer Länge von 64 km sich erstreckende Armeefront war in vier große Abschnitte geteilt. Der Abschnitt I war mit seinem Nordende auf den Felsen des Krn verankert. Südwärts fielen die Stellungen schroff ins Isonzotal ab; sie überquerten zweimal den Fluß und bildeten dadurch den Brückenkopf von Tolmein. Dann zogen sie am Ostufer des Isonzo hin. Bei der Ortschaft Auzza an der Mündung des Avščekbaches fand

x) Capello, Note di Guerra (Milano 1920) II, 52 f. Hier unterzieht Gen. Capello dieses Manöver einer sehr scharfen Kritik.

2) Nach Rivista di Artigleria e Genio, Oktoberheft 1933, 1357.

der 24 km lange Abschnitt I seine südliche Begrenzung. Er war vom XV. Korps, FML. Scotti, besetzt, das aus der 50. und der 1. ID. bestand und insgesamt 19 Infanteriebataillone sowie 40 Batterien zählte.

Südwärts von Auzza folgten die den Abschnitt Ha bildenden Stellungen dem Laufe des westwärts ausgebuchteten Isonzo. Bei Salcano, wo der Fluß nach einer scharfen Wendung in die Ebene von Görz tritt, lag die Südgrenze dieses Abschnittes, der 20 km maß und vom XVII. Korps, FML. v. Fabini, verteidigt wurde. Dieses hatte Ende April 22 Bataillone, wovon 13 dem Landsturm angehörten, und 42 Batterien. Kurz vor der Schlacht erhielt FML. Fabini noch fünf Landsturmbataillone zugewiesen. Dennoch mußte der Abschnitt, besonders an seinem Nordteil, wo die 62. ID. stand, als verhältnismäßig schwach besetzt bezeichnet werden. Etwas besser lagen die Dinge auf dessen Südflügel, der, durch die 57. ID. gebildet, die nördlichen Eckpfeiler des Beckens von Görz, die Höhen Mt. Santo und Mt. S. Gabriele, festhielt.

Den zwischen Salcano und der Wippach errichteten, 11 km messenden Abschnitt Ilb sperrte das kräftige, 35 Infanteriebataillone und 85 Batterien zählende XVI. Korps, dessen Führung im März FML. Králiček vom FZM. Wurm übernommen hatte. Ungewöhnlich stark bemessen war die Verteidigung des Abschnittes III, der die Stellungen auf der Karsthochfläche in sich schloß; in der geschlungenen, rund 19 km langen Front zwischen der Wippach und der Adria waren das

VII. Korps, FML. v. Schariczer, und das XXIII. Korps, FML. Edl. v. Schenk, eingenistet. Sie bestanden au,s je drei Divisionen und waren dem Abschnittskmdo. III unterstellt. Der Führer dieses Abschnittes war FZM. Wurm, dem Obst. Edl. v. Körner als Generalstabschef und Obst. Janečka als Artillerieführer zur Seite standen. Die Streitmacht auf der Karsthochfläche betrug 69 Bataillone und 174 Batterien.

Insgesamt standen somit anfangs Mai in der 50 km langen Front zwischen Auzza und dem Meere, die alsbald zum Schlachtfeld werden sollte, 126 Bataillone und 301 Batterien. Hinter der Front waren bereitgestellt: die 24. LstGbBrig. mit ihren fünf Bataillonen bei Ternová, und die zuletzt eingetroffene, in Wiederaufrüstung begriffene 106. LstlD. mit 12 Bataillonen und 8 Batterien im Raume südöstlich von Idria; ferner 4 Divisionen, u.zw.: die 43. SchD., die 16., die 48. und die dem FZM. Wurm unmittelbar unterstellte 10. ID., auf der Karsthochfläche, etwa im Dreieck Comen—Sesana—Triest. Die Batterien dieser vier Divisionen, die zusammen 49 Bataillone zählten, waren vorne in Stellung.

Die Anhäufung der Kräfte auf der Karsthochfläche zeigt eindeutig, daß das Armeekommando vorausschauend annahm, der Feind werde den Hauptangriff auf dem Südflügel führen. Diese Anschauung war nicht zuletzt aus den Berichten gewonnen worden, die der Nachrichtendienst über die Lage der gegenüberstehenden feindlichen Kräfte bot. Man wußte, daß die italienische 3. Armee im Raume zwischen derWippach-mündung und dem Meere zusammengeballt worden war, und daß im Gebiete von Görz Gen. Capello die Führung einer besonderen Armee übernommen hatte. Verborgen blieb allerdings die im April erfolgte Erweiterung des Befehlbereiches Capellos nach Norden bis zur Gegend von Ronzina (S. 133). Die Kenntnis davon hätte einen Fingerzeig dafür gegeben, dem Abschnitt Ha erhöhte Aufmerksamkeit zuzuwenden.

Die ersten Maitage vergingen in beklemmender Stille; es war die schwüle Ruhe vor dem aufsteigenden Gewitter. Die Italiener verbargen sorgfältig die letzten Vorkehrungen und ließen ihre Artillerie möglichst schweigen. Das regnerische Wetter kam ihnen zustatten. So konnten die Beobachter keine nennenswerten Änderungen beim Feinde wahrnehmen.

Indessen gab es nunmehr Überläufer in reicher Zahl, die nicht allein den nahen Beginn der Offensive anzeigten, sondern auch anzugeben wußten, daß die Schlacht auf verbreiterter Front, also auch im Gelände weit nördlich von Salcano, vorbereitet werde. Die nach Aufklaren des Wetters wieder eifrig ausschauenden Flieger konnten nun im Gebiete des Kolovrat und der Korada zahlreiche neue Truppen-und Troßlager feststellen. Am 7. Mai enthüllten sich gegenüber dem k. u. k. XVII. Korps überdies zahlreiche neue Batterien durch ihr heftiges, besonders gegen die Standorte der Reserven und höheren Kommandos gerichtetes Feuer.

Die Meinung, die der frühere Chef des Generalstabes, FM. Conrad, schon im Februar ausgesprochen hatte (S. 106), schien sich zu bestätigen. Am 9. Mai drahtete GO. Boroevic nach Marburg, die deutlicher werdende Bedrohung des XVII. Korps, dem bis jetzt größtenteils nur eine beobachtende Rolle zugedacht gewesen sei, erheische die Bereitstellung einer entsprechend starken Armeereserve hinter diesem Korps; die in dessen Bereich stehende Landsturmbrigade werde nicht genügen. Das Armeekommando plane daher, um sich vor unliebsamen Überraschungen zu bewahren und den Kampf an der ganzen Front nähren zu können, die Bereitstellung einer Division in der Gegend von Ternová. Es stünden dann an großen Reserven drei Divisionen hinter dem Abschnitt III, eine hinter dem XVI. und eine hinter dem XVII. Korps.

Das seit Ende März zwischen dem 5. Armeekommando und der Heeresleitung wieder eingeschobene „Kommando der Südwestfront“ in Marburg stimmte dem Vorschläge des GO. Boroevic nicht zu, denn gerade jetzt war ihm von Baden bedeutet worden, daß dem Südwesten höchstwahrscheinlich keine weiteren Verstärkungen zugeführt werden könnten. Daher müsse auf genauestes Haushalten mit den Kräften das allergrößte Gewicht gelegt werden. Erzherzog Eugen ordnete am

10. Mai an, „daß jede Verschiebung der großen Reserven zu unterbleiben habe, solange konkrete Anzeichen fehlen, daß die Lage eine Veränderung erfahren und das Kräfteverhältnis in den einzelnen Abschnitten sich wesentlich verschoben hätte. Dem Bedürfnis, auch den nördlichen Armeeflügel — wenn die Lage es erfordere — unterstützen zu können, habe das Kommando der Südwestfront durch Vorziehen der 106. LstlD. in den Kantonierungsraum von Wippach bereits Rechnung getragen.“

Indessen hatte das 5. Armeekmdo. schon einige Vorkehrungen zur Verstärkung des XVII. Korps eingeleitet. Es hatte die ihm bisher unbeschränkt unterstehende k. k. 24. LstGbBrig. dem genannten Korps zur Verfügung gestellt und von Temova auf das Hochland von Bainsizza abrücken lassen. Als dann beobachtet wurde, daß der Feind gegenüber von Auzza am Isonzo Vorbereitungen zu einem Flußübergang treffe, wurde im besonderen der 62. ID. ein Regiment dieser Brigade zugewiesen. Ferner erhielt das benachbarte XV. Korps den Befehl, an seinem Südflügel Reserven bereitzuhalten und, wenn nötig, die 62. ID. zu unterstützen.

Eine dritte Maßnahme, das beabsichtigte Herübernehmen von noch vier Infanteriebataillonen des XV. Korps in den Bereich des XVII. Korps mußte aber unterbleiben. Denn das zur Ablösung dieser vier Bataillone bestimmte SchR. 37, das im April auf nachdrücklichen Wunsch des FML. v. Zeidler wegen Unverläßlichkeit aus der Görzer Front herausgezogen worden war, um dann beim XV. Korps einen voraussichtlich weniger gefährdeten Abschnitt zu besetzen, gab neuerlich Grund zu Beschwerden. Zwei Offiziere und dreizehn Mann dieses dalmatinischen Truppenkörpers waren gleich nach Wiedereintritt in die Front übergelaufen. Es erschien jetzt unerläßlich, das Regiment zur Wiederherstellung von Zucht und Ordnung gänzlich auszuscheiden. Die dem XVII. Korps zugedachten vier Infanteriebataillone mußten beim XV. Korps verbleiben. Dies und der vorerwähnte Einwand des Kommandos der Südwestfront hatten zur Folge, daß die Absichten des 5. Armeekmdos. nur unvollständig verwirklicht wurden.

Während also die Anzeichen für ein kraftvolles Unternehmen gegen das XVII. Korps merkbar Zunahmen, konnten solche vor dem XVI. Korps und dem Abschnitt III, trotz scharfer Beobachtung, nicht wahrgenommen werden. Dessenungeachtet hielt Boroevic an der Meinung fest, daß der feindliche Hauptschlag gegen den südlichen Armeeflügel geplant sei und in aller Heimlichkeit vorbereitet werde. Diese Überzeugung hielt ihn davon ab, an die Stelle der 106.LstID., deren Verschiebung ihm nicht zugebilligt worden war, eine jener vier Divisionen zu setzen, die hinter dem Südflügel auf der Karsthochfläche bereit standen. Am

10. Mai trat wieder auffallende Ruhe an der Front ein, die auch am

11.    Mai anhielt. Mochten die Italiener zuguterletzt ihr Vorhaben aufgegeben oder auf einen späteren Zeitpunkt verschoben haben? Diese Frage wurde beim 5. Armeekmdo. ernstlich besprochen. Die allgemeine Kriegslage war auf Seiten der Entente keineswegs günstig. Weder den Engländern noch den Franzosen war der große Durchbruch an der Westfront gelungen. Rußland erschien durch die Vorgänge im Innern geschwächt. Also konnten es sich die Italiener überlegt haben, mm allein, ohne mittelbare Hilfe ihrer Bundesgenossen, ans Werk zu gehen.

Da, am 12. Mai morgens, lösten sich alle Zweifel. Kaum daß das erste Licht den Anbruch des Tages verkündete, erscholl an der ganzen Front von Tolmein abwärts bis zum Meere lebhafter Kanonendonner, der alsbald zu unerhörter Heftigkeit anschwoll. Die Schlacht begann.

Der erste Waffengang (12. bis 20. Mai)

Hiezu Beilage 8

Der Großangriff der Görzer Armee

Der Kommandant der Görzer Armee, GLt. Capello, sah seine Aufgabe vornehmlich darin, dem Gegner die nördlichen Eckpfeiler des Beckens von Görz, die Bergklötze Mt. S. Gabriele und Mt. Santo, zu entwinden. Dadurch sollte dem VIII. Korps (7., 24. und 48. ID.), das sein Schwergewicht zunächst auf die Eroberung der sanften Höhen östlich von Görz zu legen hatte, ein Eindringen in das Wippachtal ermöglicht werden. Zur Besitznahme der eben genannten, durch den Dolsattel geschiedenen Eckpfeiler setzte Capello das VI. Korps (8. und 10. ID.) aus dem Gebiete von Salcano zum Stirnangriff an. Da nun die Gipfelreihe Mt. Santo ^682, Vodice ^ 652 und Kuk A 611 einen geschlossenen, schwer angreifbaren Gebirgszug bildet, der aber im Norden gegen Plava stufenweise abfällt, hatte das II. Korps (3., 47. und 60. ID.), aus dem Brückenkopf von Plava und über Zagora vorstoßend, zuerst den Kuk und den Vodice, vielleicht auch den Kobilek -<}>- 627, zu erobern, um dann dem VI. Korps auf dem Mt. Santo die Hand zu reichen. Die gewiß schwierige Aufgabe des II. Korps gedachte der Korpsführer durch ein ausholendes Manöver seines linken Flügels zu erleichtern. Dazu sollte die kampftüchtige, aus Bersaglieri und Alpini zusammengesetzte 47. Division zwischen Canale und Loga den Isonzo überwinden und in südlicher Richtung über die Ortschaft Vrh gegen den Jelenik A 788 kräftig vorstoßen. Einige Tage vor Beginn der Schlacht wünschte aber Gen. Capello, daß die Kraftausgabe für den gedachten Flankenstoß beschränkt werde, weil er irrigerweise wähnte, der Gegner habe sich vor der Mitte des II. Korps bedeutend verstärkt. Es gab Meinungsverschiedenheiten und zuguterletzt trat der Kommandant des II. Korps, der an der Erfolgsmöglichkeit des nun rein frontalen Angriffes zweifelte, von seinem Posten zurück. Er wurde am 13. Mai durch den Generalstabschef Capellos, den GLt. Badoglio, ersetzt. Dadurch gewann dieses Korps einen tatkräftigen Führer und zugleich die Handlung bei Plava an Gewicht, indem der frühere Armeegeneralstabschef seinen Wünschen nach Verstärkung Geltung zu verschaffen wußte. Das Unternehmen auf dem linken Flügel wurde eingeschränkt. Auch die Aufgabe des äußersten Südflügels der Görzer Armee, der im allgemeinen im Einklang mit dem Nordflügel der 3. Armee auf Biglia Vordringen sollte, war zuletzt nicht genau umschrieben.

Außer den genannten Heereseinheiten standen am 12. Mai bereit: die 53. ID. hinter dem II. Korps, die 11. ID. hinter dem VIII. Korps, und nordwestlich von Cormons, wo Gen. Capello sein Hauptquartier hatte, das XXIV. Korps (23. und 49. ID.). Fenier gelangten auch in den Bereich der Görzer Armee, zunächst noch zur Verfügung der Heeresleitung, die drei Brigaden starke 20. ID. und eine Alpinigruppe sowie die 2. KD., der außer der Reiterei und zwölf Radfahrbataillonen auch eine Infanteriebrigade unterstand. Gen. Capello verfügte im ganzen über 146 Infanteriebataillone und 990 Geschütze. Hievon traten anfänglich etwa 70 Bataillone und 550 Geschütze gegen das k. u. k. XVII. Korps (S. 136) in den Kampf. Der Angreifer war hier dem Verteidiger etwa dreifach überlegen. Gegen das k.u.k. XVI. Korps setzte Capello zunächst rund 40 Bataillone und 440 Geschütze ein. Die Überlegenheit war hier nicht sehr erheblich.

Die Lage des k. u. k. XVII. Korps war in den zwei Divisionsabschnitten recht ungleich. Im Bereiche der vom GM. Novak v. Arienti befehligten 62. ID. lag diesehr schwach besetzte Kampflinie der 205. Lst-IBrig., Obst. Edl. v. Lewandowski, von Auzza flußabwärts bis Descla— Britof knapp am Isonzo. Südlich anschließend gab es zwei Stellungen nahe hintereinander. Die erste Stellung umkränzte die Höhen östlich von Plava und den Kukrücken auf halbem Hange, um erst bei Vodice 652 die Kammlinie zu erreichen. Sie war von der 121. IBrig., Obst. Kouff, besetzt. Ihr gegenüber hatten sich die Italiener schon in den ersten Kriegswochen auf dem Ostufer des Isonzo eingenistet. An Bemühungen, den Feind aus dem Brückenkopf zu vertreiben, hatte es nicht gefehlt. Sie hatten stets mit großen Verlusten geendet und wurden seit Monaten nicht mehr wiederholt. Jede Bewegung auf dem feindwärts abfallenden Hang wurde von den Batterien auf der Korada und auf dem Mt. Sabotino unter Flankenfeuer genommen. Darunter litten auch die Schanzen und es hatte nicht an Vorschlägen gefehlt, die Hauptwiderstandslinie auf den Kamm des Kukrückens zu verlegen, wo die zweite Stellung errichtet war. Allein, dies wäre einer freiwilligen Preisgabe eines Geländestreifens gleichgekommen und hätte dem Feinde den Eintritt ins Isonzotal abwärts von Plava öffnen können. Das Armeekommando hatte sich daher für die Beibehaltung der vorderen Kampflinie entschieden.

Von der kahlen Höhe Vodice, die noch im Bereich der 62. ID. lag, führt eine Bergbrücke in nordöstlicher Richtung zum Hochland Bain-sizza—Heiligengeist hinüber. Diese Bergbrücke und der Westrand des genannten Hochlandes war durch Stützpunkte befestigt. Hier hatte das dem XVII. Korps zuletzt zugewiesene LstlR. 11 Aufstellung genommen.

Südlich von der 62. ID. stand die 57. ID., GM. Edl. v. Hrozný. Ihre Hauptstellung zog sich auf dem Rücken vom Vodice zum Mt. Santo hin, überquerte den Dolsattel, über den die Straße aus dem Kessel von Britof hinab nach Salcano führt, und umrahmte dann den Westhang des Mt. S. Gabriele. Die Front der 57. ID. war im Nordteil durch die 5. IBrig., Obst. Freih. v. Albori, im Süden durch die 18. IBrig., Oberst Laxa, gut besetzt.

In dieser Lage nahm das XVII. Korps am 12. Mai den Kampf mit dem übermächtigen Feind auf. FML. Fabini, der von Chiapovano aus die Verteidigung leitete, verfügte zunächst nur über das LstlR. 27 als Reserve. Doch am Abend erfuhr er, daß die 106. LstlD. nach Ternová vormarschieren werde. Das ungemein heftige feindliche Zerstörungsfeuer dauerte die ganze Nacht fort, steigerte sich am 13. und wurde schließlich am 14. zum Trommelfeuer. Es bedeckte alle Stellungen und ihr Anland bis weit zurück mit bestimmter Richtung auf die Standorte der höheren Befehlsstellen. Der Schaden war groß. Vielenorts wurden die Hindernisse zerstört, die Gräben verschüttet. Auch die Verluste waren nicht gering. Dennoch vermochte dieser andauernde, zermürbende Eisenhagel den harten Willen der todesmutig ausharrenden Verteidiger nicht zu brechen. Die zwar mit hinreichendem Schießbedarf versehene, aber in diesem Abschnitte nicht sehr zahlreiche Abwehrartillerie erwiderte das Feuer die ganze Zeit hindurch und brachte dem Feinde schon Verluste bei, ehe er noch aus den Ausfallsgräben hervorbrach. Endlich, am 14. Mai zu Mittag, erhob sich die italienische Infanterie.

Schon am ersten Tag der Schlacht hatte GO. Boroevic aus der Heftigkeit und Ausdehnung des italienischen Artilleriefeuers die Breite des vom Feinde gewählten Angriffsfeldes erkannt. Es gab keinen Zweifel, die außerordentlich große Zahl neuer Batterien, die vom 12. Mai auf den Bergen vor dem XVII. Korps aufblitzten, konnten dort nicht allein zu ablenkender Tätigkeit in Stellung gegangen sein. Der Generaloberst bat daher das Kommando der Südwestfront neuerlich, die 106-LstID. freizugeben, und ordnete am späten Abend, nachdem er die Zustimmung erhalten hatte, den schon erwähnten Vormarsch aus der Gegend von Wippach in jene von Ternová an. An Stelle der 106-LstID. hatte eine Brigade der 43. SchD. von Senosetsch in die leer gewordenen Unterkünfte bei Wippach und Hl. Kreuz abzurücken. Nach Durchführung dieser Verschiebungen war am 13. Mai nachts jene Gruppierung der großen Reserven erreicht, die das Armeekommando schon etliche Tage früher in Aussicht genommen und höheren Orts beantragt hatte (S. 137). Indessen währte das heftige Artilleriefeuer an der Front zwischen Auzza und dem Meere unablässig Tag und Nacht fort.

Wo wird der Hauptstoß stattfinden? Das war jetzt die Frage. Man konnte dem Italiener nicht zumuten, daß er in 50 km Breite gleichmäßig stark anzugreifen beabsichtige. Die Meinung ging dahin, daß das im Nordabschnitt gegen die Hochfläche von Bainsizza in Gang befindliche Unternehmen der Ablenkung unserer Kräfte dienen mochte, indessen der feindliche Hauptschlag wahrscheinlich doch gegen den Südflügel, Richtung Triest, geplant sei.

Da am 13. noch kein Infanterieangriff stattfand, konnte an diesem Tage im Abschnitt III die 9. ID. durch die 16. ordnungsgemäß abgelöst werden. Darnach standen am 14. Mai die 9., die 10. und die 48. ID.

sowie eine halbe 43. SchD. in Reserve auf der Karsthochfläche von Comen—Sesana. Jetzt erhielt das Armeekommando auch die erfreuliche Mitteilung, daß noch zwei Divisionen vom russischen Kriegsschauplätze ankommen würden (S. 111). Es waren dies die 24. ID., die auf Ersuchen des GO. Boroevic an der zum Nordflügel heranführenden Bahn bei Pod-melec unweit von S. Lucia ausgeladen werden sollte, und die 35. ID., die mit der Südbahn hinter den Südflügel zu leiten war.

Nach dem zweieinhalbtägigen Feuerorkan entbrannte am 14. Mai mittags — nur den Bereich des k. u. k. XV. Korps unberührt lassend — an der ganzen Isonzofront der Kampf der Infanterie.

Aus dem Brückenkopf von Plava brandete der erste tief gegliederte Angriff der durch Bersaglieri verstärkten 3. Division heran. Zugleich setzte die Spitzenbrigade der 60. ID. nahe bei Zagora über den Isonzo und stürmte gegen die Schanzen bei den Ruinen dieser kleinen Ortschaft vor. Um die vorspringende Bastion auf der „blutigen“ Kote 383 wurde heftig gerungen. Zweimal gelang es den Italienern, in die Gräben einzudringen, aber die heldenmütigen Streiter des ungarländischen Infanteriebataillons 11/52 vertrieben den Feind immer wieder. Bei Zagora rangen die Dalmatiner des IR. 22 gegen große Übermacht; doch auch sie wichen nicht. So konnte die 62. ID. am Abend melden, daß an ihrer ganzen Front alle ersten feindlichen Angriffe abgeschlagen seien.

Das nahezu gleichzeitige Unternehmen der italienischen 10. ID. gegen den Mt. Santo und den Mt. S. Gabriele zerschellte im vortrefflich geleiteten Abwehrfeuer der Artillerie. Der Feind flutete die Berghänge gegen Salcano hinab. So lautete denn auch der Nachmittagsbericht der 57. ID. befriedigend. Da schrillte plötzlich die Meldung auf, der Feind stehe auf dem Mt. Santo. Das Korpskommando alarmierte seine Reserven sowie die 110. LstlBrig. der eben bei Ternová nach ermüdendem Marsch eingetroffenen 106. LstlD. und ließ sie gegen den Mt. Santo vorrücken. Doch ehe es noch zum Eingreifen dieser Truppen kam, war der böse Spuk vorüber. Die Brigade- und Divisionsreserven hatten zugegriffen und noch während der Nacht den Berg zur.ückerobert. Teile des durch die Überraschung in Gefangenschaft geratenen k. u. Lst-IBaons. 111/25 wurden befreit.

Dieser aufregenden, aber doch glücklich beendeten Episode war italienischerseits ein bemerkenswertes Vorspiel vorangegangen. Der Kommandant der zum Angriff gegen den Mt. Santo angewiesenen Brigade hatte seinerzeit geplant, von Salcano aus ein Regiment frontal etwa über den zum Kloster führenden Schlangen weg anzusetzen, das zweite Regiment aber im Isonzotal nordwärts durchzuziehen, um es dann zur Überraschung des Gegners, im Gestrüpp des Westhanges verborgen, zur Höhe aufsteigen zu lassen. Der Vorschlag wurde höherenorts nicht gutgeheißen; aber man gestattete dem Brigadier, ein Bataillon auf dem angegebenen Schleichwege auszusenden J). Es ergab sich nun, daß gerade nur dieses Bataillon den erwähnten Erfolg heimbrachte, der ihm dann allerdings aus Mangel an ausreichender Unterstützung wieder entglitt, indessen alle übrigen, vom italienischen VI. Korps in der Nacht sowohl gegen den Dolsattel als auch gegen den Mt. S. Gabriele erneuerten Angriffe mißlangen. Ein abermaliger, in den Morgenstunden des 15. Mai angesetzter Massenstoß gegen die zuletzt genannten Höhen prallte im Vernichtungsfeuer der Artillerie an der tapferen Abwehr der Steiermärker des IR. 87 und des FJB. 9 derart blutig ab, daß die Italiener es fortan unterließen, diese Eckpfeiler auf dem Südflügel des XVII. Korps wieder anzutasten.

Hingegen war es dem italienischen II. Korps nach den ersten vergeblichen Versuchen schließlich in der Nacht auf den 15. geglückt, die den Brückenkopf von Plava umschließende Klammer gewaltsam zu öffnen, mehrere völlig zerschossene Schanzen der Hangstellung bei Za-gora und Zagomila in hartem Kampfe zu erobern und, sich südwärts ausbreitend, an die Höhenstellung -<^535—Kuk Aóll—Vodice-<>-652 heranzuarbeiten. Von Tagesanbruch an berannte der Feind diese Stellung. Aber die hier aufgestellten Bataillone der 121. IBrig. ließen nicht locker und behielten im verbissenen Kampfe, an dem die Artillerie des Verteidigers nicht minder kräftig als die des Feindes mitwirkte, schließlich doch die Oberhand. Der Großteil der Hangstellung blieb allerdings endgültig verloren. Nur in ihrem Nordteil leisteten noch immer das Bataillon II 52 auf der „blutigen“ Kote und das k. u. Landsturmbataillon VI'4 bei Globna heldenhaft Widerstand gegen den auch hier mit Übermacht anstürmenden Feind. In diesen schweren Kämpfen in der Korpsmitte verblutete die 121. IBrig. zusehends. Zum Ersatz der hohen Verluste waren frische Kräfte erforderlich. Sie zu beschaffen, bereitete dem Korpskommando nicht geringe Verlegenheit; denn gleichzeitige Ereignisse auf dem Nordflügel übten eine ablenkende Wirkung.

Dort hatte der Feind — den Morgenmeldungen zufolge — bei Bodrez und Loga den Isonzo überschritten und ging in südlicher Richtung vor. Die Meldung wirkte um so mehr beunruhigend, als frühere Nachrichten besagt hatten, die Italiener planten in diesem Raume ein

x) B a j - M a c a r i o, Kuk, 43.

großes Unternehmen. In der Tat war es dem Feinde in der Nacht gelungen, eine Brücke zu schlagen, und mit zwei Bataillonen das am Isonzo-ufer in völlig zerstampften Gräben ausharrende k. k. LstIBaon. III/409 zu überwältigen. Des Morgens griffen die Batterien und Reserven der 205. LstlBrig. sowie Teile des auf dem Hochlandsrand bereitgehaltenen k. k. LstlR. 11 ein, so daß der Feind sehr rasch zum Stehen gebracht war; überdies wurde seine Brücke im Granatfeuer zerstört. So war denn schon am 15. abends die Gefahr gebannt. Aber der erste besorgniserregende Eindruck hielt länger an und fand in der Folge dadurch Nahrung, daß die Italiener noch ein Bataillon übersetzten. Die Überschätzung des feindlichen Vorhabens führte dazu, daß auch das k. k. LstlR. 27 in den vermeinüich bedrohten Raum geleitet wurde, womit die ganze 24. LstlBrig. ausgespielt war. Auch ein Infanteriebataillon, das vom XV. Korps herüberkam, wurde hier festgehalten.

Durch diese, dem Feinde geglückte Ablenkung der Kräfte geriet das Korpskommando, als es sich genötigt sah, die heftig angegriffene und wirklich bedrohte Korpsmitte zu stützen, in schwere Verlegenheit. Das Armeekommando war durch die Dringlichkeit der vom Korps gestellten Bitten um Verstärkungen einigermaßen betroffen. Es überließ ihm schon am 15. morgens die 110. LstlBrig., auf die das Korpskommando allerdings schon selbst gegriffen hatte, um den Mt. Santo zuversichtlich zu halten. GO. Boroevic befahl daher, daß das im Idriatal bei Slap ruhende SchR. 37 auf die Hochfläche von Bainsizza vorzurücken habe und unterstellte zwei Bataillone dieses Regiments nun dem Korpskommando1). FML. Fabini zog diese beiden Bataillone und das k. k. LstlR. 31 der vorgenannten Brigade zur Korpsmitte heran.

Ungeachtet der großen Verluste, die die Italiener im Laufe des 14. und 15. erlitten hatten, versuchten sie in der Nacht zum 16. neuerlich, sich der ,;blutigen“ Kote und des Kuk—Vodicerückens zu bemächtigen. Aber hier wie dort scheiterte ihr Vorhaben. Nun setzte Gen. Badoglio noch eine Brigade der 53. ID. und Teile der 47. ID. ein. Nach einem heftigen Trommelfeuer stürzten sich zusammengeballte Kräfte auf die gerade noch im letzten Augenblicke durch das LstlR. 31 verstärkte 121. IBrig.2). Die braven Landsturmmänner wehrten sich heldenmütig, warfen den an einzelnen Stellen eingebrochenen Feind in wütendem Handgemenge hinaus, aber schließlich siegte die gewaltige

!) Fabini, Die Kämpfe um die Hochfläche von Bainsizza (Mil. wiss. Mitt., Wien, Jhrg. 1933, 334 ff.).

2) Die 121. IBrig. bestand zur Hälfte aus Landsturm (siehe Beilage 6).

Übermacht der Italiener. Da griff am Nachmittag das herbeigeeilte k. k. LstIR.6 ein. Nach einem kurzen, gut zusammengefaßten Feueranfall der Artillerie stürmten die tapferen Egerländer und entrissen dem Feinde den blutig errungenen Lorbeer. Nur kleine Grabenstücke nächst -cj'- 535 und 524 blieben in seiner Hand.

Die Einfügung von zwei Regimentem der 106. LstlD. in den Befehlsbereich der 121.IBrig. veranlaßte das Korpskommando, dem Kommandanten dieser Division, GM. Kratky, die Führung der Korpsmitte zu übertragen. Der Befehlsbereich des GM. Novak-Arienti wurde auf die 205. und die 24. LstlBrig. eingeschränkt.

Gegenüber der 57. ID. wiederholte das italienische VI. Korps mit der 10. und Teilen der 8. ID. die Angriffe gegen den Mt. Santo und die Sattelstellung bei -c^- 503; das Unternehmen scheiterte jedoch im wohlgeleiteten Sperrfeuer der starken Artillerie und an der tapferen Haltung der verstärkten 5. Brigade.

Die Kämpfe im Bechen von Görz

Während die Armee des Gen. Capello in den ersten drei Tagen der Angriffshandlung auf dem linken Flügel einen allerdings nur bescheidenen Erfolg erzielen konnte, war ihr rechter Flügel im Becken von Görz trotz allen Bemühens nicht um einen Schritt vorwärts gekommen. Das hier mit drei verstärkten Divisionen ins Treffen geschickte

VIII. Korps war an der unüberwindlichen Mauer des k. u. k. XVI. Korps vergeblich angerannt.

Dieses seit Ende März vom GdI. Králiček befehligte Korps stand am 12. Mai in fester Haltung abwehrbereit. Den nördlichen Flügel bildete die seit Jahr und Tag vom FML. Zeidler geführte 58. ID., die aus der 4. und der 5. GbBrig. zusammengesetzt war. Nach den zuletzt vorgenommenen Ablösungen verfügte die 4. GbBrig., GM. Adalbert v. Dáni, über je zwei Bataillone des Wiener LstIR. 1 und des Linzer Lst-IR. 2, ferner über das IBaon. III, 85 und das k. k. LstlBaon. 42. Die 5. GbBrig., Oberst Prey, war aus dem IR. 96, dem SchR. 23 und je einem Bataillon des IR. 28 und des k. k. LstIR. 1 sowie aus dem FJB. 2 zusammengesetzt. Der rechte Flügel' der 58. ID. hielt die Bastion von Sv. Katarina am Fuße des Mt. S. Gabriele, die Mitte stand unweit vom Görzer Friedhof bei Grazigna und sperrte in gutgebauten Schanzen auf der Höhe^v 174, dann bei Tivoli und auf der Höhe-<i>- 171 das Rosental. Der linke Flügel war auf der Höhe S. Marco A 227 fest verankert.

Südlich des Bahndreieckes von St. Peter, über Sober und über die Bodenwellen östlich des Vertojbicabaches bis zur Wippach bei Biglia sich erstreckend, hatte die westungarische 14. ID., GM. v. Szende, vor etwa Monatsfrist die 43. SchD. abgelöst. Sie war regelmäßig gegliedert und jetzt durch das LstlR. 22 verstärkt1). Vier ihrer Infanteriebataillone waren so wie drei der 58. ID. als Korpsreserve ausgeschieden.

Es war für das XVI. Korps keine Überraschung, als am 12. Mai morgens die italienischen Batterien und Minenwerfer die große Kanonade eröffneten. Darauf war man schon seit Tagen gefaßt gewesen. Die Heftigkeit und die Dauer des Eisenhagels, durch den große Teile der Verschanzungen vollständig zerschlagen und an manchen Stellen schließlich in ein richtiges Trichterfeld verwandelt wurden, übertraf allerdings alle Erwartungen. Die mächtige Artillerie des Verteidigers blieb indessen nicht müßig. Sie hielt die italienische Infanterie nieder, die sich in den Ausfallsgräben bereitstellte, und es gelang ihr auch, das feindliche Geschützfeuer zeitweise zu dämpfen. Auf beiden Seiten wurden auch Gasgeschosse verwendet.

Geschlossener und gleichzeitiger als gegen das XVII. Korps gingen am 14. mittags die feindlichen Sturmwellen im Görzer Becken vor. Der Hauptangriff war gegen die 58. ID. gerichtet; die Absicht des Feindes, über die Höhe von Sv. Katarina und über S. Marco durchzubrechen, war unverkennbar. Gegen die Schanzen bei Sv. Katarina rannten zwei Regimenter an. Sie erlitten schon im Sperrfeuer schwerste Verluste und wurden dann gänzlich abgewiesen. Bei Grazigna drangen einzelne Kompagnien durch, doch unterlagen sie dann im Kampfe Mann gegen Mann. Vier Brigaden griffen die Verteidigungsabschnitte Rosental und S. Marco an. Hier wie dort wogte grimmiger Kampf bis in die Nacht hinein. Das SchR. 23 erlitt große Verluste, konnte aber schließlich dem Feinde noch innerhalb der ersten Kampfzone Halt gebieten. Auf dem Mt. S. Marco gewannen die Italiener eine Schanze. Bei der 14. ID. wurde nur der Nordflügel entschieden angegriffen. Die Höhe bei Sober war hier Brennpunkt der Handlung. Die Italiener konnten keinen Erfolg erzielen. Gegenüber den anderen Frontteilen dieser Division zeigte der Feind nicht den entschlossenen Willen zum Angriff. Er zögerte, weil er offenbar die in Aussicht gestellte Einwirkung der Nachbararmee vermißte. Ein Angriffsversuch aus der Ortschaft Vertojba heraus zersplitterte schon im Artilleriefeuer. GdI. Králiček, der schon im Laufe des Nach-

x) Die LstlR. 1, 2 und 22 gehörten der k. k. 1. LstBrig. an, deren Kommando zu dieser Zeit ausgeschaltet war.

mittags die Korpsreserven näher zur Front marschieren ließ und eine Verstärkung der 5S. ID. auch durch ein Bataillon der 14. ID. vornahm, erbat sich vom Armeekommando die 86. SchBrig. als neue Korpsreserve. GO. Boroevic willfahrte dieser Bitte. Die Brigade rückte abends bis Cernizza vor. An ihrer Stelle gelangte am 15. nachts das Kommando der 43. SchD. mit der 59. IBrig. in den Raum um Hl. Kreuz.

Am 15. Mai erneuerte der nimmermüde Feind die Angriffe im Abschnitte zwischen Grazigna und Vertojba. Er vermied es aber, nochmals gegen die mächtigen, mit Maschinengewehren gespickten Stellungen auf den Bergfüßen des Mt. S. Gabriele vorzugehen, wo die Brigade Milano übel zugerichtet worden war1). Die Kämpfe im Panowitzer Wald sowie bei der Höhe -<{>-171 und um den Mt. S. Marco wurden mit größter Erbitterung bis zum Abend durchgefochten. In hervorragender Haltung vereitelten die bewährten Truppen der 58. ID., unter denen namentlich das dalmatinische SchR. 23 hervorgehoben zu werden verdient '), alle Anstrengungen des Feindes. Wiederholte feindliche Vorstöße gegen den Nordflügel der 14. ID. bei Sober und Vertojba wurden von Bataillonen der westungarischen Infanterieregimenter 71 und 76, deren zweites zum Teil dem heutigen Burgenlande entstammte, völlig abgewiesen.

Wie am Vortage griffen abermals unsere Fliegerkompagnien in den Erdkampf ein. Sehr unangenehm machten sich aber auch die ,,Ca-proni" fühlbar 21), die, niedrig kreisend, mit ihren Maschinengewehren und Bomben namentlich die Batterien angriffen. Die wenigen Flugzeugabwehrgeschütze konnten sie nicht verscheuchen. Dieses üble Spiel wiederholte sich auch in den nächsten Tagen.

Beharrlich versuchte das italienische VIII. Korps am 16. Mai noch einmal den Durchbruch zu erzwingen. Sieben Brigaden waren auf dem Angriffsfelde dieses Korps schon in den Kampf getreten. Nun kamen zwei frische hinzu. Bei Damber, südlich von Sv. Katarina, wurde die Brigade Emilia eingesetzt. Sie ging mit frischem Mut an die Aufgabe heran, deren Ausführung ihrer Vorgängerin, der Brigade Milano, so übel bekommen war. Im schneidigen Anlauf gelang es ihr, das gesteckte Ziel teilweise zu erreichen. Aber sie konnte sich des Erfolges nicht lange erfreuen. Das Wiener LstIBaon. IV/39 ging, ungeachtet der beträchtlichen Übermacht des eingedrungenen Feindes, unverzagt zum Gegenangriff über und gewann nicht nur die Stellungen zurück, sondern brachte auch noch 500 Gefangene ein.

In der Mitte des Angriffsfeldes waren die Brennpunkte der Kämpfe die gleichen wie am Vortage. Die in diesem Raume hinzugekommene Brigade Cuneo vermochte dem bereits schwächer werdenden Schwung der anderen vier Brigaden keinen neuen Antrieb zu geben. Die unerschütterliche Zähigkeit der öst.-ung. Truppen war nicht zu überwinden. Auch vor der 14. ID. scheiterten alle Angriffsversuche des Feindes. Als schließlich am Abend ein letzter Vorstoß beiderseits vom Rosental mißlang, mußte das italienische VIII. Korpskommando seine Angriffe einstellen lassen.

Der Nebenangriff der italienischen 3. Armee

Die Armee des Herzogs von Aosta eröffnete am 12. Mai zur selben Stunde wie die Armee von Görz das Artilleriemassenfeuer, so daß das Armeekommando in Adelsberg den Eindruck gewann, die Schlacht entbrenne an der ganzen Front von Tolmein hinab bis zum Meere. Dieser Eindruck hielt, da die Italiener ihr Zerstörungswerk fortsetzten, auch am 13. Mai unvermindert an. Die Schäden an den Befestigungen waren recht beträchtlich. Hingegen blieben die Verluste in mäßigen Grenzen, da die Besatzungen nunmehr in den Schutzbauten guten Unterstand fanden. Stunde um Stunde harrten die alarmbereiten Verteidiger auf das Zeichen zur Besetzung der Schützengräben, in die unablässig Granaten und Minen einschlugen. Der am meisten gefährdete Teil der Karstfront war der vorspringende Abschnitt zwischen Hudilog und der Trigonometerhöhe 208, der unter Kreuzfeuer genommen werden konnte. Übrigens stand dort der Feind auch sehr nahe und hatte gedeckte Sammelräume hinter sich. Man nahm daher an, daß seine Hauptstoßrichtung etwa von Oppacchiasella auf Lukatić und Selo weisen werde. Als am 14. vormittags das feindliche Zerstörungsfeuer sich auf ein Höchstmaß steigerte, meldete das Abschnittskommando III, es sei der Auffassung, daß ein feindlicher Durchbruchsversuch den Fajtirücken entlang sowie zwischen Hudilog und der Höhe a208 bevorstehe.

Allein die italienische 3. Armee sollte nach den Weisungen ihrer Heeresleitung in der zweiten Phase der Schlacht bloß mit dem linken Flügel entschieden angreifen, um dem rechten Flügel der Armee Capello

beizustehen. Daher schritt am 14. mittags nur das XI. Korps zum Angriff, wobei dessen 21. ID. an der Wippach und auf den Hängen zum Fajti hrib zunächst die am 26. März verlorene Stellung bei der Höhe -cjv 126 wiedergewinnen wollte (S. 115), während die 22. ID. auf eine Eroberung der Höhen^>-464--(>-363 abzielte. Die 4. ID. dieses Korps, die

im Winkel vor Kostanjevica stand, sowie die Divisionen des XIII. und des VII. Korps sollten, um den Gegner zu beunruhigen, mit einzelnen Bataillonen vorstoßen.

Die Angriffe trafen die 44. SchD., GM. Schönauer, und die 17. ID., GM. Ströhe r. Mit bewun de rnswertem Gleichmut hatten die Truppen dieser beiden Divisionen den zweitägigen Eisenhagel über sich ergehen lassen. Als sich nun arp 14. Mai zu Mittag die italienische Infanterie zum Sturme erhob, traten ihr Söhne der Alpenländer und Magyaren beherzt entgegen. Bei der 44. SchD., wo im Kampfabschnitt des Kärntner GbSchR. 1 ein Teil der Schanzen und der Unterstände durch das Trommelfeuer zusammengestürzt war, gelang den Italienern ein Einbruch. Aber die Verschütteten rafften sich bald wieder auf. Sie vertrieben die Eindringlinge und verfolgten sie sogar über die vorderste Linie hinweg. Die zum Nachrücken bereiten hinteren italienischen Angriffsstaffeln schreckten nun davor zurück, in das vor die öst.-ung. Linien dicht niederprasselnde Sperrfeuer hineinzugehen. Sie blieben liegen. Dem gegen die 17. ID. vorgehenden Feind war kein besseres Los beschieden. Nach einem ersten Angriffsversuch, der mißglückte, bearbeitete die feindliche Artillerie nochmals die Stellungen auf dem östlichen Fajti hrib und auf der Kote 363, woraufhin sich die schon gelichteten Reihen der 22. ID. wieder zum Sturme anschickten. Aber auch diesmal scheiterte ihr Vorhaben, denn die tapferen Magyaren — vor allem jene des im Brennpunkt des Kampfes stehenden IR. 39 — wichen nicht um einen Schritt zurück. Schließlich sahen die Angreifer ein, daß sie sich vergeblich abmühten, und ließen, als es Abend geworden war, von weiteren Angriffen ab. Gegen die 41. HID. hatten nur einzelne Bataillone Teilangriffe unternommen, die glatt abgewiesen wurden.

Ähnliche Vorstöße waren auch bei den Divisionen des k. u. k. XXIII. Korps verspürt worden, doch der mit äußerster Spannung erwartete Großangriff war ausgeblieben. Man war der Meinung, daß der Feind vor diesem Korps, dank dem außerordentlich wuchtigen Gegenfeuer der trefflich geleiteten Artillerie, nicht zur Entfaltung seiner Kräfte gelangt sei und erwartete sein Vorgehen für den kommenden Morgen. Indessen hielten die Beobachter auch am 15. Mai vergebliche

Ausschau. Nur kleine feindliche Gruppen traten da und dort aus den Schützengräben hervor, um eiligst umzukehren, sobald die Artillerie ihnen einige wohlgezielte Lagen entgegenschickte. Dank der reichen Ausstattung mit Schießbedarf konnten die feindlichen Sturmgräben zeitweise tüchtig beschossen werden. Dadurch — so dachte man — mochte dem Feinde die Unternehmungslust genommen worden sein.

Das k. u. k. VII. Korps hatte sich hingegen neuer Angriffe zu erwehren, die allerdings weniger entschlossen geführt wurden als am Vortage. Wieder hämmerten die italienischen Batterien und Minenwerfer mehrere Stunden auf die Stellungen der 17. ID., während sich Infanterieketten vorarbeiteten, die dann kühn zum Sturme schritten. An einigen Stellen kam es zum Handgranatenkampf, auch zum Handgemenge, wobei die Ungarn die Oberhand behielten. Die Angriffskraft der Italiener war schon im Erschlaffen. In der Nacht, die diesem vierten Schlachttage folgte, verstummten Geschütze und Gewehre. In der Dunkelheit tauchten auf dem blutgetränkten Schlachtfeld Gestalten auf, die offenbar bemüht waren, die zahllosen Schwerverwundeten und Toten aufzulesen und zu bergen.

Am nächsten Tage rafften sich die Italiener nur noch zu örüichen Vorstößen auf. Bei Spacapani an der Wippach versuchten sie zu Mittag einen Überfall, der von den Schützen der 44. SchD. leicht abgewiesen wurde. Zur selben Zeit bemerkte man bei der 17. ID., daß der Feind, kriechend und in kleinen Sprüngen voreilend, sich in den Karstlöchern vor der Höhe -c>- 378 scheinbar zu einem neuen Angriffe sammle. Dieses Unterfangen wurde durch die angerufenen Batterien sehr bald vereitelt. Vor dem XXIII. Korps beschränkten sich die Italiener wieder nur auf einige kleinere Unternehmen, so in der Gegend von Hudilog, die keine andere Wirkung übten, als unser Geschützfeuer auszulösen. Am späten Abend erfolgte dann noch eine zweistündige heftige Kanonade gegen die Front der 16. ID. in der Senke von Jamiano. Der Zweck dieses Tuns fand keine Erklärung. Von nun an trat auf der ganzen Karsthochfläche Ruhe ein. Diese durch vermindertes Donnern der Geschütze und kürzeres Rasseln der Maschinengewehre gekennzeichnete Pause hielt auch über die nächsten Tage an.

Die italienische 3. Armee hatte ihre Aufgabe nicht zu erfüllen vermocht. Der erwartete Einfluß des Unternehmens auf den rechten Flügel der Nachbararmee blieb aus. Wohl aber hinterließ die beim Gegner hervorgerufene außerordentlich lebhafte Gegenwirkung, vor allem die Wucht seines Abwehrfeuers, einen so starken Eindruck beim 3. Armeekommando, daß es der Durchführung des folgenden Hauptangriffes mit Sorge entgegensah. Der Herzog von Aosta schlug unter diesem Eindrücke der Heeresleitung eine Änderung der ursprünglich festgesetzten Schlachtordnung vor.

Auf Seite der Verteidiger hinwieder fand man nicht bald eine Erklärung für das Verhalten des Feindes auf der Karsthochfläche, von dem man im Anschluß an die zweitägige Artillerievorbereitung anderes erwartet hatte. Das Gesamtbild, das man sich vordem über den Verlauf der Schlacht gemacht hatte, erschien völlig verzerrt. GM. Anton Ritt. v. Pitreich, damals Chef der Operationsabteilung des Armeekommandos in Adelsberg, berichtet, daß die Nacht zum 16. Mai eine der sorgenvollsten der ganzen, langandauernden Schlacht war1).

Die beim k. u. k. XXIII. Korps plangemäß für den 15. Mai festgesetzt gewesene Ablösung der 28. ID. durch die 10. ID. war unterblieben. Erst als der Stillstand wider alles Erwarten an der ganzen Karstfront anhielt, begann am 21. nachts der unerläßlich gewordene Austausch der genannten Divisionen.

Der Ausklang des ersten TZeiles der Schlacht (17. bis 20. Mai)

Die italienische Heeresleitung sah sich schon am 16. Mai zu einer Änderung der Schlachtordnung veranlaßt, denn die Ereignisse nahmen nicht den in den Richtlinien vom 19. April erwarteten Verlauf. Nach Anschauung des Heerführers schränkte sich die Kriegshandlung der Görzer Armee zusehends auf das Gebiet Kuk—Mt. Santo ein, wo das II. Korps einige beachtenswerte Erfolge erzielt hatte, wogegen die Angriffe im Becken von Görz scheinbar des Nachdruckes entbehrten. Nun war im Angriffsplan vorgesehen, daß die dritte Phase der Schlacht ohne Unterbrechung aus der zweiten Phase hervorgehen und sich zu einer geschlossenen Angriffshandlung entwickeln sollte. Das Versagen der Mitte vereitelte diesen Plan; der einseitige Angriff der Görzer Armee mußte in der Folge den Zusammenhang mit jenem der 3. Armee verlieren. Auf Grund dieser Erwägungen ordnete Cadorna an, daß Gen. Capello die Angriffe seines linken Flügels zwar noch fortsetzen solle, sie jedoch mit der Eroberung des Kuk und des Mt. Santo oder schon „mit dem Erreichen einer günstigen taktischen Lage“ zu

1 j P i t r e i c h, Die zehnte Isonzoschlacht, (S c h w a r t e, V, 372).

beenden habe. Sodann werde der Großangriff an der Front südlich vom Mt. Santo bis zur Meeresküste durchzuführen sein, wobei die 3. Armee die vorgeschriebenen Ziele behalten, die Armee des Gen. Capello aber kraftvoll im Becken von Görz — den Mt. S. Gabriele mitinbegriffen — neuerlich anzugreifen haben werde. Die ursprünglich vorgesehene Umstellung der Artillerie wurde nunmehr in der Weise abgeändert, daß nicht die um Görz bereitgehaltenen gut beweglichen Batterien (S. 135), sondern der Großteil der auf dem linken Flügel, beim II. und beim VI. Korps eingesetzten mittleren und schweren Batterien zur 3. Armee überzutreten hatten1). Als Zeitpunkt für den Beginn der solcherart abgeänderten dritten Phase der Schlacht wurde der 20. Mai in Aussicht genommen.

Bemerkenswert ist es, daß zu dieser Zeit das 3. Armeekmdo. dem Gen. Cadorna einen vollständig entgegengesetzten Vorschlag unterbreitete. Der Herzog von Aosta wies unter dem Eindrücke des Mißerfolges vom 14. und 15. Mai auf die außerordentlichen Schwierigkeiten hin, die seiner Armee bevorstünden, und empfahl, von der Offensive auf der Karsthochfläche Abstand zu nehmen. Er machte sich zugleich anheischig, der Armee Capello, die schon Erfolge heimgebracht habe, Kräfte abzugeben, damit sie die Entscheidung herbeiführe.

Auf Gen. Capello, der wahrscheinlich von dem Antrage des

3. Armeekommandos Kenntnis erhalten und infolgedessen eine Erweiterung seiner Ziele auf der Bainsizza in Aussicht genommen hatte, wirkte der Befehl der Heeresleitung wie ein kalter Wasserstrahl2). Mißmutig legte er am 17. Mai dem Höchstkommando in Udine dar, daß die Munition für das vorgezeichnete Angriffsfeld unzureichend sei. Er müsse sich auf die Eroberung des Kuk und des Mt. Santo beschränken und auf eine Erneuerung der Angriffshandlung im Becken von Görz ebenso verzichten, wie auf die beabsichtigte Erweiterung des geglückten Ablenkungsunternehmens am linken Flügel, bei Bodrez und Loga3). Ja, er entschloß sich sogar, die hier schon auf das linke Isonzo-ufer gelangten Bataillone zurückzurufen.

Es war kein Zufall, daß in diesen Tagen auch auf der anderen Seite, beim Armeekommando in Adelsberg, eine Änderung in der Auffassung der Lage eintrat. Noch am 16. mittags hatte GO. Boroevic dem FML. Fabini gedrahtet, er sei über die Vorgänge auf dem Mt. Santo

!) Cadorna, La guerra, Neudruck 1934, 368.

2)    Baj-Macario, Kuk, 57.

3)    Capello, II, 58 f.

und auf dem Mt. Kuk sehr erstaunt. Dort sei es aus ungeklärter Ursache schwachem Gegner gelungen, Vorteile zu erringen. Die Reserven würden nicht zweckmäßig verwendet; die Verbände wären stark durcheinander geworfen. Das XVII. Korps werde vom Armeekommando keine Reserven mehr erhalten; es müsse sogar damit rechnen, solche abzugeben. Aber noch ehe vierundzwanzig Stunden vergangen waren, sah sich der Armeeführer veranlaßt, dem XVII. Korps ein weiteres Bataillon des XV. Korps sowie die beiden noch als Armeereserve zurückbehaltenen Bataillone des SchR. 37 zu unterstellen, und ferner den Aufstieg der 59. IBrig. (von der 43. SchD.) aus dem Wippachtale auf das Hochland von Ternová anzuordnen.

Der Grund zu dieser Sinnesänderung lag darin, daß die feindlichen Angriffe im Görzer Becken am 16. Mai nachmittags merkbar abflauten, in der Nacht ganz zum Stillstand kamen und des anderen Morgens nicht wieder auflebten, wogegen die Kämpfe beim XVII. Korps die ganze Zeit fortdauerten und scheinbar sogar noch an Heftigkeit Zunahmen. Auch neuere Nachrichten über die Verteilung der feindlichen Kräfte scheinen das Armeekommando umgestimmt zu haben.

In der Tat wogte in der Nacht auf den 17. Mai auf dem Kuk-rücken schwerster Kampf, bei dem die heldenhaften Egerländer des LstlR. 6 wiederholte Einbrüche in erbittertem Handgemenge abwehrten. Die Übermacht des Feindes kam immer schärfer zur Geltung. Gegen die gelichteten Reihen der 121. IBrig., die an dieser Stelle durch das LstlR. 6 und zuletzt nur noch durch die zwei ersten Bataillone des SchR. 37 verstärkt worden waren, trat italienischerseits schon die fünfte Brigade ins Gefecht. Die feindliche Artillerie, besonders jene auf der Korada, wirkte verheerend in Flanke und Rücken der ganz erschöpften Verteidiger, und bald nach Mittag besiegelte ein neuer, keine Opfer scheuender machtvoller feindlicher Stoß das Heldentum der tapferen Scharen, die trotz argen Wassermangels und dürftiger Verpflegung drei Tage lang um den Kukrücken gestritten hatten. Indessen war es noch immer nicht gelungen, den bei Bodrez über den Isonzo gekommenen Feind, dessen Stärke man allerdings weit überschätzte (S. 145), zurückzuwerfen.

Der Verlust der Kukhöhen übte auf die Führung einen starken Eindruck. FML. Fabini war sogleich entschlossen, von Vodice aus die Rückenlinie entlang vorstoßend, die verlorenen Stellungen zurückzugewinnen. Allein das Armeekommando, dem eine allzu hastige Befehlsgebung mißfiel, gab dem Korpsführer folgenden Bescheid: „Bei zuverlässiger

Festhaltung des linken Isonzoüfers zwischen Auzza und Descla ist mit Rücksicht auf den Zustand der dortigen Truppen von weiteren Offensivstößen in diesem Raume abzusehen. Im Gefechtsraume Plava—Kuk hat als Richtschnur für die Gefechtsführung dortselbst zu gelten, daß die Linie Descla—östlicher Höhenrand des Rohotp.—Vodice—-<^-652 unbedingt zu behaupten sein wird. Wenn sich bis morgen früh die Verhältnisse für die Wiedergewinnung des Kukrückens günstig gestalten sollten, steht es dem Korpskommando frei, sein Verhalten darnach zu regeln. Es diene dem Korpskommando zur Kenntnis, daß vor dem 19. Mai früh, wie sich die Verhältnisse auch immer gestalten mögen, eine weitere Verstärkung nicht erfolgen kann.“ Inzwischen ordnete das Armeekommando das Vorziehen der weit hinten im Raume südlich von Idria aufrüstenden Artilleriebrigade der 106. LstlD. an sowie die Überstellung von zwei 15 cm-Haubitzbatterien des Abschnittes III an das XVII. Korps, und schließlich noch am Abend des 17. Mai den Abmarsch der 48. ID. von der Karsthochfläche in den Raum Hl. Kreuz— Heidenschaft, wo sie sich bereithalten sollte, um gegebenenfalls auf das Hochland von Ternová weiterzumarschieren. Da ferner zu dieser Zeit die ersten Bataillone der für den Nordflügel der Armee bestimmten 24. ID. in Podmelec eintrafen und auf die Hochfläche von Bainsizza abrückten, ergab sich im Abschnitt Ila — so hieß der Befehlsbereich des XVII. Korps — eine Anhäufung von Kräften, die bald fünf Divisionen erreichten. Es erschien wünschenswert, die Befehlsverhältnisse neu zu regeln. Daher entsandte GO. Boroevic das ihm von der Heeresleitung Ende April zur Verfügung gestellte XXIV. Korpskmdo., GdI. Lukas, nach Chiapovano, damit es sich im Bereiche orientieren und später das Abschnittskommando übernehmen könne.

Seltsamerweise war das Ereignis, das    den    letzten    Anstoß zu den

geschilderten weitreichenden    Maßnahmen    der    öst.-ung. Führung ge

geben hatte, der Verlust des Kukrückens, aus einer örtlich begrenzten, ja sogar vereinzelten Angriffshandlung der Italiener hervorgegangen. An der ganzen übrigen Front war die Görzer Armee am 17. Mai untätig geblieben. Gen. Capello hatte    diesen Tag dem    Ordnen    und Umstellen

seiner Kräfte gewidmet. Die    erfolgreiche    Gruppe auf    dem Kuk ging

denn auch über die erreichte Kammlinie nicht weiter vor. Infolgedessen trat abends auch hier Ruhe ein. FML. Fabini unterließ, nach neuerlicher Aussprache mit dem Armeekommando, den beabsichtigten Gegenangriff. Dem ganz vereinzelt auf der „blutigen“ Kote noch immer ausharrenden Bataillon 11/52 wurde die Preisgabe dieser Stellung und die

Verstärkung jener bei der Höhe -<>- 363 in Paljevo befohlen, von wo die neue Verteidigungslinie, das Rohottal überquerend, gegen die Höhe -ę- 652 nordwestlich vom Kobilek zu führen hatte. Die vom Bataillone zurückgelassenen Patrouillen wußten den Feind am ganzen 18. Mai die nächtlicherweile vollzogene Räumung zu verschleiern.

Im Becken von Görz, wo der Tag in auffallender Ruhe verlaufen war, unternahm nach Einbruch der Dunkelheit eine italienische Brigade ohne jede Artillerievorbereitung einen überfallsartigen Angriff gegen den Abschnitt Damber—S. Marco; aber die wachsamen Verteidiger ließen sich nicht überraschen und wiesen den Feind ab.

Als Ziel für die am 18. Mai mit ganzer Kraft wiederaufzunehmende Kriegshandlung hatte Gen. Capello dem II. Korps die Eroberung des Rückens Vodice—Mt. Santo vorgezeichnet. Namentlich der wuchtige Bergklotz652, der zwischen dem Weiler Vodice und dem Sattel -<>-503 emporragt und dessen Bedeutung für die Kampfführung durch einen Blick in die Karte überzeugend hervortritt, sollte bezwungen werden. Hiezu wurden neben der 53. ID. noch die von der 47. ID. herübergeholte 6. Alpinigruppe im ersten Treffen und die 12. Alpinigruppe dahinter bereitgestellt.

Nach einem bei Tagesanbruch unternommenen und vollständig mißglückten Angriff gegen den Mt. Santo, erfolgte nach vierstündigem Zerstörungsfeuer gegen 10h vorm. der erste feindliche Sturm bei Vodice und gegen die Höhe-<>'652. Er wurde zurückgeschlagen; einzelne kleine Abteilungen, die bis in die Verteidigungslinie vordrangen, mußten sich ergeben. Auch ein zweiter, bald darauf wiederholter Angriff wurde unter kräftiger Mitwirkung der Artillerie abgewiesen. Die Italiener erlitten große Verluste, ließen aber dennoch nicht locker und rannten neuerlich gegen die tapferen Streiter der 106. LstlD. an. Am Nachmittag gelang es ihnen endlich, sich in den Besitz der Kuppe zu setzen,. Ein schneidiger Gegenstoß des k. k. LstlR. 32 warf sie jedoch zurück. Das Kampfgetümmel dauerte bis tief in die Nacht hinein und endete mit einem Siege der Verteidiger. Inzwischen hatten die Alpini auch den Sattel -<>- 503 angegriffen. Sie waren an dem heldenhaften Widerstand des k. k. LstlBaons. 40 abgeprallt.

Indessen war nach beschwerlichem Nachtmarsch die 59. IBrig. (IR. 24 und 41) bei Ternová eingetroffen. Nur mit Widerstreben willigte das Armeekommando ein, daß diese Brigade in den Abendstunden näher an das Gefechtsfeld • ,,zur unbedingten Festhaltung des Raumes Vodice—Mt. Santo“ herangezogen werde. GO. boroevic mahnte zugleich das Korpskommando zu größter Zurückhaltung. Die Lage im Abschnitte gestatte keine weiteren Experimente. Alles sei daran zu setzen, keinen Schritt Boden mehr aufgeben zu müssen. Es erscheine zweckmäßiger, die Kampflinie von Haus aus stark zu besetzen, anstatt durch zu weit zurückgehaltene Reserven blutige Gegenangriffe zu führen.

Diese Mahnung erschien dem auf dem Schlachtfelde weilenden und mit der Entwicklung der Lage besser vertrauten Korpskommando nicht sehr zeitgemäß1). Dessenungeachtet befahl FML. Fabini die Ablösung der im besprochenen Kampfraum stehenden Truppen durch die 59. IBrig., Oberst Kosel. Dieser Austausch konnte gerade noch rechtzeitig durchgeführt werden. Ein um Mitternacht den Italienern geglückter Einbruch auf der Höhe -c>- 652 wurde bereits von dem bukowinaischen IR. 41 im Gegenangriff ausgeglichen. In dieser Nacht war es endlich auch möglich geworden, die gelichteten und ermatteten Bataillone der Brigade Obst. Kouff durch die zweite Brigade der 106. LstlD., die 111. LstlBrig., abzulösen. Die Verluste der zurückgezogenen Einheiten waren außerordentlich hoch. Sie erreichten bei einzelnen Truppenkörpern bis zu 60 v. H. des Gefechtsstandes.

Die nächsten Tage waren wieder von wechselvollen Kämpfen, vornehmlich um den Höhenrücken Vodice—Mt. Santo, erfüllt. Die Ausdauer, mit der die Italiener ihr Ziel zu erreichen suchten, verdient nicht weniger Bewunderung als die Zähigkeit, mit der sich die aus allen Teilen der Donaumonarchie stammenden Truppen verteidigten. Kaiser Karl, der am 18. Mai an der Isonzofront weilte, erließ einen Befehl, in dem es hieß: „Heute, während des zehnten Ansturmes der italienischen Armee, war ich Augenzeuge der Kämpfe, die meine ,Isonzo-Armee‘ neuerlich zu bestehen hat. Euch tapfer und mit todesmutiger Zähigkeit schlagend, daher erfolgreich wie bisher, werdet ihr unter der bewährten Führung eueres Armeekommandanten und aller erprobten Führer dem Feinde auch diesmal die Stirne zu bieten wissen. Der herrliche Geist und die zuversichtliche Stimmung der vielen Truppen, die ich heute persönlich begrüßen konnte, bürgen mir dafür. Der Herr der Heerscharen führe meine brave ,Isonzo-Armee‘ zu Ruhm und Sieg!“ Am 19. Mai vormittags wurde der vor der Vodicehöhe liegende Feind durch kräftiges Feuer der Verteidigungsbatterien in Schach gehalten. Erst nachmittags erhob er sich zum neuen Ansturm. Es war nicht zu verhindern, daß er in die völlig zerschossene Verteidigungsstellung eindrang. So kam es zum schweren Ringen mit Bajonett und x) Fabini, Bainsizza, 348.

Handgranaten. Die „Einundvierziger“ hielten durch, die Italiener mußten wieder zurück.

Mittags übernahm GdI. Lukas die Gefechtsleitung im Abschnitt Ha. Dem XVII. Korpskommando oblag fortan bloß die Führung der beiden nördlichen Divisionen, der 106. und der 62., während die südliche 57. ID. unmittelbar dem Abschnittskommando unterstellt wurde. Zur einheitlichen Leitung der Artillerie hatte das Armeekommando den Oberst Scheucher des Artilleriestabes entsandt. Die 106. FABrig. konnte nun nach ungemein beschwerlichem Marsch ihre Batterien auf der Bain-sizza in Stellung bringen.

Im übrigen war es an diesem Tage im ganzen Armeebereiche zu keinen ernsten Kämpfen gekommen. Es ergaben sich keine Anhaltspunkte zur Klarstellung der weiteren Absichten des Feindes. Nur so viel schien sicher, daß die Italiener Verstärkungen gegen den Raum Höhe-<^652—Mt. Santo heranführten. Die Ereignisse der letzten Tage lenkten die Aufmerksamkeit immer wieder auf den Abschnitt Ila. Den dort aufgetretenen Feind schätzte man auf acht Divisionen. Nichtsdestoweniger hielt die Spannung auch im Becken von Görz, wo man ebenfalls acht Divisionen festzustellen glaubte, sowie vor der Karstfront, vor der etwa vierzehn Divisionen gemeldet wurden, unvermindert an. Das Armeekommando, dem nunmehr ein neuerlicher feindlicher Ansturm gegen den Südflügel „nicht ausgeschlossen“ erschien, berichtete am 19. Mai nach Marburg und Baden, daß es zur Nahrung des Kampfes auf der Hochfläche von Bainsizza noch die 48. ID., die in der letztvergangenen Nacht nach Temova marschiert war, sowie die soeben anrollende 24. ID. zur Verfügung habe. Die zwei noch auf der Karsthochfläche von Comen bereitstehenden Eingreifsdivisionen müßten unbedingt zur Behauptung des Wippachtales und der Karsthochfläche aufgehoben bleiben. Es wäre daher gut, schon jetzt zu erwägen, was der Isonzo-armee zugeführt werden könnte, „falls die Schlacht sich sehr in die Länge zöge“. Indessen verfügte GO. Boroevic noch am 19. Mai abends die Verschiebung der 60. IBrig. (halbe 9. ID.) von der Gegend bei Comen in jene von Hl. Kreuz, mit der Begründung, daß dadurch die Brigade näher zum Abschnitt Ila gelange, ohne zugleich ihren Abstand von der Karstfront zu vergrößern. Die angerufene Heeresleitung traf in den nächsten Tagen in der Tat Vorsorgen zur Verstärkung der Isonzoarmee.

Am späten Abend erhielt das Kommando in Adelsberg von der Heeresleitung die auffallende Mitteilung, der italienische Kriegsbericht vom 19. Mai gebe kund, daß die Italiener bei Loga und Bodrez auf das westliche Isonzoufer zurückgegangen seien. Der tatsächlich am 18. Mai nachts erfolgte Rückzug war der Aufmerksamkeit der dort stehenden Landstürmer entgangen.

Im Laufe der Nacht zum 20. Mai waren endlich alle Batterien der 106. FABrig. auf der Bainsizza aufgefahren. Sie verstärkten die Morgengrüße, die ihre Waffengefährten dem Feinde entgegensandten. Dessenungeachtet ließen sich die Italiener von ihrem Vorhaben nicht abhalten, das diesmal der Eroberung des Mt. Santo galt. Der auf dem westlichen Berghang hinangeführte Sturmangriff gegen die 5. IBrig. blieb zuerst im Sperrfeuer stecken; dann raffte sich der zähe Feind wieder auf, und nun gelang es ihm an mehreren Stellen unweit der Klosterruine, in die zerschlagenen Verteidigungsstellungen einzudringen. Aber er konnte sich dort nicht behaupten; denn die Abschnittsreserven kamen heran und eroberten die Stellung zurück. Bei diesem Gegenangriff zeichnete sich namentlich das südsteirische LstIBaon. 111/26 aus. Gleich darauf setzte allerdings die feindliche Artillerie wieder mit heftigstem Vernichtungsfeuer ein, das den tapferen öst.-ung. Bataillonen beträchtliche Verluste eintrug. Doch auch unsere Batterien blieben nicht müßig und unterbanden jede Bewegung des Feindes. Erst als die sinkende Nacht das Geschützfeuer schwächer werden ließ, versuchten die tapferen Italiener nochmals vorzubrechen, — diesmal an der ganzen Front von Vodice bis zum Dolsattel. Es war ein Todeslauf, der ihnen schwerste Opfer kostete. Mit diesem Gefecht schloß der dem Gen. Capello seinerzeit vorgeschriebene Großangriff ab. Die nächsten Tage verliefen verhältnismäßig ruhig. Spätere, nach dem 23. Mai wieder auflodernde Kämpfe im Gebiete des Vodice und Mt. Santo sowie bei Görz, entsprangen jener Nebenaufgabe, die der Görzer Armee in der dritten Phase der Schlacht zufallen sollte.

Die Italiener hatten sehr große Verluste erlitten. Allein im engen Kampfraum um Vodice, wo drei Brigaden und zwei Alpinigruppen (zusammen 26 Bataillone) ins Gefecht getreten waren, verloren sie 464 Offiziere und über 11.000 Mann J). Aber auch die Abgänge der öst.-ung. Truppen waren nicht gering. Das XVII. Korps verlor in der Zeit vom 12. bis zum 20. Mai 1600 Tote, 8370 Verwundete und 2450 Vermißte, ferner 12 leichte Geschütze und 6 Minenwerfer; beim XVI. Korps zählte man 860 Tote, 3150 Verwundete und 930 Vermißte; beim Abschnitt III: 770 Tote, 4010 Verwundete und 150 Vermißte.

Pinchetti, Isonzo 1917 (Mailand), 94.

Die Verminderung des Gefechtsstandes der Isonzoarmee betrug, wenn man die in dieser Zeit angefallenen 6500 Kranken hinzurechnet, beinahe 30.000 Mann. Nun standen bei der Armee noch rund 65.000 Mann in den Marschformationen zur Verfügung. Sie erschienen aber nich: ausreichend, um die noch bevorstehenden Verluste, die man vorausschauend mit 60.000 Köpfen bezifferte, zu ersetzen. Die Heeresleitung hielt es demnach für notwendig, der Isonzoarmee baldigst neue Kräfte zuzuführen, und ersuchte am 23. Mai die Oberste Kriegsleitung, noch zwei Divisionen der Ostfront auszulösen, um sie nach dem Südwesten überführen zu können. So kamen anfangs Juni die 21. SchD. und etwa Mitte Juni die 12. ID. zur Isonzo-Armee.

Der zweite Waffengang (23. bis 28. Mai)

Der Hauptangriff der Armee Aosta Hiezu Beilage 9

Die italienische Heeresleitung hatte die Einwendungen des Gen. Capello gegen das Einbeziehen seines rechten Armeeflügels in die Schlachtordnung der dritten Phase anerkennen müssen; denn es war ihr nicht möglich gewesen, den Schießbedarf für die Görzer Armee in dem ausbedungenen Ausmaße zu vermehren (S. 153). Sie entband daher Capello von der am 16. Mai befohlenen Teilnahme an dem entscheidungsuchenden Hauptangriff. Die 3. Armee hatte nun allein mit verstärkter Kraft zwischen der Wippach und dem Meere anzugreifen. Ihr Führer durfte jedoch mit gleichzeitigen Ablenkungsangriffen des Nachbarn im Becken von Görz rechnen, insbesondere mit einer kräftigen unmittelbaren Unterstützung durch seine Artillerie. Die beiden Armeekommandanten sollten hierüber das Einvernehmen pflegen. Der Herzog von Aosta mochte den Zeitpunkt für den Beginn der Handlung festsetzen ’). Die 3. Armee wurde bedeutend verstärkt, und zwar bezeichnenderweise durch drei Brigaden, die früher der Görzer Armee zugewiesen worden waren, sowie durch mehrere Brigaden, die Mitte Mai von der Tiroler Front herübergeholt wurden. Außerdem kamen noch zahlreiche mittlere und schwere Batterien der Armee Capello zu der des Herzogs von Aosta. Dadurch erreichte die 3. Armee einen Gefechtsstand von 246 Bataillonen. Die Zahl 1 Cadorna, La guerra, Neudruck 1934, 371.

der Geschütze wird mit 1250, jene der Minenwerfer mit 584 angegeben1). Diese ungeheure Masse von Menschen und Mitteln wurde auf einem Gefechtsfelde von rund 18km Breite eingesetzt!

Das gleichzeitige Unternehmen der Görzer Armee ging über das Maß eines Ablenkungsuntemehmens weit hinaus. Offenbar wollte Gen. Capello das in der zweiten Phase nicht erreichte Ziel, die Eroberung des Mt. Santo, nun in letzter Stunde verwirklichen und zugleich auch dem einmal von der Heeresleitung ausgesprochenen Wunsch nach einem stärkerem Druck im Görzer Becken Rechnung tragen (S. 153). Die Kampfhandlung in den bezeichneten Gebieten gewann daher das Merkmal sehr ernster Angriffe.

So begann denn am 23. Mai am Isonzo ein Großkampf mit einer Kraftentfaltung, wie sie diese Front kennen zu lernen bisher noch niemals Gelegenheit gehabt hatte. Mit einem Schlage war von Plava bis zum Meere in einer Breite von 40 km die Schlacht entbrannt. Sehr rasch erfaßte GO. Boroevic die Lage. Schon um 8hvorm. meldete er: ,,Mit heutigem Tage scheint der zwreite Teil des blutigen Ringens beginnen zu wollen; es dürfte sich diesmal vornehmlich auf der Karsthochfläche abspielen.“ Und in der Tat lenkte die Schlacht nunmehr in jene Bahn ein, auf der man sie von allem Anfang an erwartet hatte.

Indessen war freilich eine sehr ins Gewicht fallende Verschiebung der großen Reserven eingetreten. Hinter der Karstfront standen jetzt nur die 17. IBrig. und die Masse der eben aus der Kampflinie geschiedenen 28. Division. Das Eintreffen der 35. ID. war erst angekündigt. Im ersten Treffen standen nach wie vor die sechs Divisionen des VII. und des XXIII. Korps. Da nach den vorangegangenen Kämpfen erwartet werden konnte, daß das VII. Korps imstande sein werde, aus eigener Kraft standzuhalten, war dem FML. Schariczer vom Abschnittskommando III bedeutet worden, daß er keinesfalls auf Verstärkungen rechnen dürfe. Der Korpsführer bildete sich daraufhin eine Reserve aus fünf Bataillonen, die er den unterstehenden Divisionen entzog. Das Urteil über die Widerstandkraft des XXIII. Korps lautete nicht anders. Dessen Lage war jedoch insoferne schwieriger, als seine Front weit vorsprang. Besonders der Abschnitt zwischen Hudilog und der Trigono-meterhöhe 208, vor dem die Italiener sehr nahe standen und auch die Möglichkeit hatten, große Kräfte nahe bereitzustellen, galt schon immer als der gefährdetste der ganzen Karstfront. Dessenungeachtet sah FML. Schenk, der in den Herbstschlachten des Vorjahres mit seinen Truppen

*■) Pinchetti, 64 und 98.

nicht um einen Schritt zurückgewichen war, dem feindlichen Angriffe mit voller Zuversicht entgegen. Das Korps hatte drei Divisionen mit 25 Bataillonen in der Front und 8 Bataillone als Korpsreserve ausgeschieden. 5 von der 10. ID. und 3 von der 7. Division. Es konnte auf Verstärkung rechnen.

Es war ein Mißgeschick, daß die ursprünglich für den 15. Mai vorgesehene, dann aufgeschobene Ablösung der 28. ID. durch die 10. ID. erst am 21. und 22. nachts erfolgte. Als am Morgen des 23. Mai äußerst heftiges Geschütz- und Minenwerferfeuer einsetzte, befanden sich noch zwei Bataillone und das Kommando der 28. ID. im Frontabschnitt, so daß FML. Schneider Edl. v. Manns-Au die Führung behielt. Auch bei der 7. ID. war die Ablösung des IR. 37 durch das IR. 38 gerade in der Nacht auf den 23. Mai erfolgt, in der die italienische Artillerie das Einleitungsfeuer begann.

Die Beschießung nahm mit jeder Stunde zu und erreichte alsbald eine auch auf diesem Kriegsschauplatz noch nie gekannte Stärke1). Unter dem Schutze dieses Feuers arbeitete sich die italienische Infanterie vor. Bei Kostanjevica schien es, daß sie schon vormittags zum Angriff schreiten wolle. Dies löste Sperrfeuer aus. Von Mittag an war auch die Artillerie des Verteidigers in voller Tätigkeit. Das ganze Karstland dröhnte und stöhnte im Donner der Geschütze und im Krachen der Geschosse.

Um 4h nachm. erfolgte der Großangriff der Infanterie. Gegen den rechten Flügel und die Mitte des k. u. k. VII. Korps liefen die 63. und die 22. ID. Sturm. Ihre Angriffe zerschellten — so wie acht Tage vorher — teils im Artillerie- und Maschinengewehrfeuer, teils im erbitterten Handgranatenkampf. Wo die Italiener in die vorderste Stellung einzudringen vermochten, so auf der Höhe -<^379, wurden sie durch sofort einsetzenden Gegenstoß zurückgeworfen. Anders bei Kostanjevica. Hier gelang der verstärkten 4. ID. gegen die 41. HID. ein glatter Durchbruch. Die Italiener drangen in den zerschossenen Ort ein und faßten auf der Kirchhofhöhe festen Fuß. Weiter kamen sie allerdings nicht,

Für ein Urteil über die Heftigkeit des Feuers ist neben der mitgeteilten Anzahl an schweren Waffen auch deren Feuergeschwindigkeit bedeutsam. Der öst.-ung. Artillerie war auf Grund reicher Erfahrungen vorgeschrieben, daß im „lebhaften Dauerfeuer“ jedes leichte oder mittlere Geschütz 30 bis 40 Schuß in der Stunde abgeben könne. Die italienische Artillerie dürfte mit der gleichen Feuergeschwindigkeit geschossen haben. Demnach mochten während des zehnstündigen Vorbereitungsfeuers mehr als eine halbe Million Artilleriegeschosse und Minen auf die öst.-ung. Stellungen eingefallen sein.

denn die Honvéd raffte sich bald wieder auf und begegnete den Eindringlingen durch schneidig geführte Gegenangriffe. Die Kämpfe um Kostanjevica dauerten bis in die späten Abendstunden an. Erst dann konnte FML. Schamschula melden, daß der Feind vollständig zurückgeschlagen und die erste Linie völlig wiedergewonnen sei. Da anzunehmen war, daß der feindliche Durchbruchsversuch wiederholt würde, stellte FML. Schariczer ein Bataillon der Korpsreserve der 41. HID. zurück und zwei Bataillone der 17. ID. nordöstlich vonVojščica bereit.

Die Masse der Armee Aosta — das XIII. und das VII. Korps — hatte sich aber auf das k. u. k. XXIII. Korps gestürzt. Gegen die 25 Frontbataillone dieses Korps gingen im ersten Treffen die 31. ID. mit vier Brigaden, die 34., die 33. und die 16. ID. mit je drei sowie die 45. ID. mit zwei Brigaden vor. Dank dieser gewaltigen Übermacht gelang es den Italienern, die durch das zehnstündige Vernichtungsfeuer zermürbten Verteidiger an mehreren Stellen schon im ersten Anlauf zu überrennen. Der erste Durchschlag erfolgte bei Lukatič, wo das IR. 98 auf dem Südflügel der 10. ID‘. erst vor wenigen Stunden die ihm fremden Stellungen übernommen hatte. Bald darauf durchstieß der Feind in der Senke von Jamiano den linken Flügel der 7. ID., wo das IR. 38 ebenfalls erst in der vergangenen Nacht das IR. 37 abgelöst hatte. Die in der Mitte und auf dem rechten Flügel dieser Division fechtenden drei Bataillone wurden in Flanke und Rücken gefaßt und gefangen. In beängstigend kurzer Zeit war die ganze Mitte des XXIII. Korps förmlich herausgerissen.

Unverzagt eilten indessen die nächsten Reserven vor. Dem 4. Bataillon des so übel weggekommenen IR. 98 gelang es, bei Lukatič die lb-Linie zurückzugewinnen. Hier deckte es den linken Flügel des böhmischen IR. 21, das seinen stark vorspringenden Abschnitt von Hudilog gegen alle feindlichen Anstürme gehalten hatte. Tollkühn warf sich bei der 7. ID. das Bataillon 1/68 dem Feind entgegen, der unablässig durch die geschlagene Bresche vorging. Es gelang diesem schneidig geführten Bataillon, nicht nur die erste Linie zu erreichen, sondern sogar noch darüber hinauszustoßen, wobei es 700 Gefangene einbrachte. Freilich opferte es sich dabei selbst auf. Das Bataillon zählte nur mehr 100 Streiter. Diese kühne Tat bewirkte aber, daß der Strom der feindlichen Massen in Verwirrung geriet und zeitweilig aufgehalten wurde. Beim Durchbruch in der Senke von Jamiano war auch der rechte Flügel der 16. ID., GM. Adalbert v. Kaltenborn, mitgerissen worden. Ein Bataillon und das Kommando des IR. 2 waren in Gefangenschaft geraten.

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Auch hier griffen die Reserven entschlossen ein, und das 4. Bataillon des ebengefiannten Siebenbürger Regimentes gewann die verlorenen Stellungen bei Kote 144 wieder zurück. 800 Gefangene blieben in seiner Hand. Bei Komarje stellte sich indessen das Bataillon I 38 dem schon über Jamiano vordringenden Feind entgegen. Die Mitte der 16. ID. (Bataillone II 2, I 62, III 64) hatte mittlerweile bei Pietra rossa allen feindlichen Anstürmen getrotzt. Der linke Flügel, das IR. 31, führte einen schweren Kampf, weil hier die Artillerieunterstützung infolge einer Verkettung widriger Umstände ausblieb.

Da das furchtbare feindliche Zerstörungsfeuer alle Drahtverbindungen an der Kampffront zerrissen hatte und auch die Läufer erschlagen wurden, blieben das Korpskommando wie auch die Divisionsführer vornehmlich auf Meldungen der von der Hermada ausschauenden Artilleriebeobachter angewiesen. Mit Beginn des italienischen Massensturmes war die Kampfzone in Staub und Rauch gehüllt. Erst allmählich, dann aber überhastet und alarmierend langten beim Korpskommando oft sehr übertriebene Augenblicksbilder ein. So wurde in überstürzender Folge gemeldet, die Front bei Lukatič sei durchbrochen, die Infanterie weiche gegen Veršič zurück, feindliche Massen strömten nach und ähnliches mehr. Um 5h nachm. hieß es, daß der Feind schon die Linie Höhe 235—Jamiano in östlicher Richtung überschreite und eine halbe Stunde später, daß auch der linke Flügel der 16. ID. durchbrochen sei. Das Korpskommando hatte schon am Vormittag einen Teil seiner Reserven vormarschieren lassen. Nun wies es eiligst der 10. ID. zwei Bataillone, der 7. ID. ein Bataillon zu und gebot den Divisionsführern, die erste Linie zurückzugewinnen. Aber der Lauf der Ereignisse eilte rascher als gedacht. Schon schien die Artillerie in den vorderen Stellungen bedroht zu sein. FML. Sehneider-M.anns-Au wurde jetzt angewiesen, seine Reserven zum Schutze der Batterien in den Veršičriegel vorzuschieben. Gleich darauf erhielt GM. Edl. v. Schmid, Führer der 7. ID., den neuerlichen Befehl, es werde ihm das IR. 37 unterstellt und zur Pflicht gemacht, den Feind aus dem Brestovicatal hinauszuwerfen, „mindestens aber die K-Linie zu halten“ ^ Die einzigen hinter der Front stehenden größeren Reserven, die Brigaden der 28. ID., wurden angewiesen, sich bereitzustellen, und zwar die SS.IBrig. im Raume östlich von Nabresina, die 56. IBrig. südlich von Comen; überdies ließ das Abschnittskommando III

1/ Der Veršičriegel lag westlich des gleichnamigen Ortes. Die K-Linie war die von Kostanjevica nahezu geradlinig über Brestovica dl. zur Hermada führende Aufnahmsstellung.

die 17. IBrig. um eine Wegstunde in den Raum zwischen den beiden vorgenannten Brigaden vorwärtsrücken.

Indessen war es Abend geworden. Bei Hudilog hielten das hervorragend tapfer fechtende IR. 21 und das Bataillon I V/98 weiterhin allen Angriffen stand. Das Bataillon 11/11 und ein halbes Bataillon IV/47 lagen im Veršičriegel1). Den Kampfabschnitt befehligte Obst. Edl. v. Lunzer, Kommandant der 20. Brigade. Um etwa 7h drangen die Italiener neuerlich in Lukatič ein. Zur selben Zeit erreichten ihre vorderen Regimenter die Kuppen -<J>-247, -cj>-241 und-<>-235 auf der Fornaza westlich von Selo, wo sich ihnen zwei Bataillone des IR. 55, zwei des IR. 15 und eines vom IR. 37, allerdings nicht in geschlossener Ordnung, entgegenwarfen. Um diese Kuppen auf der Fornaza wurde bis in die Nacht hinein gekämpft; doch blieben sie schließlich im Besitz des Feindes. In der Senke von Jamiano standen das Bataillon 1/38 sowie die eingetroffenen Bataillone IV/38 und 111/15 in der lc-Linie im Kampfe mit überlegenen feindlichen Kräften. Die Mitte der 16. ID. hielt noch immer ihre erste Stellung. Indessen war aber der linke Flügel zurückgeworfen worden. Hier hatte das IR. 31 nach hartem Ringen die Höhe -<j>-77 schließlich preisgeben müssen. Nur wenige Überlebende dieses braven siebenbürgischen Regimentes sowie einige Sappeurzüge, die ihren Kameraden beigesprungen waren, fanden sich in der genannten lc-Linie bei S. Giovanni und beim Nordtunnel wieder, wo drei frische Kompagnien, die letzte Reserve der 16. ID., zu ihnen stießen.

Die Nacht senkte sich über das Schlachtfeld. Mit festem Willen verfolgte FML. Schenk noch immer das Ziel, den eingebrochenen Feind zurückzuschlagen. Noch um 10hnachts befahl er die Bereitstellung aller Reserven zu einem geschlossenen Gegenangriff rittlings des Weges von Selo zur Trigonometerhöhe 208. Allein es zeigte sich, daß das Zusammenführen der zum Teil schon in den Kampf getretenen und erschöpften Bataillone auch deswegen nicht möglich war, weil man über die Lage noch immer kein klares Bild gewinnen konnte. Das IR. 37, das nach seiner Ablösung weit zurückmarschiert war, traf sehr ermüdet erst in der Nacht bei Str. Lokva ein. Daher entschied sich das Korpskommando, dem jetzt die Weisung des Abschnittskommandos III zuging, vor allem den Besitz der Artillerieschutzstellung Kostanjevica—Korite— Fornaza—Flondar zu sichern und dazu auch die noch in der ersten Stellung haltenden Teile des Korps in die bezeichnete Linie zurückzunehmen. Zur Durchführung des erst um Mitternacht ausgegebenen

x) Vogelsang, Das steirische IR. 47 im Weltkrieg (Graz 1932^, 554 ff.

Befehles mußten mehrere Batterien der 7. und der 16. ID. zurückfahren. Trotz der sehr kurz bemessenen Zeit gelang der Stellungswechsel, so daß nur vier gesprengte Feldkanonen und zwei Grabenmörser in die Hände des Feindes fielen.

In dieser Nacht rückte die nunmehr dem XXIII. Korps unterstellte

17. IBrig. nach Vojščica dl. und Birhula vor und die 55. IBrig. hinter die Hermada heran. Die 56. IBrig. blieb im Raume südlich von Comen stehen, damit sie sich endlich einmal ausruhen könne. Auf Befehl des Armeekommandos marschierte ferner die 60. IBrig. von Hl. Kreuz im Wippachtale wieder auf die Karsthochfläche in den Raum Kopřiva und Krajna Vas zurück. Auch die 4S. ID. wurde vom Nordflügel herübergezogen. Zunächst kamen das Divisionskommando und die 12. GbBrig. von Ternová herunter ins Wippachtal; die 11. GbBrig. sollte folgen. Da endlich das Eintreffen der 35. ID. in Sankt Daniel angekündigt war, konnte man den nächsten Ereignissen immerhin wieder mit Beruhigung entgegensehen. GO. Boroevic legte der Heeresleitung dar, daß man es ,,gegenwärtig mit mindestens 32 feindlichen Divisionen zu tun habe, die gegen den Südflügel zu immer enger massiert“ seien. Diesem Massenansturm habe die Armee bisher standzuhalten gewußt. Die eintreffende 35. ID. stelle die letzte „für die Nahrung des Kampfes ab 26. Mai noch intakte Kraft dar“. Von der weiteren Heftigkeit des feindlichen Ansturmes werde es daher abhängen, inwieweit damit das Auslangen gefunden werden könne. Daraufhin bot die Heeresleitung alles auf, um die schon eingeleitete Überführung von Streitkräften der Ostfront zur Isonzoarmee zu beschleunigen und das Kommando der Südwestfront wies die 10. Armee und die Heeresgruppe in Tirol an, Reserven für eine rasche Abbeförderung bereitzustellen.

Kaum daß das erste Morgengrauen den 24. Mai ankündete, begann der Kampf von neuem. Er wurde durch das IR. 37 entfesselt, das, dem um Mitternacht erhaltenen Befehle gehorchend, nun von Selo gegen die Kuppen auf der Fornaza vorging. Das schon am Vorabend begonnene Ringen um diese Höhen in der Mitte des XXIII. Korps — es handelte sich hier nicht um eine befestigte Stellung — entwickelte sich ganz nach Art eines Begegnunggefechtes, denn auch die Italiener strebten nach ihrem Besitz, um darüber hinweggehen zu können. Beim ersten Kampfakt kamen unsere Truppen dem Feinde zuvor. Noch schwieg die Artillerie, als die ersten Gefechtsgruppen des IR. 37 in der Dunkelheit die Bewegung antraten. Ein Bataillonskommandant schilderte sein Erlebnis mit wenigen ungeschminkten Sätzen: „Ich führe das Bataillon persönlich. Vor -(>-247 stoßen wir auf Italiener. Kurzes Feuer — begeistertes Darauflosgehen meiner Leute. Durchbruch! Mehrere hundert Italiener werfen die Waffen weg und ergeben sich. Sofortige Aufnahme der Verfolgung. Kote 241 in Sturm genommen. Italiener ergeben sich. Meine Leute sind kaum mehr zu zügeln. Sie wollen bis in die gestern aufgegebene Stellung vorwärts gehen. Ich halte sie zurück, weil wir weit vorgeprellt sind und keine Verbindung haben. Es ist heller Tag geworden. Schwere Granaten schlagen um uns ein. Es ist ein Massenfeuer, wie ich es noch nie erlebt habe. Auch hinter uns bersten die Geschosse. Wir können uns nicht rühren. Um 7h feindlicher Angriff. Wir wehren ihn ab. Ich habe nur mehr ein Maschinengewehr. Neuerliches Massenfeuer über uns. Es gibt keine Deckungen. Die Mannschaft verkriecht sich, wird getötet, verwandet. Ich liege mit einigen Leuten in einem Sprengtrichter auf Kote 241. Eine Granate schlägt ganz knapp neben mir ein und verschüttet einige Leute. Wir graben sie aus und verlassen die Grube. Gegen llh läßt das Feuer nach. Ich will die Mannschaft sammeln, doch es ist vergeblich. Plötzlich taucht die italienische Infanterie auf. Es fallen einige Schüsse — ich finde mich in einem italienischen Lazarett wieder1).“

Zu Mittag waren die vielgenannten Höhen im Besitz des IR. 37. Zu dieser Zeit stellte sich die 17. IBrig., Oberst Chwostek, bei Selo zum Vorgehen bereit. Sie hatte in der Früh beim Korpskommando den Befehl erhalten, mit dem linken Flügel über Höhe -<>-235 auf Lukatič durchzustoßen. Als die Brigade die Bewegung antrat, ging eben ein mörderischer Eisenhagel über die vor ihr liegenden Höhen nieder, und bald darauf wich das IR. 37 zurück. Jetzt warfen sich die Bataillone der 17. IBrig. auf den nachdrängenden Feind und eroberten gemeinsam mit den Resten des genannten Regimentes die Höhe zurück; doch auch der Feind setzte frische Kräfte in den Kampf, der mit aller Erbitterung bis zum Abend weitergeführt wurde.

Gleichzeitig mit diesem schweren Ringen um die Korpsmitte gingen scharfe Kämpfe um die Flondarstellung einher. Hier stemmten sich die sehr gelichteten Reihen der 16. ID. dem Feinde entgegen, der kurz vor Mittag mit starken Kräften vorging. Zunächst gelang es den Italienern, in der Furche von Jamiano bis Klariči durchzustoßen. Ein Gegenangriff, der auf Befehl des Korpskommandos von den Bataillonen

III bh. 3 der 28. ID. und I 91 der 17. IBrig. durchgeführt wurde, brachte den Wiedergewinn der lc-Linie. Nach mehrstündiger Vorbereitung !) Aus einem vom GdI. Schcnk zur Verfügung gestellten Brief.

durch die Artillerie ließen die Italiener am Nachmittag neuerlich Welle um Welle gegen die ganze Front der 16. ID. vorgeben. Wuchtig war der Anprall des Feindes, aber auch hart der Widerstand des Verteidigers. In erbittertem Handgemenge warfen die Bataillone III'2 und IV/77 den auf der Höhe -ý- 146 und bei Flondar eingedrungenen Feind hinaus. Ein übriges tat die zielsicher schießende Artillerie, die weitere italienische Angriffe vereitelte.

Auf dem rechten Korpsflügel, dessen Führung vormittags der Kommandant der dort eingesetzten 10. ID., FML. Lischka, vom FML. Schneider-Manns-Au übernahm, hatte an diesem schweren Kampftage das IR. 21 bei Hudilog, fest wie ein Fels im Meere, den heranbrandenden Stürmen des Feindes wieder unbeugsam standgehalten. Erst nach Einbruch der Dunkelheit wurde Hudilog befehlsgemäß geräumt und der Hauptwiderstand in den Veršičriegel verlegt.

Die Kämpfe dieses Flügels standen im innigen Zusammenhang mit denen des VII. Korps. Bei diesem war es wieder der Raum um Kostan-jevica, wo der Feind um jeden Preis durchbrechen wollte. Mit teilweise frisch herangebrachten Brigaden setzten die Italiener im Laufe des Vormittags vier, sodann, nach neuerlicher Artillerievorbereitung, nachmittags fünf Massenstürme an, die teils im Sperrfeuer, teils in wütenden Handgranatenkämpfen Mann gegen Mann zusammenbrachen. Kein Italiener vermochte die la-Linie zu betreten. Nicht so hartnäckig waren neue Angriffe gegen die 17. ID., bei der es nur auf der Höhe-^378 zum Handgemenge kam. Andernorts zerschellte der Feind schon im Abwehrfeuer der Artillerie; so auch vor der 44. SchD., die alle Angriffe glatt zurückwies.

Die Italiener hatten sonach am 24. Mai an der ganzen Front des Armeeabschnittes III keinen Fortschritt erzielen können. Das Abschnittskommando ermittelte, daß bisnun 40 Regimenter angegriffen hatten, und rechnete damit, daß der Feind noch über beträchtliche frische Truppen verfüge. Neue schwere Kämpfe waren vornehmlich beim XXIII. Korps zu gewärtigen. FZM. Wurm ließ daher den FML. Schariczer wissen, daß er auch weiterhin mit seinen Kräften allein auskommen müsse, und wies den FML. Schenk an, ehetunlichst zuerst die 7. ID., die sehr große Verluste erlitten hatte, herauszuziehen und mit Marschformationen aufzufüllen. Dasselbe sollte dann auch mit der 16. ID. geschehen. An größeren Reserven standen noch zur Verfügung: die 60. IBrig., die in den Raum südlich von Comen vorrückte und in der Nacht mit der Spitze nach Vale gelangte, ferner von der 28. ID., deren Führung FML.

Schneider-Manns-Au zu Mittag wieder übernommen hatte, die 56. IBrig. hinter der Hermada und die noch nicht eingesetzten Teile der 55. IBrig. in der 2a-Linie am Westfuße der Hermada. Des weiteren war die 12. GbBrig. im Anmarsch nach Comen.

Das beim XXIII. Korps auch in der Nacht fortdauernde lebhafte Gefecht verhinderte die Auslösung der Reste der 7. Division. Also mußten deren verstreute Truppen noch einen dritten schweren Schlachttag in der Gefechtslinie überstehen. Die italienische 3. Armee legte vom 25. Mai an das Schwergewicht eindeutig auf den Südflügel. Da sie sich den Weg zur Hermada sowohl durch Kostanjevica als auch über die Bastion von Hudilog hinweg nicht hatte öffnen können und auch die neu errichtete Mauer Veršič—Fornaza nicht niederreißen konnte, versuchte sie, ihr Ziel geradeaus über Flondar und Medeazza zu erreichen.

Nördlich der Senke von Jamiano hielten die zwölf Bataillone des Obst. Chwostek (17. IBrig. und Reste der 7. ID.) den ganzen Tag über die am Vortage erreichte Linie. Selbst ein nach 4h nachm. gegen den ganzen Südflügel einheitlich vorbrechender mächtiger Angriff, der zu einem Durchbruch der Flondarstellung führte, war nördlich des Bresto-vicatales gescheitert. Als dann an dieser Stelle endlich Ruhe cintrat, konnten die Trümmer der 7. ID. aus der Front gezogen werden, worauf um Mitternacht das 9. IDKmdo., GM. Ritt. v. Gruber, den Befehl im Gefechtsraume von Selo übernahm. Die 7. ID. hatte 190 Offiziere, 5200 Mann und 41 Maschinengewehre verloren.

Auch die 16. ID. hatte tagsüber mehrere Vorstöße abgewehrt. Erst der vorerwähnte Massenangriff nach 4h nachm. brachte die im dreitägigen Kampfe stark gelichteten, aber noch immer erbittert sich wehrenden Bataillone dieser Division zum Weichen. Da eilten Teile der

28. ID. herbei und warfen sich dem Feinde entgegen. Hiebei zeichnete sich das Bataillon III 11 ganz besonders aus, indem es die Höhe knapp westlich von Medeazza zurückeroberte und nicht weniger als 1200 Gefangene einbrachte1). Zugleich lähmte das wuchtig einschlagende Feuer der Verteidigungsartillerie die Stoßkraft der Italiener, während kühn eingreifende Infanterieflieger das Vorwärtsgehen ihrer Reserven verzögerten. Bei all dem handelte es sich darum, den Feind so lange aufzuhalten, bis sich der vom XXIII. Korpskommando sofort in Aussicht genommene Gegenangriff geltend machen würde. Allein, noch bevor diese Absicht verwirklicht werden konnte, brach die Nacht an. FML. Schenk

J) Der Kommandant dieses Bataillons, Hauptmann Stanislaus Wieroński, erhielt für diese Waffentat das Ritterkreuz des Militär-MariaTheresien-Ordens.

Hatte dem FML. Schneider-Manns-Au die einheitliche Gefechtsführung aller Truppen (28. ID., 16. ID. und 60. IBrig.) im Abschnitt zwischen dem Brestovicatal und dem Meere aufgetragen und gleichzeitig befohlen: „Gegenangriff Direktion mit dem rechten Flügel über das Nordende Brestovica DI.—Klariči. Zweck ist die Wiedergewinnung der lc-Linie. Äußerstenfalls ist die Hermadastellung unbedingt zu behaupten.“ Der Abschnittskommandant FZM. Wurm verfügte den Vormarsch der 12. GbBrig. hinter die 60. IBrig. nach Klane und die Verstärkung der steirischen freiwilligen Schützen, die vom Küstenschutz nach S. Giovanni gesandt worden waren und dort hervorragend an der Abwehr mitgewirkt hatten. Damit waren aber auch alle Mittel erschöpft. Beruhigend wirkte es immerhin, daß am Abend schon sechs Bataillone der anrollenden 35. ID. bei St. Daniel eingetroffen waren, und daß zwei von Kämten kommende Bataillone des IR. 28 bei Prosecco ausluden.

Im Laufe des 26. Mai verdichteten sich die feindlichen Angriffe wieder auf dem Südflügel der Armee. Am Vormittag rüttelten die Italiener zwar auch an der Front des VII. Korps; doch konnten sie gleich wie am Vortage nirgends einen Erfolg erzielen. Dasselbe geschah vor dem Nordflügel des XXIII. Korps, wiewohl dieser einer festgefügten Stellung entbehrte. Die hier bis 6h nachm. andauernden Kämpfe, bei denen sich das IR. 91 ganz besonders hervortat, erforderten daher beträchtliche Opfer.

Kritisch wurde aber die Lage auf dem Südflügel. Am frühen Morgen war hier der bereits erwähnte, vom FML. Schneider-Manns-Au eingeleitete Gegenangriff zur Wiedergewinnung der Flondarstellung in Fluß gekommen. Er führte zunächst zur neuerlichen Eroberung der Höhen nördlich von Flondar und westlich von Medeazza, wobei viele hunderte Gefangene eingebracht wurden. Das IR. 11 erbeutete allein 16 Maschinengewehre und das steirische IR. 47 zeichnete sich nicht weniger aus1). Bei S. Giovanni hatte der Angriff jedoch nicht durchzudringen vermocht.

Die bei Medeazza errungenen Vorteile gingen indessen nachmittags wieder verloren; denn die Italiener hatten eine gewaltige Übermacht herangeführt, um im Angesichte der Hermada, ihres heißersehnten Zieles, nun die Entscheidung zu erzwingen. Im wütenden, hin- und herwogenden Kampfe kam schließlich die Schlacht auch hier im freien Felde zwischen der Flondarstellung und der 2a-Linie, die am Westfuße der Hermada errichtet war, zum Stehen.

1/ V o g e 1 s a n g, 560 ff.

Die Ereignisse dieses Tages hatten die Sorge wegen der ferneren Entwicklung der Schlacht auf dem Südflügel der Armee um ein weiteres vermehrt. Das Armeekommando hatte zu Mittag dem VII. Korps befohlen, alle noch verfügbaren Reserven dem XXIII. Korps abzugeben. Dafür sollte das XVI. Korps zwei Bataillone dem VII. Korps überlassen. Dem GdI. Lukas wurde aufgetragen, die 11. GbBrig. unter allen Umständen bis spätestens 29. Mai in das Wippachtal abzusenden. Endlich hatte das XV. Korps sogleich zwei Bataillone zur Abbeförderung an den Südflügel der Armee auf die Bahn zu setzen. Der Kommandant der Südwestfront, FM. Erzherzog Eugen, befahl der Heeresgruppe in Tirol, die bereitgestellten sechs Bataillone, die Infanterieregimenter 73 und 64, sofort abzusenden. Die Heeresleitung verständigte den GO. Boroevic, daß die Spitze der nächsten Division schon am 30. eintreffen werde. Auch mehrere Batterien wurden vom XVI. und vom XV. Korps, die des zweitgenannten mit der Eisenbahn, zum XXIII. Korps abgesendet.

In Erwartung weiterer schwerer Kämpfe hatte ferner das Kommando der Isonzoarmee die Weisung erlassen, daß angesichts der Notwendigkeit, mit den Menschen zu sparen, „blutige Gegenangriffe zur Gewinnung lokaler Erfolge im offenen Gelände, die infolge der hinlänglich erwiesenen feindlichen Übermacht bald wieder illusorisch werden“, zu unterlassen seien. In diesem entscheidenden Ringen verbürge nur der Kampf in den festgefügten Stellungen Erfolg. Kämpfe im freien Gelände seien daher, wo nur immer angängig, zu vermeiden.

Indessen waren aber auch die Kräfte des Feindes erschöpft. Bereits in der Nacht auf den 27. Mai ebbte die Gefechtstätigkeit auf der Karsthochfläche merklich ab und lebte auch am kommenden Tage — gegen alles Erwarten — nicht wieder auf. Im Gebiete nördlich von Görz tobte jedoch die Schlacht weiter.    '

Der letzte Angriff der Görzer Armee (23. bis 26. Mai)

Wie bereits erwähnt wurde, ging die gleichzeitig mit dem Massenangriff der italienischen 3. Armee angelegte Kriegshandlung der Görzer Armee weit über das Maß eines Ablenkungsunternehmens hinaus. Es war also vollkommen zutreffend gewesen, wenn GO. Boroevic am 23. abends meldete, die Schlacht tobe von der Meeresküste nordwärts bis über Pl^va hinaus mit einer Heftigkeit, „wrie sie die Isonzofront bisher noch nicht kennen zu lernen Gelegenheit hatte“.

Im Becken von Görz setzte der Feind am 23. nachmittags nach „beispielloser Artillerievorbereitung gegen den ganzen Abschnitt von Grazignia bis Biglia“ zum Massenangriff gegen die 58. ID., insbesondere gegen die Höhen beiderseits des Rosentales, an. Nur knapp südlich dieses Tales gelang es ihm, nach mehreren vergeblichen Anstürmen, schließlich in die erste Linie einzudringen. FML. Zeidler, der auf der Walstatt am Isonzo wahrlich auf schwere Erlebnisse zurückblicken konnte, meldete, daß, gemessen an der Stärke des Feuers und an der Heftigkeit der Angriffe, „der heutige Tag der schwerste seit Beginn der Schlacht war“. Dieser Tag endete mit einem Mißerfolg des italienischen VIII. Korps, das dann am 24. nur ein heftiges Geschützfeuer unterhielt, um schließlich am 25. Mai ein letztesmal sein Glück zu versuchen. Wieder schwelte über dem Schlachtfelde infolge des von beiden Seiten unterhaltenen Artillerie- und Minenwerferfeuers ein Gemisch von Rauch, Staub und Stickgasen, und wieder entstieg der Stätte des Verderbens ein voller Sieg der Verteidiger. An manchen Stellen mußte der Feind allerdings erst im erbitterten Nahkampf überwunden werden. Hiebei hatten sich durch ihr Ausharren und ihren besonderen Opfermut namentlich das IR. 96, die Schützenregimenter 20 und 22 sowie abermals das Wiener LstIBaon. IV, 39 hervorgetan. Mit einem letzten, schon nach Einbruch der Dunkelheit unternommenen Sturmversuch eines italienischen Regimentes gegen die heißumstrittenen Schanzen auf der Höhe -o 171 fand die Schlacht im Görzer Becken für diesmal ein Ende.

Mit nicht geringerer Ausdauer wurde der zweite Teil der Schlacht im Hochland nördlich von Görz geführt. Dort waren während der zweitägigen Kampfpause vom 21. und 22. Mai die abgekämpften Truppen der 106. LstlD. herausgezogen worden. Darnach standen in der Mitte des Abschnittes Ha die 59. IBrig. und daneben die frisch eingesetzte 47. IBrig., Obst. Edl. v. Wieden, die an der Spitze der 24. ID. eingetroffen war. Dahinter waren von der 48. ID. das 11. GbBrigKmdo., Obst. Fischer v. See, mit dem IR. 79 bereitgestellt, während die 12. GbBrig. bei Temova lagerte. Die Artillerie war in den letzten Tagen durch den Einsatz der 106. FABrig. und anderer Batterien, im ganzen um 48 leichte, 22 mittlere und 4 schwere Geschütze, vermehrt worden. Obwohl die Befestigungen in der zuletzt bezogenen Linie bei Vodice und nordwärts sehr mangelhaft waren, erschien die Lage im Abschnitt gefestigt, so daß sich das Armeekommando dort von ernsten Sorgen befreit fühlte.

Laut Fliegermeldungen waren die großen Zeltlager hinter dem Kolovratrücken verschwunden. Bei Plava hatten die Italiener eine vierte

Kriegsbrücke gebaut. Gegenüber dem Nordflügel des XVII. Korps war vollständige Ruhe eingetreten. Auf dem Kukrücken warfen die Italiener Schanzen auf. Wiewohl man also mit einem Stillhalten beim Feinde rechnen durfte, mußte man dennoch neuer Angriffe gewärtig sein. Zugleich zog jetzt auch FML. Fabini einen großen Gegenangriff gegen Plava in Erwägung.

Die am 23. Mai vom II. und vom VI. Korps der Italiener wieder aufgenommenen Angriffe zielten offenbar auf die Eroberung des Rük-kens Vodice—Mt. Santo ab. Namentlich die Höhe -<>- 652, deren große Bedeutung für die Weiterentwicklung der Kriegshandlung auf der Bainsizza auch dem Feinde nicht entging, wurde der Schauplatz heftiger, wechselvoller Kämpfe. So wie an der ganzen Isonzofront begannen die neuen Angriffe nach einem mehrstündigen Vorbereitungsfeuer erst gegen 4h nachmittags. Der in mehreren Linien hintereinander in einer Breite von nahezu vier Kilometern vorgehende Feind wurde bei Vodice und beim Sattel -<>- 503 restlos abgeschlagen. Auf dem Mt. Santo drang er in die Stellung ein, doch mußte er nach dem Eingreifen von Teilen der 11. GbBrig. nach blutigem Handgemenge wieder weichen. Am 24. Mai in den Vormittagsstunden bereiteten sich die Italiener zum neuen Angriff vor, um dann vornehmlich die Vodicehöhe zu berennen. Sie eroberten die kahle Höhe, allein ein Gegenangriff der Gruppe Obst. Fischer (IR. 45 und Bataillon I 79) entriß sie ihnen wieder. Am darauffolgenden Tage in den Abendstunden fand das erbitterte Ringen seine Fortsetzung und machte den Einsatz von Teilen der Infanterieregimenter 9 und 77 notwendig, wonach der Führer der 24. ID., FML. Urbarz, von GM. Kratky die Gefechtsleitung in diesem Abschnitt übernahm.

Indessen war es dem Feinde in der Nacht gelungen, in die sogenannte Paljevostellung bei der Kote 363 einzudringen. Es erschien fast unglaublich, daß sich die tapferen Verteidiger dieser vereinzelt vorspringenden Schanze so lange hatten halten können. Nun wurde die schon vorbereitete Riegelstellung bei Descla besetzt. Am 26. gegen Mitternacht versuchte es der Feind, ohne Artillerievorbereitung die Vodicehöhe überraschend zu gewinnen. Es gelang ihm nicht. Der neue Tag brachte einen Stillstand und ermöglichte einige Änderungen in der Aufstellung der Truppen. Die 59. IBrig., die mit den Infanterieregimentern 24 und 41 so wacker standgehalten hatte, wurde durch die 48. IBrig., GM. Göttlicher, ersetzt, so daß nun die 24. ID. voll eingesetzt war und mit ihrer Artilleriebrigade, die eben eintraf, die Behauptung des Abschnittes weiterhin gewährleistete.

Am 2S. Mai wurden zwei Angriffe gegen die genannte Division abgewiesen. Ebenso wurde der Feind abgeschlagen, der am Vormittag den Mt. Santo und ein zwcitesmal am Abend gleichzeitig auch die Sattelhöhe -^503 berannte.

Auf der vielumstrittenen Höhe 652 hatte sich ein ganz eigenartiges Kampfverfahren herausgebildet. Hierüber weiß GdI. Fabini *) zu berichten: „Der Feind stand am westlichen, wir am östlichen Rande. Unseren Patrouillen gelang es nach wirkungsvollem Vernichtungsfeuer bei einem Vorstoß unschwer, den Feind von da zu vertreiben; dadurch wurde feindliches Sperrfeuer vor unsere Patrouillenstellung ausgelöst, dem bald ein starker Angriff folgte. Unsere Patrouillen wichen rasch in die Hinterhangstellung aus, und der weitergehende feindliche Angriff brach in unserem Sperrfeuer zusammen. Dann war die Platte wieder leer.“

Ein derart geführtes Gefecht entbrannte auch am 29. nachmittags und dann wieder am Abend, bis endlich am 30. Mai beide Gegner die Nutzlosigkeit ihres Beginnens einsahen und fortan auf den Besitz des kahlen Gipfels verzichteten.

Zur richtigen Würdigung dieser schweren Kämpfe bedarf es einiger erläuternder Worte über die Beschaffenheit des Kampfplatzes. Hierüber berichtet GM. Pitreich: „Die Hochfläche von Bainsizza, namentlich aber die umschließenden Höhen, weisen im allgemeinen denselben Charakter des Geländes auf, wie er im Süden unter dem Namen ,Karst4 zum Begriff geworden ist: meist nackter, kahler, undurchdringlicher Steinboden. Nur stellenweise fand sich eine dünne Humusschichte vor. Die Hänge waren ganz kahl oder doch nur dürftig mit Gestrüpp bewachsen. Wasserarm und schwer gangbar, waren diese bis zu 1000 m steil aufragenden, rauhen Felshochflächen von Lom, Kal, Bainsizza und Ternová mehr oder weniger Wüsteneien, die allein schon durch ihre Beschaffenheit den Verteidigern die schwersten Mühen und Entbehrungen auferlegten. Bei der weiten Entfernung der Eisenbahnstationen bildete die Versorgung der Truppe auf diesen unwirtlichen Höhen ein Problem für sich. Nicht nur der rechtzeitige Zuschub von Kriegsmitteln, sondern namentlich auch jener von Reserven im Augenblicke der Gefahr vollzog sich unter den größten Schwierigkeiten. Im Vertrauen auf das Hindernis der Isonzoschlucht vor dem größten Teile der Front, abseits der direkten Vorrückungslinie auf Triest und Laibach, hatte man sich bisher bei der Ausgestaltung dieses Raumes für den Großkampf

1 j Fabini, Bainsizza, 355.

auf dürftige Improvisationen beschränkt. So war denn auch von einer ,Stellung1 nach modernen Begriffen nicht im entferntesten die Rede. Dazu hatte es stets an Mitteln, namentlich personeller Natur, gefehlt. Man war über das veraltete Liniensystem nicht viel hinausgekommen. Auf manchen Strecken fehlte selbst ein solches1).“ Hieraus mag man ersehen, welch unendliche Schwierigkeiten den Truppen und Führern auf dieser Walstatt erwuchsen.

Der Gegenangriff (28. Mai bis 5. Juni)

Hiezu Beilagen 9 und 7

Die am 27. Mai eingetretene Entspannung ermöglichte ein ruhiges Abwägen der Lage Die Zählung der bisher vom Feinde in den Kampf geworfenen Truppenkörper ergab, daß er die Mehrzahl seiner Kräfte bereits ausgespielt hatte. Vielleicht ging die Schlacht schon ihrem Ende entgegen. Jedenfalls war die Unterbrechung der feindlichen Angriffe ein Gewinn; denn nun trafen bei der Isonzoarmee in rascher Folge die Züge mit den Truppen der 35. ID. ein und in der Nacht auf den 28. Mai auch die Infanterieregimenter 64 und 73, die aus Tirol kamen.

An Stelle der zuletzt zur Armee gelangten Heereskörper sowie der 12. ID. und der 21. SchD., deren Eintreffen angekündigt war, sollten auf Befehl der Heeresleitung wenigstens drei abgekämpfte Divisionen an die Ostfront abgegeben werden. Das Armeekommando plante in diesem Zusammenhange eine Umstellung der Kräfte. Das XVII. Korps sollte fernerhin aus der 21. SchD. und der 106. LstlD. bestehen; die 62. ID. war der Heeresleitung zur Verfügung zu stellen. Das XXIV. Korps, dessen Kommandant, GdI. Lukas, zugleich die Führung über den ganzen Abschnitt Ila — das XVII. Korps mitinbegriffen — behielt, sollte die 24. und die 57. ID. in sich schließen. Beim XVI. Korps waren nur kleine Umstellungen beabsichtigt; die 86. SchBrig. war herauszulösen und mit der 59. IBrig. zu vereinen. Die dadurch wiederhergestellte 43. SchD. sollte Armeereserve im Wippachtale werden. Das VII. Korps erlitt keine Veränderung. Hingegen hatte das XXIII. Korps künftighin aus der 9., der 35. und der 48. ID. zu bestehen. Es hatten darnach die 10., die 12. und die 28. ID. als Armeereserve auf der Karsthochfläche zu bleiben, während die 7., die 16. und die 62. ID., wieder hergestellt und mit Marschformationen aufgefüllt, nach dem Osten abgehen sollten.

x) Anton P i t r e i c h, Zehnte Isonzoschlacht, (Schwarte, V, 373).

Am 2S. Mai vormittags — in der Ferne läuteten die Pfingstglocken — flackerte das Gefecht im Karstlande noch einmal auf. Bei Sonnenaufgang griff ein bei Kostanjevica „möglicherweise aus Nervosität“ begonnenes Artillerie- und Gewehrfeuer bis auf die Truppen bei Medeazza über. In Erwartung eines Angriffes wurden Reserven vorgeschoben. Allein es erfolgten nur einzelne örtliche Vorstöße; darunter ein solcher von etwa drei Bataillonen gegen S. Giovanni. Der Feind wurde von der Artillerie rasch erfaßt und vom FrwSchBaon. Marburg IV übel zugerichtet. Er büßte über 800 Gefangene ein. Zu Mittag trat dann an der ganzen Karstfront wieder Ruhe ein. Gefangene sagten aus, daß am

29. Mai der letzte große Angriff folgen werde, und ein Vorgefundener italienischer Befehl ließ gleiches erwarten. Indessen verliefen die nächsten Tage, ohne daß es zu großen Kämpfen kam. Die Tätigkeit des Feindes, die seine Kräfte in einzelnen Vorstößen erschöpfte, schien planlos geworden zu sein.

Die italienische Heeresleitung hatte am 28. Mai den Befehl zum Abbrechen der Offensive gegeben, „die tatsächlich schon an der ganzen Front im Ermatten war“ x). Der Befehl schrieb vor, daß der gewonnene Vorteil festzuhalten und eine Verbesserung der Ausgangslage für eine künftige Offensive durch örtliche Unternehmen anzustreben sei. Als Ziele solcher Unternehmen wurden dem VII. Korps das Erreichen einer Linie vor der Hermada angegeben, von der aus später die Er^ oberung des Berges in einem einzigen Anlauf erfolgen mochte, und dem XIII. Korps die Besitznahme der Linei Kostanjevica—Stara Lokva. Ferner wurde die Eroberung des Mt. Santo empfohlen. Der Gen. Capello war einigermaßen betroffen, daß die Heeresleitung nunmehr Bestrebungen für durchführbar hielt, die im Laufe der großen Kriegshandlung nicht hatten verwirklicht werden können. Auch der Herzog von Aosta hatte ernste Bedenken. Anstatt Pläne für die Durchführung solcher Unternehmen zu unterbreiten, wurde daher dem Gen. Cadoma vorgeschlagen, „nichts zu tun“2). Die Heeresleitung gab sich damit zufrieden. Sie befahl nun, daß die Görzer Armee vom l.Juni an die Bezeichnung „2. Armee“ anzunehmen habe, wobei ihr Bereich bis zum Becken von Tolmein auszudehnen war. Ferner wurde eine Umstellung der Kräfte verfügt. Die 2. Armee hatte darnach aus dem IV., dem VI., dem XVIII. und dem XXIV. Korps zu bestehen, die 3. Armee aus den Korps VII, XI, XIII und XXV. Da diese Armeen je neun Divisionen behielten, er-

1 P i n c h e 11 i, 117.

2, Capello, II, 70 f.

übrigten zur Verfügung der Heeresleitung zehn Divisionen und sieben Brigaden. Sie sollten in zwei fast gleich starken Gruppen hinter den beiden Armeen versammelt werden. Das XII. Korps an der Kärntner Front wurde der Heeresleitung wieder als „Zona Carnia“ (Kamische Gruppe) unmittelbar unterstellt. Die Kommandos der 10., der 21. und der 27. ID. und fünf Brigaden sowie mehrere Gruppen schwerer Artillerie hatten auf die Hochfläche der Sieben Gemeinden abzugehen.

Indessen reifte bei der k. u. k. Isonzoarmee der Entschluß zu einem kräftigen Gegenangriff auf dem Südflügel. Schon am 26. Mai hatte FML. Schenk dem Armeekommando gegenüber die Notwendigkeit der Wiedergewinnung der lc-Linie betont. In der Begründung hieß es, daß diese Linie leichter zu behaupten sein werde als die Stellung Kostan-jevica—Hermada—Duino, weil die Artillerie dort ihre volle Kraft entfalten könne, wogegen ihr dies im nahen Vorfeld der Hermada nicht gut möglich sei. FZM. Wurm stimmte der Darlegung zu, woraufhin das XXIII. Korpskmdo. einleitende Befehle für den beabsichtigten Angriff gab. Ein gleichzeitiger, vom Abschnittskommando an die Armeeleitung erstatteter Bericht betonte Ziel und Zweck des Vorhabens, zu dem FZM. Wurm vorschlug, die 35. ID. und die 12. GbBrig. einzusetzen. Unter dem Eindrücke des zu dieser Zeit nördlich vom Mt. Santo wieder entbrannten Kampfes, der unter anderem auch die befohlene Ablösung der dort angesetzten 11. GbBrig. vorläufig in Frage stellte, antwortete GO. Boroevic, daß ,,bei voller Billigung des Gedankens mit dessen Ausführung zugewartet werden müsse, bis Artillerie- und Infanteriekräfte zur sicheren Durchführung dieses Unternehmens beigestellt werden“ könnten.

Begreiflich war der Wunsch des Korpskommandos, den Gegenstoß möglichst bald durchzuführen, damit der Feind nicht Gelegenheit hätte, sich zu verschanzen und frische Kräfte einzusetzen. Sein am 28. Mai verfaßter und später ergänzter Befehl sah einen planmäßigen, in zwei Phasen am 1. und am 2. Juni durchzuführenden Angriff vor.s Zuerst sollte die Gruppe FML. Schneider-Manns-Au die Flondarstellung gewinnen, dann auch die 9. ID. vorstoßen. Das Armeekommando legte nicht weniger Gewicht auf eine gründliche Vorbereitung, die ihm allerdings erst nach vollständiger Klärung der Lage verbürgt erschien. Deshalb mußte der Beginn des Gegenangriffes auf den 4. Juni verschoben werden.

Inzwischen wurden die Verbände umgestellt und geordnet. Die 10. ID. erhielt das IR. 73 zugewiesen. Die 9. ID. entließ die noch in ihrem Abschnitte verbliebenen Reste der 7. ID. (IR. 37) und stand am 3. Juni mit dem IR. 30 und dem IR. 91 in der Front. Die Gruppe FML. Schneider-Manns-Au, von der die 16. ID., schon ausgeschieden war, zog nun auch die Truppen der 28. ID. zur Retablierung hinter die Hermada zurück und bildete zwei Angriffsgruppen: eine bei Medeazza unter Befehl des Führers der 12. GbBrig., GM. Prinz Schwarzenberg, mit den Bataillonen dieser Brigade und zwei Bataillonen des IR. 63; die andere bei S. Giovanni, bestehend aus dem IR.28 (S. 170) und dem Bataillon I 51, das die steirischen Schützen ablöste. Die allerdings nicht geschlossene Masse der 35. ID. blieb zunächst Armeereserve. Der Umgruppierung und Verstärkung der Artillerie wurde die größte Sorgfalt gewidmet, um das Gelingen des Vorhabens zu gewährleisten. Für die zweckvolle Indienststellung der zahlreichen Batterien wurde Obst. Janečka berufen, der sich als Artillerieführer des Abschnittes III schon große Verdienste erworben hatte *).

Um die Monatswende nahmen auch die Italiener in Ausführung der schon erwähnten Befehle der Heeresleitung verschiedene Umstellungen ihrer Kräfte vor. Die Bewegungen waren für die öst.-ung. Artillerie ein Anreiz, dem Feinde möglichst Schaden zuzufügen. Die italienischen Batterien hinwider versuchten, dieses Feuer zu dämpfen. So kam es zeitweise zu lebhaften Kanonaden, die wechselseitig den Anschein erweckten, als dienten sie der Vorbereitung neuer Angriffe.

Am 3. Juni wurde die Aufmerksamkeit des Feindes in besonderem Maße auf das Becken von Görz gelenkt. Dort war bei S. Marco ein örtlich bedeutsames Grabenstück in Feindeshand geblieben. Der Kommandant des Wiener LstIBaons. IV 39 machte sich erbötig, diese Schanzen zurückzuerobem. Die Absicht gelang über alle Maßen gut. Die Wiener eroberten die Stellung, nahmen 600 Italiener gefangen und erbeuteten 9 Maschinengewehre2).

Indessen war der im Hermadaabschnitt vorbereitete Angriff reif zur Durchführung geworden. Zur Ablenkung des Feindes unternahm zunächst beim VII. Korps die 17. ID. am 3. spät abends einen Vorstoß gegen den Fajti hrib. Die tapferen „Neununddreißiger“ eroberten den sehr festen italienischen Stützpunkt auf der Trigonometerhöhe 432 und holten sich 350 Gefangene sowie ansehnliche Beute. Vor Tagesanbruch räumten sie dann die Stellung, um dem vereinten feindlichen Artilleriefeuer zu entgehen. Am 4. Juni zeitlich früh brach nun der Angriff der Gruppe FML. Schneider-Manns-Au los1). Nur 40 Minuten dauerte die Artillerievorbereitung, aber sie war von solcher Wucht, daß der Feind zermalmt wurde. Knapp vor 5hfrüh ging die Infanterie vor; es waren insgesamt sechs Bataillone im ersten Treffen. Der überraschte Feind leistete keinen erheblichen Widerstand, doch wirkte seine Artillerie sehr verderblich. Schon im ersten Anstürme erreichten die Bataillone der 12.GbBrig. (IBaon. 1/3, FJB. 21 und bh. FJB. 6) die Flondarstellung, während das Prager IR. 28, das einen ausgedehnten Angriffsraum vor sich hatte und durch stärkere Gegenwirkung des Feindes gehemmt wurde, seine Aufgabe in zwei Phasen löste. Vormittags setzte es sich in den Besitz der Höhe-<{>-110 beim Südtunnel und am Abend, nach Einbruch der Dunkelheit, eroberte es auch den Nordtunnel, über den die lc-Linie hinwegging. Damit war die ganze Flondarlinie, das Ziel des Angriffes der Gruppe Schneider, wiedergewonnen. Der Feind hatte nicht weniger als 7000 Mann in den Händen der Angreifer lassen müssen. Erheblich war auch die Beute an Kriegsmaterial. Das seinerzeit gemaßregelte IR. 28 hatte sich über alle Erwartungen gut geschlagen. Es hatte in diesem Gefechte fast zwei Drittel seines Gefechtsstandes geopfert: 8 Offiziere und 300 Mann waren tot, 21 Offiziere und 870 Mann verwundet.

Es war anzunehmen, daß der Feind den Versuch unternehmen werde, die arge Schlappe wieder gutzumachen. Deswegen wurde die Masse der 28. ID. in Bereitschaft gehalten. Einzelne, an diesem Tage von den Italienern unternommene Gegenstöße gewannen zwar keine Bedeutung, doch der Feind zog, wie man beobachten konnte, von allen Seiten Kräfte auf das Gefechtsfeld heran. Am 5. Juni beim Morgengrauen eröffnete die italienische Artillerie starkes Feuer sowohl auf die verlorene Flondarstellung als auch besonders heftig auf die Fornaza, wo sich die 9. ID. bemühte, den hier westwärts vorspringenden Teil der lc-Linie zu gewinnen. Die Italiener führten des Morgens und auch des Abends Gegenstöße, durch die Wechsel volle Kämpfe hervorgerufen wurden, die aber weder den Truppen der 9. ID., noch dem Feinde Gewinn brachten. Hingegen vermochte die 10. ID., bei der nunmehr

!) Dem FML. Schneider Edl. v. Manns-Au wurde für die hervorragende Führung des Gegenangriffes diis Ritterkreuz des Militär-Maria Theresien-Ordens verliehen.

das Egerländer IR. 73 in die Front getreten war, den ganzen Veršič-Riegel zu besetzen. Die Zahl der seit dem Vortage in Gefangenschaft geratenen Italiener erhöhte sich auf 10.000 Mann.

In der Nacht auf den 6. Juni wurden in der Flondarstellung die stark verbrauchten Truppen der 12. GbBrig. durch das IR. 62 der

35. ID. abgelöst. Auf der Fornaza stieß die 9. ID. bald nach Tagwerden nochmals zur Eroberung der Höhe -<{>-235 vor; die 1000 eingebrachten Gefangenen gehörten sonderbarerweise zehn verschiedenen Regimentern an. Dieser Angriff löste neue Kämpfe aus, bei denen es sich immer wieder um den Besitz der bekannten Kuppen auf der Fornaza drehte. Am Abend meldete der Führer dieser Division, GM. Gruber, nach den Erfahrungen der letzten Tage habe das sehr starke feindliche Artilleriefeuer bei den Angriffen einen so großen Kräfteverbrauch hervorgerufen, daß ihre Fortsetzung nicht ratsam sei. Er beantrage daher, sich mit

dem Besitz der Linie -<J>-247--c{>-241 zu begnügen. Das Korpskommando

befahl hierauf, die erreichte Stellung sei, wenn der Auftrag nicht durchgeführt werden könne, festzuhalten. Damit war das tagelange grimmige Ringen auf der Fornaza endgültig abgeschlossen; denn auch die Italiener griffen nicht mehr an.

Als am 5. Juni die Sonne unterging, war die letzte, diesmal jedoch nicht von den Italienern eingeleitete Phase der großen Schlacht zu Ende. Der Rückschlag übte auf die italienische Heeresleitung einen niederschmetternden Eindruck aus, der nicht allein durch den Verlust des unter größten Opfern gewonnenen Geländestreifens hervorgerufen wurde, sondern viel mehr noch durch die recht bedrückende Erkenntnis, daß der Geist der Truppe gelitten habe. Hierüber berichtet Gen. Capello: ,,Bei diesem Anlasse trat zum ersten Male in großem Ausmaße und in besorgniserregender Art ein sehr schwer wiegender Fall ein, der klar aufzeigte, wie weit die Unterhöhlung des Kampf willens der Truppe fortgeschritten war. Gegenüber dem feindlichen Angriffe leisteten einige unserer Einheiten gar keinen Widerstand, im besonderen gingen drei Regimenter, ohne gekämpft zu haben, zum Feinde über1).“ Die Heeresleitung wurde durch dieses Ereignis darauf aufmerksam, daß der Geist der Truppe unter Einflüssen, die vom Hinterlande ausstrahlten, eine Veränderung erfahren habe, und Gen. Cadorna führte bei der Regierung Klage darüber, daß der Ausbreitung der zerstörenden Propaganda staatsfeindlicher Parteien so wenig Hemmnisse entgegengestellt würden -).

1)    Capello, II, 62.

2)    Cadorna, La Guerra, Neudruck 1934, 379.

Rückblick

Das geschilderte dreiwöchige Ringen übertraf die vorhergegangenen neun Isonzoschlachten in allen Abmessungen um ein Vielfaches. Im Rahmen der großen, allgemeinen Offensive, die der Vierverband in schroffer Verneinung des Friedensangebotes der Mittelmächte beschlossen hatte, hofften die Italiener, beim zehnten Angriff am Isonzo die Kriegsentscheidung — koste es, was es wolle — zu erzwingen. Obwohl Rußland sich ohnmächtig zeigte, die seinerzeit getroffenen Vereinbarungen einzuhalten, und wenngleich die Frühjahrsoffensive der Westmächte schon als gescheitert angesehen werden konnte, schritt Italien nach einigem Zögern an die Ausführung des gewaltigen Vorhabens.

Sechs Monate hindurch hatte die italienische Heeresleitung alle Kräfte des Landes aufs höchste angespannt, um den Erfolg verbürgen zu können. Die ältesten und die jüngsten, bisher nicht verpflichteten Mannschaftsjahrgänge waren unter die Fahnen gerufen, die Erzeugung von Kriegsgerät und Schießbedarf mit Hochdruck betrieben worden. Derart konnte die Heeresleitung bei Belassen namhafter Sicherungstruppen in der Flanke und im Rücken nicht weniger als 280.000 Frontstreiter sowie 2200 Geschütze und etwa 1000 Minenwerfer in die Entscheidungsschlacht einsetzen.

.Allein, der gewaltige Anlauf, der mit einem Hochlied des Sieges ausklingen sollte, endete mit einer schweren Enttäuschung. Das Angriffsheer büßte rund 36.000 Tote und 96.000 Verwundete nebst 27.000 Gefangenen ein und gewann nur einen ganz unbedeutenden Geländestreifen. Die k. u. k. Isonzoarmee konnte hingegen einen neuen großen Abwehrsieg in die Geschichte des öst.-ung. Heeres vermerken, der bei einem Feuergewehrstand von 165.000 in den Kampf getretenen Streitern mit einer Einbuße von 76.300 Mann erstritten wurde, von denen 7300 durch Tod, 45.000 durch Verwundung und 23.400 durch Gefangenschaft ausgeschieden waren.

Die Mehrzahl der Opfer fiel durch die Wirkung der Artillerie, die sowohl an Zahl wie an Gattung bedeutend mächtiger war als in den früheren Isonzoschlachten. Die öst.-ung. Artillerie zählte rund 1400 Geschütze und rund 500 Minenwerfer. Sie verschoß die ungeheure Menge von 37.800 t Munition. Die Italiener mögen wohl noch weit größere Massen verfeuert haben. Wenn die durch die Verluste gekennzeichnete Wirkung der öst.-ung. Artillerie bedeutend größer war als die der italienischen, so wird dies zunächst mit dem Mißverhältnis begründet, das sich zwischen dem Angreifer und dem in Deckung liegenden Verteidiger ergibt. Aber die unübertroffene Leistung der öst.-ung. Batterien mag wohl auch in der geschickteren Führung, im besseren Schießen und im tüchtigeren Verhalten begründet sein. In wenigen Sätzen faßte ein Befehl des Führers auf dem Karsthochland die Leistung der Kanoniere zusammen: „Übereinstimmend anerkennen und loben die Führer und die Infanterie das hervorragende Verhalten und das opfermutige Mitwirken der braven Artillerie. Tag und Nacht in Bereitschaft und im Kampfe stehend, gelang es ihr wiederholt, Angriffe schon im Keime zu ersticken. Es kam öfters vor, daß Batterien im schweren Kampfe bis zum letzten Augenblick ausharrten, durch den Gegner überrannt wurden, sich im Handgranatenkampf des Feindes erwehrten, dann weiter schossen oder Umgruppierungen in tadelloser Art durchführten, um den Kampf fortzusetzen. Andere Batterien rissen ihre Geschütze aus der Stellung, um direkt im Nahkampf schießen zu können.“

Es hieße ein altes Loblied wiederholen, wollte man den Opfermut der öst.-ung. Infanterie neuerlich preisen. In der Schilderung der Kämpfe wurden nur Fälle besonders rühmenswerter Taten hervorgehoben. Nicht weniger bewunderungswürdig war aber auch das stumme Heldentum, das ini tagelangen Erdulden des schrecklichen Trommelfeuers erkannt sein will. Die nach dem überraschend schnell erfolgten Durchbruch auf dem Südflügel der Armee von mancher Seite aufgeworfene Frage, ob ein schwachmütiges Versagen der betroffenen Truppen vorliege, wurde nach eingehender Prüfung der Umstände verneint, obwohl bei diesem Anlasse über 6000 Mann in Gefangenschaft geraten waren. Jedenfalls hatte es sich gezeigt, daß die eingreifenden Bataillone der Reserven, die denselben Truppenkörpem wie die vorne Durchbrochenen angehörten, nicht einen Augenblick zögerten oder gar schwankten, dem Feinde an den Leib zu rücken. Bezeichnend ist es ferner, daß die Truppen gerade dort, wo die gut ausgebaute, schutzbietende Stellung verloren gegangen war, im offenen Gelände überaus beherzt kämpften und sich der feindlichen Infanterie weit überlegen zeigten. Der zuletzt durchgeführte Gegenangriff auf dem Südflügel erbrachte den schlagenden Beweis hiefür.

Ganz hervorragend verhielten sich auch die Sappeure und die Pioniere, die, nach monatelanger Arbeit an den Befestigungen für die Infanterie, dieser auch im Kampfe wiederholt tapfer zur Seite sprangen. Ebenso verdienen die Leistungen der Verbindungstruppen, die oft in schwerstem Feuer hinausgehen mußten, um zerstörte Drahtleitungen wiederherzustellen, ganz besondere Würdigung. Ferner ist der Fuhrwerks- und der Kraftwagentrosse zu gedenken, die ohne Ruh und Rast den Kampftruppen Schießbedarf, Verpflegung und auch Wasser unter den denkbar schwierigsten Verhältnissen zuführten1).

Über die Tätigkeit der Flieger stehen bemerkenswerte Daten zur Verfügung. An 14 Flugtagen (einige Tage während der Schlacht konnten die Flugzeuge wegen des ungünstigen Wetters nicht aufsteigen) wurden mit durchschnittlich 64 Flugzeugen 711 Feindflüge unternommen, 210 Luftkämpfe ausgefochten, 10 t Bomben abgeworfen und die feindliche Infanterie wiederholt mit Maschinengewehren angegriffen. Ferner wurden 22 italienische Flugzeuge abgeschossen und zahlreiche andere beschädigt. Die eigenen Verluste waren allerdings auch nicht gering.

Auch der Küstenschutz war während der Schlacht lebhaft tätig gewesen. Neben dem erwähnten unmittelbaren Eingreifen der Freiwilligen Schützen bei S. Giovanni kamen auch die Küstenbatterien wiederholt zum Wort, indem sie das Annähem italienischer Monitore verhinderten, die zum Zerstören der Bahnlinie bei Prosecco und Opcina ausgelaufen waren. Dem damals laut gewordenen Wunsch, daß die k. u. k. Kriegsmarine von See aus auf dem Südflügel des Schlachtfeldes mitwirken möge, konnte die Admiralität nicht entsprechen; denn die Küstengewässer waren durch Seeminen vollständig verseucht. Weit entfernt, in der südlichen Adria, wo die Feinde eine Unterseebootsperre quer über die Otrantostraße ausgelegt hatten, fand am 15. Mai ein Seegefecht einer k. u. k. Kreuzerflottille gegen italienische und englische Schiffseinheiten statt, bei dem unsere Kriegsmarine ein neues Lorbeerblatt in den Kranz ihrer ruhmvollen Vergangenheit setzte 2).

Hatten sonach alle Truppen und Waffengattungen freudig ihren Beitrag an der Abwehr des weit überlegenen Feindes geleistet und hatte namentlich die Infanterie große Opfer gebracht, so bestand der Anteil der höheren Führung an diesem Gelingen zuerst im sorgfältigen Vorbereiten und dann im geschickten Leiten der Verteidigung, die ein Anpassen an die wechselnde Lage erforderte.

!) Die Kraftfahrkompagnien des öst. Bundesheeres begehen im Erinnern an die Verdienste der ehemaligen Autotruppen um die Isonzoverteidigung am 27. Mai ihren Gedenktag.

. 2) Kriegsarchiv (M a r i n e a r c h i v), Österreich-Ungarns Seekrieg 1914 bis 1918 (Wien 1929/33), 376. Dem kühnen Führer der Flottille, Linienschiffskapitän Nikolaus Horthy de Nagybánya wurde auch für dieses Unternehmen das Ritterkreuz des Militär-Maria Theresien-Ordens verliehen.

Für die Heeresleitung war es durchaus nicht leicht gewesen, der Isonzofront Kräfte zuzuführen, da sie bei solchem Vorhaben stets die mögliche Entwicklung der Lage an den anderen Fronten in Erwägung ziehen mußte. Darum hatte sie sich so lange wie möglich das Verfügungsrecht über zwei im Bereiche der Isonzoarmee bereitgehaltene Divisionen Vorbehalten und auch mit dem Überführen von zwei.weiteren Divisionen aus dem Osten bis zuletzt gewartet. Dem Armeekommando in Adelsberg mochte die erwähnte Beschränkung hinderlich erschienen sein; sie wurde jedoch zeitgerecht aufgehoben, so daß aus ihr kein Nachteil entstand. Dagegen war das Eingreifen des Kommandos der Südwestfront, das seinerseits auf eine Division der Reserven Beschlag legte, nicht recht begründet und behinderte den Führer am Isonzo in einem entscheidenden Augenblicke an der beabsichtigten Verstärkung des Nordflügels. Wäre diese Division um einige Tage früher freigegeben und gemäß dem Wunsche des Armeekommandos auf dem Hochlande nördlich Görz bereitgestellt worden, so hätten die Ereignisse im Gebiete von Plava möglicherweise einen anderen Verlauf genommen und nicht jene äußerst beunruhigende Wirkung ausgelöst, die den Armeeführer bewog, weit mehr Kräfte in den bedrohten Raum zu entsenden, als ursprünglich vorgesehen worden war. Dies führte zu einer erheblichen Verminderung der hinter dem Südflügel bereitgestellten Reserven.

Als dann auf diesem Flügel ein allerdings unerwartet rascher Einbruch des Feindes erfolgte, entstand hier eine der schwersten Krisen, die die Isonzoarmee je zu bestehen hatte. Dennoch wußte man auch diese Krise zu überwinden. So wie das unmittelbar betroffene Korpskommando und das Abschnittskommando rasch eingriffen, um der Flut Herr zu werden, riß auch der Armeeführer die in den Nordabschnitt entsandten und dort noch nicht eingesetzten Teile der Armeereserve an den Südflügel zurück. Im Verein mit den vom Kommando der Südwestfront und von der Heeresleitung herangeführten Kräften wurde dann dem Feinde nicht allein Halt geboten, sondern ihm auch der blutig errungene Lorbeer wieder entwunden1).

Dem siegreichen Feldherm, GO. Svetozar Boroevic v. Bojna, wurde nach Abschluß der Schlacht für „Operationen am Isonzo in den Jahren 1915 bis 1917“ das Kommandeurkreuz des Militär-Maria Theresien-Ordens verliehen.

1) Eine besonders eindrucksvolle Darstellung der Karstkämpfe gewährt neuestens das belletristische, aber in den Stimmungen durchaus wahrheitsgetreue Buch „Karst“ von Abel (Salzburg 1934,.

Die Junischlacht in den Sieben Gemeinden

Hiezu Skizze a der Beilage 10

Italienische Vorbereitungen

Kaum war der Kampflärm der zehnten Isonzoschlacht in den ersten Junitagen abgeklungen, als schon die italienische Führung zu neuen Schlägen gegen die Südtiroler Bastion ausholte. Es waren seit langem erwogene und sorgfältig ausgearbeitete Pläne, die nun zur Ausführung gelangen sollten (Bd. V, S. 111).

In den oftmals erneuerten Anstürmen im Juni und Juli .1916 war es den Italienern nicht gelungen, die Truppen der Heeresgruppe Erzherzog Eugen aus den nach Einstellung der Offensive bezogenen neuen Dauerstellungen zwischen Brenta und Etsch zu verdrängen. Die Hauptanstrengungen des Feindes hatten den Abwehrlinien auf dem Nordteil der Hochfläche von Asiago mit dem Ziele Kempeirücken und dem Raume des Pasubio zur Wiedergewinnung des Col Santo gegolten. Nur bei Erreichung dieser Ziele war nach Überzeugung Cadornas der Rücken der am Isonzo angreifenden Streitkräfte gegen Rückschläge, wie sie das italienische Heer im Mai 1916 getroffen hatten, ausreichend gesichert. Wenn sich nun im Sommer und Herbst dieses Jahres das Hauptaugenmerk der italienischen Führung dem Isonzo zuwandte, wo in vier Schlachten der Versuch gemacht wurde, Raum gegen Triest zu gewinnen, so war Cadorna trotzdem nach wie vor entschlossen, bei günstiger Gelegenheit die Angriffe gegen die oben erwähnten Abschnitte der Südtiroler Front, diesmal jedoch nach sorgfältigster Vorbereitung, zu erneuern x). In dieser Absicht bestärkten ihn die nicht unbedeutenden räumlichen Fortschritte, die im August zwischen Görz und dem Meere erzielt worden waren; denn die Rückenbedrohung durch die öst.-ung. Streitkräfte in Südtirol mußte um so empfindlicher werden, je mehr Raum gegen Osten die Italiener am Isonzo gewannen.

Die hartnäckigen Angriffe, die das italienische V. Korps im September und Oktober 1916 gegen die Pasubiostellungen geführt hatte, brachten zwar schließlich örtliche Erfolge, aber dem angestrebten Ziele war der Angreifer dadurch nicht näher gekommen. Der vom Kommando der Truppen der Hochflächen, GLt. Mambretti, sorgfältig vorbereitete Angriff zwischen dem Grenzkamm und Asiago mußte wegen

J) Cadorna, La guerra, Neudruck 1934, 379.

des frühzeitigen Wintereinbruches in der ersten Novemberhälfte unterbleiben. Die italienische Führung entschloß sich daher, beide AngriffsUnternehmen im späten Frühjahr 1917, nach Abschluß der Schneeschmelze, durchzuführen. Zuerst sollte die am 1. Dezember 1916 aus den Truppen des XVIII. Korps im Suganertale und jenen des bisherigen Kommandos der Hochflächen (XX. und XXII. Korps) gebildete 6. Armee den Angriff mit dem Ziele Kempeirücken beginnen. In einem späteren Zeitpunkte hatte der Angriff des nunmehrigen Ostflügels der 1. Armee gegen die Pasubiostellungen einzusetzen.

Diesem Programm entsprechend erhielt die italienische 6. Armee von der Mitte des Monates März angefangen die ersten Truppenzu-schübe. zunächst zwei Alpinigruppen aus dem Krngebiete. Ein namhafter Teil der für die Kampfhandlung auf der Hochfläche von Asiago bestimmten Verstärkungen sollte jedoch unter Ausnützung der für rasche Kräfteverschiebungen günstigen geographischen Lage erst kurz vor Angriffsbeginn aus dem Friaul herangezogen werden, um sich derart die Überraschung des Gegners zu sichern. Wohl wurden aber auch diese Kräfte wie ein Teil der schweren Angriffsartillerie erst nach Beendigung der für die zweite Hälfte des Monates Mai geplanten neuerlichen Angriffsschlacht am Isonzo verfügbar.

Anfangs Juni waren für den bevorstehenden Angriff auf der Hochfläche von Asiago zehn Divisionen versammelt und gegen 1500 Feuerschlünde in Stellung gebracht1). Die italienische Heeresleitung hatte mit diesem mächtigen Kräfteaufgebot an der kaum 14 km langen Angriffsfront ein Höchstausmaß infanteristischer Streitkräfte zusammengezogen, mit dem die der 6. Armee zur Verfügung gestellten artilleristischen und materiellen Mittel durchaus Schritt hielten. Diese Kräftezusammenfassung berechtigte nach Meinung des italienischen Höchstkommandos

!) Gliederung der italienischen 6. Armee am 10. Juni 1917:

Val Sugana    XVIII. Korps (15. und    51. ID.)    29    Bataillone

Nordteil der    Hochfläche    XX. Korps (52., 29.,    10. und    21. ID.)    61    Bataillone

XXII. Korps (13., 25.,    27. und    57. ID.)    51    Bataillone

Asiago -Asticotal    XXVI. Korps (12. und    30. ID.)    24    Bataillone

Summe    165    Bataillone

Die Kommandos der 10., der 21. und der 27. ID. standen noch Mitte Mai im Isonzoraum siehe Beilage 6 , jenes der 57. ID. als Neuaufstellung in der venetia-nischen Ebene.

Unter den zur 6. Armee gelangten Verbänden befanden sich an Neuformationen 32 Bataillone 5i ■_> Brigaden), ferner 12 Bataillone (2 Brigaden), die abgekämpft vom Isonzo eingelangt waren.

bei den überaus sorgfältig getroffenen Angriffsvorbereitungen und der erhofften Überrumpelung des Gegners zu weitgehenden Erwartungen.

Der Angriff sollte sich nach einem genau vorgezeichneten Plane vollziehen. Den Hauptstoß hatte das XX. Korps den Nordrand der Hochfläche von Asiago entlang zu führen; von seinen Kräften war die nunmehr aus 20 Alpinibataillonen bestehende 52. ID. zum Angriff gegen den Frontábschnitt Mt. Ortigara—Mt. Campigoletti bestimmt, die 29. ID. hatte beiderseits des Mt. Forno vorzustoßen. Vom südlich anschließenden XXII. Korps sollten die 13. ID. die öst.-ung. Stellungen im Raum Mt. Zebio—Cra. Zebio, die 25. ID. aber gegen den Mt. Dorole angreifen. Waren die Breschen geschlagen, sollte sich das XX. Korps des ganzen Nordrandes der Hochfläche bis zur C. Portule bemächtigen, das XXII. Korps den Ostsaum der unteren V. Galmarara erreichen1). Für die Nahrung des Stoßes war durch tiefgestaffelte Reserven vorgesorgt; denn hinter jedem dieser beiden Korps waren je zwei Divisionen der Reserven bereitgestellt..

Die beiderseits anschließenden Verbände hatten die Hauptangriffsgruppe durch begleitende Vorstöße und Täuschungsunternehmen zu unterstützen, und zwar das XVIII. Korps im Suganertale südlich der Brenta, das XXVI. Korps über die untere Assa hinweg.

Maßnahmen der Heeresgruppe FM. Conrad

Schon geraume Zeit, bevor das Eintreten der Schneeschmelze größere Kampfhandlungen in den Bergen ermöglichte, hatte sich das Heeresgruppenkommando in Bozen mit der Wahrscheinlichkeit neuerlicher italienischer Angriffe gegen Tirol befaßt. Von den hiefür in Betracht kommenden Abschnitten der Südtiroler Front war es wohl vor allem der Nordteil der Hochfläche von Asiago, wo auf der Grundlage der schon im vergangenen Spätherbst wahrgenommenen feindlichen Angriffsvorbereitungen neue Anstürme zu gewärtigen waren (Bd. V, S. 699). Tatsächlich lieferten die der öst.-ung. Führung zur Verfügung stehenden Nachrichtenquellen bereits seit Anfang April andauernd Hinweise darauf, daß die italienischen Vorbereitungsmaßnahmen in diesem Raume wieder in vollem Umfang aufgenommen worden waren.

FM. Conrad hatte kurz nach Übernahme des Kommandos in Tirol der Überzeugung Ausdruck verliehen, daß die italienische Fühlung

x) Ministero della guerra, Le Medaglie d'oro (Roma 1926), III (1917), 69 /17.    ' ihre an der Tiroler Front stehenden ansehnlichen Kräfte, ein Drittel des Feldheeres, sicherlich gelegentlich des nächsten Ansturmes im Isonzoraum zu einem nachdrücklichen Schlag gegen Tirol ansetzen werde. Zur verläßlichen Abwehr eines nachhaltigen, aus der Tiefe genährten Angriffes war nach seiner Überzeugung die Zuweisung von drei Brigaden an die Heeresgruppe erforderlich. Auf derlei Erwägungen näher einzugehen, schien den Vorgesetzten Kommandos in Marburg und Baden zu diesem Zeitpunkte, mitten im Gebirgswinter, jedoch noch verfrüht zu sein.

Mitte April wurde es möglich, die aus den Schützenregimentern 14 und 25 bestehende 26. SchBrig. nach Tirol zu bringen; aber Conrad fand diese Verstärkung nicht für ausreichend und erneuerte bei dieser Gelegenheit ebenso wie bei einem Besuche des Allerhöchsten Oberbefehlshabers in Bozen am 22. April seine Bitte, der die k. u. k. Heeresleitung aber wegen der Lage am Isonzo und der ungeklärten Verhältnisse im Osten auch weiterhin nicht entsprechen konnte.

Dieser Zwiespalt der Meinungen zwischen den für die Behauptung von Tirol verantwortlichen Stellen und der für die Gesamtkriegführung maßgebenden Heeresleitung ist vollkommen begreiflich. Er nahm im Laufe der Geschehnisse immer mehr an Schärfe zu, da sich sowohl das Kommando der Südwestfront als auch die Heeresleitung gegen die stets drängender werdenden Anforderungen des Heeresgruppenkommandos ablehnend verhielten.

FM. Conrad, mit seinen geliebten Tiroler Bergen innig verwachsen, für deren Verteidigung er im Frieden, weit vorausdenkend, die Vorbedingungen geschaffen hatte, fühlte sich für die Festhaltung des weit nach Süden vorspringenden Raumes zwischen der Brenta und den Judi-carien als der wichtigsten Bastion seines Befehlsbereiches ganz besonders verantwortlich. Er war zudem der schon erwähnten Meinung (S. 117), der Ausbruch der Revolution in Rußland müsse alsbald die Lage an der Ostfront so grundlegend ändern, daß einer Verstärkung der Tiroler Front nichts mehr im Wege stünde, ja, daß sogar die Wiederaufnahme des Gedankens eines Stoßes aus Tirol heraus in absehbarer Zeit zu erwägen sei. Erzherzog Eugen als Befehlshaber der gegen Italien kämpfenden Streitkräfte war hingegen von der überragenden Wichtigkeit des Isonzoraumes voll durchdrungen und mußte daher die an anderen Fronten spärlich verfügbar werdenden Kräfte der 5. Armee zuführen, der auf jeden Fall in Kürze eine neuerliche schwere Kraftprobe bevorstand. Das AOK. in Baden endlich, auf das Einvernehmen mit der DOHL. als der Obersten Kriegsleitung angewiesen, war gezwungen, den noch ganz ungeklärten Verhältnissen im Osten Rechnung zu tragen und daher auf das Anfordem öst.-ung. Kräfte aus dieser Front zunächst zu verzichten.

Zudem teilten die hohen Kommandos in Baden und Marburg die Überzeugung, daß die der Heeresgruppe FM. Conrad zur Verfügung stehenden Truppen für die Behauptung Tirols vorerst ausreichen müßten. In Tirol stand ja — ebenso wie beim Feind — ein Drittel der für den südwestlichen Kriegsschauplatz verfügbaren Kräfte *). An dieser Beurteilung änderten auch die sich immer mehr verdichtenden Nachrichten über ein Zusammenziehen starker italienischer Truppen auf der Hochfläche von Asiago nichts. Das Heeresgruppenkommando war daher nach wie vor auf seine eigenen Reserven angewiesen und mußte zunächst darauf bedacht sein, für baldige Verstärkung des III. Korps zu sorgen, gegen das sich der zu erwartende Angriff wohl zuerst richten mochte.

Am 12. Mai brach die zehnte Isonzoschlacht los. Der für die gleiche Zeit erwartete Angriff gegen Tirol, für den die Jahreszeit noch verfrüht war, blieb aber aus. Die Lage erfuhr für die Heeresgruppe Conrad noch eine weitere Entspannung, als einzelne, bisher an der Tiroler Front eingesetzt gewesene italienische Brigaden nunmehr am Isonzo ermittelt wurden. Um weitere Verschiebungen in dieser Richtung möglichst abzubremsen, erhielt Bozen den Befehl, durch erhöhte Tätigkeit, Scheinangriffe und Täuschungsmaßnahmen den Feind zu binden.

So wurden in den Tagen zwischen dem 19. und dem 24. Mai an zahlreichen Stellen der Südtiroler Front örtlich begrenzte Stoßtruppunternehmen ausgeführt. In größerem Maßstabe fanden seit längerem vorbereitete Vorstöße auf dem Pasubio und im Gebiete des Colbricon statt, die zusammen mit kleinen Unternehmen in der Vallarsa, auf dem

1) Stände am 1. Mai 1917

Feuergew. MG.

Geschütze

Ersätze

Anmerkung

Heeresgruppe

Conrad

112.500

1459

1448*

29.000

* 98 Inf.-, 1051 leichte, 299 schwere Gesch.

10. Armee

32.000

250

337

7.000

5. Armee

156.000

1765

1667

70.500

Summe

300.500 3474

3452 1 106.500 1

Borcolapaß und bei Laghi, bei Canove und auf dem Civaron (Val Su-gana'l an 700 Gefangene, 10 Maschinengewehre und drei Granatwerfer einbrachten.

Zu Beginn der zehnten Schlacht hatte die Heeresgruppe Conrad noch zwei Bataillone zugeschoben erhalten; gegen Ende Mai mußte sie jedoch Kräfte an die in schwerem Kampf stehende Isonzoarmee abgeben. So erhielt sie am 25. und 28. Mai den Befehl, zusammen neun Bataillone zur 5. Armee abzusenden, die durch abgekämpfte Einheiten ersetzt werden sollten. Um raschen Abtransport zu ermöglichen, mußte auf bereitgestellte Reserven gegriffen werden 22). Die Heeresgruppe war nunmehr um ein Bataillon schwächer als zur Zeit der Winterruhe. Diese Verminderung seiner Kräfte erschien dem Heeresgruppenkommando bedenklich; denn die Rührigkeit des Feindes auf den Hochflächen der Sieben Gemeinden, das den mitgehörten feindlichen Funksprüchen zu entnehmende bedeutende Anwachsen der Verpflegsstände der italienischen 6. Armee, der Einsatz neuer Funkstationen und das Erscheinen des bisher bei Görz verwendeten XXVI. Korpskommandos, das ebenfalls durch den Abhorchdienst bekannt wurde, konnten nur als Anzeichen des bevorstehenden Angriffsbeginnes gewertet werden. FM. Conrad sah sich daher am 3. Juni veranlaßt, nochmals auf die bedrohliche Lage in den Sieben Gemeinden hinzuweisen und Verstärkungen über das Ausmaß der abgegebenen Anzahl von Bataillonen hinaus zu erbitten, zumal auch der in Aussicht gestellte Ersatz durch abgekämpfte Einheiten unterblieben war.

Wie berechtigt diese Besorgnisse Conrads waren, beweist die Zusammensetzung der zu dieser Zeit in Südtirol verfügbaren spärlichen Reserven: bei der 18. ID. (ValSugana) ein Bataillon, beim III. Korps (Hochfläche von Asiago) zwei Bataillone; das 11. Armeekommando hatte sechs und das Heeresgruppenkommando drei Bataillone in Reserve.

Inzwischen war die zehnte Isonzoschlacht zu Ende gegangen. Das Kommando der Südwestfront war nunmehr in der Lage, bis zum 8. Juni dem Drängen Conrads nach Verstärkungen, das in den letzten Tagen wegen der einlangenden Nachrichten über das unmittelbare Bevorstehen des italienischen Angriffes immer nachhaltiger geworden war, Folge zu geben. Neun Bataillone wurden nach Tirol verschoben 23). Dieser Kraftzuwachs ermöglichte es dem Feldmarschall, eine gleiche Anzahl von

Bataillonen der 11. Armee zuzuweisen, zumal für den äußersten Notfall der Zufluß von „Teilen der einstweilen wegen Fleckfiebers in Kroatien kontumazierten 73. ID. in Aussicht gestellt worden war.

In artilleristischer Hinsicht war das Möglichste geschehen, um den bedrohten Frontabschnitt durch Abgaben aus ruhigeren Bereichen der Heeresgruppe und durch Ausrüstung neuer Batterien zu stärken. Die Kampfpause in den zum Teil noch im Bergwinter steckenden übrigen Frontteilen Tirols erleichterte derartige Verschiebungen.

Bis zum 9. Juni ergaben Beobachtung und Nachrichten ein ziemlich klares Bild über die Absichten des Feindes. Zahlreiche Überläufer berichteten fast übereinstimmend, daß der Angriff zwischen der Reichsgrenze und Asiago spätestens am 12. beginnen werde. Umfangreiche neugeschaffene Zeltlager, große Lagerfeuer, sehr lebhafter nächtlicher Kraftwagenverkehr hinter der feindlichen Front, das Auffahren und Einschießen zahlreicher neuer Batterien, die am 6. Juni einsetzende italienische Luftsperre, verbunden mit einem Fliegereinbruch nach Trient und Bozen, waren unverkennbare Anzeichen des Bevorstehenden, die durch die mitgelesenen Funksprüche ergänzt wurden. Die auf dem gleichen Wege ermittelte Ausgabe des italienischen Angriffsbefehles an alle vier Korpskommandos der 6. Armee ließ den großangelegten Umfang des Unternehmens erkennen. Vor allem schienen aber die auf dem Nordteil der Hochfläche von Asiago stehenden Divisionen des k. u. k. III. Korps, die 6. ID. und die 22. SchD., überaus bedroht zu sein. Die Hoffnungen der Italiener, den Gegner überraschen zu können, waren zunichte geworden, weil sie für die Geheimhaltung ihrer Pläne zu wenig vorgesorgt hatten.

Kampfraum und Kräfte vergleich

Die Hochfläche von Asiago steigt an ihrem Nordrande, dem sogenannten Grenzkamm — hier zog sich die Reichsgrenze hin — zu ihrer größten Höhe an. Ihr nördlicher Abfall stellt sich, vom Suganertal aus besehen, vielfach wie eine mehr als 1000 m hohe Felsmauer dar. Der im Mai 1916 von den öst.-ung. Angreifern gewonnene Ostteil des Kammes bis zum österreichischen Grenzzwickel der Barricata war bald darauf im Juni nach hartnäckigen Kämpfen wieder geräumt worden (Bd. IV, S. 667 ff.). Die Italiener hatten in der Folge die von ihnen besetzte C. Maora zu einem mächtigen Bollwerk und Verbindungsknoten ihrer Front auf der Hochfläche mit jener im Suganertale ausgestaltet.

Zwischen derC.Maora und derS'^km westlich davon aufragenden C. Dieci verflacht sich der Grenzkamm zu einer breiten Senke, die durch den quergelagcrten Bergklotz des Mt. Ortigara in zwei Teile getrennt •wird. Über die so entstandenen Einsattelungen, westlich die Porta Lepozze, östlich die Porta Maora, führen gangbare Querverbindungen von der Hochfläche zum Suganertale, von denen jedoch die letztgenannte, zwischen den Fronten liegend, für die Benützung nicht in Frage kam.

Die öst.-ung. Abwehrstellung verlief, von Süden kommend, über den Mt. Campigoletti, auf dem Ostrande der beiden Kuppen des Mt. Ortigara zur Porta Maora und, westlich der Val Maora, als „Caldiera-stellung“ gegen den Civaron.

Im Abschnitte Campigoletti meisterhaft ausgebaut, war hingegen die Stellung auf dem Mt. Ortigara weder taktisch noch technisch auf der Höhe. Von der C. Maora überhöht, nur auf vom Feinde voll eingesehenen und bestrichenen Zugangswegen erreichbar, litt dieser Stellungsteil unter den schwierigen Zuschubverhältnissen, da er von der Hochfläche aus über Dosso del Fine versorgt werden mußte. Diese Nachteile, verbunden mit der eintretenden Notwendigkeit, die Besatzung abzulösen, hatten eine verhängnisvolle Rückständigkeit des Ausbaues der Verteidigungsanlagen zur Folge. Schließlich verlief die Abschnittsgrenze zwischen dem III. Korps und der 18. ID. entgegen allen taktischen Grundsätzen auf dem Grenzkamm, so daß an wichtigster Stelle kein einheitliches Kommando vorhanden war.

Die kahlen, stark verkarsteten Grenzkammhöhen westlich der C. Maora hatten durch die einjährigen Kämpfe immer mehr den Charakter eines Trichter- und Schuttfeldes angenommen. Die zahlreichen größeren und kleineren Dolinen, zum Teil noch schneeerfüllt, spielten bei den folgenden Kämpfen, ähnlich wie in den Karstschlachten, eine wichtige Rolle; der meist an der Oberfläche durch Pikrin verfärbte Schnee war oft das einzige Mittel zur Beschaffung von Trinkwasser. Kleine Felsstufen boten zwar Deckung, erschwerten aber die Fortbewegung.

Der von den Abwehrstellungen bis zum Kempeirücken reichende kahle Gürtel bannte jeden Verkehr zur Front in die Nachtstunden; im Gegensatz hiezu fanden die Italiener in der hinter ihren Stellungen vorhandenen ausgedehnten Waldzone Deckung gegen Sicht für den Verkehr ihrer Reserven, für die Versammlung größerer Truppenmengen vor dem Angriff sowie für Freilager.

Die schwierige Lage des Verteidigers wurde durch das Zahlenverhältnis der beiderseitigen Kräfte noch verschärft. Die italienische 6. Armee trat in dem Raume zwischen dem Grenzkamm und Asiago mit

112 Bataillonen in den Kampf, von denen allerdings vorerst nur ein Bruchteil eingesetzt wurde. Demgegenüber verfügte der Verteidiger in den Stellungen zwischen dem Grenzkamm und Asiago am 9. Juni abends über 21 Bataillone; an Reserven waren insgesamt 14Bataillone bereitgestellt, 71/2 Bataillone befanden sich im Anmarsche, so daß zur Abwehr des Angriffes 42V2 Bataillone, etwas mehr als ein Drittel der Feindesstärke, verfügbar waren.

Ähnlich war es um die Verhältnisse der beiderseitigen Artillerie bestellt. Die k.u.k. 11. Armee zählte bis zum 15. Juni in jenem Teile ihrer Front, dem die italienische 6. Armee gegenüberstand, 400 Geschütze, davon 246 leichte, 48 mittlere, 17 schwere, 6'5 Stellungsgeschütze und 24 Fliegerabwehrkanonen. Die vorerwähnten 1500 italienischen Feuerschlünde (S. 186), bei denen wohl zahlreiche Minenwerferbatterien eingerechnet sind, bedeuteten auch hier eine dreifache Überlegenheit des Feindes.

Der Kräfte vergleich ergibt ein für den Verteidiger noch viel ungünstigeres Bild, wenn man den eigentlichen Hauptkampfraum der Schlacht, den Abschnitt zwischen dem Nordabsturz des Grenzkammes und dem Mt. Campigoletti in Betracht zieht. In diesem Frontteil waren am 10. Juni früh drei Bataillone der 6. und der 18. ID. eingesetzt, dahinter drei Bataillone Reserve der 6. Division. Der gegen diesen Abschnitt angreifenden italienischen 52. ID. standen zunächst 20 Bataillone zur Verfügung. Die Korpsreserve bestand beim k. u. k. III. Korps für dessen ganze Front aus drei Bataillonen, das italienische XX. Korps verfügte allein in dem oben erwähnten Frontteil über zwölf Bataillone der 10. Division.

Die Ortigaraschlacht (9. bis 29. Juni 1917)

Der italienische Angriff am 10. tind, 11. Juni Hiezu Skizze b der Beilage 10

Am 10. Juni, einem trüben und regnerischen Tage, setzte um 5h früh das italienische Geschütz- und Minenwerferfeuer schlagartig gegen die ganze Front des k. u. k. III. Korps, GdI. Ritt. v. Krautwald, ein. Der

Stellungszug der 6. ID. und der 22. SchD. stand bald unter besonders heftigem Zerstörungsfeuer, unter dem die Kampfanlagen und die Hindernisse arg litten. Aber auch die Artilleriestellungen und die Räume bis weit hinter der Front, die Anmarschwege und die Reservelager sowie die Standorte der höheren Befehlsstellen wurden heftigst beschossen, wobei zum Teil Gasgranaten verwendet wurden.

Der Nordflügel der 6. ID. und der anschließende Südflügel der

18. ID. waren bald stark in Mitleidenschaft gezogen. Während das FJB. 7 auf dem Mt. Campigoletti in seinen ausgebauten Stellungen hinreichend Schutz vor dem Massenfeuer fand, häuften sich beim FJB. 20 auf dem Mt. Ortigara die Verluste. Insbesondere erzielten die italienischen schweren 24- und 40 cm-Minenwerfer (Bd. V, S. 632) äußerst empfindliche Wirkung.

In den Nachmittagsstunden schritten die Italiener an zahlreichen Stellen der Front des III. Korps zum Angriffe. Erfolge hatten sie jedoch nur gegen den Nordflügel aufzuweisen. Hier gelang es den angreifenden Alpinibataillonen unter Ausnützung des Nebels und unter dem starken Feuerschutze ihrer Artillerie und Minenwerfer über die zwischen den beiderseitigen Stellungen liegende Tiefenfurche bis in die schußtoten Räume vor den öst.-ung. Linien zu gelangen. In diesen Sturmstellungen sammelten sich in den Mittagsstunden starke Kräfte an. Sie versuchten schon nach 2h nachm., in die fast eingeebneten Abwehrstellungen des Abschnittes Ortigara einzudringen. Dem küstenländischen FJB. 20, das diesen Frontteil mit drei Kompagnien besetzt hielt, war noch vor Mittag das 3. Bataillon des salzburgischen IR. 59 aus der Divisionsreserve zur Verstärkung zugewiesen worden. Das Bataillon mußte sich gruppenweise durch das dichte Sperrfeuer Vorarbeiten und langte erst in den Nachmittagsstunden geschwächt in den Stellungen an, in denen die Jäger bisnun alle Angriffe abgeschlagen hatten1).

Hartnäckig vorwärtsstrebend, waren indessen Welle auf Welle des italienischen Angriffsstaffeis herangekommen, und die zahlenmäßig bedeutende Übermacht wurde immer fühlbarer. Schließlich gelang den Italienern der Einbruch auf der Höhe -<>-2007; die Reste des hier stehenden Reservebataillons 111/37 wurden nach Norden abgedrängt. Dadurch konnte der Angriff gegen den Mt. Ortigara nunmehr auch von Nordosten herangetragen werden. Nachdem beide Bataillonskommandanten

1j H o e n, Geschichte des salzburgisch-oberösterreichischen k. u. k. Infanterieregimentes Erzherzog Rainer Nr. 59 für den Zeitraum des Weltkrieges 1914—1918 (Salzburg 1931), 549 ff.

des Abschnittes Ortigara gefallen waren, bemächtigten sich die Italiener der Nordkuppe Höhe -<^-2071. Trotz der erlittenen schweren Verluste vermochten aber die Reste der Abschnittsbesatzung sowohl die Hauptkuppe des Mt. Ortigara, Höhe 2105, zu halten, als auch einen weiteren Raumgewinn des Feindes gegen Westen zu verhindern. Der ungleiche Kampf hatte auch die Italiener schwere Opfer gekostet; daher begnügten sie sich mit dem errungenen Erfolg.

Daß der Mt. Ortigara gehalten werden konnte, war vor allem der zähen Ausdauer des krainischen FJB. 7 im Abschnitte Campigoletti zu danken. Gegen diesen liefen zwei Alpinibataillone vergebens Sturm; sie mußten trotz des Einlangens von Verstärkungen unter schweren Verlusten die Angriffe einstellen.

An den übrigen Teilen der Korpsfront hatten die Italiener nirgends mit gleicher Wucht wie auf dem Grenzkamm angegriffen. Örtliche Einbrüche gelangen dem Feinde am 10. Juni auf dem Mt. Forno, wo ihn ein sogleich angesetzter Gegenstoß des steirischen IR. 27 hinauswarf, ferner westlich der Cra. Zebio. In diesem schon seit Jahresfrist heiß umstrittenen Kampfgebiete hätte die Sprengung einer großen Minenanlage den Angriff einleiten sollen, aber die italienische Mine ging durch einen Blitzschlag schon am 8. Juni hoch, der Verteidiger besetzte den Trichter und nahm den Italienern, die schwere Verluste an Offizieren erlitten hatten, weitere Erfolgsaussichten in diesem Abschnitte x). Ein örtlicher Einbruch, der nach einer am 10. Juni vorgenommenen kleineren Sprengung an dieser Frontstelle glückte, wurde durch die hier stehenden steiermärkischen Schützenregimenter 3 und 26 wieder wettgemacht.

Auch weiter südlich hatten die Stellungen der 22. SchD. schwer unter dem Massenfeuer gelitten; starke Angriffe der Italiener gegen den Mt. Dorole, den Mt. Interotto und bei Camporovere wurden teils durch Sperrfeuer, teils im Nahkampfe abgewiesen. Bei der Gruppe Obst. Vidossich war ein örtlicher Einbruch in die Stellungen der Zillertaler Standschützen bei Rotzo bald bereinigt.

Der Erfolg des Tages war für die Italiener dennoch nicht unbedeutend, und nur mit Mühe gelang es, das zwischen der 6. und der 18. ID. aufgerissene Loch verläßlich zu schließen. Eine Fortsetzung des Stoßes am 11. oder 12. konnte für den Verteidiger verhängnisvoll werden,

1) Brigate di Fanteria, VI, Brig. Catania, 89. Die Explosion erfolgte während einer Orientierung für den beabsichtigten Angriff und kostete die Italiener 22 Offiziere und 100 Mann.

da er Gefahr lief, daß die eben erst nur notdürftig hergestellte Front gänzlich zerrissen werde. Der auf dem Grenzkamm befehligende italienische Divisionär war in der Tat entschlossen, den Stoß am 12. fortzuführen; es sollten sechs Bataillone gegen die C. Dieci und in den Rücken der Ortigarastellung vorgehen1). Zum Glück für den Verteidiger wurde jedoch die 52. ID. angewiesen, sich zunächst auf örtliche Verbesserungen zu beschränken; trotz dieses Auftrages erlahmte die Kampftätigkeit auch an den folgenden Tagen nicht.

Gegen den gefährdeten Raum auf dem Grenzkamm eilten die nächsten Reserven heran. Während die 18. ID. ihre Südflanke durch Heranschieben des Bataillons X/14 in den Raum nordöstlich der C. Dieci zu sichern trachtete2), setzte die 6. ID. noch am 10. abends das Bataillon

IV 14 auf der Höhe -(>-2051 östlich der Porta Lepozze ein, wo der Feind am Vortage zum Stehen gebracht worden war. Zwei Kompagnien dieses Bataillons und eine Kompagnie des FJB. 20 wiesen am 11. früh einen starken italienischen Angriff gegen die steil abfallende Nordseite des Mt. Ortigara ab.

FM. Conrad hatte schon am 10. Juni in einer dringenden Depesche, mit der er der Heeresleitung das Losbrechen des seit langem erwarteten italienischen Ansturmes meldete, darauf hingewiesen, daß die der Heeresgruppe zur Verfügung stehenden Kräfte nur zur Abwehr des ersten Stoßes ausreichen würden, und demnach Verstärkungen rasche-stens nötig seien. Das AOK. bemerkte in seiner Antwort, daß es von seiner Überzeugung, auf der die Abwehr gegen Italien aufgebaut sei, daß die Entscheidung im Isonzoraum falle, auch jetzt nicht abgehen könne. Ein Teilangriff von zehn italienischen Divisionen auf der Hochfläche von Asiago berechtige nicht zu einschneidender Schwächung der 5. Armee; im Nordosten könnten gegenwärtig keine Kräfte freigemacht werden. Eine von Conrad am 11. vorgelegte Würdigung der Lage an der italienischen Front vermochte angesichts der Gesamtlage an der Entscheidung der Heeresleitung nichts zu ändern.

Der Gegenangriff des k.u.k. III. Korps am 15. Juni

Das k. u. k. 6. IDKmdo., FML. Edl. v. Mecenseffy, hatte noch am 10. Juni außer dem bereits eingesetzten Bataillon 111/59 und dem zur Porta Lepozze befohlenen Bataillon IV; 14 noch das Bataillon 11/14 auf

rj Como Dagna Sabina, L'Ortigara (Mailand 1934), 87.

2) Ehnl, 57 ff.

den Nordflügel verschoben, um das abgekämpfte FJB. 20 ablösen zu können1). Dieser Truppenwechsel fand, gestört durch wiederholte kleinere, aber tatkräftig geführte Vorstöße der Italiener, in den Nächten auf den 12. und auf den 13. Juni statt. Es standen nunmehr auf dem Nordflügel der 6. ID. (12. IBrig.): das FJB. 7 im Abschnitte Campigoletti, anschließend auf dem Osthange des Mt. Ortigara das Bataillon 11/14. Hakenartig nach Westen zurückgebogen auf dem Nordhang dieses Berges war 111/59 in Stellung; den westlichen Abschluß der nach Verlust der Lepozzestellung entstandenen Ausbuchtung stellte das Bataillon IV/14 auf der Höhe -cj>-2051 her. In diesen Linien wurden die oben erwähnten italienischen Teilangriffe vom 11. bis zum 13. Juni abgewiesen; im übrigen waren beide Teile fieberhaft bemüht, sich wenigstens notdürftig verteidigungsfähige Stellungen zu schaffen.

Entlang der übrigen Korpsfront war nur der Stellungsteil zwischen dem Mt. Zebio und dem Mt. Dorole in den Abendstunden des 12. Juni das Ziel eines tiefgegliederten Angriffes, der von der 43. SchBrig. mühelos abgewiesen wurde.

Das III. Korpskmdo., GdI. Krautwald, hatte noch am 11. Juni die 6. ID. angewiesen, die gegenwärtigen Stellungen um jeden Preis zu halten und spätestens am 14. das Verlorene im Gegenangriff zurückzugewinnen. Auch das Heeresgruppenkommando betonte in einer am 12. Juni an das 11. Armeekmdo. ergangenen Weisung, der geplante Gegenangriff auf den Grenzkamm sei ehestens durchzuführen, da auf die baldige Vertreibung des auf Porta Lepozze eingedrungenen Feindes größter Wert gelegt werde. Für die geplante Kampfhandlung wurden die verfügbaren Reserven entsprechend nachgeführt. Bis zum 14. Juni abends — der Angriff war auf den 15. verschoben worden — gelangte das FJB. 23 zur 12. IBrig.; das BataillonIV/27, die aus der Assastellung (Gruppe Obst. Vidossich) herausgelösten Bataillone I und 111/14 sowie das vom XIV. Korps 2) beigestellte 2. Bataillon desTJR.4 waren Reserven der 6. Division. Der 22. SchD. standen zwei Kaiser-

1)    IR. 14: Ein Buch der Erinnerung an große Zeiten 1914—1918 (Linz 1919), 100 ff., 246 ff.

2)    In den Monaten Dezember 1916 und Jänner 1917 hatten in Südtirol folgende Umbenennungen stattgefunden. Die bisherige 8. ID. führte seit 9. Dezember die Bezeichnung „Kaiserjägerdivision“, deren Brigaden (58. GbBrig. und 180. IBrig.) hießen seit 16. Jänner „1.“ und „2. Kaiserjägerbrigade“; schließlich wurde Ende Jänner das bisherige XX. Korps, GdK. Schönburg, in „XIV. Edelweißkorps“, das bisherige Korps Roth an der Dolomitenfront in „XX. Korps“ umbenannt. Schließlich wurde die bisherige 3. ID. vom 2. Mai an als „Edelweißdivision“ bezeichnet.

Schützenbataillone (II. und III./KSchR. I) zur Verfügung. Das III. Korps-kmdo. hatte fünf Bataillone, das 11. Armeekmdo. fünfeinhalb, das Heeresgruppenkommando drei Bataillone in Reserve.

Auf italienischer Seite hatte das XX. Korpskmdo. am 12. angeordnet, daß die beiden auf dem Nordflügel der 52. ID., im Raume Lepozze—Ortigara, kämpfenden Alpinigruppen durch eine Brigade der 10. ID. abzulösen seien. Dieser Wechsel verzögerte sich wegen der Kämpfe am 12. und am 13. Juni und war daher eben im Gange, als der öst.-ung. Gegenangriff erfolgte.

Diesem war als erstes Ziel die Wiedergewinnung der Höhe -c^-2071 gesetzt; in weiterer Folge sollte der ganze ehemalige. Abschnitt Lepozze zurückerobert werden. Die verfügbare Vorbereitungszeit war aber zu kurz bemessen, um Führern und Truppen der insgesamt 3 V? Bataillone starken Angriffsstaffel ausreichende Kenntnis des größtenteils unbekannten Geländes und sorgfältige Vorbereitung des Zusammenwirkens mit der Artillerie zu ermöglichen. So hatte das am 15. Juni um 2h30 früh nach kurzer Feuervorbereitung einsetzende Angriffsunternehmen nur vorübergehend Erfolg. Wohl gelang es den Sturmpatrouillen und der ersten Welle der Oberösterreicher und Salzburger, auf der Höhe -<{>-2071 in die feindlichen Linien einzudringen und zahlreiche Maschinengewehre zu erbeuten; die eben abgelösten italienischen Bataillone warfen sich aber entschlossen in den Kampf, und nach erbittertem Handgemenge mit der erdrückenden Überzahl der Italiener mußten die eben noch erfolgreichen Angreifer unter Preisgabe ihrer Beute und unter schweren Verlusten in die Ausgangsstellungen weichen.

Bei Morgengrauen legte die italienische Artillerie heftiges Feuer auf die öst.-ung. Ortigarastellungen. Dann versuchten die Italiener, allerdings vergebens, ihren nächtlichen Abwehrerfolg durch hartnäckige Angriffe gegen den Mt. Ortigara und die Höhe -<{>-2051 zu einer Verbreiterung der Einbruchsstelle vom 10. Juni auszunützen. Nach schweren, den ganzen Tag über währenden Kämpfen ließen beide Teile erst mit Eintritt der Dämmerung die Waffen sinken, um im stillschweigenden Einvernehmen die zwischen den Stellungen liegenden Verwundeten zu bergen. Der heiße Kampftag hatte die Angriffsgruppe des k. u. k. III. Korps an 6000 Mann gekostet, das Herauslösen der sehr erschöpften und erschütterten Bataillone aus der Kampffront war eine dringende Notwendigkeit geworden.

Dementsprechend wurden in der Nacht auf den 16. Juni das Bataillon III, 59 an der Ortigara-Nordfront durch 111/14, das Bataillon IV/14 auf Höhe -<>-2051 in der folgenden Nacht durch 1/14, schließlich am 18. das Bataillon 11/14 an der Ostfront des Mt. Ortigara durch das 2. Bataillon des TJR. 4 abgelöst1).

Das 11. Armeekmdo. war fest entschlossen, den Gegenangriff ehestens zu wiederholen; denn die Gefahren, die den Abwehrstellungen auf der Hochfläche von Asiago ebenso wie der Front in der Val Sugana gegenüber dem vom Feinde auf dem Grenzkamm vorgetriebenen Keile drohten, waren zu offensichtlich. Dieser Absicht schloß sich auch FM. Conrad an, der am 16. Juni zur Orientierung beim III. Korpskmdo. weilte. Weitere Reserven in den Frontteil auf dem Grenzkamm zu verschieben, erschien ihm jedoch zu bedenklich, denn die unverminderte Drohung der italienischen 6. Armee gegen die ganze Front auf der Hochfläche von Asiago fand nunmehr eine wesentliche Verschärfung durch die deutlich erkennbaren Angriffsvorbereitungen gegen den Raum zwischen der Zugna Torta und dem Pasubio. Schließlich erforderte in diesen Tagen ein Mißerfolg an der Tiroler Westfront entsprechende Vorsorgen.

Im Adamellogebiete hatten sich die Italiener im April 1916 des ausgedehnten Gletschergebietes zwischen der Reichsgrenze und dem Kamme Crozzon di Lares—Crozzon di Fagorida bemächtigt (Bd. IV, S. 204 ff., weiters Skizze 4 und Beilage 6 dieses Bandes). Auf dem Südteile dieses Kammes verblieb der Como di Cavento (3400 m) als vorgeschobener Beobachtungsposten im Besitze der Truppen des Rayons III. Hier stand im Juni 1917 eine Kaiserjägerstreifkompagnie; zudem waren in mühevoller Arbeit zwei Gebirgskanonen auf diese Spitze geschafft worden, deren Feuer den Italienern wegen der Wirkung in den Rücken ihrer Stellungen und wegen der Unterbindung des Tagesverkehres über die Gletscher überaus lästig fiel. Am 15. Juni führten weit überlegene Kräfte, ein Alpinibataillon und Skiabteilungen, nach heftigstem Artilleriefeuer ein umfassendes Unternehmen gegen diesen vorgeschobenen Posten aus, das zum Verlust der Bergspitze und zum Untergange der Besatzung führte; die Geschütze fielen nach Sprengung in Feindeshand. Bevor es sich herausgestellt hatte, daß sich der Feind mit diesem Erfolge zufriedengab, hatte das 11. Armeekmdo. aus seinen kärglichen Reserven das Radfahrerbataillon Obstlt. Edl. v. Schönner dem betroffenen Rayon III zugeschoben, um ein weiteres Vordringen des eingebrochenen Feindes verhindern zu können.

x) IR. 14, Ein Buch der Erinnerungen, 256 f.

Die Erneuerung des italienischen Ansturms (18. und 19. Juni)

Hiezu Skizze c der Beilage 10

Die italienische Führung sah sich durch den am 15. Juni errungenen Abwehrerfolg in ihrem Entschluß bestärkt, den Versuch vom 10. Juni zu erneuern, um die mit so großem Aufwand an Kräften und Kampfmitteln auf der Hochfläche von Asiago angestrebten Ziele vielleicht doch noch zu erreichen. Wiederum sollte im ganzen Raum zwischen dem Grenzkamm und der Assaschlucht bei Asiago angegriffen werden; der Hauptstoß fiel wie am 10. Juni dem XX. Korps am Nordflügel der Angriffsstaffel zu. Die 52. ID., zu deren 20 Alpini- und 6 Infanteriebataillonen noch ein Bersaglieriregiment kam, die also nunmehr über 29 Bataillone verfügte, hatte den Stoß entlang und südlich des Grenzkammes zu führen. Die 29. ID. bekam wiederum den bisnun vergeblich berannten Raum um den Mt. Fomo als Ziel.

Die 52. ID. wurde in zwei Angriffssäulen angesetzt1). Von der rechten sollte sich eine Gruppe von vier Bataillonen, in westlicher Richtung vorstoßend, zunächst der Höhe -Ą- 2051 und des dahinter liegenden Sattels der Porta Lepozze bemächtigen. Die Hauptkraft dieser Kolonne, in der Stärke von elf Bataillonen, hatte den von Nord und Ost umklammerten Mt. Ortigara zu nehmen, gegen den überdies noch von Südosten her fünf Bataillone der Südkolonne angesetzt wurden, während drei Bataillone den Gegner auf dem Mt. Campigoletti zu binden hatten. Der nördlichen Kolonne waren drei Gebirgsbatterien und drei Sappeurkompagnien, der südlichen vier selbständige Maschinengewehrkompagnien, drei Gebirgsbatterien und eine Sappeurkompagnie beigegeben. In der bis zum 10. Juni als erste Linie besetzten Stellung verblieben vier Bataillone und zwei Maschinengewehrkompagnien; die Divisionsreserve zählte zwei Bataillone. Schließlich wurde der 52. ID. am 19. eine weitere Infanteriebrigade zur Verfügung gestellt, von der zwei Bataillone noch am gleichen Tage eingriffen.

Dieser gegen den Nordflügel der 6. ID. zusammengeballten Angriffsmasse von 35 Bataillonen konnte das k.u.k. III. Korps entgegenstellen : im Abschnitte Lepozze das Bataillon 1/14, im Abschnitte Ortigara die Bataillone III/14 und II 'TJR. 4, im Abschnitte Mt. Campigoletti nach wie vor das FJB. 7. Hinter diesen vier Frontbataillonen standen

1'j Como Dagna Sabina, 173 ff.

IV2 Bataillone in Reserve, weiters waren noch 3 V2 Bataillone als Divisionsreserve verfügbar. Dies ergibt 9 öst.-ung. gegenüber 35 italienischen Bataillonen, also eine vierfache Überlegenheit des Feindes. An weiteren Reserven waren vorhanden: beim III. Korpskmdo. 7 Bataillone (davon waren zwei völlig abgekämpft,), als Armeereserve 3 Bataillone; eine gleiche Anzahl war Heeresgruppenreserve.

Die Feuervorbereitung der Italiener begann am 18. um 8h früh gegen die ganze Angriffsfront und steigerte sich gegen Mittag zum Trommelfeuer. Wiederum lagen die Stellungen der 6. ID., ferner jene der 43.SchBrig. im Raume der Cra. Zebio zugleich unter dem Zerstörungsfeuer der Artillerie und heftigem Minenfeuer; wiederum wirkten die italienischen schweren Geschütze bis weit hinter die Front. Das Vorfühlen feindlicher Abteilungen wurde im Laufe des Tages allenthalben vereitelt. Um 7h nachm. scheiterte ein stärkerer Angriff gegen den Abschnitt Mt. Forno im zusammengefaßten Feuer der Abwehrartillerie.

Am schwersten litten die Truppen auf dem Nordflügel der 6. ID. unter dem feindlichen Massenfeuer, das in verminderter Heftigkeit auch über Nacht anhielt. In den durch die zehntägige Beschießung zertrümmerten und verschütteten Kampfanlagen auf dem Mt. Ortigara, namentlich aber in den neuen, durch Steinriegel oder im Felsboden kaum angedeuteten Gräben auf dem Nordhange dieses Berges und bis zum Felsabbruch nördlich der Höhe -<>-2051 häuften sich die Verluste in kaum mehr ertragbarem Ausmaße. Gegen diesen Frontteil brandete am

19. Juni um 6hfrüh der Ansturm der italienischen Massen heran. Der vielfachen Überlegenheit erlagen zuerst die Kaiserjäger, die eben die Stellungen auf der Ostfront des Mt. Ortigara übernommen hatten. Die den Stoß fortsetzenden italienischen Bataillone faßten dann das auf dem Nordrande des Berges kämpfende Bataillon 111/14, das noch bei Morgengrauen drei italienische Vorstöße abgewehrt hatte, im Rücken, und bald war auch das Schicksal dieser drei Kompagnien besiegelt. Fast 1000 Gefangene, 14 Maschinengewehre und fünf Kanonen *) meldeten die Italiener als Beute.

Zwischen den auf der Höhe-cj>-2051 ausharrenden Oberösterreichem des Bataillons 1/14, denen es gelang, alle Angriffe gegen ihre Front abzuwehren, und dem FJB. 7, das seine Stellungen auf dem Mt. Campigoletti und von hier bis auf den Südwesthang des Ortigara unerschütterlich behauptete, klaffte eine breite Lücke. Hier weiter nach Westen

x) Nach öst.-ung. Meldungen gingen nur zwei Infanteriegeschütze verloren.

vorzudringen, gelang den Italienern wegen des vom Mt. Campigoletti flankierend herüberschlagenden und vom Hange der C. Dieci frontal niederhagelnden Maschinengewehrfeuers nicht; auch vereinigte die Abwehrartillerie ihr Feuer auf die verlorengegangene Ortigarakuppe. Die zunächst befindlichen Reserven der 6. ID. eilten zur Schließung der Lücke herbei; in fast deckungslosem Gelände faßte schwerstes Minenfeuer ganze Abteilungen des FJB. 23, das alsbald zerschlagen war, und des Bataillons IV, 14. Immerhin war bis zum Abend die unmittelbare Gefahr beschworen, zumal die Italiener sichtlich daran gingen, den Mt. Ortigara in ihren Stellungszug einzubauen.

Der Kommandant der italienischen 52. ID. hatte nach Eroberung des Mt. Ortigara die Absicht, zum Angriff gegen den Mt. Campigoletti zu schreiten. Die von dort ausgehende Flankenwirkung hatte die Ausnützung des Erfolges der Angriffsgruppe bisher verhindert. Das XX. Korpskmdo. erließ jedoch schon am 19. Juni abends Befehle für das Zurückfallen in die Verteidigung; nur die 52. ID. hatte nötigenfalls örtliche Stellungsverbesserungen zu erkämpfen24).

Die Nachricht vom Verluste des Mt. Ortigara war den höheren öst.-ung. Befehlsstellen in einer Form zugekommen, die schwerste Befürchtungen auslösen mußte. Nach den ersten Meldungen war einerseits bereits die C. Dieci bedroht, anderseits sollte das FJB. 7 auf dem Mt. Campigoletti in Flanke und Rücken gefaßt sein. Die Erleichterung, die sich einstellte, als sich beide Nachrichten als falsch erwiesen, war sehr verständlich; denn der Besitz des Mt. Campigoletti war bei der Geländegestaltung die unerläßliche Grundbedingung für jedes Unternehmen, durch das die verlorengegangenen Stellungsteile wiedergewonnen werden sollten. Daher war das unerschütterliche Festhalten des FJB. 7 in seinem selbstgeschaffenen Stellungsnetz 25) von entscheidender Bedeutung für den schließlichen Ausgang der Schlacht26).

Die in der folgenden Nacht auf dem Grenzkamm einlangenden

Reserven, zunächst das Bataillon III/KSchR. II der 6. ID. und das Bataillon X/14 der 18. ID., bannten die Gefahr für diesen Abschnitt.

An den anderen Frontteilen des k.u.k. III. Korps war es am 19. sowohl im Raume des Mt. Fomo als auch zwischen dem Mt. Zebio und dem Mt. Dorole zu italienischen Angriffen gekommen, die im Abwehrfeuer zusammenbrachen. Der entschiedene Angriffs wille und der entschlossene Einsatz der starken Kräfte, die der italienischen Führung zur Verfügung standen, blieben an diesem Tage, mit alleiniger Ausnahme bei der auf dem Mt. Ortigara fechtenden 52. ID., völlig aus; aber auch an der letztgenannten Stelle wußte die italienische Führung wie am 10. Juni die von der schneidig angreifenden Infanterie errungenen örtlichen Erfolge nicht auszunützen.

Schließlich brachte der 19. Juni den Einbruch italienischer Fliegermassen nach Südtirol; 145 Flugzeuge warfen 572 t Sprengstoffe ab. Diesem Fluggeschwader, dem 61 Kampfflieger angehörten, vermochte die k.u.k. 11. Armee nur 26 Flugzeuge, darunter 3 Kampfflieger, entgegenzustellen.

FM. Conrad erneuerte auf Grund der von der Hochfläche von Asiago einlangenden Nachrichten am 19. Juni sein Verlangen nach Zuweisung von Reserven und erhielt sogleich die Zusage, daß von der aus Kroatien anrollenden 73. ID. das Kommando, FML. Ludwig Goigin-ger, und eine Brigade nach Südtirol gelangen würden. Sie sollten jedoch vorerst nahe der Bahn belassen werden, um im Bedarfsfalle möglichst rasch der Isonzoarmee zugeschoben werden zu können, der die zweite Brigade zugewiesen worden war.

Die am 19. Juni abends eintretende Kampfpause auf dem blutgetränkten Gefechtsfelde zunächst des Grenzkammes ermöglichte die Ablösung der hier stehenden, in heldenhafter Pflichterfüllung zusammengeschmolzenen Bataillone der 12. Brigade. So lösten das Bataillon III/KSchR. II die Besatzung der neuen Riegelstellung westlich vom Mt. Ortigara, ein Halbbataillon X/14 das 1. Bataillon des gleichen Regiments auf der Höhe -cj>- 2051 ab.

Die Wieder er obeneng des Mt. Ortigara am    25. Jimi

Hiezu Skizze d der Beilage 10

Bei    der entscheidenden Wichtigkeit, die das seit    dem 10. Juni    auf

dem Grenzkamm an die Italiener verloren gegangene    Gelände    für    die

Abwehrfront in Südtirol hatte, waren der Konimandant der 6. ID., FML. Mecenseffy, ebenso wie der Kommandant des III. Korps, GdI. Krautwald, schon am 19. Juni fest entschlossen, ehestens zum Gegenangriffe zu schreiten1). Daß dessen Durchführung erst nach sorgfältigster Vorbereitung mit frischen Truppen zu unternehmen sei, war allen Befehlsstellen klar; über die hiefür nötigen Kräfte gingen die Meinungen jedoch auseinander. Das 11. Armeekmdo. hatte unter dem Eindrücke der ersten Alarmmeldungen am 19. Juni mittags den Einsatz einer frischen Division für unerläßlich gehalten. FML. Mecenseffy forderte mindestens sechs Bataillone, welche Zahl nach Meinung des III. Korpskmdos. bei der schwierigen Versorgung das Höchstmaß an Kraftzuschuß darstellte. Der Zuschub reichlicher MunitionsVorräte für die fast verschossenen Batterien mußte Hand in Hand mit dem Heranführen von Verstärkungen gehen2).

Die Vorbereitungen für den Gegenangriff hatte der Kommandant der 98. Kaiserschützenbrigade, Obst. v. Sloninka, zu treffen, der in der Nacht auf den 22. Juni die Führung des Nordflügels der 6. ID. vom Mt. Campigoletti bis zum Bruchrand nördlich der Höhe -<>-2051 übernahm. Das Verhalten des Feindes, der nur mehr am 20. seine Batterien in lebhafter Feuertätigkeit hielt, sich aber sodann emsig dem Ausbau seiner neuen Stellungen widmete, gestattete die ruhige Durchführung aller nötigen Vorbereitungen. Am 22. Juni wurde dem eben in Tirol eingelangten Kommandanten der 73. ID., FML. Ludwig Goiginger, als Führer einer korpsunmittelbaren Gruppe die Leitung der gesamten Kampfhandlung übertragen, nachdem ihm FM. Conrad gelegentlich seiner Meldung die Wichtigkeit seiner Aufgabe mit folgenden Worten dargetan hatte: ,,Die Lepozzestellung muß wieder genommen werden, sonst ist die ganze Front nicht mehr zu halten3).“

Für die Kampfhandlungen standen zur Verfügung: von der 18. ID. das Bataillon X/14, von der 6. ID. die Bataillone 1/14, I/KSchR. I, III/KSchR. II, das FJB. 7, zwei Bataillone des IR. 57, das halbe Sturmbataillon der 11. Armee, eine Sappeurkompagnie und drei Trägerkompagnien, ferner alle Batterien der 6. und der 18. ID., die zur Wirkung Sloninka, Die Kämpfe um die Ortigara—Lepozzestellung [Unsere Kaiserschützen] (Hall i. T. 1927), welches Buch neben L ü t z o w, Die Ortigarakämpfe (Halli. T. 1922,, eingehend die Ortigaraschlacht schildert.

2)    Die Artilleriegruppe auf dem Nordflügel der 6. ID. hatte am 10. Juni 1601, am 15. bis zum Mittag 196 t, am 18. Juni 164 t und am 19. 250 t verfeuert (Sloninka, 11, 13, 20).

3)    S 1 o n i n k a, 28.

in den Angriffsraum befähigt waren, zusammen 60 leichte sowie 31 mittlere und schwere Geschütze, schließlich 12 Minenwerfer.

Die Frage des Angriffstages war bei dem langwierigen Munitions-zuschub nicht leicht zu lösen. Da die Zeit drängte, um dem Feind nicht einen gründlichen Ausbau seiner Stellungen zu gestatten, entschloß man sich, von einer lang währenden Feuervorbereitung abzusehen und den Angriff nur von einem kurzen, orkanartigen Feuerstoß einleiten zu lassen. Hiefür und zur Durchführung der vom 22. Juni an unternommenen wiederholten Feuerüberfälle, die den Feind alarmmüde machen sollten, genügten die bis zum 24. abends einlangenden Munitionsvorräte, so daß der 25. Juni als Angriffstag bestimmt werden konnte.

Auf italienischer Seite war noch in der Nacht auf den 20. eine Infanteriebrigade der 10. ID. eingesetzt worden, um jene Truppen, die am meisten gelitten hatten, aus der Front lösen zu können. Sonach standen in dem neugewonnenen Frontbogen, der in drei Abschnitte geteilt wurde, folgende Kräfte : im nördlichen Abschnitte zwischen der Höhe -<>-2007 und der Höhe-<>-2071 (Lepozze) sieben Bataillone; in der Mitte (Mt. Ortigara) vier Bataillone, im südlichen Abschnitte wieder sieben Bataillone. Auf den Mt. Ortigara wurden drei Gebirgsbatterien vorgezogen. In Reserve befanden sich zehn Bataillone; der Rest der 52. ID. lag in Erholungslagern nahe der alten Stellung. Dieses Zusammenballen der Kräfte wurde den Italienern zum Verderben.

Für den Angriff, der nach der Geländegestaltung nur frontal vom Westen her möglich war, wurden von vornherein nur schwächere, aber unbedingt verläßliche und gebirgsvertraute Abteilungen ausersehen. Es wurde sogar darauf verzichtet, alle zur Verfügung stehenden und diesen Vorbedingungen entsprechenden Truppen in die Angriffsstaffel einzubeziehen. Um im Falle des Mißlingens des Angriffes wenigstens die Ausgangsstellungen verläßlich behaupten zu können, blieben diese durch das FJB. 7 und Teile der Bataillone III/KSchR. II und X/14 besetzt.

Die Angriffsstaffel, für deren Bereitstellung ein schwieriger, dem Feinde die Flanke weisender Anmarsch hinter dem Mt. Campigoletti unvermeidlich war, wurde in drei Gruppen geteilt. Die nördliche (zehn Sturmpatrouillen, das Bataillon I KSchR. I, dahinter ein Halbbataillon 111/57) hatte die Höhe -<{>-2071 und die mittlere (sieben Sturmpatrouillen, 2V2 Kompagnien des Bataillons III/KSchR. II, das zweite Halbbataillon 111/57) den Mt. Ortigara zu nehmen, während die südliche Kolonne (sechs Sturmpatrouillen) aus dem Abschnitte Campigoletti in

x) Como Dagna Sabina, 192 ff.

nordöstlicher Richtung in den Rücken des Mt. Ortigara vorstoßen sollte. Die als hintere Wellen eingeteilten Kompagnien des Bataillons 111/57 sollten sich nach dem Einbruch in der italienischen Stellung festsetzen, während die vorderen Wellen in einem Zuge in die alten öst.-ung. Stellungen an den Osthängen der beiden Ortigarakuppen vorzustoßen hatten. Der nördlichen und der mittleren Gruppe folgten noch drei Kompagnien des Bataillons II/57 mit dem Aufträge, Munition und Handgranaten vorzubringen.

Die Artillerie, deren Leitung Obst. Ritt. v. Romer der 18. FABrig. übernahm, hatte nach zusammengefaßtem kurzem Zerstörungsfeuer gegen die anzugreifenden Stellungen langsames, mit Gaswirkung vermischtes Sperrfeuer in die Niederung östlich vom Mt. Ortigara zu legen und die wichtigsten feindlichen Batterien zu vergasen.

Das Artilleriefeuer begann nach Bereitstellung der Angriffsstaffel programmgemäß am 25. Juli um 2h30 früh und war von überwältigender Wirkung. Hinter der Feuerwand arbeiteten sich die Angriffswellen an den feindlichen Drahtverhau heran und begannen dessen Zerstörung. Als um 2h l0 das Feuer vorverlegt wurde, brachen die Sturmpatrouillen in die italienische Stellung auf dem Mt. Ortigara ein. Weniger glatt vollzog sich der Einbruch auf der Höhe -<>-2071, wo einige unentwegt feuernde italienische Maschinengewehre und ein Flammenwerfer mehrmaligen Anlauf nötig machten, bis auch hier die Schützen an das Aufräumen der Gräben gehen konnten. Der in unsere ehemalige Stellung auf dem Ostrande der Höhen forgesetzte Stoß traf hier auf mit Reserven vollgepfropfte Gräben und Stollen. Durch das vorangegangene Massenfeuer empfindlichen Verlusten ausgesetzt, streckten hier viele Hunderte von Italienern die Waffen, da das Sperrfeuer jede Rückzugsmöglichkeit verriegelte.

Kaum hatten sich die Sieger in den zertrümmerten alten Stellungen notdürftig eingerichtet, als mit Tagesanbruch stärkstes italienisches Vergeltungsfeuer niederhagelte und die während des Angriffs geringen Verluste auf ein Vielfaches steigerte. Auf der besonders ausgesetzten Höhe -<^2071 erreichten die Einbußen 50 v. H. des Standes, aber die Schützen harrten trotzdem aus. In den Abendstunden versuchte dann der Feind, mit Hilfe zusammengeraffter Reserven, die den Kaiserschützen um ein Vielfaches überlegen waren!), in verzweifelten Anläufen das Schlachtenglück zu wenden, aber diese Versuche scheiterten

!) Laut Ministero de 11a guerra, Alpini (Rom 1930), griffen am 25. Juni wenigstens sieben Alpinibataillone an.

ebenso wie die am 26. Juni nach 3h früh wiederholten Anstürme. In den Morgenstunden erlahmte das italienische Feuer.

„Bei Tagesanbruch endlich — nach mehr als vierundzwanzigstün-digem Kampfe — stellte der Feind auch hier das Feuer ein. Nur kleine Kaliber feuerten noch bis Mittag weiter. Er hatte die Partie endgültig verloren gegeben. Die heldenmütigen Kaiserschützen und einige in ihren Reihen kämpfende Waffenbrüder anderer Truppen hatten, unterstützt von einer vorzüglichen Artillerie, das Schwerste vollbracht — sie hatten die Stellung nicht nur mit Elan genommen, sondern diesen fast dek-kungslosen Trümmerhaufen mit beispielloser Todesverachtung, Zähigkeit und Disziplin auch im verheerendsten feindlichen Feuer gegen alle Angriffe behauptet1).“

Noch war die in der Porta Maora liegende Kuppe -c>- 2007 in den Händen des Feindes, da ein frontaler Angriff gegen diese kleine Festung verlustvoll gescheitert war. Um den Zusammenhang mit der Caldiera-stellung der 181.IBrig. sicherzustellen, mußte auch dieser letzte Rest des italienischen Raumgewinnes zurückerobert werden. In der Nacht auf den 30. Juni gelang es nach sorgfältiger Erkundung einer tatkräftig geführten Kompagnie des Bataillons X/14, von der Höhe -cJj- 2071 absteigend, dem Feind in überraschendem Vorstoß unter geringen Opfern die schwer zugängliche Kuppe abzunehmen und ihn gegen die C. Maora zurückzudrücken 2).

Reiche Beute war dem Angreifer seit dem 25. Juni zugefallen. An 70 Offiziere und 2000 Mann betrug die Zahl der Gefangenen, 12 Geschütze, 62 Maschinengewehre (darunter fünf eigene), 5 Minenwerfer, 5 Sprengröhrenwerfer und über 3000 Gewehre wurden eingebracht.

Ergebnisse und Auswirkung

Die von der italienischen Führung schon seit langem vorbereitete Kampfhandlung großen Stiles zur Wiedergewinnung des Kempeirückens hatte in dreiwöchigem hartem Ringen zuerst bescheidene Fortschritte gebracht. Sie endete dann aber mit einem vollständigen Mißerfolg, der in Anbetracht der überaus empfindlichen Verluste, die die Unternehmung Italien gekostet hatte, das Seinige dazu beitrug, die Stimmung des italienischen Heeres auf das Ungünstigste zu beeinflussen. Die italienische 52. ID. verlor allein 660 Offiziere und 15.000 Mann; 350 Offiziere

x) S 1 o n i n k a, 38.

2) Ehnl, 65.

und 7000 Mann büßte die Infanterie der übrigen Divisionen an der Angriffsfront ein1). Mit 1000 Offizieren und über 22.000 Mann2) erreichten die italienischen Verluste jene einer Isonzoschlacht; davon entfielen aber zwei Drittel auf einen 2 km breiten Frontstreifen. Man muß sich dies vergegenwärtigen, um das Entsetzen und den Schmerz über die vergebens hingeopferte Blüte der italienischen Alpinitruppen zu verstehen, die sich fortab in Italien um den Namen „Ortigara“ woben.

Die Verluste des k. u. k. III. Korps in der Abwehrschlacht — 251 Offiziere und 8577 Mann — wurden der Hauptsache nach von jenen zehn Bataillonen getragen, die im Raume Ortigara—Lepozze in vorbildlichem Opfermut einen Großteil ihres Standes einbüßten. Die Verluste der Heeresgruppe FM. Conrad im Verlaufe des Monates Juni zeigt die folgende Übersicht:

Heereskörper

Offizie

r e

Mann

tot

verw.

krank

verm.

Summe

tot

verw.

krank

verm.

Summe

E

III. Korps

26

154

«5

71

376

966

6167

3627

1444

12.204

<

18. ID., XIV. Korps, Gr. Etschtal, Rayon III

2

13

39

5

54

74

665

2090

100

2.929

XX. Korps, Rayone I und II

5

11

26

42

68

361

1634

3

2.066

Summe

33

178

190

76

477

1108

7193

7351

1547

17.199

ab krank

190

ab krank

7.351

blutige Verluste u. Gefang.

287

blutige Verluste u. Gefang.

9.848

An den Feind gingen verloren: 25 Maschinengewehre, 3 Minenwerfer, 3 Granatwerfer, 2 Infanteriegeschütze 3), 2 Kanonen.

Die aufopfernde Abwehr und der mit sparsamer Kraftentfaltung erfolgreich geführte Gegenschlag sowie die besondere Wichtigkeit des umstrittenen Raumes verleihen der Ortigaraschlacht eine über ihren Umfang weit hinausgehende Bedeutung. Es geschah hier zum ersten Male, daß verhältnismäßig schwache öst.-ung. Sturmpatrouillen einer

Zusammengestellt aus Le Medaglie d’oro, III, 71, dann aus „Brigate di fanteria“, „Aipini“, „Bersaglieri“.

2) C a b i a t i, La battaglia dell’ottobre 1917 (Mailand 1933), 102, gibt die italienischen Verluste Ln der Ortigaraschlacht gleichfalls mit 22.000 Mann an.

3; Vgl. Fußnote lj auf S. 201.

überwältigenden Übermacht gegenüber einen so durchschlagenden Erfolg errungen hatten, ein Beweis dafür, daß ausgesuchte, für einen besonderen Zweck eingeschulte, umsichtig und schneidig geführte Truppen auch einen an Zahl und Ausrüstung weit überlegenen Feind niederzuringen vermögen, wenn sie nur zweckmäßig angesetzt und vom Willen zu siegen erfüllt sind.

Außer den geschilderten Ursachen des Unterliegens der Italiener sind es wiederum die gleichen Vorgänge wie in allen früheren Kämpfen, die den Feind des Erfolges beraubten. Das Unterbleiben der Ausnützung örtlicher Einbrüche scheint allerdings nach der Veröffentlichung des Gen. Como Dagna Sabina nicht allein in der mangelnden Tatkraft der niederen Führung, die den Entschluß zum Durchbruch um jeden Preis nicht finden konnte, sondern auch in der Gängelung durch die höheren Befehlsstellen zu liegen.

Cadorna führt das Mißlingen dieser Kampfhandlung, abgesehen von Führungsfehlern und der Ungunst des Wetters, vor allem auf den verminderten Kampfgeist der Truppen zurück, da sich nur wenige Einheiten, darunter die Alpini der 52. ID., den zersetzenden Einflüssen umstürzlerischer Propaganda zu entziehen gewußt hätten1).

Das Scheitern der italienischen Frühjahrsoffensive auf der Hochfläche von Asiago hatte eine starke Entlastung der Heeresgruppe Conrad zur Folge. Vor allem war bald zu erkennen, daß die in ihren Vorbereitungen sehr weit gediehene italienische Unternehmung gegen den Raum zwischen dem Etschtal und dem Borcolapaß aufgegeben worden war. Die kleinen Plänkeleien an den Tiroler Nebenfronten während des großen Ringens südlich der Val Sugana fallen unter das Maß. Nur zwei italienische Felssprengungen im Rayon V sind zu erwähnen. Hier sprengten die Italiener am 20. Juni ein Felsband auf dem Lagazuoi, ohne daß dies, ebenso wie eine neuerliche Sprengung am 29., unsere Abwehrstellungen in Mitleidenschaft gezogen hätte. Die Aufmerksamkeit der italienischen Führung wendete sich sichtlich wieder dem Isonzo zu.

An der Kärntner Front hatten die Italiener sowohl während der 10. Isonzoschlacht als auch während der Ortigaraschlacht zeitweise Angriffsabsichten vorgetäuscht, offenbar, um das Abziehen von Kräften dieser Front zu behindern. Die Unternehmen bestanden vornehmlich in gesteigerter Artillerietätigkeit, aber auch in örtlichen Vorstößen kleinerer Abteilungen. Die Verteidiger übten mit ihren Batterien Vergeltung

') Cadorna, La guerra, Neudruck 1934, 382.

und vollführten des öfteren Sturmtruppsunternehmen. So wurde am 22. Mai von Patrouillen des IR. 7 die italienische Besatzung auf dem Plöckenpaß überfallen und niedergemacht.

Mitte Juni nahm das Wirkungsschießen der feindlichen Artillerie im Gebiete des Plöcken einen solchen Umfang an, daß das 10. Armee-kmdo., GO. Krobatin, ein größeres Vorhaben der Italiener für bevorstehend erachtete. Allein die erwarteten Angriffe blieben aus. Es erfolgten nur Vorstöße kleinerer Abteilungen, die durch die wachsamen Frontbesatzungen leicht abgewehrt wurden. Dagegen führte ein am 17. Juni zur Aufklärung durchgeführter Kleinangriff von Sturmtruppen des bh. IR. 4 zur Eroberung einer italienischen Vorstellung auf dem Rombon, wobei zwei Dutzend Gefangene eingebracht wurden.

Die Kriegsgliederung der 10. Armee änderte sich in diesem Zeitabschnitte durch die Abgabe von 41/2 Bataillonen (IR. 28 [2], IBaon. III 57, FJB. 20 und ein Halbbaon. des IR. 96) sowie einiger Batterien an die Isonzoarmee und an die Heeresgruppe in Tirol. Ende Juni zählte die Armee 33 Bataillone und 11 Hochgebirgskompagnien, wobei das Kärntner IR. 7 x), das bh. IR. 4 und das südsteirische LstlR. 26 den Grundstock der kamischen Grenzwacht bildeten.

Bartels, Aus der Geschichte des Khevenhüller Regimentes 1691—1918 (Graz 1932).

DER LETZTE RUSSENANSTURM


Begebenheiten im Mai und Juni

Niedergang des russischen Angriffswillens Fortsetzung der Friedens'pro'paganda im Mai Hiezu Beilagen 4, 11 und 12

Auf der ganzen Kampffront von Riga bis zum Schwarzen Meere herrschte seit April 1917 Waffenruhe. Eifrig betrieben die öst.-ung. und die deutschen Nachrichtentrupps von Schützengraben zu Schützengraben eine rege Propaganda, um dem kriegsmüden Muschik die Friedensgeneigtheit der Mittelmächte klarzumachen und ihn gleichzeitig von der Nutzlosigkeit der Fortführung des Krieges zu überzeugen. Eine Weile hatte es denn auch den Anschein, als ob es auf diesem Wege gelingen werde, mit dem russischen Heere zu einem Waffenstillstand und mit Rußland überhaupt zum Frieden zu kommen. Bis Ende April hatten sich schon die Soldatenkomitees von mehr als hundert russischen Divisionen mit unseren Nachrichtentrupps in Verhandlungen eingelassen, an vielen Stellen der Front hatten die russischen Truppen die Erklärung abgegeben, nicht mehr angreifen zu wollen. Ihre höheren Führer zeigten sich jedoch gegen alle Annäherungsversuche unzugänglich. Offenbar war dies ein Erfolg der Entente, der die russische Regierung noch Gefolgschaft leistete, und die seit längerer Zeit bei allen höheren russischen Kommandos Überwachungsoffiziere unterhielt. Auch die russische Artillerie und die Fliegertruppe hatten sich von Anfang an den Verhandlungen an der Front und unserer Propaganda gegenüber völlig ablehnend verhalten. Die russischen Kanoniere nahmen trotz des Widerspruches ihrer Infanterie verhandelnde Gruppen unter Feuer. So entwickelten sich an den Kampffronten im Osten immer unklarer werdende, die Manneszucht schwer gefährdende, unhaltbare Zustände. Sie veranlaßten den Oberbefehlshaber Ost, anfangs Mai bei der DOHL. zu beantragen, die Schützengrabenpropaganda, die schon als Schwäche ausgelegt werde, möge eingestellt werden, falls es nicht in kurzer Zeit gelingen sollte, mit russischen Führern Verhandlungen anzuknüpfen. Das Kommando der deutschen Südarmee regte um dieselbe Zeit sogar die Wiederaufnahme der vollen Kampftätigkeit an.

Die Heeresleitungen der verbündeten Mittelmächte verhehlten sich keineswegs die Schattenseiten dieser eigenartigen Waffenruhe; sie schien ihnen aber geboten zu sein, um wirklich vorhandene Verständigungsmöglichkeiten nicht zu zerstören. Auf Anregung der DOHL. war der Propagandadienst bereits Ende April angewiesen worden, den friedensfreundlichen russischen Soldatenkomitees nahezulegen, daß sie von ihren höheren Führern den Abschluß eines drei- bis vierwöchigen Waffenstillstandes fordem mögen, um auch den Fronttruppen die Teilnahme an den Wahlen für die Sowjets zu ermöglichen. Der k.u.k. Chef des Generalstabes, GdI. Arz, hatte allerdings wenig Hoffnung, auf dem Wege des „unverbindlichen Geplauders“ von Schützengraben zu Schützengraben zu Verhandlungen mit höheren russischen Kommandanten zu kommen. Aus diesem Grunde hatte er schon am l.Mai dem GFM. Hindenburg vorgeschlagen, durch die drei Oberbefehlshaber der Ostfront, Prinz Leopold von Bayern, Erzherzog Joseph und GFM. Mackensen, gleichzeitig ein offizielles Waffenstillstandsangebot unmittelbar an die Stawka zu richten. Ging diese darauf ein, dann sollten 48 Stunden nach dem Beginn der Waffenstillstandsverhandlungen bevollmächtigte Vertreter der Heeresleitungen und Regierungen zusammentreten, um allgemeine Friedensverhandlungen einzuleiten. Die Antwort des GFM. Hindenburg war zustimmend, doch meinte er, daß vorerst mit allen verbündeten Heeresleitungen die Bedingungen eines Waffenstillstandes zu vereinbaren wären. Auch ließ er das AOK. wissen, daß eine etwaige Forderungs Rußlands an Deutschland, während des Waffenstillstandes keine Truppen Verschiebungen vorzunehmen, abgelehnt werden müßte.

Noch in der ersten Hälfte Mai wurden von den Heeresleitungen der verbündeten Mittelmächte die Bedingungen für einen Waffenstillstand mit Rußland entworfen. Sie gingen von dem Streben aus, zu einer Verständigung mit diesem Staate zu kommen. Der Grundgedanke war: Einstellung der Feindseligkeiten in den Linien, die zurzeit gehalten wurden, auf der ganzen Front zwischen dem Schwarzen Meere und der Ostsee sowie im Kaukasus. Der Seekrieg im Schwarzen Meere und in def Ostsee sollte ebenfalls eingestellt werden. Die Heeresleitungen der Mittelmächte wollten sich verpflichten, ihre Truppen während des Waffenstillstandes nicht zu verstärken und keine größeren Truppenverschiebungen für einen Angriff auf die russische Front vorzunehmen. Der Entwurf wurde dem türkischen und dem bulgarischen Oberkommando zugesandt und erhielt nach längerem Meinungsaustausch deren Zustimmung.

Eine dringende Notwendigkeit, mit Rußland unter allen Umständen in baldige offizielle Waffenstillstandsverhandlungen einzutreten, hielt die DOHL. allerdings vom militärischen Standpunkt aus nicht für gegeben. Ihre Beurteilung der Kriegslage war zuversichtlich. Der U-Bootkrieg hatte im April über alles Erwarten gut gewirkt. Gegen Mitte Mai war der große Angriff der Franzosen an der Aisne und auch in der Champagne (S. 122) zum Stehen gekommen. Die DOHL. hoffte, die in der nächsten Zeit zu erwartenden neuen Angriffe der Entente ebenfalls abwehren zu können. GdI. Arz hatte für die Front am Isonzo dieselben Hoffnungen. Die Wirren in Rußland erleichterten die Kriegslage. Die DOHL. war überzeugt, daß das russische Heer noch auf längere Zeit kampfunfähig bleiben werde. Man konnte seine Zersetzung begünstigen, im übrigen die Entwicklung der Verhältnisse an der Ostfront mit Ruhe abwarten.

Um die russische Front noch mehr auszuschalten, setzten unsere Nachrichtentrupps die Friedenspropaganda eifrigst fort. Über die Richtlinien dieser Propaganda gab es allerdings zwischen den Heeresleitungen und den Regierungen der Mittelmächte manche Meinungsverschiedenheit auszugleichen, die vor allem die Kriegsziele betrafen. Die Deutschen brachten in Frankreich gefangene Russen an die Ostfront herüber, und übergaben sie ihren Kameraden, auf die sie im ententefeindlichen Sinne einwirken sollten. Diese Heimgeschickten konnten nicht genug über die Kriegsmüdigkeit der Franzosen erzählen, die nur von ihren Führern zum Angriff getrieben würden.

Das russische Heer vermochte sich in seiner hoffnungslosen Ohnmacht während des seit dem 9. April 1917 tobenden Generalsturmes der Westmächte und beim zehnten Sturmlauf der Italiener am Isonzo nicht zum Kampfe aufzuraffen. Die Heeresleitungen in Baden und in Kreuznach nützten die Waffenruhe an der Ostfront dazu aus, um im Südwesten und Westen abgekämpfte Divisionen gegen ausgeruhte aus dem Osten umzutauschen. Auch wurden die vierten Geschütze fast aller deutscher Batterien und die ganze Artilleriereserve an die bedrängten Fronten in Frankreich abgezogen.

Im April rollte aus Ostgalizien die deutsche 195. ID. nach dem Westen. Das k. u. k. IV. Korpskmdo. gelangte Ende dieses Monats auf den südwestlichen Kriegsschauplatz (S. 108). Die deutsche 15. ID. wurde von der wolhynischen Front nach Brest-Litowsk abgeschoben, während die k. k. 26. SchBrig. aus dem Bereiche der Heeresgruppe Woyrsch schied, um nach Südurol zu gelangen (S. 109). Im Mai wurden an deutschen Verbänden aus Siebenbürgen das Alpenkorps und aus Ostgalizien die

36. und die 48. RD. sowie die 119. und die 10. bayr. ID. an die Westfront abgezogen. Nach der Abfahrt der 36. RD. und der 119. ID. trat an Stelle der letztgenannten die von der Arrasfront gekommene 24. (sächsische) RD. in die Front der Südarmee; für die 36. RD. wurde die hinter der Front stehende 75. RD. eingesetzt. Als Reserve des Oberbefehlshabers Ost traf Ende Mai die 4. ErsD. hinter der Südarmee ein. Die k.u.k. 2. Armee erhielt im Mai an Stelle der 195. und der

10. bavr. ID. zwei abgekämpfte Westdivisionen, die 12. LD. und die 223. Division.

An öst.-ung. Divisionen wurden im Monat Mai und anfangs Juni aus den Karpathen die 12. ID., aus der Csik die 24. ID., aus Ostgalizien die 21.SchD. und von der Szczara die 35. ID. an die Südwestfront abgezogen. Die k. u. k. 4. Armee gab das XXIV. Korpskommando ebenfalls an die Südwestfront ab. Außerdem stellte sie die deutsche 16. ID., wie schon vorher die 15., dem Oberbefehlshaber Ost zur Verfügung. Nach dem Abtransport der beiden genannten Divisionen nach Brest-Litowsk wurden die von dort gekommene deutsche 7. LD. und die bisher hinter der Front des XXII. Korps stehende deutsche 86. ID. am Nordflügel der 4. Armee eingesetzt. Die neuaufgestellte sächsische 45. LD. wurde dem Abschnitt Kowel an- Stelle der deutschen 92. ID. überwiesen, die Reserve des Oberbefehlshabers Ost wurde. Die deutsche 47. LD. gelangte anfangs Juni von der Westfront nach Kalusz und ging Ende des Monats als weitere Reserve des Oberbefehlshabers Ost nach Lublin ab. Die deutsche 9. Armee in Rumänien stellte anfangs Juni die k.u.k. 73. ID. der Südwestfront zur Verfügung und erhielt dafür die abgekämpfte 62. ID. überwiesen.

Der weitere Verfall des rassischen Heeres

Am 1. Mai hatte der Radiohorchdienst der k. u. k. Heeresleitung eine Funkdepesche des GdI.Alexejew aufgefangen, worin er dem englischen Oberkommandanten, der sich eben mit den Plänen zur Fortsetzung der steckengebliebenen Offensive beschäftigte, die Hilfe der ganzen russischen Macht zusicherte; doch sollte dies erst geschehen, wenn die Witterung es gestatten würde. In Wirklichkeit war die russische Armee seit Ende April völlig kampfunfähig geworden. Die katastrophale Emährungslage hatte den Kriegsminister Gutschkow genötigt, sämtliche Militärpflichtigen, die über 40 Jahre alt und in den Ersatztruppen eingeteilt waren, für landwirtschaftliche Arbeiten zu entlassen und am 23. April ausnahmslos alle Soldaten im Alter von über 43 Jahren vom Militärdienst zu befreien. Die Masse der Entlassenen, die sich auf die Eisenbahnstationen stürzten, zerrüttete auf lange Zeit das Transportwesen. Aber nur dadurch, daß hunderttausende Soldaten in ihre heimatlichen Dörfer zurückkehrten, konnten einzelne Truppenteile an der Front, die unter besonders schlechten Nachschubverhältnissen litten, vom Hungertode bewahrt werden.

Mit dem russischen Heere ging es weiter bergab. Die Munition war knapp, für Pferde gab es nur ein Pfund Hafer im Tag. Die Zahl der Fahnenflüchtigen und der sonstigen Drückeberger ging in die Millionen. Tausend Mann starke Ersatztransporte kamen mit nur wenigen hundert Leuten an der Front an. Die Eisenerzeugung war durch Einführung des Achtstundentages und wegen der Weigerung der Arbeiter, Überstunden zu leisten, auf 40 v. H. gefallen. An der Front nahm die Kriegsmüdigkeit zu. Abordnungen der Sowjets erschienen bei Riga in den Stellungen der 5. Armee. In Dünaburg tauchten Matrosen und Arbeiter aus Kronstadt zur Aufklärung auf. Man ermutigte die Soldaten zu Verhandlungen mit dem Gegner. Arbeiterabordnungen besuchten die deutschen Schützengräben, und Soldatenkomitees verteilten Proklamationen. Die Disziplinargewalt der Vorgesetzten wurde vom Kriegsminister eingeschränkt, und den Soldatenkomitees das Recht zu Verhandlungen mit den politischen Parteien erteilt. Damit hoffte man die Kampfbegeisterung zu heben, erreichte aber das Gegenteil: eine weitere Zunahme der Indisziplin.

Die Bolschewiken setzten ihre Wühlereien an der Front und in der Heimat fort. In der breiten Masse des Volkes 'wuchs die Auflehnung gegen Gutschkow und Miljukow, die sich zu den imperialistischen Kriegszielen der Entente bekannten. Schießereien und Umzüge der Sowjets blieben an der Tagesordnung. Die bolschewistische Presse forderte einen Friedensschluß ohne „Annexionen und Kontributionen“, was weiterhin ein noch oft berufenes Schlagwort werden sollte. Dagegen suchten sozialistische Führer der Ententeländer das russische Volk für die Verwirklichung der demokratischen Ideale zum Kampfe gegen die Mittelmächte anzuspornen. Gleichzeitig griffen die Ententeregierungen im Mai zu wirksameren Mitteln. Sie drohten, ihre Kriegsmateriallieferungen und Kredite einzustellen, wenn nicht bald die Manneszucht im Heere wieder hergestellt werde und Rußland nicht den Beweis dafür erbringe, daß seine Armee wieder zu einer neuen, entscheidenden Offensive, „zum Siege“, fähig sei.

Allein das russische Heer vermochte sich noch nicht aus seiner Tatenlosigkeit zum Kampfe aufzuraffen. Am 7. Mai meldete GdK. Brussilow dem Höchstkommandierenden: „Die innere Verfassung der mir unterstehenden Armeen hat sich in letzter Zeit infolge der unaufhörlichen Propaganda der Deutschen und auch durch das verderbliche Eindringen der Politik in die Truppen bedeutend verschlechtert, und ich muß gestehen, daß auf diese Weise, trotz der von allen Truppenkommandos ergriffenen Maßnahmen, der Zerfall der Armee droht.“

Der schwindende Glaube des Oberbefehlshabers der Südwestfront an eine siegreiche Zukunft veranlaßte den Höchstkommandierenden am 11. Mai, dem Kriegsminister zu schreiben: „Ich hatte damit gerechnet, daß gegen Mitte Mai die schwere moralische Erkrankung, die unsere Armee ergriffen hat, soweit werde nachgelassen haben, daß wir zum Angriffe schreiten können und daß nach dem ersten Erfolge der verlöschende kriegerische Geist der Truppen wieder aufleben werde.“ Der Brief schloß: „Wir machen alles, was wir können, um den Angriff durchzuführen, aber es steht zu befürchten, daß der allgemeine Zustand der Masse der Soldaten unseren guten Willen und unser aufrichtiges Streben zunichte machen kann.“

Vergeblich hatten die höheren Führer des russischen Heeres darauf bestanden, daß die Regierung die Rechte und Pflichten der Soldaten gesetzlich umschreibe. Gutschkow betraute mit dieser Aufgabe einen Ausschuß, dem in der Mehrheit Vertreter der Arbeiter und Soldaten angehörten. Unter ihrem Drucke kam nun ein Entwurf zustande, der nur von Rechten, aber nicht von Pflichten sprach. Allen Militärpflichtigen sollte es darnach erlaubt sein, an jeder politischen, nationalen, religiösen, wirtschaftlichen und gewerkschaftlichen Organisation teilzunehmen. Außerhalb des Dienstes war jedem Militärpflichtigen volle Redefreiheit zugestanden. Der militärische Gruß sollte abgeschafft und die Bestrafung der Militärpflichtigen durch ihre Vorgesetzten verboten werden. Sämtliche Armeeführer waren entschieden gegen die Einführung dieser „Deklaration der Soldatenrechte“, die den schon bestehenden Zustand gesetzlich anerkannt hätte. Alexejew erklärte, daß sie der letzte Nagel zum Sarge der russischen Armee sein würde. Der Deklaration wurde so große Bedeutung beigemessen, daß darüber im Hauptquartier in Mohilew am 13. Mai unter dem Vorsitze des GdI. Alexejew eine Beratung stattfand, an der die Oberbefehlshaber der russischen Fronten, der am 3. Mai zum Gehilfen des Kommandanten der Rumänischen Front ernannte Gen. Schtscherbatschew und der rumänische Generalstabschef Gen. Presan teilnahmen. Alle hohen russischen Generale sprachen sich einhellig gegen die Verlautbarung der Deklaration aus. Sie fuhren nach Petersburg, um den Machthabern die verzweifelte Lage der Armee zu schildern und um die sofortige Zurückziehung der Deklaration zu bitten. Diese Vorsprache fand am 17. statt, blieb aber ohne Ergebnis. Die Generale reisten noch nachts in ihre Hauptquartiere zurück.

Tags darauf, am 18. Mai, wurde auf Betreiben des englischen Botschafters Buchanan und des nach Petersburg entsandten französischen Rüstungsministers Albert Thomas, eines Sozialisten, die russische Regierung umgebildet. Das neue Kabinett brachte bürgerliche und sozialistische Männer ans Ruder. Die Koalition sollte Rußland wieder an den Kriegswagen der Entente spannen. Ihr radikalstes Mitglied, Kerenski, war ein gefügiges Werkzeug in den Händen der Ententediplomaten. Er wurde an Stelle Gutschkows zum Kriegsminister ernannt1).

Bei der Besprechung zu Mohilew war auch über die großen Richtlinien für eine Offensive des russisch-rumänischen Heeres beraten worden, die als Auftakt zu einem neuerlichen Ansturm der Westmächte gedacht war. Den ersten Hieb sollte ungefähr um den 1. Juli das russische Südwestheer in Ostgalizien führen. Angriffe an der rumänischen und an der russischen Westfront sollten folgen. Dadurch glaubte man, den im Frühjahr nicht zustandegekommenen gleichzeitigen Generalangriff der Entente doch noch in die Wege leiten zu können2). Die große Frage war allerdings, ob die Soldaten den Angriffsbefehl auch befolgen würden.

Das Ende der Friedenspropaganda

Die Heeresleitungen der verbündeten Mittelmächte hatten unterdessen einen großen Versuch unternommen, mit Rußland zu Waffenstillstandsverhandlungen zu kommen. Am 12. Mai, zwei Tage vor dem russischen l.Mai alten Stils, erließen die drei Oberbefehlshaber der

1)    Gurko, 216 ff. — Das russische Heer von 1917 und die Revolution (Wissen und Wehr, Berlin, Jhrg. 1922, 234 ff.). — Spannocchi, 82 ff. — Zajontschko w s k i j, Feldzug 1917, 63 ff.

2)    Winogradsky, La guerre sur le front oriental en Russie — en Rou-manie (Paris 1926), 334. — D a b i j a, Armata romanä in räsboiul mondial (1916— 1918), IV (Manuskript, in das durch das Entgegenkommen des Verfassers das Kriegsarchiv noch vor der Drucklegung Einsicht nehmen konnte).

Ostfront, Prinz Leopold von Bayern, Erzherzog Joseph und GFM. Mackensen mit Funkspruch an die gegenüberstehenden russischen Kommandanten eine Einladung zu Waffenstillstandsverhandlungen. Den besonders „infizierten“ Divisionen sollten außerdem durch Parlamentäre offizielle Verhandlungsvorschläge überbracht werden. Auf beiden Wegen kam man nicht zum Ziele. Im Bereiche der Heeresfront Erzherzog Joseph entsandten die 7. und die 1. Armee am 19. Mai zahlreiche Parlamentäre. Wohl fanden sie bei den jüngeren russischen Offizieren und bei der Mannschaft meist eine freundliche Aufnahme; doch suchten die höheren russischen Kommandos wie bisher die Annäherung mit allen Mitteln zu verhindern. Einzelne Unterhändler wurden mit Schüssen empfangen, andere gefangen genommen, einer während der Besprechung verwundet. Nur ein Parlamentär drang bis zum russischen 9. Ar-meekmdo. vor, wo er aber die ablehnende Antwort erhielt, es sei Sache der Regierungen und nicht der Soldaten, Frieden zu schließen1).

Auch im Bereiche des Oberbefehlshabers Ost und des GFM. Mackensen hatten die Annäherungsversuche zur Gefangennahme und Verwundung von Unterhändlern geführt. Die zwiespältige Haltung der Russen kam besonders im Kampfabschnitt von Dünaburg zutage. Eine russische Offiziersabordnung erklärte, Gen. Dragomirow sei bereit, über einen Waffenstillstand zu verhandeln. Als der deutsche Unterhändler in Dünaburg vor dem Gen. Dragomirow erschien, gewann er sofort den Eindruck, daß der russische General keineswegs für Verhandlungen zu haben sei. Es wurde nur zugesagt, einen Brief an die russische Regierung zu übernehmen, in dem sich der Oberbefehlshaber Ost zu Waffenstillstandsverhandlungen bereit erklärte. Der deutsche Parlamentär, der am 14. Mai dieses Schreiben überbringen sollte, wurde nicht mehr hinter die russischen Linien gelassen. Ein russischer Fähnrich nahm zwar den Brief zur Weiterleitung in Empfang, doch blieb eine Antwort aus.

War auch der Versuch, Verhandlungen mit höheren russischen Führern anzuknüpfen, nicht geglückt, so war es doch bei vielen russischen Divisionen mit den Soldatenkomitees zur Vereinbarung einer Waffenruhe gekommen. Nun verbot GdI. Alexejew, Parlamentäre zu empfangen und Verhandlungen zu führen, die als Verrat bezeichnet wurden. Gleichzeitig setzten die russischen Führer hohe Geldpreise für das Einbringen von Gefangenen und das Abschießen von Unterhändlern aus. Trotzdem war die Zahl der russischen Divisionen, die sich mit dem Gegner in Verhandlungen eingelassen hatten, bis Ende Mai auf 165 von

1/ R o n g e, Kriegs- und Industrie-Spionage (Wien 1930), 273 ff.

insgesamt 240 gestiegen; ihrer 38 hatten die Erklärung abgegeben, nicht mehr angreifen zu wollen J).

Aber es war jetzt doch schon zu erkennen, daß das Ausbleiben einer bestimmten Erklärung der Mittelmächte über ihre Kriegsziele, das Mißtrauen der Russen, die bisher vertrauensvoll verhandelt hatten, immer mehr erregte. So meldete GO. Erzherzog Joseph schon am 19. Mai, daß die Russen bei den Besprechungen mit unseren Unterhändlern allerorts ihrer Befürchtung Ausdruck gegeben hätten, die Mittelmächte würden einen Waffenstillstand an der Ostfront nur zum Niederwerfen Frankreichs ausnützen, um sodann über Rußland herzufallen und es seiner schwer errungenen Freiheit wieder zu berauben. Die mit großem Geschick und ohne ängstliche Wahl von Mitteln betriebene Gegenpropaganda der Entente gewann sichtlich an der russischen Front die Oberhand. Von Ende Mai an rechneten die Heeresleitungen in Baden und in Kreuznach mit einem Wiedererstarken, wenn auch vielleicht nur von Teilen des russischen Heeres, und mit einer neuerlichen Offensive der Russen. Der deutsche Reichskanzler bekannte sich jetzt zur Auffassung, daß eine zu auffällig unterstrichene Friedensbereitschaft zur Erfolglosigkeit verdammt sein würde; der auf ihr ruhende Schein hoffnungsloser Erschöpfung der Mittelmächte könne nur die Kräfte des Feindes von neuem beleben2).

GdI. Arz schrieb am 28. Mai dem k. u. k. Minister des Äußeren, Gf. Czernin: ,,Die Mittel der verbündeten Armeen zur Fortsetzung der

Friedenspropaganda sind nunmehr erschöpft.....Erhöhter Einfluß

der russischen Führer lasse es ratsam erscheinen, nunmehr die großzügige militärische Propaganda, die verbraucht ist, fallen zu lassen und sich wieder auf die Frontpropaganda kleinen Stils zu beschränken.“

Der Sommeroffensive entgegen (Juni 1917)

Hiezu Beilage 12

Versuche zur Wiederbelebung des russischen Kampfgeistes

Als der große Angriff der Westmächte im Laufe des Monats Mai zu versanden drohte, da waren wiederum Nachrichten aus Paris in das

!) Ron ge, 273.

2) Ludendorff, 353.

russische Hauptquartier gekommen, die Deutschen würden Petersburg angreifen (S. 102). GdI. Alexejew glaubte jedoch nicht mehr recht daran, daß der Gegner bei der gewaltigen Übermacht der 1. und der 12. Armee — 274 russische Bataillone gegen 99 deutsche — imstande sein werde, ein so großes Unternehmen auf Petersburg zu Land und zugleich vom Meere her durchzuführen. Er besorgte vielmehr, daß die zum Schutze von Petersburg an der Südküste des Finnischen Meerbusen bereitgestellten Truppen in einem Raume festgelegt seien, wo die Deutschen nichts Ernstliches unternehmen würden. Einen deutschen Angriff zwischen Riga und Smorgon hielt er jedoch für möglich; er entschloß sich daher, aus den Streitkräften der 1. und der 12. Armee vier bis fünf Divisionen auszuscheiden, um sie im Raume von Polock als Heeresreserve bereitzustellen.

GdI. Dragomirow, der Ende Mai an Stelle Rußkis Oberbefehlshaber der Nordfront geworden war, sprach sich für einen Stoß von Dünaburg und zugleich von Smorgon in der Richtung gegen Kowno aus, der günstige Aussichten dann biete, wenn zugleich die Armeen der Westfront angreifen würden. GdI. Alexejew genehmigte diesen Plan; er verzichtete auf die Versammlung einer Heeresreserve bei Polock und stellte der Westfront die im Monat März an den Kampfabschnitt bei Riga entsandten Truppen (112. und 132. ID.) mit einer Artilleriebrigade wieder zur Verfügung. Ende Juni oder anfangs Juli hoffte Alexejew, die Offensive endlich beginnen zu können. Auf allen Fronten sollte angegriffen werden. Sein Plan war es jetzt, den Hauptschlag nördlich vom Pripiatj zu führen. Aber das, was Alexejew und Gutschkow nicht fertig gebracht hatten, das russische Heer aus seiner Ohnmacht zu erwecken, in die es seit dem Ausbruche der Revolution verfallen war, sollten Kerenski und Brussilow vollbringen.

Kerenskis erstes Ziel war, aus der Armee wieder ein brauchbares Machtmittel zu schaffen. Er kündigte sofort nach seinem Amtsantritte strenge Bestrafung aller Fahnenflüchtigen an, die bis zum 28. Mai nicht eingerückt seien. Allerdings konnte er sich doch nicht von allen revolutionären Neuerungen freimachen. So verlautbarte er denn gleichzeitig die „Erklärung der Soldatenrechte“ (S. 218) und einen Befehl, betreffend die „Offensive von Heer und Flotte“. Er glaubte, daß die Erklärung der Soldatenrechte die Kampfstimmung heben werde. Aber die Begeisterung, die der Ukas bei der Masse der Soldaten weckte, wurde durch den Befehl über die Offensive wieder gedämpft. Während die alten Offiziere von der Wiederaufnahme des Kampfes eine Festigung ihres schon völlig geschwundenen Ansehens erhofften, erhoben die Truppen, namentlich die Infanterie, gegen eine etwaige Schmälerung ihrer errungenen Freiheit entschieden Einspruch.

Zahlreiche neue Personaländerungen in den höchsten Befehlsstellen, die die neuen Machthaber Rußlands vomahmen, steigerten noch die Unruhe in dem zum Großteil haltlos gewordenen Heere. Am 5. Juni wurde Brussilow an Stelle Alexejews zum Höchstkommandierenden ernannt. Zugleich wurde GdK. Gurko, weil er die „Soldatenrechte“ nicht anerkannte, seines Kommandos enthoben. Der Generalstabschef der Heeresleitung, Denikin, übernahm noch im Juni das Kommando der Westfront. Brussilows Nachfolger im Kommando der Südwestfront wurde Gutor, der Führer der 11. Armee. An Stelle Kaledins bekam Ivor-nilow, der Gouverneur von Petersburg, den Befehl über die S. Armee1). Das Kommando der 7. Armee wurde dem Gen. Bjelkowitsch an Stelle Schtscherbatschews übertragen. Gen. Erdeli übernahm wenige Tage vor dem Beginn der Offensive die 11. Armee. Die Nordfront wurde, wie schon erwähnt, seit dem Rücktritt Rußkis von Dragomirow geführt.

Der neue Höchstkommandierende unterstützte Kerenski in seinen Bestrebungen, den Kampfgeist der kriegsmüden russischen Soldaten wieder zu entfachen. „Unsere Feinde“ — so hieß es in seinem ersten Befehle — „sind mit unseren Friedensbedingungen, keine Annexionen und keine Kontributionen, nicht einverstanden, und darum bleibt uns keine Wahl und kein anderer Ausweg als der, dem Feinde mit der Gewalt unseres Schwertes den Frieden und unsere so gemäßigten Bedingungen aufzuzwingen.“

Schon anfangs Juni ließ Kerenski die Stawka wissen, daß er einer baldigen Wiederaufnahme der Angriffshandlungen mit Zuversicht entgegensehe. Brussilow gedachte, die Offensive der südwestlichen Armeen, die den Hauptangriff in Ostgalizien zu führen hatten, am 23. Juni und die der anderen Fronten am 28. Juni einsetzen zu lassen. Er verstärkte die Südwestfront aus dem Bereiche der rumänischen Front durch das XLV. Korps und das V. Kavalleriekorps. Als Kerenski darauf fragte, wann er die Front bereisen solle, um den Kampfgeist der Soldaten wieder zu wecken, meldete ihm Brussilow am 15. Juni: „Ich habe von der Nordfront einen sehr gemischten Eindruck gewonnen. Die Westfrontist besser. Trotzdem beabsichtige ich am 25. Juni, an der Südwestfront entscheidend anzugreifen. Früher geht es nicht. Ich glaube, daß

x) Gen. Kornilow hatte sich der Gefangenschaft in Österreich durch die Flucht entzogen und war wieder in Dienst gestellt worden (Vgl. Bd. II, 337).

wir Aussicht auf einen Erfolg haben1)." Da die Kriegsmüdigkeit bei den Armeen der Nord- und Westfront besonders groß war, beschloß Kerenski, vorerst die Truppen der Südwestfront aufzusuchen.

Am 16. gab der Oberbefehlshaber der Südwestfront, GdI. Gutor, seine Angriffsbefehle heraus. Demnach sollte der Schwerpunkt der Operation bei der 11. und der 7. Armee liegen, die die Front des Gegners in den Richtungen über Złoczów—Gliniany und Brzeżany—Bobrka auf Lemberg zu durchstoßen hatten. Die Besondere Armee sollte durch Scheinangriffe gegen Kowel und Wladimir-Wolyński möglichst viele Kräfte des Gegners auf sich ziehen, während die 8. Armee den Auftrag erhielt, die Angriffe in den Karpathen zu decken und mit dem rechten Flügel das Tal der Łomnica zu besetzen, um dann weiter über Kałusz auf Bolechów vorzudringen. Als Reserve hinter der 7. und der 11. Armee wurden das I. und das II. Gardekorps, das XLV. Korps, das

II. und das V. Kavalleriekorps bestimmt. Der Beginn des Angriffes war nunmehr endgültig für die 11. und die 7. Armee am 29. Juni, für die 8. Armee am 7. Juli vorgesehen.

Für die Nordfront mußte Brussilow den Angriff auf den 18., für die Westfront auf den 16. und für die rumänische Front auf den 22. Juli verschieben. Er begründete diese Maßnahme am 26. Juni in einem Telegramm an Kerenski mit dem Hinweis, daß die Truppen nicht angreifen wollten. Schließlich wurde die Offensive für die Nordfront auf den 22. und für die Westfront auf den 19. Juli endgültig festgesetzt. Inzwischen sollten die Truppen für den Angriff gewonnen, und sollte eine Umstellung der Streitkräfte vorgenommen werden. Die im Laufe der Monate März und April zum Schutze von Petersburg an die Küsten des Finnischen und des Rigaischen Meerbusens entsandten Truppen der 1. Armee (I. und XXXVII. Korps) wurden an die Düna zur 5. Armee geschoben. Die letztgenannte hatte den Hauptschlag zu führen. Das

l.Armeekmdo. gelangte nach Suczawa in der Bukowina, um nach Verlängerung des Abschnittes der 8. Armee bis zum Dniester, die Führung am linken Flügel der Südwestfront zu übernehmen.

Kerenski besuchte inzwischen die Depottruppen, er bereiste die verschiedenen Frontabschnitte und hielt zündende Reden, die die russische Soldatenmasse bewegen sollten, zur Rettung der neu errungenen Freiheit, die „vom deutschen Militarismus bedroht“ werde, die Offensive zu ergreifen und die militärische Macht der Mittelmächte zu brechen. Die Begeisterung, mit der Kerenski, der zum Helden und Abgott

yj Zaj ontschko wskij, Feldzug 1917, 66.

des neuen Rußland geworden war, und von dem man sagte, er allein könne Rußland retten, an vielen Orten empfangen wurde, erweckte den Glauben, daß sich die russischen Soldaten vielleicht doch zu neuem, heldenmütigem Kampfe aufraffen würden. Allein die von den Massen Kerenski dargebrachten Huldigungen sowie die vielen Szenen, bei denen feierlich geschworen wurde, fürs Vaterland zu sterben, waren vielfach Schall und Rauch. Die russische Armee, vor allem der Bauer, wollte nicht weiterkämpfen.

So war es trotz aufopfernder Bemühungen aller Befehlsstellen der 7. und der 11. Armee bis knapp vor Beginn des Angriffes nicht gelungen, die gesamte Infanterie für den Angriff zu gewinnen. Beim VI. Korps erklärten die Soldaten, daß man wohl angreifen, im Falle des Mißlingens aber den Korpsstab töten werde. Vergeblich hatte Kerenski bei jeder Armee „Delegierte“ eingesetzt, welche die Führer in der Aufrechterhaltung der Manneszucht unterstützen    sollten. Am    28.    Juni

mußte das II. Kavalleriekorps aufgeboten werden, um ein seit langem widerspenstiges sibirisches Regiment, das sich verschanzt hatte, zu entwaffnen. Kerenski besuchte in diesen Tagen vor dem Angriff die als besonders unzuverlässig bekannte 2. Gardedivision. Die Rufe „Bourgeois“, „Nieder mit dem Krieg“, „Nieder mit allem“ bewiesen, daß auch sein Einfluß auf die Fronttruppen kein allzu großer war.

1 Kerenski hielt es für notwendig, daß die Offensive durch den zur Zeit in Petersburg tagenden ersten Allrussischen Kongreß der Arbeiter und Soldatenräte unterstützt werde. Am 25. Juni nahm auch der Kongreß einen Beschluß über den Krieg an, worin von der Provisorischen Regierung eine Abänderung der Verträge mit den Verbündeten und der Verzicht auf die Eroberungspolitik gefordert wurde. Der Kongreß erklärte aber, die russische Demokratie sei verpflichtet, die Kampfkraft der Armee mit allen Mitteln zu fördern, so lange dem Krieg durch die internationalen Bemühungen der Demokratie    kein Ende    gesetzt    sei;

denn der Zusammenbruch der russischen Front würde eine Niederlage für die russische Revolution und einen schweren Schlag für die Sache der internationalen Demokratie bedeuten. Im übrigen war der Kongreß der Ansicht, daß die Frage der Offensive nur von rein strategischen Gesichtspunkten entschieden werden müsse 27).

Die Lage in Ostgalizien vor dem russischen Angriff (Juni 1917)

Hiezu Beilage 12

Bis in die zweite Hälfte des Monats Mai hatte an den Kampffronten im Osten Waffenruhe geherrscht. Der Propagandakrieg zwischen den Schützengräben ging trotz aller Schwierigkeiten noch weiter. Angriffsvorbereitungen konnten von unseren Fliegern zunächst nur in Ostgalizien bei Kozowa und Liatyn festgestellt werden. Ein vom GdK. Brussilow für den 18. Mai angeordnetes Unternehmen gegen Brzeżany ist aber nicht durchgeführt worden, weil sich die russische Infanterie anzugreifen geweigert hatte. Ein Anzeichen einer nahe bevorstehenden Offensive der Russen bildete jedoch die rasche Zunahme der feindlichen Fliegertätigkeit. Russische Kampfflugzeuge und Fesselballons vermehrten sich ständig; die zahlenmäßige Überlegenheit der feindlichen Flieger bereitete den Fliegern der Verbündeten immer größere Schwierigkeiten, obwohl der Feind an Angriffsfreudigkeit und Schulung weit hinter ihnen zurückstand.

Von Anfang Juni an belebte sich die Gefechtstätigkeit der russischen Artillerie an der ganzen Ostfront, namentlich im Bereiche der Heeresgruppe GO. Böhm-Ermolli. Bei den Russen konnten jetzt viele neue Batterien wahrgenommen werden. Im Bereiche der Südarmee mehrten sich auch die Aussagen russischer Unterhändler und Überläufer über einen bevorstehenden Angriff. Verliefen auch die hiefür bezeichneten Tage — der 4., dann der 14. Juni — noch ruhig, so wiesen doch die Ablösung angriffsunlustiger Divisionen durch von der Propaganda unberührte Truppen, der Bau von Bahnen, von umfangreichen Munitionslagern, von Brücken über den Dniester und über die Bystrzyca Nadworniańska sowie die Verstärkung der Artillerie auf die möglichen Angriffsrichtungen der Russen hin. Es waren dies die Räume bei Zborów und Brzeżany und südlich des Dniester bei Stanislau und Solot-wina, mithin an den nach Westen führenden großen Vormarschstraßen. Von Tag zu Tag wurde auch das Verhalten der russischen Infanterie gegen die noch immer fortgesetzte Propagandatätigkeit ablehnender und

feindseliger. Die Steigerung der Kampftätigkeit war jedoch zunächst vornehmlich der russischen Artillerie zuzuschreiben, während die Infanterie für Angriffsunternehmen scheinbar noch nicht zu haben war.

Mit gespanntester Aufmerksamkeit verfolgten die Armeen der Heeresgruppe Böhm-Ermolli die Vorgänge bei den Russen. Am 14. Juni machte die k. u. k. Heeresleitung die öst.-ung. Armeen an der Ostfront auf eine Umgruppierung der russischen und der rumänischen Streitkräfte aufmerksam. Starke Reserven stünden hinter der russischen Front bei Riga und bei Smorgon, zwischen Brody und Halicz und bei Jacobeny. Diese Truppen Versammlungen und auch die Ernennung Brussi-lows zum Höchstkommandierenden ließen eine neuerliche Offensive der Russen erwarten. Ob aber die russische Infanterie auch wirklich vorwärts zu bringen sein werde, erscheine noch zweifelhaft; doch bemühe sich der die Front bereisende Kriegsminister Kerenski, die Manneszucht und den Geist im russischen Heere wieder zu heben. Es stehe nunmehr fest, daß durch die Friedenspropaganda von Front zu Front ein Waffenstillstand mit Rußland und die Trennung dieses Staates von der Entente nicht herbeigeführt werden könne. Wie groß dennoch die Kriegsmüdigkeit der Russen sei, zeige ein durch einen englischen Vertrauensmann dem deutschen Gesandten in Bern bekanntge worden er Bericht des englischen Botschafters Buchanan, in dem es hieß, daß das russische Heer für militärische Operationen größeren Stils nicht mehr in Betracht komme. Nur für den Fall eines englisch-französischen Sieges an der deutschen Westfront sei es denkbar, daß Teile der russischen Armee sich zu einem Vorstoß bewegen ließen.

Das Heeresgruppenkommando Böhm-Ermolli beurteilte allerdings die Lage ernster und glaubte annehmen zu können, daß die Russen wirklich die Absicht hätten, in Ostgalizien größere, einheitlich angesetzte Angriffe durchzuführen. Nur bei Stanislau und vielleicht auch bei Solotwina schien sich der Feind mit Teilangriffen begnügen zu wollen. Anders am Südflügel der 2. Armee und bei der Südarmee. Der Feind, der vor der letztgenannten Armee schon seit Beginn seiner Angriffsvorbereitungen nahezu doppelt überlegen war, zog für die Durchführung seines Angriffes noch weitere Kräfte heran.

Anfangs Juni erschien das VII. sib. Korps bei Podhajce, das um Kolomea in Ruhestellungen gestanden war. Das II. Gardekorps, bisher östlich von Brody in Reserve, marschierte Mitte des Monats über Tarnopol nach Süden und erreichte gegen den 25. ebenfalls die Umgebung von Podhajce; hinter ihm rückte das von Norden herangezogene

I. Gardekorps über Tarnopol gegen Westen. Im Raume beiderseits von Zborów ballten sich drei Russenkorps, das VI., das XLIX. und das XVII., zusammen. Unterdessen wurde das VII. sib. Korps in auffallend dichter Massierung südlich Brzeżany auf dem westlichen Ufer der Złota Lipa in die Front der russischen 7. Armee eingeschoben und an seiner Stelle das XXXIV. Korps von Monasterzyska, wohin es von Kolomea her gelangt war, nach Podhajce und Umgebung verlegt. Russische Heereskavallerie (das II. Kavalleriekorps) wurde ebenfalls aus dem Raum südlich vom Dniester nach Norden, zunächst in die Gegend von Bu-czacz, geschoben. Aus dem Hinterland folgte noch das V. Kavalleriekorps nach.

Alle diese Bewegungen, die durch russische Funksprüche im Einklang mit den Erkundungen unserer Aufklärungsflieger einwandfrei festgestellt wurden, ließen im Zusammenhang mit den sich mehrenden Aussagen von Gefangenen und Überläufern keinen Zweifel mehr darüber aufkommen, daß die Russen diesen Angriff mit ganz besonderer, alle früheren Offensiven weit übertreffender Gründlichkeit vorbereiteten. Die Furcht vor den Folgen eines etwaigen Mißlingens mag dabei die Hauptrolle gespielt haben. Um die russische Infanterie ganz sicher für den Angriff zu gewinnen, wurde ihr noch versprochen, daß die gegnerischen Stellungen so zusammengeschossen werden würden, daß man durch sie mit „geschultertem Gewehr“ werde hindurchmarschieren können.

Im auffallenden Gegensatz zu den umfangreichen Angriffsvorbereitungen der Russen blieb in der zweiten Hälfte Juni die Gefechtstätigkeit gering, auch die der russischen Artillerie. Diese Tatsache konnte indes nur dahin gedeutet werden, daß trotz der großen Menge an Artilleriemunition, die der Feind nunmehr zweifellos angehäuft hatte, ein Überfluß nicht vorhanden war, und daß die feindliche Artillerie möglichst lange unerkannt bleiben wollte.

GdI. Bothmer, der Führer der Südarmee, hatte auf die sich mehrenden Angriffszeichen hin vom Oberbefehlshaber Ost eine Verstärkung an Artillerie und Infanterie erbeten und erhalten. An Artillerie wurden der Südarmee im Laufe der zweiten Hälfte Juni insgesamt 22 Batterien, darunter 12 schwere, und ausreichende Munition zugeführt. Außerdem wurden im Laufe des Monats Juni fast alle leichten Feldhaubitzbatterien wieder auf vier Geschütze gebracht. An Infanterie stand bei der Südarmee in Reserve zunächst nur die Ende Mai eingetroffene deutsche

4. ErsD. zur Verfügung des Oberbefehlshabers Ost. Sie hatte in Frankreich schwer gelitten und bedurfte zur Wiederherstellung ihrer vollen Gefechtskraft noch der Ruhe. Die Ablösung der Mitte Juni nach Kleinasien abbeförderten türkischen 19. ID. durch die neu überwiesene deutsche 15. RD. verminderte die infanteristische Kraft der Südarmee um drei Bataillone, brachte dagegen eine geringe Verstärkung der Feldartillerie. Durch Verschmälerung des besonders schwierigen Abschnitts der 75. RD. auf den Höhen ösdich von Lipica Dolna wurde ein weiteres Infanterieregiment zur Verfügung des Armeekommandos gewonnen und in Lipica Gorna bereitgestellt. Endlich traf Ende Juni als weitere Reserve des Oberbefehlshabers Ost die sächs. 241. ID. bei der Südarmee ein. Sie wurde im Narajówkatal bei Kurzany untergebracht. Als Gruppenkommando für die bevorstehende Abwehrschlacht wurde der Armee Bothmer das am linken Flügel der k. u. k. 7. Armee befindliche Generalkommando des XXV. RKorps zur Verfügung gestellt. Die 7. Armee erhielt dafür von der Isonzofront das k. u. k. XVII. Korpskmdo., FML. Fabini, überwiesen. Das Generalkommando des XXV. RKorps traf am 27. Juni in Rohatyn ein und übernahm am 28. den Befehl über die

15. und die 24. RD. im Abschnitt Rohatyn. Alles in allem standen Ende Juni im Bereich der Südarmee auf einer Breite von 65 Kilometern 6i/2 deutsche, 3 öst.-ung. und 1 türkische Division zur Abwehr des russischen Ansturmes bereit.

Das Schwergewicht des russischen Angriffes wurde gegen den Frontraum zwischen Lipica Dolna an der Narajówka und Perepelniki östlich von Złoczów, also gegen die Mitte und den Nordflügel der Südarmee sowie gegen die südliche Hälfte des nördlich anschließenden Abschnittes Złoczów der 2. Armee (Generalkommando des deutschen

I. Armeekorps, GdI. v. Winckler) erwartet. In diesen Räumen ließ die Zusammenballung der Korps VI, XLIX, XVII und des I. Gardekorps der Russen erkennen, daß der Feind beabsichtige, beiderseits der Straße Tarnopol—Zborów durchzubrechen. Man nahm an, daß die bisher gegen die k.u.k. 33. ID. bei Zwyżyn (12km nordwestlich von Zalośce) unterhaltene rege Gefechtstätigkeit der Russen nur Täuschungszwecken dienen sollte.    ,    !

In Erwartung des bevorstehenden russischen Angriffes hatte das Heeresgruppenkommando Böhm-Ermolli die Ende Mai eingelangte deutsche 223. ID. in den Raum zwischen Bohutyn und Pluhów hinter das bedrohte IX. Korps gestellt; die deutsche 237. ID. war Ende Juni von Brest-Litowsk nach Złoczów im Anrollen. Die sächs. 96. ID. war hinter dem V. Korps und die LeibHusBrig. hinter dem XVIII. Korps untergebracht. Die bei Lemberg in Aufstellung begriffene österreichische

12. reit. SchD. unterstand noch der k.u. k. Heeresleitung.

Gegen den Nordflügel der Südarmee (k. u. k. XXV. Korps) und den Südflügel des Abschnittes Złoczów (k. u. k. IX. Korps und deutsche 197. ID.) mit zusammen fünf Frontdivisionen stellte die russische

11. Armee S1 o Divisionen ins erste und 2 Divisionen in das zweite Treffen. Das I. Gardekorps und die 1. TransbaikalKosD. lagerten Ende Juni noch westlich von Tarnopol. Da mit Rücksicht auf die ausreichenden Reserven bei der k. u. k. 2. Armee die Überlegenheit der Russen nicht so bedeutend war, hoffte das Armeekommando, den feindlichen Ansturm erfolgreich abwehren zu können.

Auch für den Fall eines Angriffes gegen die 3. Armee, der Ende Juni allerdings wenig Wahrscheinlichkeit hatte, wurde durch die Bereitstellung von zwei neu angekommenen Divisionen, der deutschen 83. ID. und der k. u. k. 16. ID., hinter dem Nordflügel für die Abwehr ausreichend vorgesorgt.

Bei der Südarmee und der 2. Armee hatte man etwa vom 25. Juni an den Eindruck, daß der feindliche Ansturm unmittelbar bevorstehe. Die russische Infanterie war jedenfalls um diese Zeit, der Masse und Gliederung nach, bereit, anzugreifen. Aufgefangene Funksprüche und die Aussagen von Gefangenen ließen darauf schließen, daß der schon mehrmals verschobene russische Angriff nunmehr endgültig auf den 29. Juni festgesetzt sei.

Das beste Gegenmittel hätte sicherlich darin bestanden, den Russen mit einem schnellen Angriff zuvorzukommen. Im Mai, als mit dem Hervortreten Kerenskis die Gefahr wuchs, daß sich das russische Heer wieder festige, erwog man in Kreuznach einen solchen Plan. Damals wäre es noch möglich gewesen, das russische Heer in verminderter Kampfkraft zu treffen. GdI. Ludendorff ging darauf jedoch nicht ein, denn er wollte nicht die schwere Verantwortung übernehmen, daß wirklich vorhandene Aussichten, mit Rußland ohne weiteres Blutvergießen zum Frieden zu gelangen, zerstört würden. Jetzt aber, Ende Juni, fielen diese Bedenken weg. Der Oberbefehlshaber Ost, Prinz Leopold von Bayern, wollte sich daher auch nicht auf die Abwehr beschränken, sondern plante, die feindliche Offensive mit einem Gegenschlage zu vergelten. Hiefür nahm er die von Złoczów längs des oberen Sereth auf Tarnopol führende Stoßrichtung in Aussicht, weil hier eine Umfassung des südlich davon stehenden Teiles des russischen Heeres erreicht werden konnte. Je mehr Truppen die Russen zu ihrem Angriffe an der

Front zwischen Zborów und den Karpathen anhäuften, desto größer mußte der Erfolg werden. Mit den Vorbereitungen für den Gegenstoß sollte aber erst begonnen werden, bis der Feind tatsächlich angegriffen und sich an den Wehr stell ungen der Heeresgruppe Böhm-Ermolli festgerannt hätte.

Die DOHL. billigte diesen Plan und war bereit, die Kräfte für den Gegenstoß entsprechend stark zu halten, um, wenn möglich, eine entscheidende Wirkung zu erreichen und den Widerstand Rußlands endgültig zu brechen. Hierzu waren Verstärkungen nötig. Mehr als sechs Divisionen konnten aber an der Westfront nicht entbehrt werden. Auch dies war schon ein schwerer Entschluß, da am 7. Juni der englische Angriff bei Wytschaete erfolgte und zu erwarten war, daß eine große Offensive in Flandern folgen würde. Der Abtransport und die artilleristischen Vorbereitungen waren so geordnet, daß etwa Mitte Juli der Gegenstoß angesetzt werden konnte. Zwei Wochen früher rafften sich in der Tat die 11. und die 7. Russenarmee in Ostgalizien zu ihrem letzten Massensturrn auf1).

Die Untätigkeit der Verbündeten Rußlands

Die Begebenheiten an der Westfront Hiezu Beilage 1

Ö

Waren im April die Heere der beiden Westmächte entgegen den getroffenen Vereinbarungen, an allen Fronten möglichst gleichzeitig anzugreifen, schließlich doch vereinzelt in die Schranken getreten, so fügte es sich Ende Juni, daß nun die Russen, als sie sich endlich in Ostgalizien zu einem großen Durchbruchsangriff anschickten, von ihren Verbündeten allein gelassen wurden.

Daß die Italiener nach der sehr verlustreichen zehnten Isonzo-schlacht und nach ihren ergebnislosen Angriffen in den Sieben Gemeinden einer Ruhepause bedurften, war verständlich. Aber auch die Franzosen verharrten in völliger Tatenlosigkeit. Der Grund hiefür war, daß sich die Stimmung im französischen Heere nach den fruchtlosen und sehr verlustreichen Anstürmen an der Aisne immer mehr ver-

x) Ludendorff, 345. — Hoffmann, Der Krieg der versäumten Gelegenheiten (München 1923), 177 f. — K u h 1, Weltkrieg, II, 106.

schlechterte. Sichcrlich zum Teil auch hervorgerufen durch die revolutionären Ereignisse in Rußland, kam es nach dem 20. Mai zu offenen Meutereien, zuerst bei den in Reserve stehenden Truppen, dann auch an der Front. Insgesamt wurden 16 französische Korps vom zersetzenden Geist erfaßt. Bei 75 Infanterieregimentern, 23 Jägerbataillonen, 12 Artillerie-, 1 Dragoner- und 2 Kolonialregimentern sowie bei den Senegalschützen gab es offene Widersetzlichkeiten. Zwei in Frankreich stehende russische Brigaden, die den Gehorsam verweigerten, wurden in ihren Lagern umzingelt und durch Geschützfeuer zur Befehlsbefolgung gezwungen. So gab es anfangs Juni, wie der französische Kriegsminister Painlevé schreibt, zwischen Soissons und Paris nicht mehr als zwei verläßliche Divisionen 1).

Die französische Heeresleitung griff nun sehr tatkräftig durch; 150 Meuterer wurden zum Tode verurteilt, davon allerdings bloß

23 hingerichtet3). Der neue Generalissimus Pétain ließ es aber auch an Belehrung der Irregeleiteten und an der Abstellung der Mißstände, die zu den Auflehnungen geführt hatten, nicht fehlen. Dadurch vermochte er bis zum Juli den Geist des Franzosenheeres wieder merklich zu bessern. Der Kriegsminister Painlevé gab der Kammer am 7. Juli das Versprechen, daß mit ehrgeizigen, unüberlegten und schlecht vorbereiteten Angriffen ein Ende gemacht werden würde. Es glückte der französischen Heeresleitung aber auch, den durch die Meutereien herbeigeführten Schwächezustand zu verbergen. Was hätte geschehen können, wenn die Deutschen etwa zu Anfang Juni von den Vorgängen im französischen Heere Kenntnis erlangt hätten! ßoch der sonst meist gut unterrichtete deutsche Nachrichtendienst erfuhr seltsamerweise von den Meutereien nichts. Sie blieben eines der wenigen wohlbehüteten Geheimnisse des Krieges3).

Bei diesem Zustand des Franzosenheeres war es nur natürlich, daß, als sich die Engländer anfangs Juni zum Angriff in Flandern anschickten und die Franzosen zur gleichzeitigen Teilnahme aufforderten, Pétain auf Anraten seiner Unterführer diese Angriffe erst für den Juli in Aussicht stellte. Ihm widerstrebte es überhaupt, sich vor dem Eintreffen der Amerikaner in ein größeres Angriffsunternehmen einzulassen. Er stimmte aber gerne einer Verlängerung der französischen Front nach Norden zu, um das britische Heer zu einem wuchtigen Stoß

1) Painlevé, Comme j’ai nommé Foch et Pétain (Paris 1925), 132 ff.

-') Palat, 433.

3, Kuhl, Weltkrieg, II, 99.

zu befähigen. Selbst wenn das diesem Stoß gesteckte Ziel, die Wegnahme der deutschen U-Bootstützpunkte ander belgischen Küste (S. 129), nicht erreicht werden sollte, mochte den Deutschen wenigstens die Möglichkeit genommen werden, sich anderen Zielen zuzuwenden.

Am 7. Juni brachen die Engländer bei Wytschaete (12 km südlich von Ypern) vor und fügten den Deutschen empfindliche Verluste bei; es blieb aber bei diesem Anfangserfolg. Allerdings war die Lage der deutschen 4. Armee (siehe Beilage 1) auch nachher sehr gespannt, weil ihr außer der Verteidigung der Landfront noch die Sicherung der flandrischen Küste und Vorkehrungen gegen allfällige Landungen in Holland zufielen1). Die Engländer hielten an dem Plane eines Vorstoßes in Flandern fest, gedachten jedoch nicht, ihre Flotte aufs Spiel zu setzen. Die vorübergehende Angriffsunfähigkeit des Franzosenheeres und die weiteren Erfolge des deutschen U-Bootkrieges — im Mai wurden 869.000 und im Juni 1,016:000 Tonnen feindlichen Schiffsrauines versenkt — nötigten die Engländer geradezu, neuerlich anzugreifen. Sie bereiteten ihr Vorhaben aber mit aller Gründlichkeit vor. Dadurch entstand gerade um die Monatswende Juni-Juli eine Kampfpause auf dem Nordflügel der Westfront. Das südlich anschließende Franzosenheer war aus den schon erörterten Gründen unfähig, mit den Russen zugleich anzugreifen.

Die Ereignisse auf dem Balkan und im nahen Orient

Auf dem Balkan hielt in Albanien der italienische Druck im Quellgebiet der Tomorica an (S. 120 und Beilage 5). Um sich endgültig davon zu befreien, unternahm FML. Gerhauser anfangs Juni einen kräftigen Vorstoß, der den ganzen Raum nördlich von Osum bis über Gradiska hinaus vom Feinde säuberte. Wegen Nachschubschwierigkeiten mußte das XIX. Korpskmdo., GdI. Trollmann, das in gutem Fluß befindliche Unternehmen anhalten.

Die wachsende Bedeutung, die auch die Alliierten dem albanischen Kampfraume beimaßen, bestimmte die k. u. k. Heeresleitung, gemeinsam mit der DOHL. das Unterbinden der von Biklište über Korea nach Santi Quaranta führenden feindlichen Nachschublinie zu erwägen. Auch an einen Angriff auf Valona dachte man damals. Da die Rücksicht auf die anderen Fronten eine Verstärkung des k. u. k. XIX. Korps jedoch

!) Kuhl, Weltkrieg, II, 116.

verbot, erhielt dieses Mitte Juni die Weisung, sich auch weiterhin nur auf die Behauptung der Vojusafront zu beschränken. Das vorerwähnte Unternehmen, für das die Vorbereitungen fortzusetzen waren, wurde für spätestens Mitte Oktober anberaumt. Außerdem erhielt das XIX. Korps Befehl, möglichst starke Artillerie in die Front zu stellen und die noch nördlich vom Semeni stehenden Kampftruppen (211. LstlBrig.) vorzuziehen. Der seit Mitte Juni vom FML. v. Bekić befehligte Küstenschutz sollte lediglich die Umschlagplätze S. Giovanni di Medua und Durazzo sowie die nördlich von Kava ja knapp an der Küste führende Nachschublinie decken. In den übrigen Küstenabschnitten waren nur Beobachter zu belassen, südlich vom Skumbi zum Schutze der in seinem Tale führenden Rochadelinien neue Stellungen zu erkunden und stützpunktartig auszubauen.

Das geringe Ergebnis der Frühjahrsoffensive der Ententeheere an der Westfront und in Mazedonien sowie das Ausbleiben des vereinbart gewesenen russisch-rumänischen Begleitangriffes veranlaßten die Alliierten, jetzt wenigstens die griechische Frage zu ihren Gunsten zu lösen. Vorwände hiefür waren bald gefunden. Man beschuldigte das königliche Griechenland, die Forderungen der Entente nicht erfüllt zu haben, und sprach auch nach der Abrüstung des hellenischen Heeres von Aufstandsvorbereitungen im Rücken des in Mazedonien fechtenden Orientheeres. Die venizelistische Nebenregierung wechselte dagegen mit Paris Sympathiedepeschen, bot der Entente ein Militärbündnis an und entsandte ihre Vertreter in die Hauptstädte von Frankreich, England und Rußland.

Inzwischen hatten sich die beiden Westmächte und Italien dahin geeinigt, in Griechenland einen Regimewechsel zu erzwingen. Am 12. Juni wurde König Konstantin zur Abdankung veranlaßt, nachdem die auf Morea internierte Armee vom übrigen Land abgeschlossen und ein Athen bedrohendes Landungskorps bereitgestellt worden war. Da auch der Kronprinz als zu wenig ententefreundlich galt, bestieg der zweitgeborene Königssohn, Prinz Alexander, den Thron.

Am 25. Juni kehrte Venizelos als griechischer Ministerpräsident nach Athen zurück. In einer Proklamation verhieß er dem Volke, ,,an der Seite der demokratischen Nationen für die Freiheit der Welt kämpfen zu wollen“ und begann sofort mit dem Wiederaufbau des griechischen Heeres. Eine französische Militärmission stand ihm hiebei zur Seite. Ende Juni wurden die diplomatischen Beziehungen zwischen den Mittelmächten und der neuen griechischen Regierung abgebrochen.

Nicht ohne bedeutungsvolle Ereignisse verlief das erste Halbjahr 1917 im nahen Orient. In der Nacht auf den 11. März glückte es den Engländern, die Schlappe von Kut-el-Amara wettzumachen und Bagdad den Türken zu entreißen. Die türkische 6. Armee vermochte schließlich 150 km nördlich dieser Stadt wieder festen Fuß zu fassen. Schon am 17. März reiste der türkische Vizegeneralissimus Enver Pascha nach Kreuznach, um die Hilfe Deutschlands für die Rückeroberung Bagdads zu erbitten. Man sagte ihm weitgehende Unterstützung zu. Die türkische 6. Armee sollte mit der um Aleppo zu versammelnden 7. Armee die Heeresgruppe Yildirim (Blitz) bilden. Die DOHL. stellte das neuzubildende „Asienkorps“, das k.u.k. AOK. eine Anzahl von Gebirgsbatterien bei. Die Kriegshandlung wurde für Oktober 1917 in Aussicht genommen. Zum Oberbefehlshaber wurde GdI. Falkenhayn bestimmt, der am l.Mai das Kommando über die von ihm bisher befehligte deutsche 9. Armee abgab und sodann nach der Türkei abreiste1). Die Schwerfälligkeit des türkischen Verkehrswesens und die Ereignisse in Syrien verzögerten jedoch die zeitgerechte Bereitstellung der Heeresgruppe in Mesopotamien.

In Syrien standen die Türken in einer Stellung südlich von Gaza (siehe Band V, Beilage 34), die unbedingt zu halten sie entschlossen waren. Nachdem die Engländer ihre Eisenbahn entsprechend weit vorgebaut hatten, verstärkten sie ihr Expeditionskorps und versuchten zweimal, die syrische Front der Türken zu durchbrechen. Jedoch blühte in beiden Gazaschlachten (26.—27. März und 19.—20. April 1917) den Engländern kein Erfolg. An der geglückten Abwehr hatten auch zwei öst.-ung. Batterien, die 1. HbBt. GbAR. 4 und die 2. HbBt. GbAR. 6, ruhmvoll Anteil genommen.

Den in Aussicht stehenden Einsatz der neu zu bildenden griechischen Armee an der Salonikifront benützte England als willkommenen Anlaß, seinen Truppenstand in Mazedonien zu verringern und dafür seine Heeresmacht in Syrien zu verstärken. Trotz des Einspruches der französischen Heeresleitung, die auf die bisherigen englischen Klagen über Versorgungsschwierigkeiten in Mazedonien die seit der Unterwerfung Griechenlands eingetretene Besserung ins Treffen führen konnte, blieb das englische Oberkommando diesmal fest. Es zog im Juni eine Division ab, der im August eine zweite folgte. Dies gab dem britischen Reichsgeneralstab die Möglichkeit, den schon seit langem geplanten Angriff aus Jerusalem ernsthaft in die Wege zu leiten.

*) Z w e h 1, Erich von Falkenhayn (Berlin 1926), 266 f.

Die Doppelschlacht bei Koniuchy-Zborów und bei Brzeżany

^29. Juni bis 3. Juli)

Hiezu Beilagen 12, 13 und 14

Der Beginn des großen russischen Angriffes (29. und 30. Juni)

Ende Juni des Jahres 1917 standen die Truppen der russischen Südwestfront auf denselben Kampfstätten, auf denen ein Jahr zuvor ihre Offensive versandet war, wieder zu einem mächtigen Angriff bereit. Der neue Oberbefehlshaber der südwestlichen russischen Heeresfront, GdI. Gutor, der mit der Aufgabe beauftragt worden war, die öst.-ung. und die deutschen Wehrstellungen in Ostgalizien zu durchbrochen und Lemberg zu erobern, hatte zwischen dem oberen Lauf der Flüsse Strypa und Narajówka auf einer Frontbreite von etwa 65 km 31 Divisionen mit 800 leichten, 158 mittleren und 370 schweren Geschützen aufgeboten1). Der Hauptangriff war vom Südflügel der russischen

11. Armee zwischen Grabkowee und Byszki, also beiderseits von Zborów und Koniuchy zu führen, um zunächst das westliche Ufer der oberen Złota Lipa zu gewinnen; von da aus sollte der Angriff in nordwestlicher Richtung über Złoczów—Gliniany vorgetragen werden. Einen zweiten, noch mächtigeren Schlag hatte der Nordflügel der russischen 7. Armee zwischen Kuropatniki und der Höhe Popielicha bei Mieczyszczów über Brzeżany ebenfalls in nordwestlicher Richtung auf Bobrka zu führen (S. 103). Zur Entlastung des Hauptstoßes sollten rechts das V. sib. Korps an der Graberka bei Zwyżin, links das

XII. Korps am Dniester bei Jezupol und Stanislau zu Nebenangriffen vorbrechen.

Für den Hauptangriff stellte die 11. Armee die 35. ID. des XVII. Korps, das XLIX. Korps (4. und 6. finn. SchD., 82. ID., tschechoslowakische SchBrig.), und das VI. Korps (2. finn. SchD., 4., 16., 151.

1j Nach Smilg-Benario, Von Kerenski zu Lenin, 115. — Demgegenüber gibt K n o x, II, 641, die artilleristische Stärke der russischen Angriffsarmeen in Ostgalizien mit über 693 leichten und 337 schweren Geschützen an.

und 155. ID.) bereit. An Reserven waren bei Jezierna das I. Gardekorps (l.und2.GD.) und die 1. TransbaikalKosD. verfügbar. Außerdem sollte bis anfangs Juli das V. Korps (7. und 10. ID.) bei Tarnopol bereitgestellt werden. Dahin wurde auch das im Verbände der russischen 9. Armee befindliche XLV. Korps (122., 126. und 194. ID.) gefahren. Die russische 7. Armee hatte in der Front das XLI. Korps (3., 5.Trans-amurGrenzwachD., 74. und 113. ID.), das VII. sib. Korps (12., 13. sib. SchD. und 108. ID.), das XXXIV. Korps (19. sib. SchD., 23., 104. und 153. ID.). und das finn. XXII. Korps (1., 3., 5. finn. SchD. und 159. ID.) eingesetzt. Das II.Gardekorps (GardeSchD., 3.GD.), die Polendivision, zwei Radfahrerbataillone, das II. Kavalleriekorps (9. KD. und komb. KD.) und das V. Kavalleriekorps (11. KD. und 3. OrenburgKosD.) standen im Raume von Podhajce und Buczacz in Reserve.

Die Masse der russischen Angriffstruppen setzte sich aus finnischen und aus sibirischen Regimentern zusammen. An besonderen Verbänden waren der 11. Armee eine aus tschechoslowakischen Überläufern und Gefangenen gebildete Schützenbrigade, der 7. Armee eine polnische Division und zwei neuaufgestellte Radfahrerbataillone beigegeben. Daß die tschechoslowakische Brigade bei Zborów gegenüber der zum überwiegenden Teil aus Mannschaften tschechischer Nationalität zusammengesetzten k.u.k. 19. ID. eingesetzt worden war, sollte sich alsbald als ein kluger Schachzug der russischen Führung erweisen. Die Einreihung der tschechoslowakischen Brigade in die Front entsprach aber, wie an anderer Stelle noch gestreift werden wird, auch einem längst gehegten Wunsche der im Auslande tätigen tschechischen Politiker, die die Anerkennung der Tschechoslowaken als verbündete Nation sowie der tschechoslowakischen Legionen als verbündete und mit ÖsterreichUngarn und Deutschland in regelrechtem Kriege befindliche Armee durch die Alliierten erringen wollten. Die 11. Armee besaß 50, die 7. Armee 70 Flugzeuge. Die meisten Divisionen hatten je ein schlechtes und unzuverlässiges Regiment. Die Artillerie und die Kavallerie galten als verläßlich.

Die artilleristische Vorbereitung sollte ursprünglich fünf Stunden dauern; dann hatte der Infanterieangriff zu beginnen. Auf Einspruch des französischen Beraters des Oberbefehlshabers der Heeresfront in artilleristischen Fragen wurde aber beschlossen, den Artillerieangriff der

11. und der 7. Armee nicht gleichzeitig erfolgen zu lassen. Deshalb hatte die artilleristische Vorbereitung bei der 11. Armee am 29. Juni bei Tagesanbruch, bei der 7. Armee 24 Stunden später einzusetzen.

Der Beginn des Infanterieangriffes war für beide Armeen für den

1.Juli,    9hvorm., befohlen.

Am 29. Juni erließ der an der Front eingetroffene Kriegsminister Kerenski einen Befehl, in dem er die Armee mit flammenden Worten zum Kampfe aufrief: „Soldaten! Das Vaterland ist in Gefahr. Die Freiheit ist bedroht, die Revolution steht vor dem Zusammenbruch. Es ist Zeit, daß die Armee ihre Pflicht erfüllt. Euer Generalissimus [Brussilow], der auf so viele Siege zurückblickt, ist der Ansicht, daß jeder Tag, der eine weitere Verzögerung bringt, dem Feinde zugute kommt, und daß ein einziger entscheidender Schlag seine Pläne zunichte machen kann. Deshalb fordert er in vollem Bewußtsein seiner großen Verantwortlichkeit, im Namen des freien Volkes und der Provisorischen Regierung

die Armee auf, die Offensive zu ergreifen.....Ich befehle euch:

Vorwärts!1)“

Die Heeresgruppe GO. Böhm-Ermolli, gegen die sich der Ansturm der Russen hauptsächlich richten sollte, gliederte sich Ende Juni in drei Armeen. Die auf dem rechten Flügel stehende, von den Karpathen bis 2um Dniester reichende k.u.k. 3. Armee, GO. Tersztyańszky, hatte in der Front die vier öst.-ung. Infanteriedivisionen 5, 42, 36, 15 und die 2. KD.; in Reserve, hinter dem Nordflügel, die deutsche 83. und die öst.-ung. 16. Division. Die Südarmee unter tjdl. Bothmer stand nördlich vom Dniester bis Koniuchy auf dem Westufer der Narajówka und zu beiden Seiten der Złota Lipa. Sie deckte die von Pomorzany und Rohatyn nach Lemberg führenden Verbindungen. Vier deutsche Divisionen, 53., 75., 15. und 24. RD., drei öst.-ung., 38.HID., 55., 54. ID., und die türkische 20. ID. standen in der Front, zwei deutsche, die 4. ErsD. und die 241. ID., in Reserve. Die k.u.k.

2.    Armee hielt unter dem unmittelbaren Befehl des Heeresgruppenkommandanten in der Linie Koniuchy—Zborów—Presowce—Harbu-zów—Batków—Zwyżyn, am Graberka—Luhabschnitt sowie westlich und nordwestlich von Brody. Sie hütete mit ihrem rechten Flügel Bahn und Straße Złoczów—Lemberg. ■ In der Front hatte sie die 197. ID., die 12. und die 15. LD. der Deutschen und die fünf öst.-ung. Infanteriedivisionen 19, 32, 33, 27, 25 sowie die öst.-ung. 4. KD. stehen. Zwei deutsche Divisionen, die 223. und die 96. ID., bildeten die Reserve. Die deutsche 237. ID. rollte gerade über Lemberg nach Złoczów heran. In Lemberg war außerdem die k. k. 12. reit. SchD. verfügbar. Der rechte Flügel war als Abschnitt Złoczów dem komman-

1) Smilg-Benario, Von Kerenski zu Lenin, 144 f.

dierenden General des deutschen I. Armeekorps, GdI. Winckler, unterstellt. Vorbereitungen für den Verteidigungskampf waren seit langem getroffen; die Erfahrungen der großen Abwehrschlachten im Westen waren dabei verwertet worden. Führer und Truppen sahen dem russischen Angriff mit Vertrauen entgegen.

Am 29. Juni steigerte sich bei der Südarmee und am Südflügel der k. u. k. 2. Armee im Abschnitt Złoczów das russische Artilleriefeuer, das in den letzten Tagen immer mehr zugenommen hatte, zum planmäßigen Zerstörungsfeuer; es richtete sich hauptsächlich gegen die Stellungen der 24. RD. und der 55. ID. in der Gegend von Brzeżany sowie gegen den linken Flügel der 54. ID., dann gegen die 19. ID. beiderseits des Ortes Koniuchy. Auch von der k.u.k. 33. ID. bei Zwyżyn kamen Meldungen über auffallend starkes Artilleriefeuer der Russen. Selbst weit hinter der Front liegende Unterkunftsorte, wie Brzeżany und Urmań, sowie die Brücken über die Złota Lipa wurden von schwerem Steilfeuer heimgesucht. Schon am Morgen stellten unsere Flieger fest, daß die zahlreichen Lager, die sich hinter der russischen Front befunden hatten, von Truppen frei seien. Offenbar hatten die Russen ihre Reserven näher an die Front herangeschoben. Das Feuer hielt mit geringen Unterbrechungen den ganzen Tag über an. Am Nachmittag meldeten die 55. und die 54. ID. sowie die k.u.k. 19. ID. „Trommelfeuer“ auf die Höhe Łysonia und auf die Stellungen bei Koniuchy. Von der 24. RD. traf die Nachricht ein, daß der Feind das Tal der Zlota Lipa südlich von Brzeżany vergase.

Unsere Artillerie legte starkes Zerstörungsfeuer auf die russische Artillerie. Südlich von Szybalin und östlich von Koniuchy bekämpfte sie bereits Ansammlungen feindlicher Infanterie. Die Abhorchstationen der Verbündeten nahmen an verschiedenen Stellen wahr, daß von der russischen Infanterie der Wunsch geäußert wurde, heute noch zum Angriff zu schreiten; doch kam es nur mehr gegen den Nordflügel der k.u.k. 54. ID. bei Koniuchy um 11h nachts zu einem kurzen Vorstoß der Russen, der im Feuer der Verteidigungsartillerie vor den Hindernissen zusammenbrach.

Das Feuer der feindlichen Artillerie hatte schon am 29. gezeigt, daß die Russen viel mehr Geschütze und vor allem beträchtlichere Munitionsmengen einzusetzen hatten als im Jahre 1916 und daß das Feuer bedeutend planmäßiger geleitet werde als damals. Durch die Beschießung hatten namentlich die vorderen Stellungen der 54. und der

19. ID. beträchtlichen Schaden erlitten. Sie konnten aber während der

Nacht ausgebessert werden. Auch waren die Verluste trotz der andauernden Beschießung noch gering geblieben Die Stimmung der Infanterie war gehoben und zuversichtlich, obwohl die tagsüber herrschende ungewöhnlich drückende Hitze sich sehr unangenehm fühlbar machte.

An der Narajówka sowie in den Kampfabschnitten südlich vom Dniester und westlich von Brody war es am 29. ruhig geblieben. Immerhin trat doch ein unverkennbarer Unterschied im Verhalten des Feindes gegenüber den letzten Wochen zutage. Die Angriffsvorbereitungen der Russen und Gefangenenaussagen wiesen darauf hin, daß der längst geplante Angriff nunmehr beginne. GdI. Bothmer meldete diese Auffassung schon um 8hvorm. dem Heeresgruppenkommandanten GO. Böhm-Ermolli und dem Oberbefehlshaber Ost.

GFM. Prinz Leopold von Bayern stellte daraufhin die deutsche 241. ID. und die 4. ErsD. der Südarmee zur Verfügung. GdI. Bothmer zog diese beiden in Reserve befindlichen Divisionen näher an die Front heran. Die im Raume zwischen Rohatyn und Bursztyn befindliche

4. ErsD. hatte in der Gegend südlich von Puków aufzuschließen und sich mit allen Teilen marschbereit zu halten, die bei Narajów Miasto stehende 241. ID. zwei Regimenter an die Złota Lipa, in die Gegend von Brzeżany, vorzuziehen.

Auch GO. Böhm-Ermolli machte sich zur Abwehr des russischen Angriffes bereit. Er überwies die hinter dem Südflügel der 2. Armee untergebrachte deutsche 223. ID. und das IR. 19 der k.u.k. 33. ID. dem Abschnitt Złoczów. Abends wurde ein Bataillon der deutschen 223. ID. hinter den äußersten Südflügel der k.u.k. 19. ID. in ein Waldlager südlich von Helenka geschoben und ein Bataillon des deutschen Landwehrregiments 32 am Ostrand der Mulde von Koniuchy bereitgestellt. Am 30. früh sollten alle Truppen der 223. ID. hinter den Südflügel des vom FML. Kletter befehligten k. u. k. IX. Korps gelangen.

Im Laufe des 29. nachmittags war streng vertraulich an das Heeresgruppenkommando Böhm-Ermolli und an das Kommando der Südarmee ein Heeresbefehl des Oberbefehlshabers Ost ergangen, in dem es hieß, daß geplant sei, die bevorstehende russische Offensive durch eine Gegenoffensive im Abschnitt Złoczów zu beantworten. Der Gegenschlag sollte unter Einsatz von zwei Generalkommandos, von sieben bis acht frischen deutschen Divisionen, einschließlich der gerade anrollenden 237. ID., und von 30 schweren Batterien mit dem linken Flügel den Sereth entlang in der allgemeinen Richtung auf Tarnopol geführt werden (S. 230). Da der endgültige Entschluß zu dieser Gegenoffensive erst vom tatsächlichen Einsetzen des russischen Angriffs abhängig gemacht wurde, meldete GdI. Bothmer noch am 29. abends dem Oberbefehlshaber Ost, daß über diesen Angriff nun kein Zweifel mehr bestehen könne.

Während der Nacht auf den 30. Juni flaute das russische Artilleriefeuer fast völlig ab. Der Schlagfertigkeit der Truppe und der Verteidigungsfähigkeit der Stellungen kam dies in hohem Maße zustatten. Gegen 5h morgens begann das Feuer von neuem und steigerte sich südlich von Brzeżany, bei der 24.RD., schon in den ersten Vormittagsstunden zu einer gewaltigen Artillerieschlacht, die auf den rechten Flügel der k.u.k. 55. ID. und auch auf die Abschnitte der 15. RD. sowie der türkischen 20. ID. Übergriff. Die Stellungen der 75. RD. an der Narajówka blieben auffallenderweise der Hauptsache nach verschont, so daß die Artillerie dieser Division großenteils zur Bekämpfung der gegen die Türken wirkenden russischen Batterien herangezogen werden konnte. Durch russische Überläufer wurde bekannt, daß die der 75. RD. gegenüberstehende russische 52. ID. sich endgültig geweigert habe, am Angriff teilzunehmen.

Unsere Batterien blieben fast ganz unbehelligt. Der Russe beschränkte sich gegen sie auf lebhaftes, aber erfolgloses Streufeuer. Einzelne Batterien wurden mit zahlreichen Gasgranaten belegt, jedoch gleichfalls ohne irgend nennenswerte Wirkung. Trotz Unterlegenheit in der Zahl hielten die deutschen und öst.-ung. Flieger die feindlichen Luftstreitkräfte derart in Schach, daß diese für die Feuerleitung größtenteils ausfielen. Das Hauptziel der russischen Batterien war wieder die Gegend von Brzeżany, also die Front der deutschen Südarmee, die bei den Angriffen des Jahres 1916 den zähesten Widerstand geleistet hatte. Auch schwerste Eisenbahngeschütze wurden von den Russen eingesetzt. Ihr Feuer richtete sich vor allem gegen die Stellungen der 15. und der 24. RD. sowie der k. u. k. 55. ID., wo sich sehr bald die Abschnitte Obręczowa, Dzikie Lany auf dem westlichen, Łysonia auf dem östlichen Zlota Lipaufer als voraussichtliche Haupteinbruchspunkte kennzeichneten. Auch die Übergänge über die Złota Lipa bei Brzeżany lagen wiederum zeitweise unter schwerstem Steilfeuer.

Schon am Vormittage wurden vor den Einbruchsstellen Ansammlungen russischer Infanterie durch gutliegende kurze Vernichtungsfeuerwellen zerstreut. Beim Abschnitt Rohatyn (deutsches XXV. RKorps) bestand der Eindruck, daß der Feind sich etwa um 9h vorm. zum Angriff bereitgestellt hatte, in der vernichtenden Gegenwirkung unserer

Artillerie aber seine Gräben nicht habe verlassen können; jedoch wurden neue Anzeichen für einen Angriff gegen die Łysonia beobachtet. Die russische Infanterie überschritt in kleinen Trupps das Ceniówkatal südlich von Szybalin.

Im Laufe des Nachmittags mehrte sich die Tätigkeit der russischen Infanterie. Die Artillerieschlacht schwoll in der Gegend von Brzeżany zu einer Stärke an, wie sie der Osten noch nicht erlebt hatte. Nachdem die vordersten Verteidigungsstellungen teilweise in Trichterfelder verwandelt worden waren, brach nachmittags russische Infanterie an verschiedenen Stellen vor, wurde aber durch das Abwehrfeuer in ihre Gräben zurückgetrieben. Südlich von Mieczyszczów gingen russische Abteilungen wiederholt gegen die Stellungen der Türken vor; von deren Sperrfeuer gefaßt, fluteten sie bald in Unordnung teilweise bis gegen ihre zweite Stellung zurück.

Zu größeren Angriffsunternehmen der Russen kam es auf der Höhe Łysonia und im westlich anstoßenden Abschnitt Złota Lipa der 24. Reservedivision. Nach stärkstem Trommelfeuer brach der Feind stellenweise unter dem Schutz von Nebelbomben gegen 5h nachm. aus seinen Gräben vor, drang auch in einem schmalen Raume südlich der Łysonia ein, wurde aber alsbald in seine Ausgangsstellungen zurückgeworfen. Ein nach 7h abends gegen die Höhe Łysonia neuerlich geführter Angriffsversuch kam im deutschen Sperr- und Vernichtungsfeuer über die ersten Ansätze nicht hinaus. Das starke feindliche Artilleriefeuer gegen die Höhe Łysonia hielt bis in die Nacht hinein an. Auf den übrigen Teilen der Stellungen beiderseits der Złota Lipa und ZAvischen ihr und der Narajówka begann die feindliche Artillerietätigkeit gegen 6h abends bedeutend abzuflauen. Der Südflügel der Armee Bothmer hatte nur mäßiges Feuer erhalten, Angriffsvorbereitungen sprachen sich dort nirgends aus.

Beim k.u.k. XXV. Korps, FML. Hofmann, stand der rechte Flügel der 55. ID. im Bereich des russischen Angriffsstreifens zwischen der Złota Lipa und der Straße Brzeżany—Kozowa. Die Russen verwendeten auch dort Nebelbomben, vermutlich, um die gegen die Lyso-niahöhe geführten Angriff gegen das Flankenfeuer der Artillerie der 55. ID. zu decken, die bei ihrer Abwehr kräftig mitwirkte. Eine ähnliche Erscheinung zeigte sich bei Baranówka und Kuropatniki. Dort entwickelten sich gleichzeitig mit dem Angriff gegen die Łysonia dichte, schwarze Rauchwolken, die sich im Ceniówkatal ausbreiteten und wohl einen Vorstoß vortäuschen sollten.

Auch auf dem linken Flügel des k. u. k. XXV. Korps bei Koniuchy erneuerten die Russen am 30. in der Früh die Beschießung, die den ganzen Tag währte, sich auch auf die zweiten und dritten Linien richtete und gegen Norden auf einen großen Teil der Stellungen des k.u.k. IX. Korps der k.u.k. 2. Armee ausdehnte. Um 4h nachm. brach die russische Infanterie in mehreren Wellen gegen die Stellungen des k.u.k. IR. 81 auf dem Nordflügel der 54. ID. vor. Der Angriff zerschellte im rechtzeitig einsetzenden Sperrfeuer, die Russen fluteten bis hinter ihre dritte Linie zurück. Ein schwächerer, um 6h abends wiederholter Vorstoß scheiterte ebenfalls. Von da ab flaute bei Koniuchy die Gefechtstätigkeit erheblich ab.

Auch der 30. Juni war ein drückend heißer Tag. Nachmittags gingen zahlreiche, teilweise schwere Gewitter nieder, so daß die Fliegertätigkeit stark beeinträchtigt war.

Die Wirkung des feindlichen Feuers gegen die Stellungen auf dem linken Flügel des XXV. RKorps war erheblich. Auf der Łysonia waren die vordersten Gräben in ein Trichterfeld verwandelt, die Hindernisse verschwunden. Die Stellungen der Korps Hofmann und Kletter hatten weniger gelitten; doch waren auch dort die Laufgräben und die Telephonverbindungen stark beschädigt. Die Verluste hatten sich gesteigert, blieben aber noch immer erträglich. Die Stimmung der Truppe war gut und zuversichtlich geblieben, da und dort wurde bereits die Ansicht laut, daß der große rassische Angriff heute schon erfolgt und gescheitert sei. GdI. Bothmer konnte sich dieser Auffassung allerdings nicht anschließen. Feindliche Massen, die offensichtlich für den Angriff bereitstanden, waren noch nirgends aufgetreten. Es war daher anzunehmen, daß es sich in den Hauptkampfabschnitten nur um Aufklärungsvorstöße nach englisch-französischem Muster gehandelt habe und daß der Massenansturm noch bevorstände. Schließlich teilte der Oberbefehlshaber Ost am 30. abends mit, daß die Durchführung des Gegenangriffes im Abschnitt Złoczów nunmehr beschlossen sei und die Transportbewegung hiefür begonnen habe.

In der Nacht auf den 1. Juli richteten sich kurz vor 2h ohne erkennbare Artillerievorbereitung westlich der Zlota Lipa gegen die Stellungen der 24. und den linken Flügel der 15. RD. Angriffe, die aber ausnahmslos im Vernichtungs- und Sperrfeuer zusammenbrachen. Im übrigen verlief die Nacht, abgesehen von mäßigem, auch mit Gasgranaten untermischtem Störungsfeuer, ruhig. Die Truppen konnten sich in den Trichterfeldern auf der Höhe Łysonia zur Abwehr einrichten und mit Verpflegung und Munition versorgt werden. Die Verwundeten wurden geborgen. Wie das k. u. k. XXV. Korps am Morgen sogar meldete, konnten die Stellungen im großen und. ganzen wieder instand gesetzt und auch die Hindernisse vor dem Nordflügel der 54. ID. bei Koniuchy in Ordnung gebracht werden; während der Nacht waren keine Verluste eingetreten.

Der Durchbruch der Russen im Abschnitt Złoczów

(1. bis 3. Juli)

Am 1. Juli, nach zweitägiger Artillerieschlacht, erhoben sich die Russen zum Angriff, der mit großer Gewalt über die Mitte und den linken Flügel der Südarmee und über das IX. Korps der k. u. k.

2. Armee hereinbrach. Während Gen. Bjelkowitsch die Masse der von ihm geführten 7. Armee bei Brzeżany anstürmen ließ, hatte der Befehlshaber der 11. Armee, Gen. Erdeli, am 1. Juli nicht alle auf seinem Südflügel vorhandenen Kräfte aufgeboten. Er setzte vorerst zwischen Zborów und Byszki nur vom XLIX. Korps die 6. finn. SchD. und vom

VI. Korps die 2. finn. SchD., sowie die 4. und die 16. ID. zum Stoße an. Die 155. ID. hatte sich bereit zu halten, um im Falle des Durchdringens durch die aufgesprengte Bresche zum Angriff vorgeführt zu werden. Sturmtruppunternehmen der 4. finn. SchD. bei Zborów sollten die Aufmerksamkeit des Gegners von der über Koniuchy zielenden Hauptstoßrichtung ablenken.

Der russische Angriff kam dem Verteidiger von Brzeżany und von Koniuchy nicht überraschend. Russische Überläufer hatten sich an verschiedenen Stellen der Front eingefunden und den großen Massensturm für den 1. Juli früh angekündigt. Mißlang der Sturm, so sollte er mittags wiederholt werden. Die Artillerie der 54., der 19. und der 32. ID. gab daher um 3h 30 früh Vernichtungsfeuer auf die russischen Gräben ab. Der russische Angriff unterblieb darauf, dafür vergaste die feindliche Artillerie Koniuchy, einzelne Ortschaften hinter der Front des IX. Korps sowie mehrere Batterien der 32. Division. Nach v 4hvorm. setzte feindliches Geschützfeuer auch auf die Stellungen bei Koniuchy und bei Zborów ein und steigerte sich nach 5h früh plötzlich zu furchtbarer Gewalt.

Um 9h vorm. brachen Massenangriffe des VI. und des XLIX. Korps der Russen gegen die Stellungen bei Koniuchy mit voller Wucht los.

Trotz des Sperrfeuers der öst.-ung. Artillerie drangen die südlich des Meierhofes von Koniuchy stürmenden Russen der 16. ID. auf dem äußersten Nordflügel des k. u. k. XXV. Korps, FML. Hofmann, in die erste Stellung der vom GM. Edl. v. Severus befehligten 54. ID. ein. Es gelang den Grabenbesatzungen des IR. 81, den Feind hinauszuwerfen. Neuerliche Anstürme der Russen durchbrachen jedoch die Linien dieses Regiments und drangen auf der Hochfläche gegen den nach Koniuchy steil abfallenden Höhenrand vor. Nunmehr traten die Regiments- und die Brigadereserven (Bataillon 111/81, Ukrainische Legion und das Sturmbataillon der 54. ID.) von Koniuchy aus zum Gegenangriff an. In diesem Augenblick sah man aber Russen aus nördlicher Richtung durch den breitgestreckten Ort Koniuchy gegen den Nordflügel der 54. ID. vorgehen, gleichzeitig schwiegen die im Raume um Koniuchy stehenden öst.-ung. Batterien.

Starke Massen der russischen 4. ID. waren inzwischen beiderseits des Meierhofes Koniuchy vorgestürmt und hatten dort das am Südflügel der k.u.k. 19. ID., FML. Böltz, stehende bh. IR. 1 trotz tapferer Gegenwehr durchbrochen. Sehr schnell gelangten die vorstürmenden Russen in die Mitte des Dorfes Koniuchy und schwenkten von dort nach Norden und Süden ein. Die Geschütze der bei Koniuchy befindlichen Batterien mußten gesprengt werden. Hiedurch wurde aber das Sperrfeuer sehr dünn. So gelang es dem Feinde, auch den Nordflügel der 54. ID. zu überrennen und, im Verein mit den von Norden kommenden Russen, das IR. 81, die Ukrainische Legion sowie das Sturmbataillon der 54. ID. von zwei Seiten her zu fassen und zum größten Teil gefangenzunehmen.

Zwischen den bei Byszki noch feststehenden Truppen der 54. ID. und dem k.u.k. IX. Korps bei Koniuchy klaffte nunmehr eine mehrere Kilometer breite Lücke, hinter der augenblicklich nichts mehr stand, was das weitere Vordringen des Feindes hätte aufhalten können. Nur einzelne Versprengte besetzten den Waldrand westlich vom Südende von Koniuchy. Dort im Walde befand sich als Korpsreserve das IR. 88. Auf Befehl des hier anwesenden Korpskommandanten, FML. Hofmann, setzte sich das Regiment in Bewegung, um den Byszki-Riegel zu besetzen, oder am Südflügel der 19. ID. zum Gegenangriff zu schreiten. Unterdessen hatten sich die Sturmkolonnen der 4. Russendivision, die beim Meierhof Koniuchy eingebrochen waren, auch nach Norden gewendet und rollten den Südflügel der k. u. k. 19. ID. auf. Gegenstöße der noch im Koniuchytale befindlichen Brigade- und Divisionsreserven zeitigten keinen dauernden Erfolg. Der Kommandant des IX. Korps, FML. Kletter, befahl von seiner Korpsreserve ein Infanteriebataillon zum Gegenangriff auf Koniuchy.

Doch nicht dort, sondern weiter nördlich hätte ein Teil der Kampfreserven verwendet werden sollen, denn die 6. finn. SchD. des russischen XLIX. Korps bedrängte auch die Mitte der k. u. k. 19. Division. Der geplante Gegenangriff gegen Koniuchy blieb daher aus. Dieser Hauptstützpunkt an der Nahtstelle der Südarmee und der k. u. k.

2. Armee befand sich am Vormittag bereits völlig in Feindeshand. Schon drangen die Russen in die östlich der Złota Lipa gelegenen Wälder ein. Hier warf sich das k. u. k. IR. 88 dem Feinde entgegen und vertrieb ihn aus der am Waldrande    vorbereiteten zweiten    Stellung.    Allein für*

ein weiteres Vortragen des    Gegenangriffes gegen    die    von    weit überlegenen feindlichen Kräften    besetzten Höhen, die    das    Tal'    von Koniuchy beherrschten, war das    IR. 88 zu schwach. Daher    mußte zunächst

das vom Abschnittskommando Złoczów in das Tal von Koniuchy herangeführte IR. 173 der deutschen 223. ID. abgewartet werden. Nach dessen Eintreffen sollte am Nachmittag im Verein mit dem IR. 473 der deutschen 241. ID., das GdI. Bothmer von Szumlany auf Dryszczów in Marsch gesetzt hatte, die Wiedereroberung der verlorengegangenen Stellungen durchgeführt werden.

Das Eintreffen der beiden deutschen Regimenter 173 und 473 verzögerte sich aber wegen der außerordentlich schwülen Hitze in den Mittagsstunden erheblich. Unterdessen nahm der feindliche Durchbruch bei Koniuchy immer größeren Umfang an. Der rechte Flügel der k.u.k. 19. ID. befand sich im Rückzug auf die zweite ^Stellung. Die Russen hatten ganz Koniuchy genommen und begannen bereits kurz nach Mittag die Hänge westlich der Ortschaft zu ersteigen. In solcher Lage wurde der Gegenangriff auf die verlorenen Stellungen aussichtslos. Es kam zunächst nur darauf an, den feindlichen Stoß aufzufangen. Das k. u. k. IR. 88, das mittlerweile eingetroffene deutsche IR. 173 und ein deutsches Landwehrbataillon besetzten mit den Trümmern der k.u.k. 38. IBrig. die vorbereiteten zweiten Stellungen am Waldrande westlich von Koniuchy und brachten dort den russischen Angriff zum Stehen. Das am Nachmittag von Żabin auf das Schlachtfeld herangezogene IR. 144 der deutschen 223. ID. vertrieb noch vor Einbruch der Nacht die bereits in den Kobylariegel eingedrungenen Russen. Das k. u. k. XXV. Korps bog am Abend bei Byszki seinen linken Flügel zurück und bildete im Anschluß an die mit dem Großteil ihrer

Truppen nunmehr am Südflügel des k. u. k. IX. Korps eingeschobene deutsche 223. ID. östlich von Dryszczów eine neue Linie.

Die k.u.k. 32. ID., FML. Ritt. v. Willerding, hatte am l.Juli vormittags das gegen die Höhe Mogiła bei Zborów gerichtete Sturmtruppenunternehmen der 4. finn. SchD. erfolgreich abgeschlagen. Gegen den benachbarten linken Flügel der k.u.k. 19. ID. hatten sich hierauf Anzeichen eines unmittelbar bevorstehenden Angriffes der Russen bemerkbar gemacht. An diesem gefährdeten Abschnitt befanden sich nur verhältnismäßig spärliche öst.-ung. Kampfreserven. GO. Böhm-Ermolli stellte zwar im Laufe des 1. nachmittags dem Abschnitt Złoczów seine Heeresgruppenreserve, die hinter dem V. Korps versammelte deutsche 96. ID., zur Verfügung, und GdI. Winckler sandte das ErsR. 29, den Rest der 223. ID., von Ryków nach Żabin. Diese deutschen Truppen konnten aber erst ehestens vom 2. Juli früh an hinter dem k.u.k. IX. Korps eintreffen.

Die Angriffsdivisionen der 11. Russenarmee hatten wohl am l.Juli ihr Tagesziel, die Höhen östlich der Złota Lipa bei Urmań, nicht erreicht, immerhin aber einen bedeutenden Anfangserfolg errungen. Als die ersten Nachrichten über die Eroberung von Koniuchy kamen, da wähnte Kerenski, bereits einen großen, entscheidenden Sieg errungen zu haben und sandte noch am l.Juli an den Ministerpräsidenten Lwow ein Telegramm, in welchem er als Auszeichnung für die siegreichen Regimenter bei der Regierung die Verleihung von roten Fahnen erbat. Der Ministerpräsident Fürst Lwow sagte sie bereitwillig zu und erklärte in seinem Antworttelegramm: „Der l.Juli hat der ganzen Welt die Kraft der revolutionären Armee gezeigt, die aufgebaut ist auf demokratischer Grundlage und durchdrungen ist von dem Ideal der Revolution1).“ Der Jubel war voreilig. Die Angriffstruppen hatten schwere Verluste erlitten; unter diesem Eindruck sollte ihre Kampffreudigkeit nur allzu bald versiegen.

Am 2. Juli wollte Gen. Erdeli, der Führer der russischen 11. Armee, den Erfolg, den er bei Koniuchy errungen hatte, weiter ausbauen. Vom XLIX. Russenkorps hatte die 4. finn. SchD. die Höhe Mogiła bei Zborów anzugreifen, die 6. finn. SchD. die Höhen südlich von Hodów zu erreichen. Die zwischen diesen beiden Divisionen eingeschobene tschechoslowakische Schützenbrigade sollte sich zunächst abwartend verhalten. Gewann der Angriff der 4. finn. SchD. Raum, dann hatte der rechte Flügel der Tschechoslowakei! die gegnerische Stellung zu durchbrechen

x) Smilg-Benario, Von Kerenski zu Lenin, 115 f.

und die Höhen südöstlich von Jezierzanka zu gewinnen. In ähnlicher Weise sollte der linke Flügel der Brigade im Anschluß an ďie 6. finn. SchD. zunächst in der Richtung auf das Gehöft Cecówka angreifen. Die russische 82. ID. sollte vermutlich hinter den inneren Flügeln der tschechoslowakischen Legion und der 4. finn. SchD. folgen. Die 35. ID. des XVII. Russenkorps hatte beiderseits der Straße Zborów—Złoczów vorzustoßen, das VI. Korps seine bisher von Erfolg begleiteten Angriffe fortzusetzen, um auch die Höhen auf dem östlichen Ufer der Zlota Lipa zu gewinnen.

Heftiges Artilleriefeuer leitete am 2. Juli den vierten Schlachttag ein. Die Russen verwendeten jetzt nach Einsatz der Artillerie des

I. Gardekorps viel mehr Batterien als bisher; dem mächtigen Feuer vermochten die Fuchslöcher der Verteidigung nicht mehr standzuhalten. Viele stürzten ein, die Mannschaft, die in ihnen Schutz gesucht hatte, wurde verschüttet.

Schon um 4h 15 früh drangen die Russen in dichten Massen aus dem Nordteil von Koniuchy gegen die deutsche 223. ID. vor. Sie wurden abgewiesen und vermochten bis zum Nachmittag trotz mehrfacher Versuche weder gegen die 223. ID. noch gegen die 54. ID. vorzubrechen. Auch der Nordflügel der Budapester 32. ID. wurde um 9hvorm. beiderseits der Straße Złoczów—Zborów von zwei Vorstößen der russischen

35. ID. (XVII. Korps) getroffen, die aber zerschellten.

Unterdessen brach die 4. finn. SchD. gegen die Höhe Mogiła vor, worauf auch die tschechoslowakische Brigade vorwärtsstürmte. In den überaus hartnäckigen Kämpfen, die um die Höhe Mogila entbrannten, gelang es der k.u.k. 32. ID., den ersten feindlichen Ansturm zu brechen. Die neuerlich angreifenden Russen der 4. finn. SchD. bemächtigten sich aber des Dorfes Presowce und umfaßten etwa um llh30vorm. die Höhe Mogila von Norden.

Die Tschechoslowaken waren unterdessen an der Nahtstelle der 32. und der 19. ID. tief eingebrochen. Sie waren dann hügelan gegen Jezierzanka vorgedrungen. Während sich die Ungarn am Südflügel der 32. ID. abriegelten, wichen am Nordflügel der 19. ID. die Bataillone des Pilsner IR. 35 weit nach Westen zurück. Einzelne Gruppen leisteten noch tapferen Widerstand, andere verloren den Halt, flüchteten zurück, viele wurden gefangengenommen1).

Hinter der 19. ID. standen an Reserven nur zwei Halbbataillone, die den vorwärtsstürmenden Feind nicht aufzuhalten vermochten. Zu

1j Klecanda, Bitva u Zborova (Prag 1927), 31 ff.

allem Unglück konnten die im Bereiche der deutschen 223. ID. stehenden Batterien der 19. ID. dem FML. Böltz nicht zur Verdichtung des Sperrfeuers auf dem linken Flügel zur Verfügung gestellt werden, weil sie gerade im entscheidenden Augenblick mit der Abwehr eines aus Koniuchy gegen den Südflügel des IX. Korps gerichteten russischen Massensturmes beschäftigt waren. Unterdessen nahm der Durchbruch bei der k. u. k. 19. ID. immer größeren Umfang an. Gegen Mittag befanden sich der Nordflügel und die Mitte dieser Division in aufgelöstem Zustand im Rückzug auf ihre zweite Stellung. Hier versuchte FML. Böltz vergeblich, mit den Trümmern seiner Division neuen Widerstand zu leisten.

Auf dem Südflügel der k.u.k. 32. ID. waren Truppenteile der 64. IBrig. nach dem Verlust von Presowce ebenfalls bis über die zweite Stellung hinaus aufZarudzie an der Mala Strypa gewichen. In die Bresche von Presowce schoben sich die Regimenter der 4. finn. SchD., und südlich an der Höhe Mogiła vorbei drängten durch die auf dem Nordflügel der 19. ID. breitaufgesprungene Lücke die Tschechoslowakei! sowie die frisch eingesetzten Truppen der russischen 82. Division die Höhen von Jezierzanka empor. Die eingekreisten Verteidiger der Mogilahöhe — es waren dies Teile des IR. 86 — klammerten sich indessen noch immer an ihren Stellungen fest und harrten auf Entsatz. Sie forderten durch Signale und Leuchtraketen Feuerunterstützung, die aber ausblieb, da die im Raume von Presowce stehenden Batterien nach dem Durchbruch der Russen zurückfahren mußten, um nicht in Feindeshand zu fallen. Wohl gelang es Truppenteilen der 32. ID., gegen lh^o nachm. im Gegenstoß den Feind aus Presowce hinauszuwerfen; die Lücke zwischen diesem Ort und den bei Zarudzie fechtenden Truppen konnte aber nicht wieder geschlossen werden. Etwa um 2h nachm. ging die bis zum letzten Augenblick tapfer verteidigte Mogitahöhe verloren. Der Russe führte zahlreiche Gefangene weg und drang nun in Massen über die Höhen südwestlich von Zborów gegen die Mala Strypa vor. Nun mußte Presowce wieder aufgegeben werden.

Auch auf dem Südflügel der 19. ID. war inzwischen die Lage unhaltbar geworden, obwohl alles aufgeboten wurde, um einer Einkreisung des bei Jozefówka stehenden südböhmischen IR. 75 vorzubeugen. Dieses Regiment wich über die zweite Stellung bis auf Hodów und auf die Höhen südlich davon. Nun war das am Nordflügel der deutschen 223. ID. standhaltende IR. 144 ebenfalls der feindlichen Einkreisung ausgesetzt und mußte in die zweite Stellung, der linke Flügel sogar gegen die dritte Stellung zurückgebogen werden, um den Anschluß an die zertrümmerte k. u. k. 19. ID. wiederherzustellen. In diesem höchst kritischen Augenblick traf endlich das ErsR. 29, das sich nach ermüdendem Nachtmarsch erst gegen Mittag von Żabin in Bewegung gesetzt hatte, auf dem Schlachtfelde ein. Der Großteil dieses deutschen Regiments stützte bei Hodów die wankende Front; ein Bataillon vertrieb den Feind, der bereits in Trawotloki eingedrungen war, und stellte die Verbindung mit dem auf Zarudzie zurückgegangenen rechten Flügel der k. u. k. 32. ID. wieder her.

Das Abschnittskommando Złoczów hatte in den Vormittagsstunden gehofft, die Lage doch noch meistern zu können. Dazu sollte das deutsche ErsR. 29 im Verein mit zwei Regimentern der nach Pomorzany unterwegs befindlichen deutschen 96. ID. unter Leitung des Kommandanten dieser Division, GM. Friedrich v. der Decken, zum Gegenangriff schreiten und die verlorenen Stellungen zurückerobem. Aber auch dieser Gegenangriff wurde nicht ausgeführt. Die vom Abschnittskommando Złoczów dem k. u. k. IX. Korps überwiesenen Regimenter der 96. ID. trafen erst im Laufe des Nachmittags in Żabin ein. Der Angriff der Russen machte jetzt keine Fortschritte mehr. Daher begnügte sich GdI. Winckler damit, die Sachsen der 96. ID. in die Front einzuschieben. Bis zum Einbruch der Dunkelheit war die neue Stellung zwischen Hodów und Zarudzie durchlaufend besetzt sowie verläßlicher Anschluß an die 223. ID. und die k.u.k. 32. ID. hergestellt.

Gegen den linken Flügel der letztgenannten Division war am Nachmittag die 35. Russendivision nach kräftigem Artilleriefeuer neuerlich vorgebrochen. Der Feind vermochte auch südlich der Straße nach Złoczów die Front einzudrücken; doch gelang es dem tapferen Verteidiger alsbald, den Einbruch aufzufangen und das verlorene Gelände zurück-zuerobem. Bei Koniuchy erfolgten ebenfalls am Nachmittag gegen die 223. ID. und die anschließenden Teile der 54. ID. neue russische Angriffe. Der Feind stieß hier mit Panzerautos vor, wurde aber überall abgewiesen.

Am 2. Juli abends lag die Verteidigung im Abschnitt Złoczów etwa 5 km westlich der bisherigen Linie Koniuchy—Zborów. Das k. u. k. IX. Korps hatte viel von seiner Gefechtskraft eingebüßt. Von den mehr als 16.000 Streitern, die ihm am 30. Juni in der Front zur Verfügung gestanden waren, hatte es jetzt nur mehr 6700 j). Die beiden arg her*) An Beute verzeichnete die 11. Russenarmee insgesamt mehr als 14.000 Gefangene und 31 Geschütze.

genommenen öst.-ung. Divisionen 19 und 32 wurden daher auf Weisung des Oberbefehlshabers Ost noch in der Nacht auf den 3. durch deutsche Truppen abgelöst, was reibungslos durchgeführt werden konnte. Sie wurden auf Antrag des FML. Kletter hinter die Front bis in den Raum von Dunajów zurückgezogen, wohin am 4. auch das IX. Korpskmdo. verlegt wurde, damit es sich besser der Schulung und Wiederherstellung der Kampfkraft seiner in ihrem innersten Gefüge schwer getroffenen Truppen widmen könne.

An Stelle des k.u.k. IX. Korps standen vom 3. Juli an auf dem rechten Flügel des Abschnittes Złoczów nur deutsche Truppen, die 223. und die 96. Division. Zur Stützung der Front wurde dem GdI. Winckler auch die neuangekommene deutsche 237. ID. überwiesen und ihm des weiteren das Generalkommando LI zur Verfügung gestellt, das am 4. Juli den Befehl über die 223. und die 96. Division übernahm. Die von Lemberg nach Złoczów herangeführte k. k. 12. reit. SchD. verschob GO. Böhm-Ermolli nach Podhorce hinter die Mitte des k.u.k. V. Korps.

Die Russen, die am 1. und am 2. Juli gleichfalls schwere Verluste erlitten hatten, zeigten seit dem 3. auf dem Kampffelde zwischen Koniuchy und Zborów keine Lust zu weiteren Angriffen. Sie befestigten sich in den gewonnenen Linien. Gen. Gutor gruppierte seine Truppen zu einem neuen Stoß, der unter Einsatz des I. Gardekorps in der Richtung auf Żabin geführt werden sollte, um den Erfolg gegen die k. u. k.

2. Armee weiter auszubauen1).

Die Verantwortung für den schweren Rückschlag, den die Verbündeten bei Zborów erlitten hatten, trifft sicherlich die beiden böhmischen Infanterieregimenter 35 und 75. Das IR. 75 bestand zu 82 v. H. aus Tschechen, meist Bauernsöhnen aus der Neuhauser Gegend; es hätte bisher zu keinerlei Klagen Anlaß geboten, sondern sich auch in besonders kritischen Stunden wacker gehalten. Die 35er stammten aus dem Pilsener Industriebezirk und dem anschließenden Böhmerwaldgebiet; 61 v. H. waren Tschechen, 39 v. H. Deutsche. Die tschechischen Industriearbeiter hatten sich gegenüber der antimilitaristischen und nationalen Werbearbeit weniger widerstandsfähig erwiesen als ihre bäuerlichen Landsleute. Dennoch konnten auch bei ihnen durch die gerichtliche Untersuchung Fälle des Einverständnisses mit der gegenüberstehenden tschechoslowakischen Brigade nicht nachgewiesen werden, und die reiche tschechische Literatur über den Tag von Zborów bestätigt diese

x) Zajontschko wskij, Feldzug 1917, 70.    •

Wahrnehmung. Ebenso ist erwiesen, daß bei beiden Regimentern zuerst zahlreiche Abteilungen Widerstand leisteten. Dieser Widerstand ließ jedoch nach, als den Kämpfern von Feindesseite her die vertrauten Klänge der Muttersprache ins Ohr tönten und als sie gewahr wurden, Landsleute gegen sich zu haben. Nunmehr ergaben sich große Teile der beiden Regimenter ohne weitere Gegenwehr den Eindringlingen. Die Gesamtverluste am 1. und 2. Juli betrugen bei den drei Bataillonen des IR. 35: 59 Offiziere und 1642 Mann, bei den vier Bataillonen des IR. 75: 54 Offiziere und 2821 Mann. Von diesen Verlusten entfiel ein Teil wohl schon auf die Schlacht vom l.Juli. Die Masse des Abganges bestand jedoch aus Gefangenen, deren das IR. 75 allein 2300 aufwies. Die Legionäre büßten 159 Mann durch Tod und 1000 Mann durch Verwundung ein; sie hatten keinen Gefangenen zurückgelassen.

Rein militärisch betrachtet, wurde der Tag von Zborów durch den bald einsetzenden Gegenstoß der Verbündeten zu einer vorübergehenden Episode in dem gewaltigen Laufbild des Kriegsgeschehens, aber politisch sollte er für Österreich-Ungarn und seine Völker der Schicksal-haftigkeil nicht entraten. Zum erstenmal während des Weltkrieges waren Bürger des Donaureiches gegen dessen Heer in größeren Abteilungen als Mitstreiter des Feindes aufgetreten. Die Nachricht hierüber verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch die ganze Welt und fand in allen Lagern ein starkes Echo. Bei den Ententemächten führte sie dem Schlagwort von der Befreiung der „durch Habsburg unterdrückten Völker“ neue Nahrung zu. Bei den Verbündeten Österreich-Ungarns stärkten sie das Mißtrauen in die Widerstandskraft des habsburgischen Heeres und Reiches. In der Donaumonarchie wurde sie am selben Tage in alle Windrichtungen getragen, an welchem dei junge Kaiser seinen wohlgemeinten, später noch zu berührenden Strafnachlaß für politische Verbrechen verkündete. Sie machte tiefsten Eindruck auf die Völker, die in der Treue zum Staate wankten, und rief einen Sturm der Entrüstung unter den unverbrüchlich Treuen hervor. Im Wiener Parlament, das einige Wochen zuvor zum erstenmal wieder zusammengetreten war, kam es zu heftigen Auseinandersetzungen, in deren Verlauf der bewährte langjährige österreichische Minister für Landesverteidigung, GO. Friedrich Freih. v. Georgi, zurücktrat. Das Heer der heutigen tschechoslowakischen Republik feiert den Tag von Zborów als seinen Geburtstag — nicht zu Unrecht, da erst nach dieser Schlacht Rußlands Widerstand gegen den von Masaryk und seinen Mitarbeitern betriebenen großzügigen Ausbau der tschechischen Legionen völlig schwand.

Der A b w e h r s i e g der Südarmee

(1. bis 3. Juli)

Hiezu Beilage 14

Das Ziel, das sich Gen. Bjelkowitsch, der Führer der russischen 7. Armee, für den l.Juli gesteckt hatte, war, die Mitte der deutschen Südarmee beiderseits von Brzeżany auf beiden Ufern der Złota Lipa zu durchbrechen. Im Verein mit dem auf der Nahtstelle der Südarmee und der k. u. k. 2. Armee über Koniuchy angesetzten Angriff sollten durch einen mächtigen Stoß von Süden her die auf dem östlichen Ufer der Złota Lipa stehenden Teile der Südarmee vernichtet und deren Mitte und Nordflügel zertrümmert werden. Indem 12 km langen Raume vom Orte Szybalin bis zur Popielichahöhe standen in erster Linie das XLI. Korps (113. ID., 5. und 3. TransAmurGrenzwachD., 74. ID.), das

VII. sib. Korps (komb. sib. SchD., 108. ID.), das XXXIV. Korps (19. sib. SchD., 23. ID.), das finn. XXII. Korps (5., 3. und 1. finn. SchD.) und das III. kauk. Korps mit der 52. ID., zusammen etwa zwölf Divisionen. Davon waren zum entscheidenden Angriff gegen die Höhen Dzikie Lany und Łysonia fünf Divisionen sehr tief gegliedert und in sehr schmalen Abschnitten angesetzt. Die 19. sib. SchD. und die 108. ID. standen zunächst in Reserve und sollten erst im Verlauf des Angriffes eingeschoben werden. Die auf den Flügeln der Stoßgruppe eingeteilten Divisionen, die 52. und die 113., hatten offenbar den Auftrag, die Flanken zu sichern und je nach dem Fortschreiten des Angriffs vorzugehen. Als Reserve standen im Raume um Trościaniec die 159. und die 153. ID., bei Rybniki die 108. ID. bereit. Das II. Gardekorps war in der Gegend von Bożyków, das II. Kavalleriekorps bei Nasów und bei Roków als Armeereserve bereitgestellt.

Um 10'hvorm. setzten nach vierstündigem Trommelfeuer die Massenangriffe der 7. Russenarmee gegen die Mitte der Südarmee bei Brzeżany ein. Auf dem linken Flügel weigerte sich die russische 52. ID. zu stürmen. Die an derNarajówka stehende 75. RD. konnte daher ihr Hauptaugenmerk auf die Mitwirkung beim Kampfe der türkischen 20. ID. richten. Die 3. und die 5. finn. SchD., denen in zweiter Linie noch die 1. finn. SchD. und die 159. ID. folgten, drangen auf die Türken ein. Die Stellungen südöstlich der Höhe Popielicha und die Höhen südlich von Mieczyszczów werden wie im Jahre 1916 die Brennpunkte des

Kampfes. An beiden Stellen vermochten die Angreifer in die vordersten Gräben einzudringen. Mit größter Zähigkeit wehrten sich aber die Türken und schlugen in erbittertem Ringen bis zum Sonnenuntergang den Feind aus ihren Stellungen heraus.

Gegen die 15. RD. stürmten Teile der 5. finn. SchD., die ganze

23. ID. und die 19. sib. SchD. vor, vermochten aber die Höhe Obręczowa nicht zu nehmen. Am Nachmittag erneuerten die Russen den Sturm und drangen jetzt in die zerschossenen Stellungen der Deutschen ein; aber an den Gegenstößen der kleinen Reste der Kampfreserven und an den Maschinengewehrnestern der Tiefenzone brach sich der neue Massenangriff. Während die Artillerie stärkstes Feuer hinter den eingebrochenen Feind legte und so das Nachführen russischer Reserven unterband, stellte sich die Divisionsreserve — es waren zwei deutsche Bataillone — zum einheitlichen Gegenangriff bereit und warf den Feind gegen Abend in einem einzigen Anlauf aus den verlorenen Stellungen hinaus. In Auflösung und unter schwersten Verlusten fluteten die Russen die Hänge der Obręczowa zurück.

Noch gewaltiger war der Ansturm gegen die deutsche 24. RD. und gegen den rechten Flügel der nördlich anschließenden, vom GM. Ritt. v. Unschuld geführten k. u. k. 55. Division. In ihrem Bereiche lagen die beiden Schlüsselpunkte für den Durchbruch nach Brzeżany: die Dzikie Lany auf dem westlichen, die Łysonia auf dem östlichen Ufer der Zlota Lipa. Gegen die durch die Wucht des Trommelfeuers in ein Trichterfeld verwandelten Stellungen auf der Dzikie Lany richteten sich die Anstürme des VII. sib. Korps (komb. sib. SchD. und 108. ID.). Auf schmalem Raume, in vielen Wellen hintereinander und mit tiefgestaffelten Unterstützungen dichtauf, bestürmten die Russen dort den rechten Flügel der 24. Reservedivision. Das vorderste Grabensystem bis zur dritten Linie ging verloren, erst an dieser Linie und den dahinter liegenden Stützpunkten brach sich die Wucht des Stoßes. Gegen Abend gelang es dem Feinde jedoch mit Hilfe der frisch eingesetzten 108. ID., auch am Osthang der Dzikie Lany die dort angeklammerten dünnen Linien der 24. RD. trotz tapferer Gegenwehr zu durchstoßen, von dort aus die Stellungen nach Norden aufzurollen und in das Dorf Posuchów einzudringen. Der Gegenstoß der letzten Kampfreserven und zusammengeraffter Reste der Grabenbesatzungen warf die Russen zwar aus dem Dorfe hinaus, doch war mit diesem Einbruch im Tale der Zlota Lipa auch die Behauptung des wichtigen Stützpunktes auf der Dzikie Lany äußerst schwierig geworden.

Noch bedenklicher gestaltete sich die Lage auf dem linken Flügel der Sachsen und auf dem rechten Flügel der nördlich benachbarten k.u.k. 55. ID. im Abschnitt der Höhe Łysonia. Stundenlang hatte dieser Stellungsteil unter einem vernichtenden Hagel schwerer und schwerster Kaliber gelegen. Der erste Graben verschwand unter diesem Feuer völlig, der Lysoniawald verwandelte sich in ein Wirrnis zerfetzter Äste und Baumstämme, an eine Leitung des Kampfes durch die unteren Führer war nicht mehr zu denken. Zur gleichen Stunde wie auf der Dzikie Lany, um 10h vorm., brach auch auf der Łysonia der Sturm der russischen Infanterie los. Die 74. ID. und die 3. TransAmurGrenz-wachD. setzten sich in dichten Massen gegen die stark gelichteten Linien der 24. RD. in Bewegung. Auch hier glückte dem Feind der erste Einbruch. Er setzte sich südlich der Łysonia in den Besitz des ersten und des zweiten Grabens und drang mit Teilen bis in die dritte Linie ein. Nach Norden und Süden einschwenkend, rollte er die anschließenden Abschnitte auf. Ein kräftig geführter Gegenstoß der Divisionsreserve der 24. RD. stellte bis Mittag die Lage wieder her.

Hartnäckiger hielt sich der Feind auf der Łysonia selbst. Dort hatte sich der russische Einbruch auf dem äußersten linken Flügel der

24. RD. und auf dem rechten Flügel des nördlich anschließenden HIR. 308 der k. u. k. 55. ID. bis nahe an den Südrand des Waldes östlich von Brzeżany hin ausgedehnt, wo ihn rasch herbeigeeilte Divisionsreserven zunächst zum Stehen brachten. Ein weiteres Vordringen des Gegenangriffes war aber bei der mehrfachen Überlegenheit der Russen nicht möglich. Blutig und ergebnislos wogte der Kampf in den ersten Nachmittagsstunden hin und her, als gegen Abend ein von frischen Kräften unternommener Massenstoß der Russen den Sachsen die letzten Kampfgräben auf der Lysoniahöhe entriß und sich von dort aus sowohl weiter gegen Südwesten als auch gegen Norden Bahn brach !).

Auf dem Nordflügel des HIR. 308 und vor dem links benachbarten HIR. 309 war zwar das erste Vorgehen der Russen gegen Mittag im Artilleriefeuer der 55. ID. schon an der Ceniówka ins Stocken geraten. Aber gleichzeitig mit dem neuen Angriff gegen die 24. RD., etwa um 6h abends, gingen auch gegen den rechten Flügel der k.u.k. 55. ID. frische Kräfte der Russen vor. Sie durchbrachen die erste Stellung des HIR. 308 und drangen von Südwesten her tief in den Wald östlich von Brzeżany ein. Der Feind entbehrte aber nunmehr der Unterstützung

:) Anspach-Flach, Das Kgl. Sachs. Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 107 (Erinnerungsblätter deutscher Regimenter, Heft 45, Dresden 1927), 188 ff. u. 399 ff.

durch seine Batterien, die außerstande waren, gegen das ihrer Beobachtung entzogene Kampffeld auf dem Westhang der Łysonia zu wirken, während ebendort die russische Infanterie in dem Bereich unseres gut geleiteten Artilleriefeuers lag. Diesem Umstand sowie der trefflichen Haltung der gegen eine erdrückende Überlegenheit ringenden Honvéd und Sachsen und dem eben noch rechtzeitigen Einsatz der letzten Reserven war der Umschwung zu danken, der bei Brzeżany in den letzten Abendstunden zugunsten der Verteidiger eintrat und den schon nahezu geglückten Durchbruch des Feindes in eine schwere Niederlage für die Russen verwandelte.

Im Hochwald südöstlich von Brzeżany schlossen sich die Trümmer des HIR. 308, versprengte Sachsen, die Regimentsreserve des HIR. 309 und die Divisionsreserve der k.u.k. 55. ID., das Honvédbataillon 1/31, zum Gegenstoß zusammen, warfen mit letzter Kraft die Russen über die dritte Linie und entrissen ihnen im Laufe der Nacht nach blutigen Nahkämpfen den ganzen zweiten sowie den größten Teil des ersten Grabens. Damit war die Lage auf dem rechten Flügel des k. u. k. XXV. Korps wieder völlig hergestellt.

Auf dem linken Flügel der 24. RD., im Abschnitt Łysonia und auf der Dzikie Lany, befanden sich am l.Juli abends noch beträchtliche Teile der ersten Stellung in Feindeshand. Die Truppen des Verteidigers hatten schwer gelitten, die Verbände waren stark durcheinandergemischt; dagegen verfügten die gegenüberliegenden Russen noch über zahlreiche starke Reserven, die bisher nicht eingegriffen hatten, so das II. Gardekorps und einzelne Divisionen des VII. sib. und des XXXIV. Korps. Zwar hatte GdI. Bothmer bereits kurz nach Mittag ein Regiment der 4. ErsD. auf Lastkraftwagen nach Brzeżany in Bewegung gesetzt. Noch mehr Kräfte hinter der Front der Türken wegzuziehen, schien, da auch dort die Angriffe der Russen fortgesetzt werden konnten, nicht ratsam zu sein. Ein Regiment allein konnte aber im Falle eines größeren Durchbruches beiderseits der Złota Lipa nicht genügen, um Schwereres hintanzuhalten. Trotzdem lehnte es GdI. Bothmer im Vertrauen auf die Kampfkraft seiner Truppen ab, die Verteidigung in eine am Nordrand des Waldes Łysonia und bei den Ortschaften Posuchów—Olchowiec vorbereitete hintere Stellung zurückzunehmen.

Obgleich Brussilow der 7. Armee befohlen hatte, die Angriffe fortzusetzen, beschränkte sie sich der Südarmee gegenüber am 2. Juli im wesentlichen darauf, die gewonnenen Stellungen zu behaupten. Die schwere Erschöpfung nach der blutigen Schlacht des Vortages verbot den Russen die Wiederaufnahme des Kampfes. Bei der türkischen

20. Division und der 15. RD. kam es überhaupt nicht mehr zu Infanteriekämpfen. Die feindliche Artillerietätigkeit nahm allmählich wieder die Stärke des gewohnten Störungsfeuers an. Auf der Dzikie Lany und der Łysonia war die Lage dagegen noch nicht dazu angetan, die Kampftätigkeit sofort ruhen zu lassen.

Frühzeitig begann am 2. Juli die deutsche und die öst.-ung. Artillerie mit der planmäßigen Beschießung der Stellungsteile, die sich noch in Feindeshand befanden. Die auf der Łysonia zusammengewürfelten Bataillone der 24. und der 15. RD. sowie der 241. ID. entrissen dem Feinde in zähem Grabenkampfe beträchtliche Teile der zweiten und der ersten Linie. Auch auf der Dzikie Lany begann bereits gegen Mittag die Wiedereroberung des verlorenen Geländes. Hier gelang es bis zum Abend, die zweite und die erste Linie fast vollständig wieder zu nehmen; nur auf dem Osthang des Berges verblieb ein ziemlich ausgedehnter Stellungsteil in Feindeshand.

Wenn auch der feindliche Angriff gegen die Südarmee am 2. geruht hatte, so mußte doch mit dessen Fortsetzung gerechnet werden. Um die 24. RD. zu entlasten und die außerordentlich schwierigen Kampfverhältnisse auf der Łysonia unter gemeinsame Leitung zu bringen, entschloß sich GdI. Bothmer am 2. abends, den Abschnitt zwischen der Złota Lipa und der Straße Brzeżany—Kozowa dem Kommandanten der 241. ID., GM. Fortmüller, zu unterstellen.

Die Nacht auf den 3. Juli verlief verhältnismäßig ruhig. Dagegen kam es am darauffolgenden Tag auf der Dzikie Lany und der Łysonia zu neuen heftigen Kämpfen. Auf der Dzikie Lany stieß der fortgesetzte deutsche Angriff auf den Gegenangriff der neu eingesetzten russischen 153. ID. und rang sich am Osthang des Berges nur ein Stück vor. Auf der Höhe selbst wurden auch die letzten Reste des ersten Grabens endgültig vom Feinde gesäubert. Auf der Łysonia nahm der blutige, erbitterte Nahkampf im Trichterfeld seinen Fortgang. Schweres Artilleriefeuer lag den ganzen Tag über auf dem linken Flügel der 24. RD. und dem rechten der k.u.k. 55. Division. Ein starker russischer Angriff auf der Łysonia wurde in den Nachmittagsstunden abgewiesen. Der Tag endigte mit der Wiederherstellung einer zusammenhängenden Front, deren Verlauf im wesentlichen der ehemaligen vordersten Verteidigungslinie folgte.

Die Schlacht von Brzeżany konnte mit dem 3. Juli als abgeschlossen betrachtet werden, denn die nächsten Tage brachten keine größeren

Gefechte mehr. Die Armee Bothmer hatte einen vollen Abwehrsieg erfochten, dessen Bedeutung bald klar zutage treten sollte. Sie hatte die Stoßkraft der bei weitem stärkeren Offensivgruppe des Feindes gebrochen und dadurch aufs wirksamste den Schlag vorbereitet, zu dem die Heeresgruppe Böhm-Ermolli bereits auszuholen begann.

Die blutigen Verluste der Russen gegenüber der Südarmee in den bisherigen Kämpfen wurden auf 40.000 Mann geschätzt, darunter 13.000 durch Tod. Auch die Verteidiger hatten schwer gelitten. Sie verloren vom 29. Juni bis zum 5. Juli bei den deutschen Truppen der Südarmee 33 Offiziere und 834 Mann durch Tod, 80 Offiziere und 2607 Mann durch Verwundung; 28 Offiziere und 1862 Mann waren vermißt. Bei den öst.-ung. Truppen waren 8 Offiziere und 328 Mann gefallen, 37 Offiziere und 1876 Mann verwundet, 77 Offiziere und 2230 Mann vermißt; bei den Türken 8 Offiziere und 528 Mann tot, 37 Offiziere und rund 1900 Mann verwundet, kein Offizier und nur 53 Mann vermißt1).

Voll Vertrauen und stolz auf den schwer erkämpften Sieg sahen die verbündeten öst.-ung., deutschen und türkischen Truppen der Südarmee neuen Kämpfen entgegen.

Stocken des russischen Angriffes gegen die Südarmee und den Abschnitt Złoczów    '

(4. bis 8. Juli)

Auf dem Schlachtfelde von Brzeżany dauerten die blutigen Nahkämpfe auf der Dzikie Lany noch mehrere Tage hindurch an. Vor allem wurde urn ein Russennest auf dem Osthang erbittert, aber ergebnislos gerungen. Die Russen setzten dort in kurzem Wechsel nacheinander frische Divisionen ein, wohl um ihre ungünstige, am steilen Hang klebende Stellung auf die Höhe vorzuschieben. GdI. Bothmer warf Teile der 4. ErsD. in den Kampf, um dem Feinde den letzten Geländegewinn, der noch in seiner Hand geblieben war und der ihm als Ausgangspunkt für weitere Unternehmungen dienen konnte, wieder zu entreißen. Die Bataillone der 4. ErsD. stießen am 5. Juli auf einen starken Angriff der neu eingesetzten russischen 3. GID., der zwar zum Stehen gebracht wurde, aber auch der Angriffstätigkeit der Deutschen bis auf

1j An Beute verzeichnete die russische 7. Armee am 1. Juli abends 23 Offiziere, 1214 deutsche, 577 öst.-ung. und 191 türkische Mannschaftspersonen als Gefangene.

weiteres ein Ziel setzte. Die endgültige Säuberung des Russennestes auf der Dzikie Lany mußte einem sehr gründlich vorzubereitenden, zusammengefaßten Angriff der 4. ErsD. Vorbehalten bleiben, die am 7. Juli den bisherigen Abschnitt der 24. RD. übernahm. Die letztgenannte sollte wegen ihrer schweren Verluste an die ruhige Narajówka-front verlegt werden.

Auch auf der Łysonia war der Kampf noch nicht völlig zu Ende. Die Russen hielten sich mit kleinen, aber tapferen Besatzungen, die aus dem Ceniówkatal immer wieder aufgefrischt wurden, im Trichterfeld des bewaldeten Südhanges der Lysoniahöhe. Handgranaten- und Bajonettkämpfe dauerten mit geringen Unterbrechungen an, führten beiderseits zu empfindlichen Verlusten und zermürbten in Verbindung mit der inzwischen eingetretenen schlechten Witterung zusehends die schon hart mitgenommenen Truppen der 241. Division. GdI. Bothmer beschloß daher, auch auf der Łysonia zu einem gründlich vorzubereitenden Angriff zu schreiten und die Russen vom Westufer der Ceniówka zu vertreiben, das ihnen schon wiederholt als Ausgangsstellung für geglückte Angriffe gedient hatte. Als Zeitpunkt wurde der 15. Juli, der Tag des voraussichtlichen Beginnes der im Abschnitt Złoczów in Zurüstung befindlichen Gegenoffensive ins Auge gefaßt. Das Unternehmen auf der Łysonia und die Vorbereitungen dafür konnten dann gleichzeitig die Aufmerksamkeit des Feindes von der gewählten Hauptangriffsstelle ablenken.

Indessen hatte es noch keineswegs den Anschein, als ob die Russen auf die Erneuerung ihrer Angriffe bei Brzeżany verzichtet hätten. GdI. Bothmer wies denn auch am 5. Juli ausdrücklich auf die Notwendigkeit neuer Abwehrmaßnahmen hin. Er war der Auffassung, daß sich die russische Heeresleitung bei Brzeżany noch nicht geschlagen geben dürfe, wenn sie ihr mühsam behauptetes Ansehen nicht aufs schwerste gefährden wollte. Das Auftreten des russischen II. Gardekorps südlich von Brzeżany, zahlreiche Feuerüberfälle der russischen Artillerie und die stets wiederkehrenden Abhorchmeldungen über beabsichtigte Angriffe schienen die Anzeichen eines bevorstehenden neuen russischen Schlages bei Brzeżany zu sein. Alit allem Nachdruck wurde daher die Bekämpfung der unvermindert starken feindlichen Artillerie fortgesetzt. Die Bahnhöfe von Kozowa und Krzywe wurden mit schwerem Flachfeuer belegt. Dabei gelang es am 8. Juli einem deutschen

24 cm-Geschütz, die großen Munitionslager bei Kozowa zur Explosion zu bringen, die, wie sich später zeigte, fast völlig vernichtet wurden.

Feuergarben und Rauchwolken waren die ganze Nacht hindurch und an den folgenden Tagen deutlich sichtbar.

Da die Schlacht bei Brzeżany und die anschließenden Kämpfe die Reserven Bothmers, die 4. ErsD. und die 241. ID., völlig aufgebraucht hatten, bedeutete es eine wesentliche Entlastung für die Südarmee, daß ihr vom Oberkommando Ost das Eintreffen der aus Siebenbürgen heranrollenden 8. bayr. RD. in der zweiten Juliwoche bei Rohatyn in Aussicht gestellt wurde.

Zunächst setzte die russische 11. Armee alles daran, um ihren Erfolg gegen die k. u. k. 2. Armee weiter auszubauen. Schon am 4. und am 5. Juli wurden Truppenansammlungen hinter der russischen Front im Raume nördlich der Linie Kuropatniki—Olesin erkannt. Aufgefangene Funksprüche ergaben außerdem die Anwesenheit des russischen

I. Gardekorps in der Gegend von Zborów, wohin es von Tarnopol aus gezogen worden war1). Am 6. Juli holte die 11. Russenarmee unter Einsatz dieses Korps westlich und südwestlich von Zborów neuerdings zu einem Schlage gegen die k. u. k. 2. Armee aus. Der Angriff zerschellte unter schweren Verlusten für die Russen an dem Widerstand der deutschen Divisionen 223 und 96, die im Abschnitt Złoczów frisch eingesetzt worden waren.

Der Kommandant der Südarmee, GdI. Bothmer, hatte sich mittlerweile zu einer gründlichen Umgruppierung seiner Streitkräfte entschlossen, um für die Abwehr allfälliger neuer Angriffe, die in erster Linie südlich von Brzeżany zu erwarten waren, gerüstet zu sein. Vor allem sollte die noch völlig frische 75. RD. in die Gegend von Brzeżany als Armeereserve gezogen werden, um dort je nach der Entwicklung der Lage zur Abwehr oder zur Mitwirkung bei dem geplanten Angriffsunternehmen auf der Łysonia zur Hand zu sein. Den Abschnitt der 75. RD. sollte die 53., deren Abschnitt die 24. RD. übernehmen.

Während diese Umgruppierung innerhalb der Südarmee eingeleitet wurde, schuf ein Durchbruch der Russen durch die k.u.k. 3.Armee südlich vom Dniester bei Stanislau eine neue, unerwartete und auch nicht unbedenkliche Lage2).

J) Lt. L. d. R. Emil Popper des IR. 83 erhielt für ein erfolgreiches Erkundungsunternehmen bei Batków, das wichtige Nachrichten über den bevorstehenden russischen Angriff ergab, und für eine im Jahre 1916 als Fähnrich vollbrachte ordenswürdige Tat das Ritterkreuz des Militär-Maria Theresien-Ordens.

2) Armee-Oberkommando der Kaiserlich Deutschen Südarmee, Der Feldzug Ln Ostgalizien 1917 (Ostgalizische Feldzeitung 1918).

Die Schlacht bei Stanislau—Kałusz

(6. bis 16. Juli)

.    Hiezu Beilage 15

Einleitung der Angriffe der 8. Russenarmee

(6. und 7. Juli)

Mit dem neuen, schweren Fehlschlag, den die russische 11. Armee am 6. Juli bei Zborów getan hatte, brach die Angriffskraft der Russen gegen die k. u. k. 2. Armee endgültig zusammen. Aber noch gaben die Russen ihren Offensivgedanken nicht preis, sie verlegten nur seine Durchführung auf einen anderen Schauplatz.

Am 6. Juli, am selben Tage, da die Russen zum letztenmal die k.u.k. 2. Armee bestürmten, trat die russische 8. Armee bei Stanislau zum Angriff an. Hierzu hatte Gen. Kornilow das sechs Divisionen starke

XII. Korps (H., 19., 56., 117., 164. ID., 1. TransAmurGrenzwD.) und auch starke Kavallerie (3. kauk. KosD., kauk. Einheimische KosD.) bereitgestellt, um auf Kalusz durchzubrechen Gen. Komilows Angriffsplan ging offenbar dahin, die Front der k.u.k. 3. Armee beijamnica auseinanderzusprengen, in die Niederung des Pawełczebaches einzudringen und die Höhe Jutrena góra von Norden her zu umfassen. Gleichzeitig hatte eine zweite Angriffsgruppe beiderseits der Straße Stanislau—Majdan durchzustoßen und die Jutrena góra von Süden her anzugreifen. Teilvorstöße des XXXIII. Korps (2. und 4. TransAmurGrenzwD.) im Dniestertale und des XVI. Korps (41., 47., 160. ID., 7. und 9. KD.) auf den Ausläufern der Karpathen sollten den Hauptangriff unterstützen1).

Der Kommandant der k.u.k. 3. Armee. GO. Tersztyánszky, rechnete schon seit längerem mit einem russischen Angriff rittlings der Straße und Bahn Stanislau—Kalusz, möglicherweise auch längs der beiden von Nadworna über Krasna nach Dolina führenden Straßen, weil die Russen bei Stanislau wie bei Solotwina schon auf dem westlichen Ufer der Bystrzyca Sołotwińska im Besitze von günstigen Ausfallsstellungen waren. Es war anzunehmen, daß die .Russen den Hauptschlag in der Stoßrichtung Stanislau—Kalusz führen würden. Als Reserven des Heeres*) Martinów, Kornilow (Versuch eines militärischen Umsturzes) (in russischer Sprache, Moskau 1927), 23 f. — K n o x, II, 627 f. — Smilg-Benario, Von Kerenski zu Lenin, 117. — Zajontschko wskij, Feldzug 1917, 70.

gruppen- und des 3. Armeekmdos. waren die deutsche 83. ID., GLt. Stumpff, und die k.u.k. 16. ID., GM. Adalbert Kaltenborn, hinter der nunmehr XXVI. Korps benannten Gruppe Hadfy im Raume östlich von Kalusz bereitgestellt. Um auch die Zugangswege nach Dolina zu sichern, hatten das XIII. Korps x) und die dem 3. Armeekmdo. unmittelbar unterstehende 5. ID., GM. v. Felix, den größeren Teil ihrer Reserven um Rosulna versammelt. In der Front der 3. Armee standen somit auf einer Breite von rund 100 Kilometern vier öst.-ung. Infanteriedivisionen (5. ID., 42. HID., 36. und 15. ID.) und die durch ein deutsches Landsturmregiment verstärkte öst.-ung. 2. KD. zur Abwehr bereit.

Das Stellungssystem der 3. Armee ist aus der Beilage 15 ersichtlich. Im Abschnitt westlich von Stanislau bildete die Höhenlinie der Jutrena góra einen natürlichen starken Stützpunkt auf dem rechten Flügel des k. u. k. XXVI. Korps. Von hier aus konnte die von Stanislau nach Kalusz führende Bahn und Straße gesperrt werden. Aber gerade dieser Teil war die Achillesferse der Armeefront, weil hier die erste Stellung am Fuße des sich stetig abflachenden Osthanges verlief und von der am östlichen Ufer liegenden Höhe Ścianka, wo viele feindliche Batterien Stellung genommen hatten, flankierend beherrscht wurde. Es hatte nicht an Stimmen gefehlt, die sehr bald auf diesen Übelstand hinwiesen. Um diesem Abschnitte eine erhöhte Widerstandskraft zu verleihen, wurde die zweite Stellung in zwei Linien, die eine auf der Kammlinie der Jutrena góra und die andere auf der Hochfläche von Dumka angelegt. Auch GO. Tersztyánszky erkannte die diesem Abschnitt anhaftenden Mängel. Er beschloß daher schon anfangs Mai, die vorderste Kampfstellung der 15. ID. auf den halben Osthang der Jutrena góra zurückzuverlegen. Wegen der geringen Arbeitskräfte schritt aber der Bau der neuen Stellung nur langsam vorwärts. Sie war zu Beginn der Kämpfe anfangs Juli noch nicht fertig. Nach dem Ausbau der neuen Stellung wäre auch eine zweckmäßigere Aufstellung der Artillerie der 15. ID. möglich gewesen, die zum größten Teil knapp hinter der Kammlinie der Jutrena góra eingebaut werden mußte, weil auf dem flach verlaufenden und von den Russen eingesehenen Osthang keine verdeckten Räume für Battenestellungen vorhanden waren. Westlich der Jutrena góra in der Niederung des Pawelczebaches konnten die Batterien nicht auffahren, weil der Geschützertrag nicht ausgereicht hätte, um noch die feindliche

1j Das XIII. Korps führte seit deďn 23. Juni FML. Schenk, der bisherige Kommandant des am Isonzo stehenden XXIII. Korps, der seinen Dienstposten mit dem FML. v. Csicserics getauscht hatte.

Artillerie bekämpfen zu können. Auch hätten die Flachbahngeschütze den steilen Westhang der Jutrena góra nicht überschießen können. So blieben trotz erkannter Mängel die Stellungen der 15. ID. unverändert1).

Während die Schlachten bei der k.u.k. 2. und bei der Südarmee entbrannten, verfolgte GO. Tersztyánszky mit gespanntester Aufmerksamkeit die Angriffsvorbereitungen der Russen gegenüber der k. u. k.

3. Armee. Die 8. Russenarmee schob Kräfte auf ihrem Nordflügel zusammen. Schon am 2. Juli erreichte die aus den Karpathen herangezogene russische 11. ID. Stanislau. Die 3. kauk. KosD., bisher vor dem Südflügel der 5. ID. in Stellung, wurde in den ersten Julitagen durch die 9. KD. abgelöst und gleichfalls nach Norden verschoben. In Delatyn tauchte am 5. Juli die russische 7. KD. auf, die bald nach Nadworna rückte. Alle diese Bewegungen konnten durch abgehorchte feindliche Funksprüche und durch Aufklärungsflieger einwandfrei festgestellt werden. Zudem ließen die Zunahme des Feuers der feindlichen Artillerie, der Bau von Stegen über die Bystrzyca Solotwińska sowie das Vortreiben von Sappen beiderseits der Stanislauer Straße keinen Zweifel darüber bestehen, daß hier alsbald der russische Angriff einsetzen werde. Als jedoch am 6. Juli wachsende Kanonade die beginnende Schlacht ankündigte, verfügten weder GO. Tersztyánszky noch FML. Hadfy hinter dem am meisten bedrohten Abschnitt bei Stanislau über eine geschlossene Reserve, denn sie hatten die Regimenter und Bataillone der deutschen 83. und der k.u.k. 16. Division einzeln an die Front des XXVI. Korps herangezogen. Die zerstreute Gruppierung der Korps-und Armeereserven ist aus der Beilage 15 ersichtlich. Zwei Bataillone des deutschen IR. 330 befanden sich seit dem 2. Juli bei der Südarmee in Bursztyn und waren am 6. noch nicht eingerückt. Der größere Teil der Artillerie der 83. ID., sechs Batterien, war bei der 2. KD. eingesetzt. Alles in allem waren von der 83. ID., der bisherigen Heeresgruppenreserve, nur mehr zwei Bataillone des IR. 329 mit dem Divisionsstab im Raume südlich von Sapanów verfügbar. Die neu angekommene k. u. k. 16. ID., die an der zehnten Isonzoschlacht teilgenommen und viel an Gefechtskraft eingebüßt hatte, zählte nur neun Bataillone, ihre Artillerie war auf der Karsthochfläche von Comen zurückgeblieben.

Am 6. Juli vor Morgengrauen überfielen die Russen im Bereiche des XIII. Korps bei Lachowce die Feldwachenlinie der kroatischen 42. HID., GM. Mihaljevic; die Vorposten räumten befehlsgemäß ihre Stellungen. Als der Angreifer weiter vorstieß, erfaßte Abwehrfeuer aus Kiszling, Sommerfeldzug 1917.

Geschützen und Maschinengewehren seine Bataillone und brachte sie unter starken Verlusten noch vor den Hauptstellungen der „Domobranzen-division“ zum Stehen. Aber nicht dort, sondern gegen den Südflügel des XXVI. Korps ballte Kornilow seine Kräfte zum vernichtenden Schlage. Von 7h früh an lag das Feuer der russischen Artillerie auf den Höhen westlich von Stanislau. Nachdem die russischen Kanoniere bis um 1h nachm. die Stellungen, die Verbindungsgräben und die Batterien der 15. ID., GM. Adolf v. Aust, beschossen hatten, begannen beiderseits der Stanislauer Straße größere Erkundungsvorstöße der feindlichen Infanterie, die von dem Verteidiger abgeschlagen wurden. Doch hatte das IR. 65 bei Jamnica nicht unerhebliche Verluste erlitten. FML. Hadfy verstärkte hierauf den Nordflügel der 15. ID. durch ein Bataillon seiner Korpsreserve. Auch GO. Böhm-Ermolli sorgte für eine Verstärkung des bedrohten Abschnittes bei Stanislau. Er stellte die beiden bei Sapanów stehenden Bataillone des deutschen IR. 329 dem 3.Ar-meekmdo. zur Verfügung. Außerdem sandte er den Rest der 83. ID., das IR. 330, von Bursztyn über den Dniester nach Majdan, wohin im Aufträge des GO. Tersztyánszky von der Armeereserve das IR. 2 der 16. ID. mit dem Stabe der 31.IBrig., Obst. v. Spiess, zu rücken hatte.

Am 7. Juli versuchten Abteilungen des XVI. Russenkorps vergeblich, aus dem Quelltal der Bystrzyca Solotwińska die Feldwachen der

5. ID. anzugreifen. Ein dort um 10h abends sich wiederholender Vorstoß wurde vom tapferen schlesischen IR. 1 abgewiesen. Im Abschnitte bei Stanislau richtete die feindliche Artillerie wiederum Zerstörungsfeuer auf die Stellungen der 15. Division. Nach neuerlichen Erkundungsvorstößen kam es am Nachmittag zu einem größeren Angriffsunternehmen des russischen XII. Korps. Der stärkste Druck galt dem Stellungsteil bei Jamnica. Hier drangen die Russen an mehreren Stellen ein, wurden aber nach kurzer Zeit von den Besatzungstruppen (IR. 65 und Teile des deutschen IR. 331) aus den Gräben hinausgeworfen. Die Stellungen der

15. ID. hatten jedoch durch die Beschießung bereits stark gelitten. Bei Jamnica waren die vordersten Gräben in ein Trichterfeld verwandelt. Die Verluste hatten bedenklich zugenommen und die Truppen waren durch den zweitägigen Kampf erschöpft. Drei Russendivisionen waren jetzt gegenüber dem Südflügel des k.u.k. XXVI. Korps einwandfrei festgestellt, die 19. bei Jamnica, die 11. bei Stanislau und die 117. bei Zagwożdż. GM. Aust bat um Verstärkungen. GO. Tersztyánszky sandte ihm ein Bataillon des deutschen IR. 330, das eben von der Südarmee nach Majdan eingerückt war.

Der Verlust der Jutrena góra (8. bis 9. Juli)

In der Nacht auf den 8. Juli hielt das feindliche Zerstörungsfeuer gegen die Stellungen der 15. ID. mit kurzen Unterbrechungen an. Im Morgengrauen drangen Stoßtrupps der russischen 19. ID. im überraschenden Angriff gegen Jamnica vor, vermochten aber den hartnäckig verteidigten Ort dem IR. 65 nicht zu entreißen. Nördlich von Jamnica mußten Teile der Korpsreserve, das deutsche Bataillon 11/331, eingesetzt werden, um die in die deutschen Gräben eingebrochenen Russen herauszuschlagen. Während bei Jamnica erbittert mit Bajonett und Handgranaten gekämpft wurde, sammelten sich beiderseits der Stanislauer Straße, dicht vor den zerschossenen Stellungen der Regimenter 66 und

5, die Angriffstruppen der 11. und der 117. Russendivision in den vorgetriebenen Sappen zum Angriff.

Um 10hvorm. steigerte sich das russische Geschützfeuer plötzlich auf der ganzen Front der 15. ID. zu größter Gewalt. Jamnica und Uhrynów dl. wurden durch Steilfeuer heimgesucht, die Höhe Jutrena góra — sie beherrschte die nach Kalusz führende Straße und die Eisenbahnlinie — wurde von schweren Geschossen zerwühlt. Die Bereitschaftsräume der Reserven und die Batteriestellungen bei Pawelcze wurden vergast.

Um 10h 30 vorm. erhoben sich die Angriffsdivisionen des XII. Russenkorps unter dem jungen Revolutionsgeneral Tscheremisow zum Sturm. In dichten Massen wälzte sich die mehrfache feindliche Übermacht gegen die vom Trommelfeuer zermürbten Bataillone der 15. ID. heran. Jamnica wurde von der russischen 19. ID. wütend angefallen und diesmal im ersten Anlauf genommen. Das Bataillon 1,60, das FML. Hadfy von seiner Korpsreserve dicht hinter den Kampfabschnitt des IR. 65 vorgeschoben hatte, wurde von den tief in die Niederung des Pawelczebaches einbrechenden Russen umgangen und von der feindlichen Übermacht überwältigt. Auch die in der Mitte und am Südflügel der 15. ID. stehenden Regimenter 66 und 5 waren mittlerweile von den beiderseits der Stanislauer Straße vorstoßenden Russen der 11. und der 117. Division durchbrochen worden. Wohl versuchten hier die Verteidiger im Verein mit Teilen des deutschen IR. 330, den Feind aus den verlorenen Stellungen herauszuschlagen. Allein der Gegenangriff wurde von den neu einbrechenden russischen Massen von Süden gefaßt und der ganze rechte Flügel Hadfys aus der ersten Stellung zwischen Jamnica und Zagwożdż in die zweite Stellung auf der Höhenkante zu beiden Seiten der beherrschenden Jutrena góra zurückgeworfen. Nur eine tapfere Gruppe des IR. 60 klammerte sich noch trotzig an das Westufer der Bystrzyca Sołotwińska, bis sie, von den ringsum flutenden Massen des Angreifers völlig eingeschlossen, im ungleichen Kampfe erlag.

Immer tiefer drang unterdessen der Stoß der 19. Russendivision in die Niederung des Pawelczebaches. Der Russe umfaßte die Jutrena góra von Norden, er überschwemmte die Westhänge des Bystrzycatales und erreichte die zweite Stellung am Höhenrand. Die im Raume des Ortes Pawelcze stehenden Batterien, die wegen des schnellen Einbruches der Russen zum größten Teil nicht mehr zurückgenommen werden konnten, fielen in Feindeshand.

Gegen Mittag waren die Trümmer der 15. ID. im aufgelösten Rückzug über die Niederung des Pawelczebaches gegen Westen. Die erste Stellung und die erste Linie der zweiten Stellung westlich von Stanislau und die Jutrena góra, der Hauptstützpunkt des rechten Flügels des k. u. k. XXVI. Korps, befanden sich in der Hand des Feindes. GM. Aust mühte sich, mit den Trümmern seiner Division und mit den herbeieilenden Reserven an den östlichen Waldrändern der Hochfläche von Dumka eine neue Front zu bilden und die heftig nachdrängenden Russen am weiteren Vorwärtskommen zu verhindern.

Das deutsche IR. 331 war durch den feindlichen Durchbruch bei Jamnica in eine sehr bedrängte Lage gekommen. Es mußte, von Umfassung bedroht, Front gegen Süden nehmen und ging dann auf die Höhenränder westlich von Cięzów zurück. Auf dem äußersten linken Flügel des k. u. k. XXVI. Korps nahm die 2. KD., GM. Freih. v. Abele, vor schwächeren russischen Begleitangriffen ihre Feldwachen in die Hauptstellung westlich von Jezupol zurück. GM. Abele zog seine Reserven hinter dem rechten Flügel zusammen, der im Anschluß an das deutsche IR. 331 in die zweite Stellung zurückgenommen werden mußte. Der rechte Nachbar der durchbrochenen 15. ID., die 36. ID., GM. Nöhring, behauptete seine vordersten Linien an der Bystrzyca Sołotwińska. Nur seinen linken Flügel mußte GM. Nöhring wegen des feindlichen Durchbruches auf die Höhen von Posiecz zurückbiegen. Schwache Reserven des XIII. Korps und der 36. ID. brachen um 4h nachm. in wirksamer Richtung gegen Uhrynów gm. zum Gegenangriff vor, kamen aber schon im Raume südlich von Rybno zum Stehen. Auch der Einsatz eines weiteren Bataillons der 36. ID. brachte keinen Erfolg1).

Hätte der Russe nach dem Durchbruch der ersten und zweiten Stellung den Angriff rasch weiterzuführen vermocht, so hätten ihm wohl die in zusammenhanglosen Gruppen aufgelösten Verbände der 15. ID. und die verstreut in die zurückweichende Front eingesetzten Reserven den Weg über die Hochfläche von Dumka und über die dort vorbereitete zweite Linie der zweiten Stellung nicht verlegen können. Aber die Russen hatten hohen Blutzoll gezahlt und lagen beutemachend auf den eroberten Hängen westlich der Bystrzyca Sołotwińska. Nur schwächere Kräfte folgten vorsichtig dem zurückgeschlagenen Gegner in die ungeheuren Wälder, die sich nördlich und südlich von Dumka ausbreiten.

Der in Verwirrung gebrachte Verteidiger vermochte das Schwächemoment des Angreifers unmittelbar nach erfolgtem Einbruch nicht auszunützen. Wohl hatte der Kommandant des XXVI. Korps, FML. Hadfy, schon auf die erste Kunde vom Einbruch der Russen vier Bataillone der deutschen 83. ID., die ihm GO. Tersztyánszky zur Verfügung gestellt hatte — es war der Rest der Heeresgruppenreserve — dem GM. Aust mit dem Aufträge überwiesen, die verlorenen Stellungen zurückzu-e robe m. Als dieser Befehl erging, waren aber bereits zwei Bataillone über die auf der Hochfläche von Dumka vorbereitete Stellung bis an den Waldrand westlich der Pawelczeniederung vorgezogen und dort in den Kampf verwickelt worden. GM. Aust gebot daher nur über zwei Bataillone der 83. Division. Da auch die wenigen Batterien, die sich aus dem Getümmel hatten retten können, wegen ihres Stellungswechsels vorläufig nicht eingreifen konnten, schien ein Gegenangriff auf die verlorenen Stellungen aussichtslos. Es kam dem GM. Aust daher zunächst nur darauf an, die Trümmer seiner Division und die eingeschobenen Reserven zu neuer Abwehr zu ordnen.

GO. Tersztyánszky ließ jedoch auf die Nachricht, daß die Jutrena góra verloren sei, um 2h 30 nachm. an den GM. Aust den Befehl ergehen, den Gegenangriff unverweilt durchzuführen. Er überwies ihm das nach Majdan herangezogene IR. 2 der 16. ID. mit dem Stabe der 31.IBrig. und sandte noch weitere Teile seiner Armeereserve in die vorbereitete Stellung auf der Hochfläche von Dumka. Auch stellte er

*) Von einem Mitkämpfer, Aus den Kämpfen des k. u. k. Infanterieregiments Nr. 52 in der Schlacht bei Stanislau, 6.—8. Juli 1917 (Mil. wiss. Mitt., Wien, Jhrg. 1934, Juli/Augustheft).

den Kampfabschnitt nördlich der Bahnlinie unter die Leitung des Führers der S3. ID., GLt. Stuinpff. Die gefahrdrohende Lage rief den Armeekommandanten an die Kampffront. Er fuhr nach Majdan, dem Standorte des 15. IDKmdos., wohin sich auch der Korpskommandant, FML. Hadfy, begeben hatte, und stieg selbst in einem Fesselballon auf, um Einblick auf das Schlachtfeld zu gewinnen.

Während sich auf dem eingedrückten rechten Flügel Hadfys im Laufe des Nachmittags drei ziemlich zusammenhanglose Gruppen —es waren dies Reste der 15. ID. und einzelne deutsche Kompagnien unter dem Oberstbrigadier Gombos bei Hucisko, dann Teile der 83. und. der

16. ID. unter GM. Aust an der Straße nach Stanislau und schließlich das deutsche IR. 331 mit Trümmern des k.u.k. IR. 65 unter dem deutschen GM. Georgi — im Raume nördlich der Eisenbahn zum einheitlich gedachten Gegenangriff bereitstellten, rüstete Tscheremisow zum neuerlichen Ansturm. Er gruppierte starke Kräfte seines XII. Korps zwischen Jamnica und Cięzów, offenbar, um über die von den Deutschen besetzte Höhe Płóski in das Tal der Łukowica einzubrechen. Auch führten die Russen schon am Nachmittag auf der Straße von Stanislau starke Kavallerie gegen die Hochfläche von Dumka zur Verfolgung vor.

Die mittlerweile bei Dumka zum Gegenangriff auf die Jutrena góra bereitgestellte Gruppe Obst. Spiess (Teile der 16. und der 83. ID.) wartete indessen ab, bis der Rest der Artillerie der 15. ID., sechs Batterien, das Feuer eröffnen konnte. Auch wurden die Linien des XXVI. Korps noch im Laufe des Nachmittags von russischen Vortruppen angegriffen. Erst gegen $h abends schritt Obst. Spiess mit vier Bataillonen die Stanislauer Straße entlang zum Gegenangriff. Die russischen Vortruppen wurden zurückgedrängt, die Niederung des Pawelczebaches überschritten und der steile, bewaldete Westhang der Jutrena góra erstiegen. Unterdessen war aber der Nordflügel des XII. Russenkorps gegen das deutsche IR. 331 nördlich der Bahnlinie vorgegangen und nach heftigem Ringen in die deutschen Linien eingebrochen. Im Hinblick auf die Bedrohung von Norden her brach die Gruppe Spiess den aussichtslosen Kampf ab und ging auf die Hochfläche von Dumka zurück.

Nicht besser erging es der am Südflügel der 15. ID. aus den Trümmern dieser Division und aus einzelnen Kompagnien der 83. ID. gebildeten Gruppe Obst. Gombos. Sie schloß sich trotz der großen Erschöpfung der Truppen dem Vorgehen der Gruppe Spiess an, vermochte aber nicht, bis über die Niederung des Pawelczebaches vorzudringen. Im weiteren Verlauf des Kampfes, der sich bis in die Nacht hinein fortsetzte, gelang es den Deutschen, die nördlich der Bahnlinie in ihre Gräben eingedrungenen Russen zurückzuwerfen.

Als der Heeresgruppenkommandant, GO. Böhm-Ermolli, von dem unglücklichen Ausgang des Kampfes Kenntnis erhielt, war er sehr besorgt, daß die 2. KD. von den Russen in den Dniester geworfen, die

3. Armee von der Südarmee abgedrängt und Bothmer von Süden her überflügelt werden könnte. Um Halicz und die wichtigen Höhen südlich dieser Stadt behaupten zu können, empfahl er noch am 8. Juli dem GO. Tersztyánszky, das IR. 31 der 16. ID. aus dem Raume östlich von Kalusz nach Wiktorów zu verschieben und den linken Armeeflügel mit allen noch verfügbaren Kräften zu verstärken. GO. Tersztyánszky unterstellte dem Führer der 83. ID., GLt. Stumpff, den ganzen Abschnitt von der Bahnlinie bis zum Dniester und sandte ihm neben dem IR. 31 noch das Armeesturmbataillon als Verstärkung. Das Bataillon 1/62, der Rest der Armeereserve, wurde als Rückhalt für das XXVI. Korps nach Majdan vorgezogen. Um den großen Geschützverlust der 15. ID. wieder halbwegs wettzumachen, mußten die 38. HID. der Südarmee mit zwei und das XIII. Korps mit vier Batterien aushelfen.

Schon am 9. Juli früh gab GO. Tersztyánszky Weisungen für die Zurücknahme der 3. Armee auf das westliche Ufer der Łomnica und in eine von Nowica südwärts bis zur Höhe Kosmarka góra verlaufende Linie für den Fall aus, als die Stellungen auf der Hochfläche östlich des Lukawicabaches nicht gehalten werden könnten. Der Rückzug war aber erst auf ausdrücklichen Befehl des Armeekmdos. und unter dem Schutze der Nacht anzutreten. Noch aber hoffte GO. Tersztyánszky, daß das XXVI. Korps in den jetzt bezogenen Linien weiteren Widerstand leisten werde. Er* war der Auffassung, daß der Feind seinen Angriff erst am 10. Juli wieder aufnehmen werde, und ließ sich daher von seinen Unterführern über die Aussichten der Abwehr an diesem Tage Meldung erstatten.

Das XIII. Korps und die 5. ID. berichteten, daß sich die Truppen in sehr guter Verfassung befänden und feindliche Angriffe mit Sicherheit abwehren dürften. Demgegenüber hatten die Truppen des XXVI. Korps, namentlich die Regimenter der 15. ID., ihre Gefechtskraft fast völlig eingebüßt. Von den 7700 Feuergewehren dieser Division, die am 3. Juli bei Beginn der Schlacht in der Front eingesetzt waren, hatten sich bis zum 9. früh nur mehr 800 Mann gesammelt; außerdem hatte die Division 43 Geschütze verloren. Auch die Verbände der deutschen 83. ID. waren stark zusammengeschmolzen und selbst die Regimenter der

Ib. ID., die noch an den Nachwirkungen der zehnten Isonzoschlacht litten, waren nicht mehr auf voller Höhe ihrer Gefechtskraft. Zudem waren die vorbereiteten Stellungen auf der Hochfläche östlich der Luka-wica nicht fertig ausgebaut. Zusammenfassend beurteilte das XXVI. Korpskmdo. die Lage dahin, daß die Abwehr eines russischen Angriffes mit stark überlegenen Kräften nicht mit Bestimmtheit erwartet werden könne, und hielt die Zuweisung von drei frischen Regimentern für nötig.

Die wenig zuversichtliche Meldung des FML. Hadfy konnte das

3. Armeekmdo. nicht bestärken, in den zurzeit erreichten Linien weiteren Widerstand zu leisten; man erwog daher am 9. Juli ernstlich, einem wenig aussichtsreichen Kampf am 10. Juli auszuweichen und die Front während der folgenden Nacht in die dritte Stellung an der Łomnica zurückzunehmen. Da aber machte der Feind einen Strich durch die Rechnung.

Die überraschende Schnelligkeit des Erfolges ermutigte Komilow, den Angriff in der Richtung auf Halicz und Kalusz fortzusetzen. So gab er dem XII. Korps den Befehl, noch am 9. Juli bis an den Łuko-wicabach und auf Hucisko vorzudringen. Das XXXIII. Korps im Dnie-stertale sollte diesen Angriff gegen Halicz decken, während der rechte Flügel des XVI. Korps die Höhen westlich von Bohorodczany in Besitz zu nehmen hatte1).

Am Nachmittag gingen Truppen des XXXIII. Korps aus dem By-strzycatale gegen die 2. KD. vor. GM. Abele vermochte sich jedoch mit seinen Husaren- und Ulanenschützen auf den Höhen südlich von Halicz zu behaupten. Örtliche Einbrüche des Feindes konnten durch Gegenstöße wettgemacht werden. Unterdessen stürzte sich aber der rechte Flügel des Korps Tscheremisow auf das IR. 331 und brach auf der Höhe Płóski in die deutschen Linien ein. GLt. Stumpff warf dem Feinde seine Reserven, das k.u.k. IR. 31 der 16. ID. und das Armeesturmbataillon, entgegen. Der Gegenangriff erzielte anfangs Raumgewinn. Es gelang aber nicht mehr, die Russen von den Hängen der Ploskihöhe zu vertreiben. Der Gegenangriff kam vor der feindlichen Übermacht zum Stehen.

Beiderseits der Straße Stanislau—Kalusz hatten die Russen den Angriff im Laufe des Nachmittags bis an die Kampflinien der Gruppe GM. Aust herangetragen. Da sich die Truppen des k. u. k. XXVI. Korps einem neuerlichen Ansturm des Feindes nicht mehr gewachsen fühlten, erteilte GO. Tersztyánszky um 5h 30 nachm. mit Zustimmung des Heeresgruppenkommandos und des Oberbefehlshabers Ost den Befehl, im Zajontschkowskij, Feldzug 1917, 70 f.

Laufs der Nacht in die schon angegebenen Linien zurückzugehen. Früher als vorgesehen, mußte aber ein großer Teil der 3. Armee unter dem Drucke des Feindes kämpfend zurückweichen. Denn um 7h abends bemächtigte sich der linke Flügel des XII. Russenkorps bereits der Höhen zwischen Posiecz und Hucisko und warf den abgebogenen linken Flügel der 36. ID. und die Gruppe Obst. Gombos zurück. Die letztgenannte befand sich schon um 7h 30 abends bei Mysłów in aufgelöstem Rückzug über die Lukwa, ohne an diesem Abschnitt — wie befohlen — eine Zwischenstellung zu beziehen. Die Russen drückten besonders stark beiderseits der Straße Stanislau—Kalusz und der Eisenbahnlinie vor. Da der rechte Flügel der Gruppe GLt. Stumpff auf der Höhe Płóski eingedrückt und von Süden durch Umfassung bedroht war, blieb nichts anderes übrig, als auch die ganze Front bis zum Dniester in einem Zuge über die Lukawica und die Lukwa an die Łomnica zurückzunehmen.

Nun war die k.u.k. 3. Armee zum zweitenmal durchbrochen und die Südarmee überflügelt. GdI. Bothmer bog daher seinen äußersten rechten Flügel, die 38. HID., gegen Poplawniki zurück. Er mußte mit Angriffen der Russen an derNarajówka rechnen. Die Südarmee war jedoch entschlossen, ihre Stellungen unter allen Umständen zu behaupten.

Das Vordringen der Russen bis Kałusz (10. bis 13. Juli)

Noch einmal war über die galizische Front der Verbündeten eine Krise hereingebrochen, die nicht ohne Rückwirkung auf die Südarmee blieb und die Angriffspläne des Oberbefehlshabers Ost zunichte zu machen drohte. Noch am 9. Juli mußten die aus dem Bereiche der k. u. k. 1. Armee, aus Siebenbürgen, im Antransport gegen Rohatyn befindliche 8. bayr. RD. sowie die für den Durchbruchsangriff im Raume um Złoczów bestimmte deutsche 16. RD. gegen Kałusz und Halicz zur Unterstützung der k.u.k. 3. Armee abgedreht werden. Da diese deutschen Verstärkungen aber erst in einigen Tagen und sehr langsam eintreffen konnten, und der Russe beiderseits der Straße Stanislau—Kałusz scharf nachdrängte, mußte die Südarmee mit einigen sofort verfügbaren Reserven aushelfen. Hierzu wurden das RIR. 104 der 24. RD., das eben erst aus der Schlacht gezogen worden war und kaum mehr als halbe Gefechtskraft besaß, ferner das RIR. 250 der 75. RD. und einige Feld-und schwere Batterien bestimmt und unter dem Befehl des Führers der 4S. RI Brig., Obst. Gf. Wuthenau, mit Lastkraftwagen und in Gewaltmärschen an die untere Łomnica entsandt.

GO. Tersztyánszky forderte seine Divisionen auf, in der vorbereiteten dritten Stellung standzuhalten, um Zeit zu gewinnen, bis die herbeieilenden Reserven eintreffen würden. Er beschloß, die Brigade Wuthenau der Gruppe GLt. Stumpff zur Verfügung zu stellen. Die

16. RD. war nach Wojniłów vorzuziehen und die 8.bayr. RD. möglichst weit vorne bei Kalusz auszuladen, um mit ihr die stark hergenommene 15. ID. stützen oder zum Gegenangriff schreiten zu können, falls die Front neuerlich durchbrochen werden sollte. Ferner war es seine Absicht, die 2. KD. aus der Front herauszulösen, um sie bei Nowica als Reserve für das XIII. Korps zu versammeln, während die 36. ID. das IR. 53 bei Kalusz zur Verfügung des XXVI. Korps zu stellen hatte.

In der Nacht auf den 10. Juli verlegte GO. Tersztyánszky sein Hauptquartier von Kalusz nach Bolechów. Eine leichte Entspannung der Lage schien am nächsten Tage einzutreten. Dem XIII. Korps war es gelungen, geordnet durch die großen Waldungen an der Łukwa abzuziehen. Die Truppen hatten hinter diesem Wasserlauf Stellung bezogen. Das hart mitgenommene XXVI. Korps konnte sich, wenn auch nur notdürftig, in der vorbereiteten dritten Stellung auf dem Westufer der Łomnica einrichten. Die Russen hatten am Vormittag noch nicht an die neue Front der 3. Armee herangefunden.

Der schwere Rückschlag bei Stanislau wirkte sich unterdessen in einem Wechsel der höheren Kommandanten aus. GO. Tersztyánszky wurde am 10. Juli seines Amtes enthoben und der bisherige Kommandant des X. Korps, GO. Křitek, zum Führer der 3. Armee ernannt. Ferner hatte FML. Hadfy mit dem GdI. v. Csanády, dem Kommandanten des in Siebenbürgen stehenden VI. Korps, den Dienstposten zu tauschen. Da nunmehr weitere deutsche Kräfte bei der k.u.k. 3. Armee eingesetzt wurden, erschien dem Oberbefehlshaber Ost auch die Zuweisung eines höheren deutschen Generals erforderlich, und so wurde GdI. Litzmann, der bisher bei der 1. Armee ein Gruppenkommando geführt hatte, mit seinem Stabe, dem Generalkmdo. des XXXX. RKorps, zur 3. Armee eingeteilt.

Die schwere Erschöpfung der Russen nach viertägiger Schlacht verbot ihnen am 10. Juli zunächst, die Angriffsbewegung fortzuführen. Ein Funkspruch Kerenskis mahnte indes Kornilow, den Feind nicht zu Atem, nicht zum Eingraben kommen zu lassen. Nun trieb Kornilow zur Eile an. Noch am Nachmittag ließ Tscheremisow die 3. kauk. KosD., die 165. und die 117. ID. aufbrechen, um sich den Weg über die Łomnica nach Kałusz zu bahnen. Die 11. und die 19. ID. hatten in der Richtung auf Wojniłów vorzustoßen. Die Gelegenheit schien günstig zu sein, den bisherigen Erfolg zu einer völligen Niederlage des Gegners zu gestalten. Halicz fiel am 10. in die Hand der Russen. Vielleicht genügte auch ein rascher Stoß, um die Stadt Kalusz in Besitz zu nehmen. Im Bereiche des XVI. Russenkorps waren im Laufe des Nachmittags vorgetriebene Aufklärungsabteilungen hinter der oberen Lukwa wieder auf den zurückgewichenen Gegner gestoßen. Westlich von Grabówka gelang es gegen Abend russischen Vortruppen, auf dem Südflügel der 36. ID. in die unausgebauten Stellungen einzudringen. Sie wurden durch einen raschen Gegenstoß örtlicher Reserven wohl hinausgeworfen; doch die Schwäche der Stellung war von den Russen erkannt.

Als Kornilow in der Nacht auf den 11. Juli seine Angriffsdivisionen gegen die Łomnica vorführte, um in Kałusz einzudringen und sich den Weg auf Wojniłów zu bahnen, da hielten auf dem westlichen Ufer nur mehr von empfindlichen Verlusten zermürbte und von der Schlacht schon hart mitgenommene öst.-ung. und deutsche Truppen. GO. Tersztyánszky hatte noch am 10., knapp vor seinem Abgehen, den Befehl gegeben, am Nordflügel der k.u.k. 3. Armee eine dem Armeekommando unmittelbar unterstellte Gruppe unter dem Befehl des Führers der im Antransport befindlichen 16. RD., GLt. Sieger, zu bilden. Sie hatte aus der 83. ID., GLt. Stumpff, der 16. RD., der Brigade Wuthenau und aus dem deutschen LstlR. 34 zu bestehen. Die 2. KD. wurde als Armeereserve in den Raum nördlich von Kałusz gewiesen. Dem k. u. k. XXVI. Korps sollten zunächst die Reste der 15. und die ganze 16. ID. sowie zwei Bataillone des IR. 53 der 36. ID., ferner das deutsche IR. 330 und das Armeesturmbataillon verbleiben. Den Befehl über die in der Front bei Kalusz stehenden Truppen führte das 15. IDKmdo., GM. Aust. Es sollte bald durch das 16. IDKmdo., GM. Adalbert Kaltenborn, abgelöst werden. Nach dem Eintreffen der Ersätze waren die abgekämpften Regimenter der 15. ID. und das IR. 31 der 16. ID. aus der Front zu ziehen, um sie wieder aufzufrischen. Die vom 11. Juli an eintreffende 8. bayr. RD. sollte sich als Armeereserve im Raume westlich von Kalusz versammeln.

Die Verbände waren namentlich in diesem Abschnitt stark vermischt und auch die Befehlsverhältnisse sehr verworren. Die neuemannten Kommandanten der 3. Armee und des XXVI. Korps waren am

11. Juli noch nicht eingetroffen. GO. Tersztyánszky hatte das Armeekommando einstweilen an den FML. Schenk übergeben, der auch das

XIII. Korps führte. GM. Aust kommandierte außer seiner 15. ID. auch das XXVI. Korps.

Bei Kalusz waren am 11. Juli morgens heftige Kämpfe entbrannt. Dem Vorhutregiment der 164. Russendivision gelang es, durch die Häusergruppen und Gärten von Podmichale gedeckt, unbemerkt an Kałusz heranzukommen. Mangelhafte Sicherung der schlafmüden Stellungsbesatzungen begünstigte das Unternehmen. Gegen 7h früh sahen sich das deutsche IR. 330 und das k. u. k. IR. 5 am Ostrande der Stadt plötzlich von den Russen überfallen. In breiten Wellen und ohne jegliche Artillerievorbereitung drangen die Angreifer in die Stellungen ein. Vorübergehend scheint es herbeieilenden Reserven gelungen zu sein, den überraschenden Angriff aufzuhalten. Neuerliche Anstürme der nachrückenden feindlichen Massen durchbrachen jedoch die Linien der beiden Regimenter. Die Russen breiteten sich in Kalusz rasch aus und drangen auf die Höhen nördlich der Stadt vor. Die Trümmer des rechten Flügels des k. u. k. XXVI. Korps wichen gegen Kropiwnik zurück. Die Russen führten zahlreiche Gefangene weg und schlugen zum drittenmal eine breite Lücke in die wankende Front des k.u.k. XXVI. Korps. Ein Teil der im Raume um Kałusz stehenden Batterien wurde infolge des Durchbruches eine leichte Beute des Feindes. Vergeblich suchte das IR. 53 der 36. ID., das sich hinter der Nahtstelle der 36. und der 15. ID. befand, durch einen Vorstoß von Westen her, die Lage zu retten. Als die Not am höchsten stieg, schritten das IR. 31 der 16. ID. und das Armeesturmbataillon von Norden her zum Gegenangriff und drangen mit Teilen des deutschen IR. 329 wieder in Kalusz ein.

FML. Schenk hatte sofort auf die erste Meldung vom Einbruch hin den am Morgen eingetroffenen GLt. Sieger aufgefordert, die 16. RD. nach Kopanka zu entsenden, um sie zum Gegenangriff auf Kalusz anzusetzen. Auch aus Lemberg langte um 10h30vorm. der Befehl des GO. Böhm-Ermolli ein, im Verein mit dieser Division und unter der unmittelbaren Leitung des Armeekommandanten die Wiedereroberung der verlorenen Stellungen durchzuführen. Allein, von der 16. RD. war augenblicklich nur ein Bataillon verfügbar, das GLt. Sieger von Woj-łinów nicht wegziehen wollte, da auch an der unteren Łomnica feindliche Anstürme drohten. Daher verlangte GLt. Sieger eine Frist, um die mit dem Großteil ihrer Truppen noch im Anmarsch befindliche 16. RD. versammeln und geordnet zum Gegenangriff bereitstellen zu können. Unterdessen nahm der Durchbruch der Russen bei Kałusz immer größeren

Umfang an. Die in die Stadt eingedrungene Gruppe des Verteidigers wich nach erbittertem Kampfe vormittags vor dem übermächtigen Drucke der Russen auf Mościska zurück, wohin sich auch die am linken Flügel des k. u. k. XXVI. Korps fechtenden Reste der 15. ID. im aufgelösten Zustand im Rückzug befanden. Zwischen dem linken Flügel des XXVI. Korps und der Gruppe GLt. Sieger klaffte nunmehr eine breite Lücke in der Front. Der rechte Flügel der 83. ID. mußte daher auf die Höhe Kopanka A 365 abgebogen werden. Hinter ihm wurden die Regimenter der 16. RD. herangeschoben.

Auf Befehl des zeitweiligen Armeekommandanten, FML. Schenk, der auf das Schlachtfeld vorgeeilt war, waren unterdessen die auf Kro-piwnik gewichenen Truppen des XXVI. Korps wieder gegen Kalusz vorgegangen und hatten zwischen der Łomnica und dem Siwkabach Stellung genommen. Hier und bei Mościska wurden die Marschformationen der 42. HID., der 15. ID. und der 2. KD. in den Kampf geworfen. Dem eintreffenden Kommandanten der 8. bayr. RD., GM. Jehlin, übertrug FML. Schenk den Befehl über diesen Abschnitt. Für ein weiteres Vortragen des Gegenangriffes waren aber die in den Kampf geworfenen Ersatztruppen sowie die Trümmer der 16. und der 15. ID., die ihre Gefechtskraft fast völlig eingebüßt hatten, zu schwach. Es sollte daher die vom Nordflügel heranzuziehende 2. KD., ein Bataillon der

36. ID. und die noch im Antransport nach Dolina befindliche S.bayr.RD. abgewartet werden, um dann im Verein mit der 16. RD. und unter einheitlicher Leitung des GLt. Sieger am 12. Juli an die Wiedereroberung von Kalusz zu schreiten.

Gegen Abend begannen die 117., die 11. und die 19. ID. der Russen die Gruppe GLt. Sieger an der unteren Łomnica anzugreifen. Der stärkste Druck der Russen richtete sich gegen die Brigade Wuthenau bei Slobódka und gegen den auf die Höhe Kopanka abgebogenen rechten Flügel der Gruppe GLt. Sieger. Die Russen wurden durch Artilleriefeuer abgeschlagen und fluteten in ihre Ausgangsstellungen zurück; doch wurde wegen der Besorgnisse um den Südflügel der Armee Bothmer der Großteil der Truppen der 2. KD. an der Łomnica belassen.

Während der Kampf bei Kalusz tobte und das 3. Armeekmdo. alle Mühe hatte, dort ein Unheil abzuwenden, mußte die Zurücknahme des

XIII. Korps und der 5. ID. in die auf dem Hügelgelände südlich der Łomnica angelegte dritte Stellung vorbereitet werden. Die wiederholten örtlichen Angriffe des XVI. Russenkorps am 11. Juli gegen die unaus-gebaute Verteidigungslinie am Łukwabache konnten fast immer nur im Gegenstoße abgewehrt werden. Die Kämpfe verhinderten den Ausbau der Stellungen. Unter diesen Umständen erschien es ratsam, den Südflügel der Armee, mit Ausnahme des IR. 1, das auf den Höhen südlich von Jasień zu verbleiben hatte, in die dritte Stellung zurückzunehmen. Das Heeresgruppenkommando stimmte zu. In der Nacht auf den 12. wurden die Bewegungen ohne wesentlichen Zwischenfall durchgeführt. Nur die 42. HID. mußte sich im Kampfe vom Feinde lösen. Durch die Verschmälerung des Abschnittes des XIII. Korps konnten zwei Bataillone und sieben Batterien gewonnen und bei Nowica bereitgestellt werden.

Als Komilows rechter Flügel am 11. Juli in Kalusz eindrang und die Höhen westlich der unteren Łomnica bestürmte, rückte auch die Gefahr für die rückwärtigen Verbindungen der Südarmee in bedenkliche Nähe. Der russische Angriff bedrohte die Stadt Stryj und damit den Mittelpunkt des gesamten Nachschubes der Südarmee. Da ferner das wichtige Rohölgebiet von Drohobycz und Borysław gefährdet war, entschloß sich der Oberbefehlshaber Ost, die inzwischen ebenfalls im Antransport nach Złoczów befindliche deutsche 20. ID. und die bayr. KD. zur Unterstützung der 3. Armee gegen Żurawno abzudrehen. Durch diese Truppenentsendungen auf Kosten der bei Złoczów zu versammelnden Stoßgruppe wurde aber der in diesem Abschnitt geplante Durchbruch ernstlich in Frage gestellt. Der Oberbefehlshaber Ost erwog daher, die Gegenoffensive bei Złoczów fallen zu lassen, wenn es auch den neuerlich zugewiesenen Verstärkungen nicht gelingen sollte, die

3. Armee zu stützen1).

Auch GdI. Bothmer wurde in dieser Frage gehört. Er vertrat den Standpunkt, daß an dem einmal gefaßten Plane festgehalten werden müsse und dürfe, weil die Russen so starke Kräfte, um ihre bisherigen Erfolge operativ auszunützen, nicht früher zur Stelle haben könnten, als bis die zur 3. Armee abgezweigten deutschen Divisionen eingetroffen sein würden. Ferner meinte Bothmer, daß die vor seinem Südflügel beobachteten Kräfte Verschiebungen der Russen in die Gegend von Stanislau die Aussichten des operativen Erfolges für den Durchbruch bei Złoczów sichtlich vergrößerten. Auch der in die Erwägungen einbezogene Gedanke, die geplante Gegenoffensive in den Raum südlich des Dniester zu verlegen, konnte von Bothmer nicht befürwortet werden, weil dort die schwierigsten Gelände- und Wegeverhältnisse sowie die

x) Nowak, K. F., Die Aufzeichnungen des Generalmajors Max Hoffmann (Berlin 1929), II, 178 f.

ungünstigen Nachschublinien, hauptsächlich aber die nicht entscheidende operative Richtung eines Gegenstoßes einen durchschlagenden Erfolg ausschlossen.

Die Tage vom 12. bis zum 15. Juli brachten indessen noch keine Besserung der Lage bei der k.u.k. 3. Armee.

Die Russen konnten allerdings am 12. bei Kalusz zunächst nicht weiter Vordringen. Im Westen verhinderte die durch heftige Regengüsse hochangeschwollene Łomnica weiteres Ausbreiten. Im Norden hatten sich die Deutschen auf den Höhen bei Kopanka festgesetzt. GO. Křitek, der am 12. vormittags das Kommando der 3. Armee übernahm, erkannte sogleich die nicht unbedenkliche Lage, in der sich die Russen im Bogen bei Kałusz befanden. Er war der Auffassung, daß für die 3. Armee nichts weiter zu befürchten sei, wenn die Gruppen Jehlin und Aust sowie die auf der Höhe Kopanka stehenden Truppen der 83. ID. den feindlichen Einbruch verläßlich abriegelten. Er gab sich aber keiner Täuschung hin, daß vor dem Eintreffen ausreichender und stoßkräftiger Verbände ein Gegenangriff auf Kałusz keine Aussichten auf Erfolg haben würde. Es sollten daher zunächst die noch heranzuführenden Truppen der 16. RD., der 8.bayr. RD. und die ebenfalls im Antransport zur k.u.k. 3. Armee befindliche deutsche 20. ID. sowie die bayr. KD. abgewartet werden. Das Heeresgruppenkommando war mit einem weiteren Hinausschieben des Gegenangriffes einverstanden und verfügte noch, daß die deutsche 20. ID. möglichst rasch als Rückhalt für die Gruppe GLt. Sieger nach Kopanka und die bayr. KD. zur Stützung der Front des XIII. Korps zu verwenden seien. Die Leitung des geplanten Unternehmens bei Kałusz sollte der am 13.nachmittags eintreffende GdI. Litzmann übernehmen.

Noch am 12. Juli vormittags wurden einzelne Bataillone der 8. bayr. RD. in den Kampfabschnitt beiderseits der Straße Kałusz—Dolina eingeschoben. Auf den Höhen von Kopanka wurde jetzt an Stelle der hart mitgenommenen 83. ID. der Großteil der 16. RD. eingesetzt. '

Als Kornilow am 12. Juli nachmittags mit seinem Nordflügel zu neuem Angriff schritt, um von Kałusz aus in das Tal der Siwka und von Bludniki auf Wojłinów durchzubrechen, stieß er überall auf eisernen Widerstand. Bei Kalusz setzten die bayrischen und die oberungarischen Bataillone der Gruppe Jehlin dem weiteren Vorrücken ein Ziel1). Auch konnten die stürmenden Russen infolge der starken Beherrschung

1)Jaud und Weech, Das K. B. Reserve-Infanterie-Regiment 19 (München 1933), 154 f.

des breiten Dniestertales durch unsere Artillerie in die Linien der k. u. k. 2. KD. nicht eindringen.

Südlich der Łomnica gelang es aber den Russen, die Front der k.u.k. 3. Armee noch einmal zum Wanken zu bringen. Schon am 12. schoben sich die Divisionen des XVI. Russenkorps, die 47., die 160. und die 41. ID., verstärkt durch Kavallerie, gegen das k.u.k. XIII. Korps auf der breiten Hügelflur über der Łomnica zwischen Jasień und No-wica heran. Versuche der 41. Russendivision, über die Höhe Werch babski in das Tal der oberen Łomnica einzubrechen, verhinderte das IR. 1 der 5. ID. mit kraftvoller Entschlossenheit.

Beim 3. Armeekmdo. erwartete man, daß sich der stärkste Angriff der Russen gegen den vorspringenden Stellungsteil der 36. ID. bei No-wica richten werde. Es wurde deshalb ein Bataillon der 36. ID. und ein Bataillon der 8. bayr. RD. von der Gruppe GM. Jehlin hinter die Mitte des XIII. Korps verschoben und eine Brigade der eben bei Dolina eingelangten bayr. KD. in den Raum südlich von Rozniatów verlegt.

Schwere Regengüsse durchweichten die Fluren, schwellten die Wasserläufe und verzögerten am 13. die Zurüstungen Komilows zum neuen Angriff. Erst um lh nachm. griff die 47. ID. nach kurzer, aber sehr starker Vorbereitung durch die Artillerie den linken Flügel der 36. ID., GM. Nöhring, bei Nowica überfallsartig an. Die Russen durchbrachen die Stellung der Kroaten. Gegenstöße schwacher örtlicher Reserven brachten keinen Erfolg. Hingegen scheiterte ein gleichzeitiger, beiderseits der Straße bei Łdziany gegen den linken Flügel der 42. HID., GM. Mihaljevic, losbrechender Angriff im Abwehrfeuer der Verteidiger. Die Korpsreserve, drei Bataillone, vermochte dem Einbruch bei Nowica Schranken zu setzen. Gegen 5h nachm. aber drang ein neuerlicher Vorstoß der Russen bei Landestreu in die Linien der 36. ID. ein. Hier wurden einzelne Bataillone und Kompagnien der 42. HID. in den Kampf geworfen. Sie stellten die Lage halbwegs wieder her. Da neue Anstürriie des Feindes gegen die 36. ID. erwartet werden mußten, setzte GO. Křitek das eben in Żurawno einlangende Spitzenregiment der deutschen 20. ID. und das Armeesturmbataillon von Kopanka über Kropiwnik nach dem bedrohten Abschnitt in Marsch.

Nach diesen neuerlichen Rückschlägen ließ der Oberbefehlshaber Ost das Heeresgruppenkommando Böhm-Ermolli wissen, daß man aus den letzten Kämpfen den Eindruck gewonnen habe, die öst.-ung. Truppen der 3. Armee hätten nicht mehr den festen Willen zum Ausharren in der Pflicht. GO. Böhm-Ermolli und GO. Křitek richteten einen sehr scharfen Appell an die kroatischen Regimenter der 36. ID., ihren bisher glänzenden Ruf nicht aufs Spiel zu setzen, und wiesen sie zum Ausharren an, da in den nächsten Tagen genügend Verstärkungen zur Stelle sein würden. Die Lage beim XIII. Korps war aber noch nicht sichergestellt, und die Haltung der Truppen ließ neue Einbrüche des Feindes befürchten; daher schien es dem Heeresgruppenkommando geboten, eine etwaige Zurücknahme des XIII. Korps hinter die Łomnica in Erwägung zu ziehen. GO. Křitek vertrat aber den Standpunkt, daß die Höhen östlich dieses Flusses festgehalten werden müßten, weil in der durch die Zurückverlegung der Front gewonnenen geringen Zeit viel zu wenig frische Truppen eingetroffen sein würden, um die Verteidigung wesentlich besser gestalten zu können.

Das Ende des Russenangriffes in Galizien (14. bis 16. Juli)

Für die Russen bedeutete der am 13. Juli bei Nowica erzielte Einbruch in die Kampflinien des k. u. k. XIII. Korps den Höhepunkt und zugleich das Ende ihrer Offensive. Zwar wiederholten sie noch am 14. ihre Vorstöße in den Ausläufern der Karpathen, auf der Höhe Lopata und bei Jasień gegen die 5. ID. und bei Łdziany gegen den linken Flügel der 42.HID.; auch im Abschnitt der 36. ID. auf den Höhen bei Nowica dauerten die Kämpfe noch mehrere Tage an. Aber alle diese vereinzelten und schwächlichen Vorstöße der Russen scheiterten schon an dem Abwehrfeuer der Verteidiger. Die 8. Russenarmee begann sichtlich zu ermatten, sie hatte in der so verheißungsvoll begonnenen Offensive fast 40.000 Streiter verloren.

Es war ein sehr gefährliches Unternehmen, das Gen. Komilow in die Wege geleitet hatte, als er von Stanislau über Kalusz vorstieß. Wegen der Mißerfolge der benachbarten 7. Armee konnte ein rasches Vordringen der 8. Armee 'eine ungünstige Lage herbeiführen. Der Höchstkommandierende, Gen. Brussilow, erkannte die Gefahr und forderte mehrmals den Oberbefehlshaber der südwestlichen Front, Gen. Gutor, und den Gen. Komilow auf, den Hauptschlag nicht in der Richtung auf Halicz und Kalusz, sondern in der Richtung auf Rohatyn zu führen. Aber Kornilow beachtete diese Warnungen nicht. In völliger Verkennung der Lage, nur nach politischen Erfolgen strebend und angespornt durch die Begeisterung, die sein Sieg bei Stanislau in ganz Rußland hervorgerufen hatte, führte er den Angriff in der Richtung auf Halicz und Kalusz weiter durch1). Indessen war bereits am 7. Juli die 11. Russenarmee nach dem letzten vergeblichen Versuche, auf Złoczów durchzubrechen, zur Verteidigung übergegangen. Der ursprünglich aufgestellte Plan fiel damit zusammen. Die 11. und die 7. Armee, denen bei der Offensive die Hauptrolle zugedacht gewesen war, hatten nur Mißerfolge zu verzeichnen gehabt, während sich die 8. Armee in ein gefährliches Abenteuer eingelassen hatte.

Freilich ließ noch Mitte Juli das Verschieben russischer Truppen nach Süden vor den rechten Flügel der Armee Bothmer das Heeresgruppenkommando Böhm-Ermolli vermuten, daß die Russen ihre anfangs verhältnismäßig schwache, anscheinend nicht auf einen operativen Durchbruch berechnete Stoßgruppe nach dem überraschenden Erfolg bei Stanislau verstärken wollten. Damit entspannte sich aber anderseits die Lage vor der k.u. k. 2. Armee, wo schon vom 10. Juli an Abwehrmaßnahmen des Feindes erkannt wurden. Vor der Südarmee wurden am 11. und 12. Juli russische Kolonnen im Marsche gegen Süden beobachtet, am 14. konnte die Verlegung des Kommandos des II. russischen Gardekorps nach Toustobady festgestellt werden. Bothmer war unter diesen Umständen in der Lage, nach und nach die ganze 75. RD. auf das südliche Dniesterufer zu ziehen, wo sie im Abschnitt an der Straße Słobódka—Wojłinów bis zum Dniester eingesetzt wurde und wiederholte Angriffsversuche der Russen von Halicz her abwies. Ihren früheren Abschnitt bei Lipica Goma übernahm am 13. Juli, wie vorgesehen (S. 260), die 53. ID., die durch die 24. RD. ersetzt wurde.

Das Heeresgruppenkommando Böhm-Ermolli ordnete am 14. Juli innerhalb der k.u.k. 3. Armee eine Umgruppierung der Streitkräfte und eine Neuordnung der Befehlsverhältnisse an, um für etwaige neue Angriffe im Raume südlich des Dniester gerüstet zu sein. Um die einheitliche Kampfführung beiderseits vom Dniester, in jenem Raume, der für den Zusammenhang mit der Südarmee von größter Bedeutung war, zu ermöglichen, wurde der von der 75. RD. übernommene Abschnitt vom Dniester bis zur Straße Słobódka—Wojniłów der Südarmee angegliedert. Die abgekämpfte 15. ID. rollte zur Heeresfront Erzherzog Joseph ab, die hiefür die 37. HID. an die Heeresfront Böhm-Ermolli abgeben sollte. An Stelle des mit seiner Division abgehenden GM. Aust übernahm der Kommandant der k.u.k. 16. ID., GM. Adalbert Kaltenborn, der bisher kein Kampfgruppenkommando geführt hatte, den Befehl über den Gefechtsabschnitt bei Kałusz. Das XXVI. Korps, dessen

x) Smilg-Benario, Von Kerenski zu Lenin, 117.

neuer Konimandant, GdI. Csanády, am 15. Juli einrückte, bestand nunmehr aus der k. u. k. 16. ID., der deutschen 16. RD. und der halben

2.    Kavalleriedivision. GdI. Litzmann übernahm die aus dem XIII. Korps und der 8. bayr. RD. zusammengesetzte Gruppe in der Mitte der

3.    Armee. Ihm wurden auch die eben über Dolina anrollenden Verstärkungen, die deutsche 20. ID. und die bayr. KD., unterstellt.

Am 15. Juli ging die deutsche 16. RD. zu Gegenstößen über und schob ihre zwischen dem Siwkabach und der Höhe Kopanka verlaufenden Linien ein Stück nach Süden vor. Auch eine bewaldete Höhe südwestlich der Kopanka wurde genommen, die aber nach hartem Ringen wieder in den Besitz des Feindes kam. Die Russen waren jedoch in einer bedenklichen Lage, da sie unter dem wachsenden Drucke der Deutschen in den hochangeschwollenen Wasserlauf der Łomnica geworfen werden konnten. Unter diesen Umständen räumten die Russen in der Nacht auf den 16. Juli die Stadt Kałusz und wichen auf Pod-michale zurück. Die Mitte der 3. Armee konnte nun ihre Kampflinien wieder in die dritte Stellung vorverlegen. Im Abschnitt der 36. ID. bei Nowica dauerten die Nahkämpfe noch einige Tage hindurch weiter an, bis auch dort das letzte Russennest gesäubert war1). Damit hatte die 8. Russenarmee alle ihre in der Schlacht bei Kalusz errungenen Vorteile wieder aufgeben müssen.

Der Höchstkommandierende Brussilow hatte inzwischen am 15.Juli dem Gen. Kornilow noch einmal den Befehl gesandt, den Hauptangriff in der Richtung auf Rohatyn zu führen2). Aber es war bereits zu spät dazu. Die erste Begeisterung war schnell verflogen und die Zersetzung der Armee, die den Glauben an den Sieg und damit den inneren Halt verloren hatte, nicht mehr aufzuhalten. Der Oberbefehlshaber der Südwestfront nahm noch eine letzte Umgruppierung vor. Der Schwerpunkt der neugeplanten Offensive sollte bei der 8. -und der 11. Armee liegen. Er stellte dem Gen. Kornilow das II. Gardekorps und das II. Kavalleriekorps zur Verfügung. Das XLV. Korps wurde bei Tarnopol und das XXV. Korps bei Rudnia als Heeresfrontreserve bereitgestellt. Doch alle Bemühungen, den neuen Angriff zur Durchführung zu bringen, scheiterten an dem Widerstand der Truppen. Größere Einheiten lehnten es ab, neue Stellungen einzunehmen. Der revolutionäre Geist konnte

2) Bei diesen Kämpfen erwarb sich Hptm. Gottlieb Vojaček des IR. 16 das Ritterkreuz des Militär-Maria Theresien-Ordens.

2) Martinów, Kornilow, 23 f. — Smilg-Benario, Von Kerenski zu Lenin. — Zajontschko wskij, Feldzug 1917, 70 f.

die Manneszucht nicht ersetzen, wenn der Führer zum Angriff rief. Die Offensive konnte nicht begonnen werden. Die k. u. k. 2. Armee hatte inzwischen zum Gegenschlag bei Zborów gerüstet. Er war wegen der ungünstigen Witterung und durch die Erfolge Komilows verzögert und gefährdet, aber vom Oberbefehlshaber Ost und vom GFM. Hinden-burg nicht aufgegeben worden. Am 17. Juli begann bereits das Einschießen der öst.-ung. und der deutschen Batterien für den Angriff im Abschnitt Złoczów.

Die schwere Krise der galizischen Front war überwunden.

Tätigkeit der Russen an den Nachbarfronten

Scheinangriffe in den Grenzbergen Ostsiebenbürgens, in den Waldkarpathen und in Wolhynien

(Ende Juni bis Mitte Juli)

Hiezu Beilagen 1 und 3

Zur Entlastung der auf Lemberg gerichteten Offensive hatte der Oberbefehlshaber der Südwestfront, GdI Gutor, im Laufe des Monats Juli auch in den Karpathen und in Wolhynien eine erhöhte Kampftätigkeit der russischen Truppen vorgesehen. Die in den Waldkarpathen stehenden Teile der 8. Russenarmee, das XI., das XXIII. und das XVIII. Korps, hatten Kornilows Angriff im Dniesterlande gegen Süden zu decken. Die Besondere Armee in Wolhynien sollte den Gegner binden und ihn verhindern, Kräfte nach Lemberg abzuziehen1).

Auch vor den Pässen Ostsiebenbürgens rührten sich die Rumänen und die Russen von Ende Juni an wieder, namentlich richtete sich ihr Geschützfeuer in den Bereczker Vorbergen auf die Verteidigungsstellungen der Gruppe Gerok, griff aber auch gelegentlich auf die Kampflinien der Gruppe Litzmann und des k. u. k. XXI. Korps auf den Oststufen des Csik- und Gyergyógebirges über. Ernstere Ereignisse kündigten sich schon anfangs Juli im Frontabschnitt der Gruppe Ruiz an. Vor dem linken Flügel der deutschen 218. ID. stellte sich am 5. Juli feindliche Infanterie zu einem Vorstoß bereit, konnte aber wegen der vernichtenden Wirkung der deutschen und öst.-ung. Batterien ihre Gräben nicht verlassen.

1J Zajontschkowskij, Feldzug 1917, 66.

In den Waldkarpathen verstärkte sich das Störungsfeuer der russischen Artillerie bei Dorna Watra, Jacobeny, Kirlibaba und auch im Ludowagebiet am Czarny Czeremosz. Anfangs Juli stieß der Feind in diesen Frontteilen und auch auf dem Jablonicapaß mit kleinen Abteilungen gegen die Stellungen der Gruppe Ivrauss, des Karpathenkorps und des k. u. k. XVII. Korps vor, wurde indes durchwegs von den Verteidigern abgewiesen. Trotz der erhöhten feindlichen Tätigkeit waren aber auf dem linken Flügel der Armee Kövess keine Anzeichen eines bevorstehenden größeren Angriffes zu erkennen. Das Artilleriefeuer der Russen wurde nicht stärker als bei den gewöhnlichen Stellungskämpfen, und es zeigte sich keine Vermehrung an schweren Kalibern. An vielen Stellen der Front verharrte die russische Infanterie in völliger Ruhe; die Propaganda von Schützengraben zu Schützengraben ging im Bereiche der Heeresfront Erzherzog Joseph noch immer weiter.

Das Heeresfrontkommando mußte allerdings mit neuen Unternehmungen der Russen in den Kampfabschnitten von Dorna Watra, Jacobeny und Kirlibaba rechnen, weil dort das XXVI. Russenkorps schon wiederholt versucht hatte, die große Querverbindung der 7. Armee im Tale der Goldenen Bistritz abzuschneiden. GO. Erzherzog Joseph suchte denn auch durch eine neue Kräftegruppierung auf dem rechten Flügel der Armee Kövess dieser Gefahr nach Möglichkeit Rechnung zu tragen.

An Reserven standen dem Heeresfrontkommandanten nur die 7. ID. zur Verfügung, die Mitte Juni an Stelle der 12. ID. vom südwestlichen Kriegsschauplatz nach Des herangeführt worden war. Sie hatte in den Kämpfen am Isonzo schwer gelitten und ihre volle Verwendungsfähigkeit anfangs Juü noch nicht ganz wiedererreicht. Es war daher geplant, die im Verbände des k. u. k. XVII. Korps in ruhiger Front stehende deutsche 117. ID. durch die 7. ID. ablösen zu lassen und an den rechten Armeeflügel zu verlegen, um die bei Jacobeny eingesetzte Kavallerie der Gruppe Krauss durch kampfkräftigere Truppen ersetzen zu können. Ferner bat Erzherzog Joseph Ende Juni die k. u. k. Heeresleitung, der

7. Armee ein Korpskommando zu überweisen, um ihm den Befehl über die 59. ID. und die 40. HID. im Kampfabschnitt von Kirlibaba zu übertragen. GdI. Arz nahm dafür das noch immer bei der Heeresgruppe Woyrsch befindliche XII. Korpskmdo., GdI. Henriquez, den GdK. Hauer oder auch das IV. Korpskmdo., FML. Hordt, in Aussicht, forderte aber am 29. Juni den Erzherzogjoseph auf, Artillerie und andere entbehrliche Kräfte an die Heeresgruppe Böhm-Ermolli abzugeben. Erzherzog Joseph war bereit, 13 schwere und 18 leichte Haubitzbatterien der Heeresgruppe Böhm-Ermolli zuzuführen, außerdem eine Infanterie- und eine Kavalleriedivision. Am 2. Juli bestimmte die k.u.k. Heeresleitung die S.bayr. RD., mit Ausnahme der bei der Gruppe Gerok stehenden Teile, zum Abtransport gegen Rohatyn (S. 271). Erzherzog Joseph gab nun entsprechend weniger Batterien an die Heeresgruppe Böhm-Ermolli ab. Als Ersatz für die Bayern mußte jetzt die 7. ID. der 1. Armee überwiesen werden. Die geplante Umgruppierung innerhalb der 7. Armee war dadurch unmöglich geworden. Nach dem Antransporte der k.u.k. 7. KD. aus Rumänien nach Siebenbürgen konnte anfangs Juli nur das nach Bereczk abgezweigte RIR. 11 der deutschen 117. ID. in den Abschnitt von Jacobeny herangezogen werden. Die aus der Front herausgelöste 8. KD. kam dafür Mitte Juli in den Raum nordöstlich von Máramaros-Sziget.

Im Bereiche der Heeresgruppe Linsingen nahm die Kampftätigkeit der Russen von Ende Juni an gegen die Wehrstellungen der k. u. k.

4. Armee und gegen den Südflügel Bernhardis von Tag zu Tag zu. Das russische Störungsfeuer richtete sich vornehmlich gegen die deutsche 108. ID. und gegen die k.u.k. 11. ID. im Abschnitt Ługa, dann gegen die ganze Front des deutschen VIII. Korps am oberen Stochod. Aber auch aus dem Abschnitt Lipa des deutschen XXII. RKorps und von den Divisionen des k. u. k. II. und des XXII. Korps am mittleren Stochod wurde feindliches Artilleriefeuer gemeldet. Die Russen verschossen bei Kisielin und bei Bol. Porsk viel Gasmunition, außerdem war ihre Fliegertätigkeit sehr rege. Die öst.-ung. und die deutschen Batterien und Flugzeuggeschwader wirkten heftig dagegen. Anfangs Juli schien es im Abschnitt Kowel zu einem ernsteren Unternehmen der Russen zu kommen. In der Nacht auf den 3. sammelte sich die russische Infanterie westlich des Stochod vor den Vorpostenstellungen der deutschen 107. ID. und der k. u. k. 4. ID. zum Angriff, vermochte aber im Sperrfeuer unserer Artillerie nicht vorzubrechen. Von Mitte Juli an flaute die Gefechtstätigkeit der Russen an der wolhynischen Front, abgesehen von vereinzelten Kanonaden und kleinen Patrouillenstreifen, wieder ab und hörte schließlich ganz auf. Die in Władimir-Wolyński gesammelte deutsche 92. ID. rollte inzwischen mit der Bahn nach Złoczów; auch wurde die deutsche 22. ID. aus dem Abschnitt Buzany herausgelöst, um ebenfalls in den Abschnitt Złoczów abzurücken. Damit war die Absicht der Russen gescheitert, dem Gegner einen beginnenden Angriff auf Władimir-Wołyński und auf Kowel vorzutäuschen und seine Kräfte in Stellungskämpfen zu binden.

Der Mißerfolg der R u s s e n o f f e n s i v e auf Wilna

Nördlich vom Pripiatj hatten Kerenski und Brussilow die für anfangs Juli geplante Offensive über Wilna auf Kowno (S. 222) erst zu entfesseln vermocht, als der große Angriff auf Lemberg bereits zusammengebrochen war. Der neue Oberbefehlshaber der Westfront, Gen. Denikin, hatte sich entschlossen, mit dem rechten Flügel der 10. Armee aus dem Raume von Molodieczno über Smorgon vorzustoßen. Die nördlich davon befindliche 3. Armee sollte diesen Angriff unterstützen, die

2. Armee nach Maßgabe des Vormarsches der 10. Armee in der Richtung auf Slonim vorgehen. Als Reserven für den Schlag über Smorgon wurden zwei Korps, das X. und das XX., im Raume von Molodieczno versammelt. Zugleich mit dem Angriffe Denikins hatte auch der neue Oberbefehlshaber der Nordfront, Gen. Klembowski, mit dem linken Flügel seiner 5. Armee die Offensive über Dünaburg in der Richtung auf Wilna zu eröffnen, während der rechte Flügel dieser Armee aus dem Brückenkopf von Jakobstadt heraus einen Hilfsangriff führen sollte. Der demoralisierten 12. Armee an der Rigaer Front konnte nur die Aufgabe zugedacht werden, den Gegner durch Störungsfeuer der Artillerie zu beunruhigen und seine Kräfte zu binden1).

Der in Verbindung mit der Offensive in Ostgalizien beabsichtigte Angriff gegen die deutschen Wehrstell'ingen nördlich vom Pripiatj mußte aber, weil die Truppen nicht angreifen wollten, hinausgeschoben werden (S. 224). An der Nordfront befand sich die 12. Armee in einem Zustand der Auflösung. Auch die Divisionen der 5. Armee waren nicht in der Verfassung, einen wuchtigen Schlag zu führen. An der Westfront gelang es wohl durch außerordentliche Anstrengungen der Kommandostäbe, die 10. Armee schließlich in die Ausgangsstellung für den Angriff zu bringen; jedoch in welcher moralischen Verfassung waren ihre Truppen! Ein großer Teil weigerte sich von Haus aus, in den Kampf zu ziehen. Eines der drei Korps dieser Armee, die den entscheidenden Schlag zu führen hatten, marschierte auf, das zweite zögerte durch zwei bis drei Wochen, und das dritte Korps war überhaupt nicht dazu zu bewegen, in die Ausgangsstellung zu gehen2).

Nach vielfachen Verzögerungen hatte der Höchtkommandierende die Offensive für die Nordfront auf den 22. und für die Westfront

*) Zajontschko wskij, Feldzug 1917, 76.

2) Spannocchi, 122.

auf den 19. Juli festgesetzt. Am letztgenannten Tage begann das Zerstörungsfeuer der russischen Artillerie zwischen der Bieriezina und der Wilija gegen den linken Flügel der deutschen Armeeabteilung Scheffer-Boyadel und den rechten Flügel der deutschen 10. Armee. Nach mächtigem Trommelfeuer schritten am 21. Juli südlich von Smorgon acht Divisionen der 10. Russenarmee zum Angriff. Der Hauptstoß erfolgte bei Kriewo gegen die beiden südlichen Divisionsabschnitte der deutschen 10. Armee. In einer Breite von 5 km und einer Tiefe von 2 km vermochten die Russen am 22. in die dünnen Linien einer Landwehrdivision einzudringen. Die Lage war ernst, doch gelang es den Deutschen, die Artillerie um den Einbruchsraum zusammenzuziehen und die Russen zur Preisgabe des eroberten Bodens zu zwingen.

Im Abschnitt der Armeeabteilung D brachen am 23. Juli nach fast dreitägiger Artillerieschlacht beiderseits der Bahnlinie Dünaburg—Wilna sechs Divisionen der 5. Russenarmee tief gegliedert gegen die deutschen Stellungen vor. Bis auf einzelne kleine Einbruchsstellen, die in den nächsten Tagen durch die Stellungstruppen gesäubert wurden, blieb die gesamte Front unversehrt. Ein schwächlicher russischer Vorstoß, der sich am 22. und am 23. Juli südwestlich von Jakobstadt gegen die Mitte der deutschen 8. Armee richtete, wurde glatt abgewiesen.

Die Stimmung der russischen Angriffstruppen war durch diese verlustreichen und ergebnislosen Kämpfe tief erschüttert. Überall machten sich bei der 10. und der 5. Armee Widersetzlichkeit, Meutereien und revolutionäre Kundgebungen bemerkbar. So mußte denn der Höchstkommandierende schon am 23. Juli den Oberbefehlshabern der beiden Heeresfronten nördlich vom Pripiatj den Befehl erteilen, von jedem weiteren Angriff abzusehen. Im Bereiche der deutschen 10. Armee und auch der Armeeabteilung D konnte in den nächsten Tagen aus Gefangenenaussagen und aus den Meldungen der Flieger festgestellt werden, daß die Russen einen Teil ihrer Argriffstruppen aus der Front herauszogen und anscheinend nach Süden als Verstärkung für ihre mittlerweile in Ostgalizien zertrümmerte und in Auflösung begriffene Front abbeförderten28).

DIE RÜCKEROBERUNG VON OSTGALIZIEN

Die Durchbruchsschlacht bei Zborów

Operationsplan und Angriffs Vorbereitungen Hiezu Beilage 16

Ende Juni, als schon im Winkel zwischen dem Sereth und demDniester Schlachtengewitter heraufzogen, hatte sich die DOHL. entschlossen, den seit langem vom Oberbefehlshaber Ost ins Auge gefaßten Plan eines Durchbruches der russischen Front in der Richtung Złoczów—Tarnopol auszuführen (S. 243). Der Gegenschlag sollte das von Kerenski zu neuer Offensive gegen die friedensbereiten Mittelmächte aufgerufene russische Revolutionsheer, wenn es irgendwie ging, endgültig aus dem Felde schlagen und so den Mittelmächten nach Osten hin freie Hand schaffen. Die k.u.k. Heeresleitung, von diesem Vorhaben des deutschen Bundesgenossen unterrichtet, konnte eine Offensive, die Ostgalizien und die Bukowina befreite, nur freudig begrüßen.

Am 27. Juni traf beim Oberbefehlshaber Ost, GFM. Prinz Leopold von Bayern, der Befehl des Deutschen Kaisers ein: daß, „falls die Russen bei der Heeresgruppe Böhm-Ermolli angreifen würden, diese Gruppe zum Angriff über den Nordteil der Gruppe Złoczów auf Tarnopol vorzugehen habe, um die Russen zu schlagen und etwa die Linie Czernowitz—Tarnopol zu erreichen“. Hindenburg und Ludendorff stellten dem Oberbefehlshaber Ost für diesen Angriff ein Generalkommando und sechs Divisionen aus dem Westen in Aussicht. Andere Kräfte, darunter ein zweites Generalkommando, starke Kavallerie und auch schwere Artillerie rollten bereits von den nördlichen Armeen des Prinzen Leopold von Bayern in der Richtung gegen Lemberg heran, oder sollten dorthin noch gefahren werden.

Noch am 29. Juni ließ der Oberbefehlshaber Ost an den GO. Böhm-Ermolli die Mitteilung ergehen, daß man plane, den bevorstehenden russischen Angriff im Abschnitt Złoczów durch eine Gegenoffensive zu beantworten. Hiezu sollten sieben bis acht frische deutsche Divisionen, einschließlich der schon anrollenden 237. ID., eine Kavalleriedivision, dann die schon bei der 2. Armee befindliche Leibhusarenbrigade, und 30 schwere Batterien (S. 240) eingesetzt werden. Den Hauptangriff wolle man aus dem Abschnitt der k.u.k. 33. ID. mit dem linken Flügel den Sereth entlang, einen Nebenangriff über die Höhen knapp nördlich von Zborów führen. Nach Maßgabe des Fortschreitens der Kriegshandlung sollten sich auch die weiter südlich stehenden Teile der Heeresgruppe an der Offensive beteiligen. Die deutschen Verstärkungen sollten jedoch erst beigestellt werden, wenn die Heeresgruppe tatsächlich angegriffen wurde.

Als am 30. Juni über den russischen Angriff kein Zweifel mehr bestehen konnte, ließ GFM. Hindenburg unverzüglich die Truppenverschiebungen beginnen. Aus dem Westen rollten das Generalkmdo. des XXIII. RKorps, die 1. und die 2. GID., die 5. und die 6. ID. sowie die 16. RD., aus Litauen das Generalkmdo. LI gegen Lemberg heran. Weitere Kräfte sollten folgen, und zwar die 20. ID. aus dem Westen, die 232. ID. aus Litauen und die bayr. KD., • verstärkt durch eine komb. KavBrig. und zwei Jägerbataillone, aus Wolhynien. Die Heeresfront Erzherzog Joseph stellte 22 Batterien, darunter 13 schwere, zur Verfügung und machte überdies in den ersten Julitagen auf Befehl der k. u. k. Heeresleitung die 8. bayr. RD. für den Angriff frei. Mehr zu geben, schien der Heeresleitung zur Zeit nicht möglich, da alle verfügbaren Heeresreserven zur Abwehr eines neuen Ansturmes der Italiener am Isonzo bereitgehalten werden mußten.

Noch in den letzten Junitagen hatten der Oberbefehlshaber Ost und das Heeresgruppenkommando Böhm-Ermolli mit den Angriffsvorbereitungen begonnen, mit deren Durchführung der Kommandant des Abschnittes Złoczów, GdI. Winckler, beauftragt wurde. Die artilleristischen Vorbereitungen und das Heranführen der Truppen mußten etwa 14 Tage in Anspruch nehmen und konnten daher nicht vor Mitte Juli beendet sein. Schon am l.Juli setzte aber die im vorigen Kapitel geschilderte russische Offensive ein. Dii Erfolge des Feindes gegen den Südflügel der 2. Armee zwangen den Oberbefehlshaber Ost, die für den Gegenangriff bestimmte 237. ID. dem Abschnitt Złoczów zu überweisen und das gerade eingetroffene Generalkmdo. LI an Stelle des k.u.k. IX. Korpskmdos. in die Front zu stellen (S. 251). Als der Einbruch der Russen bei Zborów durch deutsche Truppen aufgefangen war, aber die starken feindlichen Angriffe gegen die Südarmee noch weiter gingen, erteilte der Oberbefehlshaber Ost am 3. Juli dem GO. Böhm-Ermolli die Weisung, daß die Gegenoffensive zu beginnen habe, sobald die für den ersten Stoß erforderlichen Kräfte eingetroffen seien. Es sollte nicht auf den Aufmarsch der zuletzt anrollenden Kräfte — die 20. und die 92. ID. sowie die an Stelle der 232. ID. verfügbar gemachte 42. ID. — gewartet werden. GFM. Prinz Leopold von Bayern bestimmte den 12. Juli für den Beginn des Gegenschlages bei Zborów. Demgegenüber hielt es GO. Böhm-Ermolli für ratsam, die Offensive erst mit völlig versammelten Kräften zu beginnen, zumal der Aufmarsch der Artillerie am 12. Juli noch nicht beendet und die schwere Artilleriemunition bis dahin noch nicht herangeschafft sein konnte. Diesen berechtigten Bedenken vermochte sich der Oberbefehlshaber Ost nicht zu verschließen und er setzte nun den 14. Juli für den Beginn des Angriffes fest.

Eifrig rüstete die Führung zur Gegenoffensive. Da drohten in der zweiten Juliwoche die schwerwiegenden Ereignisse bei der k.u.k. 3. Armee die Pläne des Oberbefehlshabers Ost zunichte zu machen. Gelang es nicht, den Angriff der Russen südlich vom Dniester zum Stehen zu bringen, und ging der Rückzug der 3. Armee über die Łomnica weiter, so waren Stryj, der Hauptetappenort der Südarmee, und die für die Kriegsführung wichtigen Ölquellen von Drohobycz bedroht. In dieser Gefahr mußten die 8. bayr. RD. und di^ bayr. KD. sowie zwei von den sechs Divisionen (16. RD. und 20. ID.), die Ludendorff aus der schwerringenden Westfront gelöst hatte, um im Osten zur Offensive übergehen zu können, nach Süden abgedreht werden. Überaus schwer fiel es dem GFM. Prinzen Leopold von Bayern, die bayr. KD. zum Stützen der Front der k.u.k. 3.Armee verwenden zu müssen. Er hatte diese mit besonderer Liebe ausgerüstete und durqh eine komb. KavBrig. sowie durch zwei Jägerbataillone verstärkte Division mit der Leibhusaren-brigade zu einem Kavalleriekorps vereinigen wollen, um es nach dem Durchbruche der feindlichen Front bei Zborów über den Sereth werfen und östlich des Flusses zu überholender Verfolgung nach Süden Vorgehen zu lassen. Nun stand er vor der Frage, ob man den Angriff bei Złoczów überhaupt werde durchführen können. Falls es nicht gelang, die 3. Armee durch die deutschen Verstärkungen zu stützen, dann mußte man vielleicht mit den bis zum 15. Juli in der Gegend von Złoczów versammelten Truppen hinter der Front der Südarmee nach Süden abmarschieren, um die über Kalusz vordringenden Russen in der Flanke anzufallen (S. 276).

Trotz der schweren Krise, von der die k.u.k. 3. Armee heimgesucht wurde, hielt der Oberbefehlshaber Ost an seinem ursprünglichen Plane fest, den Sereth entlang in die Flanke des südlich dieses Flusses stehenden Teiles des russischen Heeres vorzustoßen. Schon am 3. Juli hatte er als Ersatz für das bei Zborów eingesetzte Generalkmdo. LI das Generalkmdo. des Beskidenkorps bestimmt. Während der schweren

Kümpfe der 3. Armee Ließ er an Stelle der nach Süden abgelenkten l(i. RD. die 42. ID. beschleunigt abbefördern und ordnete schließlich auch noch den Abmarsch der 22. ID. von der Lipa nach Złoczów an. Allerdings mußte der Angriffsbeginn auf den 16. Juli verschoben werden, da die ersten Staffeln der 42. ID. frühestens vom 14. an in Lemberg eintreffen konnten.

Am 14. Juli begab sich GFM. Prinz Leopold mit seinem engsten Stabe aus dem Hauptquartier Brest-Litowsk nach Złoczów, um den kommenden Ereignissen näher zu sein. Eine Wendung der Lage kündigte sich inzwischen an. Am Dniester begann der Angriff der Armee Kornilow zu ermatten. Bei Brzeżany hatten die starken feindlichen Angriffe aufgehört. Die Russen zogen vor der Mitte der Armee Bothmer Kräfte aus der Front, offenbar, um sie Kornilow zuzuführen. Auch vor dem Abschnitt Złoczów nahmen sie nach dem vergeblichen Ansturm am 6. Juli Umgruppierungen vor. Auf dem Südflügel ihrer 11. Armee wurden anscheinend das V. Korps mit drei Divisionen und das 1. Gardekorps in die Front geschoben, hingegen das XLIX. Korps mit seinen drei ausgebluteten finnländisehen Divisionen, ferner die 82. ID. und die tschechoslowakische SchBrig. in Reserve gestellt. Vor der k.u.k. 33. ID., also an der gewählten Haupteinbruchsstelle, traten Mitte Juli an Stelle der 22. sib. SchD. frische Streiter, Truppen des aus Wolhynien herangeführten XXV. Korps, in die Front. Das von der rumänischen Front herangezogene XLV. Korps gelangte nach Trembowla. Anscheinend trafen die Russen bei Złoczów bereits Abwehrmaßnahmen, vielleicht erwarteten sie einen deutschen Schlag bei Kałusz oder verlegten das Schwergewicht ihrer Kräfte auf das nördliche Dniesterufer zur Wiederaufnahme der Offensive. Diese Lage forderte die eheste Durchführung des Gegenangriffes, um den Feind noch im Augenblick der größten Schwäche, nach abgeschlagenem Angriff, zu treffen. Da trat ein neues Erschwernis hinzu. Die seit dem 12. Juli niederströmenden schweren Regengüsse durchweichten alle Straßen und Wege, ließen die Gewässer steigen, überschwemmten die Niederungen des Sereth und der Strypa und machten einen neuerlichen Aufschub der Kriegshandlung unvermeidlich. Als am 16. Juli wieder trockenes Wetter eintrat, wurde der 19. endgültig für den Beginn des Gegenschlages festgesetzt.

Für den Hauptangriff marschierte hinter der k.u.k. 33. ID. im Abschnitt zwischen Harbuzów und Zwyżyn das XXIII. RKorps unter GdI. v. Kathen mit drei Divisionen (1. und 2. GID., 6. ID.) auf. Dahinter standen die 5. und die 22. ID. der Deutschen unter dem Generalkmdo. LI, württ. GLt. v. Berrer, bereit. Ihre Aufgabe war es, dem rechten Angriffsflügel zu folgen, um nach Südosten und nach Süden einzuschwenken und die russische Stellung aufzurollen. Die k.u.k. 33. ID. hatte sich nach gelungenem Angriff hinter dem linken Flügel zu sammeln und am Sereth die Sicherung gegen Norden zu übernehmen. Für einen Nebenangriff, der südlich der Haupteinbruchsstelle zu führen war, wurde aus der 197., GLt. Wilhelmi, und der 237. ID., aus zwei Regimentern der k. u. k. 32. ID. und einem Regiment der k. u. k. 19. ID. die Gruppe Wilhelmi gebildet. Ihre Aufgabe war zunächst nur die Wegnahme der Höhen nördlich von Zborów. Südlich davon hatte das Generalkommando des Beskidenkorps an Stelle des Generalkommandos LI den Befehl über die 96. und die 223. ID. übernommen. Als Reserve des Oberbefehlshabers Ost wurden bei Złoczów die 42. und die 92. ID. der Deutschen sowie die verstärkte Leibhusarenbrigade gesammelt. Insgesamt waren für den Hauptangriff sieben deutsche und eine öst.-ung. Infanteriedivision sowie eine Kavalleriebrigade, für den Nebenangriff l2/3 deutsche Infanteriedivisionen und drei k. u. k. Infanterieregimenter aufgeboten.

Die k. u. k. Heeresleitung sah nicht ohne Bedauern, daß bei dem bevorstehenden großen Offensivunternehmen, durch das nicht nur die Scharte von Zborów ausgewetzt, sondern auch Ostgalizien befreit werden sollte, so wenig öst.-ung. Truppen an entscheidender Stelle eingesetzt waren. Unter Hinweis auf die vor den Heeresgruppen Linsingen und Mackensen vorgenommenen Kräfteverminderungen der Russen bemühte sich Gdl.Arz am 7. und 8. Juli, bei der DOtłL. die Beiziehung weiterer k. u. k. Truppen zum Angriff zu erreichen. Da der Oberbefehlshaber Ost aber eben die deutsche 22. ID. aus der Front Linsingens gezogen hatte und die Lage in Rumänien nicht geklärt war, ging man deutscherseits auf diese gewiß berechtigten Wünsche nicht weiter ein.

Das nächste Ziel für den Hauptangriff bei Złoczów waren Zalośce und die Höhen nördlich von Zborów. Die russischen Stellungen sollten in erster Linie durch Minenwerfer sturmreif gemacht werden. Der Artillerie war die Niederhaltung der feindlichen Artillerie und die Bekämpfung der hinteren russischen Linien zugedacht. Es war die Absicht, im Verlaufe der Operationen den Nachdruck immer mehr auf den linken Flügel zu legen, diesen längs der gegen Nordosten sichernden Seenlinie des Sereth zu führen und dann den in ihrem Angriff gescheiterten russischen Armeen die rechte Flanke abzugewinnen. Die

Südarmee sollte durch Drohung mit einem Angriff den Feind über die Angriffsrichtung täuschen und seine Kräfte binden ,).

Einsturz der Russenfront zwischen Sereth und S t r y p a

(19. bis 21. Juli)

Hiezu Beilage 16

Als die deutschen Angriffsdivisionen hinter den Stellungstruppen des Abschnittes Złoczów zum Gegenschlag aufmarschierten, nahm der Oberbefehlshaber der russischen Südwestfront, GdI. Gutor, seine letzte Umgruppierung vor (S. 281). Er verstärkte die Armee Kornilow durch das II. Gardekorps und das II. Kavalleriekorps zu einem neuen Angriff, der beiderseits vom Dniester auf Rohatyn und Żydaczów geführt werden sollte. Die 7. Russenarmee hatte bei Brzeżany den Gegner mit Artillerie kräftig zu bekämpfen und seine Kräfte zu binden. Die 11. Armee sollte den Stoß auf Złoczów erneuern und den Abschnitt an der Złota Lipa gewinnen. Als Verstärkung wurde der 11. Armee das XXV. Korps zugeführt und überdies das XLV. Korps als Heeresfrontreserve bei Trembowla versammelt. Die neugeplante Offensive bei der 8. und 11. Armee sollte am 13. Juli beginnen29). Allein alle Bemühungen der russischen Heeresleitung scheiterten an dem Widerstand der Truppen, die es ablehnten, noch einmal anzugreifen (S. 281). Inzwischen kam der

19. Juli heran.

Um diese Zeit hatte die von der Polanka bis in die Gegend nördlich von Kozowa reichende 11. Russenarmee (I. turk. Korps, VII. Kavalleriekorps, XXXII., V. sib., XVII.,XLIX., V. Korps, I. GKorps, VI., XXV. Korps, 11. kauk. KosD., 1. TransbaikalKosD.) auf ihrem linken Flügel fünf Korps in der Front und zwei in Reserve stqhen. Die 7. Russenarmee bestand jetzt nur mehr aus vier Korps (XLI., VII. sib., XXXIV. und finn. XXII.) und aus der 3. Orenburger Kosakendivision.

Als die Batterien der deutschen Südarmee am 17. Juli die russische Artillerie und die feindlichen Infanteriestellungen zwischen Lipnica Dolna und Koniuchy kräftig zu beschießen begannen, und am 19. Stoßtrupps der k. u. k. 54. ID. in das Dorf Byszki eindrangen, erblickten die Russen darin offenbar die Anzeichen eines bevorstehenden Angriffes gegen ihre 7. Armee. Die Gegenwirkung der russischen Artillerie wurde erheblich gesteigert. Mehrfach wurde beobachtet, daß der Russe seine Stellungen stark besetzte und Verstärkungen heranzog, die dann, von unserer Artillerie gepackt, sichtbar Verluste erlitten. Der beabsichtigte Zweck, den Feind über die Angriffsrichtung zu täuschen und seine Kräfte zu binden, schien somit vollkommen erreicht zu sein.

Am 19. Juli um 3h früh eröffneten 600 Geschütze sowie 180 schwere und mittlere Minenwerfer zwischen Zborów und Zwyżyn eine überwältigende Kanonade, die zunächst als Gasschießen, dann als Zerstörungsfeuer sieben Stunden lang gegen die russischen Batterien und Infanteriestellungen wütete. Um 10h vorm. brachen die vier Divisionen des GdI. Kathen (deutsche 6. ID., 1. und 2. GID., k.u.k. 33. ID.) zwischen Perepelniki und Zwyżyn zum Angriff vor und durchstießen in einem Zuge sämtliche vor ihnen liegende russischen Kampflinien. Schon nach wenigen Minuten war die erste russische Stellung durchbrochen und gegen Mittag auch die zweite Stellung überschritten. Wohl schlug dem Angreifer anfangs noch schwaches Artilleriefeuer und auch Gewehrfeuer entgegen, aber bald stellten die russischen Batterien ihr Feuer ein und traten den Rückzug an. Die deutsche 6. ID. überschritt schon um 10h 20 vorm. den Sereth, nahm Harbuzów und drang dann bis gegen Trościaniec vor. Die l.GID. erreichte den Wald von Brodki. Die Truppen des XXV. Russenkorps flüchteten, von dem Rückzug eines meuternden Regiments der 6. GrenD. mitgerissen, in der Richtung auf Zalośce zurück1).

Nur in Zwyżyn hielten Gruppen der 6. sib. SchD. noch hartnäckig stand, aber von Süden und Südosten her drang das linke Flügelreg^-ment der 2. GID., Kaiser Franz2), von Norden das k.u.k. IR. 19 der 33. ID. mit Bajonett und Handgranaten in den Ort ein. Die 2. GID. erreichte fechtend den Sereth und erstürmte noch am Nachmittag Ra-tyszcze. Rechts von dem deutschen XXIII. RKorps drang inzwischen das Korps des GLt. Berrer (5. und 22. ID.), allerdings durch Stauungen und Kreuzungen mit den hinteren Teilen der 6. ID. in der stark versumpften Serethniederung aufgehalten, mit der 5. ID. in südöstlicher Richtung gegen den Ort Olejów vor. Der Feind, dessen Aufmerksamkeit

1)    Knox, II, 653 ff.

2)    Rieben, Kaiser-Franz-Garde-Grenadier-Regiment (Oldenburg-Berlin 1929 , 384 ff.

offenbar durch das starke Artilleriefcuer und durch die Stoßtruppenunternehmen bei der Südarmee abgelenkt worden war, wurde völlig überrascht und zog sich auch vor diesem Korps eilig zurück. Zwei deutsche Regimenter der Gruppe GLt. Wilhelmi waren schon eine Stunde vor dem Angriff der Korps Kathen und Berrer zum Sturme angetreten und hatten dem XVII. Russenkorps die Höhen bei Zborów entrissen. Um diesen Angriff zu unterstützen und den Feind zu täuschen, waren auch Stoßtrupps der 223. ID. vorgegangen. Sie drangen in Koniuchy ein und zogen starke russische Reserven auf sich, vor deren Gegenangriffen das Dorf wieder geräumt wurde.

Wider Erwarten schnell hatten die Angriffsgruppen des Abschnittes Złoczów ihr Tagesziel erreicht. Schon ihrem ersten Ansturm war der Feind erlegen und fluchtartig unter dem vernichtenden Feuer der Angriffsartillerie zurückgegangen. Er schien auch schon vor der rechts und links anschließenden 197. ID. und vor der 12. LD. seine Front abzubauen. Gegen den Nordflügel des XXIII. RKorps herangeführte russische Verstärkungen hatten nicht eingegriffen.